»Böse Anna, unartige Anna!« worauf diese entgegnete: »Süßes Leomännchen,
herziges, zuckeriges Leobübchen, großer Kaiser!«
»Ach, so laß mich doch mal endlich in Ruh, du garstiges Ding!« Und große
Tränen rollten über Leos runde Bäckchen.
»Ach, ein weinender Kaiser!« Und Anna deutete mit dem Finger nach ihm.
»So, Anna, nun ist's genug; du läßt mir jetzt den Kleinen in Ruh!«
befahl die Mutter in strengem Ton. Sich dann an alle andern wendend
fügte sie hinzu: »Ich denke, wir sind fertig und gehen nun hinüber ins
Wohnzimmer, damit die Mädchen hier den Tisch abräumen können.«
Kaum hatte Tante Toni sich im Wohnzimmer niedergelassen, da krabbelte
Leomännchen auch schon auf ihren Schoß; die andern Kinder lagerten sich
um sie herum und riefen: »Bitte, Tante Toni, erzähle uns etwas!« Und
Tante Toni erzählte den aufmerksam horchenden Kindern lustige und ernste
Geschichten, bis Tante Luise Helmer erklärte: »Nun ist's genug; Tante
Toni ist sicher müde, und für uns ist es nun Zeit, nach Hause zu gehen.
Kommt, Mariechen, Philipp und Rudi, macht euch zurecht und verabschiedet
euch!«
Später, als Tante Toni mit den Kindern das Abendgebet verrichtet hatte,
wollte sie den kleinen Leo zu Bett bringen. Der blieb aber knien und
erklärte: »Ich bin noch nicht fertig, ich habe noch etwas zu beten.«
Dann faltete er wieder seine Händchen, und zum Kreuzbilde emporblickend
betete er inbrünstig:
»Ach, lieber Gott, ich bitte dich recht sehr, schick' doch den Storch,
daß er die Anna wieder fortholt; wir können sie nicht brauchen, sie ist
wirklich zu bös. In Ewigkeit. Amen.« Dann stand er mit befriedigter
Miene auf. Anna jedoch machte ein recht verdutztes Gesicht; sie wußte
nicht recht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte. Sie sagte aber
nichts, sondern schlich sich still hinaus.
Viertes Kapitel.
Es wird spazierengegangen; man begegnet der alten Babett; Anna wird
Prophetin und Rudi Schwanenritter.
Am nächsten schulfreien Nachmittag waren wieder alle Kinder im
Wulffschen Garten versammelt; sie waren zum Spaziergang gerüstet und
warteten auf Tante Toni. Diese trat eben aus der Haustüre, die kleine
Toni an der Hand führend.
»Was, soll die auch mit?« rief Otto ärgerlich. »Warum denn nicht auch
der Leo und das Minnichen und die zwei Jüngsten von Tante Luise? Ich
könnte mich ja vor den Kinderwagen spannen!«
Klein Toni sah mit ängstlich flehenden Augen zur Tante empor. Diese sah
etwas ärgerlich aus, als sie antwortete: »Ich habe Toni versprochen, sie
mitzunehmen, und sie geht mit. Übrigens, mein lieber Otto, ich werde
auch in Zukunft zu unsern Spaziergängen einladen, wen ich will, ohne
dich erst um Erlaubnis zu fragen.«
Und sich dann an alle Kinder wendend fragte sie: »Wie steht es denn mit
den Aufgaben? Seid ihr alle fertig?«
»Ja, ja, wir sind fertig!« riefen mehrere Stimmen; nur die größeren
Knaben und Mariechen hatten noch einiges zu lernen; aber Tante Toni
meinte:
»Nun, da wir um 6 Uhr zurück sein werden, habt ihr diesen Abend noch
Zeit zum Studieren. Aber Kurt und Philipp, was schleppt ihr denn da in
den schweren Rucksäcken?«
»Ei, Tante, unser Vieruhrbrot!«
»Nun, da scheint mir aber Vorrat für ein ganzes Bataillon zu sein!«
»O Tante, wart's mal ab! Du wirst sehen, daß wir nichts davon
heimbringen werden.«
»Und dem Philipp kannst du ein bißchen auf die Finger sehen, Tante; der
hat immer schon eine halbe Stunde nach dem Mittagessen wieder Hunger,
und er könnte ...«
»O, sei ruhig, Rudi«, lachte Mariechen, »ich habe den Rucksack gut und
fest zugebunden; er kriegt ihn so leicht nicht auf!«
»Also, nun vorwärts, Kinder!« mahnte Tante Toni. Als sie aber bemerkte,
daß Paul auf die andere Seite der Straße hinüberging, fragte sie
verwundert: »Warum gehst du so abseits, Paul? Warum bleibst du nicht bei
uns?«
»Ach, Tante, die Leute schauen uns so an und lachen, weil wir so viele
sind!«
»Ei, das tut doch nichts! Die Leute sind von früher daran gewöhnt. Sieh,
der alte Uhrmacher Müller, wie er dort vor seiner Türe steht und mit dem
ganzen Gesicht lacht! Wie oft hat er vor Jahren euern Großvater mit
seinen zehn Kindern hier vorbeikommen sehen! Ja, es war immer die größte
Freude meines lieben Vaters, wenn keines seiner Kinder beim Spaziergang
fehlte.«
»Tante Toni, ich möchte, der Großpapa und du, ihr zöget wieder hierher;
das wäre doch schön! Möchtest du es nicht?«
»Ich möchte es wohl ganz gern; denn hier bin ich geboren, hier habe ich
meine Kindheit und meine erste Jugend verbracht. Anderseits täte es mir
aber auch wieder leid, von Walden wegzugehen; dort ist eure liebe
Großmama gestorben; dort wohnen drei meiner Geschwister; dort haben wir
ein zweites, liebes Heim gefunden.«
»Gibt es in Walden auch so schöne Spaziergänge wie hier, Tante?«
»Es gibt dort wohl auch schöne Spaziergänge, aber doch nicht so
mannigfaltig wie hier; auch muß man erst ein gut Stück über staubige
Landstraßen gehen, ehe man an schöne Punkte oder schattige Wege kommt.
Hier dagegen stößt dies herrliche kleine Tal gleich an die Stadt, es
führt nicht nur zum Fasanenwald, sondern noch zu verschiedenen andern,
wirklich schönen Aussichtspunkten. Bleibt doch einmal stehen, Kinder,
und schaut euch von hier aus die Klosterruine dort drüben über dem See
an. Die Bäume da bilden den Rahmen, im Vordergrund seht ihr die saftig
grüne Wiese, dahinter die Ruine auf ihrer kleinen Insel, zwischen
Baumgruppen hervorlugend -- könnt ihr euch ein schöneres Bild denken?
Aber ihr seid so an diesen Anblick gewöhnt, daß ihr achtlos daran
vorbeigeht!«
»Doch nicht, Tante Toni, ich habe die Ruine sehr gern, und ich habe sie
schon oft von hier aus betrachtet und auch in der Nähe.«
»Natürlich, Tante, das müßtest du dir doch denken können! Es ist ja eine
Klosterruine -- wie könnte Mieze gleichgültig an einer Klosterruine
vorbeigehen!«
»Ach, Anna, mußt du schon wieder anfangen!«
Aber Anna ließ sich nicht irremachen, sondern sie fuhr eifrig fort: »Sie
hat schon mal geträumt, das Kloster sei wiederhergestellt worden und sie
selbst walte darin als Äbtissin. Da man aber keinen Spiegel mit ins
Kloster nehmen darf, hat sie sich eine Zelle ausgesucht, von der aus sie
sich im See spiegeln kann.«
»O Änne, da müßte der See aber erst gründlich gereinigt werden; denn aus
diesem schlammigen Wasser ...«
»Kann ihr höchstens das Bild des Wassermannes entgegengrinsen, das
meinst du doch, Tante Toni, nicht wahr? Ja, und dann reckt er die
hageren langen Arme aus dem Wasser hervor -- er greift nach der schönen
Nonne in den wallenden weißen Gewändern -- er faßt sie beim Schleier und
zieht sie hinunter in die Tiefe!«
»Gräßlich, Änne! Wo hast du das wieder her?« Und Mariechen schüttelte
sich schaudernd.
»Die Nonne mit den wallenden weißen Gewändern, die stammt wohl aus
irgendeinem Gedicht. Aber was ist denn das für ein Orden?«
»Nun«, verteidigte sich Anna, »das ist ein Orden, den Mariechen einmal
gründen wird. Sie liebt doch die weißen Kleider viel zu sehr, um sich
mal in eine schwarze oder braune Kutte zu stecken. Und in ihrem Orden
braucht man sich auch nicht die Haare schneiden zu lassen -- es wäre
doch schade um ihre schönen blonden Locken! Und ihre Nagelfeile und die
Bürstchen nimmt sie auch mit.«
Mariechen war ganz rot und verlegen geworden, aber sie mußte doch
lachen. Auch Tante Toni lachte, und Mariechen um die Schulter fassend
rief sie scherzend: »Nun weiß ich doch, daß Miezchen auch einen kleinen
Fehler hat und ein bißchen eitel ist!«
»Eitel ist sie eigentlich nicht«, nahm Philipp seine Schwester in
Schutz. »Denn wirklich eitle Mädchen, die putzen sich doch
hauptsächlich, um sich dann auch von den Leuten begaffen zu lassen, und
sie freuen sich, wenn man sie schöner findet als die andern. Unserer
Mieze dagegen ist es schon genug, wenn sie nur nett und ordentlich
aussieht, und sie hat es gar nicht gern, wenn man sie so viel anschaut;
und wenn ihre Bekannten schönere Kleider haben als sie, da macht sie
sich nichts daraus.«
»O, ich auch nicht!« rief Anna mit geringschätziger Miene.
»Ja, Änne, dir sieht man's auf den ersten Blick an, daß du nicht eitel
bist!«
»Schlampig ist sie einfach, die Änne!« entrüstete sich Kurt. »Du
könntest wenigstens deinen Schuhriemen ordentlich binden und deinen
Strumpf heraufziehen -- man schämt sich ja wirklich, mit dir zu gehen!«
»Puh, Kurt, tu' nur nicht so! Bis wir heute abend nach Hause kommen,
wirst du wohl auch ein Loch in der Hose oder im Strumpf haben!«
»Das kann schon sein, das ist aber doch etwas ganz anderes!«
»Kommt, Kinder, fangt keinen Streit an!« suchte Tante Toni zu
beschwichtigen. »Ich meine, wir wollen durch den Park und über die
kleine Brücke gehen; oder geht ihr lieber neben dem Parke her über die
große Brücke? -- Aber wo ist denn der Rudi? Den seh' ich ja gar nicht
mehr!«
»Der ist sicher wieder irgendeinem Getier nachgelaufen«, meinte
Mariechen. »Es ist unglaublich, was der alles aufstöbert und heimbringt
-- neulich kam er mit vier kleinen Fröschen heran.«
»Sogar ein Heimchen hat er einmal gefangen.«
»Rudi! -- Rudi! -- Wo steckst du?«
Keine Antwort.
»Wir wollen mal alle zu gleicher Zeit rufen«, schlug Paul vor, »da wird
er uns wohl hören. Also aufgepaßt -- auf drei wird geschrien. Eins,
zwei, drei!«
Und »Rudi!« schallte es vielstimmig, so daß Tante Toni sich erschrocken
die Ohren zuhielt.
»Horcht, ich meine, ich hätte ihn antworten hören!«
»Richtig, da kommt er ja gelaufen!«
»Und schmutzig ist er!«
»Aber Rudi, wie siehst du aus! Was hast du denn angefangen?« Und Tante
Toni sah den kleinen Burschen, der mit zerzausten Locken, verkratztem
Gesicht und übel zugerichteter Kleidung herankam, vorwurfsvoll an.
»Ach, Tante, ich habe so ein schönes Eichhörnchen gesehen, da wollte ich
mir's gerne genauer anschauen; deshalb schlich ich ihm leise nach, und
als ich ihm auf einen Baum nachkletterte -- ja, da bin ich halt ein
bißchen heruntergepurzelt.«
»Ein bißchen viel sogar, wie mir scheint!«
»Ich hab' mir aber nicht viel weh getan«, versicherte er treuherzig.
»Aber deinem Strumpf hast du recht weh getan und deinem Anzug. Da wird
sich die liebe Mutter freuen!«
Rudi senkte beschämt den Lockenkopf: »Ach, es war aber doch ein _so
schönes_ Eichhörnchen mit einem so langen, dicken Schwanz!«
»Du wirst von nun an schön in unserer Nähe bleiben, mein lieber Bub.«
Und sich an alle Kinder wendend fuhr Tante Toni fort: »Ich möchte euch
überhaupt alle bitten, daß ihr immer schön beisammenbleibt, daß sich
keines absondert. Auch hernach, wenn ihr oben beim Tempelchen spielen
dürft, da müßt ihr doch alle in Rufweite bleiben, so daß ihr mich immer
hören könnt, wenn ich euch zurückrufe. Wollt ihr mir das versprechen?«
»Gewiß, Tante Toni!« versicherten die Kinder, und der Zug setzte sich
wieder in Bewegung.
Nachdem die kleine Eisenbahnbrücke überschritten war, führte Tante Toni
ihre Bande den Waldsaum entlang, und sie betrachtete sinnend die
liebliche Gegend, die sich zu ihrer Linken ausbreitete. Als der Wald und
mit ihm der Weg eine kleine Biegung nach rechts machte, blieb sie stehen
und sagte:
»Seht, Kinder, wenn wir früher mit unserem Vater hier spazierengingen,
dann blieb er stets an dieser Stelle stehen, um die schöne Aussicht zu
genießen. Er kannte jeden Berg da drüben, jeden Wald, jedes Dorf.«
»Unser Papa auch!« riefen Otto und Lilly gleichzeitig aus, und Otto fuhr
fort: »Und der Papa hat uns auch schon von den Ausflügen erzählt, die
ihr früher mit dem Großpapa gemacht habt, und er hat uns versprochen, er
würde mit uns große Spaziergänge durch den Spessart machen, wenn wir
einmal größer sind.«
»Tante Toni, warst du auch schon auf all diesen Bergen?« fragte nun
klein Tonichen.
»Auf vielen, aber doch lange nicht auf allen. Wir waren zuviele, und da
die größeren Ausflüge teilweise zu Wagen gemacht wurden, konnte Großpapa
uns nicht alle auf einmal mitnehmen, und wenn eine besonders große Tour
gemacht werden sollte, dann gingen die Knaben mit und die Mädchen mußten
zu Hause bleiben.«
»Natürlich, immer die Mädchen, als ob die nicht gerade so gut laufen
könnten wie die Buben!« schmollte Anna.
»Ja, Anna, _du_ kannst auch gut laufen«, und Tonichen stieß einen
kleinen Seufzer aus.
»Anna hätte eigentlich ein Bub sein sollen«, behauptete Philipp.
»Ja, und du ein Mädchen, gelt, Philippinchen?« neckte Kurt.
Philipp errötete und rief heftig abwehrend aus: »Gott behüte! Nicht um
die Welt möcht' ich ein Mädchen sein!«
»Siehst du nun, Philipp! Und du behauptest doch so oft, wir Mädchen
hätten es besser als die Buben.«
»Das habt ihr auch; wenigstens bequemer.«
»Ei, Philipp«, mischte sich Tante Toni ein, »findest du zum Beispiel,
daß deine Mutter es so bequem hat? Sie ist des Morgens die erste auf und
des Abends die letzte, die sich zur Ruhe begibt, und unter Tags habe ich
_dich_ schon öfter auf dem Sofa gesehen als deine Mama.«
»Ja, die Mama, das ist auch etwas ganz anderes!«
»Nun, und Tante Maria Wulff? -- Und noch recht viele könnte ich dir
nennen, welche ...«
»Ja, Tante, das sind auch keine Mädchen mehr; ich spreche ja nur von den
Mädchen.«
»Nun gut, so sprechen wir von den Mädchen. Nehmen wir zum Beispiel hier
unser Mariechen. Inwiefern hat sie es denn besser als du? Sie braucht
allerdings kein Latein, kein Griechisch und keine Mathematik zu lernen,
trotzdem hat sie reichlich viel Schularbeiten; sie hat ferner ihre
Musikstunden, muß täglich Klavier üben; in ihrer freien Zeit muß sie
auch oft auf die kleinen Geschwister achtgeben, und ich habe mir sagen
lassen, daß sie einem ihrer Brüder schon manchen Knopf angenäht hat, daß
sie sogar im lateinischen Wörterbuch schon ziemlich Bescheid weiß, weil
sie eben dem betreffenden Herrn Bruder häufig beim Nachschlagen der
Wörter hilft.«
Philipp sah beschämt und verlegen drein; aber bald hob er den Kopf und
bekannte offen und ehrlich: »Ja, Tante, du hast recht. Aber unsere Mieze
ist auch wirklich eine gute Schwester.«
»Und auch eine gute Cousine!« rief Anna, und die andern stimmten bei,
nur Lilly klagte:
»Sie ist nur zu streng, und sie will immer recht haben!«
Die andern schauten Lilly mißbilligend an, und Kurt erklärte in sehr
bestimmtem Tone: »Sie hat auch immer recht; dir gegenüber mal ganz
gewiß.«
Lilly wurde ganz rot vor Ärger, und schon wollte sie eine recht unartige
Antwort geben, da legte sich Ottos Hand auf ihren Mund: »Schnell, Lilly,
weg, da kommt die alte Babett!« flüsterte er, sie mit sich fortziehend;
aber es war schon zu spät, denn eben war ein ganz altes, verhutzeltes
Weiblein aus dem Walde gehumpelt und blieb gerade vor Otto und Lilly
stehen. Es schaute die beiden Kinder aufmerksam an und nickte dabei mit
dem wackeligen Kopf; endlich sagte es mit etwas krächzender Stimme: »Ja,
ja, ich weiß schon, ihr seid die Kinder vom Herrn Robert, und die annern
da, die sind vom Fräule Luische und vom Marieche.«
»Und ich, Babett, wer bin denn ich?« fragte Tante Toni lächelnd. »Kennen
Sie mich noch?«
Die Alte richtete ihre kleinen, rot unterlaufenen, aber noch scharfen
Äuglein auf Tante Toni, da hellte sich auf einmal ihr Gesicht auf und
sie rief freudig erstaunt: »Ach, du lieber Gott, des is ja des Toniche,
des gute Fräule Toniche von's Mehrings drauße aus dem große Garte! Ach,
was hab ich Ihne aber schon so lang nit mehr gesehn, und was sind Se für
e groß, schön Mädche geworde!«
»Sogar ein ziemlich altes Mädchen bin ich inzwischen geworden«, lachte
Tante Toni. »Nun, wie geht's denn, Babett?«
»Na, Toniche -- ich will sage Fräule Toniche --, es geht halt so, wie
unser Herrgott will. Recht alt bin ich halt schon, und ma werd e bißche
däppelich, wenn mer so über achzig Jahr auf seim Buckel mitschleppe muß.
Aber e Hex bin ich nit, -- nein, Kinnercher, e böse Hex bin ich nit, und
ich möcht niemand etwas zuleid tun.« Dabei schaute sie wieder auf Otto
und Lilly hin, und dann fuhr sie halblaut, wie zu sich selbst sprechend,
fort: »Es war aber noch eins dabei«, und sie schaute von einem Kind zum
andern, bis ihr Blick auf Anna haften blieb, die sich halb hinter Tante
Toni versteckt hatte. Tante Toni und die Helmers-Kinder sahen
verwundert drein und konnten sich nicht denken, was die Alte eigentlich
wollte. Die aber fuhr, zu den Kindern gewendet, fort:
»Ach, Kinnercher, ich hab' eure Eltern ja gekannt, wie se noch ganz
klein warn. Und der Robert, was war des für e wilder, aber e guter Bub!
Einmal, da is er in seiner Wildheit so grad an mich angerannt, wie ich
mit eme Bündel Reisig daherkomme bin, so daß ich mitsamt meim Reisig in
de Chausseegrabe neingeborzelt bin. Erst hat er halt lache müsse über
mein unfreiwillige Borzelbaum, dann hat aber doch gleich sei gut Herz
die Oberhand kriegt, und er hat mer wieder naufgeholfe, und er hat mer
auch all mei Reisig wieder schön zusammelese helfe, und zuletzt, weil er
halt gar nix anners bei sich gehabt hat, wollt er mer sogar noch sei
Klicker schenke! Hähähä!« -- Die Alte schüttelte sich vor Lachen. »Ja,
denkt euch, sei Klicker wollt er mer schenke, und weil ich die doch nit
habe wollt, da hat er nachher seiner Mutter kei Ruh gelasse, bis se mer
en Rock und e warm Halstuch geschenkt hat. Ja, Kinnercher, so e gut Herz
hat er gehabt, der Robert -- ja, Gott hab' ihn selig!«
»Aber der Robert lebt ja noch!« rief Tante Toni.
»Ach ja -- richtig! Es is ja sei schön jung Frauche die, wo gestorbe is!
Ja, ja, däppelich, e bißche däppelich werd mer halt, wenn mer so alt is.
Aber bös bin ich nit, und wenn mer mich e alte Hex schimpft, dann tut
mer des halt doch gar zu leid.«
Da trat Anna mit sehr rotem Kopf, aber rasch und entschlossen hinter
Tante Toni hervor, und der alten Babett die Hand bietend sagte sie:
»Verzeih, Babett, es war recht garstig von mir neulich, und ich
verspreche dir's, ich werd's nie mehr tun.«
»Ach Gott, du bist halt e Liebes und e Braves!« rief Babett gerührt aus.
»Ich hab' mir ja schon gleich gedacht, daß ihr's nit so bös gemeint
habt; aber es tut einem halt doch weh.« Sie schaute nun auf Otto und
Lilly, die hatten aber die Gesichter abgewendet und blieben stumm. Die
alte Babett nickte noch ein paarmal mit dem wackeligen Kopf, endlich
sagte sie zu den beiden: »Ich will recht für euer tot Mutterche bete.«
Dann sich zu den andern wendend: »Na also, nix für ungut, Kinnercher,
und grüß Ihne Gott, Fräule Toniche. Ich bin aber doch so froh, daß ich
Ihne noch emol gesehn hab'. Grüß Gott, du allerbrävstes du!« Die letzten
Worte waren an Anna gerichtet, und nun humpelte die Alte, auf ihren
Stock gestützt, ihres Weges weiter.
»Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß die alte Babett noch lebt!« rief
Tante Toni aus, während sie im Weitergehen sich nochmals nach dem alten
Weiblein umdrehte. »Aber wo mag sie nur herkommen, so weit von der
Stadt?«
»Sie kommt gewiß wieder vom Wunderkreuz«, meinte Mariechen; »da pilgert
sie hin, so oft es ihre alten Beine erlauben.«
»So ganz allein! Und wenn sie nun einmal nicht mehr heim könnte?«
»Wenn sie zu lang ausbleibt, dann kommt ihr der Christian entgegen.«
»Wie, der Christian, unser früherer Gärtner?«
»Ja, Tante Toni, der wohnt ja bei seiner verheirateten Tochter, und die
alte Babett hat ein Zimmerchen im selben Hause. Wenn nun die Babett zum
Wunderkreuz wallfahrtet, wie sie es nennt, dann geht ihr später
Christian entgegen, und er führt sie nach Haus, und du kannst dir gar
nicht denken, wie drollig das ist, wenn die beiden zusammen
heimhumpeln; denn der Christian kann nicht viel besser gehen als die
Babett, wegen seinem Schematismus.«
»Schematismus?«
»Ach, Tante, so nennt er sein Gliederreißen; er meint halt
Rheumatismus.«
»Aber das Allerkomischste ist doch, wenn sie sich unterwegs recht
zanken«, mischte sich Kurt ein.
»Wie, sie zanken sich?«
»Ja, und da der Christian ein bißchen taub ist, schreit die Babett ihm
ins Ohr, und der Christian spricht auch sehr laut, so daß man sie schon
von weitem hört.«
»Aber weshalb streiten sie denn? Ich meine doch, wenn der Christian ihr
entgegengeht, um sie nach Hause zu führen, so ist das ein Zeichen, daß
sie gut zusammen stehen -- sie sind ja nicht einmal verwandt
miteinander.«
»Sie zanken sich ja eigentlich auch nicht im Ernst -- aber die Babett
will zum Beispiel immer den inneren Weg gehen, sie behauptet, hier
draußen sei es zu windig; der Christian dagegen will draußen gehen, denn
ihm ist es im Wald zu dumpf. Neulich sind wir mal mit Papa hinter ihnen
hergegangen, da haben sie sich wieder um den Weg gezankt, bis dann
endlich der Christian nachgegeben hat, und sie sind in den Wald
eingebogen -- er hat aber doch gebrummt: >Ich bin nur froh, daß du nicht
meine Frau bist, Babett!< Da ist die Babett aber bös geworden und hat
geschrien: >Was denkst du denn von mir, du? Wenn ich deine Frau wär',
dann wären wir natürlich draußen gegangen.< Da ist aber der Christian
ganz verblüfft stehengeblieben und hat gefragt: >Du, Babett, was haste
gesagt? _Meinen_ Weg wärst du mit mir gegangen, wenn du meine Frau
wärst?< Und die Babett hat ganz stolz geantwortet: >Natürlich; meinst
du denn, ich wüßt' nicht, wie es sich zwischen Mann und Frau gehört? Ich
kenn' doch meinen Katechismus!< Der Christian hat sich hinter den Ohren
gekratzt und hat sehr nachdenklich ausgesehen; endlich hat er ihr ins
Ohr gerufen: >Ja, Babett, du hast schon recht; eigentlich gehört es sich
auch so zwischen Mann und Frau -- aber in Wirklichkeit ist es nicht
immer so.< Und dann schrie die Babett ihm wieder ins Ohr: >Schrei doch
nicht so, Christian; _ich_ bin doch nicht taub, sondern nur du!< Da
wollte der Christian widersprechen, aber die Babett ließ ihn gar nicht
zu Wort kommen, sondern sie schrie weiter: >Bei dir war's freilich
nicht so; grad umgekehrt war's bei dir: du hast erst deiner Frau
gehorcht, und jetzt folgst du deiner Tochter.< Jetzt hat aber der
Christian angefangen zu lachen, und er hat ausgerufen: >Und noch jemand,
ja, da ist noch jemand, dem ich gehorchen muß.< Die Babett hat
angefangen zu raten: >Deiner Tochter ihrem Mann?< Da hat der Christian
noch ärger gelacht: >Nein, der gehorcht selber seiner Frau.< Die Babett
hat ganz verwundert gefragt: >Ja, wem denn sonst noch?< Da ist der
Christian wieder stehengeblieben und hat gerufen: >Ei, dir, Babett, dir
muß ich doch auch gehorchen!< Da haben sie dann beide gelacht und sind
ganz vergnügt zusammen weitergehinkt.«
Tante Toni und alle Kinder lachten auch herzlich über Kurts Erzählung.
Nachdem man nun noch eine halbe Stunde tüchtig marschiert war, kam man
endlich oben am Tempelchen an.
»Aber da ist ja gar kein Tempelchen mehr!« rief Tante Toni ganz
enttäuscht.
»Ja, das fing an zu zerbröckeln, da hat man es einfach abgebrochen.«
»Die Aussicht ist ja auch zugewachsen!«
»Ja, aber komm, ich führe dich hier ganz in der Nähe auf einen
Felsblock, von dem aus hat man einen wirklich schönen Blick.«
Und Paul führte Tante Toni an die bezeichnete Stelle. Als sie zu den
andern zurückkamen, sagte Philipp: »Ich meine, wir könnten uns jetzt
dort ins Gras lagern und etwas essen.«
»Was nicht gar!« rief Tante Toni lachend. »Zum Essen ist es doch noch zu
früh. Ich schlage vor, es wird erst eine Stunde gespielt, dann gefüttert
und hernach weitergespielt, bis es Zeit ist heimzugehen. Ist es euch so
recht?«
Alle erklärten sich einverstanden, und es wurde beschlossen, zuerst
»Räuber und Gendarm« zu spielen.
»Aber die kleine Toni kann nicht mitspielen«, erklärte Otto, »sie kann
nicht gut laufen, und sie würde uns das ganze Spiel verderben.«
Toni schaute mit einem flehenden Blicke zu ihrer Patin auf, und schon
rannen ein paar Tränen über ihre Bäckchen, da faßte Lilly sie an der
Hand und sagte: »Doch, Otto, laß sie nur mitspielen; sie ist das
gestohlene Kind, welches die Räuber versteckt haben und welches die
Gendarmen suchen müssen. Komm, Toni, ich verstecke dich!« Und sie
sprang mit der schnell getrösteten Toni fort. Die andern folgten ihr,
nur Mariechen blieb bei der Tante zurück.
»Wie, Mariechen, spielst du nicht mit?«
»Ach nein, Tante, das Spiel ist mir ein bißchen zu wild, und man
verdirbt sich die Kleider dabei.«
Tante Toni lächelte.
»Allerdings, Mariechen, es wäre schade um dein hübsches Kleid; du hast
dich für die Gelegenheit ein bißchen zu fein gemacht.«