Ich habe sie, schreibt er, öfters beobachtet, wenn sie so auf der Lauer

sitzt, daß sie mehrere zusammenhängende Mauselöcher um sich hat. Sie

könnte sich gerade vor ein am Rande des Ganzen stehendes hinsetzen und

so alle leicht überschauen. Das tut sie aber nicht. Setzte sie sich vor

das Loch, so würde das Mäuschen sie leichter bemerken und entweder gar

nicht herausgehen oder doch schnell zurückzucken. Sie setzt sich also

mitten zwischen die Eingänge und wendet Auge und Ohr dem zu, in dessen

Nähe sich unter der Erde etwas rührt, wobei sie so sitzt, daß das

herauskommende Geschöpf ihr den Rücken zukehren muß und desto sicherer

gepackt wird. Sie sitzt so unbeweglich, daß selbst die sonst so regsame

Schwanzspitze sich nicht rührt; es könnten sonst durch ihre Bewegung

die Mäuschen, welche nach hinten heraus wollen, eingeschüchtert werden.

Kommt *vor* der Katze ein Mäuschen zutage, so ist es im Augenblick

gepackt; kommt eins hinter ihr heraus, wo sie es nicht sehen kann,

*so ist es ebenso schnell gepackt*. Sie hat nicht bloß gehört, daß es

heraus ist, sondern auch *so genau, als ob sie es sähe, wo es ist;

sie wirft sich blitzschnell herum und hat es, nie fehlend, unter den

Krallen*. Uebrigens vermag sie weit mehr zu leisten. Ich hatte mich

bei warmer, stiller Luft in meinem Hofe auf einer Bank im Schatten

der Bäume niedergelassen und wollte lesen. Da kam eins von meinen

Kätzchen schnurrend und schmeichelnd heran und kletterte mir nach

alter Gewohnheit auf Schulter und Kopf. Beim Lesen war das störend, ich

legte also ein zu solchem Zweck bestimmtes Kissen auf meinen Schoß, das

Kätzchen darauf, drückte es sanft nieder, und nach zehn Minuten schien

es fest zu schlafen, während ich ruhig las und um uns her Vögel sangen.

Das Kätzchen hatte den Kopf, also auch die Ohren, südwärts gerichtet.

Plötzlich sprang es mit ungeheurer Schnelligkeit rückwärts. Ich sah ihm

erstaunt nach; da lief nordwärts von uns ein Mäuschen von einem Busch

zum andern über ein glattes Steinpflaster, wo es natürlich gar kein

Geräusch machen konnte. Ich maß die Entfernung, in welcher das Kätzchen

die Maus hinter sich gehört hatte; sie betrug 13,5 Meter.

Das Gehör der Katze ist, wie wir aus eigener Beobachtung bestätigen

können, ungeheuer fein. Sie macht uns auf die Ankunft einer Person

aufmerksam, deren Schritte wir überhört hatten.

Auch der Hund hört sehr fein, wie schon früher aus der Schilderung des

Jagdhundes und der beiden Spitze hervorging (Kapitel 23). Man kann das

oft daran erkennen, daß er plötzlich anscheinend grundlos bellt. Trotz

angestrengten Horchens kann ein Mensch nicht das geringste Geräusch

hören. Endlich kommt man hinter den Grund seiner Erregung. Jeder Hund

hat regelmäßig einen Feind. Dieser nähert sich unserem Hause. Es ist

erstaunlich, aus welcher Entfernung der Hund die Annäherung seines

Feindes wahrnimmt. Der Mensch, der z. B. einen Vogelruf wahrnimmt, weiß

häufig nicht, wo der Vogel sitzt und sieht sich vergeblich nach dem

Tier um. Die Katze hört nicht nur, daß eine Maus kommt, sondern sie

weiß auch sofort, von welcher Stelle sie kommt.

Man hat sich häufig darüber gewundert, daß die Katzen und die meisten

Hunde von der Musik nichts wissen wollen. Für ihre feinen Ohren ist

eben unsere Musik viel zu grell.

41. Warum schüttelt die Katze beim Fressen den Kopf?

Um mich bei Hans und seiner Herrin beliebt zu machen, habe ich für ihn

ein paar Bücklingsköpfe mitgebracht. Sie werden dankbar in Empfang

genommen. Während des Fressens schüttelt Hans häufig den Kopf, was man

bei fressenden Katzen nicht selten sieht. Zu schütteln ist eigentlich

an dem toten Bücklingskopf nichts.

Ich erkläre mir das so. Wildkatzen fressen mit Vorliebe knochenloses

Fleisch. Es ist seit Jahrtausenden bekannt, daß der Löwe, also die

größte Katze, zunächst die Eingeweide frißt. Um zu den Eingeweiden zu

gelangen, muß die Katze den Kopf in den Leib ihrer Beute stecken. Da

ihr Fell, wie wir wissen, sehr empfindlich gegen Nässe ist, so muß sie

ihren Kopf gegen die Beschmutzung mit Blut und dergleichen zu schützen

suchen. Um das zu erreichen, schüttelt sie mit dem Kopfe.

Bücklinge, wie Fische überhaupt, frißt die Katze deshalb gern, weil

die Wildkatzen trotz ihrer Abneigung gegen das Wasser sehr geschickte

Fischfänger sind. Sie lauern regungslos am Wasser und wissen den

arglosen Fisch durch einen blitzschnellen Prankenschlag aufs Land zu

werfen. Hierbei machen sie sich so gut wie gar nicht naß.

Eine in der Großstadt geborene Katze zeigte mir einmal, wie

festgewurzelt das Fischefangen in ihrem Triebleben haftet. Ich hatte

einen Strumpf zum Baden benutzt, und, um die Seife auszuwässern, ihn

in eine Wanne gelegt. Bei meiner Arbeit am Schreibtische hatte ich das

schon längst vergessen, als ein Geräusch meine Aufmerksamkeit auf die

Wanne lenkte. Eine meiner Katzen saß mit gespanntester Aufmerksamkeit

am Rande der Wanne und suchte durch einen Prankenschlag den Strumpf

hinauszuschlagen. Der dunkle Strumpf im klaren Wasser hatte also

genügt, ihre von den Vorfahren ererbte Erinnerung an den Fischfang

wachzurufen.

Bei dieser Gelegenheit können wir zugleich das natürliche Futter der

Katze feststellen. Das vor dem Kriege in der Großstadt übliche Füttern

mit Pferdefleisch kann man nicht als naturgemäß bezeichnen. Ich habe

selbst erlebt, daß dauernd mit Pferdefleisch gefütterte Katzen sich

wie tollwütig benahmen. Wunderbar ist das auch nicht weiter, denn das

Fleisch der Mäuse und Vögel ist nicht annähernd so gehaltreich wie das

Pferdefleisch.

Weil Pferdefleisch die übliche Nahrung in den Zoologischen Gärten ist,

deshalb sterben auch alle Raubtiere sehr schnell, die in der Freiheit

keine Pferde oder ähnliche Tiere, wie Zebras, Esel und andere Einhufer

fressen. Obwohl Luchse in Deutschland heimisch waren, und die Wildkatze

es noch heute ist, können sie die Fütterung mit Pferdefleisch auf die

Dauer nicht vertragen. Ebenso sterben Habichte, Wanderfalken, Sperber

und andere Raubvögel sehr bald, wenn sie mit Pferdefleisch gefüttert

werden, obwohl diese Vögel unsere Heimat bewohnen.

Die praktischen Amerikaner sollen, wie ich gelesen habe, ihre Katzen

mit Eingeweiden füttern. Das wäre sehr klug, denn die Katze hat eine

ausgesprochene Vorliebe für die Eingeweide. Sollten wir also wieder

einmal eine solche Nahrungsfülle haben, wie es vor dem Kriege der Fall

war, dann wäre es zweckmäßig, einer Großstadtkatze, der man keine

Nager oder Vögel vorsetzen kann, Fische zu geben und vom Pferde die

Eingeweide.

Von den Naturforschern wird das scharfe Gebiß der Katzen sehr

gepriesen, weil die Zähne infolge ihres Baues eine furchtbare Wirkung

ausüben. In Wirklichkeit sieht die Sache ganz anders aus. Keine Katze

verteidigt sich gegen einen Hund mit dem Gebiß. Keine Katze kann, wie

schon erwähnt wurde, einen Fuchs abwürgen, was doch der nicht größere

Dachshund oft tut. Keine Katze befreit sich aus einer Holzkiste,

wenngleich ihre Wände dünn sind. Der Hund dagegen zerbeißt, wie wir

von der Dogge Tom hörten, Kisten, die für bedeutend stärkere Raubtiere

berechnet sind.

Bei den großen Katzenarten können wir genau das Gleiche beobachten.

Der Löwe überläßt doch nicht den Hyänen und Schakalen die Reste seiner

Beute, weil er großmütig ist, sondern weil er die starken Beinknochen

nicht zerbeißen kann.

Auch unsere Hauskatze denkt nicht daran, sich mit einer anderen Katze

wegen eines Knochens zu balgen, wie es doch der Hund gewohnheitsmäßig

tut. Das kommt eben daher, weil der Hund mit seinem starken Gebiß

spielend kräftige Knochen zerbeißt, während die Katze ihm das nicht

nachmachen kann.

Gerade dadurch ist die Katze so recht in den Ruf der Naschhaftigkeit

gekommen. Sie will keine Knochensammlung haben wie der Hund, sondern

bevorzugt reines Fleisch, insbesondere Eingeweide. So eine zarte

Rehleber ist ganz nach ihrem Geschmack. Natürlich sind wir wütend,

daß uns die Katze bestiehlt und obendrein noch das nimmt, was für den

Hausherrn bestimmt war.

Rehlebern sind nicht bloß für uns Menschen wohlschmeckend, sondern auch

ein naturgemäßes Futter der Wildkatze. Die Katze ist also eigentlich

nicht naschhaft, sondern ihre naturgemäße Nahrung umfaßt wegen ihres

kleinen Gebisses Dinge, die uns besonders gut schmecken.

Gegen Salz hat die Katze eine noch größere Abneigung als der Hund.

Mäusefleisch kann nicht sehr gehaltreich sein, denn sonst könnten nicht

Katzen und Eulen eine so ungeheure Anzahl davon verzehren.

Die Aehnlichkeit zwischen Katzen und Eulen besteht übrigens nicht nur

in ihrer Vorliebe für Nagerfleisch. Man hat mit Recht die Eule als

geflügelte Katze bezeichnet. Wie diese ist sie eine nächtliche Räuberin

und gleicht ihr auch vollkommen an Lautlosigkeit.

An Ratten wagt sich nicht jede Katze. Aber die Anwesenheit einer Katze

ist auch den Ratten nicht angenehm und veranlaßt sie manchmal, das

ungemütlich gewordene Heim zu verlassen.

Zeigen sie sich in einem Gehöft in großer Anzahl, so bekämpft man sie

erfolgreicher mit Rattenfängern, also schnellen, bissigen Hunden, wie

Pinschern und Terriern, als mit Katzen.

Es mag übertrieben sein, wenn man in England und in anderen Ländern in

den Katzen die größten Wohltäterinnen für die Menschheit, insbesondere

für die Landwirtschaft erblickt. Aber das läßt sich nicht leugnen,

daß unsere Ernten zum größten Teil von den Nagern aufgefressen werden

würden, wenn wir nicht in den Katzen erfolgreiche Bundesgenossen

besäßen.

Sonst macht sich die Katze noch dadurch nützlich, daß sie Schlangen

tötet und Maikäfer und andere Insekten frißt. Spitzmäuse frißt sie

nicht, tötet sie aber. Das muß ihr als Nachteil angerechnet werden,

denn die Spitzmaus ist als ein insektenfressendes Geschöpf ein nach

unseren Begriffen nützliches Tier. Wahrscheinlich frißt sie die

Spitzmaus wegen ihres Moschusduftes nicht. Umgekehrt fällt es auf, daß

sie Baldrian sehr liebt und sich wie berauscht auf ihm wälzt.

Wegen ihrer großen Nützlichkeit wird man ihr manche Unart oder,

genauer ausgedrückt, manche uns unangenehme Eigenschaft verzeihen,

so ihre angeborene Sucht, den Vögeln, insbesondere den Singvögeln,

nachzustellen.

Auch hier gilt das vom Hund Gesagte: Der Mensch lebt nicht von Brot

allein. Berühmte Männer haben erklärt, daß sie die Erinnerung an manche

Katze im Elternhause nicht um vieles hergeben möchten.

42. Die Rassen der Katze. Alter und sogenannte Erziehung.

Hans ist eine weiß und braunrötlich gefärbte Katze, wie man sie häufig

sieht. Auch die Katze gehört zu den Säugetieren. Ihr Raubtiergebiß

besteht aus zwölf kleinen Schneidezähnen, vier starken Eckzähnen und

oben acht, unten sechs Backzähnen. Die Katze ist ebenfalls wie der Hund

ein Zehengänger. Die Beine sind mäßig hoch und sind mit zurückziehbaren

Krallen versehen. An den Vorderfüßen bemerken wir fünf, an den

Hinterfüßen vier Zehen. Besonders auffallend ist der kugelrunde Kopf,

die schon besprochenen Schnurrhaare, der lange Schwanz und das biegsame

Rückgrat.

Von Rassen der Katze ist wenig zu sagen, da für uns in Deutschland

nur noch die Angorakatze zu erwähnen ist. Sie zeichnet sich durch ein

langes, seidenweiches Haar aus. Auch sind ihre Lippen und Fußsohlen

fleischfarben.

Es besteht Streit darüber, ob unsere Hauskatze von der ägyptischen

Falbkatze oder unserer heimischen Wildkatze abstammt. Jedenfalls ist

die Hauskatze, verglichen mit Pferden, Hunden und anderen Haustieren,

ein junges Haustier, da sie in Europa den alten Kulturvölkern, also den

Griechen und Römern, unbekannt war.

Der Hund erreicht mit einem halben Jahre seine volle Größe, ebenso die

Katze. Ueberhaupt dürften sie beide das gleiche Alter erleben.

Die Paarung der Katzen findet zweimal im Jahre statt, und zwar das

erstemal im Januar oder Februar. Die sonst so schweigsamen Tiere

stimmen jetzt ein Geschrei an, um sich gegenseitig zu finden. Für

unsere Ohren klingt dieses Geschrei abscheulich, weshalb wir von diesem

»Lied« der Katzen behaupten, daß es »Steine erweichen und Menschen

rasend machen kann«. Ueberhaupt nennen wir eine Musik, die unsere Ohren

zur Verzweiflung bringt, eine Katzenmusik.

Die Tragezeit der Katze ist um eine Woche kürzer als beim Hunde. Die

Anzahl der Kleinen beträgt etwa fünf bis sechs. Hieraus ersehen wir,

daß die Katze ziemlich viel Feinde haben muß. Das trifft auch zu, wie

in dem Abschnitt über die Feinde der Katze geschildert werden soll.

Auch die Katzenjungen können nicht gleich sehen, sondern erst in neun

Tagen.

Wie die Hündin, so ist auch die weibliche Katze eine ausgezeichnete

Mutter. Ihre Liebe zu ihren Kleinen ist so groß, daß sie unbedenklich

das größte Opfer bringt. Für die Mutterliebe der Hündin sei hier

folgender Fall angeführt. Eine Jagdhündin war von ihrem Herrn, einem

Rittergutsbesitzer an der Saale, in hochträchtigem Zustande mit auf

ein *zwei* Stunden entferntes, am anderen Ufer der Saale gelegenes Gut

genommen worden und warf hier acht Junge. Der Besitzer, der wußte, daß

sie bei seinem Freunde gut aufgehoben sei, fuhr ohne das Tier nach

Hause, war aber auf das Aeußerste erstaunt, als bereits anderen Morgens

vier Uhr die Hündin mit ihren acht Jungen sich bei ihm einstellte.

Der Hund mußte hiernach *fünfzehnmal* die Saale durchschwommen haben,

um seine Lieblinge nach Hause zu bringen -- abgesehen von dem dabei

zurückgelegten Landweg.

Solche Fälle wie der eben geschilderte sind sehr häufig vorgekommen.

Auch Katzenmütter haben Aehnliches geleistet.

Einen reizenden Anblick gewährt es, eine Katzenmutter inmitten des

Kreises der Ihrigen zu beobachten. Keine Menschenmutter, schreibt

ein bekannter Naturforscher, kann mit größerer Zärtlichkeit und

Hingebung der Pflege ihrer Kinderchen sich widmen als die Katze. In

jeder Bewegung, in jedem Laute der Stimme, in dem ganzen Gebaren gibt

sich Innigkeit, Sorgsamkeit, Liebe und Rücksichtnahme nicht allein

auf die Bedürfnisse, sondern auch auf die Wünsche der Kinderchen

kund. Solange diese klein und unbehilflich sind, beschäftigt sich die

Alte hauptsächlich nur mit ihrer Ernährung und Reinigung. Behutsam

nähert sie sich dem Lager, vorsichtig setzt sie ihre Füße zwischen

die krabbelnde Gesellschaft, leckend holt sie eines der Kätzchen nach

dem anderen herbei, um es an das Gesäuge zu bringen, ununterbrochen

bestrebt sie sich, jedes Härchen glatt zu legen, Augen und Ohren,

selbst den After reinzuhalten. Noch äußert sich ihre Liebe ohne Laute:

sie liegt stumm neben den Kleinen, spinnt höchstens dann und wann,

gleichsam um sich die Zeit, welche sie den Kinderchen widmen muß, zu

kürzen. Scheint es ihr nötig zu sein, das Lager zu wechseln, so faßt

sie eines der Kätzchen mit zartester Behutsamkeit an dem faltigen

Felle der Genickgegend, mehr mit den Lippen als mit den scharfen

Zähnen zugreifend, und trägt es, ohne daß ihm auch nur Unbehagen

erwächst, einem ihr sicherer dünkenden Orte zu, die Geschwister eilig

nachholend. Ist sie sich der Freundlichkeit ihres Herrn bewußt, so läßt

sie es gern geschehen, wenn dieser sie bei solcher Umlegung der Jungen

unterstützt, fügt sich seinem Ermessen oder geht, bittend miauend,

ihm voraus, um das ihr erwünschte Plätzchen zu zeigen. Die Jungen

wachsen heran, und die Mutter ändert im vollsten Einklange mit dem

fortschreitenden Wachstume allgemach ihr Benehmen gegen sie. Sobald

die Aeuglein der Kleinen sich geöffnet haben, beginnt der Unterricht.

Noch starren diese Aeuglein blöde ins Weite; bald aber richten sie sich

entschieden auf einen Gegenstand: die ernährende Mutter. Sie beginnt

jetzt, mit ihren Sprößlingen zu reden. Ihre sonst nicht eben angenehm

ins Ohr fallende Stimme gewinnt einen Wohlklang, welchen man ihr nie

zugetraut hätte; das »Miau« verwandelt sich in ein »Mie«, in welchem

alle Zärtlichkeit, alle Hingebung, alle Liebe einer Mutter liegt; aus

dem sonst Zufriedenheit und Wohlbehagen oder auch Bitte ausdrückenden

»Murr« wird ein Laut, so sanft, so sprechend, daß man ihn verstehen

muß als den Ausdruck der innigsten Herzensliebe zu der Kinderschar.

Bald auch lernt diese begreifen, was der sanfte Anruf sagen will: sie

lauscht, sie achtet auf denselben und kommt schwerfällig, mehr humpelnd

als gehend, herbeigekrochen, wenn die Mutter ihn vernehmen läßt. Die

ungefügen Glieder werden gelenker, Muskeln, Sehnen und Knochen fügen

sich allgemach dem erwachenden und rasch erstarkenden Willen: ein

dritter Abschnitt des Kinderlebens, die Spielzeit der Katze, beginnt.

Diese Spielseligkeit der Katze macht sich schon in frühester Jugend

bemerklich, und die Alte tut ihrerseits alles, sie zu unterstützen. Sie

wird zum Kinde mit den Kindern, aus Liebe zu ihnen, genau ebenso, wie

die Menschenmutter sich herbeiläßt, mit ihren Sprößlingen zu tändeln.

Mit scheinbarem Ernst sitzt sie mitten unter den Kätzchen, bewegt

aber bedeutsam den Schwanz. Die Kleinen verstehen zwar diese Sprache

ohne Worte noch nicht, werden aber gereizt durch die Bewegung. Ihre

Aeuglein gewinnen Ausdruck, ihre Ohren strecken sich. Plump täppisch

häkelt das eine und andere nach der sich bewegenden Schwanzspitze;

dieses kommt von vorn, jenes von hinten herbei, eines versucht über

den Rücken wegzuklettern und schlägt einen Purzelbaum, ein anderes hat

eine Bewegung der Ohren der Mutter erspäht und macht sich damit zu

schaffen, ein fünftes liegt noch unachtsam am Gesäuge. Die gefällige

Alte läßt, mit mancher Menschenmutter zu empfehlender Seelenruhe, alles

über sich ergehen. Kein Laut des Unwillens, höchstens gemütliches

Spinnen macht sich hörbar. Solange noch eines der Jungen saugt, wird

es verständnisvoll bevorzugt; sobald aber auch dieses sich genügt hat,

sucht sie selbst die kindischen Possen, zu denen bisher nur die sich

bewegende Schwanzspitze aufforderte, nach Kräften zu unterstützen.

Bald liegt sie auf dem Rücken und spielt mit Vorder- und Hinterfüßen,

die Jungen wie Fangbälle umherwerfend; bald sitzt sie mitten unter der

sich balgenden Gesellschaft, stürzt mit einem Tatzenschlage das eine

Junge um, häkelt das andere zu sich heran und lehrt durch unfehlbare

Griffe der trotz aller Unruhe achtsamen Kinderschar sachgemäßen

Gebrauch der krallenbewehrten Pranken; bald wieder erhebt sie sich,

rennt eiligen Laufes eine Strecke weit weg und lockt dadurch das

Völkchen nach sich, offenbar in der Absicht, ihm Gelenkigkeit und

Behendigkeit beizubringen. Nach wenigen Lehrstunden haben die Kätzchen

überraschende Fortschritte gemacht. Von ihren gespreizten Stellungen,

ihrem wankenden Gange, ihren täppischen Bewegungen ist wenig mehr

zu bemerken. Im Häkeln mit den Pfötchen, im Fangen sich bewegender

Gegenstände bekunden sie bereits merkliches Geschick. Nur das Klettern

verursacht noch Mühe, wird jedoch in fortgesetztem Spiele binnen kurzem

ebenfalls erlernt. Nunmehr scheint der Alten die Zeit gekommen zu

sein, auch das in den Kinderchen noch schlummernde Raubtier zu wecken.

Anstatt des Spielzeuges, zu welchem jeder leicht bewegliche Gegenstand

dienen muß, anstatt der Steinchen, Kugeln, Wollflecken, Papierfetzen

und dergleichen, bringt sie eine von ihr gefangene, noch lebende

und möglich wenig verletzte Maus oder ein erbeutetes, mit derselben

Vorsicht behandeltes Vögelchen, nötigenfalls eine Heuschrecke in das

Kinderzimmer. Allgemeines Erstaunen der kleinen Gesellschaft, doch nur

einen Augenblick. Bald regt sich die Spiellust mächtig, kurz darauf

auch die Raublust. Solcher Gegenstand ist denn doch zu verlockend für

das bereits wohlgeübte Raubzeug. Er bewegt sich nicht bloß, sondern

leistet auch Widerstand. Hier muß derb zugegriffen und festgehalten

werden; soviel ergibt sich schon bei den ersten Versuchen, denn die

Maus entschlüpfte dem jungen Kätzchen, das sie doch sicher gefaßt zu

haben vermeinte, überraschend schnell und konnte nur durch die achtsame

Mutter an ihrer Flucht gehindert werden. Der nächste Fangversuch

fällt schon besser aus, bringt aber einen empfindlichen Biß ein:

Miezchen schüttelt bedenklich das verletzte Pfötchen. Doch schon hat

Hänschen die Unbill gerächt und den Nager so fest gepackt, daß kein

Entrinnen mehr möglich ist. So bildet sich das Kätzchen allmählich zur

vollendeten Mäusefängerin heraus.

Zu der vorstehenden naturwahren Schilderung möchte ich bemerken, daß

es ganz irrig wäre, den Unterricht der Menschen und den der Tiere

gleichzustellen. Der Unterricht bei den Tieren hat immer Erfolg. Er

kann auch ganz fehlen und bezweckt demnach nur eine Beschleunigung des

Lernens. Von dem Unterricht der Menschen läßt sich nicht das gleiche

behaupten. Unser Unterricht steht vielmehr der Dressur der Tiere

gleich, die häufig genug erfolglos ist.

43. Die Feinde der Katze.

Wie uns Fräulein Bachmann erzählt, hat ihr Hans wiederholentlich Kämpfe

mit Hunden ausgefochten. Namentlich ist es zu Zusammenstößen gekommen,

wenn sie ihn nach dem Kohlenplatz brachte. Einmal habe sie rettend

eingreifen und ihren Liebling flink in einen Korb stecken müssen. Sonst

aber habe er sich seinen Gegnern überlegen gezeigt.

Außer den Hunden hat die Katze in allen Hundeartigen Feinde. Der Wolf

zerreißt sie sicherlich, denn der viel schwächere Fuchs macht Jagd auf

Katzen. Erfahrene Förster haben mir immer wieder versichert, daß man

eine Fuchsfalle mit keinem besseren Leckerbissen versehen könne als mit

einem Stück Katzenfleisch. Zwei Füchse überwältigen jede Katze, wenn

sie sich nicht schnell auf einen Baum rettet. Die einzelne Katze ist

vor dem Fuchs nur sicher, wenn sie sehr stark ist.

Noch schlimmere Feinde drohen der Katze in ihrer eigenen

Verwandtschaft. Wie der starke Wolf nicht der Freund des Fuchses ist,

sondern ihn verzehrt, wenn er ihn packen kann, so sind die größeren

Katzenarten die gefährlichsten Feinde der kleineren. Ein Naturforscher,

der einen gezähmten Luchs besaß, berichtet, daß er gegen nichts

größeren Haß besaß als gegen Hauskatzen. Alle auf seinem Besitztum

befindlichen Katzen wurden von ihm zerrissen, ebenso die Katzen in der

Nachbarschaft.

Jede Katze weiß auch, daß ihr Gefahr von einer größeren Katzenart

droht. Der Bildhauer Urs Eggenschwyler, von dem wir früher erzählten,

daß ein Ziehhund mit seinem zahmen Löwen raufen wollte, hat das oft

beobachtet. Während der Ziehhund infolge seines schwachen Gesichts den

jungen Löwen gar nicht als Löwen erkannte, flüchteten alle Katzen schon

von weitem, sobald sie den gefährlichen Verwandten zu Gesicht bekamen.

Auch hier kann man wiederum beobachten, daß die Katze ein

ausgezeichnetes Sehvermögen besitzt, ganz im Gegensatz zum Hunde.

Uebrigens ist dem Volk das längst aufgefallen, wie wir aus dem später

angeführten Sprichwort ersehen.

Die kleinen Raubtiere unserer Heimat, wie das Wiesel, tötet die

Hauskatze. Mit dem Marder gerät sie manchmal in Streit, der für eine

schwache Katze gefährlich wird.

Schlimme Feinde besitzt die Katze auch unter den großen Raubvögeln.

Wenn der Adler und der Uhu nicht fast gänzlich ausgerottet wären, so

würde es lange nicht so viele wildernde Katzen geben. Heute kommt unter

den Raubvögeln eigentlich nur noch der Habicht in Betracht. Ein starker

Habicht ist ein gefährlicher Gegner für eine schwache Katze. Junge

Katzen raubt er ohne weiteres.

Die starke Katze macht sich sofort kampfbereit, wenn sie einen Habicht

erblickt hat, während schwächere flüchten.

44. Die Katze als angebliche Nachahmerin unserer

Reinlichkeitsbestrebungen.

Bereits beim Hunde haben wir erwähnt, daß man alle Geschichten

von Hundebesitzern erst vorsichtig prüfen soll. Selbst durchaus

wahrheitsliebende Menschen ziehen aus ihren Beobachtungen ganz falsche

Schlüsse, weil sie immer vom menschlichen Standpunkte ausgehen.

Als Kind auf dem Lande hat man oft Gelegenheit zu sehen, daß Hunde

ihren Unrat vergraben. Fragte man einen Erwachsenen nach dem Grunde,

so bekam man die Antwort, daß der Hund das aus Reinlichkeitsgründen

besorge.

Zunächst hat man das geglaubt. Als man aber später sah, daß derselbe

Hund, der angeblich für Reinlichkeit schwärmt, sich mit Wonne auf Unrat

wälzt, da erkannte man, daß die herrschende Erklärung unmöglich richtig

sein könnte.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 10 / 30 段