auflegen, um gesundheitliche Schäden abzuwehren. Ein Wildpferd
braucht eine solche Decke nicht. Zunächst ist es abgehärteter als das
Hauspferd, das in der Nacht geschützt im Stalle steht. Sodann ist es
jederzeit in der Lage, durch Laufen die etwa erforderliche Wärme sich
zu beschaffen.
56. Die Rassen oder Stämme des Pferdes.
Kaum ist unser Droschkenkutscher entschwunden, so erhalten wir Ersatz.
Ein schwerbeladener Rollwagen kommt auf uns zu. Hu, was müssen die
Pferde ziehen und wie oft erhalten sie Peitschenhiebe. Ein Glück ist
es, daß sie jetzt am Ziele sind und sich ausruhen dürfen. Wir können
uns also in Ruhe die beiden Gäule ansehen.
Zunächst fällt uns die Größe und der Bau der Glieder auf. Das
Droschkenpferd Liese war fast klein und zart gegen diese beiden
ungeschlachten Riesen. Auch waren Lieses Hufe klein und hatten oberhalb
kaum oder wenig Haare, während die beiden Frachtpferde Riesenhufe mit
mächtigen Haarbüscheln besitzen.
Diese ganz verschiedenen Formen des Pferdes erklären sich
folgendermaßen. Als die schönsten Pferde werden von Kennern die
arabischen bezeichnet. Das arabische Pferd hat in seiner Heimat
einen trockenen und steinigen Boden, ferner sehr wenig Wasser. Diese
Unfruchtbarkeit hat auf das arabische Pferd großen Einfluß ausgeübt,
denn es ist sehr genügsam. Kein Lot Fleisch ist an ihm zuviel, die
Knochen sind hart, die Hufe klein und fest. Die orientalische oder
morgenländische Rasse, zu der das arabische Pferd in erster Linie
gehört, erinnert also sehr an den dürren, behenden und bedürfnislosen
Beduinen.
Im Vergleich hierzu ist das abendländische Pferd das gerade Gegenteil.
In den wasserreichen und fruchtbaren Gegenden Westeuropas bildete sich
eine Pferderasse, die etwa an einen übermäßig viel Bier trinkenden
Menschen erinnert. Riesig groß und umfangreich sowie mächtige Glieder,
aber wegen der Aufgedunsenheit weniger schön. Die Hufe wurden auf dem
nassen Boden weich und groß. Zum Schutze gegen die Schneemassen im
Winter bildete sich ein starker Haarschutz.
Die Rollwagenpferde sind richtige Abendländer, wie es die belgischen,
dänischen Pferde und die Percherons sind. Sie sind Riesen mit
gewaltiger Kraft. Sie gehören dem sogenannten kaltblütigen Schlage an,
weil sie gelassen und ruhig sind. Von der ewigen Unruhe des Arabers
haben sie keine Spur.
So fromme Tiere sind natürlich dem Landwirt und der Industrie viel
willkommener als die schwer zu behandelnden Orientalen. Die Riesen sind
so schwer und unbeholfen geworden, daß sie kaum noch durchgehen können,
selbst wenn sie es wollen.
Woher kommt es nun, daß wir in Deutschland nicht lauter abendländische
Pferde haben?
Die Antwort ist sehr einfach. Ein Reiter will schnell vorwärts kommen,
ebenso sollen Kutschpferde rasch eine Strecke zurücklegen, sonst könnte
man lieber selbst gehen. Man braucht also zu vielen Zwecken ein Pferd
mit raschen Bewegungen.
Nun haben die Engländer seit vielen Jahrhunderten ihre heimischen
Tiere mit arabischen gekreuzt. Hieraus ist allmählich das Vollblut
entstanden, das äußerst beweglich ist. Mit englischen Pferden haben wir
wiederum unsere heimischen Pferde gekreuzt, so daß wir ein Mittelding
zwischen morgenländischer und abendländischer Rasse besitzen, wie es z.
B. des Droschkenkutschers Liese war.
Ueber die Farben der Pferde wäre bei dieser Gelegenheit folgendes
zu sagen. Braune haben, wie wir bei der Liese sahen, eine schwarze
Mähne und schwarzen Schweif. Auch die Füße sind gewöhnlich schwarz.
Füchse sind braunrötlich, und zwar sind Mähne und Schweif ebenfalls
braunrötlich, wodurch sich eben der Fuchs vom Braunen unterscheidet.
Falbe haben gelbliche Färbung und zerfallen in eine Reihe von
Unterarten. Pferde mit kohlschwarzem Haar heißen Rappen. Im Gegensatz
hierzu heißen Pferde mit weißem Haar Schimmel. Doch werden Schimmel nur
ausnahmsweise gleich weiß geboren, wie auch die Rappen zunächst grau
sind. Schimmel mit schwarzen Punkten heißen Fliegenschimmel, solche mit
apfelgroßen dunklen Flecken Apfelschimmel. Pferde, die weiß und dunkel
gefärbt sind, heißen Schecken. Manche Schecken haben ein oder zwei
Glasaugen. Während sonst nämlich alle Pferde ein dunkelbraunes Auge
besitzen, sieht die Iris oder Regenbogenhaut bei den Glasaugen hell aus.
Es ist schwer festzustellen, wie die Sehkraft des Glasauges beschaffen
ist. Möglicherweise sieht ein Pferd mit dem Glasauge gar nichts. Da man
sich vorsehen muß, daß man nicht ein blindes Pferd kauft, so kann ein
Pferd zwei Glasaugen besitzen und trotzdem zur Arbeit verwendbar sein.
Auch beim Hunde ist, wie schon erwähnt wurde (Kap. 9), Blindheit nicht
leicht festzustellen.
Das Alter des Pferdes kann höchstens auf vierzig Jahre angegeben
werden. Gewöhnlich ist es schon viel früher verbraucht, bei Warmblut
mit 20, bei Kaltblut mit 15 Jahren. Die Tragezeit der Stute beträgt
11 Monate. Zwillinge sind bei Pferden selten und nicht erwünscht. Das
Fohlen läßt man gewöhnlich erst mit drei Jahren arbeiten.
Wie den Huftieren überhaupt, so fehlt auch den Pferden das
Schlüsselbein.
Das Gebiß des männlichen Pferdes besteht aus 40 Zähnen, das des
weiblichen aus 36 Zähnen. Den weiblichen fehlen gewöhnlich 4
Hakenzähne. Beide haben 12 Schneidezähne und 24 Backenzähne.
Die Größe der Pferderassen ist sehr verschieden. Das englische
Brauerpferd wird über 2 Meter groß, wobei die Höhe des Widerristes, der
höchsten Stelle des Rückens, gemessen wird. Der Shetlandpony dagegen
wird nur 60 Zentimeter hoch. Schwere Pferde wiegen bis zu 15 Zentnern,
mittlere 7 bis 9 Zentner.
Die Zugfähigkeit des Pferdes ist größer als seine Tragfähigkeit.
Die höchste Rennleistung eines Pferdes ist die Zurücklegung eines
Kilometers in einer Minute.
Ein Irrtum ist es, daß der Mensch den Pferden die Schnelligkeit
angezüchtet hat. Es ist richtig, daß die Zebras keine Dauerrenner sind.
Es fehlen in Afrika die Hetzraubtiere. Aber die asiatischen Wildpferde
werden von Wölfen gehetzt und sind deshalb von Hause aus Dauerrenner.
57. Warum fährt man lieber zweispännig als einspännig?
Ein Rollwagen, wie wir ihn vor uns haben, braucht natürlich zur
Beförderung seiner schweren Lasten zwei Pferde. Hiervon abgesehen, muß
es aber auffallen, daß zwei Pferde vor dem Wagen weit häufiger sind als
ein einzelnes. Woran liegt das?
Auch hier gibt uns wieder das Leben der Wildpferde Auskunft. Sie leben
in Rudeln und niemals einzeln. Ein einzelnes Pferd findet sich auch
heute nicht annähernd so wohl wie in Gesellschaft.
Den Reitern ist diese Eigentümlichkeit des Pferdes, lieber in
Gesellschaft anderer zu sein, manchmal sehr unerwünscht. Sie wollen
sich z. B. von ihren Bekannten, mit denen sie zusammen geritten sind,
trennen. Aber das Pferd will nicht. Es gefällt ihm in Gesellschaft der
anderen Pferde viel besser. Es »klebt«, wie man es nennt. Der Reiter
hat oft große Mühe, einen solchen Kleber zu seiner Ansicht zu zwingen.
Bei Rennen ist es schon vorgekommen, daß ein führendes Pferd eine
falsche Richtung einschlug, und die nachfolgenden Pferde aus
Geselligkeitstrieb ebenfalls nachfolgten. Selbstverständlich gingen
dadurch die auf die Pferde gesetzten Beträge verloren, wodurch
ärgerliche Auftritte entstanden.
Pferde, die nicht allein sein können, vermögen ihren Besitzer zur
Verzweiflung zu bringen. So hatte beispielsweise ein Forstwart ein
ausrangiertes Militärpferd gekauft. Dieses wollte durchaus nicht
im Stalle sein und schlug alles kurz und klein. Erst als sein Herr
ihm eine Ziege als Gesellschafterin gab, beruhigte es sich und war
zufrieden. Nach zwei Jahren wollte der Forstwart die Ziege verkaufen.
Er mußte jedoch darauf verzichten, da sein Pferd wiederum zu rasen
begann.
Die Javaner zeigen sich als gute Tierbeobachter dadurch, daß sie Affen
in Pferdeställen halten, damit die Pferde Gesellschaft haben.
Nebeneinanderstehende Pferde schaben sich gern. Hierauf werden wir beim
Putzen der Pferde zu sprechen kommen.
58. Warum schreien Pferde nicht? Das Wiehern der Pferde.
Wir haben gesehen, daß die beiden Pferde trotz der heftigsten
Peitschenhiebe nicht schrien. Dagegen heulen geprügelte Hunde manchmal
derartig, daß das ganze Haus zusammenläuft. Wie erklären sich diese
Unterschiede?
Es wäre für das Pferd sehr vorteilhaft, wenn es schrie, sobald es
Schmerz empfindet. Dann würden die zahllosen Tierquälereien, namentlich
die Pferdeschindereien bei Neubauten, nicht so häufig vorkommen. Der
Grundsatz: Schreien hilft, gilt nicht nur für die Menschen, sondern
auch für die Tiere.
Wir wissen von den Zebras und andern Wildpferden, daß sie nicht
aufschreien, wenn sie von der Kugel des Forschungsreisenden getroffen
sind. Das Schreien und Brüllen sowie Heulen finden wir überhaupt nur
bei den Tieren, die sich gegenseitig beistehen. Deshalb schreit die
Katze nicht, da sie allein lebt. Umgekehrt heult der Hund, damit ihm
die anderen Hunde beistehen. Man kann auch oft erleben, daß Hunde in
einem kleinen Orte sehr unruhig werden, falls ein Kamerad von ihnen
andauernd geprügelt wird.
Die Kuh brüllt, wenn ihr das Kalb genommen wird, denn wilde Rinder
stehen sich bei. Dagegen schreit die Stute nicht, falls ihr das Fohlen
geraubt wird. Denn Wildpferde flüchten, stehen sich aber nicht bei.
Nur ganz ausnahmsweise schreien Pferde. Aber es kommt so selten vor,
daß selbst große Pferdekenner es noch niemals gehört haben.
Seine Freude dagegen drückt das Pferd durch Wiehern aus. Ueberhaupt
deutet das Wiehern an, daß das Pferd einen Wunsch hat.
Das Pferd besitzt keine Schnurrhaare wie die Katze, da es niemals in
Löcher kriecht. Dagegen sehen wir am Kinn Tasthaare. Welchen Zwecken
mögen diese dienen?
Die Wildpferde sind wie die Wildhunde in der Nacht tätig. Im Gegensatz
zu den rein nächtlichen Tieren, wie den Katzenarten, sieht man Zebras
auch am Tage. Aber selbst wenn sie wollten, können sie in der Nacht
nicht schlafen. Zur Nachtzeit geht ihr gefährlichster Feind, der Löwe,
auf Raub aus.
Die Menschen können sich vor dem Löwen schützen, indem sie sich in
Höhlen zurückziehen und diese verschließen oder auf Bäume klettern, wie
die Affen es tun. Aber die Wildpferde können weder in Höhlen flüchten
noch auf Bäume klettern.
Wann schlafen denn die Wildpferde, wenn sie in der Nacht auf ihre
Feinde aufpassen müssen und am Tage tätig sind?
Ein Schlafen, wie es den Menschen eigentümlich ist, finden wir nicht
bei allen Tierarten. Jeder weiß, daß Pferde, die wenig zu arbeiten
haben, z. B. auf der Weide sind, sehr wenig schlafen. Kommt man zur
Nachtzeit in den Pferdestall, so wundert man sich, daß so viele Pferde
wach sind.
Die Zebras schlafen in Wirklichkeit nur in den Mittagsstunden, wo
sie regungslos unter den Bäumen stehen. Daraus erklärt sich auch die
Zeichnung ihrer Haut, die mit den Schatten der Baumäste übereinstimmt.
Wildpferde weiden viel in der Dunkelheit. Da das Pferd infolge der
Stellung der Augen das vor seinem Maule Befindliche nicht besonders gut
erkennen kann, so haben die Kinnhaare eine große praktische Bedeutung.
Wenn es den Kopf senkt, um zu weiden, so zeigen ihm die Kinnhaare an,
daß es auf Gräser gestoßen ist.
Kinnhaare soll man also bei Pferden nicht abschneiden.
Ebenso ist es nicht ratsam, einem abendländischen Pferde die
Kötenschöpfe abzuschneiden, damit die Leute denken sollen, es sei
ein morgenländisches. Unter Köte versteht man die hintere Seite der
Zehe, und die an den Köten befindlichen Haare werden als Kötenschöpfe
bezeichnet, wie wir sie an den Rollkutscherpferden sehen können,
wo sie sehr üppig wachsen. Jedenfalls soll man sie nicht im Winter
abschneiden, da sie gegen Schnee und Schneewasser einen vortrefflichen
Schutz bilden und dadurch die Mauke, die Entzündung der Köten,
verhindern.
Unterdessen ist die Sonne ziemlich hochgestiegen und scheint den Tieren
ordentlich auf den Leib. Ist es nun nicht eine Tierquälerei, die Pferde
in der prallen Sonne stehen zu lassen?
Selbstverständlich wird man sie bei glühender Sonnenhitze in den
Schatten bringen, wenn man eine schattige Stelle in der Nähe hat. Im
übrigen vertragen unsere Haustiere die Hitze ganz verschieden. Ein
Schwein kann schon daran sterben, wenn man es an einem glühend heißen
Sommertage auf den Wagen befördert.
Dagegen können Pferde furchtbar viel Hitze vertragen. Das kommt daher,
weil ihre Vorfahren seit Urzeiten den erbarmungslosen Strahlen der
Sonne in der Steppe standhalten müssen.
Niemals wird es daher vorkommen, daß Wettrennen deswegen abgesagt
werden, weil es an dem Tage zu heiß ist. Dabei müssen sich die Pferde
bei den Rennen aufs äußerste anstrengen. Würde ihnen die Hitze
nachteilig sein, so ließe kein Rennstallbesitzer seine Pferde laufen.
Denn er würde sich hüten, sich großen Verlusten auszusetzen.
Es war von den Tierschutzvereinen sehr gut gemeint, als sie vor etwa
zehn Jahren den Omnibuspferden Strohhüte aufsetzten. Aber sie waren,
wie wir sahen, ganz überflüssig und sind deshalb auch nach kurzer Zeit
verschwunden.
Uebrigens nennt man bei einem Zweigespann das vom Kutschersitz rechts
befindliche Pferd Handpferd, das linke dagegen Sattelpferd. Denn bei
ziehenden Pferden wird der Reiter stets links sitzen. Das linke Pferd
trägt also Sattel und Reiter, der mit der Hand das rechts befindliche
Pferd lenkt. So erklären sich die Bezeichnungen Sattelpferd und
Handpferd.
59. Andere Eigentümlichkeiten des Pferdes.
Die Rollwagenpferde werden jetzt getränkt, wobei wir sehen, daß etwas
Neid oder wenigstens Mißgunst der Seele des Pferdes nicht ganz fremd
ist. Das dem Brunnen zunächststehende Sattelpferd wird zuerst getränkt,
aber das Handpferd sucht fortwährend seinen Kopf ebenfalls in den
Tränkeimer zu stecken, wozu der Platz nicht ausreicht.
Es ist merkwürdig, welchen Wert Pferde auf gutes Wasser legen.
Das kommt daher, weil die Wildpferde täglich in der Steppe zur Quelle
laufen und dort sehr gutes und klares Wasser trinken.
Ein Gestüt, das kein gutes Wasser besitzt, wird niemals auf die Dauer
große Erfolge erzielen.
Der Hund als früheres Raubtier muß dagegen aus jeder Pfütze trinken
können und wird deshalb nicht krank, wie ein Pferd, wenn er dauernd
schlechtes Wasser bekommt.
Jeder Kutscher weiß übrigens, daß die Pferde gewisse Brunnen bevorzugen
und das Wasser von manchen Brunnen nicht saufen mögen.
Während wir noch stehen und zuschauen, kommt eine Kutsche vorbei, deren
Pferde Aufsatzzügel tragen. Durch den Aufsatzzügel wird den Pferden
die Möglichkeit genommen, den Kopf nach unten zu senken und wieder
nach oben zu bringen, wie es alle Pferde tun. Dieses »Tunken« mit dem
Kopfe finden manche Leute nicht schön. Sie bringen deshalb durch den
Aufsatzzügel den Kopf des Pferdes dauernd hoch. Das soll nach der
Ansicht dieser Pferdekenner einen vortrefflichen Eindruck machen.
Jeder Mensch, der sich eingehend mit dem Tierleben beschäftigt, wird
zu einem ganz anderen Ergebnis gelangen. Das Tunken mit dem Kopf beim
Pferde hat natürlich einen Zweck, und zwar einen sehr wichtigen. Wir
sprachen früher davon, daß wilde Pferde stets gegen den Wind laufen,
um vorher einen etwaigen Feind zu wittern. Dieses Mittel ist ohne
Frage ausgezeichnet. Denn das Riechvermögen des Pferdes ist so gut
wie das eines Hundes, obwohl es den wenigsten Menschen bekannt ist.
Trotzdem kann es vorkommen, daß ein auf dem Boden lauerndes Raubtier
nicht gerochen wird. Wie wir das nicht sehen können, was hinter unserem
Rücken ist, so kann das Pferd das nicht riechen, was am Boden sich
an Gerüchen entlangzieht. Weht also der Wind die Ausdünstung des am
Boden liegenden Wolfes der Pferdenase entgegen, so kann diese leicht
nichts davon merken, wenn sie stets in Kopfhöhe bleibt. Dann geht die
Raubtierausdünstung durch die Beine durch.
Um das zu verhindern, tunkt das Pferd. Es senkt den Kopf, um
rechtzeitig die Anwesenheit eines am Boden lauernden Feindes
wahrzunehmen.
Selbstverständlich ist es eine große Tierquälerei, einem Haustiere die
seit Urzeiten geübten Vorsichtsmaßregeln unmöglich zu machen. Es ist
kein Wunder, daß Pferde mit Aufsatzzügeln erst recht zum Scheuen neigen.
Was würden wir Menschen sagen, wenn wir durch einen Kopfhalter
gezwungen wären, stets geradeaus zu sehen, ohne uns nach rechts oder
links umschauen zu können, wie wir es doch von jeher gewöhnt sind!
Der Aufsatzzügel muß also als Tierquälerei bezeichnet werden. Hier
können Tierschutzvereine segensreich wirken, wenn sie für seine
Abschaffung eintreten.
Aus dem Leben der Wildpferde erklärt sich ferner der Satz: Hüte dich
vor den Vorderbeinen des Hengstes und vor den Hinterbeinen der Stute.
Der Hengst als Beschützer seines Rudels greift eben den Feind,
namentlich den Wolf, mit den Vorderbeinen an. Auch packt er ihn mit
den Zähnen, weshalb gerade Hengste bissig zu sein pflegen. Die Stute
dagegen verteidigt sich und ihr Fohlen durch Auskeilen nach hinten.
Es erklärt sich hieraus ferner, daß bösartige Pferde die Ohren
zurückziehen. Wollen nämlich zwei Pferde miteinander kämpfen, so suchen
sie zu verhindern, daß der Gegner sie mit den Zähnen an den Ohren
packt. Aus diesem Grunde ziehen sie die Ohren zurück.
Sieht man also, daß ein Pferd die Ohren zurücknimmt, so ist immer
Vorsicht am Platze. Das ist z. B. bei manchen Pferden der Fall, wenn
sie fressen. Alle Tiere sind bei ihrer Mahlzeit mehr oder weniger
angriffslustig. Katzen fauchen, wenn sie gerade einen besonders schönen
Bissen fressen, Hunde können ihren eigenen Herrn beißen, falls er ihnen
einen Knochen fortnehmen will, und selbst sonst fromme Pferde sind
nicht immer beim Fressen zuverlässig.
60. Kummet- und Sielengeschirr. Warum ist das Fahren älter als das
Reiten?
Die Rollwagenpferde haben, wie wir sahen, ein Kummetgeschirr, also ein
Geschirr, das um den Hals läuft. Die Kutschpferde dagegen, auch die
Droschkenkutschpferde, haben gewöhnlich ein solches Kummetgeschirr
nicht. Hier ziehen die Pferde nur mit der Brust, da sie ein
Sielengeschirr haben.
Es ist augenscheinlich, daß ein Pferd im Kummetgeschirr viel besser
ziehen kann als im Sielengeschirr. Wenn man trotzdem Kummetgeschirre
nur bei schweren Lastwagen sieht, so liegt das daran, daß ein
Kummetgeschirr nichts taugt, wenn es nicht gut paßt. Gerade damit
hapert es aber gewöhnlich.
Während wir uns die Rollwagenpferde ansehen, kommt ein Reiter vorbei,
und wir können uns so recht den Unterschied zwischen einem schweren
Pferde des abendländischen Schlages und einem leichten Pferde des
morgenländischen Schlages vergegenwärtigen. Die gewaltigen Formen der
Wagenpferde mit ihren plumpen dicken Beinen stehen im Gegensatz zu den
schlanken Beinen des geschmeidigen Reitpferdes.
Man sollte meinen, daß der Mensch, der zuerst das Pferd gezähmt hat,
es zunächst als Reittier und erst später als Zugtier verwendet hat.
So wird es auch vielfach geschildert, obwohl es mit den Tatsachen
nicht übereinstimmt. Wir haben eine genaue Kunde von den Wagenkämpfen
der alten Griechen, die vor etwa drei Jahrtausenden stattfanden. Aber
niemand reitet dort, obwohl die Kunst des Wettfahrens in hoher Blüte
stand.
Der Grund liegt darin, daß jeder Pflanzenfresser den Druck auf dem
Rücken sehr unangenehm empfindet. Denn er muß sofort an ein Raubtier
denken, das ihm auf den Rücken springt. Deshalb muß auch heute noch
ein Pferd erst zugeritten werden, obwohl es sich seit Jahrtausenden
als Haustier endlich daran gewöhnt haben müßte. Das Ziehen dagegen ist
dem Tiere viel weniger unangenehm, da es seit Urzeiten daran gewöhnt
ist, die vor seiner Brust befindlichen Hemmnisse fortzuschieben, also
Gebüsche u. dgl.
Alle Tiere lassen sich daher viel leichter zum Fahren abrichten als
zum Reiten, so Elche, Renntiere, Wildrinder usw. Deshalb ist auch das
Fahren viel älter als das Reiten.
61. Warum läuft das Pferd gerade und der Hund schräg?
Während wir dem Reiter nachschauen, fällt uns auf, daß sein Pferd ganz
anders die Beine setzt wie ein daneben laufender Hund. Wie alle Pferde,
die gesunde Beine haben, setzt es die Beine so, daß eine unter dem
Bauche der Länge nach befindliche gerade Linie von den Beinen nicht
berührt werden würde. Die rechts befindlichen Beine bleiben eben rechts
und die links befindlichen links. Bei dem Hunde aber könnten wir eine
solche gerade Linie nicht ziehen, ohne daß sie von den Zehen berührt
würde. Woher kommt diese Verschiedenheit im Laufen?
Wie das Pferd die Beine setzt, erscheint uns naturgemäß. Dagegen ist
das Durcheinanderwirbeln der Beine beim Hunde nach unsern Begriffen
höchst merkwürdig.
Nebenbei sei folgendes bemerkt. Hat man ein Pferd künstlich dazu
abgerichtet, die Beine derselben Seite gleichzeitig vorzusetzen -- im
natürlichen Zustande geschieht es abwechselnd -- so spricht man von
einem Paßgange. Diese Gangart ist manchen Tieren natürlich, z. B. der
Giraffe, was sich aus dem Bau ihres Körpers ergibt. Pferde mit Paßgang
nennt man Zelter. Sie werden wegen ihres gleichmäßigen Ganges sehr von
den Damen bevorzugt.
Das schräge Laufen des Hundes ist, wie wir uns schon denken können, ein
Erbteil aus der Zeit seines früheren Räuberlebens. Noch heute setzt der
Fuchs seine Spur in *eine* Linie. Der Jäger sagt recht treffend: der
Fuchs schnürt. Im Schnee sehen seine Fußstapfen wie eine Schnur aus.
Das Schnüren ist für das Raubtier eine Lebensfrage. Es will sich
seinem Opfer nähern, ohne vorher gesehen oder gewittert zu werden.
Zu diesem Zwecke sucht beispielsweise der Fuchs stets die tiefsten
Stellen auf. Er geht über einen Acker, indem er die Ackerfurchen
benutzt. Kommt er an einen Graben, so springt er hinein und läuft auf
der Sohle des Grabens weiter. Ja, auf Fahrwegen läuft er aus Vorsicht
regelmäßig die Wagenspuren entlang, weil diese die tiefsten Stellen der
Straße ausmachen. Der Hund ist früher ebenfalls in der gleichen Weise
gelaufen. Obwohl er jetzt nicht mehr auf Raub ausgeht, so läuft er doch
noch auf dem Bürgersteig schräg. Man ersieht daraus, wie unausrottbar
die dem Haustiere überkommenen Gewohnheiten haften.
Manche Hunde laufen noch heute mit Vorliebe in einer Wagenspur. Es
ist sogar anzunehmen, daß das sogenannte Hinken der Hunde hiermit
im Zusammenhang steht. Früher haben die Menschen die Tiere weit
aufmerksamer beobachtet. Es gibt sogar einen Vers, in dem es heißt,
daß sich niemand an das Hinken der Hunde kehren soll. Unsere Vorfahren
hielten also das Hinken der Hunde für eine Heuchelei. -- Heute kann
man zahlreiche Kulturmenschen fragen und wird hören müssen, daß ihnen
niemals das Schräglaufen der Hunde, noch weniger aber das Hinken -- und
zwar das grundlose Hinken -- aufgefallen ist.
Obwohl das Bein ganz gesund ist, hebt es der Hund beim Laufen hoch und
läuft auf drei Beinen weiter. Regelmäßig ist es ein Hinterbein.
Wir wissen, daß der Hund seiner alten Raubtiernatur gemäß gern in einer
geraden Linie, womöglich in einem Gleise, laufen möchte. Ist er nun
durch gute Pflege, wie es vor dem Weltkriege üblich war, gut im Stande,
so ist das Laufen in der geraden Linie für ihn nicht leicht. Um es
dennoch durchzuführen, hebt er einen Hinterfuß hoch.
Das Pferd als friedlicher und harmloser Pflanzenfresser hat sich an
keine Opfer anzuschleichen. Es hat auch auf der Steppe stets genügenden
Platz und braucht nicht wie ein Gebirgstier häufig auf einem schmalen
Pfade zu wandeln. Das Pferd hat also im Gegensatz zum Hunde seinen
natürlichen Gang beibehalten.
62. Die naturgemäße Fütterung der Pferde. Das Koppen.
Der Droschkenkutscher hatte sein Pferd mit Hafer und Häcksel gefüttert.
Warum füttert man das Pferd ausgerechnet mit Hafer und nicht mit Weizen
oder Gerste?
Selbst die reichsten Leute werden ihre wertvollsten Pferde,
beispielsweise erfolgreiche Rennpferde, nicht mit Gerste, geschweige
denn mit Weizen füttern. Zwar lese ich bei einem sehr angesehenen
Naturforscher, daß ein Bauer, dem der Hafer mißraten war, seine Pferde
mit Gerste gefüttert hätte. Ich will nicht bezweifeln, daß das für ein
Jahr ohne Nachteil abgelaufen ist. Im allgemeinen wird man aber auf die
Dauer keine Freude an dieser Futterart haben.