Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei, als Agathon an
einem kalten Spätnachmittag nach Fürth kam. Er war schon ziemlich lange
umhergewandert, ohne daß er sich entschließen konnte, jemand von den
Menschen aufzusuchen, die er kannte. Es dunkelte schon, als er aus dem
ersten Stock eines Hauses der Schwabacherstraße zu seinem großen
Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte. Im Nu hatte diese
lebhafte Dame auch ihn erblickt und erkannt. „_Ah, monsieur Geyer!_“
schrie sie und gestikulierte mit beängstigender Heftigkeit. „_Ah,
monsieur Geyer! entrez, je vous prie! Consolez une misérable femme!_“
Agathon lächelte und ging hinauf.
Monika saß in einem Lehnstuhl und schaute mit einem haßerfüllten Blick
auf ihn, als er eintrat. Sie wehrte ihre Mutter von sich ab, die mit
einer schmeichlerischen Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete
und schlang beide Arme um den Hals der verängstigt dabei stehenden
kleinen Esther. Frau Olifat stürzte sich sogleich über Agathon her,
erklärte ihm mit einer betäubenden Beredsamkeit halb deutsch, halb
französisch, daß sie für ein paar Wochen nach der Stadt gezogen sei, der
Gesellschaft halber, daß sie die „Supposition“ habe, im Sommer nach den
Seen zu reisen; es blieb unerklärt, welche Seen sie dabei im Sinne habe.
Sodann klagte sie in leidenschaftlichen Worten über Monikas Benehmen,
die den ganzen Tag dasitze, ohne sich zu rühren, ohne zu essen, ohne zu
sprechen, ohne zu lachen, „_tout comme une morte_“. Dann setzte sich die
gute Matrone hin und begann aus vollen Kräften zu schluchzen. Esther
lief zu ihr, kletterte auf ihren Schoß, schmiegte sich an ihre Brust und
blickte feindselig ihre Schwester Monika an, die während alledem keine
Miene verzog. Bald sprang Frau Olifat wieder auf, ergriff Monikas Hände
und begann von neuem in sie hineinzureden. Doch das Mädchen wandte mit
einer affektierten, bösartigen Gleichgültigkeit, als sei sie taub, das
Gesicht nach einer andern Richtung. Die gequälte Mutter wurde zornig;
unerschöpflich entfloß ein Strom von Schmähungen ihren Lippen, und
einmal erhob sie den Arm wie zum Schlag. Darauf packte sie Esther, riß
und schleppte das Kind durchs Zimmer zur Thüre und dröhnend fiel die
Thür hinter ihr ins Schloß.
Agathon sah sich mit Monika allein. Wieder fühlte er eine atemraubende
Beklemmung ihr gegenüber. Er vermochte nichts zu reden. Ihre Wangen
hatten sich, kaum daß die Mutter das Zimmer verlassen, mit einem
brennenden Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten feucht, – vor Scham und
Verzweiflung. „Ich kann ja gehen, Agathon, wenn Sie nicht wollen, daß
ich bleibe,“ sagte sie mit einer eigentümlich brüchigen Stimme, und um
ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln.
Gern wäre Agathon hingegangen und hätte ihre Hand ergriffen, nur
vielleicht um sie zu bitten, sie möge wieder du sagen. Aber er konnte
nicht. Diese unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz, wo er war.
„Was hast du nun eigentlich, Monika?“ fragte er ruhig.
Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal. Agathon hatte dabei das
Gefühl, als blicke er in einen Raum mit kahlen Wänden, während vorher
der intime Zauber der Behaglichkeit diesen selben Raum erfüllt hatte.
Etwas Zerflossenes, ja etwas Hündisches war in Monikas Augen.
„Ich weiß es, du hast Gudstikker geliebt,“ sagte nun Agathon wieder,
„aber deshalb mußt du doch nicht so am Leben verzweifeln, Monika. Du
warst doch sonst so froh und immer voll Hoffnung; du hast einen immer
ausgelacht, wenn man traurig war, Monika. Und jetzt? Was ist mit dir?
Ist denn das Leben für dich weniger groß und gut geworden? Viele haben
geliebt und entbehren müssen, das ist gewiß wahr, Monika. Aber sieh, nun
kommt bald der Frühling, und du wirst dich freuen, wenn die warme Sonne
auf dich scheint, und du wirst mit Esther in den Wald gehen und deine
Wangen werden wieder rot sein. Und wenn der Herbst kommt, wirst du alles
vergessen haben, Monika, diesen ganzen elenden Winter für dich wirst du
vergessen haben.“
Da richtete sich Monika auf, und über ihre Züge ging eine zuckende
Bewegung. „O Agathon,“ rief sie aus, „nie mehr können meine Wangen rot
werden, nie mehr, nie mehr. Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne
sehen, nie mehr kann ich vergessen, Agathon, nie mehr, nie mehr.“
Agathon näherte sich ihr und beugte sich herab zu ihr, ergriff ihre Hand
und schaute sie an. „Was hast du gethan, Monika? Sprich! Warum schweigst
du? Warum verschweigst du mir’s?“
Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agathons Nacken. So sah
sie zu ihm empor mit einem feierlichen Blick, der etwas Drohendes in der
Ferne zu erblicken schien und sagte, jede Silbe betonend: „Er hat mich
betrogen. Geh’ hin und räche mich.“
„Monika!“ schrie Agathon auf und machte sich los von ihr.
„Es ist so finster,“ flüsterte Monika verstört und schauerte zusammen.
„Es wird schon Nacht. Ja, ich habe mich ihm hingegeben mit allem, was
ich bin. Aber denke nicht schlecht von mir, Agathon, bitte dich, thu’s
nicht. Geh’ nicht fort jetzt, nicht fort. Du hättest es doch wissen
müssen, schon lange. Geh’ nicht fort jetzt.“ Als die Thüre sich hinter
Agathon geschlossen hatte, warf sie sich jammernd zu Boden. Aber bald
darauf kam er wieder und fragte sie, die hilflos vor ihm lag. „Wo wohnt
er?“
Monika, das Gesicht gegen die Dielen gewandt nannte die Straße und das
Haus.
Gudstikker war daheim, als Agathon bei ihm anklopfte. Er zeigte ein
überraschtes und freudiges Gesicht bei seinem Anblick und ging mit
ausgestreckten Händen auf ihn zu, um aber auf halbem Wege wie
angewurzelt stehen zu bleiben. „Na, was machen _Sie_ denn für ein
Gesicht, Verehrungswürdiger,“ sagte er erblassend, halb scherzhaft, halb
trotzig.
Agathon stand ihm gegenüber, und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie
verblasen. Voll von brennendem Zorn, der sein Herz zusammenzog, war er
noch die Treppe heraufgekommen, aber sobald er in dies lügnerische
Gesicht geblickt, war er wie entwaffnet. Es war die Lüge selbst, die ihm
in ihrer ganzen brutalen Unbekümmertheit entgegentrat. Glätte und
Spitzigkeit, Zähigkeit, scheinheiliger Ernst, – Agathon fand kein
anderes Wort dafür, als das Wort jüdisch, in seinem häßlichsten Sinn.
Gudstikker schien ihm die jüdischeste Natur, die er je getroffen.
Gudstikker war indes das lange Schweigen unbehaglich. Er bemerkte eine
gewisse Veränderung in Agathons Wesen, seit dieser bei ihm eingetreten
war. „Ach, Sie kommen wohl wegen der kleinen Monika,“ sagte er
nachlässig, in dem sichtlichen Bestreben, Agathon zu verletzen. „Ich sah
es Ihnen gleich an. Bischen verliebt, was? Aber das geht schon vorüber.
Trösten Sie sich nur und legen Sie vor allem Ihre Berserkermiene ab.
Unsereins kann sich nicht bei dem schönen Geschlecht aufhalten. Was für
so ein Weib der Lebensinhalt, ist für uns eben nur ein Episödchen. Ja
ja. Eben bin ich im Begriff, mein Verhältnis mit der kleinen Käthe in
Ordnung zu bringen, d. h. wohlverstanden, zu lösen, hehe. Deswegen habe
ich meine Abreise verschoben und das Vergnügen genießen können, Sie noch
zu sehen. Die kleine Estrich muß sich eben auch trösten. Sie ist mir
doch zu sehr kleines Bürgermädchen. Mein Gott, man verlangt doch ein
bischen Kultur. Und dann, der schaffende Mensch muß frei sein.
Rücksichtslos muß er alles zur Seite schieben, was im Wege steht, und
wenn es nicht anders geht – zerstampfen. So. Nun haben Sie meine
Lebensanschauung.“
Erstaunt blickte Agathon auf diese redseligen Lippen, aus denen mühelos
Phrase um Phrase quoll. Er schwieg.
„Ich will Ihnen etwas sagen,“ meinte Gudstikker nach einer peinlichen
Pause und in etwas prahlerischem Ton, der noch unangenehmer berührte
durch das Hingeworfene, anscheinend Leichte und Elastische seiner
Redeweise. „Ich will Ihnen sagen, Sie sind ein Idealist. Was sag’ ich,
Idealist! Ein verschwommener Träumer, ein unverbesserlicher
Hanshasenfuß. Der moderne Mann muß grausam sein, rachsüchtig, blind für
die Krüppel und Lahmen und Bettler. Sie kommen daher als Ritter eines
kleinen Mädchens, das in leichter Stunde vom Piedestal der Tugend stieg.
Was macht das? Leben wir etwa, um tugendhaft zu sein? he? Oder leben
wir, um zu leben? Was Sie wollen, ist ja alles ganz schön und grün, aber
es verrät keinen großen Geist, keinen starken Geist. (Wie kann er
wissen, was ich will, dachte Agathon.) Kennen Sie das wahre Elend der
Welt? Nein. Kommen daher mit prophetischen Gelüsten und haben keine
Augen für die wahre Not der Zeit. Soll ich einen Abend lang Ihren
Asmodai machen? Soll ich? Mein Weg führt mich ohnedies dorthin, wohin
ich Sie führen will, – Studien halber natürlich. Allons, kommen Sie.“
Wie gebannt folgte Agathon jeder Bewegung, jeder Geste Gudstikkers.
Zugleich empfand er ein fast unheimliches Grauen vor seiner Zunge, die
bisweilen hinter dem schwarzen Schnurrbart hervorblitzte wie ein
Flämmchen. Er suchte sich allem diesen zu entziehen, aber umsonst. Er
folgte Gudstikker, der mehrmals kurz und herausfordernd vor sich
hinlachte, auf die Straße.
Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt, wo die
verrufenen Häuser standen; wo wenige Laternen ein dürftiges Licht
spendeten, und wo die Schutzleute zu zweien und dreien gingen, streng,
finster, sorgsam spähend.
Sie kamen zunächst an ein kleines, einstöckiges Haus, über dessen Portal
eine grüne Lampe brannte. Die Fenster waren mit Jalousien dicht
verhängt.
Als Gudstikker das Thor geöffnet hatte und zur linken Seite in einen mit
verblichener, gleichsam abgesessener Pracht ausstatteten Salon getreten
war, kam den Beiden eine Schar von geschminkten Mädchen
entgegengesprungen, die mit Gudstikker sehr vertraut thaten, sich an
seinen Arm hingen, lachten, trällerten, scherzten, nach Wein riefen und
sich auf jede Weise und aufs äußerste bemerkbar zu machen suchten. Sie
waren mit nichts bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen; ihre
Augen glänzten krankhaft oder schienen müde, ihre Bewegungen waren
geziert, ihr Lachen übertrieben, ihre Scherze frivol. Ihr Gang hatte
etwas Schwankendes, das Spiel ihrer Hände und Finger etwas Gieriges,
Abenteuerliches. Seltsamerweise beachteten sie Agathon gar nicht: manche
blickten scheu nach ihm hin, aber thaten dann wieder, als sähen sie ihn
nicht. Bisweilen erschien eine ältere Dame und führte anzügliche Reden,
die nach ihrer Absicht etwas Anfeuerndes haben sollten; bisweilen auch
läutete die Portalglocke, dann verschwand eines der Mädchen, lächelnd
und nickend, gleichsam voll Versprechungen, und die Andern sahen
teilnahmlos ins Leere, immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend.
Gudstikker benahm sich wie zu Hause. Gönnerhaft verabreichte er seine
Worte, lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern
zurück, klatschte leutselig auf nackte Arme, schlug ein paar Takte auf
einem schrillklingenden Klavier an, tauschte heitere Reminiscenzen mit
der Dame des Hauses, lächelte nachsichtig, wenn ihn die Mädchen neckten
und ihn den „schwarzen Doktor“ nannten, und bei alledem schwand eine
gewisse ernste Falte nicht von seinem Gesicht und ein stechender Blick
nicht aus seinen Augen. Bald ging er weiter mit Agathon in ein daneben
befindliches Gebäude, und Agathon folgte wie gezogen, halb betäubt durch
eine beengende Erwartung, die er nicht deuten konnte. Wiederum sah er
den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben, halberblindete Spiegel,
matte, von Staub zerfressene Goldrahmen; wieder sah er die für den
Gebrauch der Nacht überschminkten Frauengesichter, in denen jedes
Leiden, jeder Schmerz, jedes Nachdenken, jede Erinnerung, jede Feinheit
verschwunden war, wiederum roch er die abgelagerte Luft von gestern,
atmete den Rauch der Cigaretten, den Dunst der Weine und wurde behandelt
wie einer, der nicht da ist oder den man nicht sieht. Er sah in dunkle
Nebenkammern, wie man wohl auf einer längstverödeten Straße Wagenspuren
verfolgt: auch dort hatte das heimische Laster seine Spuren selbst in
die Finsternis gegraben. Er sah in andern Stuben junge Männer lungern
und sich erhitzen um einen Kuß, von dem sie vergessen wollten, wie feil
er war und wie jedem er gewährt worden war. Er sah Spielkarten fliegen
und hörte rohe Scherze durch die Wände dringen, Pfropfen knallen,
Goldstücke rollen und glaubte zu erkennen, wie mancher seine Ohren
verschloß gegen Stimmen, die er nicht hören wollte, nie hören durfte,
ohne den Verstand zu verlieren. Er erblickte die Kammern dieser Frauen
und Mädchen, die von einem überhäuften und unsinnigen Pomp starrten,
worin sie sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen, worin ein
rotes oder grünes Licht eine künstliche Schwülnis hervorbrachte und
selbst den abgeschabten Stellen der Tapete etwas Absichtsvolles und
Dekoratives verlieh, gleich dem Märchen von der ersten Sünde und der
poetischen Verführung, das die Bewohnerin in seinem matten Schein
ersinnt und dem sentimental gewordenen Besucher verabreicht. Er sah die
verschnörkelten, steilen Treppen, auf denen die Mädchen hinauf- und
hinabeilten und dabei berechneten, wie viel sie noch verdienen müßten,
um sich bezahlt zu machen dafür, daß sie hier in Hemd und Strümpfen sich
mästen durften, ohne daß man mehr von ihnen verlangte, als daß sie
lachten, lachten, immer lachten. Mochten sie fett oder mager sein, blond
oder schwarz, alt oder jung, sie hatten keine Aufgabe, als die, zu
lachen. Und jedes neue Läuten der Portalglocke brachte einen neuen Gast
in diese besuchteste Krämerei der Stadt: Junge Leute, die mit zitternden
Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen, um zu
warten, was man mit ihnen beginnen würde; schiefe Greise, die hier einen
letzten Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren; Männer,
von Langeweile und Gewohnheit hergetrieben, Knaben sogar mit den
erschreckenden Zeichen vorzeitiger Fehltritte in den Augen, die sie
wissend einem alles verschlingenden Abgrund zueilen ließen, junge
Bräutigame, die hier ein Mittel fanden, die ideale Schwärmerei des
Brautstandes zu überdauern, geachtete Bürger, die liebenswürdige und
gute Frauen besaßen, Lehrer, Beamte, Studenten, Handwerker ... Wie um
Erbarmen flehend, suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und
diese antworteten: ‚Hier giebt es kein Erbarmen; wer hier eintritt, für
den ist keine Hoffnung. So ist unsre Welt.‘ Und er tändelte weiter mit
den Mädchen, während Agathon Ruhe, Kraft und Besinnung verlor und Bild
auf Bild in stummer Reihenfolge ihn bedrängte. Oft war es auch ein
leidendes Gesicht, das er gewahrte, das mit hineingerissen wurde in den
Strudel und versank. Erschüttert wollte Agathon fliehen, doch schon war
Gudstikker neben ihm, der ihn führte, – durch die menschenleeren Gassen
der Stadt.
Warum, warum ist das alles? fragte Agathon flüsternd. Aber nichts gab
ihm Antwort, während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn
wirkte. Und er sah durch die Mauern der Häuser, armer und reicher
Häuser, und er hatte auch deutliche Hallucinationen, die wie Angstrufe
waren, Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft, eines Staates, der
wie ein Schiff sich langsam mit Wasser füllt, um unrettbar in den
Abgrund zu tauchen. Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen, das
lediglich zum Schein den Stempel der Heimlichkeit trägt, und um jenen
öffentlichen Anstand zu wahren, der noch die letzte Klammer der
berstenden Wände bildet. Er sah, daß jedes Haus eine Wunde hatte, die
unheilbar war; daß jede Thüre eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen
Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte; daß jedes Glas
eines jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel
begangen worden wären; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief,
daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines
begangenen Frevels getrübt wurden, daß die Bereitwilligkeit, sich zu
verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer war, als in jenen
öffentlichen; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens
verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt;
daß die Prostitution bei Tag und Nacht, jahraus, jahrein durch die
Gassen geht und harmlos scherzend Gift sät; daß die Kaserne und das
Spital, der Palast und das Gefängnis, die Kirche und das Wirtshaus, das
Theater und die Schule von _einem_ Schmerz gepeinigt, von _einer_ Lüge
erhalten, von _einer_ Hoffnung betrogen werden. Und Agathon sah das Ziel
in der Ferne zerstäuben zu nichts, die Fackel, die seinen Weg
erleuchtet, langsam vergehen und erkannte, daß er gegen die gigantische
Masse des Elends nichts war als ein Kind, das mit seinen Händchen
Gebirge abtragen will. Und Jude oder Christ, was bedeutete ihm das noch
gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf, der hier zwischen
schlafenden Mauern geführt wurde? Jude und Christ hatten in gleicher
Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dorthin zu führen, wo es stand
und ihre ergraute, blinde, lahme und taube Moral, halbverreckt an
Altersschwäche, konnte nicht den Tod finden, wenn man ihr Leben in
angestrengtem Bemühen durch Kunstmittel verlängerte.
„Gute Nacht, Bester,“ sagte Gudstikker jovial, als sie vor seinem Haus
standen. „Ich denke, meine Dienste haben Ihnen gut gethan. Die Welt ist
viel größer, als Sie glauben. Setzen Sie sich auseinander mit ihr, gute
Nacht.“
Agathon nahm den Gruß verständnislos hin und blieb, als er sich allein
sah, lange Zeit an derselben Stelle stehen. Mit dem Verschwinden
Gudstikkers waren alle diese Bilder und Gesichte vorbei, förmlich
schwarz gemacht durch die Nacht. Er hatte kein Bett, keinen
Zufluchtsort, begehrte keinen Zufluchtsort, begehrte keine Ruhe.
Betrunkene taumelten an ihm vorbei, betrunkene Männer und ganz junge
Leute, gröhlend oder still, begeistert oder trübsinnig. Alles was noch
lebendig war auf den Straßen, wurde durch diesen Geist der Besoffenheit
bewegt, der einen übelriechenden Dunst erzeugte. Dieser Geruch wird auch
morgen das öffentliche Leben durchdringen und die Seelen der Besseren
unmutig machen; er wird diese Frau, die schlaflos an dem Lager ihrer
Kinder brütet, den Mann und die Liebe verachten lassen und wird das Bild
einer morschen Indolenz bis zur Greifbarkeit verdeutlichen, alle Gefühle
der Anmut und Frische zerstören, jede Vereinigung von Kräften
unterwühlen.
Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt.
Vielleicht gab es noch eines, was ihn aufrichten konnte. Die Gestalt
Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit, von einem
übertriebenen Nimbus verklärt. Agathon blickte auf sie hin, wie auf eine
tröstende Gestalt. Ehe er es überlegte, befand er sich schon vor dem
Haus, in dem der Lehrer wohnte. Da das Thor bei der späten Stunde schon
geschlossen war, ließ sich Agathon kraftlos auf die feuchten
Steinfließen nieder, umschloß die Kniee mit den Armen und wartete. Er
wartete ohne Empfindung für das Vorbeifließen der Zeit. Im dritten
Stock, wo Bojesen wohnte, öffnete sich bisweilen ein Fenster. Das
Vorbeidefilieren der Betrunkenen minderte sich. Die Uhren schlugen eins,
zwei, schlugen drei. Die Finsternis der Gasse schien klebriger zu
werden, körperlicher. Und Agathon saß und wartete auf Bojesen wie auf
eine Lichtgestalt. Wenn es Morgen war, würde man das Thor öffnen, und
Agathon konnte dann zu ihm gehen. Was er dort wollte, daran dachte er
kaum.
Aber war dies nun nicht Bojesen, der vor ihm stand? Diese etwas
zusammengekrümmte Figur, die den Hut schief auf dem Kopf sitzen, die
Hände tief in den Taschen vergraben hatte? Waren das nicht Bojesens
Züge? Agathon mußte unwillkürlich lächeln, daß dies seltsam schiefe Bild
eines Menschen, diese schwankende Nachtgestalt eine solche Ähnlichkeit
aufwies. Aber warum starrte nun dieser Schein-Bojesen so? suchte in
seinen Taschen nach Schlüsseln –? brummte, als er sie nicht fand –?
Es erwies sich, daß es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem
falschen Bojesen und Bojesen, der Lichtgestalt. Und schließlich erhob
Agathon in einem stechenden Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu
einem Schrei, den seine Kehle ihm nicht bewilligte. Dann fuhr Bojesen,
der seine Schlüssel noch immer nicht hatte finden können, zurück und
lehnte sich stammelnd an den Laternenpfahl. „Ich – suchte – Sie – sch–
schon – l– lange genug – Ag– Agathon,“ sagte er.
Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin.
Bojesen zog den Brief aus seiner Brusttasche mit einer völlig
mechanischen Bewegung. „Da lesen Sie ihn gleich,“ sagte er und war
plötzlich wieder im Besitz seiner Sprache. „Sagen Sie mir, was es ist.
Sagen Sie es mir. Ich vergehe sonst. Ja, ja, ich liebe dieses Weib, kann
mich nicht losreißen, verbrenne mir das Herz dabei, verliere mein
Seelenheil, mein Geistesheil, alles, alles. Ich bin hin, eine Null, ein
hohler Stamm, ein mürbes Blatt, ausgeblasen, bankrott. Was weichen Sie
zurück vor mir? Agathon, haben Sie Mitleid! Oder sind Sie die Tugend
selbst, daß Sie mich verachten dürfen? Was weichen Sie zurück mit diesen
entsetzten Augen?“
Agathon wich zurück vor dem Schnapsgeruch, der von Bojesen auf ihn
einströmte. Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet, mit überstürzten
Sätzen, purzelnden Worten und grotesken Armbewegungen.
„Nein, nein, ich bin nicht betrunken,“ fuhr er fort, als fühle er
plötzlich den Grund; „nur ein paar Gläser Grog, das ist alles für einen
Bankrotteur. Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde heiser,
sein Gang schwerfälliger) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem Freund – –“
Da wandte sich Agathon, nachdem er den Brief an sich genommen und ging
fort, so schnell er immer konnte. Und hinter sich hörte er den
verzweifelten, gleichsam ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen:
Agathon! Agathon! Als er die Wasseralleen erreicht hatte und den Fluß
neben sich dumpf rauschen hörte, vernahm er es immer noch, dies:
Agathon, als ob es aus dem Bett des Stromes käme.
Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr. Und viele Bauten, die
unlängst noch prächtige Pforten vor ihm aufgethan hatten, schlossen
diese Pforten von selbst wieder. Über der schier mit Händen zugreifenden
Finsternis der Allee sah er eine brennende Stadt, ein brennendes Land.
Erst brannte es sichtbar, lichterloh, dann war das Feuer unterirdisch
und man hörte keinen Hilferuf.
Er kam an die Stelle, wo die Neubauten waren. Das Haus, in dem damals
der Trockenofen gebrannt, war schon bewohnt. Aber daneben war noch ein
anderer Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und
verbreitete seine düstere Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der
Umgebung. Nach einiger Mühe gelang es Agathon, sich durch das
verrammelte Thor zu zwängen. Er legte sich vor den Ofen und bemerkte,
daß seine Kniee vor Kälte schlotterten. Doch er empfand es kaum. Sein
überaus bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheuren
Bewegung seines Innern.
Schließlich, Stunden mochten verronnen sein, und die Hähne begannen
schon zu krähen, erinnerte er sich des Briefes. Er sah ihn an und
erkannte Jeanettens Schriftzüge. Er riß ihn auf, und eine Banknote fiel
heraus. Auf dem Papier stand mit gleichsam entsetzten und befehlenden
Lettern nichts als eine Adresse der Hauptstadt und die Worte: Komme
sogleich hierher.