»Ich will sie lieber liegen lassen und benützen, um durch di

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Tante Toni

und ihre Bande

Eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde

Von

A. v. Brochow

Zweite und dritte Auflage

Freiburg im Breisgau

_Herdersche Verlagshandlung_

Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg und Wien

Alle Rechte vorbehalten

Buchdruckerei der _Herder_schen Verlagshandlung in Freiburg. 1919

Inhaltsverzeichnis.

Seite

1. Kapitel. Tante Toni kommt! 1

2. Kapitel. Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni

macht dabei Charakterstudien 18

3. Kapitel. Was die Kinder werden wollen 38

4. Kapitel. Es wird spazierengegangen; man begegnet

der alten Babett; Anna wird Prophetin und Rudi

Schwanenritter 51

5. Kapitel. Minnichen wird geimpft 90

6. Kapitel. Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den

Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich 103

7. Kapitel. Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt

du nun, wie es tut? 135

8. Kapitel. Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung! 172

9. Kapitel. Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große

Tag und Ottos Entschluß. Auf Wiedersehen! 187

Erstes Kapitel.

Tante Toni kommt!

Frau Wulff saß am Fenster und nähte. Ihre vier ältesten Kinder waren

noch um den Tisch versammelt und beendeten ihren Nachmittagskaffee.

»Eilt euch ein wenig«, drängte die Mutter, »damit ihr bald an die

Aufgaben kommt und hernach noch in den Garten gehen könnt.«

»Ich bin fertig«, sagte Kurt, und er trat zur Mutter ans Fenster.

Hinausblickend gewahrte er den Briefträger.

»Mutter, da ist der Briefträger!« rief er eifrig aus. »O, darf ich

schnell hinunterlaufen? Er hat vielleicht einen Brief von Tante Toni!«

»Ja, geh nur. Aber sei so gut und bringe mir den Brief uneröffnet. Du

weißt, es schickt sich nicht, daß Kinder die Briefe ihrer Eltern

öffnen.«

Kurt wurde rot und sprang hastig hinaus. Wenige Augenblicke später

stürzte er wieder ins Zimmer und schrie, wie im Triumph einen Brief

hochhaltend: »Hurra, ein Brief aus Walden; der ist sicher von Tante

Toni!«

Die vier Kinder drängten sich an die Mutter heran.

»Schnell, Mütterchen, mach' auf und sieh, ob sie kommt!«

»Nur gemach, nur gemach, Kinder!« wehrte diese lächelnd, aber sie

beeilte sich doch sehr mit dem Öffnen des Briefes; sie wartete ja selbst

mit Sehnsucht auf den Besuch ihrer Schwester, der schon lange geplant

war, aber wegen eines Unwohlseins ihres Vaters schon mehrmals hatte

verschoben werden müssen.

Schnell durchflog sie den Brief und rief dann freudig aus: »Ja, Kinder,

die Tante Toni kommt, und zwar schon morgen!«

Diese Nachricht wurde mit einem solchen Freudengeschrei begrüßt, daß die

Mutter sich die Ohren zuhalten mußte.

»Kommt der Großpapa auch mit?« fragte Paul, Kurts Zwillingsbruder.

»Nein; Großpapa geht zu seiner Erholung für ein paar Wochen zu Onkel

Karl und zu Tante Klara aufs Land; deshalb kann Tante Toni diesmal

etwas länger bleiben.«

»Hurra, sie bleibt lange diesmal!« schrie Anna, und sie wirbelte

springend und hopsend durchs Zimmer, während die kleine Toni, das

Patenkind der Tante, in die Hände klatschend ausrief: »O, wie froh bin

ich, wie froh!«

»Höre, Paul«, wendete sich nun die Mutter an diesen, »du gehst gleich zu

Onkel Robert und teilst ihm Tante Tonis Ankunft mit. Da er jedenfalls

keine Zeit haben wird, an die Bahn zu gehen, so bitte ihn, er möge doch

morgen nachmittag zum Kaffee kommen oder wenigstens das Fräulein mit den

beiden Kindern schicken. Und du, Kurt, du springst hinüber zu Onkel und

Tante Helmer und ladest sie ebenfalls ein und sagst, sie möchten die

drei größeren Kinder mitbringen. Haltet euch aber nicht auf, denn es muß

noch gelernt werden; sonst gibt es morgen Verdruß in der Schule!«

»Sei ruhig, Mutter, wir sind gleich wieder da!«

Und wie der Wind stürzten Paul und Kurt hinaus, stolz darauf, die

Überbringer einer so wichtigen Botschaft zu sein.

Tante Tonis Zug traf am nächsten Tage gegen 3 Uhr ein; es war

glücklicherweise ein schulfreier Nachmittag, so daß die Zwillinge, Anna

und Toni ihre Mutter an die Bahn begleiten konnten. Dort trafen sie auch

schon Tante Luise Helmer mit ihren zwei Ältesten, Mariechen und Philipp.

Als der Zug einfuhr, waren die Kinder kaum zurückzuhalten. Jedes wollte

die Tante zuerst sehen, sie zuerst begrüßen, und kaum war diese ihrem

Wagenabteil entstiegen, da war sie auch schon umringt, umarmt,

geschoben, gestoßen, daß sie sich kaum zu helfen wußte und lachend

ausrief: »Das ist ja der reinste Überfall! Gebt acht, die guten Sachen,

die ich euch mitgebracht habe, werden ganz zerbröckelt und zu Brei

gedrückt sein, bis wir heimkommen!«

Das wirkte ein wenig, und Tante Toni konnte nun endlich auch ihre beiden

Schwestern begrüßen.

»Und nun im Triumphzug nach Hause!« rief Kurt.

Aber es war nicht leicht, etwas Ordnung in diesen Triumphzug zu bringen;

denn die liebe Tante hatte leider nur zwei Seiten, und es stritten sich

sechs Kinder um den Vorzug, neben ihr gehen zu dürfen. Mama Wulff

machte endlich dem Streit ein Ende, indem sie erklärte:

»Tante Luise und ich, wir nehmen Tante Toni in unsere Mitte, und ihr

geht hübsch brav und ordentlich voraus, erst die drei Buben und dann die

drei Mädels!«

»Ich will aber lieber mit den Buben gehen!« erklärte Anna Wulff.

»Wir bedanken uns für die Ehre!« rief Paul abweisend. »Wir brauchen dich

nicht!«

»Paul, du bist aber doch wirklich ein garstiger, ein ganz abscheulicher

Bub!« zankte Anna sehr beleidigt, und als nun Paul seine Mütze abzog und

eine tiefe Verbeugung machend sagte: »Ich danke verbindlichst für diese

Schmeicheleien«, da erklärte Anna entschlossen: »Und ich geh' doch mit

euch Buben!«

Aber die Mutter rief mahnend: »Kinder, ihr werdet doch hier keinen

Streit anfangen! Mir scheint, ihr wollt euch der Tante gleich von eurer

schlimmsten Seite zeigen.«

Paul und Anna ließen die Köpfe ein wenig hängen, aber Annas

Schelmengesichtchen zeigte bald wieder den gewohnten fröhlichen

Ausdruck, und sie gesellte sich zu ihrer Cousine Mariechen und zu klein

Toni, halblaut vor sich hinsingend:

»Ach, wenn ich doch kein Mädchen wär'!

Das ist doch recht fatal!

Dann ginge ich zum Militär

Und würd' ein General!«

Und nun vollzog sich die Heimkehr ohne weiteren Zwischenfall.

Nachdem Tante Toni sich vom Reisestaube gereinigt hatte, galt ihr erster

Besuch dem Kinderzimmer, um den bald vierjährigen Leo zu begrüßen und

die Bekanntschaft der Allerkleinsten zu machen. Minnichen war noch keine

zwei Jahre alt, und Tante Toni hatte es noch gar nicht gesehen. Es tat

erst etwas scheu; als aber die Tante lockte: »Komm, du Goldkäferchen,

komm mal her zu Tante Toni, die hat dir auch etwas mitgebracht!« da

näherte sich die Kleine, zuerst zwar etwas schüchtern, aber bald ganz

zutraulich, und es dauerte nicht lange, da hatte sie es sich auf Tante

Tonis Schoß bequem gemacht, und sie ließ sich das eben erhaltene Biskuit

munden, aber nicht ohne es der Tante zum Schmecken hinzuhalten und auch

dem danebenstehenden Brüderchen, obwohl dieses selbst sehr mit Kauen

beschäftigt war. Dazwischen erklärte der kleine Leo mit wichtiger

Miene: »Du mußt wissen, Tante, daß ich Leo heiße, und ich lehre das

Minnichen jetzt sprechen. >Mama< und >Papa< kann es schon sagen, aber

>Leo<, das bringt es noch nicht fertig; es kann nicht >l< sagen und macht

immer >neh< und >noh<. Der Name ist vielleicht zu schwer, und ich will's

mal mit >Toni< versuchen.« Dann sich schmeichelnd an sein Schwesterchen

wendend fuhr er fort: »Komm, Minnichen, sag' mal schön >Toni<, dann

kriegste auch was von mir!«

Allein Minnichen hatte allem Anscheine nach eben keine Lust zum Lernen;

es lachte nur, und den Rest seines Biskuits mit dem einen Händchen in

die Höhe haltend, patschte es mit dem andern aufs Bäuchelchen.

»Das soll heißen, 's wäre sehr gut«, erklärte Leo der Tante.

In diesem Augenblick stürzte Anna zur Türe herein und rief: »Tante, du

sollst schnell runterkommen; der Onkel Robert ist da mit Otto und Lilly,

und eben kommt auch Onkel Albert Helmer mit dem Rudi!«

Leo und Minnichen sahen die Tante nur ungern scheiden, und es hätte wohl

Tränen gegeben, wenn diese nicht versprochen hätte: »Ich komme heute

abend nochmal zu euch -- ich komme euch waschen und ins Bettchen legen!«

»Ja, o ja, Tante, tue es, das ist schön!« jubelte Leo in die Hände

klatschend.

»Sön«, echote Minnichen, und es patschte fest seine kleinen, dicken

Händchen gegeneinander.

»Hast du's gehört, Tante? Es hat eben >sön< gesagt, es kann schon wieder

ein neues Wort!« rief der kleine Lehrmeister der davoneilenden Tante

nach.

Nachdem Tante Toni ihren Bruder und ihren Schwager begrüßt hatte,

wendete sie sich an die neun anwesenden Kinder und sagte lachend:

»Ihr seid aber alle so groß geworden in diesen zwei Jahren -- ich weiß

gar nicht, ob ich euch noch auseinander kenne! Kommt, stellt euch doch

mal dem Alter nach in eine Reihe, damit ich sehe, ob ich noch alle

nennen kann!«

Die Kinder gehorchten lachend. Die immer lustige Anna rief aber:

»Nimm dich in acht, Tante Toni; wenn du den Namen von einem von uns

vergessen hast oder gar eines mit dem andern verwechselst, so ist das

eine schreckliche Beleidigung.«

»Nun, ich werde mich schon zusammennehmen. Bei dir hat's jedenfalls

keine Gefahr, mein Ännchen; dein Spitzbubengesichtchen verwechselt man

nicht leicht mit einem andern. Aber nun angefangen! Also hier zuerst

Mariechen Helmer; du bist jetzt vierzehn Jahre alt. Von dir hab' ich

schon Gutes und Liebes gehört, wie vernünftig du bist und wie du

versuchst, deinem Mütterchen zu helfen.«

Und Tante Toni drückte einen herzlichen Kuß auf die Stirne des

errötenden Mariechens.

»Und nun kommen wir zu den Wulffschen Zwillingen Kurt und Paul. Die

haben sich gestreckt. Gib acht, Mariechen, deine Vettern wachsen dir

bald über den Kopf.«

»Ich auch, Tante Toni; ich bin fast so groß wie unsere Mieze!«

»Ja du, bist du denn wirklich der Philipp Helmer? Dich hätte ich

wirklich beinahe nicht mehr erkannt. Jetzt darf man dich nicht mehr

>Dickerchen< nennen, so groß und schlank bist du geworden! Du und die

Zwillinge, ihr seid wohl jetzt dreizehn Jahre alt.«

»Und ich, Tante Toni, wie alt bin ich?« rief Anna Wulff, ihre für ihr

Alter etwas zu kleine Gestalt nach Kräften in die Höhe reckend.

»Ja du, Ännchen, laß dich mal betrachten«, und Tante Toni drehte Ännchen

hin und her, besah sie überlegend von allen Seiten; endlich sagte sie:

»Ei, Ännchen, was machst du für Sachen! Du hast wohl seit einiger Zeit

so viel tolle Streiche im Kopf, daß du ganz vergessen hast zu wachsen.

Du siehst aus, als wärest du nicht viel über zehn Jahre!«

»Ich bin aber zwölf«, sagte Anna, ein bißchen schmollend.

»Ich bin noch nicht elf und bin so groß wie sie!« rief Otto Mehring, der

neben seinem um ein Jahr jüngeren Schwesterchen Lilly stand.

»Ja, und du darfst in diesem Jahre zur ersten heiligen Kommunion gehen,

wenn ich nicht irre.« Tante Toni strich ihm leicht die Haare aus der

Stirne. Mit ganz besonders liebevollem Blick schaute sie Otto und Lilly,

die beiden Kinder ihres Bruders Robert, an, ganz besonders innig drückte

sie diese beiden ans Herz -- sie hatten ja keine Mutter mehr, die armen

Kinderchen.

Als letzte in der Reihe standen noch der achtjährige Rudi Helmer mit

seinem blonden Lockenkopf und den treuherzigen blauen Augen und die

siebenjährige Toni, die neben diesem ihrem kräftigen, rotwangigen

Vetterchen noch zarter und blasser aussah wie sonst.

»Du mußt rötere Bäckchen bekommen, mein Patenkindchen, und du darfst

nicht gar so ernsthaft dreinschauen«, sagte Tante Toni leise.

Aber Tonis Mutter hatte es doch gehört, und sie erklärte mit einem

besorgten Blicke auf ihr kleines Töchterchen:

»Das Kind leidet noch immer unter den Folgen des Scharlachfiebers. Die

andern wissen schon lange nichts mehr davon, nur Toni hat sich nie so

recht davon erholt.«

Nun trennte sich Tante Toni von den Kindern, denn sie mußte sich zu den

Großen setzen, um ihnen vom Großpapa und von seiner Reise zu Onkel Karl

und Tante Klara zu erzählen.

Klein Toni war aber der Tante nachgegangen; erst stellte sie sich ganz

still neben ihren Sessel, allmählich rückte sie ein wenig näher, und

zuletzt lehnte sie ihr Köpfchen an deren Schulter, schmiegte sich an sie

und streichelte leise ihre Hand. Die gute Tante zog die kleine Nichte

auf ihren Schoß und meinte lächelnd: »Ich glaube, wir werden bald recht

gute Freundinnen werden.«

Da leuchteten klein Tonis Augen auf, und sie fragte eifrig: »Wirklich,

Tante Toni? Willst du meine Freundin sein, meine _wirkliche_ Freundin?«

»Aber gewiß, sehr gerne!«

Wie der Wind huschte die Kleine vom Schoße der Tante herunter, und ganz

rot vor freudiger Aufregung stürzte sie auf die andern Kinder zu und

rief mit strahlenden Augen:

»Du, Mieze! du, Anna! ich hab' jetzt auch eine Freundin! -- Ihr braucht

jetzt gar nicht mehr so ein Getue zu machen mit euern Freundinnen! Ich

hab' eine viel größere und eine viel bessere Freundin wie ihr -- denn

Tante Toni ist meine Freundin!« Und triumphierend schaute klein Toni

ihre Geschwister, Vettern und Cousinen an.

Diese aber brachen in ein schallendes Gelächter aus. Das hatte das Kind

nicht erwartet. Es war erst starr vor Überraschung, dann wurde es rot

und rief halb weinend: »Was lacht ihr mich denn aus? Ich hab' doch gar

nichts Dummes gesagt!«

»Nein, mein Tonichen«, suchte Mieze die Kleine zu beruhigen, »du hast

gar nichts Dummes gesagt -- aber es kam uns halt nur so drollig vor,

daß du winziges Persönchen dir die Tante Toni zur Freundin ausgesucht

hast!« Und nun fing Mieze wieder an zu lachen, die andern stimmten im

Chore ein; Anna und Otto lachten am lautesten, umtanzten das Kind und

schrien: »Hoch der neue Freundschaftsbund!«

Jetzt aber wurde klein Toni zornig, ihre Augen funkelten, sie ballte die

kleinen Fäuste, sie stampfte mit den Füßen, und je mehr die andern

lachten, desto wilder gebärdete sich das Kind. Als Mieze es zu beruhigen

suchte, stieß es sie von sich, bis Kurt sagte:

»Na, so einen Zornepickel wird Tante Toni aber doch gewiß nicht zur

Freundin haben wollen!«

Da kam die Kleine zur Besinnung. Sie wurde auf einmal still, ließ das

Köpfchen hängen und schlich sich fort. Sie kauerte sich in ein Eckchen,

drückte die Fäustchen vor die Augen und weinte leise vor sich hin. Mieze

wollte ihr nachgehen, aber Anna hielt sie zurück und sagte: »Laß sie nur

jetzt ganz in Ruhe; wenn sie so ihren Zorn gehabt hat, dann ist es am

besten, man kümmert sich nicht um sie. Kommt nur alle mit mir in den

Garten, die Toni wird uns nachher schon von selbst nachkommen.«

Tante Toni hatte aber von ferne alles beobachtet. Als die andern Kinder

das Zimmer verlassen hatten, näherte sie sich der weinenden Kleinen;

diese aber drückte die Händchen nur noch fester vor das Gesicht, und ihr

Schluchzen wurde heftiger. Die Tante nahm das Kind auf und setzte sich

mit ihm ins Nebenzimmer. Sie ließ es erst ruhig weinen, sie drückte es

nur liebevoll an sich, strich ihm sacht über Stirne und Haare, und als

das Schluchzen endlich anfing etwas nachzulassen, sagte sie freundlich:

»Nun muß meine kleine Freundin aber gleich wieder ein liebes, frohes

Gesichtchen machen.«

Da hob Toni ihr verweintes Gesichtchen in die Höhe: »O Tante Toni,

willst du mich denn noch zur Freundin haben? Ich war doch eben so bös!

-- Was mußten sie aber auch so über mich lachen?« Und die Tränen fingen

von neuem an zu fließen.

»Du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen; sie haben es gar nicht so

böse gemeint. Die Mieze war doch auch recht nett mit dir und wollte dich

trösten.«

»Ja, und ich hab' sie weggestoßen, ich war so zornig!« Und Toni ließ

wieder beschämt das Köpfchen sinken; dann setzte sie aber wie

entschuldigend hinzu: »Das kommt aber von meiner Krankheit her, daß ich

so leicht zornig werde, ich kann nichts dafür. Mama hat den andern schon

öfter gesagt, sie dürften mich nicht so reizen.«

»O, es ist ja leicht möglich, daß deine Krankheit eine größere

Reizbarkeit zurückgelassen hat; aber deshalb mußt du doch nicht meinen,

du könntest nichts dafür. Man kann immer etwas dafür, wenn man etwas

tut, wovon man weiß, daß es unrecht ist. Und daß man nicht zornig sein

darf, das weißt du doch, nicht wahr?«

Klein Toni wurde ganz rot, sie senkte das Köpfchen und sagte leise: »Ich

möchte gern nicht zornig sein -- aber es kommt immer ganz von selbst.«

Die Tante lächelte: »Ja, so geht's gewöhnlich. Sieh, die andern meinen's

doch auch nicht böse und sie wollen dich gewiß nicht kränken. Das Necken

kommt bei ihnen auch ganz von selbst.«

Das Kind sah erst überrascht und dann nachdenklich aus, und als die

Tante fragte: »Willst du nun versuchen, kleine Neckereien zu ertragen,

ohne zornig zu werden?« da nickte es mit dem Köpfchen und sagte

ernsthaft: »Ja, ich will's versuchen.«

Die Tante erschrak beinahe ein bißchen, als sie in diese Kinderaugen

blickte, aus denen ein so fester und ernster Entschluß leuchtete:

»Aber nun muß mein Tonichen wieder ein frohes Gesichtchen machen und

lachen. Komm, wir wollen jetzt Mariechen und die andern Kinder aufsuchen

gehen!«

Sie nahm ihr Patenkindchen bei der Hand und führte es in den Garten.

Dort rief sie die Kinder alle zusammen und sagte:

»Hört einmal, was ich mir ausgedacht habe! Des Vormittags, während ihr

in der Schule seid, werde ich der Mutter hier im Hause und bei den ganz

Kleinen helfen; aber des Nachmittags gehöre ich euch. Wenn ihr Zeit habt

und das Wetter ist schön, dann werden wir auch Spaziergänge zusammen

machen.«

»Hurra, Tante Toni!« und »Tante, du bist einfach famos!« so jubelten die

Kinder, vor Freude in die Hände klatschend.

Der blondlockige Rudi aber fragte eifrig: »Und wirst du uns auch

Geschichten erzählen, Tante Toni?«

»Gewiß, Rudi, herzlich gern. Du hörst also gern Geschichten?«

»O, furchtbar gern!«

»Ich auch!« und »Ich auch!« riefen da noch mehrere Stimmen.

»Ich höre am liebsten Indianergeschichten«, erklärte Otto, und Anna

stimmte ihm bei; die Zwillinge fanden Seeabenteuer viel interessanter;

Rudi und Toni entschieden sich für Märchen.

»Übrigens«, schlug Kurt vor, »da morgen Sonntag ist, könnten wir gleich

einen Spaziergang verabreden.«

»Natürlich!« rief Paul voll Eifer. »Wir führen die Tante über den

Hennenberg nach Horbach, von da auf den Blauberg, und ...«

»Warum nicht gleich auf den Chimborasso oder ins Himalajagebirge?«

unterbrach Mariechen lachend. »Morgen wird Tante Toni noch etwas

reisemüde sein und sich gerne mit einem kleineren Spaziergang begnügen.

Ich schlage das Tempelchen vor; der Weg dahin ist schön und nicht zu

steil, und von dort hat man einen herrlichen Blick auf unser Städtchen

und in die Berge, und dann ...«

»Und dann kann man da oben auch sehr gut >Räuber und Gendarm< spielen!«

fiel Rudi ein. »O, ich kenne dort ein paar ausgezeichnete Verstecke!«

»Ach, das Tempelchen -- das ist schrecklich langweilig«, erklärte Otto

Mehring mit wegwerfender Miene. »Da ist man schon so oft gewesen! Dahin

geh' ich mal nicht mit!«

»Ei, so bleib' du nur daheim, wir können's schon ohne dich aushalten!«

entgegnete Paul ein wenig grob. Aber Tante Toni sah ganz betrübt aus,

als sie sagte:

»O, mir würde es aber sehr leid tun, wenn du nicht mitgingest, lieber

Otto.«

»Nun, Tante, wir wollen sehen; dir zuliebe gehe ich vielleicht mit.«

»Wie gnädig!« kicherte Anna dem Mariechen ins Ohr.

»Nun müssen wir nur sehen, was eure lieben Eltern zu diesem Plane sagen

werden.« Mit diesen Worten kehrte Tante Toni ins Haus zurück.

Zweites Kapitel.

Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni macht dabei Charakterstudien.

Am folgenden Tag war die ganze Kinderschar wieder bei Wulffs versammelt.

Vater Wulff stand vor dem Barometer und runzelte die Stirne.

»Es tut mir leid, Kinder«, sagte er endlich, »aber ihr werdet euern

Spaziergang nicht machen können. Der Barometer ist sehr gefallen, und

dort in der Wetterecke sieht es drohend aus. Wir bekommen Regen und

Wind, vielleicht sogar Sturm.«

Da gab es enttäuschte, betrübte und ärgerliche Gesichter.

»Wie langweilig! Was fangen wir jetzt an?«

»Nun, wir können wenigstens in den Garten gehen, solange es noch nicht

regnet«, schlug Tante Toni vor.

»Weißt du was, Tante Toni? Mache mit uns eine Krocketpartie!«

»Ach ja, Tante Toni, die Mieze hat recht, wir wollen Krocket spielen!«

»Nee -- Krocket ist entsetzlich langweilig!«

Tante Toni lachte: »Lieber Otto, das Wort >langweilig< scheint ein

Lieblingsausdruck von dir zu sein! Ich stimme für Krocket. Wer spielt

also mit?«

»Ich natürlich«, erklärte Otto mit Bestimmtheit.

»Wie, Otto, du? -- Du findest das Spiel doch so langweilig!«

»Immerhin weniger langweilig als gar nicht zu spielen.«

»Nun gut also. Und wer spielt noch mit?«

»Ich -- ich -- ich!« schrien alle Kinder durcheinander.

»Ja, wir können aber nicht alle spielen, wir sind etwas zu zahlreich.

Ich will gerne zuschauen.«

»Nein, Tante Toni, das gibt's nicht. Du mußt vor allen mitspielen. Wir

können ja das Los ziehen, um zu sehen, wer mitspielt.«

»Ach nein; da gibt's doch immer Ärgerliche und Unzufriedene«, behauptete

Mariechen Helmer. »Spiele du mit den Größeren, Tante Toni; ich nehme

die Kleineren mit auf die Wiese und spiele mit ihnen Ball oder Reifen.

Komm, Tonichen; kommt, Rudi, Lilly und Anna, wollt ihr mit mir gehen?«

»Ich schau' lieber den Großen zu«, erklärte Rudi.

»Wir können zu sechs spielen, drei gegen drei«, erklärte Philipp Helmer.

»Tante Toni, Paul, Kurt, Otto und ich, das sind fünf; da kann der Rudi

also mit uns spielen.«

»Nein, der Rudi spielt viel zu schlecht, den will ich nicht!« rief Otto.

»Dann lieber die Lilly.«

»Ach ja, Tante Toni, laß mich mitspielen, ich spiele schon sehr gut!«

bat Lilly, und nach einigem Hinundher kam endlich die Partie zustande,

und zwar so, daß Tante Toni mit Kurt und Lilly gegen Paul, Philipp und

Otto spielte.

Im Anfang ging alles ganz gut; als aber Paul einen ungeschickten Schlag

ausführte, wurde er verdrießlich und ärgerlich. Bald darauf passierte

seinen beiden Partnern Otto und Philipp dasselbe Mißgeschick; da geriet

er ganz außer sich und machte ihnen die größten Vorwürfe; diese wollten

sich das aber nicht gefallen lassen, und Philipp meinte spöttisch:

»Ei, wenn du schimpfen willst, so fang' nur bei dir selber an! Du bist

uns mit dem schlechten Beispiel vorangegangen; du hast die erste

Dummheit gemacht.«

»Das kann dem besten Spieler einmal passieren.«

»Gewiß; aber um so eher kann es mittelmäßigen Spielern passieren, und zu

denen rechnest du Otto und mich ja doch!«

»Aber keine Spur von einer Latern'! Zu den _schlechten_ Spielern rechne

ich euch, zu den ganz schlechten! Ihr spielt geradezu miserabel -- wie

soll man denn eine Partie gewinnen mit solchen Partnern? Da ist ja nicht

daran zu denken -- das ist überhaupt gar kein Spiel mehr!«

»Das finde ich auch«, versetzte Tante Toni, die dem Streite bisher

schweigend zugehört hatte. »Sag' mal, lieber Paul, weshalb spielen wir

denn eigentlich Krocket?«

»Nun, um zu gewinnen; das ist doch selbstverständlich!«

»Doch nicht so ganz. Der Hauptzweck ist doch der: wir wollen uns

unterhalten und uns am Spiel erfreuen, indem jeder danach trachtet, den

andern an Geschicklichkeit zu überbieten, aber in aller Freundschaft;

und wenn man eine Dummheit oder eine Ungeschicklichkeit begeht, dann

lacht man sich gegenseitig ein wenig aus -- wieder in aller

Freundschaft. Es kann ja natürlich nur _eine_ Partei gewinnen -- wenn

aber dann die Verlierenden sich jedesmal gebärden, wie wenn ihnen ein

Unglück widerführe oder ein Unrecht geschähe -- ja, dann hört eben aller

Spaß auf und man kann das kein Spiel mehr nennen. Nun, was meinst du

dazu, Paul?«

»Ja, Tante Toni, du hast eigentlich recht. Wenn's einem aber egal ist,

ob man gewinnt oder nicht, dann gibt man sich auch keine Mühe, und das

Spiel ist gar nicht interessant.«

»So habe ich's aber auch nicht gemeint. Es soll einem gewiß nicht egal

sein, und jeder muß sich natürlich die größte Mühe geben, um zu

gewinnen. Das Gewinnen soll nur nicht der Haupt- und alleinige Zweck des

Spieles sein. -- So, ich glaube, ich bin nun an der Reihe, und wirklich,

Paul, ich werde mich tüchtig anstrengen, um einen Meisterschlag zu

vollführen!«

»Bravo, Tante Toni! Das hast du gut gemacht, du hast Ottos Kugel

getroffen -- hinaus mit ihr, so weit du kannst!«

»Ich will sie lieber liegen lassen und benützen, um durch die Schelle zu

kommen; sie liegt doch hinter ihrem Reifen.«

Als Tante Toni sich umdrehte, sah sie gerade, wie Lilly mit dem Füßchen

ihre Kugel ein wenig vorschob, so daß sie für den nächsten Schlag in

eine günstigere Lage kam. Sie sagte nichts, sie schaute nur Lilly ernst

an. Diese wurde ein bißchen rot und tat, als ob sie bloß ein Steinchen

unter ihrer Kugel entfernt hätte.

Nachdem nun Kurt gespielt hatte, kam Philipp an die Reihe; er gab seiner

Kugel einen kräftigen Schlag, so daß sie durch ihren Reifen flog und in

Lillys Nähe zu liegen kam; als Kurt sich nun anschickte, Lillys Kugel zu

treffen, schrie diese ihn an:

»Du, das gibt's nicht! Philipp, du hast gepfuscht; deine Kugel lag

vorhin so, daß du gar nicht durch deinen Reifen kommen konntest!«

»Sag' noch einmal, ich hätte gepfuscht, du kleine Kröte!« ereiferte sich

Philipp.

»Du hast gepfuscht -- gepfuscht -- gepfuscht!« schrie Lilly.

»Impertinente kleine Person!« Philipp war rot vor Ärger, und er hätte

seine kleine Cousine gewiß etwas unsanft angefaßt, wenn Tante Toni nicht

dazwischengetreten wäre.

»Lilly, schau mich mal an, und dann sage mir ehrlich: Hast du gesehen,

daß Philipp gepfuscht hat?«

Lilly wurde verlegen. »Nein, gesehen hab' ich es nicht -- aber vorhin

lag seine Kugel anders, und da ...!«

»O, da kann man sich so leicht täuschen! Sieh, mir kommt es vor, als

hätte _deine_ Kugel vorhin auch anders gelegen.«

Lilly senkte die Augen vor dem klaren, durchdringenden Blick der Tante;

sie wurde so verlegen, daß Tante Toni Mitleid mit ihr hatte und Philipp

einen Wink gab, den der gutmütige Junge auch verstand, worauf er

weiterspielte, als ob nichts geschehen wäre, und er behandelte Lillys

Kugel so glimpflich, daß dieselbe ganz in der Nähe ihres Reifens liegen

blieb.

Das Spiel nahm nun einen ganz friedlichen Verlauf, es wurde sogar

lustig, weil Tante Toni nachdem sie wieder einmal einen Meisterschlag

versprochen hatte, glänzend am Ziele vorbeischoß, worüber sie selbst in

lustiges Lachen ausbrach; die Kinder stimmten von Herzen ein, und von

diesem Augenblicke an wurde über jeden ungeschickten Schlag gelacht und

nicht mehr gezankt.

So ging alles vortrefflich; selbst Lilly war wieder ganz vergnügt, sie

war sogar sehr stolz, denn sie hatte mit einigen geschickten Schlägen

ihre Kugel weit voran gebracht. Sie lag eben wieder sehr schön vor ihrem

Reifen, als Paul, der Anführer der Gegenpartei, dieselbe traf und mit

einem kräftigen Schlag ziemlich weit fortschickte.

Da warf Lilly einfach ihren Hammer hin; sie sagte: »Ich spiel' nicht

mehr mit!« und setzte sich schmollend in einen Winkel. Tante Toni sah

ihr ganz überrascht nach, Paul aber sagte ärgerlich:

»Ja, so macht sie's immer. Wie ihr etwas nicht nach dem Kopf geht, dann

läuft sie fort und verdirbt einem das ganze Spiel.«

»Soll ich hingehen und sie zu versöhnen suchen?« schlug der gutmütige

Philipp vor.

»O nein«, antwortete Tante Toni, »das wäre ganz verkehrt; dann würde sie

es bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder so machen. Nein, wir

lassen sie ganz ruhig in ihrem Schmollwinkelchen sitzen, und Rudi kann

für sie einspringen. Magst du, Rudi?«

»Aber wie gern, Tante Toni!«

»Ach nein, der Rudi spielt gar zu schlecht«, knurrte Otto.

»Aber Otto, das kann dir doch nur angenehm sein, er ist ja dein Gegner!«

»Ach, das ist ja überhaupt gar keine Ehre mehr, gegen solch einen Gegner

zu gewinnen!«

»Ich spiel' gar nicht so schlecht, Tante Toni, du wirst es schon sehen«,

und Rudis eben noch vor Freude strahlende Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich bin überzeugt, daß du recht gut spielst, mein lieber Rudi«,

tröstete ihn Tante Toni und sah sich nach Lillys Hammer um; allein

inzwischen war Otto zu seiner Schwester gegangen und hatte leise aber

eindringlich auf sie eingesprochen, und gerade als Tante Toni sich nach

dem Hammer bücken wollte, sprang Lilly herbei, erfaßte ihn und rief:

»Ich spiel' selbst weiter!«

Tante Toni sah unschlüssig von einem Kinde zum andern. Ihr

Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr, daß Lilly Strafe verdient habe und

eigentlich vom Spiel ausgeschlossen bleiben müßte -- sie wußte ja auch,

daß Lilly nur deshalb wieder mitspielen wollte, weil sie und Otto dem

kleinen Rudi das Vergnügen mißgönnten. Anderseits konnte sie es aber

nicht übers Herz bringen, gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu

sein. Sie neigte sich deshalb zum enttäuschten Rudi nieder und erklärte

ihm: »Lieber Rudi, wir sehen und wissen beide, daß Otto und Lilly nicht

schön handeln, aber sie haben eben keine liebe Mutter, die ihnen täglich

und stündlich zur Seite steht, sie ermahnt und belehrt -- wir wollen

daran denken und Geduld mit ihnen haben, nicht? Aber du sollst nicht zu

kurz kommen, und ich verspreche dir, die nächste Krocketpartie mache ich

mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden?«

Rudi nickte unter Tränen lächelnd, und Tante Toni gab ihm noch einen

herzlichen Kuß, als Otto ungeduldig rief: »Holla, Tante Toni, aufgepaßt,

du bist dran!« Während Tante Toni spielte, stieß Otto den Rudi an und

höhnte: »Hä, du spielst doch nicht mit, siehst du's?«

Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte Spott nicht vertragen. Er

wurde sehr rot bei Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was Tante

Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt an sich. Er streckte seine

Hände in die Hosentaschen und drehte Otto den Rücken.

»Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins Kinderzimmer, da gehörst du

auch hin. Hier störst du uns ja nur.«

Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte: »Ich bleibe hier und schaue

zu.«

»Ich sag' dir aber, daß du fortgehen sollst!«

»Du hast mir nichts zu sagen.«

»Gewiß, denn ich bin älter, größer und stärker als du.«

»Älter, ja; größer nicht viel, aber stärker gar nicht.«

»Was hast du gesagt, du frecher Knirps du? Sag's doch noch einmal, wenn

du's wagst!«

»Ich bin stärker wie du.«

»Mit dem Mund vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit.«

»Soll ich's beweisen?«

»Das wagst du ja nicht, du Feigling!«

Nun war Rudis Geduld zu Ende. Er stürzte sich auf Otto, und die beiden

Knaben begannen zu ringen. Otto war allerdings fast drei Jahre älter als

Rudi, aber er war verhältnismäßig klein und zart gebaut, während Rudi

groß und kräftig war. Rudi bekam denn auch bald die Oberhand, und ehe es

der erschrocken herbeieilenden Tante Toni gelang, die beiden zu trennen,

lag Otto auf der Erde. Sofort begann er ein entsetzliches Wehegeschrei,

so daß nicht nur Mieze mit den andern Kindern gelaufen kamen, um zu

sehen, was geschehen sei, sondern auch die Eltern, die in der Nähe des

Hauses in einer Laube gesessen hatten.

Frau Helmer rief, die Hände ringend: »Natürlich wieder mein Rudi! Wenn

ich Geschrei höre, dann brauch' ich gar nicht zu fragen, denn ich weiß

schon im voraus, daß der Rudi wieder etwas angestellt hat!«

Frau Wulff und Tante Toni hatten sich inzwischen um Otto bemüht, hatten

ihn befragt, befühlt und betastet und konnten gar nicht finden, wo er

eigentlich verletzt war.

»So sag' uns doch endlich mal, wo es dir fehlt!« rief Tante Toni aus.

»Ich kann mir doch nicht denken, daß du uns ohne Grund so erschreckt

hast!«

Otto antwortete nicht sofort -- dann aber fuhr er sich mit beiden Händen

an den Kopf und jammerte: »Mein Kopf, o mein Kopf!«

Tante Toni und Frau Wulff sahen sich besorgt an; sie führten ihn ins

Haus, um ihn aufs Sofa zu legen und ihm Umschläge auf den Kopf zu

machen. Im Vorbeigehen warf Tante Toni dem Rudi einen vorwurfsvollen

Blick zu. Das Kind wandte sich ab -- es hatte eben schon die Vorwürfe

seiner Mutter zu hören bekommen --, sein sonst so offenes, liebes

Gesicht bekam einen Ausdruck von finsterem Trotz. Ohne ein Wort zu

sagen, verließ er den Spielplatz.

Mariechen aber hatte ihr Brüderchen beobachtet. Sie ging ihm leise nach;

sie wußte, sein Trotz würde nicht lange dauern, sondern bald einem

großen Schmerz weichen. Schon mehrmals hatte sie Rudi nach einem solchen

Auftritt bitterlich weinend in irgendeinem Gebüsch des Gartens versteckt

gefunden. Diesmal war er ganz hinten in den Garten gegangen; dort war

ein stilles, von dunkeln Tannen und dichtem Gesträuch umstandenes

Plätzchen; da hockte er auf einer Bank, die Arme auf die Lehne gestützt

und den Kopf darin vergraben.

Mariechen setzte sich neben ihn.

»Komm, Rudi, sag' mir's, wie ist's denn wieder gekommen?«

Zuerst wollte Rudi nicht antworten, endlich stieß er hervor: »Nun, wie

halt immer. Erst höhnt er mich und reizt mich, bis ich nicht mehr anders

kann, als ihn anpacken, und sowie er fühlt, daß er unterliegen wird,

dann fängt er seine Brüllerei an, stellt sich, wie wenn ich ihm Gott

weiß was getan hätte -- und ich krieg's nachher von allen!«

Es klangen Trotz, Schmerz und Bitterkeit aus seiner Stimme.

Mariechen schlang ihren Arm um Rudi und sagte begütigend: »Komm, Rudi,

wir wissen's ja doch, daß Otto der schuldige Teil ist, und ...«

»So? Hast du denn nicht gehört, was Mama eben sagte, und hast du nicht

gesehen, wie Tante Toni mich angeschaut hat? Und Tante Toni hatte mir

doch gerade gesagt ...« Hier ging die Stimme des Knaben in Schluchzen

über.

»Komm, Rudichen, mein liebes Goldrudichen, weine nicht so. Sag' mir

genau, wie alles gekommen ist -- ich erzähle es der Tante Toni, und ich

werde schon sorgen, daß sie keine falsche Meinung von dir behält.«

»Es wird ihr aber recht leid tun; denn sie hat Otto und Lilly sehr lieb,

weil sie keine Mama mehr haben. Für uns ist das aber auch schrecklich;

sie sind beide unausstehlich, und wir müssen uns alles von ihnen

gefallen lassen; niemand straft sie, und wenn man sich über sie beklagt,

dann heißt es nur immer: >Habt doch Geduld mit den armen Kindern, denn

sie haben keine Mutter mehr.<«

»Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr«, sagte Mariechen; dann schwieg

sie nachdenklich still, während ihr Brüderchen fortfuhr:

»Und dazu sind sie auch fast immer bei uns oder hier bei Wulffs -- wir

können niemals etwas unternehmen, außer sie müssen dabei sein.«

»Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie traurig es bei ihnen zu Hause

ist so ohne Mama und fast ohne Papa; denn du weißt ja, wie angestrengt

Onkel Robert arbeiten muß und daß er sich fast nicht um seine Kinder

kümmern kann.«

»O, Fräulein Helene sorgt aber doch recht gut für sie!«

»Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur daran, wie unsere Mutter

jeden Abend mit uns betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins

Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns ans Bett kommt, um uns das

Kreuzzeichen zu machen und den letzten Gutenachtkuß zu geben; denke doch

daran, wie du immer und zu jeder Stunde zu ihr gehen, sie um alles

bitten und fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen, wie

schrecklich es wäre, wenn wir unsere Mama nicht mehr hätten!«

»Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich gar nicht denken. Und jetzt

-- vielleicht weint sie gerade, weil ich vorhin so zornig war!« Bei

diesem Gedanken fingen Rudis Tränen wieder an zu fließen.

»Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen!« Mariechen sprang auf und zog

ihr Brüderchen mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem versteckten

Plätzchen hervorgetreten, da erblickten sie ganz in der Nähe ihre Mutter

und Tante Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber Mariechen

hielt ihn fest und sagte: »Geh' du nur gleich zu Mama -- ich nehme

inzwischen Tante Toni beiseite und erkläre ihr alles.«

Mariechen erzählte nun Tante Toni, wie vorhin der Streit zwischen Otto

und Rudi entstanden war. Tante Toni hörte aufmerksam zu, dann sagte sie:

»Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, daß Otto und Lilly nicht nett

mit Rudi sind.«

»Nicht wahr, du hast es auch bemerkt?« rief Mariechen eifrig. »Was mögen

sie nur gegen den guten Rudi haben? Otto neckt und ärgert uns ja alle

gern, aber doch ganz besonders den Rudi -- er weiß, daß der Rudi

Spöttereien nicht vertragen kann; er weiß aber auch, daß Rudi ihm nichts

tun darf. Du kannst mir glauben, Tante Toni, ich habe schon manchmal

gemerkt, wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht hat --

aber wenn dann Otto gar nicht aufhört und nur immer ärger kommt, dann

bricht er halt los, und man kann's dem kleinen Buben doch nicht so

streng anrechnen, wenn er im Zorn einmal ein bißchen fest dreinschlägt;

dann gibt's aber jedesmal ein Gebrüll und ein Getue, wie du es vorhin

gehört hast, und die ganze Familie gerät in Aufregung, weil Otto doch

keine so feste Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich nach solch

einer Balgerei sogar ein paar Tage ins Bett gelegt und hat behauptet,

es sei ihm entsetzlich übel; als ich ihm aber ein großes Stück Kuchen

brachte, da hat er's mit dem besten Appetit verzehrt, und wie dann Onkel

Wulff von einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war Herr Otto

plötzlich wieder gesund. Und Lilly hält zu Otto -- bei sich zu Hause

streiten sie auch miteinander, aber gegen uns halten sie stets zusammen.

Und wirklich, Tante Toni, wir lassen uns viel von den beiden gefallen,

denn sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre Mutter tot ist.«

Tante Toni seufzte und ging eine Weile schweigend neben Mariechen her.

Endlich sagte sie: »Wir wollen unsere Hoffnung auf Ottos erste heilige

Kommunion bauen, und wir wollen recht eifrig für ihn beten, liebes

Mariechen. Otto und Lilly waren doch so liebe, herzige Kinder, als sie

noch klein waren -- und sie haben auch einen so vorzüglichen Vater!«

»O ja, Tante Toni! Sie hängen aber auch beide sehr an ihrem Vater, und

wenn Onkel Robert dabei ist, dann sind sie einfach musterhaft. Ach, es

ist recht schade, daß er immer so viel zu tun hat!«

In diesem Augenblick kam Anna herbeigesprungen: »Tante Toni und Mieze,

wo bleibt ihr denn? Schnell kommt Kaffee trinken, sonst kriegt ihr

nichts mehr; denn der arme Otto hat von seinem Sturze einen wahren

Heißhunger davongetragen. Er hat schon verschiedene Rosenbrötchen, zwei

Stücke Kuchen und drei Bretzeln verschlungen!«

Drittes Kapitel.

Was die Kinder werden wollen.

Als Tante Toni und Mariechen ins Haus kamen, fanden sie wirklich die

ganze Gesellschaft um den Kaffeetisch versammelt. Otto machte noch ein

etwas leidendes Gesicht, aber die Besorgnisse seiner Tanten verflogen

doch gänzlich, als sie sahen, mit welchem Behagen er in seine Bretzel

biß.

»Wenigstens die fünfte!« flüsterte Anna dem Mariechen zu.

»Ei, da ist ja auch Leo!« rief Tante Toni erfreut aus, als sie den

kleinen, dicken Burschen auf einem hohen Kinderstühlchen am Tisch sitzen

sah.

»Ja, ich darf heut' mit den Großen Kaffee trinken, damit du auch eine

Freude hast«, erklärte der Kleine mit überzeugtem Tone, und wichtig

fügte er hinzu: »Tante, das Minnichen kann schon beinah' >Toni< sagen;

es macht schon: >Mieh -- Mieh<!«

»Wirklich? Das ist aber schön und das freut mich; später gehe ich auch

mit dir hinauf, und dann muß Minnichen es mir vorsagen.«

Jetzt kam Mariechen mit der großen Kaffeekanne. »Darf ich dir

einschenken, Tante?«

»Gewiß, Mariechen! Ich danke dir. Aber wo sind denn die Papas?«

Kurt antwortete: »Papa und Onkel Helmer wollten ein bißchen spazieren

gehen; sie werden aber nicht weit gekommen sein, denn es fängt gerade an

zu regnen.«

»Und Onkel Robert?«

»O, der Papa hat heute wieder arg viel zu tun«, erklärte Lilly wichtig.

»Erst mußte er noch einen großen Artikel für seine Zeitung schreiben,

und dann wartete er auch noch auf verschiedene Leute, mit denen er zu

sprechen hat.«

»Also nicht einmal den Sonntagnachmittag kann er sich frei machen!«

Frau Wulff flüsterte ihrer Schwester halblaut zu: »Der arme Robert ist

wieder arg angegriffen worden. Er wird schließlich doch noch zu Gericht

gehen müssen, um Ruhe zu bekommen.«

Otto hatte die Ohren gespitzt und einiges verstanden. Ärgerlich rief er

aus: »Ich möchte, Papa jagte die ganze Zeitungsgeschichte zum Kuckuck

und er würde etwas anderes als Redakteur!«

»Aber Otto, wie kannst du so etwas sagen! Du weißt doch, daß dein Vater

der Anführer und Leiter der Katholiken hier ist. Ich wüßte niemand, der

ihn ersetzen könnte, wenn er sich zurückziehen wollte.«

»Er hat aber doch nur Last und Arbeit und noch dazu Ärger mehr wie genug

-- und es dankt's ihm kein Mensch!«

»Gewiß, Otto, ich weiß viele, die mit großer Liebe und Verehrung an

deinem Vater hängen.«

»O Tante Toni, es sind noch viel mehr, die ihn beschimpfen und

verleumden!«

»Das passiert jedem, der mit Eifer und Erfolg eine gute Sache vertritt.

Ein mutiger Soldat wirft deshalb seine Flinte nicht ins Korn!«

»Na, Tante Toni, ich werde jedenfalls mal nicht Redakteur des

>Mainboten<!«

»Ei, Otto, das von dir zu hören, tut mir wirklich leid. Ich hätte

gedacht, du würdest einmal mutig in die Fußstapfen deines Vaters treten

und es dir zur Ehre anrechnen, so wie er all deine Kraft für die gute

Sache einzusetzen. Es fehlt dir also der Mut dazu?«

»Nein, der Mut nicht, aber die Lust!«

»O--h!« machte Tante Toni gedehnt, und sie sah Otto dabei mit ihren

klaren Augen so durchdringend an, daß er verlegen auf seinen Teller

blickte, und als Tante Toni nun weiterfragte: »Was möchtest du denn

werden?« da antwortete er ausweichend: »Ich weiß es noch nicht recht --

vielleicht Reiteroffizier.«

»Ich geh' einmal zur Marine«, erklärte hierauf Paul mit Bestimmtheit.

»Und ich wahrscheinlich auch«, ließ sich sein Zwillingsbruder Kurt

vernehmen, »aber nicht als Offizier, sondern als Arzt oder

Naturforscher, damit ich mich mal einer Nordpolexpedition anschließen

kann.«

»So, du möchtest wohl ein berühmter Reisender werden, wie z. B. Fridtjof

Nansen? Nun, und du, Philipp?«

»O Tante, den brauchst du gar nicht zu fragen!« riefen die andern Kinder

lachend. »Der Philipp, der muß Ingenieur werden; der hockt ja jetzt

schon die meiste Zeit in der Fabrik und bosselt an den Maschinen herum.«

»Denke nur, Tante«, erzählte Rudi, »neulich war an der neuen

Dampfmaschine etwas nicht in Ordnung; man wollte schon dem Monteur

telegraphieren, der sie aufgestellt hat, aber da hat der Philipp

herausgefunden, woran es lag, und der Maschinist hat gesagt: >Das ist

aber mal ein Hauptkerl!<« Und Rudis Augen leuchteten vor Freude und

Stolz über seinen tüchtigen Bruder.

»Recht so, Philipp, das höre ich gern; da bekommt der Papa an dir später

eine gute Hilfe in dem großen Betrieb.« Und Tante Toni nickte dem Neffen

freundlich zu. Dieser war etwas rot geworden, hatte sich aber weiter

nicht in seiner Gemütsruhe stören lassen.

»So, nun müssen aber auch die andern heraus mit der Sprache!« rief Tante

Toni lustig. »Also Mariechen, wie steht es mit dir?«

Ehe Mariechen noch antworten konnte, rief Anna lachend: »O, das ist eine

Betschwester -- die ginge ins Kloster, wenn es dort nur einen Spiegel

gäbe!«

»Halt den Schnabel, vorlautes Ding; du bist ja nicht gefragt!«

»Ich danke dir, teurer Bruder Paul, für die liebevolle Zurechtweisung!«

»Zankt euch doch nicht wieder, ihr beiden, und laßt Mariechen endlich zu

Wort kommen.«

»O, ich habe nicht viel zu sagen«, meinte Mariechen errötend. »Vorläufig

lerne ich recht fleißig, damit ich später mein Examen machen kann. Das

weitere wird sich dann schon finden.«

»Bravo, Mieze!«

Aber Anna konnte das Necken nicht lassen; sie machte ein drollig

zerknirschtes Gesicht und rief aus: »Mieze, du bist einfach ein

Musterkind. Ich fühle mich wirklich so unwürdig, neben dir zu sitzen,

daß ich meine, der Erdboden müßte mich verschlingen.« Und damit

verschwand sie unter dem Tisch.

Alle lachten; auch die geneckte Mieze lachte herzlich mit, dann rief sie

munter:

»Nun hast du so gut für mich geantwortet; jetzt sprich für dich selbst;

also ich frage dich feierlich: Was willst du werden, Anna Wulff?«

»Nun, ich heirate natürlich«, klang es unter dem Tisch herauf.

Wieder entstand allgemeines Gelächter.

»Was gibt's denn da zu lachen?« Und Annas Kopf tauchte empor.

»Zum Heiraten gehören zwei«, belehrte Kurt mit weiser Miene.

»Das weiß ich doch, daß ich mich nicht selbst heiraten kann. Ich heirate

den netten holländischen Jungen, mit dem wir voriges Jahr im Seebad

gespielt haben.«

»O, den dicken Jan!« lachte Kurt. »Du bist nicht dumm, Änne, denn sein

Vater ist Millionär. Ob der dich aber will?«

»O, der wird schon wollen!« versicherte Anna in überzeugtem Ton.

»Ich bin noch nicht gefragt worden«, meldete sich nun Lilly.

»Also, Lilly, leg' los! Ich wette, du wirst eine alte Jungfer!«

Lilly warf ihrem Vetter Paul einen sehr entrüsteten Blick zu und

entgegnete: »Fällt mir nicht ein, eine alte Jungfer zu werden -- da

heirat' ich doch noch eher einen von euch!«

»Ums Himmels willen, doch nicht mich?« schrie Paul in komischem

Entsetzen auf, und er streckte wie abwehrend die Hände aus.

»Nein, dich mag ich gar nicht, du bist mir zu grob -- aber vielleicht

den Philipp!«

Philipp machte ein äußerst verblüfftes Gesicht bei dieser Erklärung.

»Warum denn gerade mich?« fragte er in kläglichem Ton.

»Du bist der gutmütigste von allen, und dich werde ich schon bald unter

den Pantoffel kriegen«, erklärte Lilly mit einem siegesgewissen Blick

auf ihren Vetter, der dasaß mit der Miene eines Opferlammes, welches zur

Schlachtbank geführt werden soll.

Die andern schrien vor Lachen. Frau Wulff, welche gerade der Tante Luise

Helmer eine neue Tasse Kaffee einschenken wollte, schüttete vor lauter

Lachen daneben; Mieze hielt sich die Seiten und bog sich; Anna hatte

sich verschluckt, und lachend, hustend und pustend verteidigte sie sich

gegen ihre Brüder, die ihr allzu diensteifrig und kräftig ans den Rücken

klopften.

»Genug, Kinder, genug!« rief Tante Toni in den Tumult hinein; aber sie

mußte selbst wieder von neuem lachen, und es dauerte noch eine kleine

Weile, ehe sie fortfahren konnte: »Wir sind ja noch nicht fertig. Wer

ist denn an der Reihe, gefragt zu werden?«

»Der Rudi, der Rudi!« hieß es, und Otto fügte mit geringschätziger Miene

hinzu:

»Den brauchst du gar nicht zu fragen, Tante Toni; der will Kutscher

werden!«

»Ach, Otto, das hab' ich doch nur früher gesagt, als ich noch ganz klein

war!« verteidigte sich Rudi.

»Ei, was bist du denn jetzt? Bildest du dir vielleicht ein, du wärest

schon groß?«

»Geh', Otto, sei nur still! Als du noch so ein kleiner Bubi warst wie

hier das Leomännchen, da wolltest du auch Kutscher werden.«

»Aber Tante Toni!«

»Gewiß; ich war damals ja längere Zeit bei euch; und wie oft hast du

deine hölzernen Pferdchen an meinen Stuhl gespannt und mich so in der

Welt herumkutschiert!«

»Aber doch nicht wirklich, Tante Toni?« fragte Leomännchen, der mit

sichtlichem Interesse zugehört hatte.

»Nein, natürlich nur im Spiel. Und du, mein Leobübchen, du willst gewiß

auch Kutscher werden?«

»O nein -- ich werde Kaiser«, erklärte der Kleine mit Bestimmtheit.

»O, Kaiser -- nur Kaiser!« riefen alle erstaunt und belustigt. Tante

Toni belehrte lächelnd:

»Kaiser kann man aber nur werden, wenn man ein Prinz ist.«

»Ich heirat' einfach eine Prinzessin, dann werd' ich ein Prinz.«

»O Dummerchen! Eine Prinzessin, die will dich doch nicht«, spottete

Anna.

»Dann heirat' ich zur Straf' gar nicht!« Und Leomännchen wandte sich

gekränkt ab.

»Ach, was für eine entsetzliche Strafe!« schrie Anna lachend. Dann

streckte sie wie flehend die Hände nach ihrem Brüderchen aus und rief:

»Gnade, Kaiserliche Majestät! Die arme Prinzessin wird sich zu Tode

grämen!«

Der Kleine sah Anna mit mißtrauischer Miene an. Er wußte nicht recht,

was sie eigentlich meinte, aber er fühlte doch heraus, daß sie sich über

ihn lustig machte; deshalb sagte er ärgerlich: »Geh' weg, böse Anna, du

willst mich doch nur wieder ärgern!«

»Verstoßen! -- ich bin verstoßen von Seiner Kaiserlichen Majestät!«

jammerte Anna in komischer Verzweiflung; dann hielt sie der Mutter ihren

Teller hin und flehte mit zitternder Stimme: »Ach, Kaiserin-Mutter,

erbarmen Sie sich doch meiner und geben Sie mir zum Trost noch ein Stück

Kuchen!«

Die Mutter lächelte nachsichtig: »Da hast du dein Stück Kuchen, kleine

Komödiantin!«

»Meinen innigsten, meinen untertänigsten Dank!« Und dem kleinen Leo den

Kuchen hinhaltend, fügte sie hinzu: »Auf dein Wohl, o großer, berühmter

Kaiser, werde ich diesen Kuchen verspeisen.« Dann streckte sie ihrem sie

erstaunt anblickenden Brüderchen die Zunge heraus und biß in den Kuchen.

»Aber pfui, Anna, was gibst du dem Kleinen für ein schlechtes Beispiel!«

rügte die Mutter.

Tante Toni und ihre Bande · 第 1 / 8 段