Prusten nach. Auch dieses Prusten beruht nur auf der Nasenatmung,
weshalb beispielsweise Kühe und Schafe nicht Prusten.
50. Warum scheuen die Pferde und gehen durch?
Ein scheuendes Droschkenpferd wird man nicht häufig zu sehen bekommen.
Einmal hat sich ein Großstadtpferd mit der Zeit an die tollsten
Geräusche gewöhnt. Sodann wird ein Pferd um so ruhiger, je älter
es wird. Und die meisten Droschkenpferde haben eine ganze Anzahl
von Jahren auf dem Rücken. Immerhin habe ich erst im vorigen Jahre
ein durchgehendes Droschkenpferd beobachten können. Aus welchem
Grunde es gescheut hatte, konnte ich nicht ermitteln. Es raste die
Straßen entlang, und der alte Kutscher suchte nach Möglichkeit einen
Zusammenstoß zu vermeiden. Zum Glück war die Straße fast leer, und zum
weiteren Glück stürzte das Pferd zu Boden. Die Wucht, mit der es gerast
war, zeigte sich darin, daß das gestürzte Tier eine große Strecke auf
dem Asphaltpflaster dahingeschleudert wurde. Die menschliche Haut würde
eine solche Rutschpartie nicht aushalten, aber die Pferdehaut vertrug
sie ohne Schaden.
Durch den Sturz und das Gleiten auf dem Asphalt war das Pferd wieder
einigermaßen ruhig geworden und blieb stehen, als es aufgerichtet war.
Ein großer Verlust wäre es für den Droschkenkutscher gewesen, wenn das
Pferd sich ein Bein gebrochen hätte. Denn obwohl solche Brüche bei
anderen Haustieren, z. B. Schweinen, sehr gut heilen, kann ein Pferd
nach einem Bruch trotz aller ärztlichen Kunst nicht mehr zum Ziehen
oder Reiten, sondern nur zur Zucht verwendet werden.
Was veranlaßte nun das Droschkenpferd zu einer so sinnlosen Raserei?
Wahrscheinlich ein nach unseren Begriffen ganz harmloser Vorfall.
Beispielsweise schwenkt jemand plötzlich eine Fahne -- und schon ist
das Unglück geschehen.
Wir müssen bei der Beurteilung eines solchen Falles gerecht sein
und uns klar darüber werden, daß, wenn alle Wildpferde vorher eine
gründliche Untersuchung anstellen wollten, wie die Sache eigentlich
liegt, kein einziges mehr lebte. Vergegenwärtigen wir uns das Leben
eines Wildpferdrudels in der Steppe. Trotz der Schutzfärbung hat es ein
Tiger wahrgenommen. Unter Beobachtung der Windrichtung hat er sich nach
Katzenart ganz leise herangeschlichen. Stundenlang hat es gedauert,
bis er in Sprungweite war. Jetzt schnellt er wie ein Ball auf das ihm
zunächst stehende Tier.
Die einzige Rettung für das Pferd besteht jetzt darin, ohne jedes
Besinnen davonzujagen. Wie der Hund, so hat auch das Pferd ein Auge,
das Bewegungen sehr leicht wahrnimmt. Den anspringenden Tiger hat es
durch seine Bewegung erkannt, oder vielmehr erkannt, daß ein großer
bunter Ball urplötzlich hinter ihm flog.
Hätte das Pferd erst überlegt, was der bunte Ball eigentlich sei,
so war ihm der Tod durch die große Katze sicher. Es war sein Heil,
daß es noch im letzten Augenblick davonraste. Denn der Tiger sprang
infolgedessen zu kurz. Und ein flüchtiges Wildpferd kann er nicht
einholen.
Für das Scheuen des Pferdes bestehen also folgende Ursachen:
1. Das schwache Sehvermögen des Pferdes vermag wirkliche und
scheinbare Gefahren nicht zu unterscheiden.
2. Unter natürlichen Verhältnissen läuft deshalb das Pferd gegen den
Wind, um zu wissen, ob Gefahr besteht. Dieses Laufen gegen den
Wind kann aber der Mensch bei der Benutzung der Pferde nicht immer
durchführen. So kommt es, daß das Pferd vor ganz harmlosen Sachen
scheut, einem Stück Papier, einem weißen Stein und dergleichen.
Das Durchgehen, das dem Scheuen häufig folgt, hat die Ursache, daß es
die natürliche Rettung des Pferdes in der Steppe ist.
In der Steppe gibt es keine Häuser oder Bäume, gegen die ein
Pferderudel stürzen kann. Deshalb kann das sinnlose Laufen in der
Steppe auch keinen Schaden anrichten.
Bei uns kann natürlich ein durchgehendes Pferd das größte Unheil
verursachen. Die Insassen des Wagens werden häufig herausgeschleudert,
fremde Personen überfahren usw. Auch das Pferd selbst geht oft
zugrunde, weil es gegen einen Baum oder anderen festen Gegenstand
gerannt ist. Durch Gewalt ist bei einem durchgehenden Pferde wenig
auszurichten, da die Kraft des Tieres in diesem Zustande ganz
außerordentlich ist.
Bei einem Ochsengespann wird ein Scheuen und Durchgehen der Tiere nur
selten vorkommen. Das rührt daher, weil das Rind im Gegensatz zum Pferd
eine Rettung nicht in der Flucht sucht, sondern mutig auf den Gegner
einstürmt. Das Pferd ist also, wie Hirsche, Rehe, Hasen ein sogenannter
fliehender Pflanzenfresser, während das Rind mit den Elchen, Büffeln,
den größten Affenarten zu den wehrhaften Pflanzenfressern gehört.
Die wehrhaften Pflanzenfresser flüchten nur ausnahmsweise vor einem
sehr starken Raubtiere, und zwar die Weibchen leichter als die viel
stärkeren Männchen.
51. Die Bodenscheu.
Ein Berliner Droschkenpferd wird selten zur Bodenscheu neigen. Das
kommt daher, weil es nicht aus Gegenden stammt, wo noch Wölfe heimisch
sind. Deshalb findet man unter den ungarischen und russischen Pferden
am häufigsten Bodenscheu.
Unter Bodenscheu versteht man die unbegründete Furcht eines Pferdes vor
dunklen Stellen auf dem Erdboden.
Bereits von dem berühmten Pferde Alexanders des Großen, das Bukephalus
hieß, wird uns erzählt, daß es sich vor seinem eigenen Schatten
gefürchtet habe. Das heißt mit anderen Worten, daß es bodenscheu war.
Man sieht daraus, daß ein hervorragend tüchtiges Pferd auch diese
Eigentümlichkeit besitzen kann.
Mit Klugheit oder Dummheit hat das gar nichts zu tun, während gerade
Kutscher mit Vorliebe auf die Bodenscheu hinweisen, als Beweis dafür,
daß das Pferd ein furchtbar dummes Geschöpf ist. Wie oft habe ich
Gespräche etwa folgenden Inhalts anhören müssen: »Wenn irgend jemand
daran zweifelt, daß das Pferd zu den dümmsten Tieren gehört, so soll
er sich meinen Gaul ansehen. Was ist mir erst heute wieder mit ihm
passiert? Hat da jemand auf dem Asphalt einen Eimer Wasser ausgegossen.
Denken Sie, ich bekomme das dumme Tier an dem nassen Fleck vorbei?
So hat man häufig seinen Aerger wegen der furchtbaren Dummheit des
Pferdes. Kann es etwas Dümmeres geben, als sich vor einer nassen Stelle
zu fürchten?«
So einfach liegt die Sache nicht, wie der Kutscher meint. Dummheit
liegt nicht vor, wenn die Schwäche eines Sinnes zu sonst üblichen
Leistungen unfähig macht. So ist der Knabe nicht dumm, der nicht
angeben kann, wieviel die Turmuhr zeigt, weil er kurzsichtig ist.
Umgekehrt ist das Pferd nicht klüger als der Mensch, weil es sich in
der Dunkelheit besser zurechtfindet, als wir es vermögen. Unzählige
Reiter oder Wageninsassen sind durch ihre Pferde gerettet worden. Die
Menschen konnten in der Dunkelheit nicht mehr die Hand vor den Augen
sehen. Trotzdem fanden sich die Pferde zurecht und brachten ihre Herren
glücklich nach Hause.
Wie würde es uns Menschen gefallen, wenn man uns diese Unfähigkeit, uns
in der Dunkelheit zurechtzufinden, als Dummheit anrechnen würde?
Das Auge des Pferdes kann bei Tageslicht nicht gut sehen. Deshalb kann
es nicht genau erkennen, was der dunkle Fleck eigentlich bedeutet. In
wolfreichen Gegenden haben die Pferde es oft erlebt, daß dieser an der
Erde befindliche Fleck ein sich auf den Boden drückender Wolf war, der
ihnen plötzlich an die Kehle sprang. So unbegründet ist also die Furcht
des Pferdes vor den dunklen Stellen am Boden durchaus nicht.
Weil in England seit Jahrhunderten im Grase lauernde Wölfe unbekannt
sind, ebenso auch bei uns in dem weitaus größten Teil unserer Heimat,
deshalb neigen englische und deutsche Pferde wenig zur Bodenscheu,
dagegen mehr die russischen und ungarischen Pferde.
Etwas anderes ist es natürlich, wenn ein Pferd in moorigen Gegenden
nasse oder dunkle Stellen meidet, weil es einzusinken fürchtet.
52. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Warum trägt ein
Pferd Hufeisen?
Da Droschkenpferde, wie schon erwähnt wurde, meistens bejahrte Tiere
sind, so werden wir uns hüten, den Droschkenkutscher zu bitten, uns das
Gebiß seiner »Liese« oder wie sie sonst heißt, zu zeigen. Er würde uns
in seiner Urwüchsigkeit mit einer Antwort dienen, die sich gewaschen
hat, und wegen der Seltsamkeit des Ansinnens gewiß glauben, daß wir aus
dem Irrenhause entsprungen sind.
So müssen wir uns ohne ihn behelfen. Die allbekannte Redensart »Einem
geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul« erklärt sich in folgender
Weise.
Was verschenkt der Mensch am liebsten?
Es ist traurig, aber wahr, daß er am liebsten wertlose Gegenstände
verschenkt. Man kann sogar behaupten, daß viele erst auf den Gedanken,
etwas zu verschenken, kommen, weil sie einen wertlosen Gegenstand los
sein wollen. Sie wissen, daß sie kaum etwas dafür erhalten, und sagen
sich, daß es doch einen guten Eindruck macht, wenn man etwas verschenkt.
Es ist also eine alte Erfahrung, daß verschenkte Pferde meistens alte
Pferde sind.
Nun gehört das Pferd zu den Tieren, dessen Alter man mit einer
leidlichen Genauigkeit an den Zähnen erkennen kann.
Es ist leicht verständlich, daß Zähne durch den Gebrauch abgenützt
werden. Da die Zähne des Pferdes Vertiefungen, sogenannte Kunden haben,
so ist klar, daß, je weniger die Kunden abgenützt sind, desto jünger
das Pferd, je mehr, desto älter es sein muß.
Man soll also einem geschenkten Gaul deshalb nicht in das Maul sehen,
weil man dann an den Zähnen erkennen würde, daß man ein recht bejahrtes
Tier von dem Schenker erhalten hat. --
Unser Droschkenpferd trägt Hufeisen, und zwar an jedem Hufe eins.
Wildpferde besitzen natürlich keine Hufeisen. Es fragt sich, weshalb
der Mensch dem Tiere diese Eisen aufgenagelt hat.
Im Altertum waren, wie wir wissen, die Pferde unbeschlagen. Auch bei
uns läßt man auf dem Lande, namentlich in sandigen Gegenden, die Pferde
häufig unbeschlagen.
Das läßt sich deshalb durchführen, weil die Abnutzung des Hufes auf
sandigem Boden nicht groß ist und durch Nachwachsen wieder ersetzt
wird. Anders liegt aber die Sache in den Städten mit Steinpflaster.
Pferde, die auf solchem Pflaster schwere Lasten zu ziehen haben, müssen
deshalb beschlagen werden, um die vorzeitige Abnutzung der Hufe zu
verhindern.
Das richtige Aufnageln der Hufe will natürlich verstanden sein. Deshalb
sind tüchtige Hufschmiede mit Recht auf ihre Fertigkeit stolz.
Bei Glätte und Eis können die Pferde mit ihren eisernen Schuhen
besonders leicht ausgleiten. Um das zu verhindern, gibt es allerlei
Vorkehrungen, beispielsweise das Einschrauben von Stollen.
53. Der Schweif des Pferdes verglichen mit dem Schwanz von Hund und
Katze.
Wir sahen, daß das Droschkenpferd durch Schlagen mit dem Schweif sich
die Fliegen abwehrt. Vergleichen wir den Schwanz unserer Hauspferde mit
dem der Wildpferde, so können wir feststellen, daß die Behaarung bei
unseren Pferden reichlicher geworden ist.
Diese Beobachtung können wir überall machen. So behaarte Geschöpfe wie
der Pudel und der Kolly, die Angorakatze, die Hausschafe, kommen in der
freien Natur nicht vor.
Immerhin muß uns folgendes auffallen. Das Pferd benutzt den Schwanz, um
Fliegen abzuwehren. Warum tun nicht Hund und Katze das gleiche? Beide
haben doch einen schönen langen Schwanz. Warum schlagen sie niemals
damit nach Fliegen? Wiederum schlägt die Kuh mit ihrem Schwanz nach
Fliegen. Warum hat sie einen so viel längeren Schwanz als das Pferd?
Wenn wir uns die Tierwelt daraufhin näher ansehen, welche Bedeutung
bei ihnen der Schwanz hat, so finden wir darunter zahlreiche, bei
denen er ein lebenswichtiges Organ ist. Ein Känguruh ohne Schwanz
ist kein Känguruh mehr, weil es den Schwanz als drittes Bein eines
Schusterschemels benutzt. Ebenso ist es bei den Klammeraffen.
Krokodile, Walfische, ferner alle Fische sind ohne Schwanz
Todeskandidaten.
Umgekehrt gibt es Tiere, bei denen der Schwanz gleichgültig ist, so bei
Hasen, Hirschen, Rehen, Ziegen u. dgl. Wird einem Hirsch sein kurzer
Schwanz, der »Wedel« genannt wird, abgeschossen, so stört ihn das nicht
weiter in seinem Befinden.
In der Mitte stehen die Tiere, bei denen der Schwanz auf ihre
Lebensweise von mehr oder minder wichtigem Einfluß ist. So sehen wir
beispielsweise im Zoologischen Garten, daß der Löwe vor einem Sprunge
seinen Schwanz schnell dreht. Sehr richtig sagt unser Dichter Schiller
in dem Gedicht: »Der Handschuh« von dem grollenden Tiger, den man auch
als Waldlöwen bezeichnen kann:
schlägt mit dem Schweif
einen furchtbaren Reif.
Wir können auch verstehen, weshalb der Löwe seinen Schweif so eilig
dreht. Er will einen ganz genauen Sprung machen, um sein Opfer zu
packen. Selbstverständlich will das bedrohte Geschöpf der Gefahr
entrinnen und sucht nach der einen oder anderen Seite zu entkommen.
Nach welcher es sich wenden wird, kann der Löwe vorher nicht wissen.
Das entscheidet sich erst im letzten Augenblick. Darum tut der Löwe am
klügsten, wenn er den Schweif im Kreise dreht. Mag das bedrohte Tier
springen, nach welcher Seite es auch will, stets wird der Löwe durch
die Kreisdrehung imstande sein, richtig zu steuern.
Weil es auf die richtige Steuerung beim Sprunge sehr ankommt, deshalb
haben alle Katzenarten einen langen Schwanz. Die alten Griechen
haben also sehr fein beobachtet, als sie die Katze »Ailurus«, d. h.
Drehschwanz, nannten. Ausnahmsweise haben einige Katzen nur einen
kurzen Schwanz, nämlich solche, die, wie z. B. der Luchs, hauptsächlich
auf Bäumen lauern, wo für das Drehen des Schwanzes kein Platz ist. Auf
der Insel Man lebt eine Katze, die hauptsächlich von Vögeln lebt und
deshalb auf Bäumen heimisch ist. Auch sie hat keinen Schwanz.
Die Hundearten brauchen zwar zum Springen keinen langen Schwanz, wohl
aber zum schnellen Umkehren. Der Hase sucht sich vor dem schnelleren
Hund durch Hakenschlagen zu retten, indem er ganz plötzlich die
Richtung ändert. Der Hund, der in rasender Eile dem Hasen folgt, ist
dermaßen in Schwung, daß er noch eine ganze Strecke fortschießt,
nachdem der Verfolgte seinen Haken geschlagen hat. Dadurch erhält der
Hase einen Vorsprung, bis der Hund ihm wieder bedenklich auf das Fell
rückt. Dann kann das Spiel von neuem beginnen.
Um seinen Körper plötzlich herumzuwerfen, bedarf der Hund wie alle
Hetzraubtiere, also Wölfe, Wildhunde u. dgl., eines langen Schwanzes.
Besonders wichtig ist er für den Windhund, da dieser der eifrigste
Hasenhetzer ist. Ein Windhund ohne Schwanz ist undenkbar. Vielmehr
zeichnet sich gerade diese Hunderasse durch einen langen Schwanz aus.
Für alle Katzenarten ist also ein langer Schwanz zum richtigen Steuern
und für alle Hundearten zum schnellen Herumwerfen ihres Körpers von
Wichtigkeit. Ebenso sehen wir bei Raubvögeln lange Schwänze, damit
sie bei der Verfolgung schnell die Richtung ändern können. Außerdem
erleichtert der ausgebreitete lange Schwanz ihnen das Tragen der Beute.
Hasen, Hirsche, Rehe, Elche usw. brauchen dagegen keine Schwänze, weil
sie keine anderen Tiere verfolgen. Das Hakenschlagen kann der Hase ohne
Schwanz sehr gut machen, da er ja vorher die Absicht hat, die Richtung
zu ändern. Würde auch der Hund vorher diese Absicht haben, so käme er
auch ohne Schwanz aus.
Gegen die Insektenplage helfen sich die Pflanzenfresser dadurch, daß
sie Oertlichkeiten aufsuchen, wo weniger Insekten vorhanden sind.
Nur den Pferden und den Rindern nützen die Wanderungen nicht viel. Das
Pferd ist auf seine Heimat, die Steppe, angewiesen. Viel schlimmer
ist das Rind daran. Es ist gerade in üppig bewachsenen Niederungen
heimisch, wo es sehr viel Insekten gibt. Deshalb hat auch das Rind den
längsten Schwanz zum Vertreiben der Fliegen, während das Pferd, weil es
in der Steppe nicht so schlimm ist, sich mit einem erheblich kürzeren
Schweif begnügen muß.
Der Schwanz dient also bei Pferd, Rind, Hund und Katze ganz
verschiedenen Zwecken. Bei den beiden erstgenannten ist er
Fliegenabwehrer, bei dem Hunde soll er den Körper herumwerfen helfen,
und bei der Katze soll er das richtige Steuern beim Sprunge besorgen.
Ein Hund ohne Schwanz kann keinen Hasen mehr einholen. Gegen Fliegen
braucht die Katze ihren Schwanz nicht als Abwehrmittel, da sie von
ihnen gemieden wird. Die Hundearten liegen am Tage in einem dichten
Gebüsch und ruhen. Hier ist von einer großen Belästigung durch Fliegen
nicht die Rede, weshalb der Hund nach ihnen nur mit dem Maule schnappt,
aber nicht mit dem Schwanze danach schlägt.
54. Sieht das Pferd alles größer?
Ein unausrottbarer Aberglaube ist es, daß das Pferd alles doppelt
sieht. Wie schön wäre es für unsern Droschkenkutscher, wenn das der
Fall sein würde. Er brauchte seiner Liese nur das halbe Futter zu
geben, und sie glaubte, das ganze zu erhalten.
Die Größe eines Gegenstandes bemessen wir nach dem Gesichtswinkel und
der Entfernung. Ist uns die Entfernung unbekannt, so schwanken wir in
den Angaben der Größe. So sagt mancher Landbewohner, der Mond sähe so
aus wie ein früherer Taler. Ein anderer sagt wiederum, er erscheine
ihm so groß wie ein Heuwagen. Sehen wir ganz in der Ferne einen Vogel
fliegen, so ist oft der beste Tierkenner im Zweifel, wie groß der Vogel
eigentlich ist. Bei unbekannten Entfernungen kann es also vorkommen,
daß man etwas für größer hält als es ist.
Das meint das Volk aber gar nicht, sondern es ist der Ueberzeugung, daß
das Pferd alle Gegenstände um sich, wo es sich also um ganz bekannte
Entfernungen handelt, doppelt so groß sieht. Namentlich soll der Mensch
in den Augen des Pferdes doppelt so groß, wie er ist, erscheinen.
Es ist klar, daß diese Vorstellung vollkommen unhaltbar ist. Sehe ich
alles doppelt so groß, so sehe ich mich selbst ebenfalls doppelt so
groß, und dann hat das Größersehen nicht den geringsten Erfolg.
Nichts deutet darauf hin, daß das Pferd, falls man die
Größenverhältnisse in Betracht zieht, anders sieht als der Mensch. Es
hält einen großen Hund nicht für ein Pferd, es verwechselt eine Hütte
nicht mit seinem Stall, es mißt die Weite eines Grabens und die Höhe
eines Hindernisses vortrefflich ab. Der Aberglaube, daß das Pferd
alles doppelt sieht, ist nur aus folgendem Gedankengange entstanden.
Der einfache Mann legt sich folgende Frage vor: Wie ist es möglich,
daß ein so großes und starkes Tier, wie es das Pferd ist, sich von
einem Schwächling, wie es der Mensch ist, beherrschen läßt? Um das zu
erklären, verfiel man auf den anscheinend klugen Gedanken: Es wird den
Menschen doppelt so groß sehen, wie er ist.
Hierbei haben die Leute aber ganz übersehen, daß in der Tierwelt häufig
ein David einen Riesen Goliath in Schrecken versetzt. Die großen und
starken Rinder flüchten, wenn die kleinen Rinderbremsen kommen (vgl.
Kap. 86), und andere große Tiere sowie auch Menschen ergreifen die
Flucht vor kleinen Giftschlangen oder gewissen Arten von Ameisen.
Alle Tage können wir erleben, daß sich große Pferde vor dem Gekläff
kleiner Hunde fürchten. Es ist daher nicht im mindesten auffallend, daß
es sich dem Menschen unterordnet.
Die seitliche Stellung der Augen hat für das Pferd große Vorteile.
Kürzlich sah ich ein Bild, auf dem der Künstler die Stellung seiner
Meinung nach verbessert hatte. Das Pferd hatte nämlich, fast wie ein
Mensch, die Augen vorn.
Wir wollen uns einmal vorstellen, daß sich ein Pferd gegen einen von
hinten anschleichenden Wolf verteidigen will. Das kann in seiner
Heimat alltäglich oder allnächtlich vorkommen. Bei der Stellung der
Menschenaugen könnte das Pferd den anschleichenden Räuber nicht sehen.
Es würde wahrscheinlich daneben hauen, und der unverletzte Wolf sich in
sein Opfer verbeißen.
Man erkennt daraus, daß die Natur doch etwas besser versteht, wie die
einzelnen Gaben beschaffen sein müssen, die sie den Tieren verliehen
hat.
Durch die Stellung der Augen hat das Pferd den Vorteil, die Peitsche
des Kutschers zu sehen oder wenigstens die Bewegungen, die er
macht, wenn er schlagen will. Denn auch das Pferdeauge kann wie das
Hundeauge Bewegungen sehr gut wahrnehmen. Weil nun manche Pferde aus
Furcht vor dem Schlage plötzlich schnell anzogen und dadurch eine
gleichmäßige Fahrt erschwerten, so war dies einer der Gründe, weshalb
man Scheuklappen anbrachte. Durch die Scheuklappen wurden die Pferde
verhindert, nach hinten zu sehen.
Ueber die Scheuklappen ist sehr viel geschrieben worden, weil sie den
Augen des Pferdes sehr nachteilig sein sollten. Man sieht sie auch
jetzt viel weniger als früher. Immerhin hat man sich um eine Sache mehr
aufgeregt, als sie wert war. Denn das Auge hat für das Pferd nicht die
Bedeutung wie für den Menschen.
Ganz unerklärlich ist es uns, daß ein durchgehendes Pferd nicht die
Häuser und Bäume, gegen die es gerannt ist, vorher gesehen hat. Aber
wir müssen uns in die Lage des Pferdes hineinversetzen, dann wird der
Zusammenstoß viel leichter verständlich. Das Pferd glaubt, daß von
hinten ein Feind droht, weshalb es davonstürmt. Hierbei schaut es stets
nach hinten, nicht nach vorn. In diesem Zustande kommt es leicht zu
einem Zusammenprall mit vor ihm befindlichen Gegenständen, weil der
Blick nach hinten gerichtet ist. Ueberhaupt kann das Pferd wegen der
Stellung seiner Augen nicht so bequem nach vorn sehen wie der Mensch.
55. Ist der Futterkübel praktisch?
In der Zwischenzeit hat sich der Droschkenkutscher gestärkt und will
sich wieder auf seinen Bock schwingen. Liese hat an dem gewichtigen
Schritt gehört, daß ihr Lenker naht, und macht sich reisefertig. Der
Futterkübel wird ihr abgenommen und verstaut, ferner das Gebiß in die
sogenannte Lade, d. h. den zahnlosen Raum zwischen Vorderzähnen und
Backzähnen gelegt. Eine Decke war nicht abzunehmen. Vielleicht hat der
Kutscher nur kurze Zeit fortbleiben wollen. Auch ist es warm, und das
Pferd hat anscheinend vorher keine größere Anstrengung leisten müssen.
Peitschenhiebe sind nicht nötig. Liese setzt sich in Bewegung, und wir
nehmen von ihr Abschied.
Ein dem Pferde angehängter Freßnapf hat natürlich seine Nachteile. Das
Wildpferd frißt regelmäßig vom Boden und nur ausnahmsweise von Bäumen.
Daher ist die Fütterung aus Futterkübeln immer noch naturgemäßer als
die aus Raufen, wie sie in den Ställen üblich sind. Das fortwährende
Hochheben des Kopfes wirkt auf die Pferde nachteilig ein und ist
besonders für Fohlen (junge Pferde) geradezu gesundheitsschädlich.
Durch das Atmen durch die Nase pustet das Pferd oft Futter aus dem
Kübel hinaus. Es ist daher vorteilhaft, Wasser zu dem Futter zuzugießen
Dann kann kein Häcksel fortfliegen. Aber für die Pferde hat diese
Naßfütterung Nachteile. Denn das Wildpferd frißt seine Nahrung trocken.
Erst wenn es sein Trockenfutter genossen hat, läuft es nach einer
Tränkstelle.
Sehr oft habe ich Ansprachen des Kutschers an sein Pferd gehört, die
geradezu komisch waren. Der Kutscher wollte sein Pferd füttern, aber
es sollte vorher trinken. Das Pferd weigerte sich aber hartnäckig zu
trinken. Immer wieder nahm es den Kopf fort. Der Kutscher glaubte,
diese Weigerung durch gute Lehren zu bekämpfen, und sagte etwa
folgendes: »Aber, du dummer Peter, willst du denn gar nicht trinken?
Weißt du denn gar nicht, wie schön das Essen schmeckt, wenn man vorher
getrunken hat?«
Es ist richtig, daß man ein Haustier vor manchem Schaden behüten muß.
Ein freilebendes Tier weiß sich allein zu helfen, aber ein Haustier hat
diese Fähigkeit verloren. So überfressen sich Hauspferde, wenn sie an
die Haferkiste gelangen. Da das Pferd im Verhältnis zu seiner Größe nur
einen kleinen Magen hat, der obendrein noch eine Klappe hat, so sind
schon viele Pferde am Ueberfressen gestorben.
Solche Dinge jedoch, ob ein Pferd vor dem Fressen trinken soll oder
nicht, weiß das Pferd besser als der Mensch. Der Deutsche schwärmt für
eine Flüssigkeit vor dem Essen. Deshalb wird bei uns das Essen mit
einer Suppe eingeleitet. Auch im Zoologischen Garten müssen Tiger und
Löwen vor dem Fraße Wasser trinken, obwohl alle naturgeschichtlichen
Werke darüber einig sind, daß sie erst nach ihrer Mahlzeit ihren Durst
löschen.