Sascha wurde mit verbundenen Augen an die Leine genommen und das

Geschirr mit den Glocken, denen man zuerst die Schwengel festgebunden

hatte, damit sie nicht läuten konnten, wurde ihm aufgelegt. Als das

getan war, befreite man Sascha von der Blende und ließ die Glocken

klingen. Wie wahnsinnig lief der Pony nun an der Leine im Kreise

herum. Wohl eine Stunde jagte er vollkommen toll dahin, bis man ihn

schaumbedeckt und atemlos endlich zum Stehen brachte. Nun dachte man,

er sei genügend erschöpft, um ihn an den Schlitten bringen zu können.

Sechs Mann spannten ihn ein, nachdem man vorsichtshalber das Geläute

abermals mit Tüchern umwickelt hatte, um den Schall zu dämpfen. Auf

jeder Seite hielten ihn zwei Mann, weitere zwei Mann waren zur etwaigen

Hilfeleistung bereit. Kaum hatte man das Geläute erklingen lassen,

schob Sascha mit unverminderter Vehemenz ab; es gab kein Halten. Der

Schlitten wurde total zertrümmert, vier Mann lagen am Boden und wurden

geschleift, und schließlich war man froh, als man durch schleuniges

Abnehmen des Geschirres der gefährlichen Geschichte ein Ende bereiten

konnte.

Sascha hat diese Scheu niemals überwunden, und dieses Ereignis blieb

unauslöschlich seinem Gedächtnis eingeprägt. In der Folge hatte er

nicht nur Angst vor Glockengeläute sondern auch jeder blaue Gegenstand

flößte ihm eine unbeschreibliche Furcht ein. Das Schlittengeläute war

nämlich mit zwei blauen Federbüschen verziert gewesen, und in Saschas

Gehirn waren offenbar die Begriffe der Gefährlichkeit von Glocken und

blauer Farbe jetzt vereinigt. Eine blaue Wagendecke durfte er nie zu

Gesicht bekommen, wollte man Unglücksfälle vermeiden; mit einem blauen

Kleid ließ er mich unter gar keinen Umständen in seine Box; noch viel

weniger konnte ich ihn mit einem Reitkleid dieser Farbe besteigen. Da

Schellengeläute im Winter polizeiliche Vorschrift ist, nahm ich stets

eine Glocke mit in den Schlitten und ließ sie nur, wenn durchaus nötig,

z. B. wenn ein Schutzmann in Sicht war, ertönen. Dies trieb Sascha dann

zwar zu sehr beschleunigten Gangarten, Unfälle konnten aber auf diese

Weise doch vermieden werden.

Ich glaube, daß Sascha, der einerseits ein außergewöhnlich gescheites

Tier war, doch in gewisser Hinsicht einen seelischen Mangel hatte. Es

war nicht alles Ungezogenheit bei ihm, manchmal schien er wirklich im

Gehirn nicht ganz in Ordnung zu sein. Besonders an sehr heißen Tagen

blieb er z. B. beim Reiten oder Fahren plötzlich stehen, schüttelte

mit dem Kopf und zeigte alle Zeichen von Dummkoller. Da er sich

gern verstellte, so war es schwer, eine etwaige Gehirnkrankheit von

einer Ungezogenheit zu unterscheiden. Mir war er gerade wegen dieser

Abweichung vom Standpunkte der Tierseelenkunde aus wertvoll. Ich

rechnete stets mit seiner Veranlagung und verzieh ihm aus diesem Grunde

viel.

Seine krankhafte Abneigung gegen blaue Farben und Glocken hat er in den

zehn Jahren seines Hierseins nie abgelegt, obwohl er sonst in seinen

alten Tagen braver und ruhiger geworden war. Auch meine Versuche,

ihn im Stall an diese Gegenstände zu gewöhnen, blieben erfolglos.

Er hungerte lieber drei Tage, als daß er an die Krippe, vor welcher

ein Geläute oder ein blaues Tuch befestigt war, heranging. Bei einem

Pferd, das weder Eisenbahn noch Dampfstraßenbahn, noch Militärmusik,

noch Schießen fürchtete, kann eine derartig unüberwindliche Angst

vor an sich harmlosen Scheugegenständen wohl nur auf ungewöhnlicher

Veranlagung beruhen.

Als Beispiel von Saschas Klugheit möchte ich noch erwähnen, daß er

entgegenkommenden Fuhrwerken immer von selbst richtig auswich, und

dies ist hier an der österreichischen Grenze keine Kleinigkeit. In

Oesterreich wird links, hier in Deutschland rechts ausgewichen; die

Salachbrücke bildet die Grenze. Sascha irrte sich nie und wechselte

regelmäßig in der Mitte der Brücke das Ausweichsystem. Ich konnte

ihm ganz ruhig die Zügel auf den Rücken legen, er hielt stets die

richtige Straßenseite ein. Die Salzburger Droschkenkutscher, die mit

Vorliebe in Bayern falsch ausweichen, hätten sich ein Beispiel an

Sascha nehmen können. Begegnete Sascha einem falsch ausweichenden

Wagen, so ließ er sich durchaus nicht irremachen, und wartete auf

der richtigen Straßenseite ruhig ab, bis ihm Platz gemacht war. Man

sollte glauben, daß gerade hier, wo ein Pferd sehr viel in Bayern, dann

wieder häufig in Oesterreich gefahren wird, es durch die verschiedenen

Ausweichsysteme verwirrt gemacht werden müßte. Bei Sascha war dies

nicht der Fall, und ich gewann von ungläubigen Bekannten mehrere Wetten

in dieser Angelegenheit. --

Die vorstehende Schilderung der vortrefflichen Pferdekennerin bestätigt

das früher Gesagte, daß männliche Pferde mit dem Gebiß und den

Vorderhufen kämpfen im Gegensatz zu den Stuten.

Höchst unwahrscheinlich klingt die Geschichte von dem richtigen

Ausweichen des Pferdes. In der Lebensgeschichte berühmter Gelehrter

lesen wir, daß sie als Freiwillige niemals rechts- und linksum

unterscheiden lernten. Hier wird von einem Pferde berichtet, daß es

in Deutschland und Oesterreich stets richtig auswich, obwohl das

Ausweichen in beiden Ländern verschieden ist. Ich kann mir kein Urteil

darüber erlauben, ob das wahr ist. Es ist hierbei selbstverständliche

Voraussetzung, daß stets über dieselbe Brücke gefahren wurde. Da die

Dame in ihrem Buche einen in jeder Hinsicht glaubwürdigen Eindruck

macht, so finde ich als einzigen Ausweg die Tatsache, daß die Tiere zum

Raume in einem ganz anderen Verhältnis stehen als der Mensch. Tiere

finden sich im Raume leichter zurecht als wir, wie ihr Ortssinn beweist.

Selbst diese vortreffliche Tierkennerin hält ein Pferd für

geisteskrank, weil es nicht mit Schellengeläut laufen will. Kann es

denn nicht begründete Ursache zu seinem Verhalten haben? Man nehme

einmal an, daß Sascha früher in Rußland bei einer Schlittenfahrt einen

Ueberfall durch eine Räuberbande oder durch Wölfe erlebte. Hierbei

wurde sein Herr oder der Kutscher oder ein Nebenpferd getötet, und er

selbst nur durch Zufall gerettet. Ist es nun nicht ganz natürlich, daß

ein Pferd bei seinem guten Gedächtnis ein solches Erlebnis nicht wieder

vergißt?

Schaffen wir Menschen nicht alle Gegenstände fort, die uns an höchst

unangenehme Vorkommnisse erinnern? Die meisten Menschen werden

überhaupt sofort verstimmt, sobald das Gespräch auf Dinge stößt, die

ihnen verdrießliche Sachen ins Gedächtnis zurückrufen.

Man hat dem Pferde mit Gewalt seine Abneigung gegen das Schellengeläute

austreiben wollen. Hierbei hat es stundenlang in seinem verzweifelten

Widerstand die blaue Farbe vor Augen gehabt. In der Folgezeit erinnerte

es die blaue Farbe an das Schellengeläute, und das Schellengeläute

wiederum an das furchtbare Ereignis. Auch das kann man nicht

unbegreiflich finden.

Sascha hat sich durch Verstellung und Widerstand von der Arbeit

gedrückt, wenn sie ihm nicht mehr paßte. Wir Menschen haben unsere

menschlichen Interessen wahrzunehmen gegenüber den Haustieren, die wir

füttern. Deshalb halten wir uns für berechtigt, ihren Widerstand zur

Arbeit durch uns zugängliche Mittel zu brechen, also durch Peitsche und

Sporen bei Pferden. Das ist alles ganz klar.

Eine ganz andere Frage ist es, ob ich ein Haustier, das sich der

Arbeit entziehen will, deshalb für dumm halten muß. Da ich noch keinen

Menschen angetroffen habe, der das Sichdrücken von der Arbeit für ein

Zeichen von Dummheit angesehen hat -- eher das Gegenteil --, so kann

ich also ein Tier nicht deshalb für töricht halten, weil sein Verhalten

uns Unannehmlichkeiten bereitet.

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, daß gute Tierkenner sehr leicht

zu einem ganz verschiedenen Urteil gelangen. Die Dame, die sich ihr

Leben lang mit Pferden beschäftigt hat, hält ihren Liebling für

teilweise geisteskrank und gibt die Gründe hierfür an. Ich glaube, daß

meine Bücher gezeigt haben, daß ich auch eine Kleinigkeit von Tieren

verstehe. Ich muß gestehen, daß ich keine Spur von Geisteskrankheit

entdecken kann und Sascha für ein ungewöhnlich kluges Tier halte.

67. Ueber richtige Behandlung der Pferde.

Es ist betrübend, daß erst eine Dame kommen und uns Männern so

verständige Worte über die richtige Behandlung der Pferde sagen mußte.

Die im vorigen Kapitel erwähnte vortreffliche Pferdekennerin gehört zu

den wenigen, die den äußerst feinen Geruch der Pferde oft hervorheben.

Als große Tierfreundin hielt sie sich allerlei Getier, darunter auch

eine zahme Löwin. Hierbei konnte sie täglich beobachten, daß die Löwen

wie alle Katzen ausgezeichnet sehen, Pferde dagegen vortrefflich

riechen können.

Mit Vorliebe kaufte sie solche Pferde, die andere Menschen für

vollkommen unbrauchbar erklärten und deshalb los sein wollten. Sie

sagte sich mit Recht, daß die Pferde schon ihren Grund zu ihrem

Verhalten haben werden. Sobald sie diesen Grund herausgefunden hatte,

konnte sie das Tier wie jedes andere gebrauchen. Nur mußte sie auf die

bestimmte Eigenart Rücksicht nehmen.

Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete sind sehr lehrreich und so sollen

einige hier ihre Stelle finden:

Als ich eine neugekaufte Stute das erstemal ritt, machte sie,

neben anderen Unarten, auch ganz plötzlich kehrt in der Nähe eines

Wirtshauses. Da dort ein Planwagen stand, so glaubte ich, dieser sei

die Ursache ihrer Furcht gewesen. In der Folge bemerkte ich aber,

daß ihr derartige Wagen, die ihr auf der Straße begegneten, ganz

gleichgültig waren, während sie sich einzelnen Häusern, besonders

Gasthäusern, mit allen Anzeichen der Furcht näherte, auch wenn

keinerlei Gegenstände, vor denen Pferde scheuen, dort zu sehen waren.

Sie machte plötzlich Kehrt und warf sich mit solcher Schnelligkeit auf

den Hinterfüßen herum, daß ich mich sehr in acht nehmen mußte nicht

herunterzufliegen. Nur nach langem Kampf konnte man sie an einzelnen

Stellen vorbeibringen.

Es bedurfte einer längeren Untersuchung, um herauszufinden, was

die eigentliche Ursache ihrer Furcht und der damit verbundenen

Widersetzlichkeit war. Schließlich stellte ich fest, daß die Stute

eine wahnsinnige Angst vor Blutgeruch hatte. Auf dem Land wird in

den meisten Gasthäusern geschlachtet, und diesen näherte sich die

Stute stets mit allen Anzeichen der Furcht. Schon von weitem begann

sie zu schnauben und zu pusten und fing mit ihrer Widersetzlichkeit

an, um sich, wenn irgend möglich, das Vorbeigehen am Wirtshaus zu

ersparen. Als ich sie einmal in einem solchen einstellte, wollte mir

der Hausknecht beim Absatteln behilflich sein. Die Stute wurde ganz

toll vor Angst, als der Mann, der, wie er mir dann sagte, kurz vorher

beim Schlachten beschäftigt gewesen war, sich ihr näherte. Sie wäre mir

bei dieser Gelegenheit fast davongelaufen; ich hatte alle Mühe sie zu

halten.

Ich wollte nun feststellen, warum dieses Pferd eine derartig

außergewöhnliche Angst vor Schlachthäusern hatte, und schließlich

konnte ich den Grund herausfinden. Der Stute war seinerzeit bei

einem Metzger der Schwanz gekürzt worden, und die Erinnerung an die

Verstümmelung blieb für sie unauslöschlich mit Schlachthausgeruch

verbunden. Erinnerungsvermögen und Geruchssinn sind beim Pferde

hochentwickelt.

Der Widerstand dieser Stute beruhte also keineswegs auf Bosheit,

sondern lediglich auf Furcht. Menschen, die der Sache nicht auf den

Grund gegangen wären, hätten das arme Tier natürlich als vollkommen

störrisch betrachtet, wenn es ohne anscheinende Ursache sich weigerte,

an gewissen Stellen vorbeizugehen. Tiere tun selten etwas ohne Grund;

bemüht man sich ein wenig sie zu verstehen, ihnen zu folgen, so wird

man meist einen, von ihrem Standpunkte aus gesehen, triftigen Grund für

ihre Handlungsweise feststellen. Viele Menschen finden dies aber nicht

der Mühe wert, sie fertigen derartige Tiere nur mit den Worten ab: »Der

dumme Bock scheut vor allem.« Dumm braucht das Tier deshalb noch nicht

zu sein. Wenn es mit einem Gegenstand einmal schlechte Erfahrungen

gemacht hat, so ist es ganz natürlich, daß es sich auch in Zukunft

vor demselben fürchtet, denn die Fähigkeit, logisch zu denken, geht

ihnen ab. Sache des Menschen ist es, das Tier in solchen Fällen durch

geeignete Mittel von der Grundlosigkeit seiner Furcht zu überzeugen,

ihm Vertrauen und Mut einzuflößen.

Bei dieser Stute schien die Nase ganz besonders entwickelt gewesen zu

sein. Alle Ursache ihres Scheuens konnte man auf irgendwelche Witterung

zurückführen.

Einmal machte sie mir mitten auf der Landstraße ohne jeden Anlaß

kurz kehrt, und da ich genau wußte, daß in der ganzen Gegend kein

Gasthaus und keine Metzgerei vorhanden waren, mußte diese scheinbare

Ungezogenheit auf anderen Gründen beruhen. Weit und breit war nichts zu

sehen; ich zweifelte aber trotzdem nicht, daß meine Stute irgend etwas

bemerkt hatte, was menschlichen Sinnen eben nicht wahrnehmbar ist.

Ich zwang sie weiter zu gehen. Durch ein Nachgeben in solchen Fällen

würde das Pferd selbstverständlich verdorben werden. Es würde später

im Gefühle seiner Macht auch aus anderen Gründen als dem der Furcht

kehrtmachen. Das Tier muß sich also stets bewußt sein, daß es eine

Auflehnung gegen den Willen seines Herrn nicht gibt. Hat man in einem

solchen Kampf einmal den Kürzeren gezogen, so kann die Mühe von Wochen

umsonst sein, und die Dressur muß von neuem beginnen. Es gilt dies

nicht bloß vom Umgang mit Pferden, sondern von allen Tieren.

Ich war also etwa 300 Meter weiter geritten, als ich bei einer

Wegbiegung am Rande eines Waldes eine Zigeunergesellschaft mit Bären

und Kamelen lagern sah. Nun war das Benehmen meiner Stute schon erklärt.

Die Furcht vor Raubtieren ist dem Pferde gleich allen anderen

Geschöpfen eigen, und die Natur hat ihm die feine Nase und die

Schnelligkeit verliehen, um diese Gefahren zu wittern und ihnen zu

entfliehen. Es lag also auch in diesem Fall eine von seinem Standpunkt

aus ganz verständliche Handlungsweise vor.

Die Scheu vor Raubtieren konnte ich ja bei meinen Pferden am besten

beobachten. Ging ich in den Stall, nachdem ich kurz vorher meine

zahme Löwin gestreichelt hatte, so nahmen meine Pferde keinen Zucker

aus meiner Hand. Unter Schnauben und Pusten zogen sie sich in die

entfernteste Ecke ihrer Box zurück.

* * * * *

Alles, was die Dame hier von der Behandlung der Pferde gesagt hat,

kann man nur unterschreiben. Zur Bestätigung ihrer Angaben von dem

feinen Geruch der Pferde und ihrer Furcht vor Blut und Raubtieren sei

folgendes angeführt.

In heißen Ländern sind Reiter oft durch ihr Pferd vor dem Tode des

Verdurstens gerettet worden. Es fand nämlich durch seinen feinen Geruch

verborgenes Wasser, das der stumpfen menschlichen Nase vollkommen

entgangen war.

Ein Bekannter von mir, ein vorzüglicher Reiter, kommt nach Hause

geritten und wird von dem sonst ruhigen Pferde um ein Haar aus dem

Sattel geschleudert, da es urplötzlich davonstürmt. Er geht der

Sache auf den Grund und stellt fest, daß in seiner Abwesenheit eine

Zigeunerbande mit einem Bären auf dem Gehöft geweilt hatte.

Etwas Aehnliches ereignete sich vor vielen Jahren auf einer Fähre. Ein

sonst frommes Pferd will plötzlich auf der Fähre mit dem Wagen und

seinen Insassen in den breiten Strom springen. Nur mit Mühe kann ein

gräßliches Unglück vermieden werden. Auch hier wird festgestellt, daß

eine Zigeunerbande mit Bären und Kamel vorher die Fähre benutzt hatte.

Man ersieht hieraus, wie notwendig es ist, daß die Fähre, wenn sie

Raubtiere übergesetzt hat, gereinigt oder doch mit Wasser übergossen

wird. Wenigstens muß es an den Stellen geschehen, wo die Tiere gelegen

haben.

68. Die geistigen Fähigkeiten der Tiere.

Wir haben jetzt eingesehen, wie außerordentlich schwierig es ist,

die geistigen Fähigkeiten der Tiere zu beurteilen. Die Tierliebhaber

erheben sie in den Himmel, während die Gegner die Tiere nur als

Maschinen betrachten. Als im Jahre 1904 der sogenannte »kluge Hans«

vorgeführt wurde, glaubten viele Berliner, die sich das Pferd des

Herrn von Osten angesehen hatten, daß ein Pferd sich durch geeigneten

Unterricht, wie ihn Herr von Osten erteilt hatte, die Kenntnisse eines

zwölfjährigen Knaben, namentlich aber Lesen und Rechnen, aneignen kann.

Nehmen wir einen Fall, wie er sich in Wirklichkeit unzählige Male

ereignet hat. Wir haben uns vollständig verirrt. Der Kutscher weiß

nicht mehr, wo der richtige Weg ist. Es wird dunkel, und wir fangen an

zu frieren. Niemand ist weit und breit, den wir nach dem Wege fragen

könnten. Da macht der Kutscher es, wie es so oft schon geschehen ist,

-- er überläßt dem Pferde die Führung. Und das Pferd schlägt ohne

Besinnen einen Weg ein, der uns in stockdunkler Nacht nach unserm Ziele

bringt.

Oder wir wollen an den vorher erwähnten Reiter denken, der, von Durst

gemartert, schon zu phantasieren beginnt und die Zügel nicht mehr

halten kann. Da fängt sein Pferd plötzlich an, im Sande zu scharren,

und nach kurzer Zeit ist eine unterirdische Quelle freigelegt.

Oder ein Jäger hat bei Eintritt der Dämmerung einen Rehbock geschossen.

Er hat keine Zeit, den nächsten Morgen abzuwarten. Deshalb holt er

seinen Hund und wartet zunächst die Zeit ab, die nach solchen Schüssen

üblich ist. Inzwischen ist es so dunkel geworden, daß man nicht mehr

die Hand vor Augen sehen kann. Der Jäger braucht also eine Laterne, um

überhaupt die Stelle wiederzufinden, wo der Rehbock gestanden hat. Auf

diese Anschußstelle führt er den Hund. Dieser läuft mit gesenkter Nase

der Fährte nach. Es dauert nicht lange, so hört der Jäger das Gebell

seines Hundes, das ihm anzeigt, daß er den Bock gefunden hat. Wo der

Mensch nichts sah, findet der Hund einen geschossenen Rehbock.

Kann man es im Ernste einfachen Leuten verdenken, daß sie, wenn sie

solche Sachen erlebt haben oder täglich erleben, von der Klugheit

der Tiere schwärmen? Die Gegner haben ja natürlich darin durchaus

recht, daß die Tiere diese Leistungen nicht auf Grund geistiger Gaben

verrichten. Der Hund findet den Rehbock in der dunklen Nacht, weil

seine Augen in der Dunkelheit viel besser sehen können als die des

Menschen, und weil sein Geruchssinn ganz unabhängig davon ist, ob

es hell oder dunkel ist. Das Pferd findet das unterirdische Wasser

ebenfalls durch die feine Nase und den Weg nach dem Ziele durch seinen

Ortssinn. Ebenso ist das Pferd nicht deshalb sehr klug, weil es sich

von einer Fata morgana, dem Spiegelbilde einer Oase, in der Wüste

nicht täuschen läßt, wie es den Menschen passiert. Das Pferd als

Nasentier traut seinen Augen überhaupt nicht, und für die Nase ist das

Spiegelbild gleichgültig.

Führen wir noch weitere Fälle an, die hierhin gehören:

Ich nehme ein junges Kätzchen und setze es auf eine Tischplatte. Ich

kann ganz unbesorgt sein -- das erst einige Wochen alte Tier fällt

nicht hinunter.

Oder ich nehme es an das offene Fenster. Es wird ebenfalls nicht

hinunterfallen, während man Kindern fortwährend zurufen muß: Nehmt euch

in acht, damit ihr nicht hinunterfallt!

Jetzt setze ich das Kätzchen auf eine Holzplatte und stelle die Platte

schräg. Sofort bringt es seine Krallen zum Vorschein und hält sich fest.

Wie oft fliegen Vögel, wenn sie ein böser Bube ausnehmen will,

sofort ohne jeden Unterricht aus dem Neste! Ich zog einmal einen

jungen Kuckuck groß, der in einem Bauer stak. Er hatte noch niemals

Flugversuche gemacht. Eines Tages flog er vom Tische in dem Garten, wo

ich ihn fütterte, tadellos nach dem nächsten Baum und setzte sich auf

einen Ast.

Wenn man sich die Schwierigkeit des Fliegens vorstellt, dann muß man

staunen, daß ein Tier ohne jede Anleitung sofort alles richtig macht.

Abfliegen, Fliegen, Anhalten, Sichsetzen auf den Ast. Niemand konnte

dem Kuckuck ansehen, daß er das alles zum ersten Male macht.

Solche äußerst zweckmäßigen Handlungen sehen wir bei den Tieren in

zahlloser Menge. Sie erkennen ihre Feinde, wissen die passende Nahrung,

vermeiden giftige Stoffe, suchen Heilpflanzen auf, wandern zur rechten

Zeit, wissen den Gefahren der Witterung zu entgehen usw. So nahmen

Krähen, die der Jäger durch Phosphorpillen vernichten wollte, als

Gegenmittel Ebereschenbeeren und wurden dadurch wieder gesund. Wo

der Mensch Unterricht und Belehrung braucht, Aerzte aufsuchen muß

und tausend andere Schwierigkeiten überwinden muß, um sein Leben

durchzuführen, können wir bei den Tieren nichts Derartiges beobachten.

Und trotzdem leben sie doch. Ja, die Tiere in der Freiheit leben sogar

viel gesünder als unsere Haustiere.

Wie sollen wir uns das, was sich alltäglich vor unseren Augen abspielt,

erklären?

69. Was verstehen wir unter »Instinkt« bei den Tieren?

Weil wir für die zuletzt genannten Handlungen keine Erklärung finden

können, so haben wir uns darüber geeinigt, daß wir als Grund für diese

unbewußt zweckmäßige Handlungsweise den »Instinkt« angeben.

Der große Naturforscher Darwin hat den Instinkt in folgender Weise zu

erklären versucht. Er behauptet, daß die zweckmäßige Handlungsweise

vor Urzeiten von einem Vorfahren zufälligerweise angewendet wurde. Da

sich die Handlungsweise als zweckmäßig erwies, so kam das Tier dadurch

in einen Vorteil vor seinen Artgenossen. Es vererbte seine zweckmäßige

Handlungsweise auf seine Nachkommen.

Diese Erklärung ist sehr gelehrt, ist aber mit den Tatsachen durchaus

unvereinbar. Elefantenherden überschreiten die Gebirge an den

günstigsten Stellen, so daß sie seit Urzeiten für die Menschen als

Lehrmeister im Wegebau dienen. Genau so ist der Eisbär in unwegsamen

Polarländern der Wegweiser für Polarreisende. Wir können uns keine

Vorstellung davon machen, woran ein Elefant bei einem riesigen Gebirge

den zum Ueberschreiten günstigsten Paß erkennt. Sein Auge ist obendrein

auffallend schwach, und sein feiner Geruch kann ihm am Fuße eines

Gebirgsstocks ebenfalls nichts nützen.

Elefanten bleiben stets in Herden. Es ist also ausgeschlossen, daß ein

einzelner Elefant durch Zufall die Uebergangsstelle gefunden hat.

Wäre der Instinkt eine vererbte Fähigkeit, so müßte sie versagen,

sobald neue, ungewohnte Verhältnisse vorliegen. Ist das der Fall?

In der Wirklichkeit ist davon nichts zu merken. Im achtzehnten

Jahrhundert hat ein Sonderling in der Nähe von Kassel eine Affenkolonie

gegründet. Diese Tiere bewegten sich vollkommen frei und gediehen trotz

unserer kalten Winter prächtig.

Wir müssen unsere Kinder immer wieder warnen, daß sie keine unbekannten

Früchte oder Beeren essen. Trotzdem kommen alljährlich Vergiftungsfälle

vor. Woher wußten nun die Affen, welche Beeren und Früchte für sie

bekömmlich waren oder nicht? Sie stammten aus Afrika, und ihr vererbtes

Wissen konnte ihnen in Deutschland doch nichts nützen.

Früher gab es kein Saccharin und keine Kunstwaben. Wenn der Instinkt

auf Vererbung beruht, so müßten die Bienen dem Saccharin und den

Kunstwaben ratlos gegenüberstehen. Das Gegenteil ist eingetreten, wie

die Bienenzüchter übereinstimmend bekunden. Alle Bienen haben das

Saccharin abgelehnt, und alle haben die Kunstwaben benützt. Die Sache

mit dem Saccharin können wir uns zur Not erklären. Der Süßstoff hat

den feinriechenden Bienen übel gerochen. Aber weshalb alle Bienen die

Kunstwaben angenommen haben, bleibt ein vollkommenes Rätsel.

Wir müssen uns also bescheiden und offen zugeben, daß wir vorläufig für

den Instinkt keine zufriedenstellende Erklärung geben können.

Auch bei uns Menschen spielt der Instinkt eine weit größere Rolle,

als man gewöhnlich annimmt. Insbesondere lassen sich Frauen von ihren

Instinkten in vielen Fällen leiten. Es kommt oft vor, daß eine Frau

erklärt, wenn ihr Mann einen Bekannten einführt: »Schaffe mir diesen

Menschen aus den Augen -- ich kann ihn nicht leiden!« Einen Grund für

diese Abneigung kann sie nicht angeben, aber sie verläßt sich auf ihren

Instinkt.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 15 / 30 段