Ein Fall aus der Schweiz, in dem zwei Männer mit ihrem Gespann durch

einen Hund vor dem Ueberfall eines Wolfes bewahrt wurden, sei hier

angeführt. Es war klarer Mondenschein, aber auch eine bitterkalte

Winternacht, als ein Arzt mit dem abgesandten Eilboten sich auf den

offenen sogenannten Reitschlitten setzte und, von seinem mächtigen

Bergamasker Hunde Beloch, der ihm schon manche Probe von Klugheit,

Treue und Mut gegeben, begleitet, die Fahrt zu einem Kranken begann.

Rasch wurde mit dem guten Pferde auf frostharter Bahn ein Stück Weg

zurückgelegt. Als das Cotza-Tobel erreicht war, hielt plötzlich der

Hund, der mit dem Pferde bisher Schritt gehalten, an und sprang mit

einem großen Satz auf eine hochbuschige Hecke am Wege, hinter der

sich ein Tier bewegte, das von dem nächtlichen Reisenden für einen

Fuchs gehalten wurde. Langsam gelangte das Fuhrwerk auf die Höhe

von Quartins. Der Hund folgte längs des Buschwerks und näherte sich

hier seinem Herrn wieder, sich hoch neben demselben aufrichtend und

zähnefletschend, mit gesträubten Haaren, gegen einen großen Wolf

knurrend, dessen Augen durch die Hecke glänzten. Unwillkürlich hielt

das Pferd an. Wolf und Hund maßen sich, beide knurrend, mit wütendem

Blicke. Der Arzt und sein Begleiter erkannten entsetzt die Gefahr,

deren Opfer sie jeden Augenblick werden konnten, und da sie ganz

waffenlos waren, suchten sie ihre Rettung in der Flucht. Sie peitschten

das Pferd, und pfeilschnell schoß der leichte Schlitten dahin. Aber

ebenso schnell folgten Wolf und Hund diesseit und jenseit der Hecken

und Mauern, die sich des Weges entlang zogen. Mehrere Male versuchte

die heißhungrige Bestie über die Verzäunung zu springen, aber überall

fand der Wolf Beloch vor der Lücke, bereit, ihn mit seinem gewaltigen

Gebiß zu empfangen. So ging die Hatz eine halbe Stunde lang bis zur

Kirche von Lovin, wo erst der Wolf seine Beute aufgab und mit wütendem,

heulendem Gebrüll sich gegen das Gebirge zurückzog. Die geretteten

Männer weckten ihren Gastfreund im Dorfe, um sich eine Erfrischung und

Waffen zu erbitten. Nicht ohne Rührung bemerkten sie, wie nun Beloch

das ihm gereichte Stück Brot sofort aus der Stube trug und sich vor das

Pferd setzte, um das Brot zu verzehren, alle Augenblicke bereit, das

Pferd gegen den vielleicht zurückkehrenden Wolf zu verteidigen.

Der Gewährsmann des vorstehenden Erlebnisses ist der bekannte

Naturforscher Tschudi. Folglich ist der Bericht durchaus glaubwürdig.

Der zur Sommerzeit am Tage nach unseren Begriffen feige Wolf zeigt

sich als nächtliches Raubtier in der Mitternachtszeit bei starker

Winterkälte, wo ihn der Hunger plagt, als ein sehr gefährliches

Raubtier. Wahrscheinlich war es noch ein junges Tier und gehörte zu der

kleineren Wolfsart, da er zunächst für einen Fuchs gehalten wurde. Denn

auch die Wölfe sind in ihrer Größe sehr verschieden.

Es wurde schon erwähnt, daß in Nordamerika der große Waldwolf und der

fuchsgroße Coyote leben. Der Coyote wird natürlich wie unser Fuchs von

jedem stärkeren Hunde abgewürgt. Dagegen nimmt es nach Thompson der

Waldwolf mit mehreren Hunden auf. Er schildert Fälle, wo ein Dutzend

Hunde es nicht wagten, einen einzelnen Waldwolf anzugreifen.

Thompson hat bei den Viehzüchtern gelebt, deren größte Feinde die Wölfe

sind, und so kann man ihm Sachkunde nicht absprechen. Da die Wölfe von

den Herden der Züchter lebten, so richteten sie unermeßlichen Schaden

an, und alle Mittel wurden gegen sie versucht, um sie zu vernichten. Da

riet ein Ausländer den Viehzüchtern, gegen die Wölfe mit den stärksten

Hundearten vorzugehen.

Bald schaffte auch der Ausländer, um die Wahrheit seiner Worte zu

erweisen, zwei prachtvolle dänische Doggen herbei, eine weiße und eine

blaue mit schwarzen Flecken und einem eigentümlichen weißen Auge, das

ihr ein besonders wildes Aussehen gab. Fast jedes von diesen Geschöpfen

wog nahezu 200 Pfund. Muskeln hatten sie wie Tiger, und man glaubte

dem Ausländer gern, als er erklärte, diese beiden allein nähmen es mit

dem größten Wolf auf. Ihre Art zu jagen beschrieb er folgendermaßen:

»Sie haben nichts weiter zu tun, als ihnen eine Fährte zu zeigen, und

wenn sie auch schon einen Tag alt ist, folgen sie ihr unverzüglich

und lassen sich auf keine Weise davon abbringen. Bald werden sie den

Wolf finden, mag er auch noch so sehr die Spur zu verwirren und zu

verstecken suchen. Dann gehen sie ihm an den Leib; er will davonrennen,

aber der Blaue packt ihn in der Flanke und schleudert ihn so« -- der

Erzähler warf eine Brotkrume in die Luft -- »und ehe er wieder auf den

Boden kommt, hat ihn der Weiße am Kopf und der andere am Schwanz, und

sie reißen ihn auseinander -- sehen Sie, so!«

Das klang nicht schlecht, und alle brannten darauf, die Probe zu machen.

Leider fanden die Viehzüchter bei ihren Ausflügen keinen Wolf, auf den

sie die Doggen hätten hetzen können. Sie kamen daher auf den Gedanken,

den zahmen, einem Gastwirt gehörenden Wolf, der an der Kette lag, als

»Versuchskaninchen« zu gebrauchen. Sie kauften dem Wirt das Tier ab.

Die Hunde ließen sich mit Mühe zurückhalten, so kampflustig waren sie,

nachdem sie einmal den Wolf gewittert hatten. Aber ein paar starke

Männer hielten sie an den Riemen fest, und der Wolf wurde nicht ohne

Schwierigkeiten herausgebracht. Zuerst sah er erschreckt und verwirrt

aus. Als er sich frei fühlte und mit Geschrei und Hallo gescheucht

wurde, machte er sich in langsamem Trott davon nach Süden zu, wo

unebenes Terrain lockte. In diesem Augenblick ließ man die Hunde frei,

die mit wütendem Gebell dem jungen Wolfe nachsprangen. Die Männer

ritten mit lautem Hurra hinterdrein. Von vornherein schien für den Wolf

keine Möglichkeit des Entkommens zu bestehen, denn die Hunde waren weit

schneller als er, und der Weiße konnte rennen wie ein Windhund. Der

Ausländer war außer sich vor Begeisterung, wie sein schnellster Hund

über die Prärie flog und jede Sekunde dem Wolfe sichtlich näher kam.

Viele wollten auf die Hunde wetten, aber kein Mensch nahm die Wette

an. Jetzt griff der Wolf aus, so gut er konnte, aber nach tausend und

einigen Metern war der Hund gerade hinter ihm und fuhr auf ihn los.

Im Augenblick waren die Tiere aneinander. Beide fuhren zurück, aber

keiner flog, wie es der Ausländer vorausgesagt hatte, in die Luft, im

Gegenteil, der Weiße überschlug sich mit einer furchtbaren Wunde in der

Schulter und war kampfunfähig, wenn nicht tot.

Nach zehn Sekunden war der Blaue zur Stelle. Auch diesmal dauerte das

Duell nur kurze Zeit und verlief fast ebenso unbegreiflich wie das

erste. Kaum sah man, daß die Tiere sich berührten. Der Graue sprang

beiseite, während sein Kopf bei einer blitzschnellen Wendung einen

Augenblick unsichtbar blieb, und der Blaue taumelte und zeigte eine

blutende Flanke. Von den Männern angefeuert, griff er noch einmal

an, aber nur, um sich noch eine Wunde zu holen, die ihn nach keiner

weiteren Verlangen tragen ließ.

Ein einjähriger Wolf, der an der Kette gelegen hat, wird also spielend

mit zwei riesigen Doggen fertig. Das beweist die große Ueberlegenheit

des grauen Räubers. Allerdings hatte dieser junge Wolf bereits große

Erfahrung im Kampfe mit Hunden, denn man hatte zahllose Hunde auf ihn

gehetzt.

Der Wolf als freilebendes Tier ist ungeheuer viel schneller und

gewandter im Beißen, auch bringt er den Hunden, besonders kurzhaarigen,

furchtbare Wunden wegen des mangelnden Haarschutzes bei.

21. Rätselhaftes beim Hunde.

Von einigen Rätseln, die uns der Hund aufgibt, haben wir bereits

gesprochen, nämlich von seinem Zeitsinn und Ortssinn. Beide Sinne teilt

er mit den meisten anderen Tieren.

Seit dem Altertum glaubt man vom Hunde, daß er Gespenster und

Gottheiten wahrzunehmen vermöge. Dieser Glaube ist sehr verständlich.

Der Naturmensch beobachtete täglich, daß der Hund das Vorhandensein von

Dingen merkte, die ihm trotz aller Anstrengungen entgingen, man denke

z. B. an die Anwesenheit eines durch Schutzfärbung unsichtbaren Wildes.

Da der Naturmensch Gespenster und Gottheiten mit eigenen Augen nicht

erblicken konnte, so war es naheliegend, dem Hunde auch in diesem Falle

die Fähigkeiten beizulegen, die dem Menschen fehlten.

Die Ansicht, daß der Hund manchmal durch sein Geheul den bevorstehenden

Tod seines Herrn anzeigt, scheint kein Aberglaube zu sein. Ich habe

einen solchen Fall selbst in meiner Verwandtschaft erlebt. Die Frau

eines schwer Erkrankten schickte sofort zum behandelnden Arzte, weil

sie durch das plötzliche Geheul des Hundes und sein Verkriechen in

eine dunkle Ecke sehr beunruhigt war. Der Arzt untersuchte den Kranken

eingehend und tröstete die Frau durch den Hinweis, daß für die nächsten

24 Stunden nichts zu befürchten sei. Der Hund war jedoch der bessere

Prophet, denn nach drei Stunden war sein Herr tot.

Aehnliche Fälle sind folgende: Vielen Züchtern ist es bekannt, daß

die feine Nase des Hundes oft Krankheiten bei Tieren feststellt, von

denen der Besitzer nichts ahnt. So behandeln manche Hunde gewisse

Ferkel schlecht, denen jedoch äußerlich nichts anzusehen ist. Nach

dem Schlachten zeigt es sich, daß sie an schweren inneren Krankheiten

gelitten hatten. An sich ist also durchaus nicht wunderbar, daß

der Hund bereits die innere Zersetzung eines Sterbenden wahrnimmt,

wo wir mit unseren stumpfen Sinnen nichts feststellen können. In

Uebereinstimmung hiermit wurde in einer ernsten wissenschaftlichen

Zeitschrift vor einigen Jahren gemeldet, daß vor dem Tode eines

Menageriebesitzers die Hyänen, Schakale und Hunde ein grauenhaftes

Konzert anstimmten. Auch hier handelt es sich um lauter Nasentiere.

Es ist bereits erwähnt worden, daß Hunde gut schwimmen können. Wie

überlegen sie aber darin dem Menschen sind, konnte ich im vergangenen

Sommer recht deutlich erkennen. Die Netze führte sehr viel Wasser, und

der Strom war so stark, daß ein mir bekannter Meisterschwimmer, ein

auffallend kräftiger Mann, nicht einen Schritt dagegen vorwärtskommen

konnte. Dagegen schwamm der kleine Hund eines Schiffers, eine

sogenannte »Schiffertöle«, nicht nur mehrmals in einer Stunde gradlinig

über den Strom, sondern schwamm auch mit Leichtigkeit gegen die

Strömung. Selbst durch die Wirbel, die bei den Buhnen, d. h. den

Schutzbauten der Ufer, gebildet wurden, schwamm er, als wenn er durch

einen Teich schwämme, während der Meisterschwimmer durch den Wirbel

in die Tiefe gerissen wurde und sich nur ganz mühsam retten konnte.

Wenn ich diese Leistungen eines kleinen Hundes nicht mit eigenen Augen

gesehen hätte, würde ich sie nicht glauben. Eine Erklärung für sie habe

ich vorläufig nicht.

Noch eine seit Jahrtausenden bekannte Eigentümlichkeit des Hundes

sei erwähnt, weil sie von großer praktischer Bedeutung ist. Vorher

sei folgendes bemerkt: Der Hund soll unser Eigentum schützen und

ist natürlich, je wachsamer er ist, um so mehr dem Einbrecher ein

Dorn im Auge. Gegen das Vergiften des Wachhundes kann man sich

einigermaßen dadurch schützen, daß man ihn vorher leidlich füttert

und ihn lehrt, von fremden Personen nichts anzunehmen. Viel wirksamer

ist das Verfahren der Verbrecher, den Hund durch eine Hündin seine

Wächterpflichten vergessen zu lassen. Zigeuner, Hundefänger und

ähnliche Gesellen führen deshalb mit Vorliebe Hündinnen bei sich. Es

genügt, daß auf ihren Kleidern eine Hündin geschlafen hat, um einen

Rüden als Nasentier gänzlich umzustimmen. Deshalb sind Hündinnen viel

geeigneter zur Bewachung gegen durchtriebene Verbrecher als Rüden.

Im Notfalle hat der waffenlose Verbrecher selbst gegen den stärksten

Hund ein Mittel, das häufig Erfolg haben soll. Er läuft auf allen

Vieren und nimmt seine Mütze in den Mund. Der Hund hält dem Ankömmling

nicht stand, sondern flüchtet. Es ist schade, daß man einem solchen

Bericht nicht auf den Grund gehen kann, ob er auf Wahrheit beruht oder

nicht.

Würden wir Herrn Böhm bitten, diesen Versuch an seinem Karo und Hektor

machen zu lassen, so wäre dadurch noch nichts bewiesen, wenn er Erfolg

hätte. Denn wenn ein Pudel oder ein Jagdhund flüchtet, dann braucht es

nicht eine bissige Dogge zu tun.

Bereits der listenreiche Odysseus, dessen Irrfahrten Homer vor

dreitausend Jahren schilderte, setzt sich hin, um von den grimmigen

Wachhunden nicht zerrissen zu werden. Das gleiche Mittel empfiehlt der

Deutsche Schlatter vor etwa hundert Jahren, der viele Jahre bei den

Tataren gelebt hat. Er erzählt, daß die zahlreichen herrenlosen Hunde

eine große Gefahr für den Fremden bilden, und daß das beste Mittel

gegen sie das Sichhinsetzen sei.

Eine Bestätigung dieser Angaben kann man nicht selten bei

Hundeprüfungen beobachten. Wenn ein Hund den Rehbock gefunden hat

und es seinem Herrn durch Bellen meldet, dann soll das freudige

Ereignis durch eine Photographie verewigt werden. Kaum nähert sich der

Photograph in seinem schwarzen Gewande und mit seinem Kasten kriechend

dem Hunde, so rückt dieser aus, obwohl er sonst seine Beute in der

hartnäckigsten Weise verteidigt.

Herr Böhm hat ähnliche Fälle ebenfalls beobachtet, kann aber hierfür

keine Erklärung geben.

Wir müssen, um die Sache zu begreifen, auf frühere Zeiten

zurückgreifen. Jeder Elefantenwärter weiß, daß ein Elefant heftig

trompetet, sobald er einen Schimmel erblickt. Ich habe das selbst

mehrmals beobachtet. Es steht das ganz im Einklange mit den Berichten

der Jäger aus heißen Ländern, wonach der Elefant ständig zuerst den

Feind angreift, der auf einem hellen Pferde sitzt.

Was veranlaßt den Elefanten zu seiner Wut gegen den Schimmel? Wir

wissen es nicht, wir müssen aber vermuten, daß es in Vorzeiten ein

weißes, pferdeähnliches Geschöpf gab, mit dem der Elefant wütend

kämpfte.

So müssen wir auch vermuten, daß in Vorzeiten ein auf allen Vieren

gehender menschenähnlicher Feind der Hunde lebte, vor dem sie noch

heute große Angst haben.

Wir verabschieden uns jetzt von Herrn Böhm und seinen Hunden und werden

ihn gelegentlich wieder aufsuchen.

22. Allerlei Hundegeschichten. Richtige Behandlung des Hundes.

Die von Hundebesitzern erzählten Geschichten darf man nicht ohne

weitere Prüfung glauben. Dagegen wollen wir wirkliche Tierkenner zu

Wort kommen lassen, denn man kann aus ihren Berichten vieles lernen. So

schildert ein ostpreußischer Naturforscher seine Hündin »Gretel« in

folgender Weise. Zunächst leistet sie auf der Jagd Ausgezeichnetes.

Auch außerhalb des regelmäßigen Jagdbetriebes, heißt es weiter,

benutze ich »Gretel« zu allerhand Handlangerdiensten. Einige wenige

Beispiele mögen das beweisen. Im vorigen Jahre hatte ich auf meinem

Teiche junge März-, Pfeif- und Krickenten großgezogen, die nach und

nach halb verwilderten, so daß es unmöglich war, die Vögel, denen ich

die Flügel gestutzt hatte, im Spätherbste einzufangen. Ich wartete

daher, bis die erste dünne Eisdecke gefroren war, die sich gerade stark

genug zeigte, um »Gretel« zu tragen. Bei meiner Annäherung watschelten

die Enten natürlich auf die Mitte des Teiches hinaus und fühlten sich

dort in größter Sicherheit. Diesmal aber hatten sie ihre Rechnung ohne

meine Gretel gemacht. »Gretel, hol das Entchen!« Zunächst wurde etwas

zaghaft vorwärts geschritten, weil sich das dünne Eis noch bog, dann

aber ging's herzhaft weiter, und bald waren die Enten, die sich auf dem

glatten Eise nicht schnell vorwärtsbewegen konnten, eingeholt. Nun war

es höchst interessant, das Benehmen der Hündin zu beobachten. Sie weiß

genau, daß sie jeden Vogel lebendig bringen soll; wenn sie aber einen

kräftigen Märzerpel fassen wollte, so schlug dieser so heftig mit den

Flügeln und zappelte so sehr, daß er nur durch kräftiges Zufassen zu

halten gewesen wäre. Einige Federn stoben schon, und »Gretel« äugte

verlegen und unschlüssig nach mir hin, der ich zu weiterem Handeln

aufforderte. Da kam ihr der rettende Gedanke. Plötzlich erfaßte sie

energisch eine Flügelspitze und führte das sich sträubende Tier zu mir

heran, ein Verfahren, das sie übrigens schon öfter angewendet hatte,

und zwar bei angeschossenen wehrhaften Vögeln, z. B. großen Möwen. Auch

die Pfeifenten wurden noch herangeführt, aber die kleinen Krickentchen

ließen sich bequem im Maule herbeitragen. So hatte ich meine Entenschar

bald im Korbe versammelt.

Ein andermal wurden mir mehrere junge, lebende Tüpfelsumpfhühner

gebracht. Beim Einsetzen in das Vogelhäuschen huscht mir das eine über

den Kopf. Eben will ich anfangen mich zu ärgern und drehe mich um,

da kommt »Gretel«, die natürlich bei mir war, schon wieder mit dem

Ausreißer an, der nun seinen Genossen zugesellt werden konnte. Oder ich

bin mit meiner Frau auf dem Spaziergange. Wir haben uns etwas getrennt,

und meine Frau winkt oder ruft mir zu, daß sie von mir vielleicht das

Messer zum Blumenschneiden oder irgendeinen anderen Gegenstand haben

möchte. Sofort tritt »Gretel« ihre Botendienste mit größter Promptheit

an. Es ist selbstverständlich, daß sie dann jedesmal ein Blümchen oder

einen Zweig als Dank zu ihrer größten Freude zurückbringen darf. Solche

kleinen Liebesdienste verrichtete sie sehr gern, weil wir uns den Spaß

machen, sie dafür jedesmal maßlos zu loben und uns an dem drolligen

selbstgefälligen Wesen unseres Lieblings zu erfreuen. Wenn mir beim

Einwickeln von erlegten Vögeln der Sturm etwa das Papier fortweht

oder sonst den Hut vom Kopfe reißt, so brauche ich mich gar nicht zu

bemühen, brauche nicht einmal ein Wort zu sagen: das Entschwundene wird

mir von meiner Gretel prompt wieder zur Stelle gebracht. So könnte

ich noch manche Beispiele erzählen, und alles das haben wir unserem

Zögling nicht etwa mühsam beigebracht, sondern das hat er durch den

täglichen Umgang alles von selbst gelernt.

Als Hausgenossen könnte man sich keinen liebenswürdigeren,

freundlicheren und artigeren Hund wünschen wie unsere »Gretel«.

Ein Lästigwerden oder Aerger über Dummheiten, woran es bei einem

unerzogenen Hunde sonst nicht mangelt, gibt es nicht. Es mag das mit

darin seinen Grund haben, daß das »Paudelwesen« in der Erziehung der

»Gretel« eine große Rolle gespielt hat und noch spielt. Damit hat

es folgende Bewandtnis. Im Hausflur steht »Gretels« Hauptpaudel, d.

h. ein Korb mit Heu, in dem die Hündin während der Nacht schläft.

Ferner hat sie aber auch noch in jedem Zimmer eine sogenannte »Paudel«

angewiesen erhalten, das ist meist ein Fellteppich. So weiß sie stets

wo sie hingehört und braucht sich nicht planlos umherzutreiben, um

den Besuch etwa zu belästigen oder am Ofen, oder gar auf den Möbeln

herumzuliegen. Der Befehl »In die Paudel!« bedeutet für Gretel vom

Herrn weggehen, an den ihr angewiesenen Platz sich begeben und da sich

ruhig und artig verhalten, bis sie gewünscht wird. So habe ich's also

in der Hand, die Hündin nicht nur an mich heranzurufen, sondern stets

auch von mir wegzubringen, was mir schon oft zustatten gekommen ist.

Abgesehen davon, daß ich sie so von jedem Punkte des Dorfes nach Hause

schicken kann, habe ich auch im Reviere draußen manchen Vorteil davon.

Wenn ich dort aufs Gratewohl den Befehl »In die Paudel!« ergehen lasse,

dann läuft die Hündin mit eingeklemmter Rute ein Stück von mir fort,

macht dann auf Zuruf down (nieder) und verharrt daselbst, solange ich

es haben will. Liegt aber etwa mein Rucksack oder irgendein anderer

Gegenstand von mir in der Nähe, oder sind wir nicht weit von einem

Punkte, wo ich etwa öfter zu rasten pflege, so wird nach ergangenem

Befehle diese Stelle als willkommene »Paudel« aufgesucht. -- *Beim

Essen liegt »Gretel« ruhig an ihrem Platze, nie bekommt sie etwas

vom Tisch; ja, wenn nicht das Dienstmädchen trotz strengen Verbotes

ihr manchmal einen Bissen zusteckte, dann wüßte sie gar nicht, was

es zu bedeuten hat, wenn Menschen essen.* Ein zudringliches Betteln,

ja Herumhopsen um den Tisch, wie ich es von verwöhnten Stubenhunden

zu meinem Entsetzen schon gesehen habe, ist ganz ausgeschlossen. So

kann man auch draußen auf der Jagd beim Rasten in Ruhe sein Butterbrot

verzehren *und braucht nicht zu fürchten, daß einem die Hundenasen

daran herumschnüffeln, oder daß einem so ein sogenannter wohlerzogener

Jagdhund gegenübersitzt, einem die Bissen in den Mund zählt, während

die langen Geiferfäden aus den Mundwinkeln heraushängen, wie ich es

bei Hühnerjagden in den Frühstückspausen erlebt habe*. »Gretel« liegt

oder sitzt bei solcher Gelegenheit ruhig in ihrer »Paudel«, d. h.

ein Stück von dem Essenden entfernt, und erwartet gar nicht, daß sie

etwas bekommt. -- Es wäre sehr schön, wenn alle Menschen ihre Hunde

so erzögen, wie es hier geschildert worden ist. Dann würde es viel

weniger Hundefeinde geben. Aber um einen Hund zu erziehen, muß man

selbst erzogen sein. Und da hapert es eben. Nicht mit Unrecht gilt das

Sprichwort: Wie der Herr, so das Gescherr.

Ueber die Bestrafung des Hundes wäre folgendes zu sagen: Ein Hund darf,

wenn er wirklich Strafe verdient hat, nur auf frischer Tat und auf

eine solche Weise bestraft werden, daß er wirklich weiß, wofür er die

Strafe bekommt. Geschlagen darf er nur werden, wenn an eine Hilfe durch

andere Mittel nicht zu denken ist; die Hiebe muß er aufs Hinterteil

bekommen, während er im Genick, womöglich auf den Boden gedrückt,

festgehalten wird. Bei großen Hunden, die zum Beißen neigen, muß man

besondere Vorkehrungen treffen. Zausen oder treten darf man ihn nicht,

ebenso nicht mit der bloßen Hand schlagen, da er sonst handscheu wird.

Tückisch darf man nie zu Werke gehen. Um ihn zu gewöhnen, daß er auf

den Ruf jedesmal kommt, ist es ein gutes Mittel, daß man ihm recht

sowie er auf den Ruf kommt, einen Leckerbissen gibt. Auch kann man

ihn auf dem Rücken gegen den Strich der Haare mit den Fingern tüchtig

krabbeln, denn das liebt er sehr. Da Hunde beim Stehen leicht ermüden,

so ist es eine zweckmäßige Strafe, sie hoch anzubinden, so daß sie sich

nicht hinlegen können. Dagegen ist das Einsperren in eine dunkle Kammer

bei einem Nachttier wirkungslos.

Ueber Eingewöhnung fremder Hunde auf dem Lande werden folgende

Ratschläge erteilt:

Ist ein neugekaufter Hund angelangt, so vernichtet man ihm für zwei

bis drei Monate, jedenfalls bis er ganz eingewöhnt scheint, jede

Aussicht auf Entwischen, füttert und tränkt ihn wenig, damit er alles

Dargebotene dankbar annimmt, und läßt ihm durch alle Mitglieder der

Familie oftmals am Tage etwas darreichen; abends bekommt er womöglich

einige bei Nacht zum Zeitvertreib zu benagende Knochen. Hat er erst

in seiner neuen Behausung eine Knochensammlung, so gewinnt er die

Heimstätte lieb. Als Streu muß er tüchtige Bündel Stroh bekommen, das

aus den Betten der Hausbewohner entnommen ist. Auf diese Weise lernt er

den Hausgeruch kennen.

Kommen neue Dienstleute oder sonstige Leute für längere Zeit ins Haus,

wo sie bei Tag oder Nacht dem Haus- oder Hofhunde begegnen können, so

werden sie diesem erst vorgestellt, nachdem sie selber erst einige

Nächte in Betten geschlafen haben, die schon länger im Hause benutzt

sind.

Alle diese Vorsichtsmaßregeln, die schon über hundert Jahre alt sind,

werden nur begreiflich, wenn man weiß, daß der Hund ein Nasentier ist.

23. Sogenannte Unarten der Hunde und ihre Bekämpfung.

Wir Menschen reden von den Unarten der Haustiere als etwas ganz

Selbstverständlichem. Wir nennen eben einfach alles, was uns nicht

paßt oder Schaden zufügt, eine Unart oder Untugend, genau wie wir von

schädlichen oder nützlichen Tieren sprechen. Wenn der Hund verwestes

Fleisch frißt, so bezeichnen wir das als eine Unart, obwohl das

Tier nur seinem Triebe folgt und eine ihm vollständig zusagende und

bekömmliche Nahrung zu sich nimmt. Ob Tiere überhaupt Unarten an sich

haben, bedarf noch sehr der Aufklärung. Richtiger spricht man in

solchen Fällen von Unbequemlichkeiten. Diese müssen wir Menschen, die

wir von den Haustieren Nutzen ziehen, in den Kauf nehmen. Natürlich

werden wir sie nach Möglichkeit zu verringern suchen.

Selbst auf dem Lande hat man mit Hunden manchmal große

Unannehmlichkeiten. Der vorhin erwähnte Naturforscher, der so schön

über die richtige Bestrafung der Hunde zu reden weiß, erzählt von

seinen Hunden folgendes:

Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten · 第 5 / 30 段