einen sehr wachsamen und scharfen Hühnerhund nebst zwei ganz kleinen,
niedlichen Spitzchen. Der erstgenannte war den Tag über in einem
eigenen Stalle, die Spitzchen steckten auf dem Hofe in einem großen
Vogelbauer, worin sie, so oft ein Fremder kam, einen solchen Lärm
machten und vor Bosheit so grimmig in die daumendicken Holzstäbe des
Käfigs bissen, daß ich immerfort neue einziehen mußte, wenn die alten
zerbissen waren. Ueber Nacht waren alle drei auf dem Hofe los, und
machten, so oft sich jemand dem einsam zwischen Gärten liegenden Hause
nahte, einen ungeheuren Lärm. Die feinsten Sinne hatte der Hühnerhund.
Kam ich abends von der Stadt und ging um die Ecke eines 160 Schritte
von meinem Hofe entfernten Stalles, so wußte er in dieser Entfernung
genau meinen Tritt zu unterscheiden und winselte vor Freuden; kam
aber jemand anderes um besagte Ecke oder anderswoher auf 200 bis 300
Schritte Entfernung, so schlug er laut und drohend an. Verstellte ich
meinen Schritt absichtlich, so bellte er, wenn er im Oberwinde stand,
auch bei mir. Weil es um meine Wohnung her über Nacht von Hasen, Rehen
und Hirschen wimmeln, so durften die Hunde, weil sie sonst Hetzjagden
gehalten, dabei auch wohl Menschen angefallen haben würden, nicht vom
Hofe. Einstmals hatte ich vergessen, abends das Türchen zu schließen,
durch welches bei Tage die Hühner ins Freie gingen. Als ich frühmorgens
aufstand, fand sich's, daß es der große Hund mit seinen gewaltigen
Zähnen erweitert hatte und mit den zwei Zwergen ausgerückt war. Die
ganze Schar war verschwunden und mochte über Nacht eine tolle Hetze
gehalten haben. Ich erließ in der Zeitung eine Anzeige und durchsuchte
alle benachbarten Dörfer. Nach acht Tagen bekam ich die zwei Spitzchen
wieder; man hatte sie am zweiten Tage eine Stunde von hier ganz
ermattet angetroffen und in ein Haus gelockt. Den großen Hund, der sich
wohl durch seine Schnelligkeit und größere Hetzbegier von den Zwergen
verloren hatte, erhielt ich einige Tage später zurück. Er hatte sich
etwa am sechsten Tage nach seiner Abreise abgehungert und todmüde in
die Stadt Waltershausen begeben und anfangs jedem, der sich ihm nahte,
die Zähne gezeigt. Endlich wurde er mit Futter in ein Haus gelockt,
hatte dort aber gleich bei der Mahlzeit geknurrt und um sich gebissen,
so daß die Leute, um ihm gute Sitte beizubringen, ein schweres
Holzscheit ergriffen und es ihm auf Kreuz und Schenkel warfen. Er war
zusammengebrochen und 14 Tage völlig lahm, aber demütig geworden. Ich
erfuhr, wo er war, holte ihn zurück, er erholte sich, war aber von nun
an ganz umgewandelt.
An die Bewachung des Hauses, welches er zwei Jahre lang aufs Treuste
besorgt hatte, dachte er nicht im geringsten mehr, er sann nur aufs
Durchbrennen und Jagen. Gleich am ersten Abend, wo ich ihn wieder auf
den Hof ließ, begann er an dem Hühnertürchen zu arbeiten. Ich gab ihm
ein paar Hiebe, er setzte sich mürrisch in eine Ecke, lauerte, bis ich
beim Schlafengehen das Licht ausgemacht, begann nun die Arbeit von
neuem, wühlte sich unter dem Geländer ein großes Loch, ging hinaus ins
Freie und jagte nach Herzenslust. Den anderen Tag nahm ich ihn beim
Kragen, führte ihn an seine Grube, verwies ihm das Wühlen, gab ihm
einige Hiebe und brachte ihn dann wie gewöhnlich in seinen Stall. Die
nächste Nacht machte er ein neues Loch, da das alte fest verrammelt
war, und brach wieder durch. Er bekam Hiebe, und ich ließ nun rings
inwendig am ganzen Geländer hin 5 Zentimeter dicke und 50 Zentimeter
lange Pflöcke dicht nebeneinander in die Erde schlagen. Aber das half
nichts. Er wühlte einen Schuh tief, packte die Pflöcke dann mit den
Zähnen, zog sie heraus und wühlte dann weiter. Ich ließ eine doppelte
Reihe schlagen; auch das half nichts. So hatte er sich sechs Nächte
hintereinander mit gewaltiger Kraft durch den festen Tonboden und die
Pfähle durchgearbeitet und jeden Tag seine Hiebe entgegengenommen, und
ich sah wohl, daß die letzteren keine guten Früchte trugen. Daher ließ
ich das letzte Loch offen, nagelte daneben zwei wagerecht liegende
Bretter sehr fest, ließ zwischen ihnen über der Mitte der Grube 12
Zentimeter Raum und stellte unter diese Oeffnung eine starke eiserne
Marderfalle. Abends lasse ich den Hund los. Er geht wie gewöhnlich
mit unschuldiger Miene, ohne nach dem Loche zu gucken, auf dem Hofe
herum, verzehrt sein Abendbrot mit gutem Appetit, wartet ab, bis ich
das Licht lösche, eilt dann zum Loche, steckt die Tatze hinein und wup!
da schlägt's unten zu und er sitzt in einer abscheulichen, furchtbar
zwickenden Klemme. Unter lautem Jammergeschrei sucht er sich zu
befreien, zerrt nach oben, die Bretter leisten der Falle Widerstand;
er stemmt sich mit dem freien Fuß und zieht nach einer Gefangenschaft,
die zehn Minuten gedauert hat, die Pfote glücklich heraus. Am folgenden
Morgen hatte er ein sehr schwermütiges Gesicht und eine lahme,
geschwollene, geschundene Pfote. Ich ließ ihn ruhig in seinem Stalle
und dachte: »Da hast du nun genug daran!« Er hatte nun auch wirklich
die Lust zum Wühlen, jedoch nicht die zum Jagen verloren. Dies mußte
ich gleich in der ersten Nacht zu meinem eigenen Schaden gewahren, denn
er biß in das auf dem Hofe stehende Vogelhäuschen, das er zwei Jahre
lang nie angetastet hatte, ein großes Loch, ging hinein und würgte
zwölf Vögel. Am folgenden Tage gab's Hiebe zum Frühstück, das Häuschen
ward sogleich ausgebessert, zu den wenigen Vögeln, die er nicht hatte
erhaschen können, einige neue getan und rings ein Geländer gebaut. Das
tat für einige Tage gut, aber sobald seine Pfote gesund war, benutzte
er sie, wühlte sich unten hinein und mordete wie zuvor. Am folgenden
Morgen regnete es Hiebe, das Häuschen ward ausgebessert, neu bevölkert
und die Marderfalle hineingehängt. Die folgende Nacht war mondhell, und
es machte mir viel Spaß, da ich ihn, wer weiß wie lange, schüchtern
um das Vogelhäuschen herumgehen und nach der verhängnisvollen Falle
gucken und schnuppern sah. Die Vögel waren nun sicher, der Hund mußte
aber, sobald ich seine Stelle durch einen neuen ersetzt hatte, weg.
Auch in diesem Falle sehen wir wieder, wie unausrottbar dem Jagdhund
die Jagdleidenschaft im Blute steckt. Aber können wir uns über seine
»Unarten« wundern? Wir Menschen haben ja erst dieser Hunderasse die
Jagdleidenschaft künstlich angezüchtet.
24. Klugheit und Verstellungskunst einer deutschen Dogge.
Die deutsche Dogge gilt im allgemeinen für kein besonders kluges
Geschöpf. Wir schätzen wohl ihre Stärke, aber wenn wir einen klugen
Hund haben wollen, nehmen wir lieber einen Pudel oder eine andere
Hunderasse.
Um so mehr wird es uns in Erstaunen versetzen, was ein durchaus
wahrheitsliebender Mann von seiner Dogge erzählt. Unser Gewährsmann,
der als Rektor einer Schule in nicht recht geheuerer Lage vor dem
Tore einer großen Industriestadt Deutschlands lebte, hielt es für
nötig, sich zum Schutze der Familie und des Hauses einen tüchtigen
Hund anzuschaffen. Meine Wahl fiel, erzählt er, auf eine fünf
Monate alte schwarze deutsche Dogge, deren Eltern infolge ihrer
Größe, Intelligenz und Treue bei den Hundeliebhabern der ganzen
Umgegend in hohem Ansehen standen, zugleich aber auch wegen ihrer
Bösartigkeit gefürchtet waren. Als ich den Hund ins Haus brachte,
war man über sein täppisches Wesen und seinen bösen Blick nicht
sonderlich erbaut. Er hatte sein Leben bisher in einem einfachen
Hofe zugebracht, selten einen fremden Menschen gesehen, niemals ein
Zimmer betreten, war daher vollständig verblüfft, als ich ihn in die
Wohnstube führte, und nicht von der Stelle zu bewegen, nachdem er seine
Beine, um größeren Widerstand leisten zu können, wie ein Sägebock
auseinandergespreizt hatte. Nach Verlauf einiger Stunden legte er
sein unbeholfenes Wesen aber schon etwas ab und fühlte sich in seinen
neuen Verhältnissen ziemlich heimisch und erhielt den Namen »Tom«.
Trotz der armseligen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen, hat sich
Tom niemals die geringste Unreinlichkeit zuschulden kommen lassen ...
Selbstverständlich wurde er mein beständiger Begleiter auf meinen
täglichen Ausflügen. Hier entwickelte er eine ungeahnte Lebhaftigkeit
und Regsamkeit seines Wesens. Da ich mich selbst mit ihm nur wenig
beschäftigte, verschaffte er sich auf eigene Art und Weise allerlei
Kurzweil, verfolgte vorzugsweise mit unausgesetzter Aufmerksamkeit
alles Tun und Treiben der Menschen und griff ohne weiteres in dasselbe
ein, sobald es ihm unstatthaft erschien. Zank und Streit waren ihm
z. B. höchst zuwider. Selbst wenn ziemlich weit entfernte Personen
in heftigen Wortwechsel miteinander gerieten, stürzte er auf sie zu,
stellte sich knurrend und zähnefletschend zwischen die Streitenden
und brachte sie bald auseinander.... Am meisten ärgerte er sich, wenn
Fuhrleute ihre Pferde mißhandelten. Zunächst nahm er in drohender
Haltung neben den gequälten Tieren Stellung; wagte ihr Peiniger
dann nur noch einen Schlag, so wurde er mit solcher Heftigkeit zu
Boden geworfen, daß ihm Hören und Sehen verging. Sah er dagegen, daß
jemand kaum imstande war, einen schwer beladenen Schubkarren von der
Stelle zu bringen, so eilte er hilfreich hinzu, erfaßte den Bock des
Fuhrwerkes mit den Zähnen und zog, mit rückwärts gerichtetem Körper,
aus Leibeskräften.
Seiner gewaltigen Größe entsprach auch seine Körperkraft. Spielend
trug er z. B. einen Henkelkorb von einem halben Zentner Gewicht weite
Strecken. Einen wütenden, drohend auf mich zuschreitenden Ochsen,
der mit einer Anzahl Kühe zur Weide getrieben wurde, hielt er so
nachdrücklich am Halse fest, daß das Tier vor Schmerz laut aufbrüllte
und entsetzt davonlief, als es von seinem Angreifer befreit wurde. Die
Wände einer starken, aus neuen Brettern hergestellten Transportkiste,
in welcher »Tom« einmal versandt werden sollte, und von welcher der
Schreiner meinte, dieselbe sei für einen Tiger fest genug gearbeitet,
zermalmte er schon auf der kurzen Strecke bis zum Bahnhofe zu Spänen.
War er im Begriffe, sich auf einen Gegenstand zu stürzen, der ihn
in Wut versetzte, vermochte ihn selbst der stärkste Mann nicht zu
bändigen; er wurde wie ein Kind umgerissen und fortgeschleift.
An allen Familienerlebnissen nahm er wie ein Mensch Anteil. Wurde z.
B. jemand bettlägerig, so saß er stundenlang an dem Lager des Kranken,
schaute unverwandt nach dessen Angesicht und legte seine Schnauze
oder Pfote leise auf die ihm entgegengestreckte Hand, um sein Mitleid
auszudrücken.... Traf eine Postsendung von einem in der Ferne weilenden
Kinde ein, so konnte er vor Freude kaum die Zeit erwarten, bis der
Inhalt ausgepackt wurde, ergriff dann den ersten besten zum Vorschein
gekommenen Gegenstand und eilte damit zu allen Familienangehörigen im
Hause, die beim Auspacken nicht zugegen waren, um sie auf diese Weise
von dem frohen Ereignis in Kenntnis zu setzen. Kehrte ein längere
Zeit abwesendes Familienmitglied von der Reise zurück, während ich
mich in der Schule befand, so eilte er sofort dahin, obgleich er es
sonst nicht wagte, mir dort einen Besuch zu machen, und suchte, indem
er mir Stock und Hut herbeitrug und sich vor Freude wie unsinnig
gebärdete, mich zum Fortgehen mit ihm zu bewegen. Gelang ihm dieses,
so stürzte er vor mir ins Haus und brachte mir irgendein Besitztum
des Angekommenen entgegen, um mir anzudeuten, weshalb er mich geholt.
Reiste dagegen ein ihm lieber Besuch wieder ab, so suchte er die
Abfahrt zu verhindern, schleppte das Reisegepäck wieder aus dem Abteil
und verfolgte den abfahrenden Zug eine weite Strecke mit Bellen und
Heulen. Bei schweren, Kraft beanspruchenden Verrichtungen im Hause
war er stets mit seiner Hilfe bereit; so trug er z. B. Kartoffeln
und Kohlen im Henkelkorb aus dem Keller, beförderte die Waschkörbe
nach der Bleiche und der Mangel usf.; besaß überhaupt das Bestreben,
jedem nach eigenem Wunsch und Gefallen zu leben. Kein Wunder daher,
daß er bald der Liebling der ganzen Familie, besonders der weiblichen
Mitglieder des Hauses, wurde, die ihn freilich leider auch mit der
Zeit verhätschelten und angenommene Unarten, die später viel Verdruß
und Aerger bereiteten, anfangs als interessante Eigenheiten belachten,
anstatt sie zu bestrafen. Fühlte er sich z. B. auf seinem harten
Lager, einer Strohmatratze, unbehaglich, so pflegte er während meiner
Abwesenheit auf meinem Sofa der Ruhe; vereitelten ihm absichtlich
darüber gebreitete harte Gegenstände sein Vorhaben, so nahm er auch
mit dem härteren Sofa in der Kinderstube vorlieb. Auf diesem hatte er
mit Erlaubnis die bekannte Kinderkrankheit, der die meisten jungen
Hunde unterworfen sind, in schwerer Weise überstanden, wurde aber
nach derselben ebenfalls nicht mehr darauf geduldet. Ueberrumpelte
man ihn dennoch ein oder das andere Mal auf der verbotenen Ruhestätte
und rief ihm dann zu: »Tom bist du krank?« so blieb er ruhig liegen,
schloß die Augen, stöhnte und ächzte laut, so daß jeder Fremde, der
seine Verstellungskünste nicht kannte, annehmen mußte, er liege im
Sterben. In der Regel gelang es ihm aber, sich, ehe die Tür geöffnet
wurde, mit einem Satze vom Sofa zu schnellen; in diesem Falle stellte
er sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt daneben, suchte
seine Verlegenheit durch lautes Gähnen und Dehnen seines Körpers zu
vertuschen und war, wenn er nicht ausgescholten wurde, überzeugt,
seine List sei ihm geglückt. Natürlich nahm er dann sein Ruheplätzchen
von neuem ein, sobald er sich wieder allein im Zimmer befand. Gelang
es ihm nicht, ein Sofa zu erobern, so begnügte er sich mit einem
weichen Kopfkissen, indem er sich einen Puff von einem Sofa oder ein
Paar Strümpfe aus dem Strumpfkorbe im Nebenzimmer auf sein Lager
herbeiholte. Die wollene Decke, welche über das letztere gebreitet
war, glättete er mit Hilfe von Nase und Pfoten mehrmals täglich so
sorgfältig, daß sie nicht das geringste Fältchen zeigte; auch reinigte
er sie von Zeit zu Zeit von dem auf ihr haftenden Staube, indem er sie
mit den Zähnen faßte und heftig hin und her schüttelte.
Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm die Gelegenheit
darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit dem sie sich gerade
bei ihrer Handarbeit beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete
Strümpfe, einen großen Wollenknäuel usw., heimlich, wie er sich
einbildete, wegzustibitzen und in seinem großen Rachen verschwinden zu
lassen. Suchten meine Töchter dann den geraubten Gegenstand absichtlich
mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht; er nahm
unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an,
um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden
Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht
früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt
hatte: »Tom, weißt du denn nicht, wo ... hingekommen ist?« War ich
zufällig bei diesem Spiele zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn
gestellt, und er mit einem Blicke auf die Mädchen sich überzeugt,
daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein
Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte,
warf mir einen verständnisinnigen, schelmischen Seitenblick zu, um
dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen
und auf seinen Platz zurückzukehren. Unglaublich war sein schnelles
Verständnis für unsere Wünsche und Befehle. Es sei mir gestattet, nur
einige Tatsachen als Beleg anzuführen. Einmal hatte er mit seinen
schmutzigen Füßen das frisch gescheuerte Wohnzimmer arg verunreinigt.
Er wurde auf sein Vergehen aufmerksam gemacht, ausgezankt, vor die
Tür gewiesen und belehrt, wie er sich auf der vor derselben liegenden
Strohdecke zu reinigen habe. Seitdem hat er sich nicht wieder erlaubt,
eher einzutreten, als bis er seine Füße selbst nach Möglichkeit vom
Schmutze befreit hatte. Fehlte zufällig der Abtreter, so bellte er
bittend so lange vor der Tür, bis jemand mit einem Lappen herauskam
und ihm die Füße, die er dann der Reihe nach aufhob und zum Reinigen
hinhielt, abrieb. Obgleich er die Schule aus eigenem Antriebe zu allen
Tageszeiten besuchte, um die aus den Papierkörben von dem Kastellan
gesammelten Brotreste in Empfang zu nehmen, wagte er es niemals, wie
bereits erwähnt, mir dort einen Besuch abzustatten. Rief man ihm
dagegen zu Hause zu: »Tom! lauf schnell nach der Schule und hole den
Papa!« so stürmte er zunächst nach meinem Zimmer im Schulgebäude; fand
er mich hier nicht, so ergriff er meinen Hut und brachte ihn nach dem
Zimmer, in welchem ich mich gerade aufhielt.
Leider besaß der Hund, wie bereits mitgeteilt, neben seinen glänzenden
Eigenschaften auch verschiedene üble Angewohnheiten, die schon in
seiner Jugendzeit das von ihm entworfene Bild wie vereinzelte dunkle
Punkte trübten, mit seinem fortschreitenden Alter zum Teil aber einen
solchen unheilvollen Charakter annahmen, daß sie das Zusammenleben
mit ihm immer mehr verleideten. Schon die Gier, mit welcher er trotz
seiner reichlichen Fleischkost dem Aas nachstellte, das sich häufig
unter dem Miste auf dem Felde befand, machte die Spaziergänge in
seiner Gesellschaft oft unerträglich ..... Während seiner Jugendzeit
durften die Mädchen sich unbedenklich den Scherz erlauben, in seiner
Gegenwart einem beliebigen Gegenstand in recht sichtbar zur Schau
getragenen Weise zu schmeicheln und ihn zu liebkosen; er knurrte und
bellte wohl diesen heftig an, zeigte jedoch durch sein komisches
Gebärdenspiel, daß der an den Tag gelegte Zorn nur ein erkünstelter
war; aber schon nach wenigen Jahren nahm sein Wesen bei diesem Spiele
einen solchen bedrohlichen Charakter an, namentlich wenn es Menschen
oder Tiere waren, die ihm bevorzugt wurden, daß man es aufgeben mußte,
um nicht ein Unglück heraufzubeschwören ... Zugleich nahm er ein immer
unfreundlicheres und mürrischeres Wesen gegen die Kinder an und zeigte
sich selbstbewußter in seinem Auftreten erwachsenen Personen gegenüber.
Während er früher z. B. den Schulkastellan durch Schmeicheleien zum
Oeffnen der die Leckereien enthaltenden Schublade zu bewegen suchte,
packte er ihn später, wenn er ihm nicht augenblicklich zu Willen war,
mit allen Zeichen wirklichen Zornes am Arme und zog ihn mit Gewalt nach
derselben. Hatte er sich in seinen ersten Lebensjahren außerordentlich
feinfühlig gezeigt, so daß ihn ein unfreundliches Wort bitter kränkte,
nahm er von den Meinigen jetzt Schelte und selbst Prügel mit völliger
Gleichgültigkeit hin und drohte zu beißen, wenn ihm die Behandlung
nicht paßte. Nur mir gehorchte er noch unbedingt und ertrug demütig
die ihm wegen seines widerspenstigen Wesens erteilten Züchtigungen.
Seine Anhänglichkeit und Sorge für mich schien sogar mit seinem Alter
zuzunehmen.
Er stand jetzt in seinem siebenten Lebensjahre. Was bewährte Kenner
der Hunderassen mir längst vorhergesagt hatten, traf ein: sein
ursprüngliches bösartiges Naturell, das Erbteil seiner gefürchteten
Eltern, scheinbar durch den stetigen, jahrelangen Verkehr mit Menschen
ertötet, kam wieder zum Durchbruch, sobald er gereizt wurde .... Da
veröffentlichten die Zeitungen in kurzer Zeit hintereinander zwei
Fälle, in welchen deutsche Doggen sich wie wilde Bestien gegen ihre
eigene Herrschaft benommen hatten ..... Wie ein drohendes Gespenst
verfolgte von jetzt ab mich Tag und Nacht der Gedanke, welche Schuld
ich auf mich laden würde, wenn durch Tom ein ähnliches Unglück
herbeigeführt werden sollte. Trotzdem er mir unentbehrlich geworden,
konnte ich mich der Ueberzeugung nicht verschließen, es sei unbedingt
notwendig, mich von ihm zu trennen. Ihn für schnödes Geld fremden
Händen zu überlassen und einer ungewissen Zukunft preiszugeben, würde
mir wie ein Verrat an meinem besten Freunde erschienen sein; ich
beschloß daher, ihn an eine befreundete Person, welche sichere Garantie
für eine liebevolle Behandlung bot, zu verschenken.
Vorstehendes berichtet ein Schulmann, der Anspruch auf Glaubwürdigkeit
hat. Trotzdem wollen mir zwei Angaben nicht in den Kopf, weil ich sie
in meinem langen Leben, während dessen ich unzählige Hunde beobachten
konnte, niemals von anderen Tieren gesehen, ja nicht einmal davon
gehört habe. Einmal hat sich die Dogge die Füße vor der Tür gereinigt.
Wie schön wäre es, wenn auch nur die klugen Hunde, wie Pudel,
Schäferhunde usw., das nachmachen würden. Ferner hat die Dogge Sinn für
Humor gehabt, indem sie gewissermaßen mit dem Verstecken des Knäuels
einen Witz machte. Humor ist mir unter den Säugetieren nur bei den
Affen bekannt, niemals bei den Hunden. Uebrigens wird auch hier das
Aasfressen für eine Unart gehalten, was es gar nicht ist.
Dagegen sind die von mancher Seite angezweifelten Angaben über die
Bereitwilligkeit zum Beistand und die Neigung zur Verstellung durchaus
glaubhaft. Es sollen dafür noch andere Beispiele angeführt werden.
25. Verstellung und Beistand bei Hunden.
Von den Fällen, wo Hunde sich verstellten, seien hier folgende
angeführt:
1. Ich besaß, schreibt ein Naturforscher, einen rauhhaarigen Hund,
Pintsch genannt, der in ausgezeichnetem Grade log. Pintsch vertrieb
sich die Zeit sehr gern mit »Bummeln«, wußte auch sehr wohl, daß
er das nicht durfte, und kam infolgedessen nicht offen von seinen
Spaziergängen nach Hause, sondern schlich sich heimlich ein. Dann
aber, wenn er im Hause war, ging er meist nicht auf geradem Wege zu
den Menschen, sondern machte folgendes Kunststück: er stieg, immer
noch heimlich, auf den Speicher oder an eine andere versteckte Stelle,
wartete, bis er unten im Hause jemand sprechen hörte und kam dann,
tapp, tapp, mit unschuldigster Miene die Treppe herab. Sein späterer
Besitzer bestätigte mir diese Beobachtung, ohne von mir darauf
aufmerksam gemacht worden zu sein; so auffallend war die List, womit
er seinem Herrn weiszumachen strebte, daß er den ganzen Tag im Hause
verschlafen habe.
2. Es waren in einem Gasthause verschiedene Hunde, die sich alle
Winterabende um das Kaminfeuer in dem Gastzimmer herumlagerten, doch
so, daß sie den Gästen nicht im Wege waren. Einer von diesen Hunden,
der sich gewöhnlich immer später als die anderen einfand, mußte mit
einem entfernten Platze vorlieb nehmen. Bisher hatte er immer Geduld
gehabt; an einem Abend aber, an welchem die Kälte ihm wahrscheinlich
zu unerträglich war, ersann er folgenden listigen Streich, der ihm
auch vollkommen gelang. Nachdem er sich einige Zeit zur Rechten und
zur Linken umgesehen hatte, um ein Plätzchen in der Nähe des Feuers
zu bekommen, aber seine Absicht nicht erreichen konnte, verläßt er
auf einmal das Zimmer, läuft nach der Haustür und fängt an, aus allen
Kräften zu bellen. Augenblicklich machen sich alle Hunde im Zimmer auf
die Beine, laufen und bellen, so gut ein jeder kann. Der Hund, der das
Zeichen gegeben hatte, ließ sie gehen, kam mit einer triumphierenden
Miene zurück und suchte sich die beste Stelle beim Feuer aus. Seit der
Zeit bediente er sich zur großen Belustigung der Gäste jedesmal, wenn
er es für nötig fand, dieses Kunstgriffes und verfehlte nie seinen
Endzweck.
3. Den gleichen Kunstgriff wandte ein kleiner gieriger Hund an, um
dem großen Hausgenossen das Futter zu stehlen. Nachdem er seine
Mahlzeit verschlungen hatte, lief er bellend zum Tore, gefolgt von
dem Bernhardiner. Heimlich ging er zurück und fraß das Futter des
Großen. Am vierten Tage kam der Bernhardiner hinter den Schlich des
Kleinen und hätte ihn zuschanden gebissen, wenn der Hausherr nicht
dazwischengetreten wäre.