Achtzehntes Kapitel

Bevor noch der Morgen graute, stand Agathon auf dem öden Bahnhof und

erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz. Um ein

Viertel nach acht Uhr saß er in einem Coupé, sah sich durch die Ebenen

Frankens rasen, über denen ein lichter und milder Nebel lag, sah Flüsse

unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die

flüchtige Nacht raschverfliegender Wälder, suchte das Bild von Dörfern

festzuhalten, die sich ängstlich an sanftansteigende Höhen klammerten,

von Städten, die erst aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles

sei vorher gar nicht dagewesen, sondern sei um dieses Tages willen

eigens für ihn gemacht. Dann kamen die Mittelgebirgsländer mit der

idyllischen Ruhe dicht zusammenliegender Marktflecken, mit alten

Steinbrüchen, tiefen Thälern, kahlen Hügelketten, vergoldet von der

Morgensonne, die sich gleichsam schlaftrunken aus umlagernden Wolken

löste, dann ein Strom, breit und grün, dann wieder eine weite, endlose,

dürre Ebene, über der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich

jagenden Bildern wie in einem Scheindasein.

In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Straße, die ihm

Jeanette angegeben. Betäubt von Lärm und Getöse, aber ganz ohne

Aufnahmefähigkeit für die Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das

Haus. Eine sehr alte Frau öffnete ihm. Auf sein Fragen wies sie ihn ohne

weiteres in ein längliches, etwas dumpfes und schwüles Zimmer. Sie wisse

schon, sagte sie in karger, mißtrauischer Weise; er möge warten.

So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und

blickte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen,

wie er hierhergelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen

erloschen, seine Haltung zeugte von einem mühselig sich verkriechenden

Schmerz. So war alles um ihn her eine mehr oder minder leblose

Täuschung.

Plötzlich ging die Thür auf. Herein trat Jeanette. Sie warf einen Shawl,

den sie über den Schultern gehabt, achtlos in eine Ecke. Sie schien

gänzlich außer Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und von trügerischem

Feuer erfüllt. Sie hatte Agathon kaum begrüßt, als sie auf den nächsten

Sitz sank, die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte.

„Warum bist du nicht früher gekommen, Agathon?“ murmelte sie nach einer

Weile. „Ich habe dich erwartet. Doch, es war vielleicht besser. Gestern

hättest du mich doch nicht hier in der Stadtwohnung getroffen.“

Agathon stand auf und trat zu ihr. Als er sie berührte, sah sie zu ihm

empor. Seine Berührung schien sie zu trösten, auch das Beruhigende,

Klärende, Wärmende seines Blicks. Sie drückte ihm die Hand, und Agathon

dachte, daß sie sehr verändert sei. „Ich glaubte, ich hätte den Verstand

verloren,“ sagte sie und strich sich über die Stirn. „Setz dich zu mir,

Agathon, ich will dir erzählen. Wie köstlich, wie gut ist es, daß du da

bist und ich zu dir reden kann!“

Und sie erzählte.

Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der königlichen

Schlösser gebracht worden, in dem sich der König gerade aufhielt. Es war

ein unerhörter Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing, aber ihre

Erregung hatte den Blick dafür gänzlich verschleiert. Sie mußte ihre

Kleider entfernen und in einem seltsamen Phantasiegewand vor dem König

erscheinen. Sie hatte den Eindruck, als verfolge man mit ihrer Person

irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der doch seit Jahren sich von

allen Frauen ferngehalten. Er verachtete und geringschätzte die Frauen

und war hart und brutal gegen sie. Sie sah also den König. Jene ganze

Leidenschaft, deren Gefäß sie von da ab war, erfüllte sie sogleich bei

jenem ersten Anblick. Er war von ziemlich fetter, aber zugleich

riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so breit und mächtig, daß

sie für jeden, über den sie sich beugten etwas Zermalmendes hatten. Sein

Gesicht war außergewöhnlich bleich, sein Haar glanzlos, tiefschwarz und

es stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen. Doch alles das wurde in

Wahrheit belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren

sie von einem hinreißenden Ausdruck, von einem lodernden Feuer erfüllt.

Es schien, daß ihnen keine Qual erspart geblieben, daß sie keine

Schönheit unwiderstrahlt gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in

sie zu schauen. Seine Kleidung war die eines einfachen Bürgers. In

seinem Wesen war wenig von Majestät. Ruhelosigkeit, die Angst des

Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit beherrschten ihn.

„Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein,“ fuhr Jeanette fort.

„Das ganze Schloß, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in

Bewegung, in Hast, in Erwartung. In der Nacht fuhr der König in einer

mit sechs Pferden bespannten Karosse in die Residenz und Vorreiter mit

Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmäht es, die Bahn zu benutzen. Es

ist alles von einer bestrickenden Pracht, was er unternimmt. Am Morgen,

ich hatte nicht schlafen können, sondern war am Fenster gelegen und

hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die Unruhe, die

ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn, wie

sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte, als er den Wagen

verließ. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er

zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich

glaube, sie wußten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft führte mich der

Adjutant, der sein Freund und Vertrauter war, zu ihm, und ließ mich mit

ihm allein.“

Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme

wieder. „Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agathon,

und wenn ich so alt würde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in

den Saal, der von Licht und Gold strahlte, wußte ich, daß meine Seele

diesem Mann unwiderruflich angehöre, und ich küßte in Gedanken die

geheimnisvolle Hand des Schicksals, das mich zu ihm geführt. Wundere

dich nicht über meine Worte, Agathon, aber sie sind mir im Augenblick

die natürlichsten Worte von der Welt. Ich wußte, daß ich für ihn sterben

könnte und sterben würde und sterben müßte und daß Sterben nichts

bedeute gegenüber dem Glück, seine Magd zu sein. „„Wer hat dich

hereingelassen?““ fragte er mich. Ich fand keine Antwort. Meine Zunge

gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich am ganzen

Körper. „„Du bist Tänzerin?““ – ‚Ja, Majestät.‘ – „„Dann tanze.““ Er

stand auf und drückte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik

ertönte, ebenso zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht

war. Es war, wie wenn ein ganzer Wald mit allen seinen Mysterien sich in

die Höhe hebt und zu singen und zu jauchzen anfängt. Du lachst

vielleicht darüber, aber ich habe dergleichen noch nicht gehört. Ich

tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mein Bewußtsein verloren

hätte und ganz leblos hinschwebte, aber dann ging eine außerordentliche

Verwandlung mit mir vor. Ich spürte den Boden nicht mehr und nicht mehr

die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand in

der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte, fühlte ich doch, daß alles was

Nerv und Bewegung heißt, gerade in ihr lag. Der König schien überrascht.

Das Höhnische, Verächtliche, Finstere verschwand von seinem Gesicht;

zuletzt versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten

schmerzlich verloren in die weite Ferne. Als die Musik schwieg, stand er

auf und reichte mir die Hand, die ich küßte. „„Wer bist du?““ fragte er.

‚Alles was Majestät aus mir machen will,‘ erwiderte ich. Er zuckte

zusammen. „„Majestät, Majestät,““ murmelte er. „„Bald nicht mehr

Majestät. Bald nur noch Hund vor dem Thor, bettelnder Hund. Majestät!

Jedes Glied einzeln gebunden, jeden Finger verschnürt, jedes Wort

beschmutzt, jede That bekläfft, das nennst du Majestät. Anfangs hab’ ich

dem Volk vertraut. Aber jetzt weiß ich etwas anderes; die Seele des

Volkes ist so tief, daß man sie auf den Knieen suchen muß. Ich habe mir

den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hände, die

du um dich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen.

Um Land und Volk und um den Freund bin ich betrogen worden und dazu muß

ich schweigen. Und dazu darf ich nicht einmal Frieden haben in der

Einsamkeit. Ich bin um meine Würde betrogen worden und du nennst mich

ahnungslos Majestät. Was ist Majestät heute, daß sie sich beugen muß vor

einem Krämer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger

und Tanten Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot ißt?

Eine schöne Majestät, die sich der Kirche opfern soll und keine Hand

rühren darf ohne den Pfaffen. Wäre ich doch jung gestorben, damals als

ich noch glaubte, König zu sein, ein Volk zu besitzen. Wäre ich doch

gestorben! Geh’ fort, Weib, verlasse mich.““ Das waren seine Worte,

Agathon. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn und Scham.

Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so

heftig wie unter anstürmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hören, nicht

mehr sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus.

„Ich sah im Saal, der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum

benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen

Gesichtern, auch einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen.

Es war die Deputation des Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten

den König ‚zur Vernunft‘ bringen, Agathon. Bald darauf geschah etwas

Schreckliches. Der Adjutant erhielt den Befehl, niemand vorzulassen und

stand mit gezogenem Seitengewehr vor der Flügelthür. Er verweigerte der

Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen und lauten Hin- und

Herreden erschien der König unter der Thüre. Er hatte die Schloßwache

und alle Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, daß der Ausdruck

seines Gesichts so schrecklich gewesen sei, daß niemand mehr zu atmen,

geschweige denn zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl

der König den Soldaten, die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen

auszustechen. „„Noch bin ich der König!““ rief er aus und erhob die

Hand. Die Abgesandten wurden von unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die

Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu widersetzen und wagten nicht,

zu gehorchen. Der König war seiner nicht mehr mächtig. Er lief auf und

ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte die Fäuste,

rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der

Seitengemächer zu führen. Aber der König ließ die drei Saalthüren

versperren und ließ vor jeder Thüre zwei Posten mit aufgepflanztem

Bajonett patrouillieren. Die Deputierten schwebten in Todesangst.

„Nun verfloß der ganze Nachmittag, ohne daß irgend etwas sich ereignete.

Man sagte mir, der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Das war

vorgestern. Gestern nun kam eine berittene militärische Abteilung mit

einem Oberst, der in Paradeuniform war. Er hatte ein Dekret, das ihm

Zugang zum König verschaffen mußte. Ein Arzt begleitete ihn. Die

Abgesandten wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der König den

Wagen, und in Begleitung der Berittenen wurde er fortgebracht. Sie haben

ihn als gefangen erklärt. Alle Diener weinten. So ist es zugegangen,

Agathon, das ist heilige Wahrheit. Das Volk in der ganzen Stadt ist

erregt, hast du es nicht bemerkt? Noch ärger ist es bei den Bauern

draußen. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen bin, ich habe mich

verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, was ich thun soll,

mein Hirn ist wie zerfressen. Denke dir, dieser hohe Mann ist oft bei

einer einfachen Bäuerin da draußen gewesen und hat gefragt, was er thun

solle. Ich habe einen furchtbaren Schmerz in mir, daß dieser Mann

verbluten muß. Er war für die Freude geboren.“

Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen

Schritt zurück, streckte die Hände aus und lispelte verstört. So stand

er und seine Gestalt schwankte. Er sah den König vor sich stehen und

erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie gesehen, außer auf schlechten

Bildern. Agathon wollte reden, doch er kam nicht dazu. Jeanette stürzte

auf ihn zu, packte seine Hände, erhaschte seinen Blick und wie durch ein

wunderbares Zeichen verstand sie alles. „Er ist tot“, schrie sie

entsetzt auf und fiel bewußtlos zu Boden.

Agathon faßte sich, seufzte tief auf, rief die Aufwärterin und ging, als

er sah, daß keine Gefahr vorhanden war. In der That gewahrte er jetzt

die nervöse Unruhe, von der die Bevölkerung ergriffen war. Überall

standen Gruppen und flüsterten und beratschlagten. Die Gendarmerie war

verstärkt worden. Vor den Zeitungsredaktionen standen Hunderte spähend

und wartend und achteten nicht den Regen, der sie durchnäßte. Viele

Tausende von Menschen standen dichtgedrängt vor der Residenz und keiner

von ihnen wich nur eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz.

Dabei wußten alle, daß der König gar nicht in der Stadt war, sondern in

einem kleinen Lustschloß an einem nahgelegenen See. Die Behörde hatte

bekannt gemacht, der König habe seines Amtes entkleidet werden müssen,

da er bedeutsame und zweifellose Symptome der Geistesstörung gezeigt

habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agathon erfuhr bald alles, und ein

wilder und phantastischer Entschluß erwachte in ihm. Er ließ sich von

Arbeitern den Weg erklären, der zu jenem See hinausführte und machte

sich ohne Zögern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu

sich genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die

Eisenbahn zu benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel. Er hatte das

Gefühl, als müßten ihn seine Füße viel schneller dorthintragen, als jede

Dampfmaschine es vermocht hätte. Außerhalb der Stadt fragte er noch

Handwerksburschen oder Bauern nach der Wegrichtung und erschrak nicht

vor der Nachricht, daß es mehr als fünf Stunden zu gehen seien, obgleich

die Nacht schon angebrochen war. In diesen Stunden fühlte Agathon eine

göttliche Macht in sich; das Mühsame des Marsches kam ihm nicht zu

Bewußtsein, er wurde nicht müde. Die Kraft und Einsicht der Besten im

Lande war zusammengeflossen in ihm, und es giebt keinen Vergleich für

die Glut seiner Sehnsucht in dieser Stunde. An der Grenze alles Denkens

und aller Überlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefühle,

dumpfe, doch gewaltige Regungen. Sein eigner Ruf: ‚Laßt sie verbrennen,

die Kirche‘ lag wie ein Erlösungswort in seinem Ohr, klang in seiner

Seele wider. Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König

befreien; nie zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden, alle,

die sich ihm nahten, von _einem_ Trieb entflammen zu lassen.

Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien. Nirgends war ein

Licht. Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich.

Der Regen plätscherte unaufhörlich herab. Schweigend lagen Felder und

Wälder, und kaum vermochten sich die Höhenzüge gegen den Himmel

abzuheben. Oft gelangte Agathon an einen Kreuzweg, aber kühn und

unbesorgt schritt er weiter. Er wußte, daß er nicht fehlgehen würde.

Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft ein geheimnisvolles

Murren und Rascheln hörbar wurde, aber nichts konnte ihn ablenken oder

ängstigen.

Endlich tauchte in der Tiefe ein, freilich oft unterbrochener, Kranz von

Lichtern auf: die Seeufer. Agathons Augen wurden naß vor Freude. In

kurzer Zeit war er im Thal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er

betrat, waren in Bewegung. In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat

die nächste Schenke, die fast einer Höhle glich, die gestopft voll war

von leidenschaftlich disputierenden Bauern, während Weiber und sogar

Kinder auf der Straße standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der

sich anscheinend zwecklos drehenden und windenden Körper, des Rauches,

der aus Pfeifen quoll, der gleichsam von der Zeit gerösteten Bilder und

Wände, fühlte Agathon plötzlich die Übermüdung seines Körpers in einer

schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich seine Haut löste. Dabei

glaubte er fortwährend zu sinken, zu fallen, durch zahllose

Wiederholungen desselben Raumes.

Die Bauern wurden aufmerksam. Sein Gesicht von geradezu phantastischer

Blässe übte auf sie den Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um

ihn her, und einige, die frech oder höhnisch gelächelt hatten, lächelten

nicht mehr, als Agathon zu sprechen begann. Seine hohle und erschöpfte

Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum, sie hatte etwas

Klingendes, Messerscharfes, unmittelbar Überzeugendes. Seine Rede schien

von einem unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er

blieb so bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war ein

Sturm sich überstürzender Worte, es war der Schmerz und der Zorn des

Königs selbst, der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen

schien, dieses Königs, der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist

nicht, aber dessen Herz wahnsinnig war.

Die Wirkung von Agathons Worten, die für ihn selbst einem Fiebertraum

glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende. Sie schrien,

tobten, stiegen auf Tische und Bänke, fuchtelten mit den Händen umher,

zerbrachen Gläser und Fensterscheiben, hoben Agathon auf ihre Schultern,

daß sein Kopf an die Decke stieß, schlugen den Wirt nieder, der sie

besänftigen wollte, und in kurzer Zeit hatte sich dieser Zustand eines

tierischen Rausches durch das ganze Dorf verbreitet. Ein alter Bauer,

dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte beständig, eine Art

Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense, versammelte die jungen Leute

um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schlosse fahren.

Agathon saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war

verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er

starrte hinüber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem

spärliche Lichter durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten.

Er sah auch Lichter, die in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt

huschten wie Fackeln, die man hin und her trägt. Da erschallten im

Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich wiederholten und

fortpflanzten und an Stärke zunahmen. „Der König ist tot!“ gellte

plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agathon saß. „Er ist

ertrunken!“ schrie eine andere, und „Im See ertrunken!“ eine dritte

Stimme. „Er hat sich hineingestürzt!“ – „Nein, nein, nicht wahr!“ Und

vieler solcher Rufe. Agathon erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein

Stock zu Boden.

Der angebrochene Morgen sah nun das Landvolk in hellen Scharen gegen das

königliche Lustschlößchen ziehen, und man erfuhr, daß die Leiche des

Königs erst vor einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen

Dörfern der Umgegend läuteten die Glocken. Tausende von Bauern standen

am Seeufer und vor dem Schloßpark. Viele schrien um Einlaß, und als

niemand erschien, erbrachen sie das Thor. Eine beispiellose Erregung

hatte alle Gemüter ergriffen; mit Sensen, Knütteln, Schaufeln und Hacken

organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu ziehen und

die Residenz zu stürmen. Am Mittag rückten ganze Regimenter Infanterie

aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hünenhaft gebauter Kerl,

der sich auf eine unerklärliche Weise den Wortlaut einer „Proklamation

an mein Volk“ verschafft hatte, die des Königs letzte Niederschrift war,

lief damit von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus

ins andere, und wurde nicht müde, sie aus der Kopie immer wieder in

einer schlichten und rührenden Weise vorzulesen und jedem, der sie

hörte, gleichviel ob Mann oder Weib, stürzten dabei die Thränen aus den

Augen. Denn diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste, was

jemals die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen. Sie ist

unbekannt geblieben, und es gab Gründe, ihre Verbreitung nicht zu

wünschen. Ihre Sprache war einfach und klar, jedes Wort ein tiefes

Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer bitteren Ruhe

diktiert, und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und niemals

ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet, als durch die

Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments, das auf dem Thron

entstanden war.

In der Stadt war aller Verkehr, waren alle Beziehungen der Gewerbe und

des Handels ertötet. Kaufhäuser und Schulen, Krämereien und Fabriken,

alle waren geschlossen. Trauerfahnen wehten, vierundzwanzig Stunden lang

tönten ununterbrochen die Glocken in einem dumpfen und niederdrückenden

Konzert. Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen und

Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Männer

schämten sich nicht zu weinen. Der König, der seit fünfzehn Jahren sich

nicht mehr öffentlich gezeigt, dessen Leben für alle ein Geheimnis war,

dessen Stolz bis zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof

gefürchtet war, er genoß die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem

Maß. Selten wohl war ein ganzes Land von einem Gefühl solcher Trauer

durchbebt wie in jenen Tagen.

Agathon ging durch die Straßen der Stadt, einsam und verlassen. Er

fühlte sich krank und wund. Er mochte nicht zu Jeanette gehen, weil er

Furcht davor hatte, reden zu müssen. Es war etwas so Vergebliches für

ihn, jetzt noch zu leben. Er sah lauter trauernde Menschen um sich und

seine früheren Wünsche waren erstickt.

Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgeschoß ein Fenster offen

stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile

blickte er hinein in ein ärmliches Zimmer. Drei Kinder saßen darin und

spielten, drei schöne Kinder mit frischroten Wangen. Sie spielten ein

gewöhnliches Spiel und waren ganz allein. Aber wie sie sich dabei

benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren, wie

ihre Augen glänzten, wie sie mit einander und mit sich selbst zufrieden

und befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig

unterschied von allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so

Warmes, Gutes, Befreiendes, es stand in so grellem Gegensatz zu der

Stimmung auf der Straße, daß es wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart

berührte.

Daher atmete Agathon tief und lange auf; sein Körper begann zu zittern

wie unter Wellenschlägen neuen Lebens, und lächelnd setzte er seinen Weg

fort.

Die Juden von Zirndorf · 第 28 / 45 题