Tiere oft gegeneinander haben, wenn man sich die Folgen einer Paarung
vorstellt. Das Pferd ist Bewohner der Steppe und Meister im Rennen. Der
Esel ist dagegen im Gebirge zu Hause und ein vorzüglicher Kletterer.
Gäbe es in der Freiheit Maultiere, also Abkömmlinge von Pferd und Esel,
so könnte ein Maultier nicht so rennen wie seine Mutter und würde von
den Wölfen zuerst eingeholt werden. Aber auch im Gebirge könnte es
nicht so klettern wie sein Vater und fiele deshalb auch hier zuerst den
Feinden zur Beute.
79. Warum schreit der Esel Ya?
Das uns höchst unangenehme Geschrei des Esels, das an unser Ja
erinnert, hat zu unzähligen Witzen Anlaß gegeben. Will der Esel im
Gebirge eine Eselin finden, so wäre es zwecklos, wenn er wie ein
Kulturmensch sänge. Dagegen dringt sein Geschrei bis zu den langen
Ohren der Eselin, wie auch das Jodeln der Tiroler ganz für das Gebirge
geschaffen ist.
80. Die Rassen des Esels.
Man unterscheidet drei Formen grauer Esel: Hausesel, Nubischer
Steppenesel und Somali-Wildesel. Der Hausesel wird verschieden groß.
Es gibt Esel in Südarabien und in Frankreich, welche die Größe eines
guten Pferdes erreichen. Umgekehrt kommen auf einigen Inseln Zwergesel
vor, die nicht so groß werden wie ein großer Hund.
81. Der Esel im Sprichwort und in Redensarten.
Der Esel gilt als dummes und verachtetes Tier, besonders bei uns. Daher
sagt man
*Auf den Esel kommen, sich auf den Esel setzen.*
Das heißt aus einer geachteten Stellung in eine niedere treten.
*Den Esel reiten*,
eine beschimpfende Strafe erleiden.
In Zusammenhang hiermit steht:
*einen auf den Esel setzen oder bringen*,
was soviel heißt wie einen erzürnen.
*Den Esel läuten*,
d. h. die hängenden Beine vorwärts und rückwärts baumeln lassen.
*Wenn's dem Esel zu wohl ist, dann geht er aufs Eis und tanzt oder
er geht aufs Eis tanzen und bricht sich ein Bein.*
Das hat gewiß noch niemand gesehen. Aber der Mensch braucht eine
Zielscheibe für seinen Spott. Da nun der Esel als sehr dumm gilt, und
sich nicht verteidigen kann, so unterstellt man ihm die geschilderte
Torheit.
*Eselsbrücke.*
Nach Grimm versteht man darunter eine Schwierigkeit, vor der Unwissende
stutzen, wie der Esel vor einer Brücke.
Diese Erklärung befriedigt nicht, denn das Stutzen des Esels vor der
Brücke ist gewiß sehr selten.
Der Lehrer nennt die Uebersetzung, die ein Schüler benützt, eine
Eselsbrücke. Das geschieht aus dem Grunde, weil der Esel als Wüstentier
sehr wasserscheu ist und statt durchs Wasser zu schreiten, eine Brücke
braucht. Der Lehrer meint also: Anstatt mit geringer Anstrengung
den lateinischen Schriftsteller zu übersetzen, kaufst du dir eine
Uebersetzung. Du machst es also wie der Esel, der ohne Mühe das
Wasser durchschreiten könnte, aber statt dessen eine Brücke verlangt.
Eselsbrücke heißt also eine ganz überflüssige Erleichterung.
*Eselsohren*
werden die Einbiegungen der Blätter in Büchern genannt.
*Wo sich der Esel wälzt, muß er Haare lassen*
ist bereits erklärt worden.
[Illustration: Rumänische Hausierer mit ihren Eseln]
Das Rind
82. Warum können wir nicht auch fette Schweizerkäse herstellen?
Die Zeiten sind lange vorbei, wo man in den Straßen Berlins noch
Rinderherden sah, wie ich es in meinen jungen Jahren erlebt habe. Heute
rennt die ganze Jugend Berlins zusammen, wenn eine Kuh nach oder von
einer Molkerei befördert wird. Alle staunen das Wundertier an. Was im
Dorfe die alltägliche Erscheinung ist, gehört in der Großstadt zu den
Seltenheiten.
Um eine weidende Rinderherde zu beobachten, müssen wir schon ein
ordentliches Stück Weg laufen. Das Glück ist uns hold. Wir treffen eine
Herde von Kühen an und können in Ruhe den Tieren zuschauen.
Da in der Nähe auch ein Pferd grast, so können wir so recht den
Unterschied zwischen dem Weiden des Pferdes und der Rinder beobachten.
Das Pferd packt die Gräser mit der sehr beweglichen Oberlippe und beißt
kurz ab, die Kuh dagegen arbeitet hauptsächlich mit der Zunge, die
ihr die fehlenden oberen Schneidezähne ersetzt. Schlächter haben mir
oft erklärt, daß man mit einer getrockneten Rinderzunge einen Stuhl
zusammenschlagen kann. Ich habe es in diesen Zeiten der Fleischnot
noch nicht ausprobieren können, halte es aber sehr wohl für möglich.
Jedenfalls ist die Zunge beim Rinde ein äußerst wichtiges Glied.
Weil die Kuh das Gras mit der Zunge packt, wird es nicht so tief
abgebissen. Daher kommt es, daß, wo Kühe gegrast haben, noch sehr gut
Pferde weiden können.
Die äußerlich auffallendsten Unterschiede zwischen Rindern und Pferden
sind namentlich folgende:
Die Rinder haben Hörner, die Pferde nicht.
Die Rinder sehen plump aus, die Pferde nicht.
Die Rinder haben gespaltene Hufe, die Pferde nicht.
Die Rinder haben einen langen, kahlen Schwanz, der mit einer Quaste
endet, während Pferde einen schönen, bis zur Wurzel behaarten
Schweif besitzen.
Wenn wir so die Kühe behaglich im hohen Grase weiden sehen, dann taucht
unwillkürlich die Frage auf, weshalb wir nicht, wie die Schweizer, auch
schöne fette Käse herstellen können. Warum müssen wir unser schönes
Geld an sie abgeben?
Die Antwort darauf ist folgende: Wir können aus zwei Gründen solche
Käse nicht herstellen. Einmal fehlt uns das Gebirgsgras und dann die
Gebirgsweiden.
Gras ist nämlich nicht Gras, wie der Großstädter meint, sondern
das Gebirgsgras ist so kräftig, daß eine Kuh, die sonst 36 Pfund
Niederungsgras frißt, nur 24 Pfund Gebirgsgras braucht.
Im Zoologischen Garten können wir die Verschiedenheit der Grasarten
recht deutlich beobachten. Gemsen leben nicht lange im Zoologischen
Garten und pflanzen sich noch seltener darin fort. Dabei gibt es doch
in Bayern noch zahlreiche Gemsen. Sie sind also heimische Tiere. Aber
in der Gefangenschaft fehlt ihnen das gewürzige Gebirgsheu. Was wir
ihnen vorsetzen, ist nicht ihr Fall.
Pferde in den Alpen brauchen keinen Hafer, weil das Gebirgsgras so
kräftig ist.
Es ist klar, daß dieses Gebirgsgras eine viel fettere Milch und
demgemäß einen viel fetteren Käse liefert.
Nun kommt hinzu, daß oben in den Gebirgsweiden die Verhältnisse für die
Kühe viel günstiger liegen. Bei uns in der Ebene werden die Kühe mit
dem Eintritt des Sommers dermaßen von Insekten belästigt, daß sie in
beständiger Unruhe sind, und der Ertrag der Milch darunter sehr leidet.
Ganz anders ist es auf den Alpenweiden. Die Rinder können daher
behaglich und ohne fortwährend gepeinigt zu werden, sich dem Fressen
und Wiederkäuen widmen.
Die Schweiz hat also durch Natur gegebene Vorzüge, die wir nicht
nachmachen können. Auch ist die Art der Herstellung von örtlichen
Verhältnissen abhängig.
83. Der Stier und die rote Farbe.
Bei der Rinderherde befindet sich auch ein Stier oder Bulle. Er ist
noch ein ziemlich junges Tier und deshalb allem Anscheine nach noch
umgänglich. Aelteren Stieren ist gewöhnlich schlecht zu trauen.
Es dürfte bekannt sein, daß besonders der Stier eine ausgesprochene
Abneigung gegen die rote Farbe hat. Es ist schon oft Unglück dadurch
entstanden, daß Menschen, die von dieser Eigentümlichkeit nichts
wußten, den Stier ahnungslos gereizt haben und infolgedessen schwer
verletzt, ja getötet worden sind.
Was veranlaßt den Stier zu diesem Hasse auf die rote Farbe?
Wir kennen heute noch nicht genau die Stammeltern unserer Hausrinder.
Aber es ist sicher, daß sie wie alle Wildrinder ihren größten Feind in
den Katzen haben. Besonders der Tiger macht eifrig auf Wildrinder Jagd.
Die rote Farbe läßt wahrscheinlich den Stier an seinen grimmigsten
Feind denken. Da der Stier nicht wie ein Pferd flüchtet, sondern mit
seinem Gegner auf Tod und Leben kämpft, so ist der wütende Angriff des
Stieres auf einen Menschen mit roter Kleidung verständlich.
Die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe dürfte denselben Grund
haben. Wir werden bei der Schilderung des Truthahns näher darauf zu
sprechen kommen.
84. Das Flotzmaul der Rinder.
Bei den weidenden Rindern beobachten wir ferner, daß sie im Gegensatz
zu dem Pferde ein Flotzmaul besitzen, d. h. eine breite haarlose und
feuchte Stelle zwischen den Nasenlöchern.
Weshalb hat wohl das Rind einen solchen Nasenspiegel, den wir in
ähnlicher Form bei Büffeln, Hirschen und anderen Pflanzenfressern
finden?
Der Nasenspiegel ist sehr empfindlich und deshalb hindert er die
Rinder, brennende und stachlige Pflanzen zu fressen. Während der
Kriegsjahre konnte ich das sehr häufig im Zoologischen Garten
beobachten. Die Futterration war nur knapp, und deshalb das Verlangen
nach etwas Ersatz sehr groß. Im Spätsommer wachsen nun in den Ständen
eine Unmenge Brennesseln. Das schöne Grün stach den Zebus, den
indischen Rindern, in die Augen, und sie suchten immer wieder die
Brennesseln zu fressen. Doch das empfindliche Flotzmaul trieb die Zebus
immer wieder zurück. Nur junge oder verwelkte Brennesseln scheinen von
Rindern gefressen zu werden.
Das Flotzmaul ist stets feucht und empfindlich wie beim Hunde die Nase
und zwar aus denselben Gründen. Bei Wildrindern ist das Flotzmaul auch
stets schwärzlich wie die Nase der Wildhunde.
85. Die Furcht der Rinder vor dem Blutgeruch.
Wenn wir unter uns einen Schlächter hätten, der eben geschlachtet hat,
so könnte seine Witterung die ganze Rinderherde in Aufruhr versetzen.
Es braucht natürlich nicht gerade ein Schlächter zu sein. Es genügt,
daß ein Jäger einen erlegten Rehbock im Rucksack trägt, dessen Blut von
den Kühen gewittert wird. Ausschlaggebend ist stets der Blutgeruch.
Es genügt also, daß wir die Hände in Blut getaucht oder daß wir ein
Kleidungsstück mit Blut getränkt haben.
Der Grund des Verhaltens der Rinder ist einleuchtend, sobald wir an die
Lebensweise der Wildrinder denken. Unzählige Male ist es vorgekommen,
daß ein weidendes Rind gar nicht gemerkt hatte, daß ein Raubtier ein
Kalb getötet oder einen Kameraden überfallen hatte. Die Anwesenheit des
Raubtieres nahm es regelmäßig erst durch den Blutgeruch wahr.
Blutgeruch und zwar Geruch vom Blut eines Pflanzenfressers und
Anwesenheit eines Raubtieres ist also für ein Rind so ziemlich dasselbe.
Hat daher ein Schlächter einen Kuhstall betreten, etwa um ein Kalb
zu besichtigen, das er kaufen will, so sind die Kühe den ganzen Tag
unruhig, was den Landleuten wohl bekannt ist.
Auch das Schlachthaus wollen Rinder nicht betreten, weil ihre feine
Nase ihnen sagt, daß ihnen der Tod droht. Oft habe ich zugesehen,
welche Anstrengungen erforderlich sind, um eine Kuh in den Schlachtraum
zu bringen.
Die Furcht vor dem Blutgeruch besitzen auch Pferde, wovon schon früher
(Kap. 67) die Rede war.
86. Die Furcht der Rinder vor den Bremen.
In große Aufregung könnten wir die Herde auch versetzen, wenn wir das
Geräusch einer fliegenden Breme (auch Bremse genannt) nachmachten. Wir
werden das natürlich nicht tun. Allerdings ist die eigentliche Flugzeit
der Bremen erst im Hochsommer und zwar in den Mittagsstunden.
Die Furcht der Rinder vor den Bremen ist sehr wohl begründet. Diese
Insekten umschwärmen die großen Pflanzenfresser und suchen ihre Eier
auf ihnen abzulegen. Obwohl die Rinder bei ihrer Ankunft die Schwänze
hochnehmen und davonrasen, gelingt den Bremen ihr Vorhaben. Das
abgelegte Ei entwickelt sich zur Made, die auf Kosten des Wirts lebt
und große dicke Beulen, sogen. Dasselbeulen hervorruft. Diese Beulen,
aus denen das fertige Insekt auskriecht, verursachen natürlich große
Löcher in der Haut.
Man sollte meinen, daß der Gerber solche durchlöcherten Rinderhäute
nicht haben will. Das Gegenteil war vor dem Kriege der Fall.
Durchlöcherte Häute wurden gern genommen, weil die Erfahrung gelehrt
hatte, daß die Insekten mit ihrem feinen Geruchsvermögen stets die
gesündesten und kräftigsten Tiere zur Eiablage ausgesucht hatten.
87. Die Abneigung der Rinder gegen Hunde.
Es ist gut, daß wir keinen großen Hund bei uns haben. Denn man kann
immer wieder erleben, daß die Rinder eine ausgesprochene Abneigung
gegen Hunde haben.
Will ein Jäger mit seinem Hunde durch eine weidende Kuhherde wandern,
so muß er sich vorsehen, daß sie seinen Hund nicht angreifen.
Hier zeigt sich so recht deutlich der Unterschied zwischen Pferd und
Rind im Benehmen gegen ihren Feind. Das Pferd flüchtet regelmäßig
und kämpft nur gegen kleinere Raubtiere. Auch stehen sich Pferde
gegenseitig nicht bei.
Ganz anders liegt die Sache bei den Rindern. Diese halten zusammen und
stürmen gemeinsam auf den Feind. Zur Flucht sind sie ja auch viel zu
schwerfällig gebaut.
Deshalb brüllen auch die Rinder, die von einem Raubtier überfallen
worden sind oder sonst Schmerz empfinden. Denn das Brüllen hat bei
ihnen einen Zweck. Es soll die Genossen zum Beistand anspornen. Pferde
dagegen stehen sich, wie wir wissen (Kap. 58), nicht bei, und deshalb
erleiden sie stumm alle Qualen.
88. Das Aufblähen der Rinder.
Wenn die Rinder gierig üppig gewachsenes Futter, z. B. Klee, Luzerne
und Esparsette fressen, dann ereignet sich oft, namentlich, wenn die
Sonne sehr sticht, und es schwül ist, das sogen. Aufblähen der Rinder.
Dieses Aufblähen entsteht durch Auftreibung des Pansens infolge der
Entwicklung von ungewöhnlichen Gasmengen.
Man ersieht hieraus, wie leicht den Landwirt schwere Verluste treffen
können, gerade dann, wenn er seinen Tieren das schönste, was er ihnen
geben kann, zu fressen gibt.
Da die Tiere nur weiden, wie es auch die Wildrinder tun, so scheint
die Frage berechtigt zu sein, warum die an sich naturgemäße Art des
Fressens zu schweren Erkrankungen führen kann.
Vergegenwärtigen wir uns die Lebensweise der Wildrinder und vergleichen
wir sie mit der Lebensweise unserer Hausrinder, so ergeben sich
folgende Unterschiede.
Zunächst sind die Wildrinder Nachttiere, wie schon aus ihren großen
Pupillen ersichtlich ist. Genau wie unsere Hirsche und Rehe gehen sie
erst mit dem Anbruch der Dämmerung auf die Nahrungssuche aus. Zu diesem
Zwecke verlassen sie den Wald oder das Gebüsch, das ihnen am Tage
Deckung gewährt hat, und treten auf die Felder.
Also von der Sonne prall beschienene Futterpflanzen, obendrein bei
äußerst schwüler Luft, fressen die Wildrinder niemals.
Sodann gab es in Vorzeiten, als der Mensch noch nicht dem Acker seinen
Stempel aufgedrückt hatte, niemals Futterpflanzen in solcher Fülle.
Erst das Säen, die Bewässerung, die künstliche Düngung und anderes hat
diese Unmasse hervorgerufen. Früher wuchsen blähende Futterpflanzen
nur vereinzelt. Dazwischen standen andere Pflanzen, die dem Blähen
entgegenwirkten, z. B. Kümmel. Also hatten die Wildrinder früher gar
keine Gelegenheit, soviel blähendes Zeug zu fressen, wie heute die
Hausrinder.
Drittens aber -- und das ist die Hauptsache -- fehlen unseren
Haustieren die Raubtiere. Man beobachte einmal ein freilebendes Tier,
z. B. ein Reh, wenn es abends aus dem Walde tritt. Erst wird gesichert,
d. h. alle Sinne werden aufs äußerste angestrengt, ob nicht irgendwo
ein Feind, namentlich ein böser Jäger, nach Rehbraten Verlangen trägt.
Erst wenn die angestrengten Sinne nichts feststellen können, und wenn
eine längere Prüfung dasselbe Ergebnis hat, dann wird vorsichtig ins
Feld getreten. Hier wird nochmals aufs gründlichste gesichert, ob
irgendwas Verdächtiges zu erkennen ist. Erst dann werden einige Happen
ganz hastig genommen. Von einem gemütlichen Futtern ist aber gar keine
Rede. Nach einer halben Minute geht schnell der Kopf hoch, und wiederum
werden alle Sinne angestrengt.
In ähnlicher Lage nehmen auch die Wildrinder ihre Nahrung zu sich,
wenngleich sie im Gefühl ihrer Stärke nicht so ängstlich zu sein
brauchen. Immerhin wissen sie, daß ihnen der Mensch oft überlegen ist,
und daß sie gegen seine Fallgruben machtlos sind.
Von einem hastigen gierigen Hinunterschlingen ohne Pause, wie es unsere
Hausrinder tun, kann also bei Wildrindern niemals die Rede sein.
Da wir Menschen die Raubtiere ausgerottet haben, so müssen wir sie
in den Fällen, wo sie uns nützlich waren, ersetzen. Die Raubtiere
verhinderten, daß die Pflanzenfresser in ihrer Gier zu hastig ohne
Pausen schlangen. Denn die Pflanzenfresser mußten immer solche Pausen
machen, um nicht von einem Feinde überfallen zu werden.
Solche Pausen beim Fressen der Rinder können wir dadurch erzielen, daß
wir die Tiere in ständiger Bewegung halten. Viele praktische Landwirte
sind davon überzeugt, daß das beste Mittel gegen das Aufblähen die
fortwährende Beunruhigung der Tiere ist. Sie müssen dann Pausen im
Fressen machen, und Fressen mit Pausen ist naturgemäß, während Fressen
ohne Pausen unnatürlich ist.
89. Die Kuh vorm neuen Tor. Der Ortssinn der Tiere.
Eine bekannte Redensart ist die: Er steht da, wie die Kuh vorm
neuen Tor. Man meint damit ein blödes, unbeholfenes Anstarren eines
Gegenstandes, den man an dieser Stelle nicht erwartet hat.
Ochse und Kuh, Esel und Schaf gelten ja von unsern Haussäugetieren
als die dümmsten. Natürlich sind die Raubtiere klüger als die bloßen
Pflanzenfresser. Die Raubtiere müssen ihre Opfer überlisten, was nicht
immer sehr leicht ist. Dagegen haben es die meisten Pflanzenfresser
bequemer, da sie manchmal nur ihr Maul aufzumachen brauchen.
Immerhin sind die Gründe, die man für die Dummheit der genannten
Tiere anführt, in den meisten Fällen nicht überzeugend. Wir dürfen
doch nicht vergessen, daß wir frei lebende Tiere, die sich allein und
ohne Belehrung und Schutz durch die Welt schlugen, erst durch unsere
Behandlung zu den Jammergestalten gemacht haben, als welche sie so
häufig vor uns stehen. Das Wildschaf ist nach der Ansicht erfahrener
Jäger ein sehr schwer zu erlegendes Geschöpf, während unser Schaf
vollkommen hilflos ist.
Mit Dummheit hat das Anstarren des neuen Tores durch die Kuh nicht
das mindeste zu tun, sondern es rührt von der Verschiedenheit der
menschlichen und tierischen Auffassung her. Für den Menschen ist der
Gegenstand maßgebend, der ihm die Stelle bezeichnet, wohin er will,
während das Tier sich nach diesem Gegenstand gar nicht richtet.
An einem naheliegenden Beispiel können wir uns das am besten
klarmachen. Angenommen, der Besitzer der weidenden Kuhherde ließ heute
sein Tor neu anstreichen -- was allerdings bei den jetzt so teueren
Farbpreisen ausgeschlossen ist, aber angenommen werden soll --, so
würde sich der Hütejunge um den neuen Anstrich kaum viel kümmern. Auch
würde es dem Jungen gewöhnlich ganz gleichgültig sein, daß das Schild
des Gasthofes neu angestrichen ist. Es soll nämlich angenommen werden,
daß die Kühe einem Gastwirt im Dorf gehören. Das würde auch der Fall
sein, wenn der Hütejunge aus der Fremde gekommen wäre und zum ersten
Male seinen Dienst verrichtete. Die Kühe dagegen stutzen am Tor wegen
des ihnen fremden Farbgeruchs, vielleicht auch deswegen, weil die
früheren dunkeln Farben durch helle ersetzt worden sind.
Der im Orte ganz fremde Hütejunge sagt sich: Dort ist das Schild
meines neuen Herrn: Gastwirt Friedrich Schultze. Also bin ich an der
richtigen Stelle. So handeln wir alle und denken, daß die Tiere es
auch so machen. Das Tier richtet sich aber nur, wenn es vorzügliche
Augen besitzt, also ein Augentier ist, nach seinen Augen und selbst
dann nicht immer. Die Nasentiere richten sich aber nur selten nach den
Augen.
Die Rinder, die ein schwaches Auge, aber eine feine Nase besitzen,
haben wie alle Säugetiere einen vorzüglichen Ortssinn. Dieser Ortssinn
ist für sie entscheidend. Kehrt eine Kuh zurück, so zweifelt sie
keinen Augenblick daran, daß sie auf dem richtigen Wege ist. Denn ihr
Ortssinn läßt sie nicht irren. Aber sie stutzt vor dem neuen Tor, und
ihr Verhalten könnte man in menschlicher Sprache etwa so ausdrücken:
Als ich früher hier entlangging, gab es so etwas von heller Farbe und
scharfem Geruch nicht. Das setzt mich in Erstaunen.
In diese ganz verschiedene Auffassung der Tiere können wir uns gar
nicht hineinversetzen und machen uns über Dinge lustig, die hierzu gar
keinen Anlaß geben.
Ich erzählte früher (Kap. 9) von unserm blinden Hunde, der zwei Jahre
lang sich darin nicht irrte, wie die einzelnen Möbel in unserer Wohnung
standen, und sich niemals daran stieß, wenn man sie in ihrer Stellung
ließ. Er wußte ferner auf der Treppe Bescheid, in unserm Garten und
auf der Straße. Welche Riesenleistung ist das, wenn man sich das
vergegenwärtigt! Welcher Mensch könnte auch nur die Stellung der Möbel
einer einzigen Stube im Kopfe so sicher haben, daß er im Dunkeln
nirgends daran stieße! Als wir später die Wohnung im Hause wechselten
und eine Treppe hoch zogen, mußte sich der Hund erst die neue Stellung
der Möbel merken. Aber das gelang ihm in überraschend kurzer Zeit.
Schwerlich hätte ihm ein blinder Mensch das nachgemacht.
Wie wäre es möglich, daß man ein Pferd kauft und erst zu Hause merkt
daß es blind ist. Ohne den Ortssinn der Pferde könnte es gar nicht den
Eindruck eines sehenden Geschöpfes machen.
Bei Schwadronspferden ist oft festgestellt worden, daß sie erblindet
waren, ohne daß es einer von den Mannschaften oder den Vorgesetzten
gemerkt hatte. Wie wäre es denkbar, daß ein Mensch in einer Schule,
in einer Kaserne, in einer Fabrik erblindet, ohne daß diese Blindheit
irgendwie von seinen Kameraden entdeckt wird.
Der Blinde bei uns sucht einen Führer, namentlich wenn er ein Städter
ist. Ohne Frage haben wir Menschen früher ebenfalls den Ortssinn der
Säugetiere besessen. Auf dem Lande habe ich Blinde kennengelernt, die
sich allein auf schwierigen Wegen zurechtfanden. Ohne das Vorhandensein
eines Ortssinnes läßt sich eine solche Leistung nicht verstehen.
Den Ortssinn können wir am besten beim Pferde beobachten, wenn es seine
regelmäßigen Fahrten macht. Es bleibt dann mit tödlicher Sicherheit vor
dem Hause, in dem der Kunde wohnt, stehen.
Auf dem Lande kennt man allgemein die Fähigkeit der Pferde, den
richtigen Platz wiederzufinden. Selbst in Berlin habe ich vor dem
Kriege einen solchen Fall mit dem Kutscher eines Bäckermeisters erlebt
und vorhin (Kap. 70) erzählt.
Das Pferd kann weder lesen noch kennt es die Hausnummern. Trotzdem irrt
es sich in den Häusern nicht, gleichgültig, ob man die Nummern verdeckt
oder nicht.
Beim Hunde können wir den Ortssinn, wie bereits erwähnt wurde,
ebenfalls häufig beobachten. Wir Menschen müssen uns Mühe geben,
beispielsweise uns die Querstraßen der Friedrichstraße zu merken. Man
sollte meinen, daß ein Hund, der nicht lesen kann, sich allein hier
niemals zurechtfindet. Das Gegenteil ist der Fall. Wie der früher
erwähnte junge Hund von dem Michaelkirchplatz nach Pankow auf schnellem
Wege fand, so wurde mir auch von Bekannten versichert, daß ihre Hunde,
die zum ersten Male mitgenommen waren, trotzdem die Querstraßen nicht
verwechselten. Beispielsweise ließ einer, der in der Zimmerstraße
wohnt, absichtlich seinen Hund in der Jägerstraße allein, um ihn beim
Rückwege von fern zu beobachten.
Häufig sehen sich zwei Nachbarhäuser zum Verwechseln ähnlich. Der
Mensch sieht dann genau hin, um zu prüfen, ob es die richtige Nummer
ist. Bei einem Hunde wird man niemals ähnliches beobachten.
Wie sollte sich ein Pferd in der endlosen Steppe ohne Kompaß
zurechtfinden, wenn es nicht einen Ortssinn besäße? Die Sonne kann ihm
nichts nützen, da es als Nachttier auch in der Dunkelheit finden muß.
Eine wie große Macht der Ortssinn auf das Tier ausübt, konnte man in
Amerika recht deutlich an den Prärie-Bisons oder Büffeln sehen. Seit
Jahrtausenden machten diese Tiere ihre Wanderungen auf gewissen ganz
bestimmten Wegen. Jetzt wurde durch die Ausdehnung der Bevölkerung
das Land, auf dem sich ein solcher Weg befand, urbar gemacht und mit
Getreide bestellt. Als die Wanderzeit herankam, erschienen die Bisons
und liefen mitten durch das Getreide genau an den Stellen, wo früher
ihre Wege gewesen waren.
Ohne den Ortssinn der Tiere wäre es undenkbar, daß man ihre Blindheit
nicht sofort merkt. Ebenso rührt das Anstaunen des neuen Tores durch
eine Kuh von ihrem Ortssinn her, wobei noch hinzukommt, daß ihr Gesicht
sehr schwach ist.
90. Weitere Vergleiche zwischen Rind und Pferd.
Das in der Nähe der Herde weidende Pferd gibt uns noch Gelegenheit,
einige weitere Vergleiche zwischen ihm und den Rindern anzustellen.
Zunächst sehen wir, daß das Pferd einen schmalen Kopf hat im Vergleich
zum Rinde, das unser Schiller »breitgestirnt« nennt. Die Erklärung ist
folgende.