zweckmäßigen Handlungen ganz unbegründet. Denn das Leben wäre kein
Leben, wenn ein freilebendes Tier nicht seine Feinde und seine Nahrung
kennen würde, schwimmen könnte usw. Diese Fähigkeiten gehören also zum
Begriffe des Lebens. Sie verschwinden da, wo sie zum Leben nicht mehr
erforderlich sind, beispielsweise bei den Haustieren und Menschen. Der
Mensch kann durch sein Gehirn die meisten Instinkte ersetzen.
Hiernach müßten wir uns nicht über die Instinkte der Tiere wundern,
sondern darüber, daß wir als Menschen so wenige haben.
70. Das Gedächtnis des Pferdes.
Jeder Kutscher wird uns bestätigen, daß Pferde ein ausgezeichnetes
Gedächtnis besitzen. Selbst in der Großstadt kann man solche Leistungen
bewundern. So war vor dem Weltkriege unser Brotkutscher einmal erkrankt
und hatte nach Art dieser Leute kein Verzeichnis seiner Kunden. Da riet
er, einen Mann auf den Bock zu setzen und in jedem Hause, wo das Pferd
anhielt, nach dem Kunden zu fragen. So erhielten sämtliche Kunden ihr
Brot.
Das Gedächtnis der Tiere ist vielfach besser als das des Menschen.
Schon im Altertum hat man das gewußt. Denn der Held Odysseus,
der nach 20 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, wird von keinem
Menschen wiedererkannt, nur von seinem treuen Hunde. Wenn man auf
einem langgestreckten Jagdrevier die geschossenen Hasen nicht alle
mitschleppen will, sondern in ein Gebüsch steckt, um sie bei der
Rückkehr mitzunehmen, so ist der Jäger abends oft im Zweifel, ob und
wo er morgens einen Hasen versteckt hat. Der Hund dagegen weiß immer
Bescheid. Das Gedächtnis kann also keine geistige Gabe sein, sonst
könnte sie beim Tiere nicht stärker entwickelt sein als beim Menschen.
Da auch Kinder ein besseres Gedächtnis haben als der Erwachsene, so
geht auch hieraus hervor, daß es sich um keine geistige Fähigkeit
handelt.
Das Tier hat aber ein hervorragendes Gedächtnis nur für Dinge, die es
interessieren. Die rechnenden Pferde in Berlin und Elberfeld waren
insofern Ausnahmeerscheinungen, als sie sich für Sachen interessierten,
die einem Pferde sonst ganz fernliegen, nämlich Lesen, Schreiben und
Rechnen. Von einem wirklichen Verstehen unserer Sprache, sowie von
einem wirklichen Rechnen kann natürlich keine Rede sein. Vielmehr
hatten sich die Pferde vermittels ihres vortrefflichen Gedächtnisses
gemerkt, was sie auf gewisse Laute für Hufbewegungen zu machen hatten.
Der sogenannte kluge Hans in Berlin klopfte also neunmal mit dem Hufe
auf, wenn sein Lehrmeister, Herr von Osten, ihn fragte: Wieviel ist 7
und 2? Er hatte die richtige Antwort in mehrjährigem Unterricht so oft
gehört, daß er die Frage spielend leicht beantworten konnte.
Neuerdings sind in Stuttgart Versuche über die geistigen Fähigkeiten
der Hunde angestellt worden, woraus sich ergibt, daß Hunde trotz ihres
schwachen Gesichts die Anzahl von Gegenständen schneller erfassen als
der Mensch. Das halte ich für durchaus möglich. Es ist für den Wolf,
den Fuchs und andere hundeartige Tiere von großer Bedeutung, die
Anzahl der Pflanzenfresser, also die Zahl der zu einem Rudel gehörigen
Hirsche, die Zahl der Küchlein bei einer Wildente und in ähnlichen
Fällen genau zu wissen. Was dagegen sonst von den Aussprüchen der
ihre Ansicht klopfenden Hunde mitgeteilt wird, steht in völligstem
Widerspruch mit unseren bisherigen Anschauungen über die geistigen
Fähigkeiten der Tiere. Man wird daher erst abwarten müssen, um die
Ergebnisse nachzuprüfen. Vorher kann man zu ihnen keine Stellung nehmen.
Es ist klar, daß ein Pferd, das neunmal klopft, auf die Frage 7 und
2, deshalb noch nicht rechnen kann. Denn die Zahlen 7 und 2 sind
abstrakte, d. h. gedachte Begriffe. Es ist schon zweifelhaft, ob ein
Tier anschauliche Begriffe versteht, z. B. den Begriff Hund, Pferd
usw. Diese Frage wird man wohl bejahen können. Dagegen haben wir
nirgends den geringsten Anlaß, um anzunehmen, daß ein Tier für gedachte
Begriffe Verständnis besitzt.
Das Tier kann also die Zahlen klopfen, wie ein Kind ein Wort
nachplappert. Aber von einem Verständnis hierfür sind beide weit
entfernt.
Menschen, die über solche Sachen nicht nachgedacht haben, verfallen
leicht in die merkwürdigsten Irrtümer.
71. Das Verständnis des Pferdes für Kommandoworte.
Ein lehrreicher Versuch wurde vor dem Kriege mit Militärpferden
angestellt. Jeder Kavallerist schwört darauf, daß die Pferde die
Signale verstehen. Weiß er doch, daß sie die nötigen Bewegungen viel
richtiger ausführen, wenn er das Tier sich allein überläßt, als wenn er
es lenkt.
Da von Gelehrten diese Angaben bezweifelt wurden, so sollte durch eine
Prüfung Klarheit in die Angelegenheit gebracht werden. Den Reitern
wurde aufs strengste befohlen, sich jeder Einwirkung auf das Pferd zu
enthalten. -- Die Signale erklangen, und die Pferde rührten sich nicht
von der Stelle. Folglich, so schlossen die Gelehrten, verstehen die
Pferde nichts von den Signalen.
Die Sache liegt in Wirklichkeit etwas anders. Sowohl der Kavallerist
irrt, als auch der Gelehrte irrt.
Das Pferd weiß, daß, wenn ein bestimmtes Signal ertönt *und sein Reiter
gewisse Einwirkungen ausübt*, es bestimmte Bewegungen machen soll.
Bleibt jedoch bei dem ihm bekannten Signal der Reiter wie ein Mehlsack
sitzen, so wird das Pferd irre und weiß nicht, was es tun soll.
Der Kavallerist irrt also insofern, als er glaubt, das Pferd verstünde
das Signal als solches oder überhaupt einen Zuruf als solchen. Der Hund
versteht doch auch die Worte nicht als solche. Wenn ich ihm zurufe
»Komm!«, so kommt er nicht, weil er das Wort »Kommen« versteht. Er weiß
nur, daß, wenn er einen ganz bestimmten Laut hört, so soll er kommen.
Was das Wort bedeutet, weiß er nicht. Man kann deshalb einen deutschen
Hund mit französischen und englischen Wörtern dressieren und tut es
auch. Man denke an Apport, down (daun) usw. Ein Irrtum aber ist es zu
sagen, es genügen die Vokale des Befehls für den Hund. Die Sachlage ist
folgende. Der Hund in einer Familie hört einen Befehl, beispielsweise
»Peter, mach' schön!« von den einzelnen Familienmitgliedern ganz
verschieden ausgesprochen. Deshalb genügen die Vokale, um ihn zur
Ausführung des Befehls zu veranlassen. Hat der Hund jedoch nur einen
einzigen Herrn, so sind die Vokale gewöhnlich nicht ausreichend.
Weil das Pferd von der Bedeutung des Signals ebenfalls keine Ahnung
hat, so glaubt es, daß es auf Signal *und* Einwirkung des Reiters sich
bewegen müßte.
Die Gelehrten irren, wenn sie glauben, daß das Pferd gar kein
Verständnis für das Signal besäße. Wo kein Reiter oder Kutscher ist,
versteht das Pferd die Signale ausgezeichnet. Dafür kann man unzählige
Beweise anführen. Hierfür dürfte nachstehender genügen. Alltäglich
kann man auf dem Lande sehen, daß ein Landmann Dung ausbreitet. Hat er
die genügende Menge auf eine bestimmte Stelle gebracht, so ruft er dem
Pferde zu, daß es vorwärts gehen solle. Noch niemals habe ich erlebt,
das ein Pferd das nicht verstanden hätte. Hier weiß das Pferd, daß es
allein auf den Zuruf ziehen soll, denn der Lenker steht ja fern vom
Wagen. Den Inhalt des Zurufes versteht es natürlich nicht.
Wir sehen also, daß es ungeheuer schwierig ist, über die geistigen
Gaben der Tiere ein Urteil abzugeben. Die Tiere sind uns durch manche
Sinne und ihre Instinkte überlegen. Hieraus erklärt es sich, daß die
einfachen Leute zu den Tieren, als zu ihren Lehrmeistern, emporsehen.
Dagegen sind solche zweckmäßige Handlungen, die auf Grund einer
wirklichen Ueberlegung erfolgen, bei Tieren sehr selten anzutreffen.
Ja, man möchte bezweifeln, ob sie überhaupt vorkommen.
Das im Kampf ums Dasein stehende Tier hat ja auch keine Zeit zur
Ueberlegung, wie schon beim Scheuen erwähnt wurde. Bei Gefahren
überlegt der Mensch auch nicht erst lange. Sieht er in der Nähe einen
Löwen oder Tiger auftauchen, so verfällt der Mensch nicht erst in ein
längeres Grübeln und überlegt sich die Sache nach allen Seiten. Er
richtet sich vielmehr nach seinen Instinkten. Genau so ist es, wenn er
durch einen Brand geweckt wird. Angesichts der eindringenden Flammen
denkt er auch nicht daran, erst lange zu überlegen.
Die Tiere haben also weniger Gehirn oder weniger Furchen im Gehirn und
mehr Instinkte, weil sie, die mitten unter Gefahren stehen, mit einem
Menschengehirn nichts anfangen könnten. Sie erreichen aber mit ihren
Instinkten mehr, als man denken sollte. Die menschenähnlichen Affen
werden in heißen Gegenden, wo die schrecklichsten Ungeheuer hausen, alt
und grau ohne Waffen, ohne Arzt und ohne alle anderen Hilfsmittel des
Europäers.
Es ist also richtig, daß das Tier nicht die geistigen Gaben besitzt
wie der Mensch. Es ist aber der Schluß falsch, daß es deshalb weniger
als der Mensch leisten könne. Mit seinen schärferen Sinnen und seinen
Instinkten ist es vielmehr dem Menschen in vielen Sachen überlegen.
72. Warum müssen wir das Pferd putzen?
Die Wildpferde werden nicht geputzt -- warum müssen wir Menschen es bei
unseren Hauspferden tun? Hierauf wäre folgendes zu antworten:
Alle Einhufer haben die Gewohnheit, sich zu wälzen, was jedenfalls zur
Anregung ihrer Hauttätigkeit geeignet ist. Demselben Zwecke dient wohl
auch das gegenseitige Schaben der Pferde, das man bei Zweispännern oft
beobachten kann.
Dadurch, daß wir das Pferd größer gezüchtet haben, ist seine
Gelenkigkeit beeinträchtigt worden, und ein Sichwälzen findet nicht
mehr so häufig statt wie früher.
Beim Esel dagegen ist das Sichwälzen sehr beliebt. Hiermit hängt die
Redensart zusammen: Wo der Esel sich wälzt, da muß er Haare lassen.
Das heißt: Der Verbrecher soll von dem Gerichte abgeurteilt werden, in
dessen Bezirk seine Tat begangen worden ist.
Das Putzen dient gewissermaßen als Ersatz des Sichwälzens. Wie wichtig
es für das Pferd ist, geht aus der Redensart hervor: Gut geputzt ist
halb gefüttert. Denn das Hauspferd hat im Gegensatz zum Wildpferd
schwer zu arbeiten und gerät deshalb häufig in Schweiß, was bei wilden
Einhufern selten vorkommt.
73. Redensarten und Sprichwörter vom Pferde.
Besprochen sind bereits oder selbstverständlich sind folgende:
Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul.
Ein gut Pferd ist seines Futters wert.
Ein Pferd schabt das andere.
Gut geputzt ist halb gefüttert.
Es stolpert oft ein Pferd, das vier Füße hat.
Von jemandem, der eine Sache verkehrt macht, sagt man:
Er zäumt das Pferd von hinten auf.
Dagegen heißt es von denen, die ihre Umgebung von oben herab behandeln,
daß sie
auf hohem Pferde (Rosse) sitzen.
Da nach allgemeiner Anschauung der Esel unendlich weniger wertvoll ist
als ein Pferd, so sagt man von dem, der aus einem hochstehenden Beruf
oder Amt in einen weniger hochstehenden gelangt:
Er setzt sich vom Pferde auf den Esel.
Eine unbestreitbare Wahrheit enthält der Vers:
Das Pferd, das am besten zeucht,
bekommt die meisten Streich.
Unwillkürlich wird das Pferd am meisten ausgenutzt und infolgedessen am
meisten gepeitscht, von dem man weiß, daß es am besten ziehen kann.
Gemietet Roß und eigene Sporen machen kurze Meilen.
Der Mensch liebt es, fremde Sachen, die ihm geliehen wurden, nach
Möglichkeit auszunützen. Seinem eigenen Pferde würde er Erholung
gönnen, aber ein fremdes hat sie nach seiner Anschauung nicht nötig. Er
wird sich für ein fremdes Pferd die schärfsten Sporen nehmen und diese
fleißig gebrauchen. So gelangt er schnell zum Ziel.
In den Sielen sterben
sagt man von einem Menschen, der wie ein Arbeitspferd bis zum letzten
Augenblicke tätig war.
In meiner Gegend war die Redensart üblich:
Die rauhsten Fohlen werden die glattsten Pferde.
Mein Vater hat sich oft damit getröstet, wenn wir Knaben wieder einmal
einen dummen Streich verübt hatten.
[Illustration: Pferdekoppel]
[Illustration: Pferde in der Schwemme]
Esel und Maultier
74. Das Aeußere des Esels.
In früheren Jahren konnte man in der Großstadt häufiger Eselfuhrwerke
sehen. Jetzt müssen wir es als ein besonderes Glück betrachten, daß wir
ein solches zu Gesicht bekommen und uns näher ansehen können.
Aeußerlich fallen am Esel seine langen Ohren, seine graue Farbe, seine
Kleinheit, sein fast kahler Schweif Und seine zierlichen Hufe auf. Er
sieht aus wie ein kleines Pferd mit gewissen Abweichungen. Natürlich
ist er unserem Pferde nahe verwandt.
Im Volke ist er sprichwörtlich wegen seiner Dummheit, Langsamkeit,
Faulheit und seiner Genügsamkeit. Nach allgemeiner Ansicht sind Disteln
sein liebstes Futter.
In südlichen Ländern, beispielsweise in den am Mittelländischen Meere
gelegenen Staaten wird niemand dieses Urteil unterschreiben. Dort ist
der Esel ein unbezahlbarer Gehilfe, der trotz seiner kleinen Gestalt
die größten Lasten trägt. Ein altgriechischer Dichter vergleicht einen
der stärksten Helden mit einem Esel, um den Kämpfer zu ehren.
Auch hier gibt uns die Abstammung des Esels Aufklärung über die
verschiedene Beurteilung des geplagten Geschöpfes. Wildesel leben in
den glühend heißen Ländern von Afrika und Mittelasien, und zwar in
gebirgigen Gegenden.
Jetzt wird uns sofort verschiedenes klar, nämlich folgendes:
Erstens, daß ein Tier, das aus den Gleichergegenden (Aequatorgegenden)
stammt, viel Wärme braucht. Das ist auch in der Tat der Fall. In
Deutschland ist es für den Esel bereits zu kalt. Deshalb gedeiht er bei
uns nicht ordentlich.
Zweitens erklärt sich seine graue Färbung als Schutzfärbung. Sein Fell
stimmt mit den Felsen und dem Geröll seiner Heimat überein, so daß er
von seinen schlimmsten Feinden, dem Menschen und den großen Katzen,
schwer entdeckt wird.
Auch der halbkahle Schweif hängt mit der Schutzfärbung zusammen. Im
Felsengewirr würde der dicke schwarze Streifen des Pferdes auffallen,
weil er sich von der vorherrschenden grauen Färbung abhebt, während das
in der Ebene viel weniger der Fall ist.
Drittens verstehen wir seine zierlichen Hufe und seinen im Gebirge so
sicheren Gang. Das Gebirge ist ja seine Heimat, und wer sicher auf
kleinen Stellen im Gebirge auftreten will, darf nicht die unförmigen
Hufe eines flämischen Pferdes haben.
Viertens. Auch die langen Ohren werden aus seinem Leben in der Heimat
verständlich. Wir sehen, daß alle Tiere sich durch auffallend lange
Ohren auszeichnen, die ihren eigentlichen Hauptsinn, den Geruch,
nur unter ungünstigen Umständen tätig sein lassen können. Das ist
beispielsweise beim Hasen, beim Wüstenfuchs und anderen Tieren der
Fall. Der Hase liegt mit aufgelegtem Kopfe in einer Bodenvertiefung.
In dieser Lage kann seine sehr feine Nase einen etwa 10 bis 20 Schritt
entfernten Menschen trotz günstiger Windrichtung nicht wittern,
falls dieser, was häufig der Fall ist, etwas höher steht. Denn die
Ausdünstung des Menschen geht über den Rücken des Hasen hinweg. Daher
ist die irrige Ansicht entstanden, daß der Hase nicht wittern kann. Wie
vorzüglich er riechen kann, sieht man in jedem Frühjahr, wenn er wie
ein Jagdhund in sausender Fahrt die Spur einer Häsin verfolgt.
Auch der Esel hat, wie das Pferd, eine ausgezeichnete Nase. Aber wie
oft läßt sie ihn im Felsengewirr im Stich! Die Witterung des Menschen,
des Löwen oder eines anderen Raubtieres, die hinter einem Felsen
lauern, geht an dem Esel vorbei, ohne in das Riechgebiet der Nase zu
gelangen.
Deshalb müssen sich Esel, Hase und Wüstenfuchs vor allen Dingen auf ihr
Gehör verlassen. Daher ihr fortwährendes Spitzen der Ohren. Daher die
ungewöhnliche Länge der Ohren bei den genannten Tieren.
Die Dummheit des Esels ist nicht so groß, wie sie gewöhnlich
hingestellt wird. Sie hat in vieler Hinsicht dieselben Gründe wie die
der Schafe, bei denen wir davon noch sprechen wollen.
Die Genügsamkeit des Esels ist für uns Menschen sehr wertvoll. Aber es
ist nicht richtig, daß Disteln ihm über alles gehen sollen. Wir werden
das gleich noch sehen.
75. Warum sieht man selten kranke Esel?
Während das Pferd einer Unmenge von Krankheiten unterworfen ist, muß
man geradezu suchen, wenn man einen kranken Esel finden will. Einen
schönen Fall von dem ungewollten Selbstmord eines Esels erzählt ein
Naturforscher: Krank wird der Esel nicht leicht, und frißt er sich
einmal zu Tode, so geschieht es wenigstens nicht in böser Absicht,
was man aus folgender Tatsache entnehmen mag: Einer meiner Freunde
besaß einen alten und einen jungen Esel; als des letzteren Geburtstag
gefeiert wurde, ließen die Kinder auch den alten am Feste teilnehmen,
gaben ihm eine große Menge reinen Hafers, und da feierte er denn so
eifrig, daß er daran starb. --
Solche Menschen, die sich den Geburtstag ihres Esels merken und ihn
gebührend feiern, sind sicherlich große Ausnahmen. Jedenfalls geht aus
dem Erlebnis hervor, daß der Esel Hafer noch viel lieber als Disteln
frißt.
Wie alle Einhufer, hat der Esel einen kleinen Magen und obendrein eine
Klappe davor. Ein gesunder Einhufer kann sich also nicht übergeben. Er
platzt, wenn er zuviel gefressen hat.
Wir haben vorhin (Kap. 62) darauf hingewiesen, daß das Pferd ein
Magerfresser ist. Der Esel ist es in noch höherem Grade. Gäbe man dem
Esel auch soviel Körnerfutter wie dem Pferde, so würde er auch koppen
und krank werden. Zum Glück verwöhnen wir den Esel nicht.
Es dürften also folgende beiden Gründe sein, weshalb der Esel so
selten, das Pferd so häufig krank ist.
Einmal haben wir dem Esel die dürre Fütterung seiner Heimat gelassen,
weil es uns sehr angenehm ist, daß er so genügsam ist.
Sodann haben wir den Esel so gelassen, wie ihn die Natur geschaffen hat.
Das Pferd dagegen haben wir größer gezüchtet, weil wir große Tiere
brauchten. Um die Größe zu erzielen, müssen wir viel Körner verfüttern,
was für ein Steppentier nicht naturgemäß ist.
Das Pferd würde noch viel häufiger erkranken, wenn es nicht als
Haustier die gesündeste Tätigkeit ausübte. Es ist den ganzen Tag in
der frischen Luft und arbeitet sich aus. Wie gesundheitsfördernd das
für das Pferd ist, ersehen wir an einer an Feiertagen nicht selten
auftretenden Krankheit, der sogenannten Osterwinde. Die Pferde bleiben
im Stalle und bekommen zur Feier des Tages ihr übliches Körnerfutter.
Die Folge davon ist nicht selten eine furchtbar schwere Erkrankung, die
Osterwinde.
76. Ziehhund oder Esel?
Wir haben uns jetzt das Aeußere des Esels verständlich gemacht und
wollen jetzt die Frage besprechen, weshalb man nicht allgemein statt
der Ziehhunde Esel verwendet.
Seit vielen Jahren wird gegen die Verwendung der Hunde zum Ziehen
gewettert. Diese Bestrebungen zeugen von dem guten Herzen der
Beteiligten und sollen deshalb sorgfältig geprüft werden. Allerdings
ist auch in diesem Falle, wie bei den Hüten für die Omnibuspferde,
vielfach Sachkunde zu vermissen.
Die Verwendung des Hundes zum Ziehen ist eine Tierquälerei, falls
1. der Hund übermäßig lange angestrengt wird oder übermäßige Lasten
zu ziehen hat,
2. Fütterung und Tränkung nicht genügend ist,
3. der Hund als früheres Nachttier bei glühender Mittagshitze ziehen
muß,
4. an den Ruhestellen kein trockenes Plätzchen zum Hinlegen ist,
5. er bei Kälte an den Ruhestellen nicht zugedeckt wird.
Pferde und Esel brauchen sich nicht hinzulegen zur Ruhe, wohl aber der
Hund.
Pferden erfrieren trotz der größten Kälte nicht die Beine, wohl aber
dem Hunde.
Ein Sachverständiger äußert sich über die vorliegende Streitfrage
folgendermaßen:
In vielen Gegenden spannen Leute, die oft geringe Lasten zu befördern
haben, statt der Esel Hunde vor, was schon oft getadelt, aber doch
nicht abgeschafft ist. -- Ziehen wir zwischen beiden einen Vergleich,
so stellt sich folgendes heraus: Der Hund ist leichter zu haben, weil
er sich sehr stark vermehrt, ist wohlfeiler, weil er ein Jahr alt
schon angespannt werden kann und weil er oft von Leuten, die ihn zu
Jagd- oder Metzgergeschäften dressieren wollten, aber dann unbrauchbar
fanden, sehr billig verkauft oder gar verschenkt wird. Soll ein Hund
jung kräftig wachsen, älter tüchtig ziehen, so muß er tüchtig und gut
gefüttert werden, und seine Ernährung kann leicht ebensoviel kosten wie
die eines Esels. Zu Hause kann er auch durch Nagen, Totbeißen anderen
Hausviehes usw. manchen empfindlichen Schaden tun, der beim Esel nicht
vorkommt.
Der Esel hat den großen Vorzug, daß er ebensowohl tragen als ziehen,
daß er 30 bis 40 Jahre tüchtig arbeiten kann, während ein Hund kaum 8
Jahre aushält und jedenfalls nur geringere Lasten fortschafft. -- Bei
diesen Vorzügen des Esels erklärt sich seine Seltenheit nur daraus,
daß er in der Jugend 2 bis 3 Jahre lang gefüttert werden muß, bevor er
außer dem Ertrag seines gut düngenden Mistes, Nutzen bringt, ferner,
daß er bei geringerer Vermehrung nicht leicht zu haben, endlich,
daß er aus eben diesen Gründen nicht wohlfeil ist. -- Ganz anders
möchte sich das Verhältnis gestalten, wenn Besitzer großer Güter oder
Aktiengesellschaften eine kleine, aber kräftige Eselsrasse in Menge
zögen und wohlfeil verkauften. -- Würden statt der Esel Pferdchen
kleinster Rasse gezogen, so würde das Unternehmen noch willkommener
sein. --
Der Sachverständige befindet sich im Irrtum, wenn er die Gebrauchszeit
eines Ziehhundes auf knapp acht Jahre angibt. Ich kenne eine Menge, die
bis zum fünfzehnten Jahre gezogen haben. Das ist auch der beste Beweis,
daß mäßiges Ziehen für einen großen Hund sehr gesund ist.
Der Kohlenhändler und andere Kellerbewohner haben deshalb einen
Ziehhund, weil er in einer Ecke des Kellers sein Lager haben kann und
obendrein noch wacht. Wo sollen sie einen Esel oder ein kleines Pferd
unterbringen? Futter für einen Hund ist immer noch leichter in einer
Großstadt zu beschaffen als Futter für einen Einhufer.
Manche Menschen bilden sich auf ihre Tierfreundlichkeit etwas ein,
wenn ihr großer Hund den Tag über auf dem Teppich liegt und als
einzige Bewegung das mehrmalige Hinausführen auf die Straße hat. In
Wirklichkeit liegt hier eine Tierquälerei vor, weil der Hund als zur
Bewegung geschaffenes Raubtier hierbei verkümmern muß. Ebenso sind
Maulkörbe mit einer ledernen oder blechernen Absperrung vor der Nase,
die den Hund am Riechen hindert, als Tierquälerei zu bezeichnen. Noch
schlimmer sind die armen Zwingerhunde daran. Warum hier nicht die
Tierschutzvereine eingreifen, ist schwer zu verstehen. Ich habe manchen
Aufenthalt in Jagdrevieren nur deshalb vorzeitig abgebrochen, weil ich
auf die Dauer das zum Herzen gehende Geheul der armen Zwingerhunde
nicht aushalten konnte.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, erkläre ich ausdrücklich, daß ich
ebenfalls grundsätzlich gegen die Verwendung des Hundes zum Ziehen
bin, weil die aufgezählten Bedingungen in der Praxis nicht immer
berücksichtigt werden.
77. Wie ist der Esel mit dem Maultier verwandt?
Maultiergespanne brauchen wir jetzt in der Großstadt nicht lange zu
suchen. Da taucht bereits ein solches vor uns auf, das einer Brauerei
gehört.
Die Verwandtschaft mit dem Esel ist, wie wir sehen, sehr groß. Lange
Ohren, dünn behaarter Schwanz und zierliche Hufe fallen uns sofort
in die Augen. Auch fehlt dem Maultier der stolze Ausdruck, den wir
beim Pferde lieben. Das Maultier hat als Mutter ein Pferd und als
Vater einen Esel. Beim Maulesel ist es umgekehrt. Uebrigens ist es
bestritten, ob es irgendwo wirkliche Maulesel gibt.
Was sonst selten vorkommt, können wir beim Maultier beobachten. Es
vereinigt die Vorzüge des Pferdes mit denen des Esels, nämlich die
Größe und Kraft des Pferdes mit dem sicheren Tritt des Esels. In
gebirgigen und warmen Ländern sind daher Maultiere sehr geschätzt.
Ferner ist das Maultier wie der Esel viel gesünder als das Pferd. Das
ist ein ungeheurer Vorzug. Es würde auch bei uns verbreiteter sein,
wenn es nicht manche unangenehmen Eigenschaften besäße. So ist es
störrisch und liebt es sich zu wälzen. Das ist besonders unangenehm,
wenn es soeben geputzt worden ist.
78. Wie erklärt sich die Abneigung des Pferdes gegen den Esel?
Trotzdem Pferd und Esel beide Einhufer sind, hat das Pferd eine
Abneigung gegen den Esel. Um ein Maultier zu züchten, muß man deshalb
künstlich diese Abneigung unterdrücken. Die Maultiere selbst pflanzen
sich nicht fort.