Da kam's ihm plötzlich! »Lieber Mensch! lieber Mensch«, hatte der Russe

gejammert, »hast du Mitleid, bist du edler Mensch!« Und hatte seine

Schultern umfaßt, hatte seinen Arm gestreichelt! Ihm sicher bei

dieser Gelegenheit die Kügelchen, die Gott weiß was für gefährliche

Aufzeichnungen enthalten mochten, in den Jackenärmel geschoben, weil er

sich irgendwie verraten wußte, oder weil er hoffte, ihn auf diese Weise

zum Mitschuldigen zu machen! Teufel auch! Das war ja eine scheußliche

Geschichte! Manche Erzählung von Spionen hatte Helmut in dieser Zeit

gehört. Weder bei uns noch bei unseren Feinden machte man viel Umstände

mit den Gesellen! Eine Schlinge um den Hals und an den nächsten Baum

geknüpft, sobald der Kerl überführt war! War er denn nicht überführt?

Hatte man nicht Aufzeichnungen bei ihm gefunden? Ein recht freundliches

Schicksal, das ihn da erwartete....

Ein Frieren ging durch seinen Körper, ein Schwindelgefühl war in seinem

Kopf. Der Knabe stützte beide Arme auf den Tisch und faßte die Stirn

mit den Händen. Jetzt galt es, sich zusammennehmen, seine Gedanken klar

behalten ... Ja -- nun war er im Krieg, und Gefahren drohten von allen

Seiten! Das hatte er ja zu erleben gewünscht! Von Heldentaten hatte er

geträumt. Nur nicht so elend schmachvoll zugrunde gehen -- nur das nicht!

Schritte dröhnten auf dem Korridor vorüber, jedesmal schrak Helmut auf

und dachte, man würde ihn holen. Endlich öffnete sich die Tür, Gefreiter

Möller trat ein und sagte kurz: »Komm jetzt, der Herr Oberst will dich

vernehmen!«

Helmut folgte schweigend. Dicht bei ihm ging der Landwehrmann mit dem

großen Bart. Auf dem Flur, der durch eine trübselige Öllampe erhellt

wurde, führte man den Hausierer an ihnen vorüber. Den Kopf tief auf die

Brust hängend, an allen Gliedern schlotternd, hin und her schwankend, ein

Haufen menschliches Elend, so schlurfte er zwischen zwei Feldgrauen daher.

Der ist erledigt, dachte Helmut mit Grauen und Ekel. So sieht ein Mensch

aus, der keine Hoffnung mehr hat.

-- Nur nicht so armselig vor den Richter treten! Er ballte die Fäuste,

drückte sich die Nägel tief ins Fleisch, reckte sich mit aller Gewalt

zurecht.

In einem öden leeren Zimmer saß der Oberst mit vier Offizieren um

einen Tisch, den Papiere und Karten bedeckten. Mehrere Kerzen in Flaschen

gesteckt, beleuchteten die braunen energischen Gesichter der Herren. Der

Oberst winkte Helmut nahe zu sich heran, so daß der Lichtschein hell über

ihn fiel, während der Raum ringsumher sich im Dunkel verlor. Die blauen

wie Stahl blitzenden Augen des Regimentskommandeurs blickten scharf auf

den Jungen, während er Frage nach Frage an ihn richtete. Der neben ihm

sitzende Offizier hatte Helmuts Brieftasche vor sich ausgebreitet und

prüfte zuweilen, ob seine Angaben mit den Schriftstücken, die er darin

gefunden hatte, übereinstimmten.

Vielerlei mußte er den Herren erzählen, und manches schien ihm wenig oder

nichts mit der Spionensache zu tun zu haben. Indessen mußten die Herren

ja wohl wissen, warum sie ihn das alles fragten. Von »Waldecke« mußte

er berichten, wie das Haus dort eingerichtet gewesen sei, wo der Garten

gelegen, wieviel Pferde und Kühe sein Vater besaß -- dann Einzelheiten

über die Reise und den Berliner Aufenthalt bei den Großeltern.

Helmut fühlte deutlich, daß es galt die Wahrheit, die reine schlichte

Wahrheit zu sprechen; denn sein kindisches Protzentum, die phantastischen

Flunkereien fielen vor den Augen und Ohren dieser ernsten Männer

jämmerlich in sich zusammen.

Zuweilen hielt er inne und sagte bescheiden: ich muß mich erst besinnen

-- ich kann mich nicht gleich erinnern ..., dann nickte ihm der Oberst

aufmunternd zu. So wurden seine Angaben im ganzen klar, einfach und

übersichtlich.

»Du hast also aus Neugier diesen russischen Händler ausgefragt?« sagte

der Oberst schließlich. »Er hat dir seine Lebensgeschichte erzählt,

die wahrscheinlich erlogen war, und, wie du angibst, dich dabei umarmt

und gestreichelt -- nun das klingt ja ganz einleuchtend! Der Kerl war ein

raffinierter Spion, der uns vielen Schaden zugefügt hat, und dem wir schon

längst auf der Spur sind.... Er wußte wohl, was für ihn auf dem Spiel

stand und versuchte sein armseliges Leben durch dich zu retten. -- Ja, in

solche Gefahren kommt man eben, wenn man sich vorwitzig an Orte begibt,

wo man nicht hingehört, statt vernünftig in seine Schule zu gehen.

Hoffentlich bewahrheiten sich deine Angaben -- so lange bis wir Gewißheit

haben, müssen wir dich noch in Gewahrsam halten.«

Helmut wurde in das Zimmer zurückgeführt, wo er vorher gesessen

hatte. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, und eiserne Riegel

davorgelegt. Auch die Tür wurde verschlossen. Hier hatte er nun die ganze

lange Nacht zuzubringen. Aber neue Hoffnung stieg in ihm auf -- der Oberst

hatte zuletzt zwar ernst, doch nicht mehr so finster ausgeschaut wie zu

Anfang des Verhörs, Helmut hatte sogar zu beobachten geglaubt, wie ein

flüchtiges Lächeln über sein Gesicht gehuscht war.

Endlich ging dann auch diese lange Nacht zu Ende. Als kleine Sonnenblitze

sich durch die Spalten in den Holzläden stahlen, drehte sich der

Schlüssel im Schloß. Gefreiter Möller kam herein, stieß die Läden auf

und lachte über sein ganzes rosenrotes junges Gesicht.

Fröhlich rief er: »Das Telegramm vom Polizeibureau in Berlin ist da und

bestätigt deine Angaben über Familie und Herkunft!« Er streckte ihm die

Hand entgegen. »Nun schlag ein und sei mir nicht böse wegen der Ohrfeige,

die du in der Hitze des Gefechtes bekommen hast. Denk' es wäre ein

feindlicher Streifschuß gewesen! Ich kann dir übrigens verraten, daß

unser Herr Oberst das Telegramm noch mit dem Vermerk »dringlich« versehen

hatte! Wir wollen dem armen Kerl doch die Stunden der Angst möglichst

verkürzen, sagte er.«

Helmut hörte kaum auf die freundliche Erklärung.

»Ja -- bin ich denn frei?« fragte er verwirrt.

»Natürlich bist du frei!« Da gab's einen wilden Jubelschrei, Helmut

tanzte wie toll in dem staubigen Zimmer herum, ergriff zwei Stühle und

schwenkte sie hoch in der Luft herum, vor Glück.

»Nun laß mal bitte meinen Schädel in Ruhe«, meinte Möller gemütlich.

»Wasche dir unten am Brunnen Gesicht und Hände -- du siehst aus, als

hättest du fürs Vaterland ein paar russische Kamine ausgefegt! Aber fix!

Der Herr Oberst will dich noch sprechen, ehe wir aufbrechen.«

Der Herr Oberst hatte sich sein Frühstück in einen benachbarten Garten

bringen lassen. Er saß unter einem blühenden Birnbaum im Sonnenschein und

strich sich behaglich eine Schnitte Brot mit Marmelade. Dabei plauderte er

mit dem Oberstabsarzt, als Möller und Helmut vor ihm erschienen.

»Na, mein Junge«, begrüßte er diesen freundlich, »heut schaust du ja

bedeutend frischer aus. Gestern war die Farbe doch etwas gelbgrün. War

ja auch keine Kleinigkeit! Hast aber Haltung bewahrt! Hat mich gefreut.

Gefreiter Möller hat dir schon mitgeteilt, daß du frei bist. Schwatz' ein

anderes Mal in der Kriegszone nicht mit unbekannten Persönlichkeiten. Hier

unser Herr Oberstabsarzt fährt in einer halben Stunde im Auto nach dem

Lazarett von L. Dort wolltest du dich doch nach deinem Vater erkundigen.

Er hat mir versprochen, dich mitzunehmen. Dann geht's aber mit dem ersten

Verwundetentransport nach Berlin zurück, hörst du wohl! Schlachtenbummler

deiner Art können wir hier draußen nicht gebrauchen! Sobald du in L.

eintriffst, schreibst du an deine Frau Mutter, daß sie weiß, wo du

Strolch geblieben bist! Hier hast du 'ne Feldpostkarte! Möller wird dafür

sorgen, daß du was in den Magen kriegst. Na Schwarz, was gibt's denn

Neues?«

Schon standen Ordonnanzen mit Meldungen bereit, ein Adjutant eilte im

Sturmschritt auf den friedlichen Frühstücksplatz, der schlanke Oberst

erhob sich, strich das graue Bärtchen und war bereit für tausend neue

Pflichten.

Eine Stunde später sauste Helmut neben dem Oberstabsarzt durch das leicht

gewellte Land, seinem Ziel entgegen.

Der lange Lehmann und Onkel Jakobus

»Ja, lieber Junge -- da ist denn wohl weiter nichts zu machen«, sagte der

Oberstabsarzt und legte Helmut die Hand auf die Schulter. »Wir haben uns

überzeugt, daß dein Vater nicht mehr hier ist!« Helmut biß sich die

Lippen und würgte an seiner Enttäuschung. »Warum hat Vater nur nie

geschrieben?« murrte er traurig. »Weißt du, ob er's nicht tat? Bei

dem schnellen Vorrücken unserer Truppen durch Kurland, bei den schweren

Kämpfen, die sie in der letzten Zeit zu bestehen hatten -- da vergeht

den Mannschaften die Lust zum Schreiben. Sie sind auch oft zu weit ab

vom Feldpostdienst! Es kann immerhin möglich sein, daß dein Vater in

russische Gefangenschaft geriet ... So ging's mit meinem jüngsten Bruder

-- ein halbes Jahr lang haben wir ihn als tot betrauert -- die Mutter hatte

schon schwarze Kleidung angelegt -- da kam plötzlich über Schweden eine

Karte von ihm aus Sibirien.« »Also geh ich eben nach Sibirien«, sagte

Helmut leise und störrisch. »Das wirst du nicht tun, denn das ist

unmöglich.« »Warum?« fragte Helmut. »Die Russen werden dich kurzweg

erschießen, sobald du ihnen in die Hand fällst! In drei bis vier Tagen

geht ein Verwundetentransport von hier nach Berlin, dem werde ich dich

mitgeben, wie es der Oberst wünschte. Dem langen Kerl, dem Lehmann, den du

ja kennst, werde ich dich anvertrauen, damit du nicht wieder auskneifst.«

Helmut senkte den Kopf und schwieg. Er hatte nicht die Absicht zu

gehorchen.

Der lange Lehmann, der beim Auszug so sicher geprahlt hatte, daß die

Kugeln partout und partout keine Lust haben würden, ihn zu treffen -- der

hatte ihnen doch nicht aus dem Weg gehen können. Das abspringende Stück

einer Granate war so unbarmherzig gewesen, ihm das rechte Bein abzureißen.

Er fand sich auch in diesen Verlust mit gutem Humor. »Uf die Jerüster

werd' ich nu woll nich mehr rumturnen können«, erzählte er Helmut,

»aber nu werde ick mir uf die hohe Kunst verlejen, un feine Bilderkens

malen, verstehste -- so mit joldene Rahmens drum rum, wie die da drüben!

Det jefällt mich ausnehmend.« Er zeigte auf die Ölgemälde, welche die

mit meergrüner Seide bespannte Wand des Saales schmückten, in dem dieses

Gespräch stattfand. Der vornehme Raum -- ursprünglich der Tanzsaal eines

baltischen Schlosses -- diente jetzt als Aufenthaltsort für die genesenden

Feldgrauen. Der lange Lehmann streckte sich behaglich auf der blumigen

Seide eines goldenen Lehnsessels an dem Flackerfeuer des Kamins, über

dem schwebende Engelsfiguren Rosengirlanden um einen mächtigen Spiegel

schlangen. Die Schwester hatte ein wenig eingeheizt, denn es war kühl an

diesem Frühlingsabend. Durch die feingeschwungenen Bogenfenster blickte

man auf eine Marmorterrasse, an deren Rampe weiße Göttinnen in der

Dämmerung der hohen Parkbäume träumten. Die Schwester in ihrem grauen

Kleide mit dem weißen Häubchen verteilte aus der nebenan liegenden

Bibliothek Bücher unter die Gruppen von Soldaten, die den Saal füllten,

an geschnitzten Tischen schrieben, lasen, Karten spielten oder auf der

Mundharmonika die Melodien bekannter Volkslieder bliesen. Die wertvollsten

Stücke aus der kostbaren Einrichtung des alten Edelsitzes waren vom

Oberstabsarzt in einen verschlossenen Raum gerettet; dort warteten sie der

Rückkehr ihrer Besitzer. Was hingegen seine Verwundeten brauchen

konnten, das mußte heran. Zu ihrer Bequemlichkeit und Stärkung war dem

Oberstabsarzt nichts zu gut -- wären es auch die edelsten Weine aus dem

Keller oder die gemästeten Enten und Puten vom Hühnerhof -- oder die

seidenen Daunenkissen der Frau Gräfin!

Helmut glaubte, ein seltsames Märchen zu erleben, als in dem grünen Saal

der elektrische Kronleuchter entzündet wurde und einer der feldgrauen

Männer sich an den Flügel setzte, um eine Sonate von Beethoven zu

spielen. Die Männer, deren Köpfe und Glieder noch weiße Gazeverbände

trugen, horchten ergriffen auf die herrlichen Harmonien, aus Jubel und

Klagen, die den Saiten entrauschten. Helmut gegenüber lächelte von der

Wand das Bildnis eines jungen Mädchens in lichtblauem Gewande mit blonden

Ringellöckchen an den feinen Schläfen, in den rosigen Händchen hielt sie

eine weiße Taube. Nie glaubte er etwas Lieblicheres gesehen zu haben als

dieses baltische Grafentöchterlein. Immer wieder mußte er den Blick zu

dem süßen Gesicht emporheben. Ob sie noch irgendwo auf Erden zu finden

sein mochte? Ach nein -- ihr Kleid gehörte einer vergangenen Zeit an --

gewiß ruhte sie längst in der Ahnengruft am Ende des Parkes hinter dem

verrosteten Eisengitter ...

Der Soldat am Flügel hatte geendet. Ein dumpfes Grollen wurde in der Ferne

hörbar, gleich einem aufsteigenden Gewitter, nur regelmäßig klangen die

langhin rollenden Donner. »Die verdammten Russen fangen schon wieder an zu

bullern«, sagte der Musikant. »Nein -- das sind unsere«, widersprach ein

anderer. »Auf jeden Fall wird's woll morjen hier wieder voll werden.«

So geschah es denn auch. Am frühen Morgen ratterten die grauen Autos mit

den roten Kreuzen in den Hof. Über die weißen Marmortreppen wurde Bahre

nach Bahre in die Säle getragen. Arme Kerls wurden von Sanitätssoldaten

herausgehoben, sie schleppten sich, von Staub und Blut bedeckt, kaum noch

als Menschen kenntlich, zum Verbandsplatz im inneren Hof. Dort waltete der

Oberstabsarzt mit seinen Assistenten. Die Schwestern, die Pfleger liefen

hin und her, hatten alle Hände voll zu tun. Dieser Augenblick schien

Helmut günstig zu einer Flucht. Niemand achtete seiner. Er lief hinaus

durch das von Militär vollgepfropfte Dorf, die mit blühenden Apfelbäumen

bestandene Chaussee entlang, auf der ihm immer neue Züge von Verwundeten

begegneten. Eine namenlose Angst quälte ihn, seit er allen diesen Jammer

sah. Das war nun wahrhaftig der Krieg -- der grausenvolle Krieg! Aber

gerade weil ihn das Entsetzen schüttelte, mußte er weiter, mitten hinein!

Nur keine feige Flucht zurück unter Mutters schützende Flügel.

Nachdem sich Helmut noch zwei Tage lang, begleitet von dem immer gewaltiger

dröhnenden Krachen der Geschütze, von Etappe zu Etappe durchgebettelt

und durchgeschmuggelt hatte, traf er in der Morgenfrühe nach einer im

Chausseegraben verbrachten, höchst ungemütlichen Nacht auf eine Reihe

von Planwagen. Sie standen am Rande eines Birkenwäldchens. Bärtige

Infanteristen waren beschäftigt, die Pferde zu füttern und aufzuzäumen.

Ein helles Feuer flackerte, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees stieg

dem ausgehungerten, frierenden Helmut lieblich in die Nase. Er machte sich

eiligst herzu. Zerlumpt und schmutzig, mit durchlöcherten Schuhen hatte er

allmählich völlig das Aussehen eines jungen Vagabunden.

Beim Feuer saß ein seltsamer Mann. Riesengroß, breit und dick hatte

er sich's im Sonnenschein bequem gemacht, die hohen braunen Stiefel, der

Uniformrock lagen neben ihm, er saß im wollenen Hemd zu den feldgrauen

Hosen, Strohschuhe an den Füßen, die Mütze rücküber auf dem blonden

Schopf. Ein wallender, flammend roter Bart verbarg den unteren Teil des

Gesichts, eine Hornbrille den oberen Teil, ein spitzes Näschen grüßte

neckisch zwischen beiden hervor. In das linke Auge hatte er vor die Brille

noch eine Lupe geklemmt. In seinen schönen weißen Händen hielt der

wüste Waldmensch ein feines Scherchen und ein Stück schwarzes Papier, an

dem er ganz versunken schnitzelte. Als die Soldaten den bettelnden Helmut

vor ihn führten, hob er den Kopf, legte zuerst einmal das Geschnippsel

zwischen zwei weiße Blätter einer Mappe, auf denen schon mehrere dieser

phantastischen Gebilde lagen. Dann nahm er die Lupe aus dem Auge und

betrachtete Helmut durch die Brillengläser mit einem so hellen scharfen

Blick, daß er meinte, der sonderbare Mann müsse ihm bis ins Herz gucken.

Er stotterte sein Sprüchlein von dem Vater, den er suchen wolle, und

verwirrte sich dabei, denn es kam ihm plötzlich vor, er habe das Gesicht

und den hellen Blick schon irgendwo gesehen. Der Mann schlug sich bei des

Knaben Bericht laut aufs Knie und lachte. »Wahnsinnig! Ganz wahnsinnig

schön!« schrie er entzückt: »Verrückter Lausejunge! Gefällt mir --

gefällt mir sehr! Ich nehme dich mit zur Front! Übrigens kommst du

mir bekannt vor -- ich habe dich schon gesehen!« »Ich Sie auch --

in Döberitz«, sagte Helmut. »Aber damals trugen Sie keinen Bart.«

»Richtig, den hat mir der Krieg wachsen lassen! Der läßt viel wachsen,

wenn er auch viel zerstört. -- Höchst wunderlicher, unwahrscheinlicher

Zustand.« Er drehte nachdenklich an seiner Haarsträhne über der Stirn.

Helmut erinnerte sich jetzt ganz deutlich, gehört zu haben, daß der

eigentümliche Mann ein bekannter Künstler sei. Wegen seiner großen Güte

hieß er in der Kompagnie nur der »Onkel Jakobus« statt Unteroffizier

Sieveking. Ja, hatte ihm denn der Vater nicht geschrieben, daß der ulkige

»Onkel Jakobus« sich die Füße bei einem Patrouillengang schwer verletzt

habe und nun Führer der Bagage geworden sei.... Da war er ja aber bei

Vaters Kompagnie gewesen -- dann konnte er ihm doch Bescheid geben ...!

Und er konnte es. Die Bagagewagen, die er zu führen hatte, gehörten dem

Regiment, bei dem Wilhelm Kärn stand, und er hatte den Auftrag, ihm in

möglichster Eile zu folgen. Das Regiment, so erzählte der Onkel Jakobus

dem begierig lauschenden Helmut, war bei den Kämpfen zur Eroberung

Kurlands stark beteiligt gewesen und bei stürmischem Vormarsch Wochen-,

ja monatelang von jeder Postverbindung abgeschnitten. So erklärte sich nun

auch Vaters Verstummen. Es war dann in Reservestellung zurückgezogen, um

neu ausgerüstet zu werden. Aber der Onkel Jakobus hatte in den letzten

Tagen gehört, man habe Teile davon wieder in die Feuerlinie vorgeschoben.

Das alles würden sie bald hören.

Inzwischen waren die Wagen angeschirrt worden. Unteroffizier Sieveking fuhr

in seine Schaftstiefel und seinen Uniformrock. Los ging's. Unterwegs mußte

ihm Helmut alles erzählen, was er seit seiner Abreise von Berlin erlebt

hatte. Der geistreiche Künstler, der phantastische Zeichner, für den

der Krieg immer noch ein ungeheures Erlebnis war, schaltete auch die

Abenteuerfahrt dieses sehnsüchtigen, zerlumpten Knaben in das Bilderbuch

merkwürdiger Szenen ein, das er in seiner Erinnerung mit sich trug.

Er zeichnete seinen Kopf in das Skizzenbuch, in dem auch die schwarzen

Schnippeleien lagen, die Helmut staunend betrachtete. Seltsame Blüten und

Ranken, komische Viecher, wie es nirgends auf Erden gab, kuriose Gespenster

mit den drolligsten Fratzen, Prinzessinnen in merkwürdigen Gewändern

fanden sich da. »Du kennst doch die Märchen aus »Tausendundeine Nacht?«

fragte Onkel Jakobus. »Siehst du, das alles hier soll mal fein gedruckt

und zum Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten

verwandt werden. Das nennt man dann einen Prachtband. Die Frau Geheime

Kommerzienrätin legt ihn auf die rote Damastdecke in ihrem Salon und

erzählt allen Besuchern, wieviel er gekostet hat. Nu -- wir haben's ja

dazu!« »Das Buch sollte lieber nur eine Mark kosten, damit wir Jungens

es kaufen könnten, wir hätten doch viel mehr Freude daran als die ollen

dicken Damen!« rief Helmut. »Das sagst du wohl so in deiner kindlichen

Unschuld«, antwortete Onkel Jakobus in einem weisen Ton und hob den Finger

belehrend in die Höhe. »Mein Sohn, es ist auf dieser Welt einmal so

eingerichtet, daß derjenige die schönen Dinge bekommt, der nichts mit

ihnen anzufangen weiß, und der sich wirklich an ihnen freuen würde, der

muß sie entbehren! Durch Entbehren aber wird die Seele veredelt!« Nie

wußte Helmut, ob Herr Sieveking eine Sache ernst oder komisch meinte; er

machte immer so ulkige Gesichter zu seinen Reden, daß Helmut sich hätte

totlachen können. Sie wurden beide während der Fahrt recht gute Freunde.

Einmal faßte sich Helmut ein Herz und fragte den Onkel Jakobus, ob man

auch ein Maler werden könne, ohne das Malen richtig gelernt zu haben.

»Zuweilen ein besserer, als wenn man auf einer Schule war«, gab der zur

Antwort. Helmut erzählte ihm von dem langen Lehmann, der mit seinem einen

Bein nun nicht mehr auf die Jerüster steigen könnte und lieber »kleene

Bilderkens« malen wollte. Unteroffizier Sieveking kannte den langen

Lehmann auch und meinte: »Vielleicht kann er sich zum Holzschneider

ausbilden lassen, dann kann er für mich arbeiten, d. h. wenn ich wirklich

einmal unversehrt nach Hause komme und der unsäglich süße Zustand des

Friedens eintritt!« Er ließ sich Lehmanns Adresse geben und wollte sich

schon bei seinem nächsten Urlaub mit ihm in Verbindung setzen. Helmut

freute sich von Herzen, dem armen Kerl am Ende zu einer schönen Zukunft

verholfen zu haben. Die Zeit an Onkel Jakobus' Seite verging ihm wie im

Fluge. Schnell kam der Abend, an dem sein freundlicher Beschützer ihn

einer Patrouille mitgab, um ihn in das Quartier der 3. Kompagnie zu

führen, wo er denn endlich seinen Vater finden sollte.

Wiedersehen in gefährlicher Zeit

Die schweren Geschütze der russischen Flotte sandten von der grauen See

aus in regelmäßigen Abständen ihre Granaten in den kleinen Badeort mit

den netten bunten Holzhäuschen, die gespickt voll von deutschem Militär

lagen. Schon war die Kirche in Trümmer geschossen, das Dach des Bahnhofs

hing als morsches Sparrenwerk, gleich einer schiefen Mütze über dem

Gebäude. In den Wartesälen drängten sich die Mannschaften, suchten

auf Tischen und Stühlen, auf dem schmutzigen Fußboden einigen Schlaf zu

gewinnen, während Waffen und Tornister in greifbarer Nähe lagen. Es

war Befehl eingetroffen, den allzu gefährdeten Ort zu räumen und etwas

westwärts hinter Wald und Düne geschütztere Quartiere zu beziehen.

Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte · 第 4 / 6 段