Wasser gefallen waren, dürfte erheblich die Zahl der Menschenleben
übersteigen, die durch Hunde verloren gegangen sind.
3. Die Leistungen als Blindenführer -- von den Polizeihunden sei ganz
abgesehen -- zwingt uns zu einer solchen Hochachtung, daß man darüber
viele Unbequemlichkeiten, die ihre Haltung mit sich bringt, übersehen
muß.
4. Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot allein. Die Kinder in der
Großstadt wachsen in einem steinernen Meer auf, ohne von den
Schönheiten der Natur, die das Landleben in sich birgt, etwas zu
erfahren. Sie kennen die Freude nicht, wenn die Störche zurückkehren,
die Schwalben eintreffen, der erste Kuckucksruf erschallt und tausend
andere Dinge, deren Aufzählung zu weit führen dürfte. Und gerade das
kindliche Herz hat an den Tieren die größte Freude, weil die Kinder
sich unbewußt mit ihnen nahestehend fühlen. Wie oft habe ich es
erlebt, daß Großstadtkinder, die sich sonst schrecklich langweilten,
stundenlang mit einem Hunde, den ein Verwandter mitgebracht hatte,
spielten, ja schließlich nicht in das Bett gehen wollten, weil sie sich
nicht von ihm trennen konnten. Nein, diese Freude den Großstadtkindern
zu rauben, brächte ich nicht übers Herz, selbst wenn der Hund noch
einige Fehler mehr besäße.
5. Selbst im Interesse der Wissenschaft müßte man die Verbannung der
Hunde aus der Stadt beklagen. Wer würde es von den Städtern noch
zugeben, daß der Hund ein Nasentier und nicht, wie der Mensch, ein
Augentier sei, wenn er nicht täglich sähe, wie der Hund sich mit andern
Hunden beröche und überall an der Erde und an den Ecken seine Nase
tätig sein ließe?
Trotzdem sich also mancherlei zugunsten der Haltung eines Hundes in der
Stadt sagen läßt, so wird doch jeder wirkliche Tierfreund nur unter
besonderen Umständen einen Hund in der Großstadt halten. Es sind nicht
bloß die Belästigungen der Mitmenschen, die er vermeiden will, sondern
er verzichtet darauf, einen Hund zu halten, weil er ihm nicht die
Behandlung bieten kann, die das Tier braucht.
Als Hetzraubtier ist der Hund an Bewegung gewöhnt, weshalb er vor
Freude hochspringt, wenn sein Herr mit ihm ausgehen will. In der
Großstadt soll man nur Hunde halten, die wenig Auslauf brauchen
wie unsern krummbeinigen Dachshund. Einen Windhund an der Leine
herumzuführen, wie man nicht selten sehen muß, kann fast als
Tierquälerei bezeichnet werden. Denn ein Geschöpf, das zu den
schnellsten Säugetieren gerechnet werden kann und das in der Freiheit
gewiß täglich ein paar deutsche Meilen zurücklegen würde, soll man
nicht auf ein paar Schritte beschränken.
Ueber die vorhin erwähnte Stubenreinheit der Hunde wäre noch folgendes
zu bemerken.
Ich entsinne mich noch aus meiner Kindheit, wie mein Vater uns zeigte,
auf welche Weise ein junger Hund stubenrein gemacht wird. Er wurde mit
der Nase in den von ihm gemachten Pfuhl ordentlich gestukt, bekam dann
auf die Rückseite ein paar Klapse und wurde mit einem »Schämst du dich
denn gar nicht« zur Türe hinausbefördert. Da ein solches Verfahren fast
immer den gewünschten Erfolg hatte, so zweifelte ich keinen Augenblick
daran, daß der Hund durch die Ermahnung und die Schläge ein gewisses
Verständnis für das Verwerfliche seines Treibens bekam und sich
besserte.
Später, als ich Affen genau studierte, sah ich zu meinem Erstaunen, daß
der Affe, trotz seiner Klugheit, für Stubenreinheit nicht das mindeste
Entgegenkommen zeigte. Ich habe unzählige zahme Affen kennengelernt,
aber keinen einzigen, der stubenrein ist. Weder Prügel noch Scheltworte
richten bei ihnen das geringste aus.
Hieraus geht klar hervor, daß der Mensch nicht den Hund stubenrein
macht, sondern, wie beim Apportieren, einen im Hunde liegenden Urtrieb
zur Entwicklung bringt.
So ist es auch in der Tat. Der Hund ist, wie seine Verwandten Wolf und
Fuchs, früher ein Höhlenbewohner gewesen. Die Hundehütte ist ja weiter
nichts als ein Ersatz für die frühere Höhle. Wir wissen nun vom Dachs,
Hamster und andern Höhlenbewohnern, daß sie für ihre Entleerungen ein
besonderes Abteil, eine Art Klosett, besitzen. Sie wissen aus Instinkt
-- was das ist, soll später erörtert werden --, daß sie ihre Höhle mit
ihrem Unrat verpesten würden, wenn sie diese Vorsicht nicht beachteten.
Der Hund hat also von Hause aus den Trieb, seine Höhle nicht zu
verunreinigen. Das sieht man am besten daraus, daß er sein Lager nicht
verunreinigt, wenn man ihn daran festbindet.
Der Affe, der auf Bäumen lebt, kann kein Lager verpesten, und deshalb
hat er für Stubenreinheit kein Verständnis.
13. Das Grasfressen der Hunde. Schämen sich manche Hunde?
Da sich die Lebensweise des Hundes besser auf dem Lande als in der
Großstadt beobachten läßt, so nehmen wir die Einladung eines Bekannten
an, der ein großer Tierfreund ist und mehrere Hunde auf seinem
Grundstück hält. Unterwegs fällt uns ein Hund auf, der mit Grasfressen
beschäftigt ist.
Dieses Grasfressen eines Fleischfressers hat seit alter Zeit die
Aufmerksamkeit der Menschen erregt und die verschiedenartigste Deutung
gefunden.
Wir beobachten jetzt an dem Hunde, daß er sich übergeben muß, wobei
etwas Schleim zu Tage tritt.
Da für den Landbewohner dieser Vorgang eine alltägliche Erscheinung
ist, so erklärt sich hieraus die Redensart: Es bekommt einem, wie dem
Hunde das Gras, nämlich übel.
Man glaubte also, daß der Hund als unvernünftiges Tier so wenig wisse,
was ihm eigentlich gut tue, daß er aus reiner Dummheit das Gras fresse.
Weil er vom Grase keine Speise oder Stärke erhält, da es wider seine
Natur ist, so ist die Folge eben die Uebelkeit.
Nur ein oberflächlicher Tierbeobachter kann diesen Standpunkt
einnehmen. Denn in Wirklichkeit ist es doch höchst wunderbar, daß die
Tiere ohne Belehrung wissen, was ihnen gut tut, und schädliche Dinge
meiden.
Das Grasfressen soll ferner folgende Gründe haben. Der Hund merkt, daß
er Würmer hat. Um diese zu töten, frißt er scharfkantige Gräser, damit
sie in seinem Leibe die Bösewichter zerschneiden.
Da viele Würmer durch Zerschneiden gar nicht getötet werden, so ist
diese Annahme grundfalsch, wobei noch davon abgesehen werden soll, daß
das verschlungene Gras gewiß zu dem erwähnten Zwecke ganz untauglich
wäre.
Manche halten das Grasfressen für eine bloße Spielerei. Dem kann ich
mich nicht anschließen, nachdem ich folgendes beobachtet habe.
Ein Hund hatte beim Apportieren von Korken ein kleines Bröckchen
verschluckt. So sehr er bei größeren Stücken seinen Magen in der
Gewalt hat, so suchte er vergeblich durch Erbrechen das Korkstückchen
wieder von sich zu geben. Da der Hund hinaus in den Garten wollte, so
kamen wir seinem Wunsche nach. Er fing sofort an Gras zu kauen und
nach kurzer Zeit trat die erwünschte Wirkung ein. Hiernach muß ich das
Grasfressen -- wenigstens in manchen Fällen -- für ein Brechmittel bei
Magenverstimmungen halten.
Daß die Hunde sich auf dem Lande so viel wohler befinden als in der
Stadt, führe ich zum Teil auf diesen Umstand zurück, daß der Hund in
ländlichen Verhältnissen bessere Gelegenheit hat, seine natürlichen
Heilmittel zu benutzen.
Wir begrüßen unseren Bekannten, Herrn Böhm, der mit seinem Pudel
bereits am Eingange steht, und werden natürlich von dem Hunde, dem wir
nicht bekannt sind, angeblafft.
Als Wachhunde sind Pudel gewöhnlich ebensowenig zu gebrauchen wie
Jagdhunde. Mit Recht hat man vom Pudel gesagt, daß jemand seinen Herrn
morden könne, ohne daß ihm der Pudel beistände. Auch der Jagdhund steht
seinem Herrn nicht immer bei.
Dieses Verhalten so kluger Tiere dürfte darauf zurückzuführen sein,
daß der Pudel ein zu großer Menschenfreund ist, um überhaupt Menschen
zu beißen. Dem Jagdhunde steckt sein Wild so im Kopfe, daß ihm andere
Menschen, wenn sie nicht auf Jagd gehen, gleichgültig sind.
Dagegen ist der Pudel ausgezeichnet zu allerlei Kunststücken geeignet,
und da solche Kunststücke beim Volke sehr beliebt sind, so ist auch der
Pudel ein sehr geschätzter Hund.
Mit der größten Bereitwilligkeit ist auch unser »Karo«, wie der Pudel
heißt, bereit, zu zeigen was er kann. Kaum haben wir seinem Herrn
gegenüber den Wunsch geäußert, einige Glanzleistungen von Karo zu
sehen, so erhalten wir eine richtige Vorstellung. Erst werden die
einfachen Sachen vorgeführt: Hinsetzen, Schönmachen, die Pfote geben,
auf den Hinterbeinen gehen. Dann kommen die schwierigeren Sachen: über
Stock und Stühle springen und tanzen. Dazwischen muß Karo zeigen, wie
der Hund spricht und beweisen, daß er rechts und links unterscheiden
kann. Nur einen Happen, den er von der rechten Hand seines Herrn
bekommt, nimmt er, sonst läßt er ihn ganz unberücksichtigt.
Um Karo als Schwimmer und Taucher zu bewundern, gehen wir nach dem
nahegelegenen See. Der Pudel schwimmt vortrefflich, fast wie eine
Ente, und apportiert mit unglaublicher Ausdauer. Wenn er aus dem
Wasser kommt, muß man sich natürlich vorsehen, daß man nicht beim
Ausschütteln des Felles naß wird. Dieses Schütteln der Haut können wir
ihm nicht nachmachen, da die unsrige nicht so beweglich ist. Wie groß
die Beweglichkeit der Hundehaut ist, ersehen wir deutlich, wenn wir
einen Hund am Nacken hochheben.
Karo ist ein Rüde und etwa 1½ Jahre alt. Wie Herr Böhm erzählt, hat
er ihn erst seit einigen Monaten. Er ist durch einen Zufall zu ihm
gekommen, da sein bisheriger Herr plötzlich verstorben war, und ihm
der Hund zu einem Spottpreis angeboten wurde. Die erste Zeit sei das
Tier allerdings sehr traurig gewesen und habe wenig Nahrung zu sich
genommen. Jetzt aber habe er sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnt
und fühle sich augenscheinlich sehr wohl.
Es ist eigentlich recht wunderbar, daß fast alle Tiere ohne Unterricht
schwimmen können. Wie lange braucht der Mensch, um ordentlich schwimmen
zu können? Mancher lernt es überhaupt niemals.
Auch hier wollen wir uns bei den wilden Verwandten erkundigen, wie es
mit ihrer Schwimmkunst steht.
Die Wildhundarten als Raubtiere müssen natürlich schwimmen können, denn
sonst würden die Pflanzenfresser, die sie verfolgen, sich jedesmal
dadurch retten, daß sie in das Wasser flüchten. Wölfe schwimmen nicht
nur gut, sondern scheinen auch gern in das Wasser zu gehen. Der Fuchs
kann ebenfalls schwimmen, aber man wird nicht behaupten können, daß
er gern ins Wasser geht. In Jagdrevieren kann man beobachten, daß er
lieber einen Umweg macht und über einen Steg geht, als daß er den
Graben durchschwimmt.
Oft hat Herr Böhm gesagt, wenn der Pudel etwas falsch machte: »Aber
Karo, schämst du dich gar nicht?« Wir kommen darauf zu sprechen, ob der
Hund ein wirkliches Gefühl für »sich schämen« besitzt? Ich bezweifle es
sehr stark, denn ich nehme an, daß der Hund aus dem Tone der Sprache
heraushört, daß der Herr böse ist, und daß ihm etwas Aergerliches in
Aussicht steht. Ich glaube also, daß diese allgemein übliche Redensart
eine Vermenschlichung ist, die beim Tier nicht recht paßt. Zu einem
sonst braven Knaben, der eine Dummheit begangen hat, können wir mit
Recht sagen: Schämst du dich nicht? Wir rufen sein Ehrgefühl an und
verzichten deshalb auf eine Bestrafung. Beim Tiere aber, selbst wenn es
ein kluger Pudel wäre, ein solches Ehrgefühl anzunehmen, scheint mir
unbegründet zu sein. Bei jeder Erklärung muß man zunächst versuchen,
mit einer möglichst einfachen auszukommen.
Mein Bekannter macht hiergegen geltend, daß ein feinfühliger Hund
oft, wenn er gescholten sei, seinen Herrn links liegen lasse, also
gewissermaßen schneide. Diesen Einwand habe ich schon oft gehört.
Dieses Benehmen ist wohl aber mehr auf Eitelkeit als auf Ehrgefühl
zurückzuführen. Ein Knabe schämt sich bei der Ermahnung seines Lehrers,
weil er sich im stillen sagt: Wenn ich mich ordentlich angestrengt
hätte, würde ich das aufgegebene Gedicht fließend aufsagen können. Bei
einem Hunde kann man aber einen solchen Gedankengang nicht annehmen.
14. Das Laufen gegen den Wind. Warum ist die Hundenase kühl und
feucht? Warum gibt es bei den Hunden Steh-, Kipp- und Hängeohren? Die
Wichtigkeit des Gehörs.
Während unserer Unterhaltung hat Karo einen kleinen Privatbummel
gemacht. Wir sehen an dem Rauche der Zigarren, daß der Wind aus
Südwesten kommt und können feststellen, daß der Hund gegen die
Windrichtung gelaufen ist. Jeder Hund, der nicht besondere Ziele
verfolgt, wird bei freier Wahl die Richtung gegen den Wind bevorzugen.
Das liegt allen Raubtieren im Blut. Wie Hunde und Katzen ihre
Ausscheidungen verscharren, damit sie nicht von den Pflanzenfressern
gewittert werden, so laufen sie aus demselben Grunde gegen den
Wind. Denn ein Hirsch oder Reh mit ihren feinen Nasen würden einen
Wolf schon aus sehr weiter Entfernung wittern, wenn er nicht diese
Vorsichtsmaßregel gebrauchte. Der Wind trägt bekanntlich alle Düfte
sehr weit. Vor vielen Jahren wohnten wir fast zwei Kilometer weit von
einer chemischen Fabrik. Wehte der Wind von der Fabrik zu uns, so war
es nicht zum Aushalten, während man sonst nichts davon bemerkte.
Karo, der schwarze Pudel, hat auch eine kühle und feuchte Nase. Man
nimmt, und wohl mit Recht, an, daß das ein Zeichen von Gesundheit des
Hundes ist. Denn ein kranker Hund pflegt eine trockene und warme Nase
zu haben. Woher kommt das?
Auch in diesem Falle sieht man wiederum, daß der Hund ein Nasentier
ist. Einmal ist die Nase bei den Geschöpfen, bei denen sie die
Hauptrolle spielt, sehr empfindlich, wie bereits erwähnt wurde. Wenn
wir Menschen einen Schlag auf die Nase bekommen, dann blutet sie
wohl, aber wir empfinden keinen uns betäubenden Schmerz. Ganz anders
liegt die Sache bei einem Schlag ins Auge. Dann sehen wir ordentliche
Feuergarben aufblitzen. Denn bei uns ist das Auge das wichtigste Organ,
weshalb wir eine uns ans Herz gewachsene Sache wie einen »Augapfel«
hüten. Also die Nase ist der wichtigste Sinn des Hundes, und als solche
muß sie feucht sein aus folgenden Gründen.
Nehmen wir an, wir betreten nach einem Gewitterregen unseren Garten.
Dann empfinden selbst unsere stumpfen Nasen, daß alles doppelt so stark
riecht. Feuchtigkeit unterstützt das Riechvermögen, wie jeder Jäger
weiß. An heißen, trockenen Augusttagen finden die Jagdhunde manchmal
keine Hühner, obwohl solche vorhanden sind. Die trockene Wärme und die
trockene Kälte lassen die Hundenasen viel weniger leisten als sonst.
Damit die Hundenase gut wittert, muß sie also feucht sein. Um feucht zu
bleiben, muß sie kühl sein.
Da die schwarze Farbe alle Duftstoffe stark anzieht, weshalb viele
Aerzte gegen die schwarzen Kleider der Krankenschwestern eingenommen
sind, so ist wahrscheinlich aus diesem Grunde die Nase aller Nasentiere
schwarz. Selbst der Eisbär hat in seinem weißen Pelz eine schwarze
Nase, die schon von weitem auffällt. Man glaubt den Eskimos, daß er
beim Beschleichen der Seehunde mit einer seiner großen Pranken die Nase
bedecke, damit sie ihn nicht verrate.
Jetzt wissen wir also, weshalb die Nase des Hundes empfindlich, kühl,
feucht und schwarz ist.
Karo hat Hängeohren, während Schäferhunde gewöhnlich Steh- oder
Kippohren besitzen. Wie können wir diesen Unterschied erklären?
Das Gehör ist ein außerordentlich wichtiger Sinn. Nach meiner Ansicht
hören alle Säugetiere mindestens so gut wie der Mensch, gewöhnlich aber
schärfer.
Auch hier will ich mit größtem Nachdruck die ungeheure Wichtigkeit
des Gehörs hervorheben. Hoffentlich wird also die Bezeichnung Augen-
und Nasentiere nicht mißverstanden und daraus der ganz irrige Schluß
gezogen, daß Augen- und Nasentiere schlecht hören könnten.
Alle freilebenden Tiere müssen ihr Gehör fortwährend anstrengen. Daher
kommt es, daß wir unter den freilebenden Säugetieren nur Stehohren
antreffen.
Allerdings sieht man manchmal Hirsche, die in Parks gehalten werden,
mit einem Schlappohr. Da aber solche Hirsche Haustieren gleichen,
weil sie keine Nachstellungen von Feinden erleiden, so bestätigen sie
den Satz, daß ein Säugetier unter natürlichen Verhältnissen Stehohren
besitzt.
Bei unseren Hunderassen haben also diejenigen, die ihren Verwandten am
ähnlichsten leben, noch Stehohren, so die deutschen Schäferhunde. Bei
den schottischen Schäferhunden fangen bereits die Kippohren an, weil
sie bei uns keine Schafe mehr hüten. Die reinen Haushunde wie Pudel,
Möpse, ja selbst die Jagdhunde haben Schlappohren. Braucht die Katze
keine Mäuse mehr zu fangen, so bekommt sie, wie von der chinesischen
Katze berichtet wird, ebenfalls Schlappohren.
Ist das Abschneiden der Ohrlappen, das sogenannte Kupieren, zu
billigen? Gewöhnlich wird es als große Tierquälerei getadelt. So
einfach liegt die Sache jedoch nicht. Unter natürlichen Verhältnissen
steht, wie wir sahen, das Ohr aufrecht. Bei unseren Haushunden sind
dagegen Hängeohren die Regel. Durch den vorhängenden Ohrlappen wird
namentlich bei langhaarigen Hunden manchmal eine solche Hitze erzeugt,
daß die Hunde große Ohrenschmerzen leiden. Wenn man also durch das
Kupieren beabsichtigt, den Hund vor Schmerzen zu bewahren, so läßt sich
dagegen wenig einwenden.
15. Warum fürchtet sich der Hund vor dem leeren Wasserglase? Warum
bellt er den Mond an?
Wir kehren zu unserem Karo zurück und benutzen die Gelegenheit, um
über einige Streitfragen Aufklärung zu bekommen. Die meisten Hunde
fürchten sich vor einem leeren Wasserglas, und man findet die Erklärung
darin, daß die Hunde früher einmal mit Wasser begossen worden sind
und deshalb das Wasserglas scheuen. Bei der wasserscheuen Katze wäre
diese Erklärung einleuchtend, aber die Furcht des Hundes vor dem leeren
Wasserglase habe ich bei Katzen nicht feststellen können. Außerdem
müßte sich ein Hund dann erst recht vor einer Gießkanne fürchten, mit
der man ihn begossen hat. Das habe ich wiederholentlich getan, aber
niemals das Zurückweichen wie vor dem Wasserglase beobachten können.
Unser Bekannter hat inzwischen ein Wasserglas geholt und wir können
bei Karo genau das beobachten, was bei Hunden üblich ist. Bringt man
ihm das Glas in die Nähe des Kopfes, so ist ihm das anscheinend sehr
unangenehm, und er weicht zurück.
Da der Hund ein Nasentier ist, das sich in erster Linie nach der Nase
richtet, und das Glas wohl zu den wenigen Gegenständen gehört, die
wenig oder gar keine Ausdünstung haben, so befindet sich der Hund in
der üblen Lage, daß seine Augen etwas wahrnehmen, seine treue Nase aber
nichts. Das ist ihm unangenehm und er will sich fortwenden. Das sieht
man beispielsweise, wenn ein Hund von fern in einen Spiegel schaut,
wie es bei Umzügen vorkommt, wo ein großer Wandspiegel auf der Straße
steht. So sah ich, wie eine Dogge in einem solchen Falle die Haare
sträubte und auf den Spiegel zuging, weil sie glaubte, einen Gegner
anzutreffen. In der Nähe beroch sie den Spiegel und lief fort, da ihre
Nase ihr berichtet hatte, daß es sich um ein Gespenst gehandelt hatte.
Augentiere dagegen, wie der Affe, haben große Vorliebe für einen
Spiegel, wovon man sich in Zoologischen Gärten oft überzeugen kann.
Auch die alte Streitfrage, ob Hunde Bilder erkennen, verneint Herr Böhm
aufs entschiedenste. Sein Karo und sein Hektor, ein Jagdhund, den wir
gleich noch kennenlernen werden, beachten das große Bild von ihm gar
nicht, obwohl sie sehr anhänglich wären. Uebrigens hat schon der große
Naturforscher Alexander von Humboldt vor mehr als hundert Jahren genau
das gleiche beobachtet. Er weist darauf hin, daß die klügsten Hunde
ganz kalt bei Bildern bleiben, während seine zahmen Affen nach den
gemalten Gegenständen griffen.
Kürzlich, so erzählt uns unser Bekannter, ging er mit seinem Hektor
spazieren und kam dabei an einem großen Garten vorbei, in dem, wie es
so häufig vorkommt, ein aus einer Tonmasse hergestelltes Reh im Grase
ruhte. Da das Reh sehr natürlich wiedergegeben war, so erregte es die
Aufmerksamkeit des Hundes, der bei der Windrichtung keine Witterung von
dem Gegenstande bekommen konnte. Da der Garten einem lieben Freunde von
ihm gehörte, so öffnete Herr Böhm die Gartentür, um zu sehen, was der
Hund beginnen würde. Er benahm sich genau so wie die vorhin erwähnte
Dogge vor dem Wandspiegel. Nachdem er das Reh berochen hatte, ließ er
es links liegen.
Bei dieser Gelegenheit erwähnt Herr Böhm, daß er schon häufig in der
Nachtruhe durch das Gebell der Hunde bei klarem Vollmond gestört worden
sei. Diese Beobachtung ist sehr alt, denn sie hat zu der Redensart
Anlaß gegeben: Die Hunde bellen den Mond an, um damit auszudrücken, daß
der Mensch in diesem Falle ein Bild sinnlosen Tuns erblicken könne.
Diese allgemein herrschende Ansicht, wonach sich ein verächtliches
Geschöpf, wie der Hund, über einen erhabenen Himmelskörper ärgere und
ihn zu begeifern trachte, ist unzweifelhaft unrichtig. Darüber bin ich
mit meinen Bekannten einig. Was aber der wahre Grund der Erregung der
Hunde gegen den Mond ist, läßt sich nicht leicht sagen.
Die Araber erzählen von ihren Hunden, daß sie oft die weißen Wolken
am Himmel anbellen. Dann ließe sich das Unbehagen des Hundes in der
gleichen Weise erklären, wie bei dem leeren Wasserglase. Seine Augen
sehen etwas Glänzendes, Helles, nämlich den Mond, die Wolken, das Glas,
aber sein Hauptsinn meldet nichts von der Erscheinung. Dem Hunde geht
es genau so, als wenn wir Geisterstimmen hören, aber nichts entdecken
können. Oder wir merken, daß es brandig riecht, können aber die
Brandstelle nicht finden.
Es kann aber auch sein, daß der wahre Grund ein anderer ist. Viele
Jäger behaupten, daß der Vollmond auf alles Wild und Getier eine
auffallend erregende Wirkung ausübe. Dann belle also der Hund gar nicht
den Mond an, wie man vermute, sondern bei ihm als früherem Raubtier
werde durch den Vollmond die Erinnerung an die vergangenen Zeiten
aufgefrischt, wo er beim Vollmondschein besonders eifrig jagte.
16. Warum wedelt der Hund mit dem Schwanze?
Eine der auffallendsten Erscheinungen ist das Wedeln des Hundes mit
dem Schwanze. Sowohl Peter hat seinen Herrn bei seinem Erscheinen
durch Schwanzwedeln begrüßt, als auch Karo läßt in Gegenwart unseres
Bekannten seinen Schwanz kaum zur Ruhe gelangen. Die Erklärung dafür
ist aber recht verwickelt, so daß wir sie vorläufig zurückgestellt
hatten.
Auch hier können wir einen wirklichen Fingerzeig zum richtigen Wege nur
dadurch erhalten, daß wir uns in die Lebensweise der wilden Verwandten
unseres Hundes versetzen. Sowohl Wölfe wie Schakale wedeln mit dem
Schwanze, um ein Zeichen ihrer friedlichen Gesinnung zu geben. Das
Schwanzwedeln muß also in ihrer Lebensweise eine wichtige Rolle spielen.
Auffallend ist es, daß wir bei unseren anderen Haustieren eine solche
Kundgebung durch den Schwanz nicht kennen. Wenn die Katze ihren Schwanz
bewegt, so hat das einen ganz anderen Zweck. Pferde und Kühe bewegen
zwar auch ihren Schwanz, aber um damit Fliegen abzuwehren, nicht
jedoch, um uns zu zeigen, daß sie es gut mit uns meinen.
Wir erwähnten früher, daß noch heute die verwilderten Hunde in
Konstantinopel jeden fremden Hund zu zerreißen suchen. Nun kommen bei
Wildhunden häufig Fälle vor, wo ein Rudel durch Kämpfe so geschwächt
oder durch Nachwuchs so stark geworden ist, daß sich einige von
ihnen einem anderen Rudel anschließen wollen. Noch häufiger wird es
vorkommen, daß ein von einem Rudel versprengter Hund erst nach einigen
Tagen seine Artgenossen findet.
Wir wissen, daß alle Hunde nach Möglichkeit gegen den Wind laufen, um
durch ihre Nase zu erfahren, was sich vor ihnen befindet. Kommt nun
ein versprengter Wildhund zu seinem Rudel, so weiß er zwar durch seine
Nase, daß er vor seinem alten Rudel steht, aber die Kameraden wissen
nicht, daß es sich um einen Angehörigen von ihnen handelt. Denn der
Wind weht von dem Rudel zum Ankömmling, nicht aber vom Ankömmling zum
Rudel.
Bei Wildpferden und Wildrindern werden ebenfalls versprengte Mitglieder
manchmal zurückkehren. Auch die Wildpferde laufen gegen den Wind und
besitzen ebenfalls nur ein schwaches Auge wie der Hund. Trotzdem ist
das Leben des Ankömmlings nicht gefährdet. Er erhält vielleicht einen
unbedeutenden Stoß oder Huftritt, ehe die Seinen erkennen, daß es ein
alter Genosse ist.