erwähnte Besitzer von Pintsch folgendes: Meiner Wohnung gegenüber
lag der Hund eines Bierwirts, ich will ihn Boxer nennen, häufig auf
der Straße und sonnte sich. Boxer war ein ungeschlacht aussehendes
Vieh, von dem ich nichts kannte als die Kraft seiner Zähne; die
Lastträger, welche bei seinem Herrn verkehrten, belustigten sich
öfter damit, ihn in einen vorgehaltenen Strick beißen zu lassen und
ihn dann an diesem herumzutragen, was er beliebig lange aushielt.
Eines Tages kam ein fremder kleiner schwarzer Hund durch das Stadttor
gelaufen, und wie das zu geschehen pflegt, wurde er sofort von den
kleinen Kötern, denen er in den Weg lief, angebellt. Bald stellten
sie ihn; gerade unter meinem Fenster blieb das schwarze Tierchen
ängstlich stehen, und um ihn bildete sich ein Kreis, bestehend aus
allen kleinen Hunden der Nachbarschaft, die ihn feindselig ankläfften
und berochen. Er war augenscheinlich in großer Not, und schon wollte
ich mit einem Wurfgeschoß zu seinen Gunsten einschreiten, da erhob
sich Boxer, der auf der anderen Seite der Straße lag, aus seiner faul
behaglichen Ruhe, schritt herzu, durchbrach den Kreis der Kläffer
und stellte sich breitbeinig mitten über den kleinen schwarzen Hund!
Boxer sagte nichts dazu, aber er warf einen Blick rings um sich,
solch einen Allgemeinblick, wie ihn kein ernster Schauspieler beredter
und verächtlicher loslassen kann! Die würdige Haltung stand zwar zu
seinem ziemlich gemeinen Gesichtsausdruck in einem außerordentlichen
Widerspruch, der zum Lachen reizte, aber sie wirkte unübertrefflich;
in wenigen Sekunden war die Meute der Angreifer nach allen Richtungen
zerstoben, und Boxer blieb mit seinem Schützling allein. Einige
Augenblicke ließ er diesen noch unter sich stehen, dann zog er
schwerfällig sein rechtes Vorderbein über dessen Rücken weg, wandte
sich und suchte, ohne umzuschauen, sein früheres Lager wieder auf. Der
kleine Schwarze aber lief fröhlich davon.
Aehnliche Fälle, wo Hunde dem Menschen oder anderen Hunden oder
Tieren Beistand geleistet haben, kann man nicht selten beobachten.
Beistand und Verstellung sind dem Hunde naturgemäß, weil sie beide
ihm in seiner früheren Lebensweise angeboren waren. Von jeher mußten
sich die einzelnen Glieder eines Rudels im Kampfe gegen wehrhafte
Pflanzenfresser beistehen. Aber auch die Verstellung ist ihm etwas
Natürliches. Noch heutigen Tages schleppen die Schakale eine Beute
ins Gebüsch und sehen erst mit der harmlosesten Miene nach, ob die
Luft rein ist. Es könnte ja sonst sein, daß ihnen ein Mensch oder ein
großes Raubtier die Beute entrisse. Da ferner der Leiter des Rudels als
unbeschränkter Herrscher diejenigen straft, die sich seinen Befehlen
nicht fügen, so hat sich der Hund von jeher daran gewöhnt, seinen
Gebieter durch Verstellung zu täuschen.
26. Leistungen der Hunde zum Nutzen der Menschen.
Ueber Polizei- und Blindenhunde ist schon an einer früheren Stelle
gesprochen worden. Allgemein dürfte bekannt sein, daß im Weltkriege
viele Soldaten durch Sanitätshunde gerettet worden sind.
Die Sanitätshunde haben ihre Vorläufer in den sogenannten
Bernhardinerhunden. Das Ueberschreiten des Bernhardpasses ist wegen der
Unbilden der Witterung sehr gefahrvoll. Deshalb besteht dort ein Hospiz
zur Pflege und Rettung der Reisenden. Jeden Tag gehen zwei Knechte mit
Hunden über die gefährlichen Stellen des Passes. Groß ist die Zahl der
durch diese klugen Hunde Geretteten. Der berühmteste Hund der Rasse
war Barry, das unermüdlich tätige und treue Tier, das in seinem Leben
mehr denn vierzig Menschen das Leben rettete. Er ist im Museum von Bern
ausgestellt.
Ueber die Leistungen der Jagdhunde soll im zweiten Bande gesprochen
werden, wo die heimische Tierwelt geschildert wird.
Für den Landbewohner sind außer den Wachhunden am wichtigsten die Hunde
zum Treiben des Viehs (Fleischerhunde) und die Hunde zum Bewachen des
Viehs, namentlich der Rinder und Schafe (Hirtenhunde). Ueber diese
Hunde wäre folgendes zu sagen:
Man hat den Fleischerhund am liebsten schwarz oder braun. Ein guter
Fleischerhund ist in seiner Pflicht unermüdlich, läuft unaufhörlich
hinter dem Vieh, das er vor sich hertreibt, hin und her; geht ein
Ochse durch und läßt sich nicht zurücktreiben, so springt er ihm an
die Schnauze und hängt sich mit den Zähnen daran fest. Schweine packt
er am Ohr, was er teils von selbst tut, teils bei einiger Anleitung an
kleineren Schweinen leicht lernt. Man richtet ihn auch ab, falls er
dies nicht von selbst tut, daß er, sobald er das Ohr fest gepackt hat,
über den Rücken des Schweines wegspringt, wodurch er auf die andere
Seite kommt, das Ohr mit hinüberzieht, dem Schweine den Kopf umdreht
und es auf solche Weise leicht zum Stehen bringt.
Der Hund des Kuhhirten muß immerfort seinen Herrn beobachten und
aufmerken, ob dieser ihm etwas befiehlt, was er dann augenblicklich
ausführt. Er muß volle Spitzzähne haben. Kühe, welche nicht sogleich
gehorchen, muß er wirklich beißen, sonst haben sie keine Achtung
vor ihm. Treibt er die Kuh vor sich her, so darf er nur nach den
Hinterfüßen beißen, und zwar, um nicht geschlagen zu werden, von der
Seite, nie nach dem Schwanze oder den Seiten, am allerwenigsten nach
dem Euter. Schlägt die Kuh nach ihm, so muß er sich gut in acht nehmen,
aber dennoch beißen. Will er die Kuh wenden, so muß er nach dem Kopfe
beißen. Widersetzt sich ihm eine Kuh oder ein Ochse geradezu mit den
Hörnern, so trägt er, wenn er seinem Amte ganz gewachsen ist, dennoch
den Sieg davon, indem er das Vieh ohne Umstände in die Schnauze beißt
und sich daran festhängt. Ist ein Ochse nur *einmal* von dem Hunde in
dieser Art gebissen worden, so hat er vor einem solchen Schnauzenbiß
entsetzliche Angst. So hatte vor vielen Jahren der Waltershäuser
Hirt einen trefflichen Hund von Größe und Farbe eines Fuchses. Der
Hauptbulle der großen Herde war zu jener Zeit ein lebensgefährliches
Tier, wagte aber, nachdem ihm der Hund einmal fest, schwer und lange an
der Nase gehangen, gegen diesen nicht die geringste Widersetzlichkeit.
Einstmals hatte sich der Hund in der Stadt mit Beitreiben von Kühen
verspätet, der Bulle glaubte sich sicher, achtete nicht auf den Hirten,
bis dieser laut nach dem Hunde pfiff; da sah sich der Bulle ängstlich
um und rannte, anscheinend vom bösen Gewissen getrieben, wie der Hund
gesaust kam, geradeaus auf einen hinter dem Burgberge gelegenen Teich
los, sprang ohne Zaudern in diesen hinein, eilte bis zu einer Stelle,
wo nur noch sein Kopf hervorragte, machte dort Halt, schwenkte und sah
den Hund und den Hirten erwartungsvoll und schweigend an. Der Hirt rief
den Hund ab, trieb die Herde, denn es war Abend, heimwärts und der
Bulle folgte von fern wie ein demütiger Sünder. Von dieser Zeit an war
das Betragen des Bullen immer tadellos.
Die außerordentliche Wirkung des Schnauzenbisses ist ganz einleuchtend.
Denn auch der Bulle ist ein Nasentier, dessen Nase ungeheuer
empfindlich ist. Deshalb zieht man ihm häufig zu seiner Bändigung einen
Ring durch die Nase.
Der Schäferhund muß ebenfalls nach den Hinterfüßen und beim Wenden nach
Kopf und Hals beißen. Ist ein Saat- oder Kleefeld in der Nähe, das er
schützen soll, so läuft er entweder rastlos an ihm auf und nieder oder
er legt sich lauernd hin und springt plötzlich zu, wenn ein Schaf zu
naschen wagt. Ueber die Klugheit mancher Schäferhunde beim Hüten der
Schafe soll noch später bei dem Schafe gesprochen werden.
Die Rattenplage und ihre Bekämpfung durch Hunde und Katzen soll bei der
Katze geschildert werden.
Die körperliche Leistungsfähigkeit der Hunde ist ganz erstaunlich. Was
ein Fleischerhund oder ein Schäferhund den Tag über zusammenläuft, läßt
sich schwer berechnen, aber es ist jedenfalls eine riesige Strecke.
Bei den schnellen und ausdauernden Hühnerhundrassen hat man berechnet,
daß sie in sechs bis sieben Stunden eine Strecke von mehr als 100
Kilometern im Galopp durchmessen. Von einem russischen Windhund wird
berichtet, daß er an einem Tage 140 Kilometer auf der Landstraße
zurücklegte, ohne wunde Ballen zu erhalten.
27. Gefahren durch Hunde.
Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Von den Schmutzereien,
durch welche die Hunde lästig fallen, ist schon früher die Rede
gewesen. Die Kellerbewohner suchen sich den unerwünschten Besuch von
Hunden durch Bestreuen mit einem scharfriechenden Pulver fernzuhalten.
Dieses Verfahren ist bei einem Nasentier ganz zweckmäßig.
Bei der ungeheuren Anzahl von Hunden, die in unserem Vaterlande
gehalten werden, sind erhebliche Verletzungen durch Bisse
verhältnismäßig selten. Immerhin kommen sie vor und mahnen daher zur
Vorsicht.
Das müssen selbst begeisterte Hundefreunde zugeben. So schreibt einer
zum Lobe der Hunde folgendes: Ich habe kluge Hunde gekannt, die fast
jedes Wort und jeden Wink ihres Herrn zu verstehen schienen, auf
seinen Befehl die Tür öffneten oder verschlossen, den Stuhl, den
Tisch oder die Bank herbeibrachten, ihm den Hut abnahmen oder holten,
ein verstecktes Schnupftuch u. dgl. aufsuchten und brachten, den Hut
eines ihnen bezeichneten Fremden unter anderen Hüten durch den Geruch
hervorsuchten usw. Es ist auch eine Lust zu sehen, wie entzückt ein
Hund ist, wenn er seinen Herrn ins Freie begleiten darf, wie jämmerlich
dagegen sein Gesicht, wenn er zu Hause bleiben muß.
Derselbe Hundefreund muß aber auch folgendes einräumen: Sehr große
Hunde sind, wenn sie in Wut geraten, selbst ihrem Herrn und ihren
Freunden gefährlich. Ich füge hier einige Fälle bei, die sich ganz in
meiner Nähe ereignet haben. Als Student wohnte ich nicht weit von dem
Hause eines Gerbers. Ueber Nacht kam in dessen Nähe Feuer aus; der
Mann sprang rasch in ungewöhnlicher Kleidung auf den Hof und wurde da
sogleich von seinen zwei Fleischerhunden angefallen und totgebissen.
Als ich einen in Oesterreich wohnenden Freund besuchte, hatte dieser
einen parkartigen Garten, der mit dem Hofe in Verbindung stand, mit
einer Mauer umgeben, aber so oft es etwas Gutes darin gab, kamen
bei Nacht Diebe über die Mauer. Er versuchte allerlei Gegenmittel
vergeblich und ließ dann aus Ungarn mit großen Kosten drei große
bösartige Wolfshunde samt einem Wärter kommen, der dann auch gleich
als Tagelöhner diente. Jede der drei Bestien lag an einer starken,
zugleich als Halsband dienenden eisernen Kette und war mit dieser auf
einem mit Stroh ausgepolsterten Wagen gefesselt. Dort machten die
Fesselträger von Zeit zu Zeit einen Höllenlärm, waren zuletzt, wie
sie abgeladen waren, seelenvergnügt, und jeder wurde an ein schönes,
bequemes Häuschen gelegt, vor welchem eine Empfangsmahlzeit bereit
stand. Nach einigen Monaten waren sie eingewohnt, der Ungar ließ sie
für die Nacht los, sie tobten vor Freude in allen Ecken und Enden,
taten mehr Schaden als früherhin die Diebe und leisteten dem Ungar, als
er sie am nächsten Morgen wieder anlegen wollte, solchen Widerstand,
daß sogleich der Beschluß reifte, sie für immer an der Kette zu lassen.
-- Dergleichen könnte ich aus meiner Erfahrung noch viel beifügen. Es
möge jedoch noch bemerkt sein, daß drei meiner Freunde, deren jeder
einen Neufundländer besaß, den er für ausgezeichnet fromm erklärte, von
diesen bei geringer und ganz verschiedener Gelegenheit erbosten Bestien
mordgierig überfallen, stark verwundet und nur durch schnelle Hilfe
gerettet worden sind. Ueber dem einen der Herren mußte der Hund, der
ihn niedergeworfen, rasch erschossen werden. -- Große Ziehhunde haben
schon oft Unheil angerichtet.
Die hier geschilderten Unglücksfälle hätten sich wohl zum Teil
vermeiden lassen, so z. B. wenn der Gerber seine Hunde vorher angerufen
hätte. Jeder erfahrene Tierkenner, der einen Stall oder Zwinger
betritt, ruft die Tiere zunächst an, damit sie merken, daß es ihr Herr
oder eine ihnen bekannte Persönlichkeit ist. Aufgeregte Nasentiere
haben keine Zeit, vorher den sich Nähernden zu beschnüffeln. Die Nase
ist insofern ein sehr viel langsamer arbeitendes Sinnesorgan als
das Auge. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß
selbstverständlich auch das Auge bei Nasentieren wichtig ist. Denn
zwecklos verleiht die Natur keine Gaben.
Vor Ziehhunden soll man sich stets in acht nehmen, weil sie wegen ihrer
anstrengenden Tätigkeit gewöhnlich schlechter Stimmung sind. Ob man
Hunde überhaupt zum Ziehen verwenden soll, wird beim Esel besprochen
werden.
Es wurde schon erwähnt, daß man Hunde nicht küssen soll, da sie
als frühere Raubtiere Aas fressen. Es kommt aber noch ein anderer
Grund hinzu. Der Hund beherbergt mehrere Bandwürmer, von denen
der Hülsenbandwurm (_taenia echinococcus_) der für den Menschen
gefährlichste ist. Da der Hund Kot beschnüffelt, so kann er die Eier
dieses Bandwurms an die Schnauze bekommen und durch Belecken -- am
leichtesten durch Küssen -- auf den Menschen übertragen. Im Innern
des Menschen, der die Eier in den Mund bekommen hat, bilden sich
kohlkopfgroße Blasen, die tödlich werden können. Zur Beruhigung sei
mitgeteilt, daß seit Jahrzehnten nur zwei Personen daran erkrankt sind.
Häufiger tritt die berüchtigte Tollwut auf. In Deutschland wurden im
Jahre 1912 durch tolle oder tollwutverdächtige Tiere 240 Personen
gebissen. Hiervon wurden 232 Personen geimpft. Sehr zugunsten der
Schutzimpfung spricht, daß nur drei Personen starben, von denen
obendrein sich zwei zu spät hatten impfen lassen.
Der Volksglaube, daß man einen tollen Hund am eingeklemmten Schwanz und
an der Wasserscheu erkennt, ist irrig. Wohl aber zeichnet er sich durch
verändertes Benehmen, namentlich durch große Beißlust aus.
Die Tollwut endet immer tödlich. Eine bestimmte Räudekrankheit, die
Acarusräude, pflegt ebenfalls unheilbar zu sein. Sonst werden junge
Hunde namentlich im Alter von vier bis zu neun Monaten gewöhnlich
von der Staupe befallen, die in einer ansteckenden Entzündung der
Schleimhäute besteht. Die Gelehrten stehen dieser Seuche, die fast die
Hälfte aller Junghunde dahinrafft, ziemlich machtlos gegenüber. Auf dem
Lande hat man die seltsamsten Kuren dagegen und häufig mit Erfolg.
Ein Glück ist es, daß die Flöhe, die der Hund besitzt, nicht dauernd
auf den Menschen übergehen. Nach kurzer Zeit verlassen sie ihn wieder.
Der Ausspruch: Wer sich mit Hunden niederlegt, steht mit Flöhen auf,
ist also nicht ganz richtig.
Man könnte nun sagen, daß schon allein die Tollwut der Hunde Grund
genug wäre, alle Hunde abzuschaffen, da ein einziges Menschenleben
unendlich wertvoller als das zahlreicher Tiere ist. Dagegen muß man
darauf hinweisen, daß man überall im Leben Vorteile und Nachteile
abwägen und danach seinen Entschluß fassen soll. Heute las ich in den
Zeitungen, daß allein in Berlin fünf Personen durch unbeaufsichtigt
gelassene Gashähne getötet worden sind. Werden wir deshalb die
Gasbenutzung aufgeben? Nein, ebensowenig wie auf das Baden, Schwimmen,
Schlittschuhlaufen verzichtet wird, obwohl alljährlich eine Menge
blühende Menschenleben dieser von der Jugend so beliebten Betätigung
zum Opfer gebracht werden.
Dagegen wird man zweckmäßig handeln, wenn man sich die Gefahren
vergegenwärtigt, und doppelte Vorsicht anwendet.
Eigentümlichkeiten des Hundes, die bisher noch nicht erörtert worden
sind, werden an einer späteren Stelle besprochen werden (vgl. das
Sachregister).
28. Geschichtliches vom Hunde.
In welcher Weise der Haushund gezähmt worden ist, wissen wir nicht. Da
viele Hundeartige (Kaniden), beispielsweise die Schakale, den Löwen und
Tigern folgen, um an ihrer Beute teilzunehmen, so werden sie sich auch
dem Urmenschen angeschlossen haben, um etwas von den Abfällen seiner
Mahlzeiten zu ergattern. Der Mensch wird bald bemerkt haben, daß die
Nachbarschaft dieser Tiere für ihn von größtem Vorteil war. Sie machten
Lärm, sobald sich etwas Ungewöhnliches zeigte, und sie fanden durch
ihre feine Nase dort Wild, wo er achtlos vorübergegangen war. Wie heute
in der Türkei noch die Straßenhunde leben, die keinen eigentlichen
Herrn haben, also halbwild sind, so haben sich wahrscheinlich schon
in früheren Zeiten halbwilde Hunde dem Menschen angeschlossen. Wir
machen eine ähnliche Beobachtung bei andern Tieren. Der Hausstorch,
der Hausrotschwanz, die Hausschwalbe, der Haussperling, der Haus- oder
Steinmarder, die Hausmaus und andere Tiere haben sich ebenfalls mit
dem Menschen angefreundet und sehen jetzt ganz anders aus als ihre ganz
wilden Verwandten. Der Hausstorch sieht schwarz-weiß-rot aus, der im
Walde lebende Waldstorch ist dagegen fast schwarz. Der in der Scheune
lebende Hausmarder hat eine weiße, der im Walde lebende Edelmarder
eine gelbe Kehle usw. Halbwilde Hunde, ähnlich dem Straßenhunde in der
Türkei, sind wahrscheinlich die Vorfahren unserer Haushunde, die durch
Kreuzung mit Wölfen und Schakalen im Laufe der Zeiten entstanden sind.
29. Der Hund in Sprichwörtern und Redensarten.
Einige Sprichwörter und Redensarten, die sich mit dem Hunde
beschäftigen, sind bereits erklärt worden (über Bellen und Beißen der
Hunde, sich rekeln, Eberköpfe und Hundeköpfe, Grasfressen, Anbellen des
Mondes sowie über Hund und Ofen und Hund und Flöhe). Hier sollen noch
weitere angeführt werden.
Der Hund wurde einerseits wegen der bereits erwähnten Eigenschaften,
die uns Menschen widerwärtig sind, sehr verachtet, andererseits wegen
seines Nutzens für uns sehr geschätzt.
Für die Verachtung spricht die Strafe des Hundetragens, womit man
andeuten wollte, daß jemand wert sei, wie ein Hund erschlagen und
aufgehängt zu werden.
Hiermit bringt man die Redensart in Verbindung:
*Auf den Hund kommen*, d. h. also in eine solche Lage kommen, wie
einer, der Hunde tragen muß. Damit will man andeuten, daß jemand
in verächtliche oder schlimme äußere Verhältnisse geraten ist,
oder daß es mit seiner Gesundheit schlecht steht.
*Jemanden auf den Hund bringen* heißt also, ihn in solche schlechte
Verhältnisse bringen.
*Ueber den Hund kommen* heißt hiernach, jene Strafe überstehen.
Vervollständigt wird der Gedanke in der Redensart:
*Komm ich über den Hund, komm ich auch über den Schwanz*, d. h. also,
überstehe ich die Strafe, so werde ich auch die Nachklänge hieraus
überstehen.
*Einer ist so verachtet, daß nicht einmal die Hunde ein Stück Brot
von ihm nehmen.* Es ist das natürlich eine Uebertreibung, um
zu sagen, daß das verächtlichste und gierigste Tier von diesem
Menschen nichts annehmen würde.
*Etwas geht vor oder für die Hunde*, d. h. es geht dahin, wo sich die
verächtlichsten Geschöpfe befinden, also es geht zugrunde.
*Hunde und Flöhe gehören zusammen. Je magerer der Hund, desto größer
die Flöhe.* Das bezieht sich auf die Menge Ungeziefer, das auf den
meisten Hunden haust.
*Er ist bekannt wie ein bunter Hund.* Diese Redensart würde heute
nicht entstehen, denn bei uns gibt es jetzt eine Menge mehrfarbige
Hunde, z. B. Terriers, Tigerdoggen usw. Früher muß es fast nur
Hunde mit einfarbigem Fell gegeben haben.
Die enge Zusammengehörigkeit des Hundes mit dem Menschen geht daraus
hervor, daß man in Tirol sagt statt gar niemand:
*Kein Hund und kein Seel.*
Auch bei uns heißt es deshalb:
*Da kräht weder Hund noch Hahn danach*, denn zum Haushalte gehören
Hund und Hahn.
*Mit allen Hunden gehetzt sein.* Das sind manche Stücke Wild, z. B.
manche Hasen, die durch Zurücklaufen auf ihrer Spur die Hunde in
die Irre führen.
*Viele Hunde sind des Hasen Tod.* Das soll im nächsten Bande, der die
heimische Tierwelt enthält, erklärt werden.
*Wenn die Hunde schlafen, hat der Wolf gut Schafe stehlen.*
Trotz des Nutzens, den der Hund dem Menschen bringt, hat er wenig Dank
dafür. Schlechte Behandlung und wenig Futter sind sein Lohn. Daher die
Redensarten:
*Es haben wie ein Hund.* -- *Leben wie ein Hund.* -- *Arbeiten wie
ein Hund.* -- *Müde sein wie ein Hund oder hundemüde sein.* --
*Hunzen = schelten wie einen Hund.* -- Der Hund ist launischer
Behandlung ausgesetzt, weshalb man sagt:
*Wer einen Hund will werfen, findet bald einen Prügel.*
*Der Knüttel liegt beim Hunde*, d. h. daß der Hund so handeln muß,
wie der Herr will, weil der sonst allzeit bereite Knüttel zur
Anwendung gelangt.
Wegen seiner Gefräßigkeit sagt man:
*Er wird halten, wie der Hund die Fasten*, das heißt gar nicht.
Aus seiner Unverträglichkeit mit der Katze erklärt sich:
*Wie Hund und Katze leben.*
Weil der Hund der geborene Wächter ist, so nennt man auch die
Schlösser, die den Dieb vom Stehlen des Schatzes abhalten Hunde. In
Bayern heißt der Schatz selbst so. Hieraus stammen die Redensarten:
*Hunt hint haben*, d. h. einen heimlichen Schatz haben.
*Den Hunt schmecken wissen*, d. h. wissen, wo Vermögen und etwas zu
erhaschen ist.
*Da liegt der Hund begraben.* Manche meinen, daß hier mit Hund der
Schatz bezeichnet werde. Das paßt aber schlecht in vielen Fällen.
Wahrscheinlich stammt die Redensart aus dem alltäglichen Kampfe
zwischen Jäger und Landwirt. Der Bauer läßt seinen Hund wildern, und
der Förster greift zur Selbsthilfe. Wenn er annimmt, daß niemand es
sieht, erschießt er den Hund und vergräbt ihn. Manchmal hat aber
doch ein Knecht oder sonst ein Mensch die Tat gesehen, der nun weiß,
wo der Hund begraben liegt. Er ist froh darüber, denn entweder muß
ihm der Förster, der natürlich dem Bauern gegenüber alles bestreitet,
Schweigegeld geben oder der Bauer muß ihm das Geld geben, damit er ihm
zeigt, wo der Hund begraben liegt.
Sehr hoch schätzt die Treue des Hundes der Ausspruch:
*An fremden Hunden und Kindern ist das Brot verloren*, d. h. die
Hunde lassen sich dadurch nicht verleiten wegen ihrer Hundetreue.
Nur bei einem sehr hundefreundlichen Volke konnte der Vers entstehen:
*Einen Mann hungerte manche Stund,
Er ging und kaufte sich einen Hund.*
*Hundehaare auflegen* kommt von dem Glauben, daß, wer Schaden zufügt,
auch die Kraft zum Heilen besitzt. Auf eine von einem Hund
verursachte Wunde soll man also Hundehaare legen. In übertragenem
Sinne spricht man davon, wenn man die durch den Alkohol
entstandene Magenverstimmung durch weiteren Alkohol beseitigen
will.
[Illustration: Deutsche Dogge]
[Illustration: Wachtelhund]
[Illustration: Schäferhunde]
[Illustration: Schnauzer]
[Illustration: Drahthaariger Foxterrier]
Die Katze
30. Hund und Katze waren beide früher Raubtiere. Warum sehen sie
trotzdem so verschieden aus?
Peter hatte, wie wir sahen, ein kleines Geplänkel mit des Nachbars
Katze. Wir wollen uns diese einmal etwas näher betrachten.
Wie damals sitzt sie in dem Kellereingang und läßt sich die warme
Morgensonne auf den Pelz scheinen. Schlecht scheint es ihr wirklich
nicht zu gehen, denn sie ist kräftig und sieht ganz wohlgenährt aus.
Das ist auch nicht weiter wunderbar, denn in einem Kohlenkeller pflegt
es stets Mäuse zu geben. Der Kohlenhändler hält sie wohl auch deswegen.
Uebrigens ist uns die Katze schon seit längerer Zeit bekannt. Sie ist
etwa ebenso alt wie Peter und in Wirklichkeit ein Männchen, also ein
Kater, der »August« genannt wird.
Fassen wir das Tier ins Auge, so fällt uns namentlich folgendes
auf. Erstens: der kleine Kopf mit den Schnurrhaaren. Zweitens: die
zierliche, kräftige und runde Form des Rumpfes. Drittens: Füße und
Schwanz fügen sich übereinstimmend in dieses Bild. Die Füße sind
fast bedeckt und der Schwanz geht im Bogen nach vorn. Viertens:
bewundernswert ist bei der Gesamterscheinung die unerschütterliche
Ruhe, da am Körper sich nicht das geringste bewegt. Ein aus Erz
gegossenes Kunstwerk könnte sich kaum regungsloser verhalten.
Doch diese Leblosigkeit ist nur Schein, denn sie beruht auf einer
außerordentlichen Beherrschung aller Muskeln. Jetzt *kommt* Leben in
August, denn seine Herrin, deren Liebling er ist, kehrt von einem
Gange zurück. Das Schmeicheln der Katzen ist, wie wir jetzt sehen,
ganz anders wie das der Hunde. Ein Hund, der sich bei seinem Herrn
beliebt machen will, springt an ihm herauf und sucht beide Vorderpfoten
auf seine Beine zu legen. Der Kater dagegen läuft hin und her und
reibt sich dabei an den Kleidern seiner Herrin, wobei er den Schweif
hochgestellt hält. Ständen wir ganz dicht dabei, so würden wir August
auch schnurren hören.
Doch seine fleißige Herrin hat nicht lange Zeit, sich mit August weiter
zu beschäftigen. Sie hat aber ihrem Lieblinge einen Leckerbissen
mitgebracht, den der Kater jetzt frißt. Hierbei fällt uns der
merkwürdige Unterschied des Fressens beim Hund und der Katze auf. Einen
solchen Happen, anscheinend ein kleines Stück von einem größeren Fisch,
würde ein Hund im Nu verschlungen haben. Der Kater dagegen braucht eine
ganze Weile, ehe er den Happen bewältigt hat. Nach unseren Begriffen
ißt die Katze gesittet, während der Hund ein roher Schlinger ist. Wir
müssen an das Sprichwort denken: »Iß wie eine Katze und trink' wie ein
Hund.« Nach dem Essen putzt sich August, indem er sich gewissermaßen
»wäscht«. Nach dem Volksglauben bedeutet es bekanntlich, daß Besuch
eintrifft, wenn die Katze sich wäscht.
Dieses Waschen bewerkstelligt August in folgender Weise, wie wir
beobachten können. Er macht eine Pfote mit der Zunge feucht und benutzt
diese angefeuchtete Pfote als Schwamm, um seinen Kopf und andere
Körperteile, soweit er reicht, damit zu reinigen.
Nachdem August so sein Aeußeres wieder in Ordnung gebracht hat,
betrachtet er zunächst die Welt anscheinend mit der Ruhe eines
Weltweisen.