»O Tante!« rief er aus, »Tante, es ist ja heute -- _heute_ ...!«

Aber die Tante lächelte und sagte mit bewegter Stimme: »Otto, knie dich

gleich nieder und danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen.«

»Das Papier, Tante, das Papier -- ist gefunden?«

Die Tante nickte. »Erst beten, Otto, dann erzähl' ich dir.«

Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus des Knaben Herzen zum

Himmel hinauf, dann aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante.

»Die gute Babett!« rief er am Schluß der Erzählung aus. »Heute noch

gehen wir zu ihr, gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung

bitten wegen neulich -- du weißt ja, Tante --, und die Lilly nehmen wir

auch mit. O Tante, es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie leicht

Babett das Papier hätte verlieren oder als wertlos zerreißen können;

oder wenn sie es gar nicht bemerkt hätte, dann wäre es mit all ihren

andern Lappen zusammen in den Sack des Lumpensammlers gekommen!«

»Das hätte allerdings sehr leicht geschehen können; aber der liebe Gott

hat unser Gebet erhört, und er hat es nicht zugelassen.«

»Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in die Schule gehen müßte!

Ich werde doch nicht achtgeben können, ich muß ja doch immer an Papa

denken. Nicht wahr, jetzt _muß_ es doch gut für ihn ausgehen?«

»Gewiß, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und du mußt dir alle Mühe

geben, heute in der Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du mußt

sofort beginnen, die guten Vorsätze, die du gestern gefaßt hast,

auszuführen; nur nicht gleich anfangen zu verschieben, denn dann wird

nichts daraus.«

Das war ein denkwürdiger Tag; Otto vergaß ihn nie mehr in seinem Leben.

Als er von der Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller Menschen.

Sein Vater stand oben auf dem Balkon, umgeben von seinen Schwägern und

einigen Freunden, und er richtete von dort aus einige warme Dankesworte

an alle, die gekommen waren, um ihn zu beglückwünschen und ihm ihre

Teilnahme zu bezeigen.

»Unser Mehring soll leben -- hoch, hoch, hoch!« so riefen alle

Anwesenden, und am lautesten schrie der alte Christian. Der kam sich

überhaupt gar wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen Zuschauern

die Hand geschüttelt, und er sah sich nun bald von Neugierigen umringt,

die ihn über den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten; denn

Christian hatte derselben von Anfang bis zum Schluß beigewohnt, und er

ließ sich auch nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein großes

Vergnügen zu erzählen, wie alles so prächtig gegangen, wie die

Verleumder in die Enge getrieben worden seien und was sie für verdutzte

und wütende Gesichter gemacht, als das Schriftstück verlesen wurde, von

dessen Vorhandensein sie gar keine Ahnung gehabt hatten und welches auf

Herrn Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so helles Licht warf.

Ottos Herz hüpfte ordentlich vor Freude. Er war so stolz auf seinen

lieben, herrlichen Vater, und als ein alter Mann ihm auf die Schulter

klopfte und ausrief: »Bub, Männer wie dein Vater sind ein Segen fürs

Volk und fürs Vaterland; sieh zu, daß du ihm nacheiferst!« da streckte

Otto diesem die Hand hin und sagte: »Das will ich -- hier meine Hand

drauf!«

Am Abend, als alle Gäste fort waren, rief Herr Mehring seinen Sohn zu

sich. Er sah ihn eine Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er:

»Otto, ich möchte, daß du mir das Versprechen, welches du mir gestern in

der Not und in der Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gefühlen

und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich Ernst mit deinem

Vorsatz?«

Otto sah seinem Vater freimütig in die Augen:

»Ja, Vater, es ist mir Ernst, und ich will tun, was mir möglich ist, um

dir Freude zu machen.«

»Gott segne dich, mein Sohn, und er helfe dir; denn es ist nicht so

leicht, wie du dir's jetzt denkst. Die Erinnerung an die eben

überstandene schwere Prüfung wird sich mit der Zeit abschwächen, du

wirst schwache Stunden haben und vielleicht manchmal in die alten Fehler

zurückfallen. Laß dich dadurch nur ja nicht entmutigen, sondern bleibe

beharrlich; es wird, es muß gehen mit Gottes Hilfe.«

Otto bemühte sich redlich, sein Versprechen zu halten. Er nahm es nun

auch sehr ernst mit der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion,

und Lilly konnte sich gar nicht genug wundern über diese Umwandlung

ihres Bruders.

»Du bist ja auf einmal ganz anders geworden wie früher«, sagte sie, ihn

mit großen, verwunderten Augen ansehend. »Du bist gar nicht mehr grob,

du neckst und ärgerst mich nicht mehr, und du hast dem Rudi sogar deinen

Drachen geschenkt.«

Nach einigem Nachdenken fügte sie hinzu: »Muß ich auch so brav werden

nächstes Jahr, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe?«

»Natürlich, Lilly, noch viel bräver, und deshalb tätest du gut daran,

wenn du jetzt gleich anfingest etwas bräver zu werden. Du solltest dir

zum Beispiel vornehmen, nie mehr zu lügen.«

»O, ich lüge ja gar nicht!«

»So? Ist das vielleicht nicht lügen, wenn man eine Wasserflasche

zerbricht und hernach behauptet, man hätte sie gar nicht angerührt, und

wenn man über ein Gitter klettert und sich dabei das Kleid zerreißt und

man sagt, die andern Kinder hätten beim Spielen so gezerrt, daß das

Kleid kaput gegangen sei? O Lilly, es ist so abscheulich, wenn man

lügt!«

»O du, als ob du nie gelogen hättest!« Und Lilly machte ein finsteres,

trotziges Gesicht.

Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren, aber er bezwang sich,

und er sagte einfach: »Ja, ich weiß es, Lilly, ich hab' früher auch

gelogen; aber jetzt schäm' ich mich darüber, und ich werde es nie, nie

mehr tun. Komm, Lilly, willst du lieb sein und mir eine Freude machen?

Dann versprich mir, daß du von nun an nie mehr lügst.«

»O du, versprechen! -- Das muß ich mir erst noch überlegen. Ich bin ja

auch noch kleiner und jünger wie du!« Damit sprang Lilly davon. Sie fand

es ja wohl sehr angenehm und bequem, einen so braven Bruder zu haben,

der stets bereit war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half; aber

sich von ihm schulmeistern oder ermahnen zu lassen, das gefiel ihr

nicht.

Otto schüttelte enttäuscht den Kopf. »Sie versteht es noch nicht«,

tröstete er sich; »sie hat eben noch nicht so etwas Schreckliches

durchgemacht wie ich!«

Achtes Kapitel.

Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung!

Draußen war das schönste Wetter. Die Sonne schien, Vogelstimmen riefen

und lockten, und doch mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande in

den lieben, alten Spessart hinaufwandern -- sie saß an klein Tonis

Bettchen. Immer schmaler und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen,

und die blauen Augen blickten immer sehnsüchtiger und erwartungsvoller.

»Tante, was hast du gestern abend dem Otto erzählt?« fragte die Kleine

jeden Morgen, wenn Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht müde

werden zuzuhören, wenn diese ihr vom lieben Heiland erzählte, der die

Menschen so lieb hat, daß er die Gestalt des Brotes annimmt, um immer in

ihrer Mitte zu sein und sich aufs innigste mit ihnen vereinigen zu

können. Am liebsten hörte sie aber die Geschichte vom göttlichen

Kinderfreund, der es nicht dulden wollte, daß die Apostel die Kinder

fortschickten, und der ausrief: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!«

»Ach, Tante, wär' ich doch eines von den kleinen Judenkindern gewesen --

vielleicht hätte der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen und

hätte mich gesegnet!« Und klein Tonis Augen erglänzten, als sie sich so

lebhaft vorstellte, wie schön, wie herrlich es sein müßte, auf des

Heilands Schoß zu sitzen und das Köpfchen an seine Brust zu lehnen.

Mit großer Geduld ertrug klein Toni es, so lange still im Bettchen

liegen zu müssen. Der Husten und das Fieber quälten sie sehr, aber sie

klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn das Rufen und Lachen ihrer

Geschwister vom Garten zu ihr heraufklang.

Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer früheren Zornanfälle --

das war, als Lilly sie besuchen kam und sagte: »Du hast's gut, du kannst

hier bequem in deinem Bett liegen und tun, was du willst, während wir

andern in die Schule müssen.«

Tonichen hatte darauf erklärt: »Es ist viel schöner und lustiger, gesund

zu sein und in die Schule zu gehen, als krank zu sein.«

Da hatte aber Lilly ein spöttisches Gesicht gemacht und lachend

geantwortet: »Geh doch, Toni, _mir_ machst du so leicht nichts vor! Wenn

du so gern in die Schule gingest, wärst du sicher schon längst gesund --

du stellst dich ein bißchen an.«

Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut -- sie konnte es ja gar

nicht begreifen, daß man so etwas von ihr denken konnte --, dann war sie

sehr böse geworden, und sie hatte geschrien:

»Nein, ich stelle mich nicht an -- ich lüg' doch nicht!« Und dann mußte

sie sehr stark husten, und sie weinte dabei, so daß Lilly, die ja doch

im Grunde die kleine Toni lieb hatte, ganz bestürzt sagte: »Komm,

Tonichen, sei nicht mehr bös auf mich -- ich glaub' dir's ja, daß du

dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie mehr.«

Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder versöhnt, aber am Abend

dieses Tages hustete klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen

-- sie konnte keine Ruhe finden und weinte bittere Reuetränen, weil sie

sich wieder von ihrem Zorn hatte hinreißen lassen. Als Tante Toni ihr

»Gute Nacht« sagen kam, klagte sie: »Ich kann gar nicht mehr so gut an

den lieben Heiland denken -- ich meine immer, er wäre nun unzufrieden

mit mir und er würde mich jetzt nicht auf seinem Schoß haben wollen,

wenn ich eins von den kleinen Judenkindern wäre.«

»O Tonichen, was denkst du denn vom lieben Heiland? Du hast ihn ja wohl

gekränkt durch deinen Zorn -- aber das hat er dir schon wieder

verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid getan. Und jetzt bist du

wieder sein kleiner Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie

lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich ja schon gekannt und dich

geliebt damals, wie er für dich am Kreuz gestorben ist, und er hat eine

ganz besondere Freude an dir, weil du ihm zuliebe so geduldig bist und

dir so viel Mühe gibst, ein liebes, braves Kind zu sein.«

Solchen Worten hörte klein Toni gerne zu, und sie lag nun wieder still

und getröstet in ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich am

andern Tag ein quälendes Stechen in der Brust und in der Seite

einstellte. Ihr armes Köpfchen war so weh und schwer, daß sie es kaum

mehr vom Kissen erheben konnte.

»Es ist eine Lungenentzündung hinzugetreten«, sagte der Hausarzt, und er

brachte noch einen zweiten Doktor mit -- aber der hieß alles gut, was

der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet hatte; helfen konnte er

auch nicht, und er sagte zu den tiefbetrübten Eltern:

»Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange noch Leben da ist, ist auch

noch Hoffnung.«

Klein Toni aber schaute ihre Tante und Patin bittend an:

»Was wünschest du, Liebling?« fragte diese, sich über ihr Bettchen

neigend.

Mit leiser, schwacher Stimme flüsterte das Kind: »Tante, denkst du noch

an dein Versprechen?«

Die Tante nickte.

»Geh zum Herrn Pfarrer -- bitte, Tante -- ich möchte beichten -- und er

soll mir den lieben Heiland bringen.«

Tante Toni zögerte einen Augenblick, aber klein Tonis Augen baten so

flehend, sie konnte nicht widerstehen -- sie begab sich sofort ins

Pfarrhaus. Sie sprach lange mit dem Herrn Pfarrer, und dieser versprach

ihr, die kleine Kranke gegen Abend zu besuchen.

Es war wohl die Freude, die verursachte, daß Tonichen sich am Abend viel

leichter und besser fühlte. Ihre Augen leuchteten auf, als der Herr

Pfarrer an ihr Bettchen trat.

»So, so«, sagte dieser freundlich, »das ist also die Kleine, die

kommunizieren möchte. Wie alt bist du denn, mein Kind?«

»Ich bin sieben Jahre, Herr Pfarrer; ich habe also das Alter der

Vernunft.«

Der Pfarrer lächelte: »So, meinst du? Nun sag' mir doch einmal, warum du

schon so früh zur heiligen Kommunion gehen möchtest!«

Toni faltete ihre Händchen über der Brust und sagte in innigem Ton:

»Weil ich mich so sehr danach sehne, den lieben Heiland zu empfangen.

Ich habe mir ja sogar gewünscht, recht bald zu sterben, damit ich nicht

noch drei Jahre auf ihn zu warten brauche.«

»Du weißt und glaubst also, daß man in der heiligen Kommunion den lieben

Heiland selbst empfängt?«

»Aber natürlich!« sagte klein Toni, ganz erstaunt, daß der Herr Pfarrer

überhaupt so etwas fragen konnte.

»Kannst du denn den lieben Heiland sehen?«

»Ich kann nur die heilige Hostie sehen, aber ich weiß, daß es doch der

wirkliche liebe Heiland ist, so wie er jetzt im Himmel wohnt und wie er

früher auf die Welt gekommen ist, um uns zu erlösen.«

Der Pfarrer stellte noch einige Fragen an Toni, welche dieselben alle

richtig und verständig beantwortete. Dann hörte er ihre Beichte an, und

als er fortging, da hatte er Tränen in den Augen.

»Morgen früh bringt er mir den lieben Heiland«, flüsterte Toni selig

lächelnd vor sich hin, und sie lag die ganze Zeit wie in stiller,

glückseliger Erwartung. Von ihrem Bettchen aus sah sie zu, wie Mutter

und Tante Toni einen kleinen Altar im Zimmer zurechtmachten. Etwas

später, als Vater und Mutter an ihrem Bett saßen, sagte sie: »Nicht

wahr, der liebe Gott hat mir ja nun alles verziehen, und ihr verzeiht

mir auch, Papa und Mama und Tante Toni und alle Geschwister, daß ich oft

so ungehorsam und so zornig war? -- Es tut mir ja so leid, und ich hab'

euch alle so lieb!«

Die Eltern konnten ihre Tränen kaum zurückhalten.

Dann wurde es Nacht, und klein Toni schlief so sanft und so ruhig, wie

sie lange nicht mehr geschlafen hatte. Sie hustete nicht und fühlte

auch keine Schmerzen mehr. Von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen und

fragte, ob es nun bald hell würde.

»Ich freue mich so«, flüsterte sie, und als es endlich hell geworden

war, begannen die Mutter und Tante Toni die kleine Kranke für die

heilige Handlung herzurichten. Vorsichtig und behutsam zogen sie ihr ein

feines, gesticktes Nachtkleidchen an; auch ein kleines Myrtenkränzchen

bekam klein Toni, wie ein wirkliches Kommunionkind. Die Mutter gab ihr

einen schönen weißen Rosenkranz, und dann betete sie mit ihrem

Töchterchen, bis unten im Hause ein Glöckchen ertönte. Nun zündete Tante

Toni die Kerzen an und öffnete weit die Türe. Der Herr Pfarrer trat

herein, gefolgt vom Vater, von den Geschwistern und den Dienstboten, und

alle knieten nieder, als der Priester segnend die heilige Hostie erhob.

Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz eigenen Glanze, als der

Priester ihr das hochwürdigste Gut reichte, und ihre Wangen röteten

sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten Händchen, ihr

Gesichtchen war wieder ganz blaß geworden, und ihre Augen waren

geschlossen, so daß der kleine Leo, der hinten neben Gretchen kniete,

diese leise fragte: »Ist die Toni jetzt schon ein Engel?« Statt aller

Antwort brach Gretchen in leises Weinen aus.

Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke und entfernte sich,

während der Vater und die übrigen Anwesenden ihm das Geleite gaben.

Nur die Mutter und Tante Toni blieben zurück, und als Frau Wulff sich

etwas später über ihr Töchterchen neigte und leise fragte: »Wie fühlst

du dich, mein Kind?« da antwortete klein Toni lächelnd: »Wohl, o so

wohl!« und als sie dabei einen Augenblick die Augen öffnete, da hatten

diese einen Ausdruck, als ob sie schon über alles Irdische hinaus in

eine andere Welt blickten. Aber sie schlossen sich gleich wieder, und

Toni fiel in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im Schlaf hielt sie

die Händchen auf die Brust gepreßt, als wollte sie den lieben Heiland da

drin festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. --

Als die Zwillinge und Anna um zwölf Uhr aus der Schule kamen, da fanden

sie alle Fensterläden geschlossen, die Haustüre war nur angelehnt, so

daß sie gar nicht zu schellen brauchten. Auf der Treppe stand Leo, der

schien auf sie gewartet zu haben.

»Hast du die Türe aufgemacht?« fragte Kurt in strengem Ton. »Du weißt

doch, daß dir das verboten ist, und ...«

Aber Leo legte den Finger auf den Mund und sagte leise: »Pst! Jetzt ist

unsere Toni wirklich ein Engelchen geworden.«

»Wie, ist sie tot?« riefen die drei Kinder bestürzt aus.

»Ja, ganz tot gestorben«, bestätigte Leo und nickte mit dem Kopf. »Aber

sie ist noch nicht im Himmel, denn sie liegt noch da drin und schläft

ganz fest.«

Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen aus dem Zimmer, und sie nahm

Leo mit sich, während Paul, Kurt und Anna leise, auf den Fußspitzen

auftretend, Tante Toni folgten, die gerade an der Türe erschien und

ihnen winkte.

»Wie schön, o wie schön ist unser Tonichen!« flüsterte Anna, auf ihr

Schwesterchen blickend, welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen

dalag -- so weiß, so still, so friedlich. Und leise weinend beugte sich

eines nach dem andern über das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal

das kalte Händchen zu küssen.

Vater und Mutter knieten da, von Schmerz gebeugt, aber als die andern

Kinder sich wie tröstend oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob

die Mutter das Haupt, und sie sagte: »Lasset uns dem lieben Gott danken,

daß er unserer lieben kleinen Toni einen so schönen, sanften Tod

verliehen hat. Sie läßt euch alle noch herzlich grüßen, jedes hat sie

noch beim Namen genannt, und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen

Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen.«

Hier brach der Mutter die Stimme, und eine Zeitlang hörte man im Zimmer

nichts mehr als unterdrücktes Schluchzen und leises Beten.

Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers mit ihren Kindern und Onkel

Robert mit den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu sehen. Die

Kinder weinten zwar sehr, aber sie blieben doch ruhig und dachten daran,

wie glücklich Tonichen nun wohl schon im Himmel wäre. Nur Lilly stand

eine Zeitlang wie erstarrt und schaute mit großen Augen auf die kleine,

regungslose Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett, und sich

über die Tote beugend bat sie: »Tonichen, du hast mir ja nicht >Adieu<

gesagt -- mach nochmal deine Äugelchen auf, bitte, schau mich nochmal an

und sag' mir, daß du mir nicht mehr bös bist wegen neulich -- du weißt

schon, Tonichen! Hörst du mich nicht? -- Tonichen!«

Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war ganz fassungslos -- jetzt erst

fing sie an zu ahnen, was es eigentlich heißt: _tot sein_ -- sie hatte

es sich bisher noch nicht recht vorstellen können. Beim Tode ihrer

Mutter war sie noch zu klein gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie

Entsetzen, und sie schrie plötzlich auf: »Toni -- Toni, sei doch nicht

tot! Du sollst nicht tot sein -- ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel

lieber als du weißt, und ich will dich nie mehr ärgern! Komm, Toni --

komm', wach' auf!« Und Lilly umschlang Toni und küßte sie; aber sie fuhr

zurück -- wie kalt war Tonis Wange, todeskalt! -- Es durchschauerte

Lilly, und mit einem Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug sie

hinaus, und unter seinem und Tante Tonis beruhigendem Zuspruch schwand

allmählich der entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig

lauschte sie den Worten der Tante, die ihr erzählte, wie klein Toni sie

grüßen lasse: »Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir gesprochen,

Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle dein Mütterlein im Himmel von dir

und von Otto grüßen. Was da drinnen so kalt und starr liegt, das ist ja

gar nicht mehr unsere Toni, es ist nur ihre Hülle -- ihre liebe kleine

Seele ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich

glücklich und selig.«

»Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir spielen, nie mehr kann ich mit ihr

sprechen!« klagte Lilly.

»Aber doch, Lilly; du willst doch gewiß auch einmal in den Himmel

kommen!«

»Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so bös, ich hab' schon so oft

gelogen, und ich wollt' neulich dem Otto auch gar nicht versprechen, nie

mehr zu lügen -- und am End' komm' ich gar nicht in den Himmel!«

»O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe Tonichen wird schon für dich

beten und bitten, daß du bald ein ganz braves und gutes Kind wirst. Du

mußt nur auch ernstlich wollen, und du wirst sehen, daß es gar nicht so

schwer ist. Denk' nur an Otto, wie der sich schon geändert hat!«

»Ja, ich möchte ja auch gern brav werden. Ach, wenn du doch immer bei

mir bliebest, Tante Toni, dann könnt' ich's vielleicht. Aber nun ist

Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ...« Und bitterlich

schluchzend schmiegte Lilly sich in Tante Tonis Arm.

»Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja noch bis nach Ottos erster

heiligen Kommunion«, tröstete die Tante, »und wenn du jetzt schön brav

bist und nicht mehr weinst, dann komm' ich diesen Abend noch zu dir

hinüber, und ich wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's früher

getan habe, als du noch klein warst -- willst du?«

»Ja, Tante, ja!« Und Lilly trocknete ihre Tränen. »Aber bitte, laß mich

noch einmal hinein, laß mich Tonichen noch einmal sehen!«

»Lieber nicht«, meinte der Vater besorgt, »es regt dich nur wieder auf.

Sei folgsam und komm' nun heim.«

Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, daß er schwankend wurde und

wohl nachgegeben hätte; aber Tante Toni sagte: »Wenn man einen guten

Vorsatz gefaßt hat, dann muß man auch gleich mit der Ausführung

beginnen, und wer ein braves Kind werden will, muß vor allem aufs erste

Wort gehorchen.«

Jetzt ließ Lilly sich ohne Widerrede von ihrem Vater heimführen.

Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal zurückkommen; Tante Toni

holte sie selbst ab und führte sie in den Saal unten, der in eine

Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine Tote aufgebahrt zwischen

grünen Pflanzen und brennenden Kerzen -- ein Kreuz lag auf ihrer Brust,

und ihr Rosenkranz war um die gefalteten Händchen geschlungen. Der ganze

Anblick war so schön, so friedlich und doch so feierlich, daß Lilly gar

nicht mehr weinte. Sie kniete still da und betete:

»Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen halten, und grüße mir

tausendmal meine liebe Mama im Himmel!«

Neuntes Kapitel.

Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große Tag und Ottos Entschluß.

Auf Wiedersehen!

Am nächsten Tage, während Herr Mehring und Otto Tonichens Begräbnis

beiwohnten, saß Lilly bei der Haushälterin, Fräulein Helene, im Zimmer.

Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern von Strümpfen und Wäsche

beschäftigt war, fiel es ihr bald auf, daß Lilly heute ungewöhnlich

still war.

»Kind, du bist ja heute so brav, daß man dich gar nicht wieder kennt«,

sagte sie, ganz verwundert von ihrer Arbeit aufblickend; »du bist auch

so blaß, du wirst doch nicht am Ende krank sein?«

»O, ich möchte ganz gern wieder mal krank sein«, meinte Lilly

nachdenklich.

»Was, du möchtest gerne krank sein? Aber ich danke dafür! Das darf man

ja überhaupt gar nicht wünschen.«

»O, das ist aber doch so schön! Dann kommt Papa sich manchmal an mein

Bett setzen, und diesmal käme sicher Tante Toni mich pflegen, und sie

bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag bei mir.«

»Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein ist drum doch nicht

angenehm; es tut gewöhnlich recht weh.«

»Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich nur jemand bei mir habe,

der mich recht lieb hat!«

Wieder blickte Fräulein Helene ganz erstaunt auf Lilly; sonst hatte das

Kind doch gar nicht so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte sie:

»Ich hätte sicher nichts dagegen, wenn deine Tante dich pflegen käme,

falls du wieder mal krank würdest; denn ich weiß noch recht gut, wie ich

das letztemal hab' laufen und springen müssen; zehn Arme und zehn Beine

hätte ich brauchen können, um dich zu bedienen, und trotzdem war's nie

recht.«

Lilly hatte schuldbewußt das Köpfchen gesenkt. Kleinlaut erwiderte sie:

»Ja, ich kann mich noch erinnern; ich glaub', ich war recht bös, und du

hast oft gesagt, du könntest's nicht mehr aushalten und du wolltest

fort.«

»Und ich glaub', ich wäre auch fort, wenn deine Tante, Frau Wulff, mir

nicht gute Worte gegeben und zugeredet hätte, ich solle den Herrn

Mehring doch nicht so im Stich lassen, der könne sich doch nicht auch

noch um den Haushalt kümmern. Aber was schwätz' ich denn da? Davon

verstehst du ja doch nichts!«

»Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich weiß auch, daß du eine

vorzügliche Haushälterin bist, aber von Kindererziehung verstehst du

keine blaue Bohne.«

»I du meine Güte! Da schau mal einer die Fräulein Weisheit an! Wo hast

du denn das wieder mal her?«

»Ach, das hab' ich halt schon sagen hören von den Tanten, auch von

Lina ...«

Tante Toni und ihre Bande · 第 7 / 8 段