dem Saaten und Knospen sprießen, der aber auch die Landstraßen zu Brei
verwandelt und dem Wanderer feuchtkalt durch alle Kleider dringt. Tief
hingen die Wolken über der traurig verwüsteten Gegend, in der die Russen
gehaust hatten. Wie ein zerbrochener Armstumpf ragte der seiner Spitze
und seiner Glocken beraubte Kirchturm in die graue Luft. Öde starrten die
leeren Fensterhöhlen aus den brandgeschwärzten Mauern des Schiffes
der kleinen Kirche. Ringsumher Schutthaufen verbrannter, eingestürzter
Häuser, in den Gärten Überreste von mutwillig zerbrochenem Hausgerät,
Fetzen zerschlitzter Federbetten. Nur die steinernen Kamine der Herde
ragten aus der Verwüstung empor. -- Doch an allen Ecken und Enden waren
schon Menschen an der Arbeit, um die liebe Heimat wieder zum Wohnsitz
für die zurückgekehrten Besitzer herzurichten. Es wurde gegraben, Steine
wurden geschleppt, Balken aufgerichtet. Finster blickten die Männer,
vergrämt die hageren Frauen. Wieviel sie durch die Besetzung Ostpreußens
durch die Feinde verloren, das konnten sie erst jetzt überschauen. All
das schöne Vieh, das irgendwo in den Wäldern verhungert war oder von den
Russen verzehrt!
[Illustration]
Schwerfällig arbeitete sich durch die zerweichte, schlammige Landstraße
wieder so ein Planwagen mit heimkehrenden Flüchtlingen heran. Was lag da
alles beieinander unter dem Regendach. Säcke mit Wäsche und Kleidern,
eine Kiste mit Saatkartoffeln, das Spinnrad der Mutter, das alte Gesangbuch
der Großmutter, ein weißes Zicklein, das die Flucht wie den Aufenthalt
in der Stadt vergnügt überstanden hatte und im Begriff war, sich zu einer
stattlichen Ziege auszuwachsen. Zwischen ihren geretteten Sachen kauerten
auf Kissen und Decken die Familienglieder, alt und jung. Endlich fand der
Vater, der neben den Pferden herschritt, den Platz, auf dem sein Häuschen
gestanden hatte. Es war nicht so leicht gewesen, denn das Dorf hatte durch
den Brand und die Beschießung ein völlig verändertes Aussehen bekommen.
Der Wagen hielt, einer nach dem anderen steckte den Kopf unter der nassen
Leinewand hervor und begann, im triefenden Regen vom Wagen zu klettern.
Da fand sich auch einer unter ihnen, der nicht zu der ostpreußischen
Flüchtlingsfamilie gehörte. Das war Helmut Kärn. Bis hierher an die
russische Grenze war er ohne viel Beschwerde gelangt.
Zwar hatte es ein paarmal unvorhergesehenen Aufenthalt gegeben, viel
Militär war an ihm vorübergefahren, aber mit seinem Billett kam er
sicher nach Königsberg. Schwierig wurde die Sache erst, als Helmut auf die
Kleinbahnen geriet, die ihre Fahrpläne nicht mehr innehielten, auf denen
man Zivilpersonen fast gar nicht mehr beförderte. Doch Helmut wußte
sich immer irgendwie einzuschmuggeln. Bat er einen der Soldaten so recht
flehentlich, ihn doch mitzunehmen, weil er seinen Vater in einem Lazarett
an der russischen Grenze suchen müsse, so erlaubten ihm die gutmütigen
Feldgrauen gewöhnlich, sich zwischen ihnen einzuquetschen, obwohl sie
meistens schon so eng saßen, wie die Bücklinge in ihren Kisten.
Plötzlich hieß es, für die nächsten Tage sei der Bahnverkehr gänzlich
gesperrt. Es mußte da oben, wo Hindenburg befehligte, etwas Neues im Werke
sein! Desto heißer wurde Helmuts Verlangen, in die kriegerische Zone zu
gelangen.
Er beschloß, zu Fuß weiter zu wandern, zumal er mit Erschrecken sah, wie
schnell seine Barschaft sich verringerte.
In der Nacht schlief er in der Knechtekammer des Gasthauses in einer
kleinen Ortschaft. Für das Unterkommen nahm die Wirtin ihm nur 50 Pfennige
ab und die Flöhe bekam er umsonst -- es waren nicht wenige! Denn auch hier
hatten die Russen mit ihrem Schmutz gehaust. Von ihrem ersten und zweiten
Einfall hörte er in der Gaststube, wo er eine Suppe verzehrte. Greuliche
Geschichten! Es lief ihm kalt über den Rücken, wenn er sich vorstellte,
daß das alles wirklich geschehen war und nicht nur so in Büchern stand.
In der Wand der Gaststube steckten noch die Kugeln, und die Wirtin trug
Trauer, denn ihren Mann hatten die russischen Soldaten auf dem Marktplatz
erschossen, weil er sich geweigert hatte, ihnen sein gesamtes Eigentum
auszuliefern. Auf dem Hofe von Frau Ledderhose hatte Helmut gar nicht so
einen schrecklichen Begriff von ihnen bekommen. -- Da waren sie einfach
freundliche Menschen gewesen, die ihre Arbeit taten und des Abends vor
ihrem Schuppen saßen und schöne traurige Lieder sangen. Seltsam doch, wie
der Krieg die Menschen verändern mußte! Ob sein Vater wohl auch so von
Grund aus verändert, so wild und grausam geworden war? Einen armen Kerl,
der über die Zerstörung seines Eigentums verzweifelt war, so einfach
niederzuknallen -- nein, dessen war sein Vater nicht fähig. Das wußte
Helmut felsenfest.
Mit solchen Gedanken trottete er im Regen die Landstraße entlang, erfüllt
von all den neuen Eindrücken. Er begegnete schon mancherlei kriegerischen
Vorbereitungen. Einmal einer langen Artilleriekolonne mit großmächtigen
Geschützen, ein anderes Mal einem friedlichen Zug schwarz und weiß
gefleckter Rinder, die indessen auch einem vaterländischen Zwecke dienten.
Sie folgten dem Heere nur, um geschlachtet zu werden, dann als Gulasch die
fahrbaren Feldküchen zu füllen und die Tapferen nach vollbrachter Pflicht
zu stärken.
Immer Neues gab es zu sehen und zu hören. Helmut wurde das stundenlange
Wandern nicht leid. Aber endlich wurde er noch naß bis auf die Haut,
und in seinen Schuhen gluckste das Wasser bei jedem Schritt. Als er am
Nachmittag den Planwagen mit den heimkehrenden Flüchtlingen überholte,
war er herzensfroh, als der Kätner ihn gutmütig aufforderte, mit unter
den Plan zu kriechen. Da war's ganz behaglich, man saß dicht beisammen,
einer wärmte den anderen, und man kam schneller vorwärts.
Aber dann war's doch schrecklich, das zerstörte Dorf zu sehen und den
starren Schmerz der Leute, als sie vor dem Trümmerhaufen standen, der
einst ihr schmuckes Häuschen gewesen.
»Na, nun nicht gejammert, das wird schon alles wieder werden«, sagte der
Mann endlich und schlug sich bekräftigend mit der Faust in die linke Hand.
»Das ganze Deutsche Reich wird uns helfen wieder hoch zu kommen, und der
Kaiser hat's versprochen!« Damit holte er sich vom Wagen einen Spaten und
fing gleich an aufzuräumen, um sich durch den Schutt den Weg in die
noch stehengebliebenen Brandmauern zu bahnen. Der Stall war auch ziemlich
unversehrt. Der ließ sich am ersten zu einem vorläufigen Obdach für
die Nacht herrichten. Vater und Mutter, die Kinder, darunter ein Sohn
in Helmuts Alter, alles arbeitete wacker daran, das Ställchen sauber zu
bekommen. Da hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopf. Ein paar
Strohsäcke wurden vom Wagen geholt und die mitgeführten Betten und
Decken darübergebreitet. Helmut machte sich nützlich, indem er unter
dem vorspringenden Dach, an einer vor dem Regen geschützten Stelle, aus
Steinen einen kleinen Herd baute und Feuer anzündete. Das hatte er oft
auf Jagdausflügen mit dem Vater geübt. Die Frau kochte einen Brei, und
obschon die ganze Familie aus einer Schüssel aß, schmeckte es doch allen
prächtig. Der Mann dehnte sich und sagte zufrieden zu seiner Frau: »Was,
meine trautste Marjell, wieder zu Haus -- is doch besser, als die Füße
unter fremder Leute Tisch zu stecken!« Und dann schnarchte er auch gleich
schon friedlich, daß es klang, als arbeite eine große Säge sich durch
eine gewaltige Eiche. --
Am nächsten Morgen wanderte Helmut weiter, diesmal bei hellem
Frühlingssonnenschein; der trocknete seine nassen Schuhe schnell. Hinter
ihm klang der Schlag der Äxte und der Ruf der Zimmerleute aus den Ruinen,
in denen überall sich fleißige Menschen regten, die einander hilfreich
waren, um neu aufzubauen, was der Krieg zerstört hatte. Schwer mochte es
oft sein, in der verwüsteten Gegend seines Lebens Notdurft und Nahrung zu
finden, mancher mochte bereuen, zu früh im Winter zurückgekehrt zu sein.
Vor dem nächsten Dorfe traf Helmut auf eine Gruppe Kinder, die eifrig in
dem Schlamm der aufgewühlten Gartenerde nach Kohlstrünken suchten und die
halbfaulen, schmutzigen Reste gierig benagten. Er stand still und schaute
sie an -- so etwas von Hunger, wie sich auf den armen, blassen Gesichtlein
ausprägte, hatte er sich nie träumen lassen! Barfuß waren sie, mit
offenen Frostbeulen an den Füßen, und nur ein paar zerrissene Lumpen als
Kleider am Körper.
Helmut warf seinen Rucksack von der Schulter. Er besaß noch belegte
Butterstullen, mit denen er sich am Tage zuvor im Gasthof versorgt hatte,
und einige harte Eier! Er dachte nicht mehr daran, daß dies für heute
sein Mittagsmahl bilden sollte, sondern kramte die guten Dinge eilig hervor
und hielt sie den Kindern entgegen.
Die starrten ihn einen Moment lang ganz dumm an, als könnten sie das
unerwartete Glück gar nicht fassen. Dann stürzten sie sich auf die Gabe,
Helmut mußte noch energisch wehren, daß sie sich nicht darum prügelten.
Schon waren Eier, Wurst und Brot in den eifrig kauenden Mündern
verschwunden. Wahrhaftig, sie bettelten noch um mehr. Er ließ sie in
seinen Rucksack schauen, um sie zu überzeugen, daß er nichts Eßbares
mehr bei sich führte.
»Warum seid ihr nicht nach Berlin gekommen? Mein Großvater hätte besser
für euch gesorgt«, sagte er. »Jeder, der kommt, kriegt Nachtlager und
Speisemarken für die Volksküche!«
»Vater wollte nicht fort, Mutter hat ihn so gebeten! Er sagte, er wollte
sterben, wo er gelebt hat«, antwortete das Älteste, ein verständiges
Mädchen von etwa neun Jahren. »Wir haben uns nur im Walde versteckt,
solange Russ' hier war, dann kamen wir gleich wieder. Aber kalt im Winter,
schrecklich kalt!« »Das will ich wohl glauben, ihr armen Würmer«, sagte
Helmut mitleidig und schenkte jedem noch zehn Pfennige. Sie zeigten ihm die
Richtung des Weges und warnten ihn, er solle nicht durch den Wald gehen,
dort hänge noch viel Stacheldraht zwischen den Büschen, und es gäbe dort
auch tote Pferde, die röchen schlecht.
Am nächsten Tag kam Helmut ins Russische, oder vielmehr in das Gebiet, das
vordem russisch gewesen, nun aber von unseren Truppen besetzt war. Jetzt
begann erst die schwere Zeit. Er konnte sich nicht mehr mit den Einwohnern
verständigen, die ihn mißtrauisch und feindlich betrachteten. Er verirrte
sich und wußte nicht mehr aus noch ein, dazu knurrte ihm der Magen
gewaltig, denn er hatte am Abend zuvor in einem furchtbar schmutzigen
»Krug« am Waldesrand nur ein Glas Bier und ein Stück Brot erhalten.
Lange Stunden irrte er im Walde umher. Er sah auch so eine arme
Pferdeleiche im Drahtverhau hängen. Schwärme von Raben kreisten über ihr
und bedeckten sie fast. Helmut hatte im Tropenwald und auf den Weiden in
Brasilien oft gefallenes Vieh gesehen und immer auch die Aasvögel über
ihrer Beute. Aber hier grauste es ihn mehr als je zuvor, er wußte selbst
nicht warum. Der Gedanke, in diesem Wald übernachten zu müssen, erschien
ihm plötzlich sehr schreckhaft. Noch in diesem Frühling mußten hier
Kämpfe stattgefunden haben. Viele Bäume waren schwarzgesengte Stummel.
Er traf auf tiefe Gräben, die an ihren Rändern zerbrochene
Konservenbüchsen, Patronenhülsen, Kleiderfetzen aufwiesen zum Zeichen,
daß sie für Freund oder Feind als Schützengräben gedient hatten. Kreuz
und quer liefen die zerschossenen und zerrissenen Drahthindernisse durch
das Unterholz, das sich mit lichtgrünem Blätterwerk zu bekleiden begann.
Es war so still, als hätten selbst die Vögel vor Schrecken das Singen
verlernt. Helmut ging schneller und schneller auf einem kräftig betretenen
Pfad, der denn doch einmal irgendwo auf eine breitere Straße führen
mußte. Zuletzt lief er und fühlte, wie die Schweißtropfen ihm über die
Stirn rannen.
Da hielt er mit einemmal auf einer Lichtung inne. Ihr Boden war bedeckt
mit zarten weißen Anemonen und lila Waldveilchen. Durch die spärlich
belaubten hohen Buchen, an denen die hellgrünen Blättchen die goldigen
Knospenhüllen noch nicht völlig abgestreift hatten, schien die Abendsonne
und tauchte den einsamen Platz in einen sanften, hellen Glanz. Zwischen
den Blumen lag eine Reihe kleiner Hügel, auf jedem war ein Holzkreuz
befestigt, und graue Helme hingen über den Kreuzen.
Auf den Zehen trat Helmut näher und las die Inschriften der Kreuze.
Zuweilen waren es Namen und die Bezeichnung des Dienstgrades, z. B.:
»Hier ruht in Gott unser guter Hauptmann Freiherr Egon von Falkenberg.«
Zuweilen nur die kurzen Worte: Hier ruht ein deutscher Soldat. Das Datum
war bei allen dasselbe.
Helmut nahm seine Mütze ab und faltete die Hände. Friedlich durften sie
nun schlafen, die toten Helden unter Anemonen und Veilchen, im grünen Arm
des Waldes!
Weihevolle Andacht und Verehrung erhob Helmut das Herz. Vor diesen Gräbern
verging die sinnlose Angst, die ihn beim Anblick der Pferdeleiche gepackt
hatte. Er richtete sich straff auf, seine Augen glänzten wieder hell und
mutig. Es war, als steige aus dem Erdboden dieses stillen, goldumglänzten
Waldwinkels eine wunderbare Kraft auf, die er mit tiefem Atemzuge trank,
die ihn plötzlich mit einer großen Zuversicht begabte, daß er die
Aufgabe, zu der er ausgezogen, auch erfüllen werde.
Mit scharfen Blicken musterte er den Stand der Sonne, prüfte mit
emporgehobenem genäßten Finger die Windrichtung, betrachtete eingehend
die verschiedenen begrasten Pfade, die auf der Lichtung zusammenführten
und wählte nach kurzem Bedenken den, der am meisten Spuren aufwies, in der
letzten Zeit von menschlichen Füßen betreten worden zu sein. Der führte
ihn dann auch nach zwei Stunden strengen Marschierens aus dem Walde heraus
auf eine breite Landstraße. Hier geriet er in ein mächtiges kriegerisches
Treiben mitten hinein.
Im Dämmern der Frühlingsnacht zogen graue Truppenmassen singend dahin,
große Lastautos und Planwagen folgten ihnen, Offiziere auf Pferden ritten
an den Rändern der Chaussee, ungeheuere eisengraue Geschütze wurden von
Autos oder von Reihen schwerer Gäule mit furchtbarem Gedröhn und Gerassel
bewegt, während die Artilleristen, die sie zu bedienen hatten, fluchten
und schimpften, weil sie nicht schnell genug vorwärtskamen.
Eine Weile schaute Helmut begeistert auf das belebte Nachtbild. Plötzlich
fühlte er eine ungeheure Müdigkeit seine Glieder lähmen und seine Sinne
verwirren. Fast wäre er stehend eingeschlafen. Er lief zurück zum Wald,
kroch in ein Gebüsch, und während das Dröhnen und Rasseln, das Singen
und der dumpfe Marschtritt der Bataillone fern und ferner verhallte, war er
schon fest eingeschlafen.
[Illustration]
Als Spion verhaftet
In der Morgenfrühe erwachte Helmut, schaudernd in der Kühle und dem Tau
der Frühlingsnacht. Er wärmte sich durch einen Dauerlauf am Rande der
sonnigen Chaussee, auf der sich schon wieder ein reges kriegerisches
Treiben entwickelte. Mörderisch hungrig war Helmut inzwischen geworden.
Öfters mußte er stehenbleiben und sich zusammenkrümmen wie ein Regenwurm
vor Schmerzen in seinem leeren Magen. Er dachte mit einem gewissen Stolz:
Eklig ist's ja -- aber Donnerschock -- ich kann das doch eher aushalten wie
die armen kleinen Mädchen in dem Krautgarten!
Endlich traf Helmut bei einem zerschossenen Gehöft eine Kompagnie, die auf
dem gepflasterten Hof um eine Gulaschkanone lagerte und sich bei munterem
Geplauder ihr Frühstück schmecken ließ. Der Duft des dampfenden Kaffees,
des frischgebackenen Brotes stieg Helmut wie ein berauschender Wohlgeruch
in die Nase. Er machte sich heran und fragte bescheiden, ob er wohl auch
einen Bissen und einen Schluck haben könnte. Man forschte, woher er
käme, denn hier sprach die Landbevölkerung nur Russisch oder Estnisch.
Offenherzig berichtete er seine Absichten und Pläne. Die Soldaten lachten
über seine Keckheit, einer holte ihm eine Schale Kaffee, ein anderer
schenkte ihm ein tüchtiges Stück Kommisbrot. Als sie aufbrachen, zog er
einfach mit ihnen. Freilich schnauzte ihn der Feldwebel einmal nicht wenig
an -- er solle machen, daß er heimkäme, er wäre ja noch nicht trocken
hinter den Ohren und gehöre an Mutters Schürzenband. Der Junge ließ
sich nicht anfechten und ging einfach zu einer anderen Kompagnie. Überall
amüsierte man sich über den hellen klugen Bengel. -- Er mußte von
Brasilien und seinem dortigen Leben erzählen, der Deutsche hört nun
einmal zu jeder Zeit gern von fremden Ländern und Sitten. Alle seine
Abenteuer mit Schlangen, durchgehenden Pferden, Indianerüberfällen gab
Helmut zum besten, und es ging hier wie schon in Jarmlitz und in Berlin
im Realgymnasium, aus ganz einfachen Erlebnissen waren im Laufe der Zeit
wildromantische Geschichten geworden, die mit der Wirklichkeit nur noch
wenig Ähnlichkeit aufwiesen. In den Ruhestunden sang er brasilianische
Lieder und tanzte komische Negertänze, kurz, Helmut bildete sich schnell
zum Clown der Truppe aus und empfing von den gutmütigen Feldgrauen als
Dank für seine Späße reichlich Liebesgaben in Gestalt von Wurstbrocken,
Zigaretten und Schokolade.
So zog er zwei Tage lang mit der Kompagnie immer tiefer nach Rußland
hinein, der Gegend zu, wo die großen heißen Kämpfe stattfanden. Er sah
und hörte viel Neues, und der Mund stand auch nie stille mit Fragen
nach den Einzelheiten der militärischen Ausbildung, nach Uniformen
und Einrichtungen, nach der Art der Kämpfe, die dieser und jener schon
miterlebt hatte. Die Soldaten gaben ihm auch bereitwillig Auskunft.
Indessen sollte diese Neugier für Helmut höchst unangenehme Folgen haben.
In einer kleinen Ortschaft, wo Nachtquartier gehalten werden sollte,
drängte sich ein russischer Hausierer zwischen die Soldaten und verkaufte
Seife, Kerzen, Bleistifte. Besonders begehrt wurden die russischen
Süßigkeiten, denn die Kehlen wurden trocken bei den langen Märschen. Der
Hausierer machte ein gutes Geschäft, trotzdem er ein unangenehmer Geselle
war mit seiner Zudringlichkeit, seinem schmutzigfettigen Pelz und dem
dummverschmitzten Kalmückengesicht, mit den schiefstehenden Schlitzaugen.
Helmut ließ sich mit ihm in eine längere Unterhaltung ein. Der Hausierer
sprach recht gut Deutsch. Außerordentlich spannend erzählte er Helmut,
wie er schon als Schüler wegen revolutionärer Gesinnung eingekerkert
und nach Sibirien verbannt worden sei, wie es ihm dann unter schrecklichen
Gefahren und Entbehrungen gelang zu entfliehen, wie er in England und der
Schweiz gelebt habe und erst jetzt, nun es von den Deutschen erobert sei,
den Teil seines Vaterlandes wiedersehen dürfe, in dem er ein glückliches
Kind gewesen sei.
[Illustration]
So unsympathisch Helmut der Mann auch war, wurde er doch gerührt durch die
Erzählung all der Leiden, die ihm das Leben schon gebracht hatte. Nur war
es ihm fatal, daß, während er auf einem kleinen Seitenweg des Städtchens
zwischen Gärten in der milden Frühlingsdämmerung mit ihm auf und ab
wandelte, der Russe ihm im Eifer des Erzählens zuweilen zärtlich um die
Schultern faßte oder ihm liebevoll über den Arm strich. Auch die
Anrede »Lieber Mensch Sie! Hören Sie doch!« mit der der Hausierer
sehr freigebig war, schien Helmut etwas allzu vertraulich. Er wäre ihn
schließlich gern losgeworden, wußte aber nicht, wie er das anstellen
sollte. Ein Trupp von vier bis fünf Soldaten kam das Sträßchen herunter.
»Da sind sie ja -- die beiden Burschen!« hörte er rufen, »nun mal
schnell ran, Jungens, jetzt können sie uns nicht entwischen!«
Ehe Helmut noch recht wußte, wie ihm geschah, war er bei der Schulter
gepackt und bekam, als er sich losreißen wollte, von dem jungen
Kriegsfreiwilligen, der ihn hielt, eine Ohrfeige, daß ihm die Funken vor
den Augen tanzten. »So«, sagte dieser böse, »das ist dafür, daß du
uns so reingelegt hast mit deiner Vergnügtheit, Mensch -- und machst dich
dabei mit solchem Gesindel gemein! Pfui Teufel!«
»Ja, was ist denn nur los -- erklären Sie mir blos in aller Welt ...?«
Inzwischen waren die übrigen Feldgrauen dem Russen nachgelaufen.
Beim Anblick der auf sie zukommenden Soldaten, war der die Straße
hinabgesprungen, so schnell ihn seine Beine trugen. Er kam nicht weit, beim
Überklettern eines Gartenzaunes faßten sie ihn schon und banden ihm die
Hände mit festen Hanfstricken auf den Rücken. Helmut geschah das gleiche,
er mochte sich wehren, um sich schlagen, spucken und beißen soviel er
konnte. Dabei hörte er aus dem Munde der Soldaten das schreckliche Wort:
»Widerspenstiges Spionenschwein!« Helmut schrie, schluchzte und beteuerte
seine Unschuld. Der Kriegsfreiwillige Möller, der bisher sein besonders
guter Freund gewesen und ihn nun nur finster und verächtlich anschaute,
sagte streng: »Schick' dich vernünftig in das Unvermeidliche. Der Oberst
wird schon herausfinden, ob du unschuldig bist oder nicht! Verdächtig war
den Kameraden dein Hin- und Herlaufen zwischen uns und dein ewiges Gefrage
nach lauter Dingen, die dich nichts angehen! Ich bin immer für dich
eingetreten! Und dann macht sich ein deutscher Junge mit so 'nem Lausekerl
gemein! Pfui Teufel, pfui Teufel! -- Na, jetzt gibt's erst einmal eine
ordentliche Leibesuntersuchung -- dabei wird sich ja ergeben, ob wir etwas
Anstößiges finden!«
»Aber ich habe Ihnen doch meinen Paß gezeigt«, stotterte Helmut
kleinlaut.
»Pässe -- Pässe --!« sagte der junge Kriegsfreiwillige, »das wär'
nicht der erste Paß, der gefälscht wäre!«
Helmut biß die Zähne aufeinander und reckte sich trotzig. Er wollte nicht
den Anblick eines feigen Hundes bieten, mochte nun kommen, was da wolle!
Der Hausierer heulte und winselte wie ein geschlagenes Tier, zwischen den
Fäusten der zwei alten Landwehrmänner.
Furchtbar schamvoll war es für Helmut, zwischen den Gruppen der lagernden
Soldaten auf dem Marktplatz hindurchgeführt zu werden. Die Hände auf den
Rücken gebunden. Alle kannten sie ihn ja doch -- reckten die Köpfe nach
ihm, flüsterten und tuschelten erregt untereinander. Sie hielten ihn für
einen Spion, der sein Vaterland verraten wollte -- welch ein unerträglich
abscheulicher Gedanke!
In einem stattlichen Hause, es mochte so etwas wie das Rathaus sein,
trennte sich die Gruppe in zwei Teile. Helmut wurde in ein Bureauzimmer
gebracht, wo er sich völlig entkleiden mußte. Der junge Möller, der
schon die Gefreitenknöpfe trug, untersuchte seine Jacke, während zwei
Männer sich mit der Wäsche und seiner Brieftasche befaßten. Jedes
Zettelchen wurde dreimal umgewendet und durchstudiert. Allmählich begann
Helmut sich zu fassen. Außer den Briefen seines Vaters, die er immer
bei sich trug, dem Stundenplan des Gymnasiums, einer Rechnung mit der
Unterschrift von Frau Anna Ledderhose, die er einmal in Jarmlitz aus
dem Papierkorb entwendet hatte, und einem Samtband, das sie um den Hals
getragen, enthielt die Brieftasche nur noch einen Zettel mit ein paar
feinen Schulwitzen, über die er sich zwar ein bißchen schämte, aber die
ihn doch unmöglich an den Galgen bringen konnten.
Da plötzlich hörte er einen dumpfen Ausruf des jungen Freiwilligen,
der sich hinter seinem Rücken mit seiner Jacke zu schaffen machte. Die
Soldaten traten zusammen -- Helmut fuhr mit dem Kopf herum, und sah wie
sein Freund aus dem Umschlag des Jackenärmels einige zusammengeknüllte
Kügelchen von Seidenpapier zum Vorschein brachte.
-- »Da haben wir's ja«, murrte er zwischen den Zähnen.
»Das gehört mir nicht!« rief Helmut stürmisch.
»Kann jeder sagen«, wurde ihm geantwortet. Die Männer, mit Ausnahme
eines stämmigen alten Landwehrmannes, der ihn im Auge behielt, traten am
Fenster zusammen, glätteten vorsichtig die Papiere, beugten sich dicht
darüber, einer zog eine Lupe hervor und prüfte sie, schüttelte darauf
den Kopf, blickte ernst und traurig zu Helmut hinüber und sagte leise:
»Es ist kein Zweifel möglich. Hätte es doch nie gedacht ... Machte
solchen netten Eindruck!«
Helmut war zumut, als sollte ihm das Herz zerspringen vor Wut und Zorn.
Das waren alles seine guten Freunde gewesen -- und hielten ihn solcher
Schlechtigkeit für fähig! Wollte er sich verteidigen, wollte er zu
erklären versuchen, was ihm selbst unerklärlich erschien, so hieß es:
»Halt's Maul! Vor dem Oberst magst du dich rechtfertigen!« Die Soldaten
verließen ihn, nachdem Möller die geglätteten Seidenpapiere und
Helmuts Brieftasche sorgfältig zu sich gesteckt hatte. Der schweigsame
Landwehrmann mit dem zottigen Bart blieb in der Tür stehen. Es wurde
dunkel in dem öden Bureauzimmer, wo der Staub auf den leeren Regalen und
Tischen lag. Helmut saß auf einem Stuhl, malte mit dem Finger gedankenlos
in dem Staub auf dem Tisch, bis er nichts mehr zu sehen vermochte. Er
begann nachzudenken, wie die Seidenpapierkügelchen wohl in aller Welt in
seinen Jackenärmel geraten sein mochten. Sie waren doch keine Läuse, daß
sie kriechen, keine Flöhe, daß sie springen konnten!