Auf einem Jagdrevier gab es eine Unmenge wildernder Katzen, die großen

Schaden anrichteten. Der Jagdaufseher, der ein hervorragender Schütze

war, gab sich alle Mühe, ihre Anzahl zu verringern.

Das ist aber nicht leicht auszuführen. Die Katze merkt sehr bald, daß

man ihr nachstellt, und als nächtliches Tier geht sie dann nur in der

Dunkelheit auf Raub aus. Was nützt dem vortrefflichsten Schützen seine

Kunst? Um zu treffen, muß man sehen können, und in der Dunkelheit ist

nichts zu sehen.

Diese Verhältnisse waren mir genau bekannt. Ich war daher aufs äußerste

erstaunt, als ich am hellen Nachmittage etwa gegen 4 Uhr erst eine und

dann später noch zwei andere Katzen aus dem Dorfe wandern sah, um ihrer

Jagdlust zu frönen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt.

Mir ging die Sache nicht aus dem Kopfe, und ich grübelte darüber

nach, was wohl die Katzen veranlaßt haben mochte, sich einer so

augenscheinlichen Gefahr auszusetzen. Es war ein wunderschöner Tag, und

kein Wölkchen am Himmel sichtbar. Gegen Abend änderte sich plötzlich

das Bild. Es zog ein schweres Gewitter auf, und in der Nacht regnete es

in Strömen.

Jetzt wurde mir das Verhalten der Katzen klar. Sie hatten den

Wetterumschlag bereits gefühlt und, da sie bei Regen nicht auf Jagd

ausgehen, sich entschlossen, sich lieber am hellen Tage der Gefahr

auszusetzen, als auf die Jagd zu verzichten. Aehnliche Fälle habe

ich noch mehrfach erlebt, so daß für mich kein Zweifel besteht, daß

manche Tiere ein Vorgefühl für einen Wetterumschlag besitzen, der dem

Durchschnittsmenschen abgeht.

Ein solches Vorgefühl treffen wir namentlich bei den Tieren an, denen

das bevorstehende Wetter gesundheitlichen oder sonstigen Schaden

bringen kann. So ist es bekannt, daß, wenn Kaninchen am Tage eifrig auf

Nahrungssuche ausgehen, baldiger Regen zu vermuten ist. Denn auch das

Kaninchen ist sonst ein nächtliches Tier. Ferner ist es wie die Katze

empfindlich gegen Regen.

Ein besonders feines Vorgefühl finden wir bei den Vögeln, namentlich

den Raubvögeln. Für den Raubvogel ist es eine Lebensfrage, rechtzeitig

den eintretenden Wetterumschlag zu kennen, denn mit Flügeln, die mit

Wasser beschwert sind, kann er nichts fangen, auch sind dann wenige

Friedvögel zu erblicken. Es ist daher kein Wunder, daß es im Altertum,

wo man die Tiere weit eifriger beobachtete als zu unseren Zeiten, eine

besondere Kaste der Vogelflugdeuter, die sogenannten Auguren, gab.

Die an sich ganz richtige Beobachtung, daß gewisse Tiere einen

Wetterumschlag im voraus fühlen, ist den Gebildeten dadurch

unglaubwürdig geworden, weil man durch ganz haltlose Zusätze den wahren

Kern verdunkelt hat. Nebenbei bemerkt wollen Leute, die an Migräne und

ähnlichen Krankheiten leiden, einen solchen Wetterumschlag ebenfalls im

voraus empfinden.

*Das Vorgefühl kann sich natürlich nur auf die nächsten vierundzwanzig

Stunden erstrecken.* Es ist daher geradezu albern, wenn man alljährlich

in vielen Zeitungen lesen kann: Da die Zugvögel uns sehr zeitig

verlassen, so steht uns ein strenger Winter bevor. Oder das Bevorstehen

von starkem Frost wird damit begründet, daß die Bienen ihre Wohnung

besonders stark gegen Kälte abschließen.

Noch größer aber war die Torheit, daß man bei vielen Völkern den Schluß

zog: Wenn das Tier weiß, wie das zukünftige Wetter ausschaut, so kann

es überhaupt in die Zukunft sehen. Ehe man etwas Wichtiges unternahm,

schaute man daher auf die Vögel, ob sie sich dem Unternehmen durch ihr

Benehmen günstig oder ungünstig erwiesen.

Diesen Schluß hat man auch für das Benehmen der Katze gezogen, was

natürlich Aberglauben ist. Wahr dagegen ist folgendes:

Die Katze fühlt voraus, daß für die nächsten vierundzwanzig Stunden

das Wetter schön bleibt oder wenigstens kein Regen eintritt. Sie

beabsichtigt daher, einen Ausflug zu machen und putzt sich daher vorher

zu diesem Zwecke. Tatsächlich bleibt das Wetter an diesem Tage schön,

und die in der Nähe wohnenden Lehmanns sagen daher: »Bei dem schönen

Wetter wollen wir heute Schulzes besuchen.« Diesen Schulzes gehört

die sich putzende Katze. Beim Eintritt der Familie Lehmann sagen sie:

»Wir wußten, daß heute Besuch kommt, denn unsere Mieze hat sich so

sorgfältig geputzt.« Richtig wäre es, wenn Schulzes sagten: »Unsere

Mieze hat sich heute sorgfältig geputzt und ist in die Felder gegangen.

Da Katzen aus Furcht vor Regen nur dann einen größeren Ausflug machen,

wenn das Wetter in den nächsten Stunden schön bleibt, so war das

also vorläufig anzunehmen. Bei schönem Wetter kommt leicht Besuch.

Daher wundern wir uns nicht, daß ihr uns heute besucht!« Ein Kern von

Berechtigung ist also in dem alten Glauben enthalten. Natürlich hätten

Schulzes auch auf das Benehmen anderer Tiere hinweisen können. Wenn

Bienen schwärmen oder Spinnen ihr Netz erneuern, kann man ebenfalls

annehmen, daß vorläufig das Wetter schön bleibt.

Bei dem feinen Gefühl der Katze ist es sehr wahrscheinlich, daß sie

die einem Erdbeben voraufgehenden schwächeren Stöße, die uns Menschen

entgehen, wahrnimmt und Todesangst bekundet. In Italien hat man ja

reichlich Erfahrungen mit Erdbeben. Dabei wird häufig erwähnt, daß

Katzen -- auch Hunde -- bereits vorher mit allen Zeichen der Angst die

Häuser verließen.

37. Der Haß des Hundes gegen die Katze. Warum macht die Katze einen

Buckel? Ist sie tapfer?

Wir hatten beobachtet, daß der Spitz Peter zu den Katzenfeinden gehört,

aber von August nicht für voll angesehen wurde. Sie machte kaum einen

Buckel. Wir fragen uns zunächst, woher der fast allgemeine Haß der

Hunde gegen die Katzen stammt.

In der Tierwelt sind Abneigungen und Zuneigungen verschiedener

Tierarten durchaus keine Seltenheit. Der Jäger benutzt den Uhu, unsere

größte Eule, dazu, um damit die Krähen anzulocken. Sie sind sehr

vorsichtig, aber in ihrem Haß gegen die Eule sind sie fast blind und

können leicht geschossen werden. Auch Rinder haben, wie wir später

sehen werden, eine ausgesprochene Abneigung gegen Hunde, ebenso

Schweine.

Die Wut der Krähen ist begreiflich, denn in der Nacht geht der Uhu

auf Raub aus und frißt mit Vorliebe Krähen. Merkwürdigerweise haben

aber die schwarzen Vögel auch großen Haß gegen kleine Eulen, die ihnen

selbst in der Nacht nicht das Geringste zuleide tun.

Hieraus erkennen wir deutlich, daß Tiere nicht nur ihre Feinde hassen,

sondern auch die Verwandten ihrer Feinde. Genau so schreibt bei vielen

Völkern die Blutrache vor, nicht nur den Feind, sondern auch seine

Verwandten zu töten. Schweine und auch Rinder hassen ebenfalls den Hund

nur seiner Verwandten wegen. Er selbst hat ihnen nichts getan, aber

sein Vetter Wolf ist ihr schlimmster Feind.

Hat nun die Katze Verwandte, die dem Hunde gefährlich werden? Gewiß,

Leopard und Jaguar sind die schlimmsten Hundefeinde. Kein Deutscher

kann in Afrika sich längere Zeit einen deutschen Hund halten, denn es

dauert nicht lange, und der Leopard raubt ihn.

In Deutschland war der jetzt ausgerottete Luchs, der wie eine große

Wildkatze aussieht, ein großer Hundefeind. Ein deutscher Forstbeamter

berichtete vor dem Kriege aus Rußland, daß sein prächtiger Jagdhund von

einem Luchs überfallen und jämmerlich zerrissen wurde.

Der Hund haßt also die Katze genau wie die Krähen die kleinen Eulen.

Die Katze hat ihm nichts getan, aber die großen Katzen sind seine

gefährlichsten Feinde, genau wie die kleinen Eulen die Krähen in Ruhe

lassen, dagegen der Uhu besonderes Verlangen nach Krähenfleisch besitzt.

Scheint einer Katze ein Hund bedenklich, so macht sie einen Buckel,

faucht und hebt eine Pranke hoch. Fauchen, ebenso Speien als Vorboten

der Abwehr sind verständlich, ebenso das Hochheben der Pranke, um

sofort bereit zu sein, dem Gegner eins auszuwischen. Aber wozu soll der

Buckel nützen?

Der große Naturforscher Darwin sieht den Zweck dieses Buckels darin,

daß die Katze ihrem Feinde dadurch größer und so auch gefährlicher

erscheinen soll. Da alle Hundeartigen (Kaniden) mit Vorliebe Tiere

angreifen, die viel größer sind als sie selbst -- z. B. Wölfe ein

Pferd, einen Hirsch usw. -- so kann der Buckel keinen Eindruck auf

den Gegner machen, zumal er von den schwachen Augen des Gegners kaum

wahrgenommen wird.

Vielmehr dürfte die Katze deshalb einen Buckel machen, um ihre

schwächste Stelle zu schützen. Ein Hund, der Erfahrungen im Würgen von

Katzen besitzt, packt die Katze stets am Nacken. Das weiß die Katze

sehr wohl, daß der Nacken ihr gefährdetster Körperteil ist, und deshalb

macht sie zu seinem Schutz einen Buckel. Deshalb flüchtet auch eine

Katze nur in den seltensten Fällen. Sie weiß, daß ihr Feind sie in

Kürze einholt und beim Nacken packt. Also kämpft sie lieber bis zum

äußersten gegen den größten Hund. Sind mehrere Hunde vorhanden, so

wirft sie sich auf den Rücken und kämpft mit allen vier Pranken.

Wir ersehen daraus, daß der Mut der Katze in Wirklichkeit nicht so

außerordentlich ist, wie es den Anschein hat. Sie hat gar keine andere

Wahl als mutig zu sein. Ferner fällt uns auf, daß die Katze im Kampfe

gegen den Hund sich auf ihre Pranken, fast niemals auf ihr Gebiß

verläßt. Blitzschnell schlägt sie mit den Pranken, namentlich nach der

Nase, die, wie wir wissen, höchst empfindlich ist. Mit ihrem kleinen

Gebiß könnte sie gegen den großen Rachen des Hundes wenig ausrichten.

Unter den Hunden gibt es Draufgänger, die durch Wunden nur noch

wütender werden. Solchen geht auch eine starke Katze aus dem Wege,

während sie weiß, daß die große Mehrzahl ihrer Feinde nur blafft, aber

sich ihren Prankenhieben nicht aussetzt.

Zu den Draufgängern unter den Hunden gehören Dachshunde, Terriers,

insbesondere Bullterriers, Bulldoggen und überhaupt manche Doggen,

sowie zahlreiche rasselose Dorfhunde. Den Hund ganz allgemein als feige

zu bezeichnen, dürfte irrig sein.

Die Kraft der Katze erkennt man daran, daß sie einen schweren Hasen

über einen Zaun schleppen kann.

38. Warum begleitet die Katze ihren Herrn nicht wie ein Hund? Warum

geht sie nicht mit ihm auf die Jagd?

Die Frage, warum August seine Herrin, die er so gern hat, nicht beim

Einholen begleitet hat, wie es doch alle Hunde so gern tun, will ich

dadurch beantworten, daß ich von meinem Erlebnis mit dem »Katzenmann«

erzähle.

Vor dem Kriege konnte man in Berlin in der Nähe der Potsdamer Brücke

häufig einen Herrn sehen, der mit einer Katze spazieren ging und

deshalb Katzenmann genannt wurde. Ich habe ihn oft getroffen, hatte

aber jedesmal wichtige Dinge eiligst zu erledigen, so daß ich seine

Bekanntschaft nicht machen konnte. Endlich traf ich ihn in einer

vegetarischen Speiseanstalt, wo er häufiger Mittagsgast war. Ich habe

mich mit ihm bekanntgemacht und mich nach seinen Katzen und seinen

Erfahrungen, die er mit ihnen gemacht hat, erkundigt.

Seine Augen glänzten, als er mir von seinen Lieblingen erzählte.

Selbstverständlich besaßen sie alle hervorragende Eigenschaften.

Ich freue mich sehr, wenn ich einen wirklichen Tierfreund kennen lerne.

Aber man darf doch nicht alles bei den Tieren nur in rosarotem Lichte

erblicken.

Ich habe den Katzenmann mehrfach heimlich beobachtet und wurde in

meiner Ansicht bestärkt, daß selbst der größte Katzenfreund es niemals

durchsetzen wird, mit einer Katze genau wie mit einem Hunde spazieren

zu gehen. Der Katzenmann hatte seine Katze an einer Strippe. Das war

natürlich nötig, weil ihm sonst die Katze einfach fortgeklettert wäre.

So suchte sie nun das Klettern im Bereiche der Strippe auszuüben. Die

Katze die Treppe hinunterzubringen, war ein wahres Kunststück, was

lange Zeit in Anspruch nahm. Auf der Straße verbarg sich das Tier

hinter jedem geeigneten Gegenstand, namentlich hinter jedem Kellerhals.

Mit großer Mühe konnte sie erst jedesmal von ihrem Herrn losgebracht

werden. So nahm die kleine Strecke von der Potsdamer Brücke bis zur

Matthäikirchstraße wohl eine halbe Stunde in Anspruch. Hinter der

Kirche steht auf der Rasenfläche ein Gebüsch. Hierhinein verkroch

sich die Katze und konnte trotz aller Anstrengungen ihres Herrn nicht

wieder herausgebracht werden. Ich habe sehr lange Zeit gewartet, mußte

aber schließlich gehen, um übernommene Verpflichtungen zu erfüllen.

Jedenfalls war ich mir klar darüber, daß das Spazierengehen mit Katzen

nur für solche Leute in Betracht kommt, die furchtbar viel Zeit übrig

haben. Denn es ist stets eine Reise mit Hindernissen.

Viel schlimmer aber ist es, daß der Katzenfreund glaubt, seinem

Lieblinge eine große Freude zu bereiten, während es in Wirklichkeit

schon an Tierquälerei grenzt.

Die Katze fühlt sich nur dort wohl, wo sie sich durch Klettern vor

den ihr drohenden Gefahren schützen kann. Wenn auch die meisten

Großstadthunde keinen ernstlichen Kampf mit einer starken Katze wagen,

so gibt es auch hier Ausnahmen. Die Katze, die der Katzenmann bei sich

führte, war nun noch ein junges, und eher schwächliches als kräftiges

Tier. Es war daher kein Wunder, daß sie sich auf der Straße vor Hunden

fürchtete. Jede Katze hat den natürlichen Wunsch, ihre schwache Seite,

den Nacken mit dem Rücken, zu schützen, und stellt sich ihrem Feinde

stets so, daß der Rücken gedeckt ist. Deshalb flüchtete sie hinter

jeden Kellerhals. Viel willkommener war ihr natürlich noch das hohe

Gebüsch. Hier hätte ihr kein Hund etwas anhaben können. Deshalb wollte

sie durchaus nicht davon fort. Vielleicht ließ sich auch noch dort ein

Vögelchen fangen. Es war da ein Grund mehr, sich von dem Gebüsch nicht

zu trennen.

»Warum hat aber die Katze Furcht? Ihr Herr steht ihr doch zur Seite?«

wird mancher fragen. Wer Katzen kennt, stellt diese Frage nicht. Ein

Tier, das seit Urzeiten selbständig handelt, kann sich gar nicht in die

Lage versetzen, auf Schutz und Beistand eines anderen zu rechnen. Das

tut wohl der Hund, aber nicht deswegen, weil er klüger ist, sondern

weil er den Schutz durch seine Artgenossen als ein in Rudeln lebendes

Geschöpf für selbstverständlich hält.

Will man eine Katze durchaus im Freien bei sich haben, so soll man sie

auf seine Schulter setzen, wo Katzen überhaupt furchtbar gern sitzen.

Freiwillig wird uns eine Katze nur begleiten, wo sie jederzeit eine

Zuflucht hat, also im Walde, an Zäunen, Gebüschen und anderen Deckungen

entlang.

Es gibt verwilderte Katzen, die so stark sind, daß sie sich vor keinem

Hunde fürchten. Diese denken aber nicht daran, den Menschen bei seinen

Ausflügen zu begleiten.

Hiervon abgesehen will die Katze das selbst dann nicht tun, wenn er auf

die Jagd geht, während Hunde dann vor Freude außer Rand und Band sind.

Wir sind der Katze zu laut, zu tolpatschig und reden zu viel. Bedenken

wir, wie lautlos die Katze auftritt, welche federnde Bewegungen sie

besitzt und wie schweigsam sie sich verhält, so können wir ihr nicht

Unrecht geben.

39. Warum fällt die Katze immer auf die Füße? Warum leuchten ihre Augen?

Wir wollen jetzt von August, dem Kater im Kohlenkeller, Abschied nehmen

und ein befreundetes Katzenfräulein aufsuchen, um die Eigenarten der

Katze weiter zu beobachten. Fräulein Bachmann -- das ist der Name des

Katzenfräuleins -- ist wie der »Katzenmann« eine große Tierfreundin und

namentlich eine Verehrerin von Katzen. Selbst jetzt in den schlechten

Zeiten hat sie sich von ihrem Kater Hans nicht trennen können.

Allerdings muß jetzt Hans ebenfalls arbeiten, was aber kein Nachteil

für ihn ist -- im Gegenteil, ihm außerordentlich gut bekommt. In der

Nachbarschaft ist nämlich ein Holz- und Kohlenplatz. Dort wird Hans

abends hingebracht, damit er während der Nachtzeit Mäuse fängt.

Fräulein Bachmann, der bei ihrer auffallenden Rüstigkeit niemand

ansieht, daß sie bald 60 Jahre alt wird, stellt uns das Wundertier Hans

vor, und wir müssen zunächst geduldig und in Ergebenheit alle seine

ans Märchenhafte grenzenden hervorragenden Eigenschaften mit anhören.

Natürlich ist er von vorbildlicher Reinlichkeit, und alles an ihm ist

schön.

Wir können auf Hans keinen abstoßenden Eindruck gemacht haben, denn

nach nicht langer Zeit beginnt er, während er bequem auf dem Schoße

seiner Herrin liegt, behaglich zu schnurren.

Dieses Schnurren entsteht nach den Angaben naturgeschichtlicher Werke

durch Falten im Kehlkopf.

Der Zweck des Schnurrens wäre nicht zu verstehen, wenn die Katzen

ständig allein lebten. Aber auch sie haben Zeiten, wo sie paarweise

hausen. Dann ist es wichtig, daß der andere Teil weiß, sein Genosse ist

in guter Stimmung. An den Mienen des regungslosen Gesichts kann er es

nicht ablesen. Noch wichtiger aber ist das Schnurren für die Katze als

Mutter. Sie deutet damit ihren Kindern an: Seid unbesorgt -- es droht

keine Gefahr! Da bei den größten Katzen von einer solchen Gefahr keine

Rede sein kann, so schnurren Löwe und Tiger wahrscheinlich aus diesem

Grunde nicht.

Besonders auffallend ist es, daß die Katze uns Fremde in keiner Weise

beschnuppert oder zu beschnuppern versucht hat, wie es doch die beiden

Hunde von Herrn Böhm, Karo und Hektor, getan haben. Hieraus sieht man

wieder, daß die Katze im Gegensatz zum Hunde ein Augentier ist. Wie

der Mensch es nicht nötig hat, einen Fremden erst zu beriechen, so

verzichtet auch die Katze darauf. Bei dem Hunde mit seinem schwachen

Gesicht ist es etwas anderes.

Sehen wir unsere eigene Katze im Freien, so brauchen wir ihr nicht zu

pfeifen, denn gewöhnlich hat sie uns bereits bemerkt. Dem Hunde dagegen

muß man pfeifen, weil er bei seinem schwachen Gesicht seinen Herrn aus

einiger Entfernung nicht erkennen kann. Auch ergibt sich das schlechte

Sehvermögen des Hundes daraus, daß er seinen verlorenen Herrn meistens

mit der Nase sucht. Das tut eine Katze niemals.

Unsere Bitte, den Kater einmal aus der Rückenlage fallen zu lassen, um

aus eigener Wahrnehmung die allbekannte Erscheinung festzustellen, daß

Katzen stets auf die Füße fallen, stößt zunächst bei Fräulein Bachmann

auf heftigen Widerstand. Sie hält das geradezu für eine Tierquälerei

und eine Versündigung an ihrem Liebling. Erst als ich es für ganz

selbstverständlich erkläre, daß der Versuch auf dem Sopha gemacht

werden soll, so daß Hans schlimmstenfalls ganz weich fällt, läßt der

Widerstand von Fräulein Bachmann nach. Um zum Ziele zu gelangen, lasse

ich durchblicken, daß wahrscheinlich der Versuch, wenn er geglückt ist,

photographiert werden soll. Der Gedanke, daß sie und ihr Liebling für

immer der Nachwelt in einer so wichtigen Angelegenheit erhalten bleiben

sollen, läßt schließlich jedes Bedenken schwinden.

Wie ich es an meinen eigenen Katzen oft erprobt habe, so geschieht es

auch hier. Die auf dem Rücken liegende Katze, die das Fräulein auf dem

Arm hält, wird plötzlich losgelassen. Mit der größten Seelenruhe sieht

man sie gleich darauf auf dem Sopha auf den Füßen stehen. Das alles

geschieht so schnell, daß man den Vorgang nicht in seinen Einzelheiten

mit den Augen verfolgen kann, selbst wenn man ihn mehrfach wiederholen

läßt. Belehrender sind daher die Momentaufnahmen. Auf ihnen sieht

man, wie die Katze es versteht, durch Einziehen des Kopfes und der

Vorderbeine und seitliche Krümmung des Rückgrates ihren Schwerpunkt

nach hinten zu verlegen und dann durch verschiedenartige Beugung der

Beine die Drehung nach der einen oder anderen Seite zuerst vorn, dann

hinten zu bewerkstelligen.

Die Beobachtung dieser Fähigkeit der Katze ist sehr alt, denn es gibt

das Sprichwort: Katzen und Herren fallen immer auf die Füße.

Ein Irrtum dürfte es sein, daß die Katze mit dieser Fähigkeit

ganz einzig in der Tierwelt dasteht. Noch niemals hat man einen

totgefallenen Affen, Marder, Eichhörnchen u. dgl. gefunden, so daß also

wahrscheinlich alle Baumkletterer bei einem Absturze, wie die Katze,

auf die Füße fallen. Aehnlich liegt die Sache mit der Schwindelfreiheit

der Gebirgstiere. Steinböcke, Wildziegen, Gemsen und andere Bewohner

des Gebirges können in die schrecklichsten Tiefen sehen, ohne daß sie

es rührt, während wir Menschen leicht vom Schwindel gepackt werden.

Jetzt soll Hans in einen dunklen Raum gebracht werden, damit wir

seine Augen leuchten sehen. Augenblicklich sind bei ziemlich heller

Beleuchtung seine Pupillen bis auf einen Spalt zusammengezogen, so

daß fast die ganze gelbe Iris oder Regenbogenhaut sichtbar ist. Das

Augenleuchten ist übrigens nicht nur eine Eigentümlichkeit der Katzen,

sondern auch anderer Tiere, der Hunde, Pferde, Kühe usw. Es beruht zum

Teil auf dem feineren Bau des Auges, zum Teil auf dem im Hintergrunde

des Auges befindlichen _tapetum lucidum_, d. h. Stellen, welche die

Fähigkeit besitzen, stark Licht zurückzuwerfen. Die Augen leuchten,

sobald sie in der Dunkelheit von einem Lichtstrahl getroffen werden.

Leider befindet sich in der Wohnung keine ganz dunkle Kammer. Wir

müssen uns damit begnügen, daß Hans von seiner Herrin in den dunklen

Korridor gebracht wird. Hier kann man sich deutlich davon überzeugen,

daß die Augen der Katzen im Dunkeln, wenn gewisse Voraussetzungen

fehlen, *nicht* leuchten. Es ist also ein Irrtum, wenn Eulen auf

Bildern mit leuchtenden Augen dargestellt sind. Das ist nur der Fall,

wenn ein Lichtstrahl in sie hineinfällt, wovon man sich im Zoologischen

Garten überzeugen kann.

Der Versuch mit dem Oeffnen der Tür, um durch einen Spalt Licht in

Hansens Augen fallen zu lassen, gelingt nur mäßig. Ueberhaupt ist für

unsere Zwecke der sehr helle Frühlingstag recht ungünstig. Nur in dem

Augenblicke, wo das Licht die Augen trifft, leuchten sie auf.

Das Augenleuchten der Tiere hat den Anlaß zu der höchst wichtigen

Entdeckung des Augenspiegels gegeben.

40. Wie fängt die Katze Mäuse? Die Katze als Vogelfeindin.

Ein Rotschwänzchen, das sich auf dem Balkon niedergelassen hat,

veranlaßt Hans zu einem sehnsüchtigen Blicke nach dem schmucken

Tierchen. Zwar besteht keine Gefahr für den zutraulichen Vogel, denn

die Tür ist fest geschlossen. Auch erhält er von seiner Herrin eine

ernste Verwarnung. Ob sie helfen wird, muß man allerdings bezweifeln.

Der Katze ist von der Natur die Nahrung von Vogel- und Nagerfleisch

bestimmt. Es ist uns natürlich sehr angenehm, daß sie Mäuse und Ratten

frißt. Im Gegenteil; sie kann uns auf diesem Gebiete gar nicht genug

leisten. Es will uns aber gar nicht gefallen, daß sie auch gern Hasen

und Kaninchen verzehrt. Am schlimmsten aber ist es, daß sie durch ihre

Vorliebe für die Singvögel zu ihrer Ausrottung beiträgt. Wie manche

brütende Nachtigall, deren Nest durch den Gesang des Männchens verraten

wurde, hat in dem Magen einer Katze ihr Ende gefunden!

Die Katze ist wie geschaffen, den auf dem Erdboden oder Baume weilenden

Vogel zu haschen. Ich beobachtete einmal auf dem Lande, wie eine Katze

einen ausgewachsenen Sperling fing. Und gerade unser Sperling pflegt

kein Dummkopf zu sein.

Alle Vögel kennen ihren grausamen Feind und machen oft den Menschen auf

eine Katze aufmerksam. Beispielsweise kann man mit Sicherheit darauf

rechnen, daß, wenn im Frühjahr das anhaltende Zetern der Amseln aus

einem Garten ertönt, sich eine Katze hereingeschlichen hat und die

Jungen gefährdet. Sie ist auch wie geschaffen zur Verzehrerin eines

Vogels, da sie mit ihren Pranken den Vogel meisterhaft rupft. Man

versteht, wenn man ihr zuschaut, weshalb ein Hund niemals so gierig auf

Vogelfleisch sein wird. Ihm fehlt das Werkzeug, um die Federn schnell

zu entfernen.

Um ihren Hans in ein besseres Licht zu rücken, erzählt uns Fräulein

Bachmann von seinen vortrefflichen Leistungen als Mäusefänger. Leider

können wir bei dieser Tätigkeit nicht zugegen sein, denn in der Wohnung

sind keine Mäuse. Er wird, wie schon erwähnt wurde, abends nach dem

Kohlenplatz gebracht. Nach den Angaben des Kohlenhändlers hat er sehr

unter den Mäusen aufgeräumt, was wir schon glauben können.

Auf Bildern werden mäusefangende Katzen nicht selten so dargestellt,

daß sie vor dem Mäuseloch sitzen und gewissermaßen hineinsehen. Das

dürfte nicht richtig sein. Ich stimme nach meinen Beobachtungen den

Schilderungen eines bekannten Naturforschers bei, von denen hier

folgende Stelle ihren Platz finden möge.

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 9 / 30 段