Sommer und Sommerwinde! Blüten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grün
auf den Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den
Bäumen des Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe über den strahlenden
Himmel ziehen und Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken!
„Ich wußte wohl, daß der kleine Sema dem Tod entgegenging,“ sagte
Agathon zu Monika, als sie vom Vestnerwald gegen das Dorf zuschritten.
„Oder ich fühlte es vielleicht nur. Aber vielleicht ist er doch noch zu
retten. Die Leute sind nur so schrecklich arm.“
„Aber _warum_ fühltest du es denn?“ fragte Monika, die stets ein wenig
neugierig war.
„Ach, er ist heimatlos. Seine Seele ist deshalb zerrissen. Er hat nichts
Biegsames in sich. Alles bricht bei der ersten Berührung. Und er ist so
alt. Er hat Jahrtausende gelebt. Solche Kinder giebt es viele bei uns
Juden.“
Dann schwiegen sie lange Zeit. Plötzlich an einer einsamen Stelle beim
kleinen Pulvermagazin, blieb Monika stehen, umarmte Agathon mit einer
leidenschaftlichen Bewegung und stammelte: „Wie dank’ ich dir, daß du
mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agathon. Alles, was
ich bin, gehört dir. Du hast es nicht geachtet, daß ich gesündigt habe,
du bist groß, Agathon, und schön, das weiß nur ich.“
„Es ist kein Zufall, daß alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine
Kämpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg, sondern
du gehst vor der Zeit einher.“
„Und was willst du thun jetzt, Agathon?“
„Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Für mich und dich
wird es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch.“
„Warten, Agathon? Worauf?“
Agathon schüttelte lächelnd den Kopf.
Und als es Abend war, standen sie in Frau Olifats Garten und bewunderten
die farbigen Gluten des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und
wiegte ihr Kind im Arm. Esther saß singend mit Mirjam vor dem Thor, Frau
Olifat und Frau Jette unterhielten sich auf einer morschen Gartenbank
nahe der Laube, und sie sprachen insbesondere davon, daß die kleine
Käthe Estrich ins Kloster gegangen sei und den Schleier genommen habe.
Darüber konnten die beiden Frauen kaum zur Ruhe kommen.
Die Vögel sangen, eine Amsel schlug und ein Zeisig lockte. Das schrille
Geschrei spielender Kinder drang aus dem Dorf. In der gläsernen Burg
sangen die Zecher wieder und Mirjam erklärte der Freundin wichtig, daß
es das Lied: ‚spinn’ spinne, Töchterlein‘ sei.
Monika blickte hinauf in die Äste des Baumes, wo die Äpfel hingen,
seltsam vergoldet vom Rot der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und
sagte begehrlich: „Ich möchte so gern einen haben, Agathon, einen Apfel
von da droben.“
„Du mußt warten, Monika.“
„Immer warten! Worauf denn?“
„Sie sind noch nicht reif, Liebste.“
„Das dauert aber noch so lange ...“
„O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. Laß sie erst reif
sein, Monika.“
Und Agathon küßte die junge Mutter auf die Stirn.
Ende.
Druck von Hesse & Becker in Leipzig.
Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.