Nieberding erbleichte. „Es ist Jeanettens Hand.“

„Jeanettens Hand, sehr richtig,“ erwiderte Bojesen mit einem hämischen

Zucken der Mundwinkel. „Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt alles

Geschirr auf die Dielen wirft, sehr richtig. Ich glaubte schon Ruhe zu

haben vor Jeanettens Hand. Aber das braucht Sie ja gar nicht zu

interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig für meinen Biographen. Er kann

dann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: ‚Jeanettens Hand‘.“

Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester

zurückgewichen war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen

gegenüber. Auch ihn hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen

erschien ihm so überlegen an Leidenschaft, daß er Angst hatte, ihn zu

einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen. „Und was will sie? Weshalb

schreibt sie an diesen Agathon?“ wagte er endlich zu forschen.

„Ach fragen Sie nicht so frisiert. Sie schreibt an ihn. Punktum. Ich

wußte es stets. Sie hat auch mir geschrieben. Sie bittet mich bei allem,

was mir heilig sei, als ob’s dergleichen noch gäbe, ja, also ich solle

Agathon suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an den sie

sonst schreiben könne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden.

Nun, da dieser Agathon auch von der Polizei gesucht wird, ist die Sache

schwierig. Sie wissen ja, was man sich von dem merkwürdigen Menschen

erzählt. Der Brief, den sie mir schreibt, ist auf seltsames Papier

gekritzelt. Schwarz mit grüner Tinte. Der Poststempel ist von irgend

einem Dorf da im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf. Das wollt’

ich Sie bitten. Ich kann nicht allein. Es sind so öde Strecken. Oder wir

wollen einen Wagen nehmen. Bezahlen müssen Sie.“

Wie gebannt starrte Nieberding in das leidenschaftlich erregte Gesicht

des Lehrers, auf dem die trübe Korridor-Ampel ein unruhiges

Schattenspiel veranstaltete. Fast willenlos nahm er den Hut vom

Kleiderstock und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand

sie am Fenster stehend. Befangen und schuldbewußt reichte er ihr die

Hand; er komme bald wieder.

Sie schien zuerst nicht verstehen zu können. Dann nickte sie. Ihr Blick

wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding die

aufgebrochene Thür von draußen angelehnt hatte (er that dies mit einem

gewissen Eifer, als könne er dadurch die Schwester für sich günstig

stimmen), nahm Cornely einen Shawl, hüllte den Kopf damit ein, strich

die wirrgewordenen Haare flüchtig zurück, schlug mit einer krampfhaften

Gebärde die Hände zusammen, dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre

Geldbörse auf das Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch

kahlen Bäumen der abschüssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren

Schritt nicht. Sie ging immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern,

mit einem Ausdruck im Gesicht, der ein Gemisch von müder Erwartung und

furchtsamem Horchen war. So glich sie einer fast verwelkten Pflanze.

Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber

jetzt bemerkte sie, daß es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde

ihr so jähe klar, daß sie fröstelnd stillstand und überlegte. In der

einen Straße befand sich ein Lastwagen, und auf ihm waren, trotz der

Abendstunde, noch Leute damit beschäftigt, dicke massive Eisenschienen

auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab ein hallendes Getöse, ein

schrilles wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer fernen Volksmenge

glich; in einer andern Straße spielten Kinder, so als ob die Nacht gar

keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde; in einer andern Straße

rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum

Durchgehen. Das war gewöhnlich, aber für Cornely war es Leben. Sie

kannte solches Leben nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben über die

Schürzen der Mädchen huschen, die über die Straße liefen; sie sah es

tropfen von den Balkonen, wo man die Zimmerpalmen begoß; es kletterte in

Gestalt einer Katze über die Zäune, es bellte als Hund, es läutete als

Abendgeläut.

Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen

Vorstellungen. Sie dachte an Jeanette, an das Pfänderspiel von einst und

bekam plötzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie vergaß, daß Jahre

hingegangen waren seit der Stunde jenes Pfänderspiels und es kam ihr

vor, als könne sie Jeanette treffen wie damals, wenn sie nur das Haus

des Barons betrete. Als sie aber wirklich vor dem Gebäude stand, schämte

sie sich und kehrte seufzend um.

Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich an den Rand ihres Bettes nieder

und dachte nach. Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände

und Fügungen sie zu dem geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als

ruhte die Lügenlast von Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder,

ersticke jede Freiheit, jeden Willen zur Freiheit. Unter all diesen

Gedanken war auch einer, der sie zittern ließ. Zittern vor dem Reichtum,

vor der Fülle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater war Sklavenhändler in

Amerika gewesen. Dies war genug für sie, daß sie die Seelen

Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, daß die Luft um sie herum

erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens.

Unwillkürlich erhob sie sich, als fürchte sie, die Berührung mit dem

Holz des Bettes könne sie beschmutzen und ihre Bedrücktheit stieg bis zu

einem kaum erträglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben,

haltlos, voll mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie,

das Herz springe ihr unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast

mechanisch, wie ein Fallender nach einem Halt greift, nahm sie Bleistift

und Papier und schrieb, ohne auszusetzen, fast ohne sich zu besinnen,

mit glühenden Augen und in völliger Selbstvergessenheit:

Sag’ mir an, du trübes Gespenst,

Was du Wissen und Leiden nennst?

Sag’ mir, du ruhige Finsternis,

Warum Gott seinen Sohn verließ?

Sprich, du Himmel ohne Gnaden,

Weshalb hat mich der Freund verraten?

O sprich, du lange Einsamkeit,

Was ist Tod und was ist Zeit?

Da begann das trübe Gespenst:

Was du Wissen und Leiden nennst,

Das ist kraft eines deutlichen Traumes;

Das ist Spiel jenes bunten Saumes,

Saum vom Kleide der Ewigkeit,

Kraft eines langerloschenen Lichts,

Dies ist Wissen, dies ist Leid

Und sonst nichts.

Sprach die ruhige Finsternis:

Warum Gott seinen Sohn verließ,

Das ist kraft seiner Lust zur Freude;

Das ist Kampfspiel, das stets erneute

Hangen und Bangen am Lebensbaum.

Gott wünschte einen Sohn des Lichts;

Seine Vaterliebe, sie ist nur ein Traum

Und sonst nichts.

Sprach der Himmel ohne Gnaden:

Mit Recht hat dich der Freund verraten.

Freundschaft ist zärtliches Betrügen,

Kopfnicken und Rückenbiegen.

Umklammert deine Faust das Schwert,

Freue dich des Verrätergerichts;

Entbehren ist, was dich der Freund gelehrt,

Und sonst nichts.

Sprach die lange Einsamkeit:

Frage nicht, was Tod und Zeit.

Tod bist du und Zeit bist du,

Rast und Flucht und Kampf und Ruh.

Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten

Wirst du am Tage des großen Verzichts

Hin vor meine Füße gleiten,

Und sonst nichts.

Als Cornely dies geschrieben, schaute sie geraume Zeit mit staunenden

Augen ins Lampenlicht. Dann erhob sie sich, packte das schwere Kreuz an

der Wand und trug es mit ihren schwachen Armen hinaus in den Korridor.

Hierauf suchte sie die Thüre zu schließen, da aber das Schloß nicht

fungierte, verrammelte sie sie mit einem Stuhl und einem Tischchen und

begann sich mit einer träumerischen Ruhe zu entkleiden. Die Ruhe, die

sie erfüllte, war so frauenhaft und ausgeglichen, daß sie sich ganz

neubelebt fühlte. Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor

den Spiegel, um sich mit dem gleichen verträumten, etwas staunenden und

verlornen Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelöstseins und

der Leichtigkeit hatte sie wünschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie

nicht den eigenen Körper, sondern freundliche Gestalten umschwebten sie,

deren Nähe ihr beglückend dünkte.

Bald darauf ging sie zu Bett.

Die Juden von Zirndorf · 第 26 / 45 题