stammen, sind für die Gewächse dieser Gegend passend gebaut. Hierhin
gehören beispielsweise unser Pferd, das Schaf, das Kamel usw. Man
könnte sie als Magerfresser bezeichnen im Gegensatz zu dem in den
fruchtbaren Niederungen heimischen Schwein. Es ist bekannt, daß Kamele,
die man in fruchtbare Länder versetzt, dort nicht etwa Prachtkamele
werden, wie die Durchschnittsmenschen meinen, sondern sterben.
Das Pferd stammt aus der Steppe, also einer Hungerleidergegend.
An sich dürfte es nur mit Gräsern und nur im Herbste mit Körnern
gefüttert werden. Das ist aber deshalb ganz unmöglich, weil wir dem
Pferde künstlich eine Größe angezüchtet haben, die das Wildpferd nicht
besitzt. Diese Größe muß erhalten werden, und das kann nur durch
reichliches Futter geschehen.
Sodann lassen wir das Pferd viel und schwer arbeiten, während das
Wildpferd nach unseren Begriffen den Tag über bummelt. Auch dieses
schwere Arbeiten erfordert eine entsprechend bessere Fütterung.
Hafer ist das Gewächs eines kärglichen Bodens, und deshalb ist Hafer
das bekömmlichste Futter für Pferde.
Weil Pferde ursprünglich Gräserfresser waren, deshalb fehlt ihnen bei
ausgesprochenem Körnerfutter die zur Füllung des Magens erforderliche
Menge. Um dieses Unbehagen zu beseitigen, sind die Pferde auf ein ganz
merkwürdiges Auskunftsmittel verfallen. Sie pumpen sich Luft in den
Magen ein, was wir als »Koppen« bezeichnen. Hiergegen sind unzählige
Mittel angewendet worden, doch wird man nicht behaupten können, daß sie
großen Erfolg gehabt haben. Das Koppen ist einfach eine Folge der nicht
naturgemäßen Fütterung. Den Russen war es schon längst bekannt, daß
ihre an Gräser gewöhnten Steppenpferde zu koppen begannen, sowie sie
Körnerfutter erhielten.
Sehr häufig hört man Tierfreunde jammern, daß ein Pferd nicht in Ruhe
fressen kann, wenn ein Fahrgast in eine Droschke einsteigt, während
das Pferd noch nicht mit Fressen fertig ist. Diese Klage ist grundlos.
Das Pferd als Pflanzenfresser muß fortwährend auf der Hut sein, ob ein
Feind es nicht überfällt. Sein Leben zerfällt also in folgender Weise:
Etwas fressen, dann plötzlich laufen, wieder etwas fressen, dann wieder
laufen und so weiter.
Eine Störung beim Fressen schadet also einem Pflanzenfresser wenig,
ganz besonders wenig aber einem Pferde. Wir verstehen jetzt, daß das
Pferd einen auffallend kleinen Magen hat. Es ist ganz verfehlt, wenn
der Landwirt klagt: »Wie konnte der liebe Herrgott einem so großen
Tiere einen so kleinen Magen geben!« Hätte das Pferd ein schneller
Renner sein können, wenn es einen großen Magen besäße, der bis oben
heran voll gefüllt war? Gewiß nicht. Wir wissen ja, daß ein voller
Bauch nicht gern studiert. Würde der Mensch sich nach der Lebensweise
der Wildpferde richten, so würde er zwei Fliegen mit einer Klappe
schlagen, nämlich folgende zwei:
Erstens würde er durch möglichst häufiges Füttern -- wie es bereits die
gewitzigten Pferdehändler tun -- weniger Futter brauchen. Wie Versuche
an Militärpferden ergeben haben, leistet ein Pferd dieselben Dienste
wie früher bei weniger Futter, wenn es nur häufiger gefüttert wird.
Sodann würde die Kolik, dieser ewige Alp der Pferdebesitzer, ebenso
andere Krankheiten, die auf Ueberfütterung beruhen, ganz gewaltig
zurückgehen.
Im Gegensatz zu den Pflanzenfressern wollen alle Raubtiere ihre Beute
in Ruhe verzehren, da sie es so in der Natur gewöhnt sind. Sie sind
deshalb sehr empfindlich gegen Störung. Auch Wiederkäuer wollen beim
Wiederkäuen nicht gestört sein, da sie in diesem Zustande als wilde
Tiere irgendwo in einem Gebüsch oder an einer verborgenen Stelle
liegen.
63. Geht es auch ohne Peitsche?
Die Rollwagenpferde müssen jetzt wieder anziehen und erhalten einige
kräftige Hiebe mit der Peitsche. Wie wir schon aus der Ladung vermuten
konnten, geht die Fahrt nicht weit. Bereits nach einigen Häusern wird
halt gemacht. Die Pferde müssen hier das Abladen gewöhnt sein, denn sie
halten aus eigenem Antriebe an.
Da bei manchen tierfreundlichen Völkern des Morgenlandes Peitsche und
Sporen nicht zur Anwendung gelangen, so ist die Frage naheliegend, ob
wir nicht auch ohne diese Werkzeuge auskommen könnten.
Es wäre das in der Tat sehr schön, aber bei unseren deutschen Pferden
ist mit bloßen Worten nichts zu erreichen. Ich habe verschiedene
tierfreundliche Landwirte kennengelernt, die ohne Peitsche das Pferd
ziehen lassen wollten. Aber auf die Dauer geht es nicht. Das Pferd
bleibt plötzlich stehen und scheint zu sagen: »Ich habe heute genug!«
Auch wenn man keine Sporen am Stiefel hat, ist man machtlos.
Also Peitsche und Sporen sind tatsächlich bei unseren Pferden, soweit
man sich darüber ein Urteil erlauben darf, erforderlich. Damit ist aber
das grundlose rohe Peitschen nicht entschuldigt, ebenso ist damit nicht
gesagt, daß nicht allmählich auf diesem Gebiete eine Besserung möglich
wäre.
Das Anhalten der Pferde aus eigenem Antriebe an Stellen, wo ihr Herr
zu rasten pflegt, ist eine allbekannte Erscheinung. Merkwürdigerweise
legt man hierbei wiederum den Pferden Absichten unter, die ihnen
ganz fern liegen. So kann man mit ernster Miene erzählen hören, daß
ein Pferd seinen Reiter zur Wohltätigkeit zwang. Das kam nämlich
folgendermaßen. Es lieh sich jemand ein Pferd von einem Manne, der
wegen seiner Wohltätigkeit bekannt war. Der Reiter, der es sehr eilig
hatte, war sehr bestürzt darüber, daß das Pferd vor jedem Bettler, der
den Hut zog, stehen blieb und nicht eher weiterging, bis er dem Bettler
eine Kleinigkeit gegeben hatte. Richtig ist folgender Tatbestand. Das
Pferd bleibt vor einem den Hut ziehenden Menschen stehen und geht nicht
eher weiter, als bis sein Herr eine Münze gegeben oder wenigstens eine
Handbewegung gemacht hat, die hierauf schließen läßt. Mit Wohltätigkeit
hat das nicht das mindeste zu tun. Das Pferd will lediglich stehen
bleiben, und zwar möglichst lange stehen bleiben. Denn wenn es auch
seine Arbeit verrichtet, so ist ihm Ruhe noch lieber.
Das Pferd hält also nicht an, damit der Mensch ein Vergnügen hat, etwa
in das Wirtshaus geht oder seinen Freund besucht, sondern lediglich
seinetwegen, damit es eine Ruhepause hat. Das ist eigentlich auch ganz
selbstverständlich.
Wiederum ziehen die Rollpferde an und entschwinden unsern Augen, als
sie um die Ecke wenden. Etwas haben wir doch von ihnen gelernt.
64. Die Feinde des Pferdes.
Schon früher haben wir erwähnt, daß für die Wildpferde außer dem
Menschen der schlimmste Feind der Tiger ist. Ebenso ist bereits der
Angriff der Wölfe auf eine Pferdeherde geschildert worden. Auch der Bär
tritt in einzelnen Gegenden, z. B. am Ural als gefährlicher Feind der
Pferde auf.
Den großen Katzen gegenüber ist das Pferd regelmäßig verloren. Zebras
wagen gegen den Löwen, der sie überfallen hat, gar keinen Kampf. Nur
einmal habe ich davon gelesen, daß ein Zebra durch einen glücklichen
Hufschlag den König der Tiere getötet hatte. Da der Löwenschädel mit
dem eingeschlagenen Stirnbein gefunden wurde, ist an der Wahrheit des
Vorganges nicht zu zweifeln. Man kann daraus die ungeheure Kraft der
Hinterfüße der Einhufer erkennen. Denn der Löwenschädel ist besonders
hart.
Nach den Schilderungen mancher Reisenden sollen die Hengste gegen den
Bären aufgerichtet losgehen und ihn mit den Vorderhufen niedertrommeln.
Das werden jedenfalls nur Ausnahmefälle sein.
Der Durchschnittswolf wird ein Durchschnittspferd wohl überwältigen,
namentlich wenn es angespannt ist und sich nicht verteidigen kann.
Immerhin gibt es Pferde, die jeden Wolf in die Flucht schlagen. Ein
glaubwürdiger Bericht meldet sogar von einem Pferde, das gegen mehrere
Wölfe siegreich blieb. Er soll hier eine Stelle finden:
Wegen der Unsicherheit der Reisenden und der Fuhrleute während der
Zeit des ganz Deutschland verheerenden Dreißigjährigen Krieges
pflegten die Frachtfahrenden sich zahlreich zu vereinigen, um durch
gemeinschaftliche Wehr sich besser verteidigen zu können. Einer von
diesen Fuhrleuten hatte ein Pferd, das in allen Ställen Händel anfing,
um sich schlug und biß. Sein Herr selbst war nicht sicher dabei, und
hatte oft mit seinen Kameraden deshalb Ungelegenheit. Als einst dieser
vereinigt mit andern Fuhrleuten gegen Abend an einem Gebirge und hohlen
Wege von drei heißhungrigen Wölfen angefallen wurde, mit denen sie
lange zu streiten hatten, und die sich nicht ohne Beute abweisen lassen
wollten, wurden die Fuhrleute einig, dem erwähnten Fuhrmanne sein Pferd
zu bezahlen, um es den Wölfen preiszugeben. Dieser spannte es auch nach
dem Vergleich sofort aus. Die hungrigen Wölfe machten sich sogleich an
diese Beute, das Pferd aber schlug um sich, riß aus und ging waldein.
Die Fuhrleute eilten indes in Sicherheit und freuten sich, bei dieser
Gelegenheit ein unbändiges Roß aus ihrer Mitte entfernt zu sehen.
Abends, da sie in dem Wirtshaus zu Tische sitzen, klopft etwas an, und
da die Magd die Obertür aufmacht, reckt das Pferd den Kopf hinein. Die
Magd erschrickt, schreit überlaut und ruft die Fuhrleute herbei; diese
freuten sich sehr, den heldenmütigen Ueberwinder dreier Wölfe, zwar
sehr verletzt, aber doch seinem Herrn getreu zu erblicken. Sie vergaben
ihm von dieser Zeit an gern seine übrigen bisher verübten Unarten.
Die vorstehende Erzählung scheint deshalb glaubhaft zu sein, weil
gerade ein bissiges, unbändiges Pferd sich am besten gegen Raubtiere
verteidigen wird.
Als Feind der Pferde ist noch die Panik zu erwähnen, die angeblich
grundlos manche Herden halbwilder Pferde in Südamerika überfällt
und sie zu einer rasenden Flucht veranlaßt, wobei viele in Abgründe
stürzen. Wahrscheinlich ist diese Panik nur ein gemeinsames Durchgehen
der Herden und hat ihren Grund in Dingen, die unsern stumpfen Sinnen
entgehen.
65. Warum können Fohlen gleich auf den Beinen stehen?
Ein guter Bekannter hat uns die Erlaubnis erteilt, uns sein einige Tage
altes Fohlen anzusehen. Diese Gelegenheit wollen wir uns nicht entgehen
lassen.
Ein neugeborenes Fohlen ist, wie die meisten jungen Tiere, ein
allerliebstes Geschöpf. Es schaut noch so vertrauensvoll in die Welt
und ahnt noch nicht, was ihm alles droht. Es fällt uns besonders auf,
daß es schon laufen kann, sodann, daß es so lange Beine besitzt, und
schließlich sein wolliges Haar.
Warum liegen junge Hunde und Katzen wochenlang, ehe sie ordentlich
laufen können, während junge Pflanzenfresser, also Fohlen, Kälber,
Zicklein und Lämmer gleich auf den Beinen stehen können? Junge Hunde
und Katzen entwöhnt man gewöhnlich erst nach sechs Wochen.
Auch hier gibt uns wieder die Lebensweise der wilden Verwandten
Aufschluß.
Hunde und Katzen sind früher Raubtiere gewesen. Wer soll der
Wildhündin, die mit ihren Jungen in einer Höhle liegt, etwas Böses
antun? Aehnlich liegt die Sache bei der Wildkatze. Die Anzahl der
Feinde ist sehr klein, und die Gefahr, falls die Mutter anwesend ist,
sehr gering.
Ganz anders liegt die Sache bei den Pflanzenfressern. Zwar können
sich die meisten gegen schwache Feinde verteidigen, aber gegen große
Feinde sind sie machtlos. Gegen einen Löwen kann beispielsweise eine
Zebraherde nichts ausrichten.
Würden die Fohlen, Kälber und andere junge Pflanzenfresser ebenso
unbeholfen sein wie junge Hunde und Katzen, dann wären sie längst
ausgerottet.
Da die Pferde viel leichter flüchten als die wehrhaften Rinder, so
müssen die Fohlen bald nach der Geburt mit der Herde bereits wandern
können.
Jetzt verstehen wir die unverhältnismäßig langen Beine des Fohlens und
seine Fähigkeit, schon so jung laufen zu können.
Unser Bekannter, Herr Glänisch, erzählt uns noch allerlei von seinen
Pferden. So erfahren wir, daß die Stute 7 Jahre alt ist, wer der Vater
des Fohlens ist u. dgl.
Die Frage liegt nahe, weshalb bei den meisten Haustieren der Vater sich
nicht um die Aufzucht der Jungen kümmert.
Wir sehen in der Tierwelt, daß manche Väter sich aufopfern. So
schleppen manche Vogelmännchen von früh bis spät Futter für die
Jungen zu. Beispielsweise ist auch der Schwan ein guter Vater. Aber
Hahn, Erpel, Hund, Kater usw. denken wenig daran, sich um ihre
Nachkommenschaft zu kümmern.
Da bei den freilebenden Tieren, z. B. den so häßlichen Affen, die
Männchen außerordentlich gute Väter sind, so können wir nur folgendes
sagen: Die Natur arbeitet überall mit den einfachsten Mitteln. Wenn der
Vater nicht nötig ist, um die Jungen groß zu ziehen, so kümmert er sich
nicht um sie.
Bei uns Menschen ist die Hilfe des Vaters unbedingt erforderlich, um
die Kinder groß zu ziehen. Aber was bei den Menschen der Fall ist,
braucht noch nicht bei den Tieren zuzutreffen.
Herr Glänisch erzählt uns noch mancherlei von seinen Erlebnissen mit
Pferden. Er hält sie nicht für besonders klug. Beweisend ist für ihn
folgendes. Er war bei dem Brande eines Stalles zugegen und half, die
Pferde retten. Da geschah nun das Unglaubliche, daß die geretteten
Pferde in den Stall zurücklaufen wollten.
Wir wollen Herrn Glänisch nicht widersprechen, zumal wir uns
verabschieden müssen und keine Zeit zu einer Auseinandersetzung haben.
Aber die Sache liegt doch noch etwas anders. Wenn die klugen Menschen,
sobald ein Boot zu kippen beginnt, alle aufspringen und dadurch erst
das Boot zum Umschlagen bringen, dann fällt es niemand ein, den
Insassen wegen ihrer unbegreiflichen Dummheit Vorwürfe zu machen. Der
Mensch rettet sich bei Gefahr durch Aufspringen und Flüchten. Das ist
auf dem Lande richtig, aber grundverkehrt im Boote.
So begeht auch das Pferd genau dasselbe wie der Mensch. Es will sich
in Gefahr nicht trennen von seinen Kameraden, wie es das seit Urzeiten
getan hat. Das ist für uns sehr ärgerlich, aber vom Standpunkte des
Pferdes aus begreiflich.
66. Geschichten von Pferden.
Die Araber, die als die besten Pferdekenner gelten, haben eigentlich
nur Lobsprüche für das Pferd. Die Unterhaltung der Männer am
Lagerfeuer dreht sich fast ausschließlich um das Pferd, was nach
unsern Anschauungen etwas einseitig ist. Von den Lobeserhebungen der
Araber seien hier einige angeführt: »Sage mir nicht, daß dieses Tier
mein Pferd ist, sage, daß es mein Sohn ist. Es läuft schneller als der
Sturmwind, schneller noch als der Blick über die Ebene schweift. Es
versteht alles wie ein Sohn Adams, nur daß ihm die Sprache fehlt.«
Das sind natürlich unglaubliche Uebertreibungen, aber sie sind vom
Standpunkte eines Wüstenvolkes aus verständlich. Die arabische Wüste
wäre ohne das Pferd unbewohnbar. Ein arabisches Pferd kann ohne Wasser
zwei bis drei Tage laufen und begnügt sich erforderlichen Falls mit
Wüstengräsern.
Wie behandelt aber auch der Araber sein Pferd? Er schlägt es niemals
und bindet es niemals kurz an.
Alexander der Große ließ zu Ehren seines schon erwähnten Pferdes für
die ihm geleisteten treuen Dienste eine Stadt gründen. Er muß also sehr
hoch vom Pferde gedacht haben.
Bei uns nennt man einen dummen Menschen ein »Roß«. Vielfach hört man
die Ansicht: Das Pferd ist ein furchtbar dummes Geschöpf, nur hat es
ein vortreffliches Gedächtnis.
Es ist merkwürdig, daß ausgerechnet eine Dame, eine vortreffliche
Pferdekennerin, sehr vernünftige Ansichten über das Pferd geäußert
hat. Sie liebt die Pferde, aber sie beschönigt nicht, wie es andere
Pferdeliebhaber tun. Von ihren Schilderungen sei hier folgende
angeführt:
Eines meiner ersten Pferde war ein russischer Doppelpony, namens
Sascha, das ungezogenste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Da
er aber gleichzeitig bildschön und hervorragend klug war, konnte man
dem kleinen Kerl nicht böse sein. Im Stall hatte er so ziemlich alle
Untugenden, die bei Pferden vorkommen. Vorn biß er, hinten schlug
er aus; Anhängen war bei ihm ganz vergeblich, da er jedes Halfter
abstreifen konnte. Hatte man ihn in einem Laufstand untergebracht, so
war es für ihn ein Kinderspiel, die Türe zu öffnen. Ich beobachtete
ihn einmal, wie er den Riegel seiner Boxtür mit dem Maul zurückschob.
Darauf ging er zur Haferkiste. Diese öffnete er, indem er den Deckel
mit der Stirn hob und zurückwarf. Den Hafer ließ er sich dann recht gut
schmecken!
Beim Reiten versuchte Sascha so ziemlich alles, um seine eigenen Wege
gehen zu können. Sporenstiche wurden regelmäßig mit einem Biß in die
Füße beantwortet. Im Wagen war es seine Stärke umzudrehen, sobald er
genug hatte, und das war leider recht oft der Fall. Da er natürlich
bei solchen Gelegenheiten ordentliche Prügel bekam, so machte er diese
Versuche in der Folge immer an solchen Plätzen, wo man sich in einen
Kampf mit ihm nicht einlassen konnte. Mit wirklich teuflischer Bosheit
blieb er z. B. mitten im Trabe am Rande eines steilen Abhangs stehen
und war nicht mehr zu bewegen, einen Schritt vorwärts zu gehen. Er
stieg kerzengerade in die Höhe, bewegte sich nur mehr rückwärts und
brachte den Lenker damit in Gefahr, mitsamt dem Wagen in den Graben
zu stürzen. Einmal überschlug er sich nach rückwärts und fiel auf
mich in den Wagen. Sehr beliebt war auch das Stehenbleiben mitten am
Marktplatz oder sonst an einem belebten Ort, weil er wußte, daß man ihn
der Leute wegen nicht so streng bestrafen würde und er mich dadurch
besonders ärgern konnte. Es bedurfte eines Studiums, Sascha bei solchen
Gelegenheiten wieder in Bewegung zu setzen. Ich hatte mir mit der Zeit
seinen Tücken gegenüber eine solche Festigkeit angeeignet, daß Sascha
diese Witze nur mehr selten mit mir versuchte. Der Kutscher hingegen
brachte ihn oft nicht zwei Kilometer weit. Bei mir genügte es später,
daß ich ihm vor jeder Fahrt einen Stock zeigte, der mitgenommen wurde.
Dieser Stock mußte aber wirklich mit sein, sonst wurde er wieder frech.
Sascha war bei weitem das gescheiteste Pferd, das ich je gekannt. Nicht
nur, daß ich ihm Zirkuskunststücke, wie niederknieen, steigen, auf
den Hinterbeinen gehen im Handumdrehen beibringen konnte, er zeigte
auch seinen Verstand mehr als einmal in hinterlistigen, vollkommen
überlegten Handlungen. Zweimal versuchte Sascha sich durch Verstellung
vom Dienste zu befreien. Diese beiden Fälle sind durchaus wahr und
mehreren Zeugen bekannt.
Er sollte eines Tages für mich gesattelt werden; da kam der Reitknecht
und meldete, Sascha könne auf keinem Bein stehen, da er vollständig
lahm sei. Wir stürzten in den Stall und sahen den armen Sascha ganz
traurig und hilflos in seiner Box stehen, abwechselnd jedes Bein
schonend. Mit vieler Mühe zogen wir ihn heraus und brachten ihn in
die Reitbahn. Hier fiel er beinahe um. Wir schickten zum Tierarzt und
ließen den Pony, der sich anscheinend überhaupt nicht bewegen konnte,
allein in der Bahn zurück.
Nach einiger Zeit ging ich voll Sorge nach dem guten Sascha sehen.
Innerlich machte ich mir die bittersten Vorwürfe über die strenge
Behandlung, die ich ihm manchmal zuteil hatte werden lassen, und bat
ihm im stillen alles ab. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich
mit wehmütigen Gefühlen die Bahntür öffnend, den todkranken Sascha ganz
fidel herumspringen sah! Nicht die leiseste Spur von einer Lahmheit
war mehr zu bemerken. Das Einfangen gestaltete sich zur wilden Jagd;
er schlug vorn und hinten aus und vier Personen arbeiteten im Schweiße
ihres Angesichts, um seiner habhaft zu werden. Die Absicht, sich durch
Vorschützen von Lahmheit dem Dienste zu entziehen, lag hier ganz klar
zutage. Ein späteres Vorkommnis bewies, daß wir uns in dieser Annahme
nicht getäuscht hatten.
Ich hatte mit meiner Gesellschafterin eine Schlittenfahrt unternommen.
Sascha schien übler Laune zu sein und nach etwa einer Stunde benützte
er die Gelegenheit, uns beim Passieren einer hohen Schneewehe
umzuwerfen. Nachdem ich mich aus den verschiedenen Decken, Kissen und
Fußsäcken herausgearbeitet hatte, sah ich den lieben Sascha im vollen
Galopp um die nächste Straßenecke verschwinden. Ich überließ die
wehklagende Gesellschafterin, der natürlich gerade so wenig zugestoßen
war wie mir, ihrem Schicksal und machte mich an die Verfolgung Saschas.
Es dauerte gar nicht lange, bis ich den Ausreißer wieder fand.
Bei einer scharfen Wegbiegung war Sascha offenbar gegen einen
Alleebaum angerannt und lag nun, alle Viere nach oben gestreckt, im
Straßengraben. Er rührte kein Glied, und ich befürchtete wirklich,
daß er tot sei. Als ich noch überlegte, was zu tun sei, kam Hilfe in
Gestalt eines Gendarmen, der zwei Handwerksburschen transportierte.
Freundlicher Weise stellte er sich und seine Gefangenen gleich zu
meiner Verfügung. Bei näherer Betrachtung Saschas meinte aber auch der
Gendarm, da sei nichts zu machen, denn das Tier habe sich das Genick
gebrochen. So ohne weiteres wollte ich das nach den bereits mit Sascha
gemachten Erfahrungen nicht glauben, und wir gingen daran, den Pony von
Geschirr und Schlitten zu befreien. Er rührte sich noch immer nicht,
hielt die Augen halb geschlossen; wenn man ihm ein Bein bewegte, fiel
es schlaff in die alte Lage zurück. Gendarm und »Schwerverbrecher«
ergingen sich in Mitleidsäußerungen über das »schöne tote Pferderl«.
Als ich die Vermutung aussprach, daß es sich um Verstellung handeln
könne, wurde das als gänzlich ausgeschlossen bezeichnet. Ich ließ mich
aber nicht irremachen, nahm Sascha beim Zügel, die beiden Gefangenen
-- die sich edler Weise während der ganzen Zeit eifrig am Rettungswerk
beteiligt hatten, statt, wie ich es an ihrer Stelle getan hätte, die
Gelegenheit zur Flucht zu benützen --, wurden angewiesen, den Pony am
Schwanz zu fassen. Der Gendarm zog an der Mähne und so mit vereinten
Kräften brachten wir den »Toten« wieder auf die Beine! Kaum zum Leben
erweckt, wollte Sascha sich schleunigst empfehlen. Dafür hatte ich
aber schon vorgesorgt und hielt den Zügel ordentlich fest. Es stellte
sich heraus, daß der Pony nicht die geringste Verletzung erlitten und
sich offenbar verstellt hatte. Er wollte, daß wir ihn von Geschirr und
Schlitten befreit liegen lassen sollten, worauf er dann den Heimweg,
auf eigene Faust angetreten hätte. Wie würde er sich über uns belustigt
haben!
Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und das war in diesem Falle nicht
der schlaue Sascha. So gut es mit den beschädigten Sachen ging, spannte
ich wieder ein.
Die Gesellschafterin war inzwischen keuchend und jammernd eingetroffen.
Sie erklärte, sich dieser »lebensgefährlichen Bestie« nicht mehr
anvertrauen zu können, was mir weiter gar nicht viel Eindruck machte.
Ich stellte ihr anheim, entweder zwölf Kilometer im tiefen Schnee
zu Fuß zu gehen oder es noch einmal mit mir zu wagen. Sie wählte
schließlich das Zweite, und so fuhren wir heimwärts.
Der kleine Sascha war trotz seiner zahlreichen Untugenden zehn Jahre
lang mein besonderer Liebling. Auch der Umstand, daß er mich im Laufe
dieser Zeit elfmal biß, konnte ihm meine Zuneigung nicht rauben. Er
war ein so verständiges und kluges Tier und dabei äußerlich so hübsch,
daß ich ihm alles verzieh. Wer Sascha in seiner Box besuchte, ohne
seine Eigenart zu kennen, wurde rettungslos von ihm »apportiert«. Er
ließ solch einen ahnungslosen Besucher erst nahe kommen, dann stieg
er auf, schlug mit den Vorderhufen nach ihm und drängte ihn in eine
Ecke der Box. Hatte er ihn soweit, dann faßte er ihn mit den Zähnen
und schleppte ihn herum. Auch in der Schmiede war der kleine Kerl
gefürchtet, seit er eines Tages den Schmied beim Beschlagen hoch hob.
Sascha, der im allgemeinen durchaus kein scheues Pferd war, hatte
merkwürdiger Weise eine unüberwindliche Angst vor Schlittengeläute.
Als ich ihm das erstemal Schellen anlegte, gebärdete er sich ganz
verrückt. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, im Stall sowohl
wie im Freien, wendete ich keine weitere Gewalt an, weil ich das an und
für sich schon sehr reizbare Tier nicht noch verrückter machen wollte.
Da kam mein Bruder zu Besuch und meinte als Reiteroffizier, es sei
lächerlich, mit so einem kleinen Kerl nicht fertig zu werden, er würde
ihm die Schellen schon anziehen. Ich sagte ihm, er könne einen Versuch
machen, wenn er für den dabei entstehenden Schaden aufkommen wolle.