»Ja, ja«, nickte das Kind eifrig. »Dokedok sund mach, Lästersen

dauftun.«

»So, so, ein Pflästerchen möchtest du für dies nette, runde Speckärmchen

haben? Na, komm, laß einmal sehen.«

Wie aber der Doktor das Ärmchen fassen wollte, zog Minnichen es rasch

zurück und schrie lachend: »Kitzekitz!«

»Es meint, du wolltest's kitzeln«, erklärte Leo dem erstaunten Doktor.

Dieser lachte, und diesmal mit festem Griff das Ärmchen fassend, sagte

er:

»Nein, kitzeln, das tut der Onkel Doktor nicht. Aber nun paß einmal gut

auf -- drei nette Pünktchen mach' ich dir da oben hin, drei wirklich

nette Pünktchen. Kannst du schon zählen? Also eins, zwei, drei ...!«

Minnichen hielt ganz still und schaute mit großer Aufmerksamkeit dem

Doktor zu. Als er fertig war, hielt es ihm das andere Ärmchen auch hin

und sagte: »Noch pickpick.«

»Nein, aber so was!« rief der Doktor verwundert. »Das muß ich sagen, ich

hab' doch schon viele Kinder geimpft, es haben auch viele davon recht

schön stillgehalten; aber bisher hat doch noch keines verlangt, noch

mehr geimpft zu werden!«

Leos Augen leuchteten vor freudigem Stolz, als der Doktor dies sagte,

und er versicherte: »Ja, so eins wie mein Minnichen gibt's überhaupt

nicht mehr. Und, Onkel Doktor, wenn du erst wüßtest, wie schlau es ist

und was es schon alles kann! Denke dir, neulich ...« Und während die

Mutter und Tante Toni die Kleine wieder ankleideten, erzählte er dem

Arzt die Heldentaten seines Schwesterchens. Dieser hörte eine Zeitlang

freundlich zu, endlich klopfte er dem Bürschchen auf die Schulter und

meinte schmunzelnd: »Na, ein Wunder ist es ja nicht bei einem so

tüchtigen Lehrmeister. Übermorgen komme ich mal nachsehen, ob es diesmal

anschlagen wird. Aber jetzt möchte ich mir das kleine, blasse

Fräuleinchen hier ein bißchen näher besehen.« Damit zog er Tonichen zu

sich heran und begann dieselbe zu untersuchen, zu beklopfen und zu

behorchen. Er machte dabei ein ernstes Gesicht und schüttelte ein

paarmal mit dem Kopf, und erst als er bemerkte, wie Toni ihn mit ihren

ernsten blauen Augen gar forschend ansah, versuchte er ein vergnügtes

Gesicht zu machen und zu scherzen. Aber das Kind ließ sich nicht

täuschen, und sowie es gewahrte, daß die Aufmerksamkeit seiner Mutter

durch die kleinen Geschwister in Anspruch genommen war, neigte es sich

rasch zum Arzt hin und fragte leise: »Werde ich bald sterben, Onkel

Doktor?«

Dieser fuhr erschrocken zurück. Dann zog er klein Toni auf sein Knie,

und sanft ihr Köpfchen streichelnd fragte er: »Wie kommst du denn auf

diesen Gedanken, du Kleines? Fühlst du dich nicht wohl? Tut dir etwas

weh -- sag' mir's doch!«

Toni schüttelte das Köpfchen: »Nein, weh tut mir eigentlich nichts. Ich

bin nur immer so müd'.«

»Ach geh' doch, vom Müdesein stirbt man doch nicht!« sagte der Doktor

lächelnd, und aufmunternd fügte er hinzu: »Komm, Kindchen, schau nicht

so ernst drein, das paßt ja gar nicht für dein Alter. Du sollst vergnügt

sein und springen und lachen, so wie dein kleines Schwesterchen da. Hör

doch nur, wie es kräht, und schau, wie es zappelt, daß man es kaum

halten kann.«

Dann stand der Doktor auf, und die Mutter ging wieder mit ihm hinunter.

Als Tante Toni etwas später nachfolgte, da war der Doktor schon fort,

aber Tante Toni merkte, daß ihre Schwester geweint hatte.

»Was gibt es denn, fehlt Tonichen etwas?« fragte sie besorgt. »Hat der

Doktor etwas gefunden?«

»Nein, er hat nichts gefunden; Lunge, Herz, alles ist gesund, und doch

ist unser guter alter Doktor nicht ohne ernste Besorgnisse; denn das

Kind entwickelt sich nicht, im Gegenteil, es nimmt sichtlich ab.«

In diesem Augenblick kam Lilly ins Zimmer gestürmt. »Tante Maria, darf

ich heute bei dir zu Mittag essen?« rief sie. »Otto ist zu Tante Luise

gegangen; denn Papa ist fort, und unser Fräulein hat so arges Kopfweh.«

»Gewiß darfst du hier essen, Lilly. Wo ist Papa denn hin? Er hat gestern

gar nicht davon gesprochen, daß er heute verreisen müsse.«

»Er hat's gestern ja selbst noch nicht gewußt, und er kommt diesen Abend

auch schon zurück.«

»Willst du denn einstweilen in den Garten gehen? Du wirst wahrscheinlich

Anna dort finden.«

Lilly ging zur Türe, dort blieb sie aber zögernd stehen; sie blickte

unschlüssig auf ihre beiden Tanten; man sah ihr an, sie hätte gerne noch

etwas gesagt, sie getraute sich aber nicht recht.

Tante Toni sah ihre Nichte aufmerksam an; auch Frau Wulff bemerkte des

Kindes Zögern. »Lilly, was hast du denn?« fragte sie in freundlichem,

aufmunterndem Ton.

Jetzt ließ aber Lilly den Kopf auf die Brust sinken, und sie fing an zu

weinen. Da nahm Tante Maria sie auf den Schoß, sie strich ihr die Haare

aus dem Gesichte, trocknete ihr die Tränen, und dann sagte sie: »So,

mein liebes Kind, nun erzähl uns, was dich drückt.«

Aber Lilly weinte nur um so mehr -- endlich stammelte sie: »Ach, der

Papa -- ich hab' solche Angst um den Papa!«

»Aber warum denn, Lilly? Er war doch schon öfter verreist, und du sagst

ja selbst, daß er diesmal nur für einen Tag fort ist!«

»Ja, deshalb ist es auch nicht. Aber diesen Morgen ist ein Polizeidiener

gekommen und hat dem Papa einen schrecklich großen Brief gebracht, und

da war der Papa sehr aufgeregt, und er hat gesagt, er müsse gleich fort,

um wichtige Papiere zu holen. Und Otto meint, dieser große Brief sei

eine Vorladung vor Gericht, und er hat auch gehört, wie der Gärtner und

der Milchmann zusammen geredet haben und wie sie gesagt haben, die bösen

Leute wollten unsern Papa unschädlich machen; und, Tante, >unschädlich

machen<, das heißt doch, sie wollen ihn tot machen -- der Otto hat es in

seiner >Tigerjagd< gelesen; da steht es: wie der Tiger tot war, da

freuten sich die Menschen, weil er nun endlich unschädlich gemacht

war.« Und Lilly brach von neuem in bittere Tränen aus.

Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen, und sie wie ein kleines

Kind in den Armen wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton:

»Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, -- das habt ihr beide nicht richtig

verstanden; deinem lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle

guten und edeln Menschen haben Gegner -- das ist nun einmal so auf der

Welt --, und so gibt es auch böse Menschen, die deinen Vater verleumden;

aber laß nur die Gerichtsverhandlung kommen, die brauchst du gar nicht

zu fürchten; da werden alle Leute erfahren, was für ein guter Mensch

dein Vater ist, und seine Verleumder werden bestraft werden.«

Lilly hatte aufmerksam zugehört. »Ja? glaubst du, Tante Maria? Und dem

Papa wird nichts geschehen?« Und das Kind atmete erleichtert auf. Dann

sprang es hinaus in den Garten, um dort Anna und die Zwillinge

aufzusuchen.

Sechstes Kapitel.

Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen

schlimmen Streich.

Es war wieder Sonntag und das herrlichste Wetter.

»Heute müssen wir aber einen schönen, großen Spaziergang machen«, sagte

Tante Toni auf dem Heimweg von der Kirche; »ich möchte so gerne mal

wieder zum Wetterstein gehen -- ist euch das nicht zu weit?«

»O nein, Tante, gewiß nicht! Und der Weg dahin ist so schön und man muß

tüchtig klettern!«

Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme für den Spaziergang, und es

wurde beratschlagt, um wieviel Uhr man aufbrechen und was man alles

mitnehmen müsse.

»Aber für Tonichen wird es doch zu weit sein -- diesmal wirst du wohl zu

Hause bleiben müssen.«

Klein Toni ließ betrübt das Köpfchen hängen, aber ihr Gesichtchen hellte

sich gleich wieder auf, als ihre Mutter sagte:

»Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden uns schon gut zusammen

unterhalten; nicht wahr, mein Kind?«

»Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag bei dir bleiben, und

willst du mit mir spielen?« Und ihre Äuglein glänzten vor Freude.

»Gewiß, mein Herzchen, ich spiele mit dir, erzähle oder lese dir vor --

was du am liebsten hast. Und wir geben dabei zusammen auf die zwei

Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht da, sie darf ihre Mutter

besuchen.«

»Der Rudi könnte eigentlich heute auch zu Hause bleiben, damit wir

Großen doch mal unter uns sind!« Und Otto, welcher dies gesagt hatte,

reckte sich in die Höhe, um möglichst viel größer zu erscheinen wie

Rudi.

Die andern machten alle ärgerliche Gesichter. »Man meint wirklich, du

hättest hier etwas zu befehlen«, sagte Kurt. »Wenn der Rudi nicht

mitgeht, dann bleib' ich auch daheim.«

Und: »Ich auch!« »Ich auch!« riefen Paul und Philipp, Mariechen und

Anna.

»Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!« Und triumphierend drängten

sich Otto und Lilly an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte in

ernstem Ton:

»So läßt Tante Toni doch nicht über sich verfügen. Rudi geht jedenfalls

mit -- er kann gewiß so gut marschieren wie Lilly und Anna, und ich sehe

gar nicht ein, weshalb er zurückbleiben sollte. Wer sonst noch von euch

mitgehen will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge niemand. Es

steht dir also frei, Otto, mitzugehen oder zu Hause zu bleiben -- wenn

du dich aber zum Mitgehen entschließest, so bitte ich mir aus, daß du

dich gut benimmst und keinen Streit anfängst.«

Otto zuckte ärgerlich die Achseln und gab keine Antwort -- aber gleich

nach Tisch, zur festgesetzten Stunde, fand er sich sehr pünktlich mit

Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von selbst verstände und als

ob am Morgen gar nichts vorgefallen wäre. Nur als Tante Toni ihn wie

fragend ansah, da schaute er verlegen weg und machte sich an seinem

Rucksack zu schaffen. Unterwegs sprach er mehrmals leise mit Lilly, und

einmal hörte Mariechen, wie er sagte: »Aber daß du schweigst, Lilly,

daß du mich nicht verrätst! Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!«

Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: »Ich hab' dich doch noch nie

verraten!«

Auch auf diesem Wege fand Tante Toni häufig Gelegenheit, den Kindern

allerhand kleine Ereignisse aus ihrer Kinderzeit zu erzählen. Als sie an

einem kleinen Kapellchen, das am Fuße einer Anhöhe stand, vorbeikamen,

blieb sie stehen und rief aus:

»O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied singen -- das haben wir auch

früher stets getan, wenn wir hier vorbeikamen.«

Sie stimmte an: »Salve Regina, Reinste aus allen.« Die hellen

Kinderstimmen fielen ein, und das klang so froh und so feierlich durch

die Sonntagsstille. Auf der Landstraße drüben blieb ein Wanderer stehen,

er nahm den Hut ab und horchte, und als der Gesang fertig war, da ging

er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im Kapellchen drinnen aber saß

ein altes Mütterchen, das freute sich so, daß ihm die hellen Tränen über

die runzeligen Backen liefen, und zum Schluß fiel es ein und sang mit

zitterigem Stimmchen mit:

»Hilf uns, Maria!

Maria, hilf!«

Nun führte der Weg in den Wald, und er begann sehr zu steigen.

»Soll ich dich ein bißchen schieben, Tante Toni?« bot Rudi sich an. »Das

kann ich sehr gut, gelt, Mieze? Ich hab' die Mieze schon öfter einen

Berg hinaufgeschoben, wenn sie müd' war.«

Tante Toni lachte: »Ich danke dir, lieber Rudi; ich bin aber wirklich

noch gar nicht müde, und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst

dich auch nicht so anstrengen.«

»O Tante Toni, das tut mir nichts -- ich bin stark, sehr stark!«

»Prahlhans!«

»Das ist nicht geprahlt, Otto, und du weißt's recht gut, daß ich stark

bin!«

»Doch lange nicht so stark wie der Otto«, mischte sich nun Lilly ein,

und sie warf Rudi einen herausfordernden Blick zu.

»Oho, Lilly!«

»Ja, und deinen großen Mut haben wir ja auch neulich bewundern können,

Herr Schwanenritter!«

Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot im Gesicht geworden, und er

schrie: »Dich hätt' ich sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen

hätte; du wärst überhaupt in Ohnmacht gefallen vor Angst, du Waschlappen

du!«

»Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz ungezogener, frecher Bub!«

Die beiden Knaben wären gewiß wieder aneinander geraten, wäre nicht

Tante Toni rasch dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich: »Ich

will auch mal was sagen: An jenem Tage haben wir uns alle eigentlich

blamiert, und Tante Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit

gezeigt hat.«

»Hoch lebe Tante Toni, unser General!« schrie Anna, ihren Hut

schwenkend, und in diesen Ruf stimmten die andern gerne ein; nur Otto

machte ein verbissenes Gesicht, und er flüsterte Lilly zu: »Und ich

werd's ihm doch noch eintränken!«

Im Weiterschreiten erklärte Tante Toni: »Die Körperstärke, liebe Kinder,

ist ja eine sehr gute und schöne Sache, aber sie ist kein Verdienst;

denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich nicht selbst

verschaffen, man kann höchstens die vorhandene entwickeln. Es gibt aber

eine andere Stärke, die steht weit höher als die Körperstärke, und die

kann jeder erlangen, wenn er nur ernstlich will; das ist die

Charakterstärke, die Seelenstärke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe

besiegt oder der Otto den Rudi, ob der Paul den Philipp unterkriegt oder

umgekehrt der Philipp den Paul, das scheint euch von großer Wichtigkeit;

mir dagegen beweist es nur, daß der eine kräftigere Muskeln hat als der

andere, ich achte keinen dafür höher oder geringer. Aber den, der sich

selbst besiegt, den, der seinen Zorn, seine Mißgunst, seine Selbstsucht

und seine andern bösen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich

hoch, der ist in Wahrheit groß und stark, und wenn er nach außen auch

nur ein armer Krüppel wäre.«

Die Kinder hatten aufmerksam zugehört, und alle gingen eine Zeitlang

schweigend und nachdenklich weiter, bis endlich Anna ausrief: »So, nun

wollen wir aber wieder lustig sein! Dürfen wir, Tante Toni?«

»Ihr sollt sogar!«

»O weh, Tante, was man soll, das kann man lange nicht so gut als das,

was man nur darf!«

»Ein großes Wort sprichst du gelassen aus«, deklamierte Kurt, dann fügte

er hinzu: »Also los, Änne, mach' mal einen von deinen berühmten Witzen,

damit es was zu lachen gibt!«

Anna legte die Stirne in Falten und versank in Nachdenken, so daß Rudi

meinte: »Du siehst aus, als müßtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe

lösen.«

Anna gestand in kläglichem Tone: »Es fällt mir wirklich gar nichts ein,

so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in der

Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, dann fällt mir immer

allerhand ein, worüber ich lachen muß; aber wenn ich's gerad' möchte,

dann weiß ich nichts und dann erinnere ich mich nicht einmal der

drolligen Sachen, die mir früher eingefallen sind.«

»Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig zu sein«, tröstete Tante

Toni. Ȇbrigens scheint es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit

auf den Weg zu lenken; er wird sehr steil, und in diesem Geröll könnte

man sehr leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, Kinder!«

»O Tante, mich brauchst du doch nicht zu den kleinen Kindern zu

rechnen!« erwiderte Otto beleidigt. »Gib du nur auf den kleinen Rudi

acht, ich werde schon für Lilly sorgen. Komm, Lilly, gib mir die Hand.«

Und die Hand seines Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit den

Berg hinauf.

»Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus«, klagte Lilly; »zieh mich

doch nicht so fest!«

»Schweig doch still!« flüsterte Otto ihr zu. »Du kannst ja ordentlich

klettern! Ich möchte der Tante Toni doch zeigen, daß ich kein kleines

Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein.«

Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab sich alle Mühe, mit ihrem

Bruder Schritt zu halten, und die beiden waren den andern schon ein

gutes Stück voraus. Tante Toni rief ihnen ängstlich zu: »Nicht so rasch,

Otto und Lilly, ihr seid zu waghalsig!«

Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und die Hand seines

Schwesterchens, welches eben beinah' gefallen wäre, fester fassend,

sagte er leise und aufmunternd: »Jetzt noch einen tüchtigen Anlauf, und

wir sind oben.« Er nahm aber den Anlauf so stark und riß Lilly so heftig

mit sich, daß beide, oben angekommen, zur Erde stürzten. Otto sprang

schnell wieder auf und half auch Lilly in die Höhe. Er hatte nur arg

zerschundene Hände und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf den

steinigen Boden gefallen, sie hatte eine große Beule an der Stirne, und

sie blutete stark aus der Nase. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht;

aber als Otto in sie drang: »So wein doch nicht, Lilly, sonst krieg'

ich's ja!« da verbiß sie ihren Schmerz, und sie versicherte der

besorgten Tante Toni, sie hätte sich gar nicht arg wehgetan. Aber das

Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser zur Hand war, mußte Lilly

sich unter einen Baum platt auf den Rücken legen und Tante Toni drückte

ihr zusammengelegtes Taschentuch sanft auf die Beule, die immer heftiger

anschwoll. Mariechen bemühte sich unterdessen, Ottos zerschundenes Knie,

so gut es ohne Wasser ging, zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der

dabeistand und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Na, ein

Glück, daß du diesmal die Schuld nicht auf mich wälzen kannst, sonst

hätten wir ein schönes Konzert zu hören bekommen.«

»Schweig!« herrschte Otto ihn an, und Rudi schwieg auch, aber nicht um

Otto zu gehorchen, sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick

zugeworfen hatte.

In Otto aber kochte und gärte es. Er fühlte ganz genau, daß er im

Unrecht war; er hatte dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte,

gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und mehr noch seinem

Schwesterchen empfindlich wehgetan, und aus dem geplanten Triumph war

eine Niederlage geworden. Statt sich nun über sich selbst und über seine

Unvorsichtigkeit zu ärgern, ärgerte er sich über die andern, ganz

besonders aber über Rudi und Tante Toni, und diese letztere hatte ihm

doch nicht einmal den wohlverdienten Verweis gegeben.

Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen und sich ausgeruht

hatte, erlaubte Tante Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte der

Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden. Paul, Kurt und Philipp

sahen Otto gerade nicht mit zärtlichen Blicken an, während sie über

diese unwillkommene Verzögerung knurrten.

»Dieser Otto muß einem doch immer jedes Vergnügen verderben«, brummte

Kurt, und Anna pflichtete ihm bei, halb ärgerlich, halb lachend: »Ich

glaube, der ist überhaupt nur auf der Welt, damit wir uns in der Geduld

üben! Ich erkläre euch aber feierlich, daß _meine_ Geduld nun zu Ende

ist, und wenn er uns jetzt noch etwas einbrockt, dann -- ja dann spring'

ich ihm auf den Rücken und schüttle ihn und rüttle ihn; seht, so ...!«

Und Anna packte den ahnungslosen Philipp und schüttelte und riß ihn

herum, so daß er kläglich schrie: »Bist du denn toll geworden, Änne? Die

Flasche mit Himbeersaft in meinem Rucksack geht ja kaput!«

»Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum hast du das nicht eher gesagt?

Da muß ich halt nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens bis ich

geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken. Aber da sind wir ja

schon! Ich grüße dich, edler, altehrwürdiger Wetterstein nebst Gemahlin,

Kindern und Enkeln!« Und Anna verneigte sich ehrfurchtsvoll und tief vor

dem großen, grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel des Berges

krönt. Rundherum waren aber noch mehrere Steinblöcke, große und kleine,

und Anna begann sofort diese zu zählen.

»Warum zählst du denn die Steine?« fragte Mariechen.

»Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des edlen Herrn von Wetterstein

sich vermehrt hat, seitdem wir das letztemal hier waren!«

Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt hatte, sagte ungeduldig:

»Komm, Anna, laß doch den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da ist ein

Stein, der ist gerade wie gemacht, um uns als Tisch zu dienen.«

»Aber was fällt dir ein, Philipp!« rief Anna mit gutgespielter

Entrüstung. »Dieser Stein ist ja gerade dem Herrn von Wetterstein seine

Schwiegertochter; er wird es dir furchtbar übelnehmen, wenn du diese als

Tisch benützen willst. Tante Toni, du stimmst mir doch sicher bei?«

Allein Tante Toni hörte nicht; sie stand mit Mariechen und Paul am Rand

des Gipfels, und alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter.

Es war ein ungewöhnlich klarer Tag, und wie aus einem Baukasten

aufgebaut sah man das Städtchen in der Ferne am Mainufer liegen.

»Ich seh' das schöne Schloß mit seinen vier Türmen«, rief Mariechen;

»auch den Turm der Stiftskirche seh' ich!«

»Wenn nicht diese dummen Bäume gerade im Weg wären, könnte ich unser

Haus und den Garten sehen; aber diese ekligen Bäume gerade hier vor

unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, immer sind sie einem im Weg!«

Tante Toni lachte: »Geh', Paul, du wirst dich doch wohl nicht ernstlich

ärgern darüber, daß du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick hier ist

so wunderschön; wir wollen ihn freudig genießen und uns nicht durch

Kleinigkeiten stören lassen. Aber hört mal den Philipp, er scheint

ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder hungrig, der arme Junge!«

Philipp hatte inzwischen schon die Rucksäcke ausgepackt und trotz Annas

Einsprache auf dem zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbiß

hergerichtet. Alle lagerten sich ins Moos, und die ganze Gesellschaft,

auch Tante Toni, machten sich eifrig über die Butterbrote her. Philipps

Himbeersaft fand ebenfalls großen Beifall, er wurde ausgezeichnet

gefunden, woraufhin Anna mit großem Ernst behauptete, er sei nur deshalb

so gut, weil sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschüttelt hätte.

Als nach dem Essen Philipp sich lang ins Moos streckte und die Mütze

über die Augen ziehen wollte, um ein bißchen zu schlafen, da rief Tante

Toni halb lachend, halb ärgerlich: »Aber Philipp, wie kannst du ans

Schlafen denken! Genieße doch mit offenen Augen und mit offenem Herzen

diesen schönen Tag! Schau um dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch

auf das Säuseln des Windes und lausch dem Gesang der Vögel!«

Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich Anna halblaut sagte: »Ich

weiß nicht, Tante, wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von der

Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so stille sind, dann kommt es

mir vor, als seien wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit fort von

daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, daß wir diesen Abend wieder

zu Hause sein werden.«

Tante Toni nickte lächelnd: »Das Gefühl kenne ich auch, Ännchen. Das

gehört zum Spessart; er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches und

Weltfremdes an sich, und das bleibt ihm auch, obwohl man schon

angefangen hat, ihn mit Sommerfrischlern zu bevölkern. Auf dem Rohrbrunn

zum Beispiel, dort sind in den Ferien ja schon eine Menge Fremde, und

doch, wenn man am Jagdschlößchen vorbei den Weg nach Silvan hinaufgeht,

da ist man auf einmal wie in die größte Einsamkeit versetzt. Auf einer

Seite dichter Wald, auf der andern blickt man in ein stilles Tal,

darüber hinaus Berge und Wälder, nichts als Berge und Wälder, kein

Haus, keine Hütte, nirgends eine Spur von der Nähe eines bewohnten

Ortes; man könnte meinen, man wäre weit, weit fort von jeglichem

Verkehr, in einer richtigen Einöde.«

»Ja, ich kenne die Stelle«, nickte Paul.

»Überhaupt, Tante Toni, über unsern Spessart geht doch nichts!«

»Da hast du recht!«

»Wie, Tante, das sagst du? Und du bist doch in der Schweiz und in

Italien gewesen!«

»Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen Neapel, auf dem Monte

Pellegrino in Palermo habe ich, trotz aller Bewunderung und

Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart nicht unterdrücken

können, und als ich dann nach der Heimkehr zum erstenmal wieder in den

Spessart wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden, wie

schön unsere Heimat ist!«

»Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte Spessarterin geblieben, und

du und der Großpapa, ihr müßt unbedingt wieder herüberziehen!«

»Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus Amerika zurückkommt und die

Leitung der Geschäfte übernimmt, so daß Großpapa sich zurückziehen

kann.«

»Wann wird er denn endlich zurückkommen, der Onkel Ernst?«

»Ich weiß es nicht. Aber horch! Was ist das? Wer singt denn da?«

Aus dem nahen Wald klang, bald aus der Nähe, frisch und kräftig, bald

aus der Ferne, gedämpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang:

»Im Wald, im Wald,

Im frischen, grünen Wald -- wo's Echo hallt.«

Es waren Mariechen und Anna, die sich leise fortgeschlichen hatten, um

der lieben Tante diese kleine Überraschung zu bereiten.

Tante Toni und ihre Bande · 第 4 / 8 段