Fräulein Bachmann. Die Dame ist eine vollständig wahrheitsliebende
Persönlichkeit. Nur läßt sie ihre Liebe zu den Tieren häufig falsche
Schlüsse ziehen.
So wollte ich mich durch meinen Besuch mit eigenen Augen davon
überzeugen, was an der Geschichte wahr sei, die mir als größte
Merkwürdigkeit von Hans mitgeteilt worden war. Er sollte von Hause
aus ein so reinliches Tier sein, daß er ohne jeden Unterricht seine
Bedürfnisse in dem Abguß der Wasserleitung erledige.
Wir konnten uns alle persönlich davon überzeugen, daß diese Angabe
durchaus auf Wahrheit beruht. Der Kater setzt tatsächlich an dieser
Stelle seinen Unrat ab.
Wie ich bereits vermutet hatte, ist die Lösung des Rätsels furchtbar
einfach. Die Katze hat wie der Hund den uralten Trieb, ihren Unrat zu
vergraben. Das tun sie nicht aus Sauberkeit, sondern weil sie wissen,
daß alle Pflanzenfresser die Gegend meiden, wo ihnen ihre feine Nase
mitteilt, daß gefährliche Feinde in der Nähe weilen. Gerade die Katze
hat zum Vergraben besondere Gründe, weil ihr Unrat besonders stark
riecht.
Auch der junge Hans wollte es wie die anderen Katzen machen, aber
es gab in der Wohnung seiner damaligen Herrin keinen Sand. Hat das
Raubtier keine Möglichkeit, den Abgang zu vergraben, so sucht es
wenigstens eine Höhlung für ihn auf.
Da in der Wohnung die einzige Höhlung, die für die Katze in Betracht
kam, der Ausguß der Wasserleitung war, so sprang sie in diesen hinein.
Hans hat nur den Gedanken der Beseitigung gehabt. Das konnte man ganz
unzweifelhaft daran erkennen, daß er nach der Beendigung mit den
Pranken zu scharren anfing, obwohl doch in dem eisernen Behälter seine
Hin- und Herbewegungen mit den Pfoten ebenso nutzlos waren wie das
Scharren der Hunde mit den Hinterfüßen auf dem steinharten Bürgersteig.
Wie wird nun von einfachen Leuten ein so vollständig einleuchtender
Vorgang ausgeschmückt.
Hiernach hat Hans folgenden Gedankengang gehabt. Wir müssen uns die
klugen Menschen zum Vorbilde nehmen. Diese wissen dadurch die größte
Reinlichkeit zu wahren, daß sie einen mit Wasserspülung versehenen
Trichter benutzen. Leider kann ich mit meiner Katzengestalt ihnen
das nicht nachmachen. Aber ich will den Menschen wenigstens darin
nacheifern, daß auch bei mir Wasserspülung für die größte Reinlichkeit
sorgt. Deshalb springe ich in den Abguß der Wasserleitung.
Dieser Gedankengang entspricht etwa den Anschauungen der meisten
Tierfreunde. Sie werden hierin durch folgende Erwägung bestärkt. Der
Großstädter ist klüger als die andere Bevölkerung. Die Tiere sehen dem
Menschen kluge Maßregeln ab. Warum soll nun nicht eine Großstadtkatze,
die in der Wohnung Klosetts mit Wasserspülung sieht, den Menschen
nachzuahmen suchen.
In Wirklichkeit ist das eine vermenschlichende Anschauung, die dem
Tiere vollkommen fernliegt. Der klügste Affe ist, wie ich schon
erwähnt habe, nicht zur Stubenreinheit zu bewegen. Reinlichkeit in
unserem Sinne kennt überhaupt das Tier nicht. Reinlichkeit ist eine
Vorbedingung für die Gesundheit. Wir halten uns Unrat, verweste Dinge,
tote Tiere und dergleichen fern, weil sie unserer Gesundheit schädlich
sind. Da sie der Gesundheit des Hundes nichts schaden, so kann der Hund
nicht denselben Reinlichkeitssinn besitzen wie wir.
Bei der Katze liegt die Sache ähnlich. Wie oft habe ich gesehen, daß
meine Katzen sich auf schmutziger Wäsche mit Wonne sielten. Wo sitzt
denn da die Reinlichkeit nach unseren Begriffen?
Zum Schlusse unseres Besuches zeigt uns Hans noch eine Glanzleistung.
Er ist in der Küche, wo wir uns befinden, auf ein Brett gesprungen, wo
zahlreiche kleine Gläser stehen. Man muß immer wieder die ungeheure
Geschicklichkeit einer Katze bewundern, wie sie ihre vier Füße zu
setzen weiß, ohne im geringsten anzustoßen. So wandert auch Hans durch
die Gläser, ohne den geringsten Schaden anzurichten.
Bei der Jagd kann man oft die gleiche Geschicklichkeit der Katze
beobachten. Wildernde Katzen wissen, daß der Jäger ihnen eifrig
nachstellt. Sie verbergen sich deshalb sofort in der Saat oder im
Klee oder einer anderen Deckung. Man sollte meinen, daß die Pflanzen
sich bewegen müßten, wenn eine Katze hindurchgeht. Aber wenn man oben
auf die Saat oder den Klee schaut, so kann man niemals eine Bewegung
feststellen. So rettet die Katze durch ihre Geschicklichkeit ihr Leben,
da der Jäger nicht weiß, wohin sie geflüchtet ist.
Eine andere Eigentümlichkeit der Katzen besteht darin, daß sie
darauf erpicht sind, in jede Höhlung zu kriechen. Es ist daher nicht
unbedingt notwendig, daß die Katzenfallen mit einem Köder versehen
sind. Die Katze kriecht auch in einen Kasten, wenn kein Leckerbissen
darin ist. Aus meiner Studentenzeit ist mir noch folgender Vorfall in
der Erinnerung geblieben, der den Beweis hierfür liefert. Ich wohnte
bei Leuten, die sehr große Tierfreunde waren und eine schwarze Katze
besaßen. Die Katze war mehr bei mir als bei ihnen. Eines Tages war es
sehr kalt und es sollte deshalb geheizt werden. Als Feuer angemacht
war, fiel es mir auf, daß ich die Katze nicht sah. Auch war es mir so
vorgekommen, als wenn ich ganz leise Laute aus dem Ofenloche vernommen
hätte. Meine Wirtin bestritt zwar, daß die Katze im Ofenloch sitzen
könne, sah aber doch nach und gewahrte zu ihrem Schrecken die Katze
hinter dem Feuer. Rasch entschlossen riß sie das Feuer aus dem Ofen
und zog die Katze heraus, die glücklicherweise nur einige versengte
Stellen am Pelze aufwies. In dem Ofen war nur Asche, und zwar nicht
einmal warme Asche, da ich in diesen Jahren nur ganz ausnahmsweise
heizen ließ. Nur die Höhlung hatte es der Katze angetan, hier sich
aufzuhalten. Wahrscheinlich tauchte vor dem Ofenloch die Erinnerung an
die Felsenhöhlen ihrer Vorfahren in ihr auf.
45. Geschichten von Katzen.
Der Naturforscher, der von der Jagdleidenschaft seiner Hunde so schön
plauderte, hat auch mit seinen Katzen mancherlei erlebt. Eine Katze,
die er sich angeschafft hatte, mit Namen Ripp, war ungeheuer scheu.
Erst im Laufe des Sommers, erzählte er, da ich mit meiner Familie sehr
viel vor dem Hause war, gelang es uns, Ripp so zutraulich und zahm zu
machen, daß sie immer am liebsten in unserer Gesellschaft verweilte,
sich streicheln und tragen ließ, uns weit weg begleitete, wenn wir
fortgingen, und uns weithin und voller Seligkeit entgegenkam, wenn
wir zurückkehrten. Ripp war kohlpechrabenschwarz mit einem prächtigen
weißen Stern auf ihrer treuen Brust, und da die Welt damals gerade
voller Mäuse war, so hatte ich auch noch einen einfarbig blaugrauen
Kater angeschafft, dem die Kinder den Namen Hänschen gaben. Nach Jahr
und Tag fand ich Gelegenheit, von einem Freunde ein schönes Kätzchen zu
beziehen, dessen Großvater ein schöner Angorakater war. Jetzt ward der
Entschluß, das liebe alte Pärchen wegzuschaffen, gefaßt. Zuerst ward
Hänschen im Käfig gefangen, und während er mit schwermütigem Blicke,
als ob er dem Wetter nicht recht traute, in ihm auf und ab ging, fuhr
ein kleiner Korbwagen vor, der Käfig ward hineingestellt, mit einem
Tuche gut bedeckt, dies rings dicht mit Stroh umbanst, und nun Glück
auf, da zog der neue Besitzer des schönen blaugrauen Katers wohlgemut
den Wagen, listig allerlei Umwege durch den Wald wählend, seiner Heimat
zu, die auf geradem Wege ein halbes Stündchen von uns entfernt ist.
Dort angelangt, wurde der Wagen ins Haus gezogen, die Türen wurden
hinten und vorn verriegelt, der Käfig behutsam herausgehoben, enthüllt,
-- aber, ach, der war ganz leer und keine Spur vom Kater zu sehen,
obgleich der Wagenlenker ihn doch mit eigenen Augen beim Einpacken im
Käfig gesehen hatte und sorgfältig verwahrt zu haben glaubte. Genaue
Prüfung des Tatbestandes ergab, daß man im Vertrauen auf die Decke die
Tür des Käfigs zuzubinden versäumt hatte und daß der reisende Kater
inmitten der Reise unbemerkt die Türe geöffnet und Reißaus genommen
haben mußte. Als der Wagen zurück und die Trauerbotschaft an mich kam,
da erschrak ich, hielt gleich Haussuchung und fand Hänschen auf dem
Heuboden, wo er ganz ruhig in seinem gewöhnlichen Bettchen lag, mir
freundlich grüßend entgegenkam und mit dem Ergebnis seiner Waldpartie
ganz zufrieden schien. Er ging auch gleich am folgenden Tage wieder
getrost in den Käfig, ward wieder eingesperrt, zu Wagen gebracht,
aufs Allersorgfältigste verpackt, gelangte auf neu ersonnenen Umwegen
richtig an den Ort seiner Bestimmung, begrüßte mich aber doch am
nächsten Morgen schon wieder ganz unbefangen in der lieben Heimat, weil
er von dem Dachboden, wohin man ihn gesperrt, durch ein Loch entwichen
war, das er selber entdeckt hatte und das der Hausbesitzer hinterdrein
auch noch bei dieser Gelegenheit zu sehen bekam. Das nächste Mal ward
Hänschen in entgegengesetzter Himmelsrichtung nach einem Orte, der eine
Stunde weit entfernt und durch Berg und Tal, Wiese, Wasser und Wald von
hier getrennt ist, zu befreundeten Seelen kutschiert, kehrte aber nach
Verlauf zweier auf Reisen zugebrachter Wochen heim ins Vaterhaus und
saß an einem schönen Morgen im Strahle der aufgehenden Sonne, reicher
an Welt- und Menschenkenntnis, aber ärmer an Fett, in Hungersnot sanft
quäksend und freundlich winkend unter meinem Fenster. -- Auch die gute
Ripp war während aller dieser merkwürdigen Ereignisse schon zweimal in
die Welt hinein kutschiert und beidemal erfahrungsreicher heimgegangen.
-- Nun aber wurde zum dritten- und letztenmal Anstalt zur Auswanderung
getroffen. Das liebe Pärchen mußte auf einem ganz neuen Wege eine gute
geographische Meile weit zu Leuten fahren, die den ernstlichen Willen
kundgegeben hatten, die zwei Auswanderer wenigstens zwei Wochen lang
hinter Schloß und Riegel gut zu verpflegen. Nach drei Wochen kam die
Nachricht, daß sich der Kater Hänschen zwar aus dem ihm angewiesenen
Hause weggeschlichen, aber bei einem Nachbar festes Quartier genommen,
daß Ripp dagegen geblieben, ganz einheimisch, zufrieden und sehr
beliebt sei.
Unser Gewährsmann schildert weiter, daß auch Ripp nach einiger Zeit
wieder zu ihm zurückgekehrt ist.
Der wunderbare Ortssinn der Tiere, von dem schon die Rede war (Kap. 9),
zeigt sich auch bei der Katze stark ausgebildet.
46. Redensarten und Sprichwörter von der Katze.
Geldkatze ist ein hohler Gurt, der als Geldbeutel dient und gewöhnlich
von Katzenfell hergestellt wird.
*Katzenmusik*, *Katzenkonzert*,
*Katzenwäsche*,
*Katzenbuckel*,
*Schmeichelkätzchen*,
*Katzen und Herren fallen immer auf die Füße*,
*Willst du lange leben gesund,
Iß wie die Katze, trink' wie der Hund*
sind schon besprochen worden. Ein Beweis der im Volke herrschenden
Ansicht von der Falschheit der Katzen ist der Vers:
*Hüte dich vor den Katzen,
die vorn lecken und hinten kratzen.*
Die Katze sorgt vorsichtig, daß ihr keine Schmerzen zugefügt werden.
Daher die Redensart:
*Drum herumgehen, wie die Katze um den heißen Brei.*
Richtiger heißt es wohl:
*Gleichwie die Katzen um den Herd, tätens sich umherreiben.*
Die Katze als Nachttier wünscht am warmen Herd ihren Körper zu erwärmen.
*Der Katze die Schellen umhängen.*
Nach einer Fabel wollten sich die Mäuse dadurch vor der Katze schützen,
daß sie ihr Schellen umhängten. Dieser Plan scheiterte jedoch daran,
daß sich niemand zu seiner Ausführung meldete.
*Wenn die Katze aus dem Hause ist, springen die Mäuse
über Stuhl und Bänke.*
Ist der gebietende Teil nicht anwesend, also z. B. Lehrer, Eltern, dann
erlauben sich Kinder manche Freiheiten.
*Die Katze im Sack kaufen.*
Nach Grimm heißt es: Die Katze im Sacke kaufen statt eines Hasen.
Andere verstehen darunter: etwas unbesehen kaufen.
*Bei Nacht sind alle Katzen grau.*
Die Dunkelheit verwischt die Unterschiede, so daß man dann auch eine
weniger gute Sache anziehen kann.
Die Katze erhält die Abfälle der Mahlzeiten. Daher sagt man für
Wertloses:
*Das ist für die Katz!*
Nach anderen erklärt sich die Redensart damit, weil die Katze ein
verachtetes Geschöpf ist. Man gebraucht also die Redensart dann, wenn
man für eine Handlung auf Undank rechnen muß.
*Katzenjammer*
soll die bekannte Magenverstimmung deshalb heißen, weil sie der
Stimmung beim Anhören eines Katzenkonzerts gleicht.
Uebrigens hat man schon in früheren Zeiten erkannt, daß die Katze im
Gegensatz zum Hunde ein ausgezeichnetes Sehvermögen besitzt. Das geht
aus dem Vers hervor:
*Nimm die Augen in die Hand und die Katz aufs Knie,
was du nicht siehst, das sieht sie.*
Der Glaube, daß Hexen sich in Katzen verwandeln, rührt von dem
nächtlichen Leben der Tiere her und ihren im Dunkeln leuchtenden Augen,
sowie ihrem lautlosen Schleichen.
[Illustration: Junge Katzen Halbangora-Katze]
[Illustration: Silberfarbige Cypernkatze mit Jungen]
Das Pferd
47. Warum gibt es so viele braune Pferde?
In der Großstadt werden jetzt die Pferde vielfach durch andere Kräfte
ersetzt. Manche sind der Ansicht, daß in nicht zu ferner Zeit das
Pferd gänzlich von den Straßen verschwinden werde. Das ist wenig
wahrscheinlich, weil manche Genüsse, beispielsweise das Reiten, durch
keine Maschinentätigkeit ersetzt werden können.
Immerhin müssen wir jetzt schon, um uns ein paar Omnibuspferde
anzusehen, auf die Suche gehen, denn es wird nur noch eine Strecke mit
dem Pferdeomnibus befahren. Bequemer ist es daher, wenn wir bei einem
Droschkenpferde haltmachen und es uns etwas besehen, da der Kutscher
sich in dem benachbarten Lokal gerade stärkt. Er hat aber auch seinen
treuen Gehilfen nicht vergessen, sondern ihm vorher den gefüllten
Futterkübel umgehängt.
Aus meiner Jugendzeit fallen mir verschiedene schlechte Witze ein,
die damals über das Berliner Droschkenpferd üblich waren. Einer von
ihnen lautete: Was ist schneller als ein Gedanke? Die Antwort war: Das
Droschkenpferd, denn, wenn man denkt, es fällt, dann liegt es schon.
Wie so viele Pferde ist unser Droschkenpferd von brauner Farbe mit
schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz. Auffallend ist die Beweglichkeit
seiner Ohren, die sich sofort nach der Seite öffnen, von der aus ein
Geräusch ertönt. Die Augen des Pferdes stehen nicht wie beim Menschen
vorn, sondern mehr auf der Seite. Die Fliegen müssen dem Tiere ziemlich
zusetzen, denn alle Augenblicke schlägt es mit dem Schwanze nach
ihnen. Von Zeit zu Zeit tritt es auch mit den Hufen stark auf, um sie
zu verscheuchen. In der Zwischenzeit zuckt es mit dem Felle, um die
Plagegeister zu vertreiben. Vielen Erfolg scheinen die Abwehrmittel
nicht zu haben, da die Fliegen wohl fortfliegen, aber ebenso sicher
auch zurückkehren.
Von seinen Hufen, die ungespalten sind, hat das Pferd den Namen
Einhufer erhalten. Wir staunen, daß ein so großer Körper so sicher auf
den kleinen Hufen steht.
Ebenso wundern wir uns über den außerordentlich langen und starken
Hals, wenn wir ihn mit dem Halse des Menschen vergleichen. Im
Verhältnis zur Länge des Halses ist wiederum der Kopf nur klein.
Während unser Kopf rund ist, hat das Pferd einen länglichen Kopf.
Inzwischen ist beim Fressen durch das Schnauben des Pferdes eine ganze
Menge Häcksel aus dem Kübel geflogen. Dieses Fortpusten des Häcksels
betrachten viele als ein Zeichen dafür, daß das Pferd ein sehr kluges
Tier ist. Der Häcksel, den ihm sein Herr vorsetzt, paßt ihm nicht, und
deshalb pustet es einfach eine Menge davon fort.
Mit der Zeit scheint das Futter sich seinem Ende zu nähern, denn das
Pferd schüttelt den Kübel hin und her, um sich ja nicht etwas von dem
Futter entgehen zu lassen. Hieraus dürfen wir wohl den Schluß ziehen,
daß es ihm nicht gerade schlecht schmecken kann.
Wir wissen, daß wir, um das Benehmen des Pferdes und sein Aussehen zu
verstehen, seine wilden Verwandten uns näher ansehen müssen. Früher
waren die Vorfahren unseres Hauspferdes unbekannt. Seit Anfang dieses
Jahrhunderts sind sie jedoch entdeckt, und von den gefangenen Fohlen
sind ein Männchen und ein Weibchen, also ein Hengst und eine Stute,
nach dem Zoologischen Garten von Berlin gekommen. Leider ist die Stute
vor einigen Jahren gestorben. Der Hengst aber lebt zurzeit noch,
wenngleich er schon einen recht alten Eindruck macht. Anscheinend ist
er auch schon erblindet, wenigstens auf einem Auge dürfte er ganz blind
sein.
Der Wildhengst ist kleiner als unser Droschkenpferd, da er nicht
größer als ein Zebra ist. Ueberhaupt sehen wir, daß alle Einhufer des
Zoologischen Gartens nach unseren Begriffen klein sind. Das kommt
daher, weil wir unsere Pferde absichtlich auf Größe gezüchtet haben, so
daß unser Auge an große Pferde gewöhnt ist.
Auch das Wildpferd ist braun mit schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz.
Ueberdies läuft noch ein schwarzer Streifen auf dem Rücken entlang.
Auch bei unseren Hauspferden kommt er manchmal vor und wird als
Aalstrich bezeichnet.
Diese Zeichnung des Wildpferdes ist natürlich seinen Lebensgewohnheiten
angepaßt. Es lebt noch heute in Mittelasien. Und zwar ist das Wildpferd
ein Bewohner der Steppe, wo es in Rudeln angetroffen wird. Diese
Rudel werden von einem Hengste geleitet, der fortwährend achtgibt, ob
irgendwo Gefahr droht. Naht sich ein größeres Raubtier, so ergreift das
Rudel eiligst die Flucht. Gegen kleinere Raubtiere kämpft der Hengst
mutig, und zwar schlägt er mit seinen Vorderhufen und packt sie mit dem
Gebiß.
Jetzt verstehen wir, weshalb es heute noch bissige Pferde gibt. Das
Beißen ist eine ursprüngliche Waffe der Pferde. Wir haben absichtlich
alle Pferde, die sich durch Beißen auszeichneten, von der Zucht
ausgeschlossen, so daß unsere heutigen Pferde nur ausnahmsweise beißen.
Das Ausschlagen ist an sich ebenfalls eine natürliche Waffe des
Pferdes. Niemals soll man sich einem fremden Pferde von hinten nähern.
Das Pferd, das im allgemeinen ängstlich ist, hört ein Geräusch hinter
sich und schlägt naturgemäß nach hinten aus. Dadurch sind schon
unzählige Unglücksfälle verursacht worden.
Wie die braune Lerche sich von der Erde kaum abhebt und deshalb leicht
übersehen wird, ebenso der braune Hase, so verschwimmt auch das
Wildpferd mit seiner braunen Farbe in der endlosen braunen Steppe.
Wäre jedoch das Wildpferd nur braun, so würde ein so großer brauner
Fleck in der Natur auffallen. Deshalb ist durch die schwarze Mähne, den
Aalstrich und den schwarzen Schweif der braune Fleck geteilt und nicht
mehr so auffällig groß.
48. Warum hat das Pferd eine Mähne? Die Fabel von dem Kreisbilden der
Pferde.
Die Frage, weshalb das Pferd eine Mähne besitzt, scheint sehr leicht zu
beantworten zu sein. Einfach zu dem Zwecke, damit der Reiter sich daran
festhält, wenn er sich auf das Pferd schwingt.
Jetzt betrachten wir daraufhin das Wildpferd und sehen, daß es oben
auf dem Halse nur kurze Borsten wie ein Zebra hat. Die Mähne unserer
Hauspferde, die sehr bequem für den Reiter ist, hat also bei dem
Wildpferde gar nicht die Länge, um als geeigneter Handgriff zu dienen.
Die Mähne hat also bei dem Wildpferde andere Zwecke zu erfüllen. Der
große und starke Pferdehals sieht wie ein großes Viereck aus und muß
in der weiten Steppe sehr auffallen. Durch die schwarze Mähne oben
auf dem Halse wird dieses Viereck weniger auffallend. Die Hauptfeinde
der Wildpferde sind in Asien der Tiger und der Mensch. Beide sind
Augentiere, denen gegenüber die Schutzfärbung von großer Bedeutung ist.
Weniger kommt sie in Betracht bei den Wölfen, da diese sich wie die
Hunde in erster Linie nach ihrer Nase richten.
Immer wieder taucht die Fabel auf, daß die Pferde sich gegen die Wölfe
dadurch verteidigen, daß sie einen Kreis bilden mit den Köpfen nach
innen, während die nach außen gerichteten Hinterbeine den Angreifer
niederschmettern. In der Mitte des Kreises sollen sich die Fohlen
aufhalten.
Naturforscher und Reisende, die Gelegenheit hatten, die Angriffe der
Wölfe auf Pferdeherden zu beobachten, haben aber nicht das geringste
von diesem Kreisbilden wahrnehmen können. Der Wolf sucht sich vielmehr
an die Pferdeherden anzuschleichen, um ein Füllen zu packen, manchmal
auch ein einzelnes Pferd. Merken die Pferde den Wolf, so gehen sie auf
ihn los und bearbeiten ihn mit den Vorderhufen, die Hengste auch mit
den Zähnen.
Ein amerikanischer Reisender schildert folgenden Kampf zwischen
Wölfen und Pferden: Als ich mich am Spokanfluß aufhielt, ging ich
nach der Pferdeprärie, um die Manöver zu beobachten, welche die Wölfe
bei ihren vereinten Angriffen auf die Pferde anwenden. Ihre erste
Ankündigung bestand in einem gellenden, hundeähnlichen Gebell, das sie
von Zeit zu Zeit hören ließen, gleich dem Abfeuern der Gewehre der
verschiedenen Vorposten bei kleinen Gefechten. Dieses Gebell wurde von
der entgegengesetzten Seite durch ein ähnliches erwidert, bis sich
die Töne immer mehr näherten, und endlich aufhörten, als die Parteien
sich vereinigten. Wir setzten unsere Flinten in Stand und verbargen
uns hinter einem dicken Gebüsch. Indes scharrten die Pferde, welche
die Gefahr merkten, mit den Hufen auf dem Boden auf, schnaubten, hoben
die Köpfe in die Höhe, sahen wild um sich und gaben alle Zeichen von
Furcht. Ein paar Hengste erwarteten mit anscheinender Ruhe den Feind.
Endlich erschienen die Verbündeten in einem Halbkreis, dessen Enden sie
ausdehnten, um ihre Beute einzuschließen. Es waren zwischen 300 bis 400
an der Zahl. Die Pferde schienen ihre Absicht zu erraten, und da sie
sich fürchteten, einer solchen Anzahl entgegenzutreten, galoppierten
sie nach der entgegengesetzten Seite; die Wölfe stürzten nach, ohne
ihre Stellung im Halbkreis zu verlieren. Die Pferde, welche nicht im
besten Stande waren, wurden schnell eingeholt und fingen an, nach ihren
Verfolgern auszuschlagen, wovon manche heftige Schläge erhielten.
Doch würden sie bald über die Pferde Herr geworden sein, wären wir
nicht zur rechten Zeit aus unserm Hinterhalte hervorgetreten, und
hätten des Feindes Zentrum eine tüchtige Ladung Kugeln zugeschickt,
die mehrere davon töteten. Sogleich schwenkte sich das ganze Bataillon
und lief in der größten Eile und Unordnung den Bergen zu, während die
Pferde, sowie sie die Schüsse hörten, ihren Lauf änderten, und auf uns
zu galoppierten. Unser Erscheinen rettete einige aus den Zähnen der
Wölfe, und sie schienen durch ihr Wiehern ihre Freude und Dankbarkeit
ausdrücken zu wollen.
Auch in dem vorstehenden Falle ist von einem Kreisbilden der Pferde
keine Rede. Wohl aber haben ihre Feinde, die Wölfe, einen Halbkreis mit
verlängerten Enden um sie gebildet, damit kein Pferd entweichen konnte.
49. Warum kann das Pferd nur durch die Nase atmen?
An kalten Wintertagen, wo der Atem sichtbar wird, kann man deutlich
erkennen, daß das Pferd nur durch die Nase atmet. Aus den Nüstern
kommen fortwährend Wolken wie Dampf, aber aus dem Maule nicht.
Auch hier gibt die Lebensweise der Wildpferde Aufschluß über die
Eigentümlichkeit. In der Steppe herrschen in der Winterzeit furchtbare
Schneestürme. Diese würden für die Pferde besonders nachteilig
sein, da sie die Gewohnheit haben, stets gegen den Wind zu laufen.
Sie tun das natürlich nicht aus Vergnügen, sondern um ihre Feinde
rechtzeitig wahrzunehmen. Denn wie der Hund, so ist das Pferd ein
Nasentier, das eine sehr feine Nase, aber am Tage nur ein schwaches
Sehvermögen besitzt. Lauern nun vor ihnen irgendwo Feinde, so wird das
hervorragende Geruchsvermögen sie dem Pferde verraten.
Das Laufen gegen eisige Winterstürme würde aber der Gesundheit der
Pferde nachteilig sein, falls das Atmen durch das Maul erfolgte.
Deshalb kann das Pferd nur durch die Nase atmen, damit es stets
angewärmte Luft einatmet.
Die Furcht vor seinen Feinden spielt also beim Pferde die größte Rolle.
Immer sind deshalb die Ohren in Bewegung, damit es ja nicht etwas
Gefährliches überhört. Kipp- und Hängeohren wird man bei den Pferden
kaum jemals antreffen, obwohl sie bei Hunden und anderen Haustieren
häufig sind. Die Angst läßt die Ohren immer gespitzt halten.
Das Fortpusten des Häcksels aus dem Futterkübel geschieht also
nicht deshalb, weil das Pferd sehr klug ist, sondern wegen seiner
Nasenatmung. In der Freiheit fliegt dadurch kein Futter fort, weil die
Gräser festgewachsen sind.