und rief: »Tante Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der Otto ist
da und fragt nach dir, und er sieht ganz verstört aus, aber er will mir
nicht sagen, was er hat.«
Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als sie ins Zimmer trat, da
stürzte Otto wie verzweifelt auf sie zu und schrie: »Tante, Tante, hilf
mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen
soll!«
»Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen? Ist deinem Vater etwas
zugestoßen? So sprich doch!«
Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen aus, dazwischen stammelte und
stieß er einige Sätze und Wörter hervor, wovon die Tante aber nur
verstand, sein Vater müsse ins Gefängnis, und er, Otto, sei schuld
daran.
»Das kann ja gar nicht sein!« rief die Tante aus. »Komm, nun setz' dich
her zu mir und versuche ruhiger zu werden, dann erzählst du mir ganz
genau, was vorgefallen ist.«
Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto ordentlich sprechen konnte,
und er schluchzte noch häufig auf, während er erzählte: »Ich saß vorhin
an meinem Studierpult in Vaters Zimmer, und Papa stand vor seinem
Schreibtisch, wo er Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen
Schrank genommen, der in der Ecke steht und wo er alle wichtigen Papiere
und das Geld drin aufhebt; du kennst ihn ja, Tante.«
»Ja, gewiß -- es waren also jedenfalls sehr wichtige Papiere, die er vor
sich hatte.«
Otto nickte und fuhr fort: »Auf einmal kam Lina herein und sagte, Papa
möge doch schnell einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da und der
habe es sehr eilig. Papa wollte die Papiere erst wieder in den
Geldschrank legen, der war aber schon zugeschlossen, und so legte er nur
einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir, er käme sofort zurück, er
hätte nur einen Augenblick mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle
inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien sehr, sehr wichtig,
ich solle mich aber nicht unterstehen, sie anzurühren. Dann ging Papa
hinaus, und er ließ die Türe offenstehen.« Nun fing Otto wieder an zu
weinen.
»Und jetzt hast du die Papiere doch angerührt, Otto?«
»Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem Papa gehorchen; wie er aber dann
so lange ausblieb, da mußte ich immer wieder nach den Papieren hinsehen,
und ich hätte doch so gerne gewußt, was es für Papiere wären, und -- da
nahm ich den Stein ab. O hätt' ich es nicht getan! -- Im selben
Augenblick hörte ich im Garten draußen einen lauten Schrei, ich lief
schnell ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe, und ich muß wohl in der
Eile vergessen haben, den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich riß
das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im selben Augenblicke entstand
Zugluft, und alle Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere sogar zum
Fenster hinaus. Ich stürzte sofort hinunter, um sie wieder
zusammenzusuchen. Die alte Babett, die gerade unten war, hatte schon
einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis wir keins mehr fanden.
Als ich wieder hinaufkam, da war Papa inzwischen zurückgekommen, und er
hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen waren, schon aufgelesen.
Ach, Tante, ich möchte, er hätte mich recht gezankt, ja ich möchte, er
hätte mich sogar geschlagen, ich hab's verdient; aber er hat gar nichts
gesagt, er hat mich nur einmal angeschaut -- o Tante, ich kann dir nicht
sagen, _wie_! Dann hat er gleich die Papiere nachgesehen, und es hat
eins gefehlt! Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste -- das,
welches er morgen beim Gerichte unbedingt braucht! Und dann haben wir im
Hause und im Garten alles, alles durchsucht, aber wir haben nichts
gefunden. Ach, Tante, und dann hat sich der Papa an seinen Schreibtisch
gesetzt und ist, mit den Händen vor dem Gesicht, lange sitzen geblieben,
ohne sich zu rühren, bis ich's nicht mehr aushalten konnte und ihn
gebeten habe, er möge mir doch verzeihen! Da hat er mich wieder
angesehen, noch weher wie vorhin, und hat gesagt: >Ich hab' dir schon
verziehen, aber an diesem Papier hing mehr als mein Leben -- an ihm
hing meine Ehre.< Und nun sitzt er immer noch am selben Platz, ganz
still und, Tante, du kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz
anders wie sonst, viel älter! O komm doch mit zu ihm! Ich hab' ihm
gesagt, ich ginge dich holen, da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns!«
»Ja, Otto, schnell zurück zu deinem Vater!« Die Tante nahm sich kaum die
Zeit, ihren Hut aufzusetzen, und als sie wenige Minuten später in das
Zimmer ihres Bruders kam, fand sie diesen genau so, wie Otto gesagt
hatte. Er nickte seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest
umschlingend, sagte: »Mut, Robert, ich werde nochmal suchen, ich _muß_
es finden«, da schüttelte er den Kopf und sagte: »Such' nur, aber es
wird umsonst sein, ich habe überall nachgesehen.«
Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen genau zu durchforschen, aber
umsonst, das Papier blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in Tränen
aus. »O, was hab' ich getan, was hab' ich getan!« jammerte er und wollte
sich auf die Erde niederwerfen, aber Tante Toni faßte ihn bei der Hand
und zog ihn aus dem Zimmer, denn sie sah, daß ihrem Bruder etwas Ruhe
und Stille nottat. An der Treppe stießen sie auf Lilly, die ganz blaß
und verstört aussah; sie sah ihren Bruder scheu und ängstlich an, und
sich an die Tante hindrängend fragte sie leise: »Hat Otto etwas sehr
Schlimmes getan?« Die Tante antwortete eilig: »Er war sehr ungehorsam,
aber du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb wird auch gewiß
alles gut werden. Sei du nur ruhig und bete zu deinem und deines Bruders
Schutzengel.« Dann folgte sie Otto, der schon in sein Schlafzimmer
gegangen war.
Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er schluchzte herzbrechend.
Plötzlich richtete er sich auf und rief aus: »Tante, weißt du noch,
gestern, wie du gesagt hast, ich wüßte noch nicht, wie es tut? Jetzt
weiß ich's, o ja, jetzt weiß ich's! O Tante, es ist zu schrecklich,
diese Angst! O wär' ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht mehr
aushalten!«
Und wie verzweifelt wälzte er sich auf dem Boden. Tante Toni kniete
neben ihm nieder, und sie versuchte ihn aufzurichten, während sie mit
sanftem Vorwurf sagte: »Otto, so darfst du nicht reden; du fügst noch
neues Unrecht zum andern. Komm, laß uns zusammen beten; das ist das
einzige, was uns helfen und erleichtern kann.«
»Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! Der liebe Gott will doch
gewiß nichts mehr von mir wissen, ich bin viel zu bös! Jetzt weiß ich,
wie bös ich immer war, wie ich den armen Rudi nicht leiden konnte und
wie ich ihn so viel geärgert und zornig gemacht habe, und er ist auch
sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. Und auch gegen die
andern, sogar gegen Lilly war ich oft recht garstig, und gestern gegen
dich, Tante Toni; ich war ja so bös auf dich, weil der Rudi mitgehen
durfte und weil du ihn gegen mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich
rächen, deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich wußte nicht,
nein, Tante, ich wußte wirklich nicht, wie das ist! O Tante Toni, und
jetzt bist du doch wieder so gut zu mir!«
»Ja, Otto -- ach, ich möchte dir so gerne aus deiner Not helfen! Aber
hier kann jetzt nur noch der liebe Gott helfen -- komm, laß uns beten.
Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!«
»Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir noch nicht verzeihen; er
weiß, wie falsch ich war und wie ich dem Papa immer alles verkehrt
erzählt habe und auch wieder gestern. O, gestern hab' ich ihm auch noch
lang nicht alles gesagt, wie es war -- und jetzt! Ich möcht' es ihm ja
sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, und doch -- ich kann doch
nicht recht beten, solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, sag' mir
doch, was ich tun soll!«
Tante Toni überlegte ein Weilchen, dann sagte sie: »Ich hätte deinem
Vater gern jeden weiteren Schmerz erspart, und doch glaube ich, daß du
recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es ist immer besser, den Weg
der Wahrheit zu gehen, und dein offenes Geständnis ist deinem Vater ja
ein Beweis, daß du dich ernstlich bessern willst, und wird sein bester
Trost in allem Leide sein.«
»Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?«
»Gewiß! Die Ausführung eines solchen Entschlusses soll man niemals
verschieben.«
»Dann komm, Tante, geh' mit mir.«
»Nein, Kind, das mußt du mit deinem Vater allein ausmachen. Ich warte
hier auf dich und bete unterdessen.«
Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder hinunter zu seinem Vater. Er fand
diesen noch immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch und so
tief in Nachdenken versunken, daß er seines Sohnes Eintritt gar nicht
bemerkte.
»Vater!« sagte dieser leise bittend.
Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine ungeduldige Bewegung, aber
den flehenden Ausdruck in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, aber
gütig: »Hast du mir noch etwas zu sagen, mein lieber Sohn?«
Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst langsam und zögernd, dann aber
ging es immer leichter, und er machte ein offenes und freimütiges
Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie überhaupt all seiner Schuld,
so wie er sie in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der Vater hörte
stillschweigend zu -- manchmal kam es Otto vor, als ob er leise seufze,
aber als er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, da blickte
der Vater ihn ermunternd an und sagte: »Sprich nur weiter; habe Mut und
sage alles.«
Und Otto sagte alles, und zum Schluß kniete er nieder, und den Kopf auf
des Vaters Knie legend fügte er hinzu: »Vater, lieber Vater, du sollst
sehen, ich werde nun anders werden -- ich verspreche es dir und dem
lieben Gott. O könnt' ich doch nur -- könnt' ich alles wieder gutmachen!
O mein lieber, guter Vater!«
Der Vater legte die Hand auf des Sohnes Haupt. »Ich danke dir, Kind, für
dein offenes Bekenntnis. Es ist ja gewiß sehr schmerzlich für mich, zu
erfahren, wie sehr ich mich in dir getäuscht habe -- aber dein Mut und
deine Offenheit bürgen mir für deine jetzigen guten Gesinnungen und auch
für die Zukunft. Glaube mir, mein Sohn, ich will gern diese Prüfung
tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu dienen soll, aus dir
einen guten, offenen und pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh'
zur Ruhe, mein liebes Kind -- lege dich schlafen.«
»O Papa, wie könnt' ich denn schlafen!«
»Warum solltest du denn nicht schlafen können, jetzt mit deinem
erleichterten Gewissen -- und besonders wenn du es aus Gehorsam
versuchst? Gute Nacht, mein lieber Sohn -- Gott segne dich!« Und der
Vater küßte den Sohn auf die Stirne.
Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er mit Tante Toni beten, so recht
von Herzen und mit Vertrauen.
Nach dem Gebete sagte Tante Toni:
»Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, und schlafe; du kannst nun
ruhig alles dem lieben Gott überlassen.«
»O Tante, gehst du fort, gehst du wieder hinüber zu Wulffs?«
»Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinübertelefonieren, damit man
drüben nicht auf mich wartet. Ich komme hernach noch einmal nach dir
sehen.«
Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, legte Otto sich gehorsam zu
Bett, und er schloß die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen.
Immer und immer wieder mußte er an das Papier denken, an das
schreckliche Papier. »Ach, wüßt' ich doch nur, was das für ein Papier
ist, von dem so viel abhängen kann!« Wie hatte der Vater gesagt? »Mehr
als mein Leben -- meine Ehre!« Und nun kam es wieder, das
Schreckgespenst -- das Gefängnis! -- Sein lieber, edler Vater unschuldig
im Gefängnis, durch seine, des eigenen Sohnes Schuld! -- Nein, das war
gar nicht auszudenken -- das konnte er nicht ertragen. »Ach, hätt' ich
doch gefolgt«, stöhnte er, »hätt' ich doch den Stein und die Papiere
nicht angerührt -- so wäre das alles nicht passiert!« Und Otto weinte in
sein Kissen hinein, und dann betete er wieder: »Ach, lieber Gott, hilf
doch! Ich bitte dich, hilf -- ich will ja auch ein ganz anderer Bub
werden, ich versprech' es dir -- o hilf uns doch, lieber, allmächtiger
Gott!«
Nach diesem Gebet fühlte er sich ein wenig ruhiger, aber schlafen konnte
er doch nicht, er mußte wieder an seinen lieben Vater denken -- ob er
nun wohl noch immer unten an seinem Schreibtisch saß, so still, so
niedergebeugt? O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem guten
Vater! Wenn er doch wenigstens etwas für ihn tun könnte, wenn er doch
wüßte, ob der Vater noch immer so hoffnungslos ist! -- Tante Toni, wo
bleibst du so lang? Es ist Otto, als müsse er ersticken unter der Last,
die ihm auf dem Herzen liegt -- er kann's nicht mehr ertragen -- er
richtet sich auf in seinem Bett -- ist er denn ganz allein? Kommt
niemand ihm helfen, ihn trösten? O Tante, Tante Toni, komm' doch!
Hatte er es laut gerufen? Er wußte es selbst nicht -- aber Tante Toni
kam, und er streckte ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er hing
sich an ihren Hals und rief schluchzend:
»O mein Vater, mein lieber, armer Vater, was wird ihm geschehen? Ach,
Tante, sag' mir doch, was kann man ihm denn antun? Wird er nun wirklich
ins -- ins Gefängnis kommen!«
Da war es heraus, das schreckliche Wort! Es schauderte Otto, während er
es aussprach.
»Nein, nein«, beschwichtigte ihn Tante Toni, »davon ist keine Rede.«
»Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld beweisen?« Otto jubelte
beinah' auf, aber Tante Toni schüttelte traurig den Kopf.
»Du bist noch zu jung, Otto«, sagte sie; »ich kann dir die Sache nicht
genau erklären. Es gibt unehrenhafte Handlungen, für die man nicht ins
Gefängnis kommt, aber der sie begangen hat, steht deshalb doch entehrt,
gebrandmarkt vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater wirft man vor,
das Vertrauen anderer mißbraucht und zu seinem eigenen Vorteil
ausgebeutet zu haben -- und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren
Menschen geben kann wie ihn, so haben sich doch Leute gefunden, die
solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Gerade in der letzten Zeit
sind seine Gegner besonders kühn aufgetreten, weil derjenige, der für
deinen Vater hätte zeugen können, gestorben ist. Sie wußten nicht, daß
er ein Schriftstück hinterlassen hat, welches nicht nur alle
Verdächtigungen zunichte macht, sondern auch ein helles Licht auf die
lautere Gesinnung und edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses
Schriftstück nun ist es, welches dein Vater, als er vor einigen Tagen so
plötzlich verreiste, als wichtigstes Beweisstück herbeigeholt hat und
das nun verschwunden ist. Dieses Schriftstück, morgen in der
öffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, hätte ihn vor allen
Menschen gerechtfertigt, hätte seinen Verleumdern eine große Niederlage
bereitet -- und nun ist es verschwunden, und es ist nicht zu ersetzen.
Aber trotzdem wollen wir hoffen, daß die Verhandlung morgen zu deines
Vaters Gunsten ausfällt. Die guten Menschen wenigstens werden an ihn
glauben. Und nun, liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir können
nichts mehr tun, als die Sache dem lieben Gott überlassen.«
Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, bis er eingeschlafen war.
Erst als sie sich überzeugt hatte, daß er wirklich schlief, stand sie
leise auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber blieb sie lauschend
stehen; war es ihr doch, als hätte sie leises Weinen gehört. Richtig, es
kam aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante zurück, und sie fand
wirklich die arme kleine Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen.
»Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt dir?«
Die Kleine konnte kaum antworten vor Schluchzen: »Der Papa ist nicht --
an mein Bett gekommen -- um mir >Gute Nacht< zu sagen -- und es hat
niemand mit mir gebetet -- und ich hab' gehört, wie der Otto hier neben
geweint hat -- und ich war ganz allein -- und ich bin so traurig --
und ...« Und Lilly brach von neuem in bitterliches Weinen aus.
Tante Toni nahm das Kind auf den Schoß, tröstete es, wiegte es in den
Armen wie ein ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden war,
fragte sie: »Wollen wir nun das Abendgebet zusammen beten?«
Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, faltete sie die
Händchen. Nach dem Gebet ließ sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen
legen, aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit dem Versprechen,
bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, da schüttelte Lilly traurig das
Köpfchen: »Wenn der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich doch
nicht schlafen.«
Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: »Lilly kann nicht schlafen,
weil Papa ihr nicht >Gute Nacht< gesagt hat. Klein Lilly hat ihren Vater
so lieb.«
Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und es ging wie ein heller Schein
über sein Gesicht -- aber gleich zuckte es darin wieder wie tiefes Weh,
und er sagte:
»Arme kleine Lilly, arme Kinderchen -- es ist ja für sie, daß ich meinen
Namen rein und unbefleckt erhalten möchte.«
Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis Platz an Lillys Bettchen ein.
Obwohl er sein Töchterchen anlächelte, sah dieses doch, daß er Kummer
hatte. Es küßte des Vaters Hand und streichelte sie zärtlich.
»Sei nicht traurig, Papa -- ich hab' dich ja so lieb, _so lieb_! -- Ich
will auch ein recht braves Kind werden -- ich hab' es der Tante Toni
schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich auch sehr lieb....«
»Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun mußt du schlafen. Gute
Nacht, mein Töchterchen!«
»Gute Nacht, lieber Papa -- lieber -- guter -- Papa!« Und leise, leise
fielen Lillys müdgeweinte Äuglein zu; sie schluchzte noch einmal auf,
wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun, und dann schlief sie sanft und
fest ein.
Bald darauf war alles im Hause still, nur Herr Mehring und seine
Schwester waren noch auf, sie saßen beisammen im Arbeitszimmer. Herr
Mehring saß am Schreibtisch und schrieb Notizen auf; Tante Toni saß
etwas abseits, sie hielt die Hände auf den Knien gefaltet, und sie
lauschte dem Wind, der an den Fensterläden rüttelte. Als Herr Mehring
von seiner Arbeit aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden
Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem schmerzlichen Seufzer: »Wenn
ich wenigstens noch etwas Zeit vor mir hätte -- dann könnte ich
vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen -- aber bis morgen ist
es unmöglich. O Toni, ich sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen
entgegen. Ich war meiner Sache so sicher -- und nun ...« Der
schwergeprüfte Mann ließ den Kopf auf die Brust sinken.
Tante Tonis Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihren sonst so
tatkräftigen, mutigen Bruder jetzt so niedergebeugt sah. »Verzage doch
nicht, Robert«, sagte sie, »der liebe Gott läßt dich nicht im Stich.«
Herr Mehring lächelte wehmütig.
»Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein Wunder für mich tun.«
»Und warum nicht, du Kleingläubiger?« rief Tante Toni eifrig aus. »Was
ist denn ein Wunder für ihn, den Allmächtigen! Aber Gott kann auch
helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise, und wir sind arme, kurzsichtige
Menschenkinder, wir sorgen und quälen uns ab, statt ganz auf ihn zu
vertrauen!«
»Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott kann alles zum Guten wenden,
und ist es sein Wille, daß ich morgen vor den Menschen gedemütigt und in
den Staub gezogen werde, so geschehe sein heiliger Wille; er wird mir's
tragen helfen.«
Dann herrschte wieder Stille und Schweigen im Zimmer. Draußen aber war
der Wind zum Sturm geworden. Der wütete im Garten, schüttelte und beugte
die Bäume und peitschte den Regen gegen die Fenster, daß es prasselte.
»Welch ein Wetter!« sagte Tante Toni halblaut, als eben ein besonders
heftiger Windstoß einherfuhr, als ob er alles mit sich fortreißen
wollte. Plötzlich fuhr sie zusammen, und auch Herr Mehring sprang von
seinem Stuhl auf. Laut und schrill tönte es durchs Haus -- die
Türglocke.
»Was mag das sein? Wer mag so spät noch kommen?«
»Die Mädchen schlafen schon, ich werde selbst nachsehen«, sagte Herr
Mehring; aber Tante Toni ging mit ihrem Bruder hinunter.
»Wer ist da?« fragte dieser, ehe er die Haustüre öffnete.
»Ich bin's, Herr, ich, der Christian«, tönte es von draußen.
»Wie, Christian, Sie kommen noch so spät und bei diesem Wetter?« rief
Herr Mehring, die Tür öffnend. »Was gibt es denn?«
»Huh, ja, das is e Wetter!« sagte Christian eintretend und sich die Füße
abputzend, während ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann. »Und
ich muß recht um Entschuldigung bitten, daß ich Ihne noch so spät stör,
Herr Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer ja kei Ruh gelassen,
sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige Kopp neingesetzt gehabt, Sie
müßte das Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat, wie se diesen Abend
heimkomme is, noch heut zurückkriege, und wenn emal die Babett sich was
in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes wille, Herr Mehring,
was is Ihne dann? Was hab' ich denn jetzt angestellt!«
Herr Mehring hatte nämlich dem Alten, während dieser sprach, das Papier
aus der Hand genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, da
hatte er einen Schrei ausgestoßen und war zurückgetaumelt.
»Was ist dir, Robert, was ist?« rief Tante Toni erschrocken aus. Herr
Mehring legte den Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter lehnend,
sagte er mit von Tränen erstickter Stimme: »O Toni, der liebe Gott hat
geholfen, ohne ein Wunder zu brauchen -- es ist das Schriftstück!«
»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« rief Tante Toni lachend und weinend
zugleich. »Siehst du, ich wußt' es ja, daß der liebe Gott uns nicht im
Stich lassen würde!«
»Die alt Babett hat am End doch recht gehabt«, dachte der Christian, und
er kratzte sich hinter dem Ohr, was er gewöhnlich tat, wenn er verlegen
oder nachdenklich war. Aber man ließ ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken;
Herr Mehring und seine Schwester nötigten ihn ins Zimmer, und während
Tante Toni ihm ein Glas Wein einschenkte, sagte Herr Mehring:
»Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, wie Sie, oder vielmehr wie
Babett zu diesem Papier kommt!«
»Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die Babett is ja diesen Nachmittag
hier gewese, um den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer zweimal im
Monat tut. Wie se nun mit ihrm Korb fortgehn wollt, da is se da im
Garte, grad vorm Haus ausgerutscht und wär beinah hingefalle, und sie
hat in ihrm Schrecke laut geschriee -- da is obe e Fenster aufgerisse
worde und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und gleich drauf is der
Herr Otto gelaufe komme, um die Papiere wieder aufzulese, und wie em die
Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt, sie sollt nur recht
achtgebe, denn es wärn gar wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit
gemerkt, daß eins von dene Papiere in ihrn Korb gefalle is, und des hat
se erst gefunde, wie se vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und
da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit eim Aug geschlafe, und wie
ich halt nit gleich raus gewollt hab, da hat se angefange und hat auf
mei Tür gekloppt mit ihre zwei Fäust, und die sin noch recht kräftig für
so e alte Frau, denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgeführt, wie wann se
die ganz Stadt hätt aufwecke wolle. Und wie ich ihr dann zugeredt hab
und gesagt, des tät sich doch nit schicke, daß ich jetzt wege so eme
lumpige Papier die Leut noch aus em Schlaf störe sollt, da hat se immer
wieder gesagt, des wär e wichtig Papier, der Herr Otto wär ganz blaß
gewese, wie er runtergelaufe wär, und des Papier müßt diesen Abend noch
zu Ihne gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt, dann tät sie halt
selber gehn. No so bin ich halt komme, und wenn Se erlaube, Herr
Mehring, so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl vom Fräule
Toniche.«
Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch und fuhr sich mit dem
Ärmel über den Mund. Er machte große Augen, als Herr Mehring ihm so
herzlich dankte und ihm erklärte, welch großen Dienst er ihm durch
Überbringung des Schriftstückes geleistet hatte.
»Na, da freu' ich mich aber!« rief er beim Abschiednehmen, »und morge,
da werd' ich auch dabei sein, um die Gesichter von dene miserable
Lügner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich noch dran denk, was Sie für e
lieber, wilder Bub warn, früher, wie ich noch Gärtner bei Ihne Ihre
Eltern war, Herr Robert, und wie Sie mal von der Frau Mama eine
übergezoge kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte Beete
gesprunge sin!« Und im Fortgehen murmelte er vor sich hin: »Ja, ja, wenn
mer halt noch emal jung sein könnt!«
Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel sein erster Blick auf Tante
Toni, die schon an seinem Bette saß. Er war erst ganz erstaunt und rieb
sich die Augen, aber gleich legte es sich wieder wie eine Zentnerlast
auf sein Herz. Wie hatte er nur so gut schlafen können nach dem, was
gestern passiert war?