»Das habt ihr brav gemacht, Kinder!« rief Tante Toni am Schluß sichtlich

erfreut. »Ihr wißt ja, wie gern ich unsere schönen deutschen Lieder im

lieben deutschen Wald oder auf den deutschen Bergen höre! Kennt ihr das

Lied: >Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut?<«

»O gewiß, das kennen wir alle!« Und diesmal stimmten auch die Knaben mit

ein. Paul, der eine schöne Stimme und gutes Gehör hatte, sang die zweite

Stimme. Tante Toni saß ganz still und freute sich, wie der helle

Kindergesang so frisch in die freie Natur hinausschallte.

»Sogar die Vöglein schwiegen und hörten euch zu«, behauptete sie, als

das Lied zu Ende war.

»Nun mußt du aber auch singen, Tante«, baten die Kinder, und es erklang

noch gar manch lustiges und manch schwermütiges Volksliedchen, bis auf

einmal ein anderer, ein feierlicher Ton sich unter den Gesang mischte --

von der Dorfkirche drunten im Tal das Abendläuten.

Da verstummte der Gesang und alle lauschten still, bis der letzte

Glockenton verhallt war.

Plötzlich sprang Tante Toni auf und rief: »Aber, Kinder, wir vergessen

ja ganz die Zeit! Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit wir noch

vor Dunkelwerden heimkommen!«

»O wie schade, es war so wunderschön hier!« bedauerten die Kinder, sich

zum Aufbruch richtend.

»Aber wo ist denn Otto?« fragte auf einmal Tante Toni, sich nach allen

Seiten umsehend. Niemand wußte es, niemand hatte ihn fortgehen sehen.

Aber Mariechen behauptete, er könne noch nicht lange fort sein, denn vor

wenigen Minuten hätte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen.

»Otto, Otto!« riefen nun Tante und Kinder in alle Windrichtungen, aber

es erfolgte keine Antwort.

»Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon sowieso etwas verspätet!«

Tante Toni schien ein wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken

entschloß sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, die Zwillinge und

Philipp nach verschiedenen Richtungen als Kundschafter auszuschicken.

»Aber entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit zu Zeit«, empfahl sie

besorgt.

»Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen hört, der stößt ein

Indianergeheul aus, damit wir's gleich wissen«, schlug Anna vor; aber

sie hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht nur die Tante, auch die

Kinder hatte ein unheimliches Gefühl beschlichen; es war doch auch zu

sonderbar, daß Otto so spurlos verschwunden war. Tante Toni war ganz

blaß geworden, und sie sah so niedergeschlagen aus, daß Mariechen sie zu

beruhigen suchte, indem sie sagte: »Sorge dich doch nicht so, Tante; es

kann ihm ja doch hier nichts zugestoßen sein.«

»Er könnte beim Umherstreifen gefallen sein; es gibt mehrere recht

steile und gefährliche Stellen hier am Berg.«

»Dann hätten wir ihn doch schreien hören.«

»Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.«

Inzwischen hörte man von Zeit zu Zeit den Zuruf der drei suchenden

Knaben. Er klang schwächer und schwächer, dann näherte er sich wieder,

aber von Otto keine Antwort.

Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im Westen rötete sich der ganze

Himmel, aber niemand hatte einen Blick für den herrlichen

Sonnenuntergang -- alle standen da und warteten und lauschten. Endlich

kam Paul zurück, dann Philipp und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort,

die Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie ihre Blicke

erwartungsvoll auf Tante Toni, als ob sie doch helfen könnte und müßte.

Aber Tante Toni zitterte, wie wenn sie fröre; sie mußte sich an einen

Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie fühlte ja die ganze schwere

Verantwortung auf sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne Otto,

ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos rang sie die Hände. Auf einmal

raffte sie sich auf. »Kinder, kommt, wir wollen beten!« sagte sie, und

inmitten der Kinderschar niederkniend, flehte sie aus tiefstem Herzen:

»Unter deinen Schutz und Schirm ...«, und die Kinder stimmten mit ein.

Ernst und feierlich hallte das Gebet in die stille Abenddämmerung

hinein. Die Vöglein waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von der

Stadt schimmerten einzelne Lichter herüber.

Plötzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte sie jemand an der

Schulter berührt: es war Mariechen, und diese machte die Tante mit einer

leisen Gebärde auf Lilly aufmerksam. Diese schien in der Tat die

allgemeine Angst um ihren Bruder gar nicht zu teilen; sie kniete etwas

abseits an einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam auf einen

bestimmten Punkt -- eben lächelte sie sogar ein wenig. Tante Toni folgte

der Richtung ihres Blickes, und -- fast hätte sie laut aufgeschrien. --

Dort über dem großen Felsblock bewegte sich etwas; es zeichnete sich

scharf gegen den klaren Abendhimmel ab -- jetzt verschwand es wieder. --

Aber nun verstand Tante Toni alles. Sie erinnerte sich, daß sich oben in

diesem Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto war unbemerkt hinter

den Stein geschlichen, hinaufgeklettert -- gut klettern, das konnte er

ja -- und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war allerdings oft

mit Regenwasser gefüllt, aber es hatte ja nun längere Zeit nicht

geregnet.

Tante Toni atmete auf, wie von einer drückenden Last befreit. Und doch

fiel es ihr wieder recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte,

daß Otto also all ihre und der Kinder Angst und Sorge mitangesehen und

sich trotzdem nicht gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck

gewußt und hatte nichts getan, um sie aus der Angst zu befreien. Nach

all dem, was sie eben ausgestanden, war das Herz der armen Tante schon

ganz erschüttert, und nun kam dazu einerseits das Gefühl der großen

Erleichterung, anderseits der Schmerz über Ottos und Lillys

Herzlosigkeit. Das alles stürmte auf sie ein, sie konnte nicht mehr

widerstehen und brach plötzlich in Tränen aus. Die Kinder sahen sie

erschreckt an. Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen hatte die

Gefühle der Tante teilweise erraten und verstanden; sie machte den

andern ein Zeichen, so daß diese sich ganz still verhielten und der

Tante ein wenig Zeit ließen, um sich wieder zu fassen.

Die Sonne war nun längst versunken, und sogar auf dem Gipfel des Berges

hier fing es schon an dämmerig zu werden. Jetzt richtete Tante Toni sich

auf, und sie sagte, ohne nach dem Felsblock zu blicken:

»Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren -- wir

müssen heim.«

Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni -- sie sah so eigen aus und

ihre Stimme klang gar nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur

Lilly blieb stehen und fragte halb ängstlich, halb trotzig: »Und Otto?«

Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie antwortete: »Wir warten

nicht eine Minute länger auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und

da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts passieren -- höchstens

eine Erkältung kann er sich von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst

vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur im geringsten zu

entfernen. Nun schnell vorwärts!«

Tante Toni wußte ganz genau, daß dies das beste Mittel sei, um Otto

möglichst rasch aus seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit den

Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto auch schon aus seinem Loche

auf und begann vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber nicht so

leicht -- wahrscheinlich gerade weil er so eilig war, stellte er sich

viel ungeschickter an wie sonst, und er konnte lange keine Stütze für

seinen Fuß finden. Es überkam ihn, als er sich nun in der zunehmenden

Dunkelheit so ganz allein sah, ein recht unheimliches Gefühl. Er hätte

gerne gerufen; aber nein, dafür war er doch zu stolz. Er atmete

ordentlich auf, als er endlich unten war, und nun hatte er die andern

bald eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu bemerken, sie gingen

rasch und schweigend weiter. Otto fühlte sich sehr unbehaglich, und um

diesem ungemütlichen Zustand ein Ende zu machen, rief er mit erzwungenem

Lachen:

»Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, wo ich die ganze Zeit

war!«

Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie sahen ihn nur vorwurfsvoll

an. Tante Toni sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton:

»Ich weiß, wo du warst, Otto; du hast nicht schön gehandelt. Geh' jetzt

neben Lilly und gib ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt

mehr von mir.«

Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und man hatte Mühe, auf den Weg

zu achten. Von Paul und Kurt geführt, kam die kleine Truppe aber doch

rasch vom Fleck, und man gelangte glücklich auf die Landstraße.

»O wie schön!« rief Rudi aus, und er blieb einen Augenblick stehen; alle

wendeten sich um, und sie sahen nun, wie die glänzende Mondscheibe

langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann war auf einmal die

ganze Gegend in ein wunderbares, silbernes Licht getaucht.

»Nun haben wir eine gute Leuchte auf den Weg«, meinte der praktische

Philipp, während Mariechen ausrief:

»Das ist feenhaft schön!«

Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder hervor, und sie rief:

»Miezchen, gerate nur nicht in Verzückung, sonst steckst du mich an, und

dann bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle --, dann bleibe ich

einfach bis Mitternacht hier stehen, um die Elfen im Mondschein tanzen

zu sehen, wie Tante Toni es uns neulich erzählt hat.«

»Ei, um das zu sehen, muß man doch ein Sonntagskind sein!«

»Aber, Tante Toni, das bin ich doch -- ich meine, das müßtest du mir

doch ansehen!« Und Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin und

reckte sich in die Höhe, so sehr sie nur konnte.

Alle lachten, auch Tante Toni; aber plötzlich wieder ernst werdend,

legte sie die Hand auf Annas Köpfchen, und ihr die braunen, wirren Haare

aus der Stirne streichend sagte sie leise: »Ich glaube dir's, Kind; ja,

du mußt wirklich ein Sonntagskind sein. Möge der liebe Gott dir deinen

frohen Mut erhalten dein ganzes Leben lang! -- Aber nun müssen wir

weiter; eure Eltern werden gewiß schon besorgt sein über unser langes

Ausbleiben.«

»Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen?« schlugen die Zwillinge

vor, aber Tante Toni wollte nichts davon wissen.

»Nein, nein, wir bleiben schön beisammen«, wehrte sie ab. »Aber tüchtig

ausschreiten, das wollen wir!«

Es herrschte nun aber doch wieder eine andere Stimmung als vorhin, und

es flog sogar manches Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem zum

andern.

Auch Otto flüsterte seiner Schwester zu:

»Na, es ist wirklich Zeit, daß die alle wieder andere Gesichter machen;

das war doch zu dumm!« Und leise in sich hineinkichernd fügte er hinzu:

»Nein, war das drollig, da oben in dem Stein zu sitzen und zu sehen, wie

die andern alle suchten und sich den Hals heiser schrien -- ich mußte

mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen!«

Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gelächter ein; sie schüttelte den Kopf

und sagte nachdenklich: »Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon

kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, daß Tante Toni wirklich in

Angst um dich war, da hättest du herunterkommen sollen. Es hat mir ganz

wehgetan, wie sie auf einmal so geweint hat, und ich hätte dir nicht

folgen dürfen....«

»Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht: keins verrät das

andere, und es wäre Verrat gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt

hättest. Ich möchte nur wissen, ob Tante Toni wirklich weiß, wo ich

gesteckt habe.«

»Das glaube ich ganz gewiß.«

»Woher aber? Außer uns kennt doch niemand das Loch in dem Stein -- es

war ja früher schon Papas Geheimnis, wie er noch klein war.«

»Ja, du weißt aber auch, daß Tante Toni immer Papas Lieblingsschwester

war, und da hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht.«

»Dann hätte sie sich aber doch nicht so zu ängstigen brauchen.«

»Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht, oder sie hat auch gar

nicht gewußt, daß man sich in dem Loch verstecken kann, weil es ja

früher immer voll Regenwasser war; Papa war selbst ganz erstaunt, als er

voriges Jahr bemerkte, daß das Wasser jetzt ablaufen kann.«

»Ja, das ist wahr. Aber schau mal! -- Ich glaube gar, da kommt Papa mit

Onkel Helmer! O weh, das ist dumm!«

Es waren wirklich Herr Mehring und Herr Helmer, die, ernstlich

beunruhigt durch das lange Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen

entgegengegangen waren.

»Na, da seid ihr ja alle heil und gesund!« riefen sie ihnen entgegen.

»Die beiden Mütter sind schon ganz besorgt, und wir konnten uns gar

nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet!«

Erst als sie ganz nahe herangekommen waren, bemerkten sie die verlegenen

Gesichter der Kinder, und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend

anblickend:

»Toni, du bist so blaß! Ist etwas vorgefallen?«

Nach einigem Zögern antwortete Tante Toni: »Ich glaube, es ist am

besten, wenn Otto dir selbst den Grund unserer Verspätung mitteilt.«

Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring von seiner Schwester auf

seinen Sohn, aber Otto faßte seines Vaters Hand, und ihn mit sich

fortziehend sagte er: »Komm nur, Papa, ich erzähle dir alles; du wirst

sehen, es ist gar nicht schlimm.«

Und er erzählte nun, wie er von den andern unbemerkt auf den großen

grauen Stein geklettert sei und sich in das Loch versteckt habe und wie

er schon sehr lange darin gesessen habe, bevor Tante Toni sein

Verschwinden bemerkt hätte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen

worden sei, und das sei so unterhaltend gewesen, daß er gar nicht geahnt

hätte, wie spät es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte schweigend

zugehört. Am Schluß sah er seinen Sohn ernst und forschend an, und er

sagte:

»Otto, die Sache gefällt mir nicht recht. Ich bin eben wirklich

erschrocken über das blasse, angegriffene Aussehen deiner Tante; sie muß

sich also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du hast sie gewiß viel

zu lange hingehalten, ehe du aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte

mir ehrlich: >Hast du bemerkt, daß Tante Toni sich wirklich ängstigte?<«

Otto sagte leise und zögernd: »Ja -- Papa.«

»Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck geblieben?«

Otto senkte den Kopf und schwieg.

»Noch lange?« fragte der Vater.

»O, nicht so sehr«, suchte Otto sich zu entschuldigen; aber Herr Mehring

seufzte tief auf, und er sagte nach einigem Nachdenken:

»Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst du auch, warum?«

Otto schüttelte den Kopf.

»Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.«

»O Papa!«

»Ja, Kind; du weißt, daß ich einen kleinen Streich, eine Neckerei nicht

so ernst nehme, sogar Unarten kann man Kindern verzeihen -- mein Gott,

keiner von uns ist ja wohlerzogen vom Himmel heruntergefallen! Aber hier

ist mehr wie Leichtsinn dahinter. Daß du deine gute Tante sich erst

lange ängstigen ließest, ehe du aus deinem Versteck kamst, das läßt mich

beinahe an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls hoffe ich, daß du

die Tante diesen Abend noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr

versprechen wirst, sie künftighin nicht mehr zu betrüben. Wirst du das

tun?«

Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend neben seinem Vater her,

mit einer großen, großen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater nun noch

eines der andern Kinder fragte? Aber nein, warum sollte er denn? Das

hatte er ja sonst auch nicht getan, und von selbst würden ihn die andern

nicht verklagen, das wußte er.

Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, drängte er sich, dem Winke

seines Vaters folgend, an die Tante heran und sagte leise, mit halb

abgewandtem Gesicht: »Tante, bitte, verzeih' mir, ich will dich nicht

mehr betrüben.«

Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend an, dann sagte sie

betrübt: »Es kommt dir nicht recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe

dir trotzdem -- du hast eben selbst noch nie eine wirkliche und große

Angst ausgestanden, und du ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber

Otto.«

An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen; unruhig warf er

sich in seinem Bett hin und her, und er dachte: »Ach, hätt' ich doch

noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte -- der könnt' ich's wohl

sagen!«

Als er aber die Schritte seines Vaters auf der Treppe hörte, drehte er

sich schnell zur Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze ins Zimmer

trat und sich über seinen Sohn neigte, da lag dieser mit geschlossenen

Augen und atmete tief und regelmäßig, wie wenn er schliefe.

Siebtes Kapitel.

Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt du nun, wie es tut?

Am andern Tag hatte Tante Toni heftige Kopfschmerzen. Als diese gegen

Mittag etwas besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf, die mit einer

Erkältung und etwas Fieber zu Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und

fragte: »Nun, wie ist es dir denn gestern gegangen, meine liebe kleine

Freundin? Warst du recht vergnügt mit Mama und mit den Kleinen?«

»O ja«, nickte Tonichen; »Tante Luise ist auch gekommen mit dem kleinen

Bubi; der ist gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er ein ganz

schwarzes Püppchen bekommen, ein Mohrenkind, und das hat er mitgebracht,

und denke dir, Tante -- ach, das war zu drollig ...!« Und nun fing Toni

an, so zu lachen, daß sie gar nicht mehr weitererzählen konnte.

»Erzähl' doch erst und lach' nachher, damit ich wenigstens mitlachen

kann«, meinte Tante Toni.

»Also hör, Tante! Der Bubi ist mit seinem Bambula -- so heißt sein

schwarzes Püppchen -- gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen

hat sich ein bißchen gefürchtet, aber nur anfangs, hernach nicht mehr,

und dann hat Bubi sogar seinen Neger zum Püppchen von Minnichen ins Bett

gelegt, und wie Minnichen gerad' ein bißchen am Fenster war, da hat der

Bubi auf einmal geschrien: >Minnichen, tomm deswind sehn, dei Püppchen

is weck -- der Bambula hat's aufdefressen!< Und 's weiße Püppchen war

wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen hat zu weinen, da hat

der Bubi gesagt: >Nit weinen, Minnichen! 's Püppchen is widder da,

Bambula hat's widder rausdebrockelt.< Und richtig, Tante, das Püppchen

lag auf einmal wieder im Bettchen, und da hätt'st du mal sehen sollen,

wie Minnichen ihr Püppchen genommen und geherzt und geküßt hat und wie

sie dem Bambula böse Augen und strenge Gesichter gemacht hat -- aber nur

von fern, denn das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder ein

bißchen vor dem bösen Mohren gefürchtet.«

Jetzt wurde Tonis Erzählung durch einen Hustenanfall unterbrochen.

»O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich hätte dich nicht so erzählen

lassen sollen -- du sollst wohl gar nicht viel sprechen?«

»Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab' ja schon so oft Husten

gehabt! Du mußt dir wirklich hernach von Minnichen selbst erzählen

lassen, wie Bambula ihr Püppchen gefressen hat; da mußt du wirklich ganz

schrecklich lachen, Tante. Geh' nur mal hinüber ins Kinderzimmer -- aber

dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen?«

»Gewiß, Kleines, ich komme gleich wieder.«

Als die Tante ins Kinderzimmer trat, saß Minnichen mit tiefbetrübter

Miene neben ihrem Puppenbettchen, während Leo, die Stirne in ernste

Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine große Brille -- ohne Gläser --

auf seinem Näschen sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter dem

Arm. Er räusperte sich, genau wie der gute alte Hausarzt es zu tun

pflegte, und dann sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen

konnte:

»Wir werden das kranke Kind impfen müssen; es gibt kein anderes Mittel,

um's wieder gesund zu machen -- aber erst muß es Medizin nehmen.«

Dann schüttelte er die Milchflasche kräftig, und ein Puppenlöffelchen

unterhaltend, zählte er langsam und bedächtig: »Eins -- zwei -- drei --

mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben, sonst stirbt das Kind; denn

die Medizin ist Gift.«

Erst nachdem er das Löffelchen dem kranken Puppenkind hingehalten hatte,

drehte er sich nach Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte er

sehr ernsthaft: »Ach, guten Tag, Fräulein! Wie geht es Ihnen? Soll ich

Ihren Puls fühlen?«

Tante Toni ging natürlich auf das Spiel der Kleinen ein und sagte:

»Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke Ihnen, mir geht es ganz gut;

aber das Kind dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den Schrecken

von gestern?«

»Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm!« Dabei machte Leo die größten

Anstrengungen, seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch seine

große Brille ins Rutschen kam. Tante Toni hatte große Mühe, das Lachen

zu verbeißen. Leo aber ließ sich nicht irremachen; er stellte seine

Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche auf die Erde und rückte seine

Brille wieder zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die Tante zum

Puppenbettchen ziehend sagte es: »Arm Poppelsen, wehweh hat.«

Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der kleine Lehrmeister bekam

wieder die Oberhand, und er sagte eifrig:

»Minnichen, erzähl' mal der Tante, wer hat dein Püppchen krank gemacht?«

»Böser Bambula«, sagte die Kleine, ein Schnütchen machend.

»Hörst du, Tante, wie gut sie schon >Bambula< sagen kann? Sie hat es

doch gestern zum erstenmal gehört, und es ist auch gar kein leichtes

Wort.«

Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend, geriet Minnichen auch in

Eifer, und sie erzählte: »Bös Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefeßt

-- so ...« Und die Kleine sperrte ihr Mündchen auf, so weit sie nur

konnte, und auf Tante Toni sich stürzend, machte sie »Happ, happ!« als

wollte sie diese verschlingen. Dann erzählte sie weiter, ihre Worte mit

sehr ausdrucksvollen Gebärden begleitend: »Und Minnisen hat weint, so:

>Hiehiehie!< Dann hat Bambula bockelt, so: >Bröh -- bröhx<, und da war

Poppelsen widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt Bambula, so ...« Und

Minnichen riß die Äugelchen weit auf, machte ein bitterböses Gesicht und

drohte mit dem Fingerchen.

»Huh«, machte Tante Toni zurückfahrend, »da war der Bambula aber sicher

sehr bang, wie er dein strenges Gesicht gesehen hat?«

»Ja«, antwortete Leo für sein Schwesterchen, »wir haben ihm gesagt, er

dürfe nicht mehr zu uns auf Besuch kommen sonst würde er einfach

nausgeschmissen!«

»Nausmissen«, bekräftigte Minnichen mit energischem Kopfnicken.

Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante Toni am Bettchen ihres

Patenkindes zu.

»Tante, ich muß dir etwas sagen«, flüsterte klein Toni ernsthaft, ein

wenig zögernd.

»Was denn, mein Liebling?«

»Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr böse gewesen.«

»O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber leid. Dir gewiß auch?«

»Ich weiß nicht recht, Tante. Es tut mir schon leid, daß ich so zornig

war, weil das den lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer bös,

sehr bös auf Otto!«

»Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erzählt?«

»Ja, Tante. Und wie du geweint und dich gesorgt hast, und daß der Otto

nicht einmal gezankt worden ist. Und da hab' ich gewünscht, der liebe

Gott möchte ihn selbst recht tüchtig strafen.«

»O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht! Wir wollen lieber beten

für ihn, damit er sein Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst

sehr leid tun. O Tonichen, das war ein häßlicher Wunsch; einen solchen

darf meine kleine Freundin nie mehr haben!«

»Aber Tante, er war doch so bös gegen dich, der Otto, und du bist so

lieb und gut! Nein, ich mag ihn gar nicht mehr, den bösen, garstigen

Buben!«

»Du kränkst mich, Tonichen, wenn du so sprichst!«

»O Tante, ich will dich nicht kränken, und es ist ja, weil ich dich so

sehr lieb hab' ...« Und schluchzend schlang klein Tonichen ihre Ärmchen

um den Hals der Tante.

»Ich weiß es ja, mein Liebling, ich weiß es ja«, suchte die Tante das

weinende Kind zu beruhigen. »Und weil du die Tante Toni so lieb hast und

ihr eine ganz besondere Freude machen willst, wirst du diesen Abend beim

Abendgebet ein Vaterunser für unsern lieben, armen Otto beten. Willst

du?«

Tonichen nickte unter Tränen lächelnd.

»Und nun liege recht still und ruhig, sonst mußt du wieder so stark

husten. Ich erzähle dir auch. Was möchtest du gerne hören?«

»O bitte, Tante, erzähle mir noch einmal die Geschichte von dem kleinen

Johannes, den niemand lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht

gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland empfangen hatte.«

Und Tante Toni erzählte, während klein Toni begierig lauschte.

»O wie schön!« seufzte sie am Schluß der Erzählung. »Ich möchte auch

sterben wie der kleine Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen

Kommunion.«

Später kam auch Tonis Mutter und setzte sich an ihr Bettchen; da

strahlte ihr Gesichtchen vor Freude, und sie sagte: »Jetzt bin ich so

froh, so froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur recht lange

hier!«

»Ja, recht lange«, wiederholte die Mutter leise, und sie blickte voll

Liebe und Besorgnis in das blasse Gesicht ihres Töchterchens, und so oft

dieses hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der Mutter; klein Toni

merkte das, und sie gab sich von nun an alle Mühe, ihren Husten

zurückzuhalten.

Tante Toni und ihre Bande · 第 5 / 8 段