herum. Auch Tante Toni hatte eine Handarbeit mitgebracht, und die beiden
ließen sich eben auf einer aus rohen Baumstämmen gezimmerten Bank
nieder, als Philipp noch einmal zurückkam, um ihnen anzuempfehlen: »Gebt
gut auf die Rucksäcke acht!«
Tante Toni und Mariechen versprachen es beide lachend. Nach einiger Zeit
sagte letztere etwas ängstlich: »Wenn es nur ohne Streit abgeht!«
Tante Toni meinte: »Wenn so viele Kinder von verschiedenem Alter und von
so verschiedenen Charakteren beieinander sind, gibt es gar leicht
kleine Zänkereien; man darf diese nicht zu schwer nehmen, und man muß
vor allem sorgen, daß sie nicht ausarten. Übrigens habe ich mich eben
recht über Lilly gefreut, weil sie sich so nett der kleinen Toni
angenommen hat.«
»Mit Tonichen ist Lilly überhaupt fast immer lieb und nett, und wenn sie
es zuweilen durch Neckereien zum Zorn gebracht hat, dann tut es ihr
hernach immer sehr leid.«
»O, das freut mich!« rief Tante Toni aus. »Ja, das freut mich sehr. Ich
kann dir nicht sagen, wie weh es mir tut, daß ich bisher noch gar keinen
liebenswürdigen Zug in Lillys Charakter finden konnte. Du hast mir
neulich auch gesagt, daß Otto und Lilly sehr an ihrem Vater hängen.«
»Ja, Tante; ich habe bei Lilly schon manchmal etwas erreicht mit der
Vorstellung: es würde deinen Vater freuen, oder: es würde ihm leid tun.«
»Glaubst du zum Beispiel, daß Lilly imstande wäre, ihrem Vater zuliebe
ein wirkliches Opfer zu bringen?«
Mariechen dachte ein wenig nach, dann sagte sie bestimmt: »Ich glaube,
ja, Tante!«
»O, das ist gut, das ist viel wert!« rief die Tante aus und sah sinnend
vor sich hin.
Nach einiger Zeit kam klein Toni allein zurück. »Willst du nicht mehr
mitspielen, mein Kleines? Bist du schon müde?« fragte Tante Toni.
Die Kleine nickte und erzählte: »Die Gendarmen haben unser Versteck
gefunden, und da mußten wir schnell fortlaufen; weil ich aber nicht so
fest laufen kann, da hätten sie die Lilly beinah gefangen, und da hat
sie mich schnell losgelassen und gesagt, ich sollte mich jetzt ein
bißchen zu dir setzen, Tante.«
Die Tante zog Tonichen zu sich auf die Bank, hüllte das Kind in ihr
warmes, weiches Umschlagtuch und sagte liebevoll: »So, damit du dich
nicht erkältest, denn du bist erhitzt vom Laufen; nun ruhe dich aus.«
Die Kleine lächelte, und ihr Köpfchen an die Schulter der Tante lehnend
bat sie: »Bitte, bitte, liebe Tante, erzähle mir doch noch einmal die
Geschichte von dem guten Kinde, welches allein mit dem armen Jesusknaben
gespielt hat, weil die andern Kinder nicht wollten, und wie dann die
Engelchen vom Himmel gekommen sind und ihnen Sternblümchen und
Sternbällchen zum Spielen gebracht haben. O bitte, Tante, erzähle!«
Und die gute Tante erzählte, und weil sie gar so schön erzählen konnte,
hörte nicht nur das kleine Tonichen aufmerksam zu, sondern auch das
große Mariechen -- bis auf einmal alle andern Kinder mit großem Lärm
zurückkehrten.
»Die Gendarmen haben gewonnen!« rief Rudi mit strahlenden Augen. »Alle
Räuber haben wir gefangen!«
»Ich habe mich zuletzt fangen lassen, weil es mir langweilig wurde,
sonst hättet ihr mich nicht gekriegt.«
Diese Behauptung Ottos wurde von allen andern mit schallendem Gelächter
beantwortet, worüber dieser sich natürlich sehr ärgerte. Er stampfte mit
dem Fuß und schrie: »Was habt ihr zu lachen? Es ist doch so!«
Und Lilly bekräftigte: »So ist es auch, er hat sich fangen lassen!«
Der Streit hätte wahrscheinlich noch länger gedauert, wenn Anna nicht
eben mit theatralischer Miene ausgerufen hätte: »Aber Kinder, wie könnt
ihr diesen edelmütigen Otto so verkennen! Begreift ihr denn nicht, daß
er sich geopfert hat und sich fangen ließ, bloß damit wir endlich mal
etwas zu essen bekommen? Es lebe Otto der Unüberwindliche, der
Großmütige!«
»Er lebe hoch!« schrien alle, auf Annas Scherz eingehend; nur Otto
selbst machte wieder ein wütendes Gesicht, und er schien große Lust zu
haben, den Streit wieder anzufangen. Aber nun rief Tante Toni: »Ich
hoffe, Otto, daß du einen Scherz verstehen kannst und dich nun
zufriedengibst. Und nun, Kinder, lagert euch und ruht aus. Mariechen und
ich, wir teilen den Proviant aus. Ihr seid sicher hungrig!«
»Und wie!« scholl es fast einstimmig zurück.
In unglaublich kurzer Zeit war der ganze Vorrat aufgezehrt, und Philipp,
der eben das letzte Butterbrot empfangen hatte, rief aus: »Siehst du,
Tante Toni, daß wir nicht zuviel mitgenommen hatten?«
»Nein, wirklich!« lachte diese. »Ihr habt euch aber auch tüchtig
Bewegung gemacht, und hier draußen schmeckt es noch ganz besonders gut.«
»So, nun können wir weiterspielen!« erklärte Anna aufspringend.
»Ach nein, jetzt wollen wir lieber etwas anderes spielen!«
»Aber was denn?«
Der eine schlug dies vor, der andere das, ohne Erfolg, bis Tante Toni
vorschlug: »Was meint ihr zu einem Pfänderspiel?«
»Ja, ja, ein Pfänderspiel, und Tante Toni spielt mit!« riefen die
Kinder. Bald war das Spiel, unter Tante Tonis Leitung, im Gang. Da gab
es wieder viel zu lachen, besonders wenn der Mitspieler, der ein Pfand
geben sollte, verlegen in seinen Taschen herumkramte und gar nichts
Passendes finden konnte, sondern manchmal recht drollige Sachen zum
Vorschein brachte. Mariechen zum Beispiel fand in ihrer Tasche nichts
als ein Taschentuch, einen Rosenkranz und einen kleinen Spiegel; diesen
letzteren reichte sie errötend als Pfand hin, wobei sich Anna laut und
anhaltend räusperte, bis Mariechen etwas ärgerlich ausrief: »Gib dich
zufrieden, Anna, alle haben's gesehen und bemerkt!«
Als Kurt an die Reihe kam, fuhr er in alle seine Taschen, suchte und
suchte voll Hast -- aber ohne Erfolg, bis er schließlich doch einen
kleinen Gegenstand hervorbrachte, und zwar ein Schnurrbartbürstchen.
»Nun, du sorgst zeitig vor!« lachte Tante Toni; auch die andern lachten,
nur Philipp fragte mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt: »Kurt, wann
hast du dich denn zum letztenmal rasieren lassen?«
Als dann an ihn selbst die Reihe kam, ein Pfand zu geben, da fand er
nichts als Brotkrumen, Obstkerne und einige sonderbar geformte
Eisenstückchen.
»Aha«, höhnte Kurt, »das sind wohl die Bestandteile deiner neuesten
Erfindung!«
Lilly förderte ein Puppenhöschen zutage, welches sie aus Versehen
anstatt eines Taschentuches eingesteckt hatte, und Anna überreichte mit
einigem Widerstreben einen Kreisel, bei dessen Anblick Paul ausrief:
»Der gehört ja überhaupt mir!«
»Ach, du spielst ja doch nie damit, du hast ihn einfach verloren und ich
hab' ihn gefunden; jetzt kannst du ihn mir auch lassen.«
»So, so, verloren hab' ich ihn? Ich möcht' nur wissen, wo;
wahrscheinlich in meiner Schublade oder in einer meiner Taschen, da
gehst du ja doch immer suchen, wenn du etwas finden möchtest. Ja,
Fräulein Änne, deine Manier, dir allerhand zusammenzufinden, die kenn'
ich schon. Nächstens komme ich einmal bei dir wiederfinden.«
»O je, Kurt, da wirst du nicht viel kriegen! Du weißt doch, daß die Änne
immer gleich wieder alles herschenkt, was sie hat.«
»Ach, geh' doch, Rudi!« wehrte Anna ab.
»Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch meinen Ball abgebettelt --
und am andern Tag spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit auf der
Straße.«
»Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen«, rief Anna eifrig; »sie sind
nur so schrecklich arm, und haben gar nichts zum Spielen, und sie sahen
so sehnsüchtig nach dem Ball, als ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen
halt gegeben.«
»Na ja, es ist mir ja auch recht«, sagte Rudi; währenddessen flüsterte
klein Toni ihrer Schwester Anna ins Ohr: »Du, wenn wir heimkommen, da
geb' ich dir eins von meinen Bilderbüchern für die Franks-Kinder, und --
ja was denn noch ...!«
»Ein Püppchen?«
»Ach nein, Änne, die Franks sind so wild und so schmutzig, sie würden zu
grob mit dem armen Püppchen umgehen, das täte mir zu leid.«
»Dummes, das Püppchen fühlt's ja nicht!«
»Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und weißt du, wie ich neulich
abends in meinem Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt hast,
warum ich weine, wie ich dir's dann aber nicht sagen wollte, da hab' ich
nur geweint, weil mir auf einmal eingefallen ist, daß ich mein
Gretelchen im Nähzimmer liegengelassen habe, und weil ich nun gedacht
habe, das arme Püppchen liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln
Nähzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich es nicht ins Bettchen
gelegt und ihm nicht >Gute Nacht< gesagt hab'.«
Inzwischen hatten die andern weitergespielt, und Toni sah ganz verdutzt
aus, als Otto sie anrief: »Holla, Toni, du hast nicht aufgepaßt, schnell
ein Pfand her!« --
Nicht minder groß war das Vergnügen der Kinder beim Auslösen der
Pfänder; besonders Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen
Einfälle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu erhalten, einen Blick in
die Zukunft tun mußte. Man verband ihr die Augen, und so oft Tante Toni
fragte, was sie diesem und jenem prophezeie, und dabei einen der
Mitspielenden bezeichnete, mußte sie irgend etwas sagen, natürlich ohne
selbst zu wissen, wem es galt.
»Ich glaube, du hast gespitzt«, klagte Mariechen, als sie prophezeit
bekam, daß sie mal Generaloberin aller bestehenden und nichtbestehenden
Orden und Klöster werden sollte. Als Anna dann aber den Philipp zu einer
Urgroßmutter machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da glaubte man
ihr, daß sie nicht hinter dem Tuch hervorgeschaut hatte. Otto ärgerte
sich wieder sehr, als ihm verkündet wurde, er müsse einmal als
Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber Tante Toni das Amt eines
Kasperltheaterdirektors und Paul das Los einer emanzipierten alten
Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte er doch in die Heiterkeit
der übrigen ein. Zuletzt deutete die Tante auf klein Toni, und als Anna
verkündete: »Das wird einmal eine entsetzlich böse Schwiegermutter«, da
machte die Kleine ein ganz trübseliges Gesichtchen und sagte: »Aber
nein, das möchte ich nicht werden.« Während alle lachten, riß Anna sich
das Tuch vom Gesicht und rief aus: »So, du bist also auch nicht
zufrieden mit meinen Prophezeiungen? Was hätte ich dir denn sagen
sollen?«
»Ich möchte gern ein Engelchen werden«, sagte klein Toni errötend.
»Oh -- oh, hört doch! Die Toni will ein Engelchen werden -- wie
bescheiden! Nein, so etwas!« riefen die Kinder lachend. Otto schrie
dazwischen: »Doch wohl ein Engelchen mit einem B davor!«
Und nun tönte es von allen Seiten und in allen Tonarten: »Engelchen,
Bengelchen! Engelchen, Bengelchen -- Zornebengelchen!«
Aber klein Toni wurde nicht zornig, -- nein, sie wurde wohl abwechselnd
rot und blaß, und sie zitterte vor Anstrengung, den aufsteigenden Zorn
zu bemeistern. Sich fest an die Tante schmiegend flüsterte sie: »Ich
will nicht zornig werden, -- nein, ich will nicht!«
»Recht so, mein Herzchen, meine tapfere, kleine Freundin!« ermutigte die
Tante.
Mariechen hatte sich inzwischen bemüht, die übermütige Bande zum
Schweigen zu bringen, und das Spiel nahm nun seinen Fortgang, bis Tante
Toni das Zeichen zum Aufbruch gab.
»Aber es sind noch zwei Pfänder auszulösen!« rief Otto aus, allein die
Tante bestimmte, dieselben müßten einfach zurückgegeben werden, und sie
fügte hinzu:
»So, Kinder, nun geht es in wohlgeordnetem Zug heimwärts, und es wird
dabei gesungen und im Schritt marschiert, damit wir rascher vom Fleck
kommen; denn es ist schon etwas spät geworden. Also, Anna und Rudi, ihr
führt den Zug an, die Zwillinge nehmen den Philipp in ihre Mitte, dann
folgen Mariechen und Toni, und Otto und Lilly bilden mit mir die
Nachhut.«
Dann stimmte die Tante an: »Wer will unter die Soldaten, der muß haben
ein Gewehr«, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Aber Tante Toni blieb mit Otto und Lilly ein wenig zurück, und als die
andern außer Hörweite waren, sagte sie:
»Nun, meine lieben Kinder, erklärt mir doch einmal, was habt ihr denn
mit der alten Babett gehabt?«
Die beiden Kinder schwiegen und ließen die Köpfe hängen. Die Tante fuhr
fort: »Ich hätte ja Babett selbst fragen können, aber ich wollte es
lieber von euch hören.«
Endlich entschloß sich Otto zu reden, und er sagte wegwerfend: »Ach,
Tante, es ist ja gar nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar
nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so alt und so häßlich, und sie
wird oft >die alte Hex< genannt, und wir, die Anna, die Lilly und ich,
sind einmal dazugekommen, wie ein paar Kinder auf der Straße ihr
nachgerufen haben: >Alte Hex, böse, alte Hex!< Nun, und da haben wir
halt ein bißchen mitgeschrien -- das ist alles.«
»O Otto, wie du das sagst!«
»Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der Mühe wert, so viel
Aufhebens davon zu machen!«
»Es tut mir leid, Otto, daß du die Sache so leicht nimmst, besonders da
du doch vorhin gesehen hast, wie nahe es der guten Alten gegangen ist.
Von eurer frühesten Kindheit an habt ihr gelernt, daß man das Alter
ehren soll. Ist nun aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen
und Armut begleitet, so ist es doppelt ehrwürdig. Warum habt ihr nicht
wenigstens vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie Anna? Ihr habt
doch gesehen, welche Freude ihr das gemacht hat.«
»Aber, Tante, das ist doch unmöglich! Die Anna hat ja gar kein
Ehrgefühl, daß sie so eine alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir
können uns doch nicht so erniedrigen!«
»Du scheinst mir von Ehrgefühl und Erniedrigung einen sonderbaren
Begriff zu haben, mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern die
Alte verhöhntet, da habt ihr euch erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgefühl
gehabt. Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit gezeigt, und ich
versichere euch, sie ist seitdem in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich
hielt sie bisher nur für einen lustigen kleinen Taugenichts, jetzt weiß
ich aber, daß sie Charakter hat, daß sie ein offenes, mutiges und gutes
Kind ist.«
Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas beschämt drein. Endlich
fragte Lilly leise:
»Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr lieb?«
»Gewiß hab' ich euch noch lieb!« rief die Tante warm, und sie zog die
beiden Kinder näher zu sich heran. »Gerade weil ich euch so lieb habe,
tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie ihr sein solltet; gerade weil
ich euch so lieb habe, möchte ich, daß ihr gute, brave, eures Vaters
würdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern Vater sehr lieb, nicht
wahr?«
»O, und wie lieb!« Die Kinder riefen es aus mit leuchtenden Augen.
»Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr euch zusammen, dann könnt ihr
musterhaft brav sein. Glaubt ihr nicht, daß es ihn sehr kränken würde,
wenn er jemals erführe, daß ihr ganz anders seid, sobald er nicht dabei
ist? Daß er es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr nur der
Güte und Nachsicht eurer Tanten, der Großmut eurer Vettern und Cousinen;
aber immer kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt mir das nur,
Kinder, früher oder später wird er einmal klar sehen, und es wird ihm
furchtbar hart sein, wenn er erfahren muß, daß ihr nicht die offenen,
wahren, gutherzigen und edelmütigen Kinder seid, für die er euch hält.
Davor möchte ich ihn und euch bewahren. Übrigens, lieber Otto, du wirst
ja nun bald zur ersten heiligen Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es
recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn du willst, dann darfst du,
so oft du Zeit hast, zu mir kommen. Ich möchte dir so gerne helfen, dich
auf diesen großen Tag vorzubereiten.«
»O Tante, das wäre mir freilich recht, sehr recht!«
»Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bißchen eilen, um die andern
einzuholen. Tonichen scheint müde zu sein, sie läßt sich arg von
Mariechen ziehen.«
Die andern waren bald eingeholt. Die ermüdete kleine Toni wurde erst von
der Tante und Mariechen, dann von Kurt und Philipp »Hockehockestühlchen«
getragen, bis sie ein bißchen ausgeruht war, und so kam man bald wieder
in die Nähe der Klosterruine.
»Wir wollen den See entlang gehen«, rief Rudi, »es sind eine Menge
kleine Entchen drin und auch zwei junge Schwänchen.« Und er lief voraus.
»Gib acht, Rudi«, rief ihm Mariechen nach, »der große Schwan ist
vielleicht draußen; er ist immer sehr wild, wenn junge Schwänchen
dasind, und er ist überhaupt in der letzten Zeit sehr bös, weil einige
Buben ihn necken und mit Steinen werfen.«
»Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan fürchten!« sagte Rudi
gekränkt, und er lief weiter, gerade auf den See zu. Tante Toni wollte
ihn eben besorgt zurückrufen, da kam er auch schon mit großem
Zetergeschrei gelaufen, der Schwan, wild mit den Flügeln schlagend,
hinter ihm drein. Es war ein großer, starker Schwan, und er sah so
bösartig aus, daß alle Kinder heftig erschraken. Auch Tante Toni
erschrak, aber sie faßte ihren Sonnenschirm, und beherzt auf das erboste
Tier zugehend, hielt sie ihm denselben entgegen und machte ihn plötzlich
mit einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte kehrt und beeilte sich,
wieder in sein Element, ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten rasch
die ausgestandene Angst vergessen, und sie brachen nun in ein herzliches
Gelächter über diesen raschen und drolligen Rückzug des Schwans aus.
»Es sah zu komisch aus, Tante, wie du den Schirm dem Schwan grad ins
Gesicht aufgemacht hast; so etwas war ihm noch nie passiert, das konnte
man ihm ansehen!« Und Anna lachte, daß ihr die Tränen über die Backen
liefen.
»Und Mut hast du, Tante Toni, das muß ich sagen«, gestand Paul
bewundernd.
»Und schlau hast du's gemacht. Mir wäre das mit dem Schirm nicht
eingefallen«, pflichtete Kurt bei.
Nur Rudi sagte nichts, er schlich etwas beschämt hinter den andern her;
aber am Abend nach der Heimkehr, da küßte er der Tante zärtlich die
Hand. Und als Anna ihm nachrief: »Gute Nacht, Schwanenritter!« da wurde
er sehr rot, aber er sagte nichts.
Fünftes Kapitel.
Minnichen wird geimpft.
Tante Toni saß oben im Kinderzimmer. Klein Minnichen kletterte auf ihren
Knien herum und trieb allerhand Schabernack; es zog sie an den Haaren,
zupfte sie am Ohrläppchen, und wenn Tante Toni »Au!« oder »O weh!« rief,
dann streichelte es ihr die Wangen und machte: »Ei, ei, Ta Dedi.«
Leo, der daneben mit großem Ernst ein Bilderbuch betrachtete, erhob
mißbilligend den Kopf und sagte: »Das Minnichen ist wirklich ein bißchen
eigensinnig, es will durchaus nicht >Tante Toni< sagen; es könnt's doch
ganz gut, wenn es nur wollte; denn es hat schon viel schwerere Wörter
fertiggebracht. Komm, Minnichen, sei mal recht brav, sage schön:
>Tan--te To--ni<; ich schenk' dir auch was!«
»Senk was!« machte Minnichen, und es hielt dem Brüderchen habgierig das
Händchen entgegen.
»Ja, du wärst mir gescheit! Erst mußt du >Tan--te To--ni< sagen.«
»Truwelpeter!« schrie die Kleine, und sie lachte herausfordernd und
klatschte in ihre kleinen, dicken Patschhändchen.
Leo sah sein Schwesterchen voll Bewunderung an; dann sagte er: »Du,
Tante, ich glaub' gar, es will mich uzen; es ist wirklich ein schlaues
Ding, das Minnichen.«
Man sah und hörte dem kleinen Burschen an, wie stolz er auf sein
Schwesterchen war, das er ein wenig als sein besonderes Eigentum
betrachtete. Er fühlte sich als dessen Lehrer und Beschützer, er ließ
sich viel von ihm gefallen und behandelte es mit einer gewissen
großmütigen Nachsicht, die ihm allerliebst stand und die ihn für seine
viereinhalb Jahre merkwürdig vernünftig erscheinen ließ.
Nachdem die Tante Minnichens Klugheit nach Gebühr bewundert hatte,
wandte sie sich an klein Toni, die mit ihrer Puppe im Arm auf einem
niederen Stühlchen danebensaß. Tonichen saß so still da und schaute so
ernst und nachdenklich vor sich hin, daß die Tante besorgt fragte: »Was
hast du denn, meine kleine Freundin, woran denkst du?«
»Ach, Tante«, erwiderte das Kind nach einigem Zögern, »ich denke daran,
daß du Otto gestern zu dir gerufen hast, um ihn auf die erste heilige
Kommunion vorzubereiten. Ich wäre so gern auch dabeigewesen.«
»O, deine Zeit wird auch kommen, Tonichen; habe nur noch ein bißchen
Geduld!«
Toni versank wieder in Nachdenken; endlich hob sie das Köpfchen und
fragte: »Tante, muß man dem Heiligen Vater nicht folgen, wenn er etwas
sagt?«
»Aber selbstverständlich, Kind!«
»Er hat aber doch gesagt, die Kinder sollten schon mit sieben Jahren zur
ersten heiligen Kommunion gehen; warum läßt man sie denn nicht?«
»Ja, Kindchen, der Heilige Vater hat unsern deutschen Bischöfen erlaubt,
das Alter für die Erstkommunikanten auf zehn Jahre festzusetzen.«
»Und in den andern Ländern, da dürfen die Kinder schon mit sieben Jahren
gehen?«
»Wenigstens in vielen; ja ich glaube in den meisten.«
»Warum denn nur gerade wir deutschen Kinder nicht? -- Aber sag' mal,
Tante Toni, wenn ich jetzt sehr krank würde, so krank, daß ich sterben
müßte, dürfte der Priester mir dann die heilige Kommunion bringen?«
»O, das glaube ich -- ganz bestimmt!«
»Willst du mir dann versprechen, Tante Toni, daß ich den lieben Heiland
bekomme, wenn ich sehr krank werde?«
»Aber, Toni, mein Herzchen, wie kommst du denn auf diesen Gedanken? Du
fühlst dich doch nicht unwohl?«
»Versprich, bitte, Tante, versprich!« flehte das Kind so eindringlich,
daß die Tante nicht anders konnte als antworten:
»Ich versprech' dir's, Kind; von Herzen gern will ich in einem solchen
Fall alles tun, was ich kann, um deinen Wunsch zu erfüllen!«
Leo hatte diesem Gespräch mit Interesse zugehört. »Sag' mal, Tante«,
mischte er sich nun ein, »wenn die Toni stirbt, ist sie dann doch noch
unsere Schwester?«
»Aber gewiß!«
»Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel sind, bist du dann doch noch
unsere Tante, und sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern >Papa< und
>Mama<?«
»Aber Leo«, belehrte Toni ihr Brüderchen, »dann sagt man doch: >Heiliger
Papa< und >Heilige Mama<!«
»Aha, ja natürlich«, nickte Leo befriedigt. Tante Toni lächelte, und die
beiden samt Minnichen fest an sich drückend sagte sie nur: »Meine
lieben, lieben Kinderchen!«
In diesem Augenblick stürzte Gretchen, das Kindermädchen, mit
schreckensbleichem Gesicht ins Zimmer und rief aus: »Ach, Fräulein
Mehring, denken Sie doch nur -- eben ist der Herr Doktor gekommen --
unser Kleines soll geimpft werden!«
»Da ist doch nichts dabei, Gretchen; darüber brauchen Sie doch nicht zu
erschrecken. Aber ich meinte, das Kind sei schon längst geimpft?«
»Es ist auch schon mal geimpft worden, aber es hat nicht angeschlagen.
Ach, Fräulein Mehring, ich kann's nicht mit ansehen; ich werd'
ohnmächtig, wenn ich's Minnichen bluten sehe!«
»Bluten! -- Was soll denn dem Minnichen geschehen?« rief Leo ganz
erschreckt, während er sich wie schützend vor sein Schwesterchen
stellte.
»Da sehen Sie, Gretchen, wie Sie die Kinder erschrecken«, tadelte Tante
Toni das Mädchen. »Gehen Sie nur schnell aus dem Zimmer und nehmen Sie
Toni und Leo mit. Ich halte die Kleine beim Impfen.«
»Nein, nein, laß mich hier, ich will bei meinem Minnichen bleiben!«
wehrte sich Leo, als Gretchen ihn mit fortnehmen wollte. »Bitte, Tante
Toni, laß mich beim armen Minnichen!«
»Aber es geschieht ja deinem Minnichen gar nichts Schlimmes, Kind! Das
Impfen tut ja gar nicht weh, es ist kaum wie ein Mückenstich.«
»O bitte, bitte, laß mich doch hier!«
»Mich auch, bitte, liebe Tante!«
»Nun ja, wenn ihr versprecht, euch ganz still zu verhalten, dann dürft
ihr hierbleiben.«
Minnichen hatte inzwischen verwundert und etwas ängstlich von einem zum
andern gesehen; sie hatte wohl begriffen, daß man etwas mit ihr vorhabe,
konnte sich aber nicht denken, was. Als nun aber die Türe aufging und
die Mutter gefolgt vom Hausarzt eintrat, da hellte sich ihr Gesichtchen
auf, und sie schrie: »Dag, Dokedok! Sung raus?« Und ohne erst die
Antwort abzuwarten, riß sie das Mäulchen auf und streckte ihr rosiges
Züngelchen heraus, soweit sie nur konnte.
»Na, das ist aber mal ein braves Kind!« rief der Doktor lachend. »Und
solch ein schönes, rotes Zünglein hat's. Nein, krank sind wir nicht,
Fräulein Minnichen, nicht wahr?«
»Doch, doch, Minnisen tank is -- wehweh hier -- wehweh da«, versicherte
die Kleine ernsthaft, während sie an Ärmchen und Beinchen suchte, ob sie
nicht irgendein rotes Fleckchen fände; als sie aber keines entdecken
konnte, drückte sie die Hände aufs Brüstchen und klagte mit wehleidigem
Gesichtchen: »Minnisen weh Bäuselsen.«
»Nun, da wollen wir mal das kranke Bäuchelchen untersuchen«, sagte der
Doktor. Er machte der Tante ein Zeichen, und diese begann die Kleine
auszukleiden, bis die dicken, nackten Ärmchen herauskamen.
»Hat Minnichen da auch Weh?« fragte Tante Toni, aufs Ärmchen deutend.