wahrscheinlich etwas von Kindererziehung verstehen, die! Vom Haushalt,
von Reinlichkeit und Ordnung versteht sie jedenfalls nichts, und wenn
ich nicht immer hinter ihr drein wäre, dann sähe es hier bald aus wie in
einem Stall!«
Fräulein Helene war sehr in Eifer geraten, und sie hätte wohl noch eine
Weile fortgeredet, wenn nicht eben draußen ein arges Gepolter
entstanden wäre, so daß Lilly ganz erschrocken zusammenfuhr. Fräulein
Helene war aufgesprungen, aber sie schien zu ahnen, was der Lärm
bedeutete; denn Arbeit, Fingerhut und Schere in den Korb werfend rief
sie aus: »Da haben wir's ja gleich! Eine rechte Meisterleistung von der
Lina, die so viel von Kindererziehung versteht! Sie sollte sich lieber
um ihre Arbeit kümmern und nicht Eimer und Bürsten die Treppe
hinunterwerfen. Eine nette Bescherung das -- und gerade gestern haben
wir einen frischen Läufer auf die Treppe gelegt ...«
Lilly sah der Haushälterin, die sehr erzürnt und aufgeregt das Zimmer
verlassen hatte, etwas ängstlich nach; aber dann lächelte sie wieder:
nein, sie wußte ja, Fräulein Helene würde der Lina doch nichts tun, sie
würde sie auch nicht fortschicken; obwohl sie viel mit den Mädchen
zankte, mochten diese sie doch gut leiden, denn im Grunde war sie recht
gutmütig, die Fräulein Helene, und Lilly war ganz erstaunt zu bemerken,
daß sie selbst sie auch gern hatte. Und sie hatte sich doch so oft
eingebildet, sie könne sie gar nicht ausstehen! Wie war das doch nur?...
Lilly versuchte nachzudenken, aber ihr Köpfchen war so eigentümlich
schwer, in ihren Schläfen klopfte es so. Auch kam es ihr auf einmal so
heiß vor im Zimmer und sie hätte gerne das Fenster aufgemacht; aber sie
hatte das Gefühl, als ob sie hinfallen würde, wenn sie nun aufstände.
Sie breitete die Arme auf den Tisch und legte das Köpfchen darauf. Über
was wollte sie denn eben nachdenken? Sie wußte es schon gar nicht mehr,
aber sie wunderte sich über das Sausen und Brausen in ihren Ohren und
über das Hämmern im Kopf. Sie wollte ein bißchen schlafen, vielleicht
würde es ihr dann wieder besser. Nach einiger Zeit war es ihr auf
einmal, als ginge die Türe auf und sie hörte, wie jemand ausrief:
»Lieber Gott, das Kind ist krank!« Aber es klang ihr wie aus weiter
Ferne. Sie fühlte sich emporgehoben und getragen, aber es war ihr alles
wie ein Traum. Dann lag sie in ihrem Bettchen, sie wußte gar nicht, wie
sie hineingekommen war, und sie wollte fragen: »Muß ich jetzt sterben
wie die kleine Toni?« aber sie konnte gar kein Wort herausbringen. Sie
konnte kaum die Lippen bewegen, und die waren so heiß und trocken; aber
dann gab ihr jemand etwas zu trinken und eine kühle, weiche Hand legte
sich auf ihr schmerzendes Köpfchen. O wie wohl das tat!
Klein Lilly schlief ein; aber sie hatte allerhand wirre Träume,
beängstigende, dann auch wieder schöne und freundliche. Einmal war es
ihr, als stände eine abscheuliche Hexe in der Ecke des Zimmers, und die
lachte spöttisch und winkte ihr mit ihrem langen, knöchernen Finger; sie
wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte keinen
Laut hervorbringen; die Hexe kam aber immer näher und näher, und in
wilder Angst wendete Lilly den Kopf ab; da stand auf einmal Anna an der
andern Seite des Bettes, die lachte und sagte: »Sei doch nicht so dumm!
Es ist ja die Babett; die ist doch gar keine Hexe, und die tut dir
nichts!« -- und als sie nun, noch recht ängstlich, wieder
hinüberschaute, da stand dort wirklich die Babett, die sah ganz
freundlich aus und sagte: »Ich tu niemand was zu leid, und ich hab' auch
schön für dein Mutterle gebetet; es läßt dich schön grüßen.«
Ein andermal, als Lilly stöhnend aus einem wüsten Traum aufwachte und
ganz verstört um sich blickte, da neigte sich Tante Toni über ihr
Bettchen: »Sei ruhig, mein Liebling, ich bin ja bei dir, und ich verlaß
dich nicht; schlafe nur.«
Klein Lilly lächelte beim Ton dieser leisen, lieben Stimme, sie suchte
mit ihrem Händchen auf der Bettdecke umher, bis sie es warm und fest von
den Fingern der Tante umschlossen fühlte, und nun schloß sie wieder
beruhigt die Augen; sie war ja geborgen, sie wußte, daß die gute Tante
an ihrem Bettchen wachte, und diesmal hatte sie einen wunderschönen
Traum: sie sah Tonichen, ganz weiß gekleidet, mit goldenen Flügeln vom
Himmel herabschweben; als sie verlangend die Arme ausstreckte, da winkte
Tonichen ihr freundlich zu und sagte mit einem leisen, feinen Stimmchen:
»Sei nur recht brav, und vor allem lüge nicht mehr, es ist gar nicht so
schwer.« Dann wurde Tonichen immer heller und durchsichtiger, bis sie
ganz verschwand wie ein Nebel, der zergeht -- und endlich schlief Lilly
sanft, ruhig und traumlos, lange, lange.
Einmal wurde sie auf einen Augenblick wach; sie hörte Stimmen im Zimmer,
und als sie die Augen aufschlug, da stand ihr Vater mit einem Brief vor
Tante Toni. Lilly wollte sich aufrichten und rufen, allein sie war zu
schwach und zu müde, ihre Augen fielen gleich wieder zu; aber sie hörte
doch, wie ihr Vater eben zur Tante sagte: »Nun kommt Ernst also doch
endlich zurück, und Papa kann sich zurückziehen und sich die
wohlverdiente Ruhe gönnen.«
Tante Tonis Stimme antwortete: »Ja, und ich glaube, du kannst dich nach
einem Häuschen für uns umsehen; denn ich denke, Papa wird doch wieder
hierher in seine alte Heimat zurückkehren wollen.«
Lilly kam es vor, als spräche ihr Vater in etwas ärgerlichem, erregtem
Tone, als er jetzt sagte: »Was nicht gar, ein Häuschen! Wo denkst du
denn hin? Mein Haus hier ist groß genug für uns alle, und es soll das
Haus meines alten Vaters sein. Und«, nun klang die Stimme weich und
bittend, »du weißt ja, Toni, wie nötig wir dich haben, meine Kinder und
ich; versprich mir, daß du mit dem Vater zu mir ziehst.«
»Gern, Robert, gern -- aber laß das noch ein Geheimnis sein, bis alles
fest und entschieden ist. Es gibt dann eine schöne Überraschung für die
Kinder.«
Lilly lächelte ein wenig, ein ganz klein wenig. O, was für ein schönes
Geheimnis sie nun wußte! Da mußte man freilich brav sein, um so etwas
zu verdienen! Und der Großpapa, der ... aber weiter kam Lilly nicht mit
ihren Gedanken, denn sie war wieder eingeschlafen, und als sie das
nächstemal aufwachte, da waren ihre Äuglein wieder hell und fielen ihr
nicht gleich wieder zu vor Müdigkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht,
als sie ausrief: »Papa, Tante Toni!«
Da stand auch schon Tante Toni neben ihr: »Gott sei Dank! Nun wird unser
Kindchen bald wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich freuen, wenn er
heimkommt!«
Aber auch Otto freute sich, als er, von der Schule zurückgekehrt, zu
seinem Schwesterchen gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine
Spielsachen an, sogar seine Soldaten und seine Festung.
Ach, was war das für eine schöne Zeit, die dann kam, bis Lilly wieder
ganz gesund war! Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen Abend
setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte mit ihr und erzählte; unter
Tags kamen oft die Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer
brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch alle waren und wie man sie
verwöhnte! Am besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar seinen
Star, an dem er doch so sehr hing und der schon allerhand Worte sagen
konnte.
»Gib ihm mal ein kleines Stückchen Zucker«, riet Rudi, als er den Vogel
brachte. Und als Lilly ein Stück Zucker zwischen die Stäbe des Käfigs
schob, da pickte der Star danach, und nachdem er verkostet hatte, schrie
er: »Danke, Lilly, danke schön!«
War das eine Freude! Es war aber doch auch gar zu nett von Rudi, daß er
dem Star gerade _das_ beigebracht hatte. Der gute Rudi doch! Und den
hatte sie früher gar nicht leiden mögen! Lilly begriff das einfach nicht
mehr.
»Eile dich, gesund zu werden, Lilly«, sagte Otto, »du mußt doch dabei
sein, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe.« Und Lilly eilte sich
so gut, daß sie wirklich an diesem schönen Tage im neuen weißen
Kleidchen mit in die Kirche fahren durfte.
Ach, wie war das so schön, so schön! Lillys Herzchen erzitterte, als
Otto sich dem Tisch des Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie:
»Nächstes Jahr komme ich dran!« Und nun mußte sie wieder an die liebe
kleine Toni denken. Ängstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria,
Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich die Augen voll Tränen --
und doch sah sie nicht unglücklich aus. Sie wußte ja, daß Toni
glücklich, o so glücklich im Himmel war! Und der kleine Leo, der hier
neben Lilly kniete, der wußte es auch; denn der betete jeden Tag nach
seinem Abendgebet: »Liebe heilige Toni, bitte für uns!« Und Lilly fand,
daß er ganz recht hatte, so zu beten.
Am Abend dieses glücklichen Tages suchte Otto Tante Toni auf. Er lehnte
den Kopf an ihre Schulter und sagte: »Hast du recht sehr für mein
Anliegen gebetet, Tante, wie du es mir versprochen hattest?«
»Nach besten Kräften hab' ich für dich gebetet, mein lieber Otto.«
Ernst und doch lächelnd schaute der Knabe zur Tante auf.
»Ach, Tante, und wenn nun der liebe Gott dein Gebet erhört, dann werde
ich doch nicht Papas Nachfolger, dann werde ich doch kein Redakteur!«
Tante Toni lächelte: »Dann wirst du wohl noch etwas viel Besseres und
Schöneres!«
Otto sah sie überrascht an: »Ja, Tante, errätst du denn alles? O,
glaubst du, daß es gelingt, daß ich das erstreben darf und kann?«
»Mit Gottes Hilfe gewiß, mein Otto! Aber es ist schwer, und wer diesen
hohen Beruf erwählt, der muß sich auf ein Opferleben gefaßt machen.«
»Ein Opferleben ...«, wiederholte Otto leise und nachdenklich. Er war
noch zu jung, er faßte und verstand das noch nicht ganz, und es überkam
ihn fast etwas wie Furcht, aber nur einen Augenblick lang; gleich hob er
wieder mutig den Kopf, und er sagte freudig wie Tante Toni: »Mit Gottes
Hilfe!«
Zwei Tage nachher schlug für Tante Toni die Abschiedsstunde. Da gab es
viele und heiße Tränen, aber Onkel Robert lächelte geheimnisvoll,
während er tröstete: »Weint nicht, Kinder, weint nicht! Ich versprech'
euch ein baldiges Wiedersehen.«
Alle schauten ihn erstaunt und fragend an, allein Onkel Robert lächelte
nur und legte den Finger auf den Mund. Aber Lilly lächelte auch, und sie
flüsterte dem Rudi etwas ins Ohr; der schrie auf und machte drei
Purzelbäume hintereinander; Lilly lief ihm nach und bat: »Pst, Rudi,
verrat' doch nichts; es ist doch ein Geheimnis und es soll eine
Überraschung geben!«
»Ich sag' nichts, verlaß dich drauf«, versicherte Rudi; »aber ich freu'
mich halt so schrecklich!« Und er machte schnell noch ein paar
Luftsprünge, aber der letzte fiel etwas unglücklich aus und er landete
mit seinem Stiefelabsatz gerade auf Ottos Fußspitze.
»Au weh!« schrie der. »Rudi, was ist denn in dich gefahren? Du bist
gerade nicht von Buttermilch!« Und er hüpfte auf einem Bein herum, den
verletzten Fuß in die Höhe streckend.
Mariechen wechselte einen verständnisvollen Blick mit Tante Toni. Beide
hatten denselben Gedanken: Wenn dies vor sechs Wochen geschehen wäre!
Das gab eine wahre Prozession zum Bahnhof. Als Tante Toni eingestiegen
war, stellte sie sich ans Fenster, und jedes wollte ihr noch einmal
»Adieu« sagen: »Auf Wiedersehen, auf baldiges Wiedersehen, liebe, gute,
goldige Tante Toni!« riefen die Kinder, und »Auf Wiedersehen!«
antwortete die Tante, »und wenn ich wiederkomme, dann nehmen wir auch
unsere Spaziergänge wieder auf, die wir diesmal unterbrechen mußten.«
»Ja gewiß, Tante!«
»Wir werden inzwischen schöne, neue Wege auskundschaften!« rief Paul,
und Kurt eiferte: »O, ich hab' mir schon einige ausgedacht; wir müssen
doch auch in die Rickersbacher Schlucht und auf den ...« Aber der Zug
setzte sich in Bewegung, und die Rufe »Adieu!« und »Lebt wohl! Auf
Wiedersehen!« übertönten Kurts Stimme. Man sah noch eine Zeitlang Tante
Tonis Taschentuch wehen, dann machte der Zug eine Biegung; bald darauf
war er verschwunden.
»Ich bin nur froh, daß Onkel Robert uns gesagt hat, Tante Toni käme bald
wieder«, sagte Philipp auf dem Heimweg; »sonst wäre es doch gar zu
traurig.«
Mariechen entgegnete mit einem Seufzer: »Ich finde es trotzdem noch
traurig genug. Ich kann überhaupt das Fortgehen nicht leiden; die Leute
sollten immer nur ankommen!«
»O, das kommt drauf an!« rief Anna in entschiedenem Tone. »Den Herrn
Schulinspektor und den Prüfungskommissar zum Beispiel sehe ich viel
lieber fortgehen wie ankommen!«
Alle lachten, und Onkel Robert sagte, Anna freundlich auf die Schulter
klopfend: »Na, Kinder, seid nur froh, daß ihr die Änne habt, die
bewahrt euch wenigstens vor Trübsinn!«
Lilly war still zu Tante Maria Wulff geschlichen. Sie dachte: »Als Tante
Toni ankam, da war Tonichen noch mit uns, und jetzt ist es nicht mehr
da, es ist im Himmel.« Sie stahl ihr Händchen in die Hand der Tante und
blickte mit feuchten Augen zu ihr auf. Tante Maria verstand den Gedanken
des Kindes. »Mein gutes Kind!« sagte sie leise und gerührt, fest die
kleine Kinderhand umschließend.
End of Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow