Ein schneller Renner muß einen schmalen Kopf haben, um die Luft schnell

zu durcheilen. Das Rind ist kein schneller Renner, wohl aber das Pferd.

Vorteilhaft ist es auch, wenn ein Renner kleine Ohren hat, wie z. B.

der Windhund sie besitzt. Aus dem gleichen Grunde trägt das Pferd

kleine Ohren.

Wir sehen ferner, daß beide Tierarten ihre Nahrung vom Erdboden

aufnehmen. Da Pferde und Rinder eine ziemliche Größe besitzen, so ist

das nicht so einfach zu bewerkstelligen. Das Pferd mußte zu diesem

Zwecke einen langen Hals und einen langgestreckten Kopf erhalten.

Auch das Rind hat zu diesem Zwecke einen langen Kopf. Sein Hals

brauchte nicht so lang wie beim Pferd auszufallen, da es etwas anders

gebaut ist.

Die Kuh muß einen gespaltenen Huf haben, weil das Rind seine

eigentliche Heimat in feuchten Wäldern hat. Durch sein Gewicht sinkt

es etwas in den Boden ein und braucht schon aus diesem Grunde nicht

einen so langen Hals wie das Pferd. Denn dieses lebt auf der trockenen

Steppe, wo es niemals einsinkt.

Unsere Rinder gehen heute noch mit großem Vergnügen in den Wald. Das

ist ein Beweis, daß sie hier ihre eigentliche Heimat finden. Jeder

Zweifel wird dadurch ausgeschlossen, daß verwilderte Rinder stets nach

Wäldern flüchten und sich dort aufhalten. Kein Haustier verwildert

vielleicht so rasch wie das Rind. Es kommt immer wieder vor, daß sich

Rinder bei der Beförderung losreißen und die Freiheit erringen, ehe sie

wieder ergriffen wurden.

Verwilderte Rinder führen ganz das Leben wie unsere Hirsche. Sie

bleiben am Tage im Dickicht des Waldes verborgen und treten mit

Einbruch der Dämmerung aus, um sich ihre Nahrung zu suchen.

Weil das Rind auf dem schwankenden Boden des Sumpfes heimisch ist,

deshalb steht es gewöhnlich kuhhessig, d. h. seine Sprunggelenke an

den Hinterfüßen sind auffallend genähert. Wir wissen, daß das Rind im

Gegensatz zum Pferde ein wehrhafter Pflanzenfresser ist. Um dem Gegner

auf dem schwankenden Sumpfboden besser standzuhalten, ist bei dem Rinde

die Standfläche etwas vergrößert. Genau aus dem gleichen Grunde stellen

Leute, die schwere Lasten zu schieben haben wie z. B. die Bäcker, ihre

Beine auseinander. Das Rind hat von Natur Kuhhessigkeit, der Mensch nur

ausnahmsweise Bäckerbeine.

Bei dem Pferde, das sich in der Regel nicht verteidigt und auf dem

harten Boden der Steppe steht, ist Kuhhessigkeit nicht erforderlich und

deshalb ein Fehler.

Den langen Kopf brauchen Pferde und Rinder nicht nur deswegen, weil sie

ihre Nahrung vom Boden aufnehmen, sondern weil alle Tiere mit feiner

Nase, also alle Nasentiere, den Boden erreichen müssen. Denn der größte

Vorzug eines Nasentieres ist es, niemals seine Kameraden verlieren zu

können. Es braucht nur seine Nase auf die Erde zu setzen und ihnen

zu folgen. Augentiere können sich dagegen leicht verlieren. Menschen

geraten in die größte Bedrängnis, wenn sie in der Wildnis von ihren

Kameraden im Stich gelassen sind.

Je wichtiger ein Sinn ist, desto mehr wird er behütet, je unwichtiger

er ist, desto leichter geht er verloren. Weil bei Pferden und Rindern

der Geruch der feinste Sinn ist, deshalb wird es schwerlich ein

riechunfähiges Pferd oder Rind geben. Dagegen ist Blindheit nicht

selten, und namentlich ist Blindheit auf einem Auge ungemein häufig.

Dem Menschen ist das schon längst aufgefallen, und es ist daraus die

Redensart entstanden: Auf einem Auge war die Kuh blind.

Weil der Geruch bei Pferden und Rindern sehr fein ist, deshalb ist ihre

Nase sehr empfindlich. In der Praxis hat man diese Eigentümlichkeit zu

folgenden Zwecken ausgenützt. Um Pferde zu operieren, wendet man die

Nasenbremse an, welche die Nüstern zusammenquetscht. Dadurch werden so

wahnsinnige Schmerzen erregt, daß die Pferde gegen andere Schmerzen

unempfindlich sind. Um den Stier zu lenken, zieht man ihm einen Ring

durch die Nase. Das Ziehen am Ringe hat wegen der Empfindlichkeit der

Nase große Wirkung.

91. Geschichten vom Rind.

Bei dem schon erwähnten Schweizer Naturforscher finden wir eine

prächtige Schilderung des Rindviehs seiner Heimat. Folgende Stellen

davon sollen hier ihren Platz finden:

Den Rindviehherden auf den Alpen fehlt mitunter jede Stallung. Die

Kühe treiben sich in den Revieren ihrer Alp umher und weiden das kurze

würzige Gras ab, das weder hoch noch reichlich wächst. Fällt im Früh-

oder Spätjahr plötzlich Schnee, so sammeln sich die brüllenden Herden

vor den Hütten, wo sie kaum Obdach finden, wo ihnen der Senne oft nicht

einmal eine Hand voll Heu zu bieten hat. Hochträchtige Kühe müssen oft

weit entfernt von menschlichem Beistand kalben und bringen am Abend dem

erstaunten Sennen ein volles Euter und ein munteres Kalb vor die Hütte;

nicht selten aber gehts auch schlimmer ab. In einigen Kantonen hat man

in neuester Zeit endlich die Erbauung ordentlicher Ställe durchgesetzt.

Das Leben der »schönen, breitgestirnten, blanken Rinder« auf den

»freien Höhen« darf man sich nicht allzu rosig denken.

Und doch ist auch dem schlechtgeschützten Vieh die schöne, ruhige

Zeit des Alpenaufenthaltes überaus lieb. Man bringe nur jene große

Vorschelle, welche bei der Fahrt auf die Alp und bei der Rückkehr ihre

weithin tönende Stimme erschallen läßt, im Frühling unter die Viehherde

im Tal, so erregt dies gleich die allgemeine Aufmerksamkeit. Die Kühe

sammeln sich brüllend in freudigen Sprüngen und meinen, das Zeichen

der Alpfahrt zu vernehmen. Und wenn diese wirklich begonnen wird, wenn

die schönste Kuh mit der größten Glocke am bunten Band behangen und

wohl mit einem Strauße zwischen den Hörnern geschmückt wird, wenn das

Saumroß mit dem Käsekessel und Vorräten bepackt ist, die Melkstühle

den Rindern zwischen den Hörnern sitzen, die saubern Sennen ihre

Alpenlieder anstimmen und der jauchzende Jodel durchs Tal schallt,

dann soll man den trefflichen Humor beobachten, in dem die gut-, oft

übermütigen Tiere sich in den Zug reihen und brüllend den Bergen

zumarschieren. Im Tal zurückgehaltene Kühe folgen oft unversehens

auf eigene Faust den Gefährten auf entfernte Alpen. Freilich ist es

bei schönem Wetter auch für eine Kuh gar herrlich hoch im Gebirge.

Das Frauenmäntelchen, Mutterkraut, der Alpenwegerich bieten dem

schnobernden Tiere die trefflichste und würzigste Nahrung. Die Sonne

brennt nicht so heiß wie im Tale. Die lästigen Bremsen quälen das Rind

während des Mittagschläfchens nicht und leidet es vielleicht noch von

dem Ungeziefer, so sind die zwischen den Tieren ruhig herumlaufenden

Stare und gelben Bachstelzen stets bereit, ihnen die erforderlichen

Liebesdienste zu erweisen. Die gute, freie Luft schmeckt ihm auch

besser als der stinkende Qualm der dumpfigen Ställe, und die stete

Bewegung, die natürliche Diät, nach der es frißt, wenn es eben Lust

hat und was ihm zusagt, der beliebige Verkehr mit den gehörnten

Kolleginnen, alles dies trägt dazu bei, das Vieh munter, frisch und

gesund zu erhalten, wie es denn überhaupt Tatsache ist, daß die in

mancher Hinsicht so vorteilhafte Stallfütterung den Grund von einer

Menge Krankheiten bildet, denen das Alpenvieh nicht anheimfällt. Ebenso

geht bei diesem der Prozeß der Fortpflanzung viel regelmäßiger und

naturgetreuer vor sich als bei jenem.

Man meint nicht mit Unrecht, das Vieh des Hochgebirges sei klüger

und munterer als das des Tales. Das naturgemäße Leben bildet den

natürlichen Instinkt besser aus. Das Tier, das fast ganz für sich

sorgen muß, ist aufmerksamer, sorgfältiger, hat mehr Gedächtnis als das

stets verpflegte. Die Alpkuh weiß jede Staude, jede Pfütze, kennt genau

die besseren Grasplätze, weiß die Zeit des Melkens, kennt von fern die

Lockstimme des Hüters und naht ihm zutraulich; sie weiß, wann sie Salz

bekommt, wann sie zur Hütte und zur Tränke muß. Sie spürt das Nahen des

Unwetters, unterscheidet genau die Pflanzen, die ihr nicht zusagen,

bewacht und beschützt ihr Junges und meidet achtsam gefährliche

Stellen. Letzteres aber geht bei aller Vorsicht doch nicht immer gut ab.

Sehr ausgebildet ist namentlich bei dem schweizerischen Alpenrindvieh

jener Ehrgeiz, der das Recht des Stärkeren mit unerbittlicher Strenge

handhabt und danach eine Rangordnung aufstellt, der sich alle fügen.

Die »*Heerkuh*«, welche die große Schelle trägt, ist nicht nur die

schönste, sondern auch die stärkste der Herde und nimmt bei jedem

Umzug unfehlbar den ersten Platz ein, indem keine andere Kuh es wagt,

ihr voranzugehen. Ihr folgen die stärksten »Häupter«, gleichsam die

Standespersonen der Herde. Wird ein neues Stück zugekauft, so hat es

unfehlbar mit jedem Gliede der Genossenschaft einen Hörnerkampf zu

bestehen und nach dessen Erfolgen seine Stelle im Zuge einzunehmen.

Bei gleicher Stärke setzt es oft böse, hartnäckige Zwiegefechte ab,

da die Tiere stundenlang nicht von der Stelle weichen. Die Heerkuh,

im Vollgefühl ihrer Vorherrschaft, leitet die weidende Herde, geht

zur Hütte voran, und man hat oft bemerkt, daß sie, wenn sie ihres

Ranges entsetzt und der Vorschelle beraubt wurde, in eine nicht zu

besänftigende Traurigkeit verfiel und ganz krank wurde.

So vertraut die Sennen mit ihrem Vieh sind und so gern eine jede Kuh

dem Namen, mit dem sie gerufen wird, folgt, so gibt es doch auch fast

in jedem Sommer Stunden der vollen Anarchie, in der alle Ordnung in

der Herde reißt und der Senne sie fast nicht mehr zu halten weiß. Wir

meinen die Stunden der nächtlichen Hochgewitter, die den Alpenbewohnern

wahre Not- und Schreckensstunden sind. Jetzt springen die halbnackten

Sennen, die Milcheimer über die Köpfe gestürzt, unter die zerstäubende

Schar, johlend, fluchend, lockend und die heilige Mutter anrufend. Aber

das tolle Vieh hört und sieht nichts mehr. In schauerlichen Tönen, halb

stöhnend, halb brüllend, rennt es blind mit vorgestrecktem Kopfe, den

Schwanz in den Lüften, geradeaus. Das ist eine Stunde des Schreckens

und Unheils. Die Sennen wissen sich nicht zu helfen; bald schwarze

Nacht, bald blendendes Feuer; der Hagel klappert auf dem Eimer und

zwickt die nackten Arme und Beine mit scharfen Hieben, während alle

Elemente im greulichen Aufruhr sind.

Bei jeder größeren Alpenviehherde befindet sich ein Zuchtstier.

Er bewacht sein Vorrecht mit sultanischer Ausschließlichkeit und

ausgesprochenster Unduldsamkeit. Es ist selbst für den Sennen

nicht ratsam, vor seinen Augen eine rindernde Kuh von der Sennte

zu entfernen. In den öfter besuchten tieferen Weiden dürfen nur

zahme und gutartige Stiere gehalten werden; in den höheren Alpen

trifft man aber oft sehr wilde und gefährliche Tiere. Da stehen sie

mit ihrem gedrungenen, markigen Körperbau, ihrem breiten Kopf mit

krausem Stirnhaar, am Wege und messen alles fremdartige mit stolzen,

jähzornigen Blicken. Besucht ein Fremder, namentlich in Begleitung

eines Hundes, die Alp, so bemerkt ihn der Herdenstier schon von weitem

und kommt langsam, mit dumpfem Gebrülle heran. Er beobachtet den

Menschen mit Mißtrauen und Zeichen großen Unbehagens, und reizt ihn an

der Erscheinung desselben zufällig etwas, vielleicht ein rotes Tuch

oder ein Stock, so rennt er geradeaus mit tiefgehaltenem Kopfe, den

Schwanz in die Höhe geworfen, in Zwischenräumen, wobei er öfter mit

den Hörnern Erde aufwirft und dumpf brüllt, auf den vermeintlichen

Feind los. Für diesen ist es nun hohe Zeit, sich zur Hütte, hinter

Bäume oder Mauern zu retten; denn das gereizte Tier verfolgt ihn mit

der hartnäckigsten Leidenschaftlichkeit und bewacht den Ort, wo es den

Gegner vermutet, oft stundenlang. Es wäre in diesem Falle töricht, sich

verteidigen zu wollen. Mit Stoßen und Schlagen ist wenig auszurichten,

und das Tier läßt sich eher in Stücke hauen, ehe es sich vom Kampfe

zurückzöge. Selbst unter den Sennen gibt es nur sehr selten Männer,

die sich einem solchen Angriffe stellen; nur einmal sahen wir, wie ein

Aelpler mit bewundernswerter Kaltblütigkeit einen angreifenden Stier

mit der rechten Hand bei einem Horn packte, mit der Linken ihm ins Maul

fuhr und die Zunge ergriff, dann diese rasch umdrehte und so den Stier

mit herkulischer Kraft herumriß und auf den Boden warf. Später wagte

sich das gebändigte Tier nie mehr an einen Menschen. Schlimmer erging

es bei einem solchen Stierkampfe dem Wirte auf dem Ofnerpaß (Engadin),

Simi Gruber, einem Manne von athletischer Gestalt und großer, auf

Bären- und Gemsenjagden oft bewährter Kraft. Er sömmerte auf seinen

Bergweiden eine Herde Stiere, von denen er einen als »einen stechenden

Stier« kannte und dem er immer sorgsam auswich. Eines Tages wollte

er eine Kuh zu den Tieren führen, sah sich aber plötzlich seitwärts

von einem Tiere, das er bisher immer für gutartig gehalten hatte,

mit den Hörnern gepackt und auf die Erde gestoßen. Hier faßte er den

schnaubenden Stier so rasch als möglich mit der einen Hand beim Ohr,

mit der anderen an der Nase und warf ihn mit einem kräftigen Ruck

nieder. Kaum aber war er wieder auf den Füßen, als auch das wütende

Tier wieder aufsprang und ihn zum zweiten Male auf den Boden stieß.

In gleicher Weise riß Gruber auch diesmal seinen Feind neben sich

nieder und hielt ihn mit Macht so lange auf dem Boden, bis er sich

gefaßt hatte, mit raschen Sprüngen sein Bergwirtshaus zu erreichen.

Der gebändigte Stier stand auf, kam dumpf brüllend bis an die Tür und

wollte nicht weichen. Da nun gerade eine fremde Familie abzureisen

beabsichtigte, wollte der Wirt Platz machen, griff zu einem tüchtigen

Sparren und trat vor das Haus, um mit einem gewaltigen Hiebe dem Stier

ein Horn abzuschlagen. Allein der Stier wich mit einer Seitenbewegung

aus, rannte den Mann zum dritten Male nieder, stieß ihn wütend auf der

Erde und warf den bewußtlos Gewordenen mit den Hörnern wie einen Ball

hinter sich. Dann ging er eine Strecke weiter, blieb wieder stehen,

kehrte zu seinem überwundenen Gegner zurück, beroch ihn wiederholt und

kehrte nun erst, nachdem er kein Leben mehr in dem Manne gewahrt hatte,

auf die Weide zurück. Gruber wurde für tot aufgehoben; als er zum

Bewußtsein gebracht worden, zeigte sich's, daß er bei dem Stierkampfe

ein Bein gebrochen und mehrere schwere Verletzungen erhalten hatte.

Die Bergkühe, die nur ausnahmsweise einen Menschen angreifen werden,

zeigen oft heftigen Widerwillen gegen fremde Hunde und vereinigen sich

oft zum erbitterten Kampfe, wobei der Gegner es stets vorzieht, mit

eingeklemmtem Schwanze das Weite zu suchen.

Die festlichste Zeit für das Alpenrindvieh ist ohne Zweifel der Tag

der Alpfahrt, die gewöhnlich im Mai stattfindet, ein Tag, der auch im

Leben des Aelplers von Bedeutung ist. Jede der ins Gebirge ziehenden

Herden hat ihr Geläut. Die stattlichsten Kühe erhalten, wie bemerkt,

die ungeheuren Schellen, die oft über einen Fuß im Durchmesser halten

und 40 bis 50 Gulden kosten. Es sind Prunkstücke des Sennen; mit drei

oder vier solchen, in harmonischem Verhältnis zueinander stehenden,

läutet er von Dorf zu Dorf seine Abfahrt ein. Zwischenhinein tönen die

kleineren Erzglocken. Voraus geht ein Handbub mit sauberm Hemde und

kurzen gelben Beinkleidern; ihm folgen die Kühe mit dem Herdenstier

in bunter Reihe, dann oft etliche Kälber und Ziegen. Den Beschluß

macht der Senn mit dem Saumpferde, das die Milchgerätschaften,

Bettzeug u. dgl. trägt, und mit buntem Wachstuche bedeckt ist. An

diesem Tage besonders ertönt der Kuhreigen, den jeder Alpendistrikt in

eigentümlicher Weise besitzt. Es ist dies jener höchst eigentümliche

jauchzende Gesang, dessen ältester Text sich nur noch in einzelnen

Versen vorfindet, während seine Melodie in stundenlangen Trillern,

Jodeln, bald hüpfenden, bald gedehnten Tönen besteht. Etwas anderes

ist der einfache Jodel, der keine Worte hat, sondern bloß in schnell

wechselnden, oft in der Tiefe anhaltenden und rasch in die Höhe

steigenden, seltsamen, melodischen Tonverbindungen besteht, mit denen

der Hirte die Kühe herbeilockt, seine Kameraden begrüßt und dessen

er sich überhaupt als Fernsprache im Gebirge bedient. Trauriger als

die Alpfahrt ist für Vieh und Hirt die Talfahrt, die in ähnlicher

Ordnung vor sich geht. Gewöhnlich ist sie das Zeichen der Auflösung des

familienartigen Herdenverbandes.

92. Welches sind die Feinde des Rindes?

In Europa haben die großen Pflanzenfresser ihre Feinde in den Bären und

Wölfen. Der Luchs überfällt nur junge Tiere. In den heißen Ländern

sind, wie schon erwähnt, die großen Katzenarten, also namentlich Löwe

und Tiger, die gefährlichsten Feinde der Rinder.

Das Benehmen der Schweizer Rinder, falls sie von einem Bären

angegriffen werden, schildert unser Gewährsmann folgendermaßen:

Gegenüber den Angriffen der reißenden Tiere, besonders denen der in den

südlichen Alpen noch immer allzu häufigen Bären, beweist das Rindvieh

des Gebirges feinen Instinkt und festen Mut. Schleicht sich so in

der Stille auf leisen, breiten Tatzen ein Bär heran, so wittern bei

ruhigem Wetter die Kühe schon von weitem den Mörder, brüllen heftig,

eilen gegen die Hütten oder rasseln, wenn sie angebunden sind, so

laut und anhaltend mit ihren Ketten, daß die Sennen auf die Gefahr

aufmerksam werden. Immer sucht das Raubtier von hinten anzukommen, da

auch das halberwachsene Rind im Notfall auf die Kraft seiner Hörner

vertraut. Ist es dem Bären aber gelungen, eine Kuh niederzureißen und

zu zerfleischen, so sammeln sich die versprengten Kühe sonderbarerweise

ziemlich rasch wieder dicht um den Räuber, schauen mit gesenkten

Hörnern, heftig schnaubend und von Zeit zu Zeit dumpf aufbrüllend dem

Fraße zu, als ob sie Lust hätten, ohne alle Scheu den Feind anzufallen.

Nach der Aussage zuverlässiger Leute soll in diesem Falle der Bär

sich nicht allzulange beim Mahle aufhalten, und es soll nie geschehen

sein, daß er sich an eine zweite Kuh gewagt hätte. Bei anhaltendem

Regen und dichtem Nebel wittert aber das Rindvieh die Raubtiere gar

nicht, und es sind Beispiele bekannt, wo Bären dicht beim Vieh und

den Hütten herumlauerten, ja selbst ein Rind angriffen, verzehrten

oder forttrugen, ohne daß die übrige Herde etwas davon merkte oder

irgendwelche Bewegung kundgab.

Das tolle Benehmen der Schweizer Kühe bei schweren Gewittern, das

vorhin geschildert wurde, dürfte folgenden Grund haben. Wildrinder

merken das Herannahen eines solchen Ungewitters rechtzeitig vorher und

suchen geschützte Stellen auf. Die Schweizer Kühe sind als Haustiere an

einem solchen Verfahren durch den Menschen gehindert. Deshalb geraten

sie beim Ausbruch des Gewitters gewissermaßen in Verzweiflung.

Der Anspruch der Heerkuh auf den ersten Platz ist ausführlich

geschildert worden. Wir sehen daraus, daß unser Dichter Schiller recht

hat, wenn er im Tell sagt:

Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt,

Und nähm ich ihr's (das Band), sie hörte auf zu fressen.

Uebrigens hat mir ein Bekannter, der zehn Jahre unter den Rinderherden

in Südamerika lebte, genau das gleiche von dem ausgesprochenen Sinn der

Rinder für eine Rangordnung erzählt.

93. Wie hoch ist der Milchertrag einer Durchschnittskuh?

Unsere Herde wird jetzt nach Hause getrieben, um gemolken zu werden.

Wildrinder haben nur Milch für ein oder zwei Kälber. Der Milchreichtum

unserer Kühe ist erst künstlich vom Menschen angezüchtet worden. Ohne

fortwährendes Melken würde die Milcherzeugung wieder zurückgehen.

Die Tragezeit der Kuh beträgt etwa 9½ Monate. Nach dem Kalben ist

naturgemäß die Erzeugung der Milch sehr hoch. Etwa 300 Tage oder 10

Monate lang dauert die Laktation oder Milcherzeugung. Gute Kühe liefern

während dieser Zeit den Tag bis zu 10 Liter, manche ausnahmsweise

bedeutend mehr. Dann steht die Kuh gewöhnlich 6 Wochen trocken. Es gibt

aber ausgezeichnete Kühe, die auch während dieser Zeit Milch liefern.

Der Milchertrag ist also außerordentlich verschieden. Es kommt aber

nicht bloß auf den Milchertrag, sondern auch auf den Fettgehalt der

Milch an.

Selbstverständlich wird jeder Landwirt suchen, Kühe zu halten, die

recht viel und recht fettreiche Milch liefern. Berühmt wegen ihres

Milchreichtums sind Holländer und Oldenburger Kühe. Doch ist ihre

Milch nicht so fettreich und liefert nicht soviel Butter und Käse

wie die Milch der Schwyzer, Allgäuer und anderer Höhenkühe. Auf die

Verschiedenheit von Gebirgs- und Niederungsgräsern ist schon früher

aufmerksam gemacht worden.

Bei den praktischen Engländern und Amerikanern, ebenso bei den

Schweizern melken Männer, nicht Frauen. Es ist das wahrscheinlich kein

Zufall. Bei uns in Deutschland herrscht vielfach die Ansicht, daß es

eines Mannes unwürdig ist zu melken. Sonst ist das Ausland für uns

maßgebend, aber in diesem Falle, wo es von Vorteil für uns sein dürfte,

leider nicht.

94. Warum ist das Rind ein Wiederkäuer, das Pferd nicht?

Es ist gewiß auffallend, daß zwei große Pflanzenfresser in dem Punkte

grundverschieden sind, daß die Rinder ihre Nahrung wiederkäuen, das

Pferd aber nicht.

Der Magen der Wiederkäuer zerfällt in vier Abteilungen, nämlich den

Pansen oder Wanst, den Netzmagen oder die Haube, den Blättermagen oder

den Psalter und den Labmagen. Zunächst gelangt das Futter in den Pansen

und von dort in den Netzmagen. Im Netzmagen wird das Futter erweicht

und durch eine Art von Erbrechen in das Maul zurückgeschafft. Im

Maule wird es nun gründlich gekaut und geht von hier aus jetzt in den

Blättermagen und dann in den Labmagen. Außer den Rindern sind Ziegen

und Schafe Wiederkäuer.

Viele nehmen an, daß das Wiederkäuen den Tieren in folgender Weise von

Vorteil ist: Hirsche beispielsweise, die ebenfalls Wiederkäuer sind,

müßten lange auf der Lichtung fressen, ehe sie alles Futter, das sie

brauchen, gekaut haben. Deshalb ist es für sie vorteilhafter, schnell

Futter hineinzuschlingen und in Ruhe im Dickicht oder im Walde, wohin

sie zurückgeflüchtet sind, zu wiederkäuen.

Unsere Hirsche fressen aber nicht in dieser Weise. Sie treten abends

aus dem Walde und bleiben während der Dunkelheit auf den Feldern.

Mit Tagesanbruch gehen sie in den Wald zurück. Ist es am Morgen sehr

neblig, so bleiben sie draußen. Der Jäger sagt dann: »Heute kneipen

die Hirsche durch.« Die Hirsche wissen, daß sie in der Dunkelheit und

im Nebel geschützt sind, weil kein Jäger dann auf sie schießen kann.

Das Wiederkäuen dürfte vielmehr den Zweck haben, große, umfangreiche

Futtermengen, die nur geringen Nahrungswert haben, für die tierische

Nahrung verwendbar zu machen.

Solche Futtermengen findet das Pferd in seiner Heimat, der Steppe,

nicht. Deshalb konnte es kein Wiederkäuer werden. Auch wäre ein großer

Magen für das Pferd als Renner nicht vorteilhaft gewesen.

Jetzt verstehen wir auch, weshalb die Wiederkäuer oben keine

Schneidezähne haben. Mit oberen Schneidezähnen ausgerüstet, würden sie

in der Freiheit vielleicht lieber Körner als Massen von Pflanzen und

Blättern fressen. Ohne Schneidezähne sind sie aber nicht imstande,

ganze Körner gut zu verdauen, während das Pferd mit seinen scharfen

Zähnen es vortrefflich kann.

Wir müssen also unseren Kühen Körner geschrotet verabreichen, weil sie

sonst regelmäßig unverdaut abgehen.

Alle Wiederkäuer haben eine ausgesprochene Vorliebe für Salz. Vielfach

ist es üblich, das neugeborene Kälbchen mit Salz abzureiben, damit es

von der Mutter abgeleckt wird.

95. Die geistigen Gaben der Rinder.

Trotz der sprichwörtlichen Dummheit des Rindviehs ist es damit nicht

so schlimm bestellt. Bei der Kuh vorm neuen Tor haben wir das bereits

hervorgehoben. Auch hier trügt der Schein. Das Rind ist sich seiner

Stärke bewußt und bleibt daher seelenruhig, was wir als Stumpfheit

auslegen.

Beim Hunde wurde die Geschichte erzählt, wie ein Bulle in tiefes

Wasser flüchtete, um vor einem Nasenbiß sicher zu sein. Kann es ein

zweckmäßigeres Verfahren geben?

Im Harz tragen die Rinderherden oft Glocken, die genau abgestimmt

sind. Allgemein wird behauptet, daß die Kühe die Glocken ihrer Herde

von denen anderer unterscheiden und sich, wenn sie sich verirrt haben,

danach richten.

96. Die Rassen der Rinder.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 18 / 30 段