die Mutter, »es wird mir schon nichts geschehen!« »Dann will ich mit
dir gehen und dich führen«, rief Helmut schnell. Sie nahm sein Anerbieten
gerne an. Schon auf dem Wege zum Tram bereute er ein wenig seinen schnellen
ritterlichen Entschluß. Dort in der Kirche gab es gewiß viele Frauen, die
weinen würden, das war ihm höchst peinlich. In dem Tram stellte er sich
recht deutlich vor, wie seine Mutter mit gebrochenem Fuß mitten auf dem
Damm liegen und womöglich noch ein Auto kommen und sie überfahren würde.
Auf diese Weise überzeugte er sich, daß es von großer Wichtigkeit sei,
wenn er an ihrer Seite bliebe.
Sie saßen oben auf dem Chor. Helmut blickte auf die goldenen Mosaikwände,
auf denen im gedämpften Licht des Kronleuchters Engel mit farbigen
Flügeln, Gestalten von Aposteln und Heiligen erschienen. Solche Pracht
sah er noch nie. Sie diente zum Rahmen für die Frauen, die das Schiff
der Kirche in dichtgedrängten Reihen füllten; gar manche trug den langen
schwarzen Witwenschleier. Doch auch viele Männer waren gekommen, alte und
junge Feldgraue und hohe Offiziere, die an den Marmorsäulen lehnten, weil
sie keinen Platz mehr gefunden hatten. Helmut entdeckte auch einige Jungen
seines Alters -- es waren wohl Konfirmanden -- ihre Gegenwart gab ihm
gleich ein Gefühl größerer Sicherheit.
Nicht alle Kerzen waren entzündet; ihr Licht schwamm in einer goldigen
Dämmerung, aus der vom Altar die weißschimmernde Gestalt Christi
grüßte. Die Orgel begann zu spielen; ihr wundervoller Klang schwebte
überirdisch zart durch das hohe Gewölbe, Frauenstimmen erhoben sich zu
einem Psalmengesang von unendlicher Süße, anschwellend zu feierlicher
Erhabenheit.
Dem Knaben aus der Wildnis, der nur die Farmhäuser der Ansiedler kannte
und den rauhen, etwas unreinen Gesang der Schulbuben seiner Klasse, ist
zumut, als solle ihm das Herz zergehen bei der himmlischen Musik. Er neigt
den Kopf, faltet die Hände und fühlt Gottes Nähe.
Während der Predigt des Pfarrers beginnen seine Gedanken zu schweifen.
Alle diese Menschen um ihn her bitten, wenn sie ihre Häupter neigen,
um ein teures Leben -- Gott wird ihre Bitten nicht erhören, das ist
entsetzlich. Eine Angst erfaßt ihn. Vielleicht, wenn er mit der Mutter
heimkommt, liegt auf dem Tisch der Brief mit dem Amtsstempel, der ihnen
meldet, daß der Vater gefallen ist.... Ihm gegenüber an der Wand
hinter dem Altar sieht er das Bild eines hohen strengen Mannes. Gerade
aufgerichtet stützt er sich auf sein langes Schwert. Gott trägt jetzt
auch ein Schwert und mäht erbarmungslos die Menschen dahin, Gute und Böse
miteinander. Und Jesus steht weißschimmernd in der Marmorhütte über dem
Altar, blickt ernst und gütig und kann nicht helfen.
Mutter und Sohn schritten durch den Schnee und Mondenglanz, der hell über
den Häusern lag. Sie gingen langsam, die Mutter stützte sich auf Helmuts
Arm.
»Mutter«, sagte der Junge plötzlich heftig, »glaubst du, daß wir noch
einmal im Leben nach unserem Waldeck zurückkehren werden? Glaubst du, daß
wir Vater noch einmal wiedersehen? Oder haben wir alles, alles verloren?«
Frau Kärn bewegte schweigend den Kopf, sie konnte nicht reden. Seit drei
Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihrem Manne.
»Der Pfarrer hat ja wieder so schön und tröstend geredet«, begann sie
nach einer Weile und ihre Stimme klang verzagt. »Aber ich weiß nicht --
mir waren es nur leere Worte. Ich will ja tapfer und mutig sein, nur -- die
Kraft ist nicht mehr da. Ich kann auch nicht mehr beten -- nein, wenn ich
beten will, empört sich mein Herz gegen Gott. Ich sage mir: Wie kann er so
grausam sein -- wie kann er seine Menschenkinder so peinigen? Er ist kein
Gott der Güte ...«
Helmut fühlte, daß die Mutter ihm mit ihrem Vertrauen etwas Kostbares
schenkte. Also auch ihr ging es wie ihm selbst; sie zweifelte, sie schlug
sich mit vielerlei Gedanken über Gott herum, sie konnte zu keiner Klarheit
kommen. Wie bleich und müde sah sie aus! Inbrünstig wünschte er, ihr
etwas sagen zu können, was ihr helfen möchte.
Plötzlich sah er aus der Vergangenheit ein Bild deutlich in seinem
Gedächtnis auftauchen. »Weißt du noch, Mutter«, rief er lebhaft, »wie
unsere schöne Bläß -- die mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die
so viel Milch gab, in der Nacht so krank wurde? Sie hatte was Giftiges
gefressen und lag so aufgetrieben im Stall und brüllte in Todesangst.
Weißt du noch, wie Vater da das große, scharfgeschliffene Messer holte,
und wir alle mußten die Kuh halten, und er stieß ihr das Messer in den
Bauch? Es war doch gräßlich anzusehen.... Aber das böse Gas ging fort
und unsere Bläß wurde wieder gesund. -- Vielleicht -- ich weiß ja nicht
-- es ist wohl dumm -- ich dachte nur gerade: Vater hatte das Tier doch
schrecklich lieb und stach so derb zu ...«
Helmut schwieg verlegen, denn er genierte sich, so viel geredet zu haben
und den Herrgott mit seinem Vater zu vergleichen. Die Mutter drückte
seinen Arm an sich. Beide fühlten sich befreit und getröstet.
Eine Enttäuschung und neue Aussichten
Helmut war mit seiner Mutter in der Dorotheenstraße gewesen, um dort die
Verlustlisten, die mannshoch die Mauern bedeckten, durchzustudieren. Sie
hatten sich auch auf dem Bureau erkundigt. Man sagte, solange ihnen noch
keine Anzeige vom Regiment zugegangen sei, wäre noch kein Grund zur
Beunruhigung vorhanden. Die neuen Frühlingsoffensiven hätten eingesetzt,
weiter und weiter dringe unser Heer ins Innere von Rußland ein, da sei
es denn oft für die Truppen unmöglich, Nachricht bis an die nächste
Feldpoststelle gelangen zu lassen. Das alles klang sehr verständlich. Aber
es beruhigte Helmut keineswegs. Er meinte, wenn sein Vater wirklich gesund
sei, so müsse es ihm auf irgendeinem Wege möglich sein, eine Karte in die
Heimat gelangen zu lassen. Wahrscheinlich war er verwundet oder krank,
lag in Fieberphantasien in irgendeinem Lazarett; oder er war gefangen,
man hatte ihn fern nach Sibirien verschleppt! Alles, was der Junge in
den Zeitungen an Leiden und Quälereien las, die von Feinden über unsere
Gefangenen verhängt worden waren, stellte sich mit schrecklichen Bildern
vor seiner Phantasie ein, raubte ihm den Schlaf und verfolgte ihn auch
am Tage. Von einem Schulkameraden erfuhr er, es seien Verwundete von
dem Regiment, bei dem sein Vater stand, in einem Lazarett in Tempelhof
eingetroffen. Der Kamerad hatte einen Vetter dabei, den er besuchen wollte.
Helmut schloß sich ihm sofort an. Er hörte unterwegs, das Regiment sei
in schwere Kämpfe verwickelt und fast aufgerieben worden. Jetzt befinde
es sich wieder mehr im Norden in Ruhestellung, um sich zu erholen und neu
aufgefüllt zu werden. Das klang nicht sehr ermutigend.
Die beiden Jungen fuhren wohl eine Stunde lang mit dem Tram durch die
ungeheure Stadt, vorüber an dem weiten sandigen Platz, wo im Frieden die
glänzenden Kaiserparaden stattfanden. Der Mitschüler zeigte Helmut die
einsame große Pappel, unter der der Kaiser mit seinem Stabe zu halten
pflegte, um die Truppen an sich vorbeimarschieren zu lassen. Doch hatte
Helmut heute kein Interesse für seine Erzählungen -- er war zu gespannt
auf die Nachrichten, die er empfangen würde. Endlich kamen sie in die
Lazarettstadt -- so konnte man sie wohl nennen, diese Gruppen von sauberen
Häusern zwischen freundlichen Gartenanlagen, in denen schon Hyazinthen
und Krokus blühten. Die verwundeten und genesenden Krieger wandelten oder
saßen im Sonnenschein. Das Herz schlug Helmut mächtig, als sie beide
in den Saal traten, wo die Brandenburger lagen. Zwei lange Reihen weißer
Betten, mit vielen, vielen Männerköpfen auf den Kissen. Manche trugen
Verbände um Stirn und Wangen, die Arme in Binden. Zwischen ihnen hin und
her gehend freundliche junge Schwestern in weißen Häubchen und weißen
Schürzen, Scherze machend, Kaffeebecher verteilend, hier und da eine
Handreichung leistend, einem die Kissen höher rückend, einem anderen den
Becher an die Lippen setzend. Und Blumen, Schalen mit Äpfeln und Orangen
überall neben den Betten auf den niedlichen Glastischchen.
Helmut hatte geglaubt, in einem Lazarett müsse eine Totenstille herrschen.
Indessen hallte in dieser Nachmittagsstunde der Saal wider von fröhlichem
Lachen und Plaudern. Fast neben jedem Bette hatte sich Besuch eingefunden,
jeder kam mit kleinen Geschenken an für die verwundeten Lieben. Eine Dame
in Trauer ging durch die Reihen und verteilte Pfannkuchen, eine andere
Zigaretten. Der Vetter von Helmuts Kameraden war noch ein junges
Bürschchen, kaum achtzehn Jahre alt, durch einen Schuß ins Knie schwer
verwundet. Er hatte Fieber, ganz blanke Augen in einem blassen zarten
Gesicht. Mit scheuer Bewunderung blickten die beiden Knaben auf das Eiserne
Kreuz, das über seinem Bette hing. Gern gab er Bescheid auf alle Fragen
Helmuts. -- Ja -- einen Wilhelm Kärn, älteren Landwehrmann -- dritte
Kompagnie -- freilich -- war denn der nicht....
Er wandte sich an seinen Bettnachbar: »Du, Kamerad, war denn der Kärn
nicht auch auf dem Verbandplatz, nach der Attacke da bei dem Dorfe, wo wir
die Kerle, die Russen, rausschmissen?« »Kärn -- Friedrich?« »Nein,
Wilhelm.« »So, Wilhelm. Kann mich nicht besinnen, mein Kopp is alleweilen
bißchen dösig ... So'n großer, mit 'nem braunen Vollbart?« »Ja, ja«,
fiel ihm Helmut heiser vor Aufregung ins Wort. »Is denn der nich gefallen?
Ich meine, der lange Lehmann hätte gesagt -- den Kärn, den hat's nu
ooch....« »Ach, bewahre -- was der schwatzt! Ich habe ihn deutlich in
Erinnerung. Ein freundlicher Mann, ließ mich noch aus seiner Flasche
trinken. Mich dünkt, es war bei ihm ein Kopfschuß -- er hatte sich's
Taschentuch umgewickelt, und das war ganz voll Blut.«
Er sah, wie Helmuts Lippen zuckten, wie er grünweiß wurde. »Na, darum
braucht es noch nicht gefährlich zu sein -- an Blut gewöhnt man sich da
draußen«, fügte er tröstend hinzu. »Und dann?« drängte Helmut,
»was wurde dann mit ihm?« »Ja, das kann ich nicht sagen, mich haben
sie narkotisiert -- weiter weiß ich nichts mehr. -- Da drüben liegt noch
einer von unseren Leuten, vielleicht fragen Sie den mal?«
Doch dieser Verwundete war von einer anderen Kompagnie und hatte Kärn
nicht gekannt. Neben ihm saß eine hübsche, blühende Frau, deren
glänzende Braunaugen mit warmer Teilnahme auf Helmut blickten. »Das ist
schwer, die Ungewißheit um einen Menschen, den man liebt«, sagte sie
freundlich. »Ich hab's auch durchgemacht, um den großen dicken Kerl
hier!« Dabei schlug sie ihrem Manne zärtlich auf die Hand.
»Schweres wird jetzt keinem erspart«, meinte der ernst. »Sieh mal den
dort drüben« -- er meinte den Vetter von Helmut's Schulfreund -- »das
ist ein Held. Gestern hat ihm der Arzt eine Menge Knochensplitter aus dem
Bein genommen. Nicht gemuckt hat er, immerfort gelacht und gespaßt! Nachts
-- da höre ich ihn, wenn er sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und
das Kopfkissen vor den Mund preßt, damit sein Wimmern keinen im Schlaf
stört. Achtzehn Jahre -- aber ein Mann, ein ganzer Mann!«
Helmut saß betäubt von Traurigkeit. Was sollte er jetzt tun? Er hatte
so fest darauf gebaut, durch die Kameraden eine Nachricht vom Vater zu
erhalten. Der Verwundete, ein älterer Landwirt, redete mit seiner Frau
über die Frühjahrsbestellung und wie schwierig es sei, die Leute für die
dringendsten Arbeiten zu bekommen. Sie habe sich schon um mehr Gefangene
ans Ministerium gewandt, man habe ihr auch welche versprochen. Ein
paar Wandervögel hätten sich für die Osterferien angeboten, doch die
Stadtjungen, so gut sie's auch meinten, seien doch so unbewandert in
ländlichen Arbeiten und müßten erst mühsam angelernt werden.
»Nehmen Sie mich als Hilfe für die Ferien«, sagte Helmut plötzlich --
er wußte selbst kaum, was ihn zu dem jähen Entschlusse trieb. Aber er war
gleich ganz klar und bestimmt. Er versicherte dem Landwirt und seiner Frau,
daß er Bescheid wisse mit der Arbeit in Stall und Feld. Der Verwundete
fragte ihn aus; seine Antworten zeigten gute Kenntnisse. »Na, wie wär's,
Frau?« fragte der Verwundete, »wollen wir's mal mit dem jungen Herrn
probieren? Aber keiner Arbeit wird sich geschämt -- Mist muß gefahren
werden und Jauche, das riecht nicht schön, ist aber notwendig.« Helmut
lachte. »Kenn' ich, kenn' ich! Unsere Maisfelder mußten auch gedüngt
werden und die Bananenbüsche! Das habe ich immer allein mit unserem Neger
besorgt!« »Na, denn also los! Wenn's Mutter erlaubt!« »Die wird's
erlauben -- die ist froh, einen Esser los zu sein.« Es wurde nun noch ein
kleiner Lohn für Helmut verabredet, volle Beköstigung und Nachtquartier
solle er im Hause bekommen und am ersten Tage der Ferien antreten.
Helmut stürmte nach Haus. Die neue Aussicht überwog die Enttäuschung.
Still und brav bei der Bäuerin arbeiten? -- Nein -- da hatte er ganz
andere Pläne im Sinn! Schweigen -- nur schweigen und sich nicht verraten!
[Illustration: LANDARBEIT IM KRIEGE]
Helmut und Frau Ledderhose
Helmut kam gut aus mit Frau Anne Ledderhose. Sie war eine frische lustige
Frau. Wenn sie des Sonntags zum Kirchgang angekleidet war, sah sie aus wie
eine feine Dame. Am Alltag trug sie derbe Waschkleider, stand des Morgens
um drei Uhr vor dem Kuhstall, das Melken zu beaufsichtigen, stapfte
hochgeschürzt, in Transtiefeln, mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes
angetan, über die aufgeweichten Frühlingsäcker und fuhr den ganzen Tag
lang unermüdet wie eine Lokomotive unter Volldampf durch Haus und Hof,
um überall nach dem Rechten zu sehen. Die Mägde, alte und junge, hatten
mächtigen Respekt vor ihr. Die gefangenen Russen, die zur Männerarbeit
auf dem Hofe waren, und viel lieber träumend in der Sonne lagen als
pflügten oder säten, die sperrten Mund und Nase auf, wenn Frau Anne sie
derb an der Schulter packte und deutsch auf sie einschalt. Verstanden sie
die Worte auch nicht, den Ton der hellen Stimme begriffen sie ganz gut.
Willig ließen sich die sechs Mann abends um acht Uhr von ihr in den
Schuppen einschließen, wo ihr Nachtlager war. »Ich habe doch die
Verantwortung für die Kerls«, pflegte sie zu sagen, »es soll mir niemand
nachreden, daß Frau Anne Ledderhose einen hätte entwischen lassen!«
Eines Morgens weigerte sich einer der Gefangenen, zur Arbeit anzutreten.
Brummig erklärte er, mal ausschlafen zu müssen! »Laßt ihn nur
schlafen«, sagte Frau Anne und ein kleiner pfiffiger Zug spielte um die
Winkel ihres roten Mundes. Als die Kameraden mit ihren Näpfen mittags in
der Küche vor dem großen Kessel antraten, aus dem Frau Anne auszuteilen
pflegte, sah sie den Langschläfer groß an und schüttelte den Kopf.
Drauf nahm sie ihn beim Ärmel und führte den Riesenkerl unter allgemeinem
Gelächter zum Schuppen zurück, wies auf seine Matratze und sagte:
»Schlafen -- nicht essen! Arbeiten -- gut essen! Verstanden?« -- Na, er
hatte verstanden, der Rußki. Am nächsten Morgen stand er brav mit den
andern beim Rübenstecken. --
Sonst wurde nicht geknausert mit dem Essen auf dem wohlhäbigen Bauernhof.
Von Kriegsnot merkte man im Frühling 1915 noch nichts. In die fett mit
Leber- oder Blutwurst belegten Butterbrote biß auch Helmut mit Vergnügen.
Die Näpfe der russischen Arbeiter faßten ein Liter zusammengekochtes
Essen. Aber damit hatten die Fresser oft nicht genug. Es war, als müßten
sie sich hier für die Not und Entbehrung eines ganzen Lebens schadlos
halten. Besonders das Faultier, der verschlafene Riese, aß für zwei.
»Ich möchte nur wissen, wann der mal von selber aufhören würde«, sagte
Frau Anne lachend, und es reizte sie, den Versuch zu machen. Als es einst
Kohlrüben mit Schweinefleisch gab, ein Gericht, für das er eine besondere
Vorliebe hatte, durfte er kommen und sich seinen Napf füllen lassen, so
oft er wollte. Mit einem spitzbübisch freundlichen Gesicht schwang Frau
Ledderhose ihre Kelle und fragte immer wieder aufmunternd: »Noch mehr?«
So vertilgte er denn nach und nach fünf Liter Kohlrüben und
Schweinefleisch mit den dazugehörigen Kartoffeln. Was nur auf dem Hofe
Beine hatte und einen Mund zum Lachen, kam angelaufen: Mädchen, Kinder,
der halbblinde Schafhirte und das gichtgekrümmte Mütterchen, die
Frau Annes Kindermuhme gewesen war, sie alle betrachteten staunend die
Meisterleistung.
Als die fünf Liter verzehrt waren, klopfte sich der Riese wohlgefällig
den Bauch, schmunzelte über sein ganzes gutmütiges Gesicht, wischte sich
mit dem Handrücken das Fett aus den Mundwinkeln und küßte Frau Anne
ehrfurchtsvoll dankbar den Rocksaum. So spaßige Dinge passierten oft in
Jarmlitz. Helmut wäre am liebsten ganz und gar dort geblieben. Des Abends
erzählte er denn auch die Geschichte von dem Neger bei ihnen in Waldecke,
der sich nichts Schöneres wußte als einen Brei von altem Zeitungspapier,
das er sich mit Wasser sorgfältig verrührte und mit Wohlgefallen
verspeiste. Die Kinder brüllten vor Lachen und Frau Anne bog sich.
Helmut hatte überhaupt ein dankbares Publikum für seine Erzählungen
aus Brasilien. In den Augen der Ledderhoseschen Kinder war er ein
anstaunenswerter, fremdländischer Abenteurer, das behagte ihm nicht wenig.
Als er eines Abends, während sie vor der Haustür saßen, behauptete, auf
seinem Schulweg im Walde sechs Leoparden begegnet zu sein, von denen er
vier Stück niedergeknallt habe, so daß die übrigen voller Schrecken
davongetrabt seien, meinte Frau Anne gemütlich: Es bleibe nichts anderes
übrig, er müsse durchaus Förster werden! Er könne ja schon beinahe
aufschneiden wie der alte Jäger am Stammtisch im Adler.
Helmut lachte, aber er wurde doch ein bißchen rot. Frau Ledderhose
erlaubte sich auch, seine Leistungen zuweilen ungenügend zu finden,
und ihm das derb zu sagen. Er war zur Hilfe auf dem Hof, mußte Zäune
ausbessern, den Hühnerstall in Ordnung bringen, mit ihr gemeinsam den
Garten bestellen. Sie verstand die Leute zur Arbeit anzuhalten, -- keine
Minute durfte jemand in ihrer Gegenwart müßig bleiben. Auf dem großen
Hof blitzte alles vor Sauberkeit. Die Kühe in den Ställen lagen auf
reinlicher Streu, selbst die Gänge zwischen den Schweinetrögen mußten am
Sonnabend gescheuert werden. Die Wintersaaten standen frischgrün auf den
Feldern, die Obstbäume waren regelrecht beschnitten und im Garten neben
Kohl und Rüben der Flor der Sommerblumen auf den Rabatten nicht vergessen.
Wie im tiefsten Frieden blühte und gedieh hier alles unter der Hut der
tapferen Frauen, während die Männer draußen an der Front des Vaterlandes
Ehre verteidigten und mancher schon als ein Held gefallen war.
»Im Winter«, erzählte Frau Anne Helmut, »da war's schlimm mit dem
Lichtmangel. Kein Petroleum aufzutreiben, von vier Uhr an saßen wir Frauen
im Finstern und konnten nichts mehr tun! Wir haben Kienspäne angezündet
und dabei gestrickt, wie zu Urgroßvaters Zeiten!« -- Sie schüttelte
sich. »So im Dunkeln kriechen die Sorgen eklig an einen heran. Ich habe
die Tagelöhnersfrauen zu mir geholt, ein ordentliches Feuer im Ofen,
Kaffee gekocht und Geschichten erzählt! So ging die Zeit, bis wir in die
Klappe krochen! Jetzt gebe ich das Geld her, das mir einen Pelz schaffen
sollte, und lasse elektrisches Licht legen zum nächsten Winter! Der Mensch
muß sich zu helfen wissen.«
Helmut betete Frau Ledderhose an, sie erschien ihm als die schönste und
klügste Frau, der er jemals begegnet war. Ja, er versuchte sogar ein
Gedicht an sie zu machen. Das begann:
Frau Anna Ledderhose,
Du hohe Königin,
Du liegst mir tief im Herzen,
Im Herz und auch im Sinn.
Soviel er auch nachgrübelte, die Fortsetzung fiel ihm niemals ein, und so
blieb es bei diesem einen schönen Verse.
Trotzdem es ihm in Jarmlitz so gut gefiel, vergaß er doch in keinem
Augenblick den tiefsten Zweck seines Aufenthaltes hier.
»Geldgierig ist der Bengel, da ist schon das Ende von weg«, scherzte Frau
Anne. »Jeden kleinen Extradienst läßt er sich auch extra zahlen! Sag'
nur, was willst du eigentlich mit dem vielen Gelde anfangen? Ich hoffe,
wenn du nach Berlin kommst, gehst du gleich zu Wertheim und kaufst mir ein
feines Geschenk! Eine echt silberne Handtasche oder Uhrkette erwarte ich
mindestens!«
Helmut wurde rot und schwieg verlegen. Als die Osterferien zu Ende gingen,
sorgte Frau Anne für ein tüchtiges Futterpaket, allerlei Gutes für die
Mutter war auch darin. Die ganze Familie brachte Helmut zur Bahn. Alle
hatten ihn liebgewonnen, die Kinder hingen rechts und links an seinen Armen
und konnten sich kaum von ihm trennen.
Am übernächsten Tage empfing Frau Anne Ledderhose einen Brief von Helmut.
Sie erwartete, er würde ihr seine glückliche Ankunft in Berlin melden,
doch das Schreiben enthielt nur folgende Worte:
Liebe Frau Ledderhose!
Wenn Sie Ihren Mann in Berlin besuchen, so gehen Sie bitte zu meiner
Mutter und sprechen ihr Mut ein. Alles wird gut werden. Ich fahre
nach Rußland, an die Front, um meinen Vater zu suchen. Mit herzlichen
Grüßen
Ihr
Helmut Kärn.
Frau Anne faßte sich bestürzt mit beiden Händen an den Kopf. Der
unsinnige Junge! Wie kann er auch so etwas tun! Na -- sie werden ihn schon
baldigst wieder heimschicken! Jedenfalls muß ich nach Berlin fahren und
mit der armen Mutter reden! Übrigens -- vielleicht bringt der tolle Kerl
es fertig, seinen Vorsatz auszuführen. Schneid und Energie genug hat er.
Als Frau Ledderhose bei den Großeltern und Helmuts Mutter eintraf, fand
sie begreiflicherweise die ganze Familie in größter Aufregung. Helmut
hatte auch der Mutter von seinen Absichten Nachricht gegeben, aber eben
diese Absicht brachte ihren Jungen ja in die ernstesten Gefahren.
Der Großvater hatte sich sofort zur Polizei begeben und gefragt, was
man tun könne, um des Knaben wieder habhaft zu werden. Der Beamte hatte
lächelnd gemeint, solche Ausreißer gäbe es eine ganze Menge, meistens
kämen sie nach ein paar Tagen, wenn der Hunger sie plagte, von selbst zu
den heimatlichen Futternäpfen zurück. Man solle nur ruhig noch ein
wenig warten, bevor man mit der amtlichen Nachforschung beginne, die doch
immerhin nicht unerhebliche Kosten verursachen würde. Man wartete also
ohne viel Hoffnung, denn es lag nicht in Helmuts Charakter, so bald einen
seit langer Zeit gefaßten Plan aufzugeben. Hungern würde er nicht, denn
er hatte außer seinem Gehalt von Frau Ledderhose, das noch durch einen
harten Taler vermehrt worden war, sein zusammengespartes Taschengeld und
das Weihnachtsgeschenk des Großvaters bei sich. Stehlen würde er
sich's schon nicht lassen, dazu war er viel zu gewitzigt. Das Zureden der
lebensfrischen Frau Ledderhose beruhigte Frau Kärn etwas. So viele Mütter
mußten jetzt ihre Söhne in Gefahr und Tod hinausziehen lassen! Da wollte
sie an Heldenhaftigkeit gewiß nicht zurückstehen.
Als nach mehreren Tagen Helmut nicht heimkehrte, begann die Polizei
ihre Nachforschungen. Man sandte Telegramme und Bilder des Jungen an
verschiedene Bahnhöfe und brachte auch bald in Erfahrung, daß ein junger
Mensch, auf den die Beschreibung stimmte, am Abend des Tages, an dem Helmut
von Jarmlitz nach Berlin zurückgekehrt war, ein Billett nach Königsberg
gelöst hatte. Ein Bahnschaffner wollte ihn auch im Zuge gesehen haben,
doch das lautete schon viel unbestimmter. Und dann verlor sich seine Spur
gänzlich.
[Illustration: OST-PREUSSEN]
Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald