war, als er eines Tages mit großer Wucht gegen ein Spind, das von
seiner Stelle gerückt war, rannte. Da wir uns von dem Hunde nicht
trennen wollten, zumal er noch nicht sehr alt war, so haben wir ihn
noch etwa zwei Jahre in diesem Zustande behalten. Allerdings haben wir
während dieser Zeit die Möbel an ihrer Stelle stehen lassen müssen,
denn bei jeder Ortsveränderung rannte das Tier dagegen. Er wußte
es ganz genau, daß die Treppe acht Stufen hatte, denn er lief sie
fabelhaft rasch hinauf. Nur in der letzten Zeit seines Lebens hat er
sich geirrt und sprang häufig, wenn er bereits oben war, nochmals in
die Luft. Er glaubte also, es käme noch eine Stufe.
Es ist unzählige Male vorgekommen, daß neu gekaufte Hunde ausrücken und
zu ihrem alten Herrn laufen. So kaufte ein Bekannter von mir, der am
Melchiorplatz wohnte, von einem Freunde in Pankow einen jungen Dackel
und fuhr mit dem Tiere in einem Stadtbahnzuge nach Hause. Ich habe
den kleinen Burschen, der sehr ängstlich zu sein schien, mehrere Male
gesehen. Nach einiger Zeit schien sich der Dachshund mit seiner neuen
Herrschaft, sehr tierfreundlichen Personen, ausgesöhnt zu haben. Eines
Tages war er dem Mädchen, das ihn auf dem Platze an der Leine führte,
entwischt und konnte trotz allen Suchens nicht gefunden werden. Nach
stundenlangen ergebnislosen Nachforschungen kam mein Bekannter auf
den Gedanken, seinen Freund in Pankow von dem Verlust telephonisch
in Kenntnis zu setzen. Wie erstaunte er aber, als er hörte, sein
Freund wollte ihn soeben telephonisch benachrichtigen, daß der an ihn
verkaufte Hund soeben in Pankow eingetroffen sei.
Der Hund war in Pankow geboren und niemals von der Besitzung
fortgekommen. In Berlin war er nur an der Leine auf dem Platze
spazieren geführt worden. Der Weg von Pankow nach Berlin war im
Stadtbahnzuge zurückgelegt worden. Dieses junge, ängstliche Tier hatte
also den Mut gehabt, durch das Straßengewirr der Großstadt den Weg
nach der Heimat zu suchen. Was uns in Staunen versetzt, ist eben die
Fähigkeit, ohne Kompaß und ohne Karte den richtigen Weg zu finden.
Auf den Ortssinn der Tiere kommen wir noch an anderen Stellen zu
sprechen. Der Haß des Hundes gegen die Katze wird besser da erörtert
werden, wenn wir uns mit unserer Mieze beschäftigen.
10. Das Apportieren (Herbringen von Gegenständen) des Hundes.
Peter ist, wie wir sahen, ein Freund vom Apportieren. Es ist allgemein
bekannt, daß die meisten Hunde gern apportieren. Für den Jäger ist
diese Eigenschaft von der größten Wichtigkeit. Was nützte es ihm, daß
er eine Ente geschossen hat, die im Wasser umhertreibt, wenn sich nicht
sein Hektor freudig in die Fluten stürzte und sie herbeibrächte?
Auf das willige Apportieren des Hundes wird demnach von vielen
Hundebesitzern mit Recht ein bedeutender Wert gelegt. Häufig kann man
sie mit großem Selbstbewußtsein äußern hören: Meinem Hunde habe ich das
Apportieren gründlich beigebracht.
Diese Ansicht ist nicht ganz richtig. Der Mensch liebt es, seine
Leistungen zu überschätzen.
Hinge es ganz allein von uns ab, den Tieren das Apportieren
beizubringen, so müßte es uns auch bei den anderen Haustieren glücken.
In Wahrheit ist es schon sehr schwer, einer Katze das Apportieren
zu lehren, und apportierende Kühe und Ziegen hat wohl noch niemand
gesehen, obwohl Ziegen recht kluge Tiere sind.
Die Behauptung, die man allgemein hört, daß das Apportieren des Hundes
ein Werk des Menschen sei, dürfte also nicht zutreffend sein.
Ein scheinbarer Grund spricht für diese Ansicht, indem man darauf
hinweist, daß es widersinnig sei, wenn ein freilebendes Tier etwas
schleppe, was zum Genusse eines anderen Geschöpfes bestimmt sei.
In Wirklichkeit kommt dergleichen sehr oft vor, denn auch im Tierreiche
ist die Mutterliebe unendlich opferwillig. Alle Tiermütter und viele
Tierväter schleppen ihren Jungen, die ihnen zu folgen nicht imstande
sind, die Nahrung nach dem Lager oder Neste. Bei den Vögeln werden die
im Neste hockenden Jungen von früh bis spät von den Eltern gefüttert,
die den Kleinen unermüdlich passende Nahrung zutragen. Das hat gewiß
schon jeder einmal beobachten können. Im Gegensatz zu den Vögeln
sind es bei den Raubtieren gewöhnlich die Mütter allein, die das
Heranschleppen der Beute besorgen. Alle diese Tiere apportieren also
bereits in der Freiheit, da sie verzehrbare Gegenstände, die ihnen
selbst gut schmecken würden, für andere tragen.
Hunden und Katzen als früheren Raubtieren liegt das Apportieren schon
im Blute. Mancher junge Hund von drei Monaten nimmt bereits ein Stück
Holz ins Maul und rennt damit herum. Das täte eine Katze niemals. Gewiß
kann man unsere Mieze, wenn man sie sehr lobt, falls sie eine gefangene
Maus bringt, dazu veranlassen, daß sie von jetzt an jede Maus, die sie
erbeutet hat, ihrer Herrschaft erst zeigt, bevor sie diese verzehrt.
Aber das Apportieren ist bei den Katzen immer eine Ausnahme, während es
bei den Hunden die Regel ist.
Warum besteht eine solche Verschiedenheit? Um das zu verstehen, müssen
wir uns an das erinnern, was vorhin über die Beine von Hunden und
Katzen gesagt wurde. Der Hund hat Renn- und Grabpfoten, aber keine
Pranken, wie die Katze.
Der Hund ist also in bezug auf Waffen schlechter gestellt als die
Katze. Dafür hat er als Ausgleich ein mächtiges Gebiß, das viel größer
ist als das der Katze. Mit seinem großen Rachen kann er natürlich viel
leichter apportieren als die Katze.
Hierzu kommt noch die Verschiedenheit der Lebensweise zwischen
Wildhunden und Wildkatzen. Wenn der Wolf ein Schaf abgewürgt hat oder
der Fuchs eine Gans oder ein Huhn gestohlen hat, so dürfen sie es nicht
an Ort und Stelle verzehren, sondern müssen es fortschleppen. Sonst
würde ihnen der Hirte mit seinen Hunden, der Jäger mit seinem Gewehr
oder der Landmann mit seinem Knüttel auf den Pelz rücken.
Das Tragen im Maule, das doch ohne Frage die Grundlage des Apportierens
ist, kommt also bei den hundeartigen Geschöpfen, also Wölfen, Füchsen,
Wildhunden alltäglich vor.
Um so seltener ereignet es sich bei der Wildkatze, da sie ihr Opfer
unvermutet zu überfallen pflegt. Nur ausnahmsweise braucht sie es
fortzuschleppen. Gewöhnlich kann sie ihre Beute an der verborgenen
Stelle des Ueberfalls auch verzehren.
Weil den Hunden das Apportieren infolge ihres großen Rachens sehr
leicht fällt, so haben bereits manche Wildhunde eine Leidenschaft
dafür. In Nordamerika leben zwei Wolfsarten, nämlich der große Waldwolf
und der nur fuchsgroße Coyote. Von dem letztgenannten ist es allgemein
bekannt, daß er mit Vorliebe leblose Gegenstände im Maule trägt. Den
Rinderhirten in diesem Lande, den sogenannten Cowboys, ist diese
Erscheinung so bekannt, daß sie sich hierfür eine Erklärung nach ihrem
Geschmack zurechtgemacht haben. Sie behaupten, der Coyote trage deshalb
gern Sachen im Maule, weil er seine Kiefer stärken wolle.
Ja, die Apportierlust so mancher Wildhundarten kann den Reisenden
höchst lästig fallen. In Südamerika lebt eine Fuchsart, der Aguarachay.
Die Reisenden, die im Freien übernachten, verwünschen ihn in allen
Tonarten. Wenn sie am andern Morgen aufwachen, dann fehlt ihnen ein
Schnupftuch, oder ein Zaum, oder ein Steigbügel, oder ähnliche Dinge.
Von den Eingeborenen hören sie, daß der Dieb der genannte Fuchs sei.
Jeder Zweifel ist deswegen ausgeschlossen, weil zahlreiche bekannte
Forscher übereinstimmend das gleiche berichten. Auch ein guter
Bekannter von mir, der zehn Jahre in Südamerika gelebt hat, wurde oft
von diesem Fuchs bestohlen.
Um ein Haar wurde der berühmte Polarforscher Nansen durch die
Apportierlust der Eisfüchse in die größte Verlegenheit gebracht. Wie
er in seinem bekannten Werke: »In Nacht und Eis« schildert, wurde ihm
zur Nachtzeit von den Eisfüchsen ein Thermometer fortgetragen. Zum
Glück besaß er noch ein anderes, sonst hätte die Aufzeichnung der
Temperaturmessungen, die für den Polarforscher zu den wichtigsten
Dingen gehört, unterbleiben müssen.
Das Tragen von Gegenständen im Maule ist also für alle Hundearten etwas
seit Urzeiten Uebliches. Bei den Wildkatzenarten können wir dagegen
ähnliches nicht beobachten. Deshalb lernt der Hund das Apportieren
spielend leicht, die Katze dagegen schwer. Genau genommen lehrt der
Mensch den Hund nicht das Apportieren, sondern der Hund besitzt diesen
Trieb, und der Mensch nützt ihn für sich aus.
Damit der Jagdhund seinem Herrn eine Beute, die der Hund selbst gern
frißt, also einen Hasen oder ein Kaninchen, willig apportiert, muß er
natürlich gut gefüttert werden. Läßt man ihn hungern, so frißt er von
dem Nager oder er verscharrt ihn heimlich, um später davon fressen zu
können.
Peters Apportierlust ist also, wie wir aus der Lebensweise seiner
wilden Verwandten erkennen, nichts Ungewöhnliches. Bei dieser
Gelegenheit sei bemerkt, daß man es vermeiden soll, einen Hund Steine
apportieren zu lassen, wie es Kinder so gern tun. Zwar hat der Hund,
wie wir wissen, ein kräftiges Gebiß, um Knochen zu zermalmen, aber es
soll nicht dazu dienen, Steine zu packen. Auch können Steine leicht
verschluckt und dadurch das Leben des Tieres schwer gefährdet werden.
Wer also seinen Hund lieb hat, läßt ihn keine Steine apportieren.
Aus meiner Kinderzeit ist mir noch ein Bilderbogen in Erinnerung,
auf dem geschildert wurde, wie ein Mann sich vor einer schweren
Erkältung durch die Apportierlust seines Hundes rettet. Er hat ein
erfrischendes Bad genommen und seinen Hund zur Bewachung seiner Kleider
zurückgelassen. Als er fröstelnd aus dem Wasser steigt, will ihn
sein Hund nicht zu seinen Kleidern lassen, da er seinen Herrn nicht
erkennt. Alle Versuche, zu seinen Kleidern zu gelangen, scheitern, bis
schließlich dem frierenden Herrn der rettende Gedanke kommt, seinen
Hund apportieren zu lassen, was er, wie er weiß, leidenschaftlich gern
tut. Während der Hund im Wasser das Stück Holz sucht, kann sich sein
Herr anziehen. Kaum steckt er in seinen Kleidern, so erkennt auch der
Hund seinen Herrn wieder.
Dieser Fall scheint durchaus glaubhaft zu sein. Das Hundeauge war nicht
imstande, seinen Herrn am Gesicht zu erkennen. Aber auch die Nase
versagte, da der eigentümliche Geruch durch das Bad verflogen war. Erst
als der Herr durch das Anziehen der Kleider wieder seinen dem Hunde
bekannten Geruch hat, ist alles in schönster Ordnung.
11. Die Bedeutung des Geruchssinnes. Der Eigentumssinn der Hunde.
Die Behauptung, daß ein Hund seiner Nase mehr traut als seinen Augen,
wird am überzeugendsten dadurch bewiesen, daß sich zwei Hunde, die
sich begegnen, gegenseitig beriechen. So hat es auch Peter mit seinem
Artgenossen getan. Würde der Hund ein scharfes Auge besitzen, so wäre
dieses Beriechen ganz zwecklos. Der Mensch, der sich in erster Linie
nach den Augen richtet, also ein Augentier wie die Affen und die Vögel
ist, richtet sich erst dann nach dem Geruch, wenn seine Augen ihn im
Stich lassen. Weiß ich beispielsweise nicht, ob eine Flasche, die
mit einer hellen Flüssigkeit gefüllt ist, Essig oder Petroleum oder
Spiritus enthält, so rieche ich daran. Mit den Augen allein kann ich
das nicht entscheiden. So sehen wir, daß in der Apotheke der Provisor
alle Augenblicke an den Flaschen riecht, weil hier nur die Nase
Bescheid geben kann, woraus der Inhalt besteht. Auch für den Koch und
den Parfümhändler ist es sehr wichtig, eine gute Nase zu haben.
Wir sagen gewöhnlich, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre.
Ganz richtig dürfte das nicht sein. Wer seine Wohnung betritt, ohne
zu riechen, daß der Gashahn aus Versehen geöffnet geblieben ist, kann
leicht ums Leben kommen. Ebenso sitzt unsere Nase deshalb oberhalb des
Mundes, damit wir die Speisen, die wir zu uns nehmen, vorher durch
den Geruch prüfen. Viele Menschen sind schon deshalb erkrankt, weil
sie verdorbene Speisen genossen haben. Hätten sie vorher ihre Nase
gebraucht, so wären sie vor diesem Schaden bewahrt geblieben.
Naturvölker und Jäger werden ganz entschieden bestreiten, daß der
Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Sie erleben jeden Tag, welche
Bedeutung der Geruchsinn ihres Hundes für sie hat. Der Jäger will Enten
schießen. Ob welche im Schilfe des Sees stecken, können wir mit unsern
Augen nicht feststellen. Aber der Hund mit seiner Nase kann es sofort.
Ebenso zeigt er uns, ob ein Fuchs- oder Dachsbau bewohnt ist oder
nicht, wo die Hühner im Kartoffelkraut stecken, wohin der Hase, der
Hirsch, das Reh geflüchtet ist.
Hat sich der Hase mit seinem braunen Fell auf dem Acker in einer
Sasse, d. h. ausgehöhlten Stelle geduckt, was er mit Vorliebe tut,
so ist er für unsere Augen unsichtbar. Wir sagen dann, er sei durch
seine »Schutzfarbe« gerettet. Denn da die Färbung seines Leibes mit
seiner Umgebung verschwimmt, so ist er durch die Farbe geschützt. Für
den Hund gibt es keine Schutzfarbe. Mag der Hase noch so ähnlich wie
seine Umgebung aussehen, so hat er doch eine andere Ausdünstung. Und
diese Ausdünstung wird von der feinen Nase des Hundes wahrgenommen, und
Freund Hase ist entdeckt.
So würde ein Hund nie unsere Märchen verstehen, wonach Kinder im Walde
ausgesetzt werden und nicht wieder nach Hause finden. Wollte ihn
jemand aussetzen, so würde er einfach die Nase auf die Erde setzen und
denselben Weg zurücklaufen.
So ließe sich noch vieles anführen, woraus hervorgeht, daß der Geruch
ein ungeheuer wichtiger Sinn ist. Vorläufig wollen wir es genug sein
lassen. Wir werden nochmals darauf zurückkommen, wenn wir von den
Polizeihunden und ihren Leistungen sprechen.
Peter hat, wie wir sahen, bei dem Terrier, mit dem er sich beroch,
geknurrt und die Zähne gezeigt. Vor der großen Dogge dagegen ist er mit
eingeklemmtem Schwanz geflüchtet.
Es würden sich noch vielmehr Menschen Hunde halten, wenn nicht die
gegenseitige Beißerei üblich wäre. Und zwar kann man beobachten,
daß die gleichen Geschlechter am meisten zum Beißen geneigt sind.
Ein männlicher Hund oder Rüde wird gern mit einem andern Rüden
kämpfen, aber einer Hündin wird er nichts tun, vielmehr sich bei ihr
einzuschmeicheln suchen.
Wie bei den Menschen, so haben auch die Säugetiere verschiedene
Geschlechter. Peter ist ein Männchen, also ein Rüde. Der Terrier, den
er traf, war ebenfalls ein Rüde. Beide waren nicht abgeneigt, sich das
Fell gegenseitig zu zerzausen.
Der Grund der Kampflust liegt darin, daß bei den Wildhundarten der
stärkste Hund das Rudel als unbedingter Selbstherrscher leitet. Ein
Auflehnen gegen seine Herrschaft gibt es nicht.
Wer der stärkste im Rudel ist, kann sich immer erst durch eine Beißerei
feststellen lassen. Jeder Hund ist also bereit, dem andern zu zeigen,
daß er zum Herrn, sein Gegner zum Diener berufen ist.
Bei den halbwilden Eskimohunden ist noch heute die Alleinherrschaft
des stärksten Hundes im Rudel, der Baas genannt wird, üblich. Altert
der Baas, so verliert er die Leitung und ein jüngerer Hund, der der
kräftigste des Rudels ist, tritt an seine Stelle.
Da sich gewöhnlich nur Hunde von gleichem Geschlecht beißen, so haben
Gastwirte gewöhnlich Hündinnen. Denn die Gäste halten sich regelmäßig
Rüden, weil die Hündin viel Umstände verursacht, namentlich dann, wenn
sie Junge hat.
Ein Glück ist es, daß große Hunde gewöhnlich das Gekläff kleiner Köter
unbeachtet lassen. Aber es kommen auch Ausnahmen vor. So hat Peter
schon seit Wochen durch sein andauerndes Anbellen und Herausfordern den
Zorn der großen Dogge erregt. Vor ihr flüchtet er mit eingeklemmtem
Schwanze.
Dieses Sinkenlassen des Schwanzes dürfte eine Eigentümlichkeit aller
Hundearten sein. Von den Eskimohunden her wissen wir auch den Grund
dafür. Kein Hund des Rudels darf an dem Baas, dem Leiter, vorübergehen,
ohne den Schwanz sinken zu lassen. Tut er es nicht, so wird er durch
Bisse gestraft.
Das Sinken des Schwanzes bei Peter ist also ein deutliches Zeichen
seiner Furcht.
Trotzdem dreht er sich herum gegen seinen Feind, sobald er in dem
Bereiche des Kellers ist. Denn hier macht sich sein Eigentumssinn
geltend.
Von allen unseren Haustieren hat eigentlich nur der Hund wirklichen
Eigentumssinn. Ein Pferd läßt sich von einem fremden Menschen stehlen,
ohne sich im geringsten dagegen zu wehren.
Warum besitzt der Hund Eigentumssinn?
Wir müssen wieder bei den wilden Verwandten fragen.
Es ist klar, daß sich ein solcher Sinn bei Pflanzenfressern schwerlich
entwickeln wird. Denn ein Streiten um den einzelnen Bissen findet bei
ihnen nicht statt, weshalb manchmal verschiedene Tierarten friedlich
nebeneinander weiden. Am bekanntesten ist das Zusammenweiden von
Zebras, Gnus und Straußen in Afrika.
Wildhunde dagegen, die ein größeres Tier, einen Hirsch oder eine
Antilope, erbeutet haben, kämpfen um jeden Bissen. Hieraus erklärt sich
auch das für uns widerwärtige Fressen des Hundes von Erbrochenem.
Würde bei der gemeinsamen Mahlzeit ein Hund nicht schlingen, so bekäme
er so gut wie gar nichts. Um recht viel zu erhalten, preßt er so viel
in den Magen hinein, wie nur möglich ist. Nachher geht er abseits und
gibt das Gefressene von sich. Denn alle Hundeartigen haben ihren Magen
sehr in der Gewalt, weshalb es so schwer ist, Wölfe oder Füchse zu
vergiften.
Weil also Wildhunde gewöhnlich jeden erhaschten Bissen verteidigen
müssen, deshalb haben Hunde einen sehr ausgeprägten Eigentumssinn.
Hierzu kommt noch folgendes. Jedes Rudel bewohnt einen bestimmten
Bezirk und behandelt jeden Fremden, der ihn betritt, als Feind. Auch
heute noch halten die verwilderten Hunde in den türkischen Städten an
bestimmten Straßen und Gassen fest. Jedes Rudel überfällt einen nicht
zu ihnen gehörigen Hund und zerreißt ihn, wenn er nicht rechtzeitig
flüchtet.
Jagdhunde sind gewöhnlich wenig bissig. Wenn aber ein Fremder einen von
einem Jagdhunde erbeuteten Rehbock oder Hasen berühren will, dann kann
er etwas erleben. Denn selbst der gutmütigste Hund wird dann gefährlich.
Es entspricht also ganz dem ausgesprochenen Eigentumssinn des Hundes,
daß Peter kehrt macht gegen seinen Verfolger. Auch der Verfolger
achtet das fremde Eigentum in gewissem Sinne. In Dörfern kann man das
alltäglich erleben. Ein Bauer hat einen Hund, der auf der Straße jeden
andern Hund anrempelt; dasselbe Tier ist sehr gesittet, wenn es der
Bauer auf ein fremdes Gehöft mitnimmt. Es läßt sich auch dort von einem
kleinen Köter anblaffen, der solches niemals auf der Straße wagen würde.
Kommt es zu einer wirklichen Beißerei zwischen zwei großen Hunden,
so ist jedes Prügeln gewöhnlich aussichtslos und obendrein sehr
gefährlich. Die Hunde sind in ihrer Wut fast gefühllos und beißen
selbst ihren eigenen Herrn, wodurch schon mancher um einen Finger
gekommen ist.
Nur die Nase, das empfindlichste Organ des Nasentieres, bietet auch
hier Angriffspunkte. Alle Nasentiere, also Füchse, Dachse und andere,
können durch einen starken Hieb über die Nase getötet werden. Handelt
es sich nicht um einen Hund, dessen Nase sehr wertvoll ist, also einen
Jagdhund, so kann man die Empfindlichkeit der Hundenase als Mittel zum
Auseinanderbringen verbissener Hunde benutzen. In Fachzeitschriften ist
wiederholentlich davon berichtet worden, daß bei Hunden, die durchaus
unempfindlich schienen, das Bestreuen der Nase mit Schnupftabak oder
das Vorhalten einer brennenden Zigarre die sofortige Lösung der Tiere
zur Folge gehabt hat.
12. Soll man sich in der Großstadt einen Hund halten? Die
Stubenreinheit des Hundes.
Wir haben unsern Peter nur kurze Zeit beobachtet und dabei gesehen, daß
er in den wenigen Stunden empfindlichen Menschen recht lästig fallen
konnte. Nervösen Personen ist bereits das Hundegebell etwas, was ihnen
auf die Nerven fällt. Aber selbst gesunden Personen ist es durchaus
nicht angenehm, wenn sie beim Radfahren ein Hund verfolgt. Manche
steigen sogar ab, weil sie bei den unberechenbaren Bewegungen des
Tieres einen Sturz befürchten.
Das Gebissenwerden durch Hunde kommt wohl im großen ganzen nicht so
häufig vor, wie man annehmen sollte. In den Großstädten pflegt der
Maulkorbzwang diese Gefahr sehr herabzumindern. Uebrigens ist der
Maulkorb nur ein unvollkommenes Abwehrmittel. Man ersieht es daran, daß
er beißlustige Hunde nicht hindert, anderen Hunden Wunden beizubringen.
Andere, verhältnismäßig selten auftretende Gefahren, beispielsweise
durch Tollwut, sollen später noch besprochen werden.
Bisher ist noch unerwähnt geblieben, daß ein Tier, das Speise und
Trank zu sich nimmt, natürlich auch Ausscheidungen von sich geben muß.
Bei dem Hunde treten diese Entleerungen in besonders unangenehmer
Form auf. Er beschmutzt die Ecken von Häusern und überhaupt alle
Vorsprünge beim Nässen, während er seine festen Ausscheidungen, die
sogen. »Losung«, mit Vorliebe auf dem Bürgersteig absetzt. Es scheint
ihm keinen Augenblick Sorge zu machen, daß dabei die Stiefelsohlen der
Vorübergehenden mit seiner Losung Bekanntschaft machen können.
Ein Lichtblick hierbei ist es, daß der Hund wenigstens in der Wohnung
stubenrein ist oder, wie es allgemein heißt, stubenrein gemacht wird.
Darauf werden wir noch näher zu sprechen kommen.
Was veranlaßt nun den Hund zu dieser Handlungsweise, die anscheinend
jeder Sitte und Scham Hohn spricht?
Auch hier müssen wir wieder die Lebensweise der wilden Verwandten um
Rat fragen. Von den Wölfen und Füchsen wissen wir es mit Bestimmtheit,
daß sie wie unsere Hunde an den Ecken und an vorspringenden Punkten
nässen.
Versetzen wir uns in die Lage eines Nasentieres, so erkennen wir, daß
hierdurch die Natur in höchst einfacher Form einen Nachrichtendienst in
der Tierwelt, eine sogenannte »Post«, eingerichtet hat. Kommt ein Wolf
in ein fremdes Gebiet, so braucht er nur die vorspringenden Punkte und
Ecken zu beriechen und weiß dann sofort, ob hier Artgenossen hausen
oder nicht. Am bequemsten kann er das riechen, wenn in der Höhe seiner
Nase genäßt ist.
Damit sie stets die erforderliche Flüssigkeit haben, besitzen
die Hundeartigen nur sehr wenig Schweißdrüsen. Jeder hat wohl
schon beobachtet, daß die Hunde, wie der Volksmund sagt, an der
heraushängenden Zunge schwitzen, aber nicht am Körper. Der von der
Zunge herabfließende Speichel soll ohne Frage die lange Zunge und damit
mittelbar den ganzen Körper abkühlen.
Seine Losung verscharrt der Wolf regelmäßig. Denn bei den Raubtieren
hat sie einen so starken Geruch, daß alle Pflanzenfresser, Hirsche,
Rehe, Hasen usw. das Gebiet verlassen würden, wo sie die Anwesenheit
ihres Feindes durch diesen Umstand wahrgenommen hätten.
Auch unser Hund pflegt sich an dieses frühere Verscharren häufig zu
erinnern. Denn man sieht nicht selten, daß er nach der Beendigung
des Vorgangs mit den Hinterbeinen scharrt, obwohl das bei dem festen
Steinpflaster vollkommen wirkungslos ist. Manche Leute behaupten,
daß der Hund sich dadurch die Beine reinigen wolle. Das ist ganz
ausgeschlossen, denn im Sande vergräbt er seine Losung auch heute noch,
wie es ja auch die Katze tut.
Zu der Zeit, wo der Hund die Aufmerksamkeit einer Hündin erregen will,
liegen ihm Räubergedanken fern. Dann vergräbt er die Losung nicht,
sondern setzt sie ausgerechnet auf einen Stein oder sonst in einer
solchen Höhe, daß sie mit der Nase der Hündin in gleicher Linie ist.
Zum Glück können die Ausscheidungen der Hunde nicht Träger von
Krankheiten sein. Niemals hat man etwas davon gehört, daß dadurch
Seuchen entstanden sind. Vielmehr behandelte man die Losung im Altertum
als Arzneimittel. Auch heute spielt sie bei der Handschuhfabrikation
eine große Rolle.
Zuungunsten des Hundes spricht also sehr viel. Man kann es den
Hundefeinden nicht verargen, wenn sie darauf dringen, daß Hunde in der
Stadt überhaupt nicht gehalten werden dürfen.
Was läßt sich dagegen zugunsten des Hundes geltend machen?
Da gerade bei uns der Stimme des Auslandes eine übermäßige Bedeutung
beigemessen wird, so sollte es doch den Hundefeinden zu denken geben,
daß man in anderen Kulturstaaten von solcher übertriebenen Gegnerschaft
kaum etwas weiß.
Hiervon abgesehen sprechen für den Hund folgende Umstände:
1. Die Verhinderung von Einbrüchen, ja von schweren Verbrechen dürfte
alljährlich einen ziemlich hohen Geldbetrag ausmachen und manchem
Menschen die Gesundheit, ja das Leben bewahrt haben.