Agathon verlor sich bald unter der vor Erregtheit wie wahnsinnigen
Volksmenge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl ein Offizier mit dem
Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm
lenkte, verlor er sich bald in fernere Gassen. Sinnend ging er weiter,
den Blick stets ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk
fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen
die Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu
besinnen schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war
licht geworden, – ungewöhnlich licht, schien es Agathon; flimmerlose
Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstraße war wie der Rauch
aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg,
erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen, durch die
ganze Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt
im Rücken, eine vielgezackte Silhouette, ein Knäuel Unglück, schwarz,
ungeheuerlich starr, still, greifbar deutlich, in der Mitte ein
glühender Fleck, eine beginnende Säule: der Brand, der im Verlöschen
war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein Fabrikschlot wie ein
riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; groß, dicht, leer von
allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere Finsternis.
Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl es
sehr kühl war, mehr als kühl, verfiel er sofort in einen bleiernen
Schlaf, schlief weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde
und wiederum Nacht und that erst die Augen auf, als ein klares, kleines
Stück Mond im Hinabsinken begriffen war. Er preßte die Hände gegen die
Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben, fühlte
sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an Vertrauen, an
Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand dann
Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk
unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der
Stadt.
Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können.
Er hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben,
mehr als er gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person
und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine
außerordentliche Milde, zu lächeln. Er war sehr schön und sehr groß.
Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften, sein
mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner Wünsche
ahnen. Seine saft- und kraftvolle Jugend sehnte sich nach Thaten. Seine
Seele war nicht mehr niedergedrückt durch den Gedanken einer einzigen,
furchtbaren Macht im Himmel. Dadurch erklärten sich seine kühnen
Wünsche, seine stolze Haltung. Nie grübelte er, sondern träumte nur.
Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler
Rasse.
Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster, diese
kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über dem Ganzen. Säulen
mit Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge,
hallende Schritte. Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne
Leben dachte Agathon, und er fühlte sich einsam. Er dachte an die
Menschen hinter all den Fenstern, an die Art ihres Schlafes, ihrer
Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre Krankheiten, ihre
Sorgen. Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes, wo in
einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber befand sich
eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, müde vom
Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein
neues Leben träte nach diesem vierzehnjährigen Schlaf. Die gelbe
Portiere des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern,
schwankend und gleitend, die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel.
Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich
und leise. Plötzlich erschien unter den unwirklichen, hingeträumten
Bildern des Vorhangs ein Schatten, dann wurde der Vorhang aufgezogen,
das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt erschien in seinem
Rahmen. Dann knirschte das Thor, die Gartenthüre kreischte und ein
Offizier, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Straße. Agathon
hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.
Die Luft war lau, klar und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie
schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum
und Stein, kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agathon ging
hinüber gegen das Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, –
langsamer als es geöffnet worden war. In diesem Augenblick fühlte sich
Agathon verlassen. Das Schließen des Fensters glich für ihn einem
höhnischen Zurückweisen. Er blickte an seinen Kleidern herab, sie waren
in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen. Aber dennoch waren
die Frühlingslüfte in der Welt und außerdem hatte man den Karneval mit
seiner freilich etwas hilflosen Lustigkeit.
Er ging weiter und die Nacht erschien ihm starrer, so daß selbst das
ferne, ununterbrochene Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte.
Nach einer Stunde vielleicht kam er wieder an dasselbe vornehme Haus,
vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette
lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Arme gestützt, spähte hinein ins
Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als selbst
die bleiche Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grüßte hinauf.
Sie fuhr zusammen, veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen
dumpfen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons
Namen.
Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet
und saß nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel
geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette
blickte ihn forschend, überrascht, beinahe unterwürfig an.
„Ich weiß alles,“ sagte sie. „Wie hast du das wagen können? Hattest du
nicht Furcht?“
„_Was_ weißt du?“ erwiderte Agathon befremdet.
„Und wie wagst du es, Agathon, noch in der Stadt zu sein? Sie suchten
dich ja. In den Zeitungen steht es, alle Welt spricht davon. Alle
möglichen Verbrechen sollst du begangen haben. Ein ganz gefährlicher
Mensch sollst du sein.“
„Aber wie konnten sie meinen Namen wissen?“ fragte Agathon nachdenklich.
„Ich weiß nicht. Es wollen dich einige erkannt haben. Darunter auch ein
gewisser ... Goldsticker, ein Schriftsteller oder ... Ja, der
Schriftsteller hat deinen Namen genannt.“
„Ach, Gudstikker! Natürlich, es war eine That für ihn. Aber wie geht’s
dir?“
„Nein, dir. Was hast du getrieben? Mein Gott, wie siehst du aus! Ich muß
dich jedenfalls bei mir verbergen. Nun erzähle.“
Agathon wußte nichts zu erzählen. Er berichtete flüchtig, wie von
gleichgültigen Dingen und wurde allmählich unruhig.
Jeanette brachte ihm zu essen. Es war schon spät in der Nacht.
Schweigend blickte sie ihn an. Agathon fragte noch einmal, wie es ihr
gehe, aber sie schüttelte den Kopf. Sie trug ein Nachtgewand aus blauer
Seide mit Spitzen um den Hals und an den Handgelenken. Dies gab ihrer
ganzen Erscheinung etwas Ruhiges und Vornehmes und ihrem Gesicht einen
friedlichen, kindlichen Ausdruck. Sie wandte den Blick nicht von
Agathon, der plötzlich unter der Glut ihrer Augen erblaßte und das Glas,
das er in der Hand hielt, sinken ließ. Dies schien sie aufzurütteln. Sie
lachte und erzählte das und das, von ihrem Leben in Paris; daß sie
nächstens in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu sehen
wünsche; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; sie erzählte
Episoden, schien begeistert von dem heitern, bunten Leben, das sie
führte, das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es
war zuletzt, als ob sie phantasiere, so sehr geriet sie in Hitze über
das freudig Schäumende, Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie
plötzlich zum Klavier und begann zu spielen, trotz der tiefen Nacht,
gleichsam zum Trutz der ganzen Bürgerschaft, spielte leicht, duftig,
aber auch leichtfertig, endigte mit Mißtönen, die klangen, als ob sich
jemand auf die Tasten setzte, schlug krachend den Deckel zu, lachte mit
ihrem knirschenden Lachen in die Richtung des Fensters, nachdem sie sich
auf dem Sessel umgedreht hatte. Ganz unmotiviert spielte sie nun auf
ihre pikanten Abenteuer an, und als sie schwieg, machte sie den Eindruck
einer abgehetzten Läuferin. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, ihre
Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses klopften stürmisch, so
lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers, die Ellbogen
nach rückwärts auf den Deckel gestemmt und sah in die Höhe. „Bist du
müd?“ wandte sie sich zu Agathon. „Wenn du müd bist, kannst du in dein
Zimmer gehen.“ Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon
mußte aufstehen. Sein Herz wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.
„Ich liebe nämlich die Nacht,“ sagte Jeanette leise. „So sitzt man da
und denkt aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agathon?“
Wieder traf ihn dieser Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und
flammenden Seele zu kommen schien. „Weißt du, ich möchte dumm sein,“
fuhr sie fort. „So dumm, daß ich nicht wüßte, wie man lügt; so dumm, daß
ich Respekt vor den Männern hätte, so dumm, daß ich fromm wäre. Dann
würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun will ich
tanzen. Setze dich dort in die Ecke. Das Licht müssen wir dämpfen. So.“
Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte
mit schwermütigen Bewegungen, die unwillkürlich an das Hingleiten eines
Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem
Gesicht gewichen, die Augen waren halbgeschlossen, beschattet durch die
langen, roten Wimpern, die Arme hatten das Kleid gefaßt. Agathon schaute
lange hin, und es war so, daß er bald meinte, das Blut müsse aus ihrer
Brust sickern bei diesem schmerzlichen und düstern Ringen ihres Körpers.
Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur
Feuerhelle, reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben
und nun tanzte sie den _goignade_, einen altfranzösischen Tanz voll
wollüstiger Exstase. Agathon biß die Lippen zusammen, ihm schwindelte.
Sie war völlig entfesselt, jauchzte dabei und schwang die Röcke. Als sie
fertig war, lächelte sie flüchtig, nickte und sagte kühl, Agathon solle
in das Zimmer nebenan, das für ihn gehöre. Damit ging sie. Agathon
wartete lange Zeit, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das
Nebenzimmer, ließ aber die Thüre offen, damit er das Licht sehen könne,
legte sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem
Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.
Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, erregt, und
mit dem Wachsen des Tages nahm seine Erregung zu. Er fand nicht Ruhe in
diesen kostbar ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele
zusammengeschrumpft. Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte
er über die Veränderung an ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war
etwas schlaff, der Blick hart, ihre Bewegung mühsam, ihre Worte kalt.
Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste, in einem
circenhaften Blick. „Hast du geschlafen?“ fragte sie.
„Wessen Blut steckt eigentlich in dir?“ fuhr sie unvermittelt fort. „Ich
kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir
zu vergleichen wäre. Und auch sonst –“. Sie stand auf, stellte sich
hinter seinen Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so daß er
den Kopf zurückbog, um sie zu sehen, und sie fragte, indem sie ihre
Augen tief in die seinen bohrte: „Hast du die Kirche in Brand gesteckt,
Agathon?“
Agathon machte sich los von ihr und entgegnete langsam: „Wolltest du,
daß ich es gethan hätte?“
Sie schwieg finster. „Es ist wahrscheinlich, daß es der Blitz gethan
hat,“ sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen
sich eine Weile stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd:
„Aber du mußt andere Kleider bekommen, trotzalledem. Bist du zornig?“
fügte sie erschrocken und demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner
Stirn gewahrte. „Ich will dir etwas sagen. Ich werde alle Thüren
zusperren, meine Dienstboten fortschicken, die Rollläden schließen und
Nacht sein lassen.“ Alles dies sagte sie fast kühl, hinwerfend. Agathon
vermochte kaum klar zu werden.
„Daß wir beide Juden sein müssen!“ rief sie aus, als sie sich in einen
Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf
meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe
alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure
Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die
Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du,
was bist du eigentlich? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn? Du
sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn du willst,
bin ich deine Magd. Das habe ich dir schon einmal versprochen. So werden
alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der
reine Brunnen Versiegenicht.“
Agathon lächelte. „Brunnen Versiegenicht. Ein Lieblingswort von
Bojesen.“
„Bojesen ... lieber Gott, ja.“
„Du kennst ihn?“
„Ja doch. Warum soll ich Bojesen nicht kennen.“
„Er ist sehr interessant.“
„Gewiß, sehr. Alle Männer sind interessant. Vor der That.“ Sie lachte.
Plötzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit
einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen. Fast zugleich
aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten
Augen. „_Diese_ Lippen!“ flüsterte sie bewegt. „Du hast noch nie ein
Weib geküßt?“ Langsam ergriff sie seine Hand, beugte sich und küßte auch
sie. Agathon dachte an Monika, die einst ein gleiches gethan. Warum?
„Was bist du? Was willst du?“ fragte sie ihn nach einem langen
Schweigen.
„Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den
Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist
alles, was ich will. Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die
Erde ohne den Himmel, sie wissen, daß der Himmel fehlt. Verstehst du?
Sie müssen die reine Erde haben, ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht,
ohne Abrechnung mit einem Droben. Ja, es ist mir jetzt klar. Sie haben
bloß Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er
hat keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der
bequemste, vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der
Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden. Und das ist so lang her,
daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen, sie könnten
fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist, können sie
nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette, oder nur einen,
ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch dann das
Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur
die Großen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Thäter und
die Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und
werden ein neues Geschlecht gründen.“
Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der
Seele. Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend, wie alle, die mit
ihm sprachen. Ein reiner Strom umfloß sie, der Strom reiner Gefühle.
„Und was willst du thun für diese Idee?“ fragte sie, mühsam lächelnd.
„Sterben natürlich, wie alle diese Schwärmer.“
„Sterben? Nein, leben.“
Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick.
„Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe
dich, Agathon; ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter
dieser ‚Freude‘ da? Auch so ein Wort wie viele Worte. Nicht?“
„Es müßte so ein griechischer Glanz sein, der von einem zum andern
strahlt. Man dürfte nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man
selbst die Natur, selbst ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer
müßte Freund sein und vieles andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst
du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit, jedes Ding eine Welt und die Welt ein
Ding. Alle Juden müßten ausgerottet werden, nicht der Körper, aber der
Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer werden die Juden, auch die
Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter bringen. Immer werden
sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du? Ja, es ist
wahr. Siehst du, jetzt kann die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen
und der liebe Gott kann eine andere Erde großsäugen. Dann ist das Leben
nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente
Strafe. Dann giebt es keine Todesfurcht mehr, keine Verbrechen mehr,
dann wird alles größer, unermeßlich größer. Aber ich kann nicht das
Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.“
Ein langes Schweigen entstand.
„Du meinst vielleicht, es ist dieser Atheismus,“ begann Agathon wieder.
„Nein, das wäre ja borniert. Die Atheisten sind bloß ungezogene Kinder
und sie wollen selber Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Du
weißt ja, wie ichs meine, drum lachst du so verschmitzt. Aber siehst du,
Jeanette,“ fügte Agathon etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher,
„eins fehlt mir noch und ich weiß nicht was es ist. Es macht mich
unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag und es ist mir, als stünde
ich vor einer dicken Mauer. Dann bin ich wie ein Kind.“
Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Diwan, während ihre Füße
den Boden berührten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den
Stoff hindurch ab, und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas
gewaltsam geschwungene Kurve, während ihn Jeanette mit einem heißen,
träumerischen Blick gleichsam suchte.
Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agathon, sowie ein Domino,
denn Jeanette wollte, daß er abends mit zum Fest ginge. Er wunderte sich
über ihr Wesen, das so sehr an Grellheit abgenommen hatte, über ihren
Gang, der etwas Wiegendes, Zögerndes, Erwartendes hatte, über ihre
Worte, die bald kühn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrückt waren.
Der Festsaal war groß und reich. Die Mitte des Raumes, der die Höhe
einer Kirche hatte, war von bläulich-grünem Licht erfüllt. Die Galerien
und Wandelgänge waren durch Glühlampen erleuchtet und glichen einem
breiten, düstern Feuerband, das um diese milde Dämmerung geschlungen
war, in der die Säulen traumhaft glänzten, die Guirlanden wie aus dem
schwülen Duft herausgewachsen schienen, die künstlichen Rosen wie Blut
schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel
glich. Das bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des
Geräuschlosen, Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle
Töne in einen Ton, alle Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende
Murmeln war wie das ferne Branden eines Meeres, über dem der Tag
aufgehen will.
Aber plötzlich, ganz mit einem Male, auf einen Anstoß, wurde Agathon
sehend. Und zwar in solchem Maß, daß er vor Grauen, Scham und
Beleidigung wie verwundet war. Er schritt einen etwas abseits gelegenen
Wandelgang dahin, als er einen alten und ziemlich zerlumpten Mann am
Seitenausgang stehen sah. Der Alte spähte lauernd und unruhig in den
Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen und murmelte. Bald
darauf kam ein junges Mädchen, deren Bewegungen graziös und fast
kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske verlor
sein Lächeln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier riß
er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu, wobei seine
Augen fast aus den Höhlen traten. Das Mädchen nickte und der Alte
humpelte hinaus. Das Mädchen setzte sich auf eine Bank, drückte beide
Hände gegen die Brust und atmete auf, dann warf sie beide Arme in die
Luft, als wolle sie den Wirbelwind von Gedanken beschwichtigen und
sprang wieder mit dem kindlichen Gebahren, das sie forcierte, davon.
Agathon suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er sah
statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie
ein Fragezeichen, einen andern, der übernächtig fahl, von Säule zu Säule
schlich in der Art eines Gewürms, lichtscheu, träg, voll Verachtung,
Müdigkeit, Hinfälligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schuß
war, der abgefeuert wird, eine nahende, nagende Angst, das fletschende
Gespenst seiner Sorgen wieder zu verscheuchen; einen vierten, der,
künstlich und aufgeregt, geschäftig herumeilte und dessen Züge durch
eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden Erregung
zerwühlt waren; einen fünften, der grinsend und nickend durch die Reihen
strolchte, der Cynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflügten,
vom Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll
Anstand, Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben
überflüssig schien, um dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag,
während in seinen Augen fast greifbar der Entschluß zu einem Verbrechen
zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich drehend, mit erlogenem
Lächeln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter Bettler
bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Kräften heimisch zu
werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein
drittes, das mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des
Verleihers einer öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu
vermeiden suchte; ein viertes, das mit erhitzten Blicken und eisiger
Seele dasaß, während die Sorge um die Haltbarkeit der Schminke sie im
Innern beschäftigte. Und hinter der Buntheit der Gewänder, der
Höflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom Wein
geröteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agathon sah es.
Hundert Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen
Schlag wurde der Vorhang von hundert Bühnen, von hundert Augenpaaren
gezogen, daß es vor seinen Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel
Jammer, ein ungesichtet zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein
Mischmasch von Betrübnissen, Verbrechen, Betrug und Lügen. Jener dicke
Herr mit dem gütigen, ehrenhaften Gesicht hält das Glück von Hunderten
wie an einer Schnur, und er wird all dies Glück, das ihm anvertraut ist,
morgen getrost an der Börse verspielen; den ungünstigen Fall erwägend,
hat er bereits eine Schiffskarte im Portefeuille. Dieser
unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lächelt, ist ein Arzt, der
durch schmutzige Manipulationen in seiner eigenen Meinung längst der
Schatten eines anständigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem
schwermütigen Blick lebt nur, sich zu amüsieren, und es amüsiert sie,
die Schwermütige zu sein; ihr Haus ist ein finsteres Bild der
Verkommenheit, der Vernachlässigung, der Sittenlosigkeit, des geraubten,
erborgten Prunkes, des versteckten Hungers; jener wohlwollende Graubart
ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte Gestalt schachert mit
jungen Mädchen; jener imposante Schwarzbärtige ist ein nichtswürdiger
Wucherer; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter
Verleumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verödete Stuben,
thränennasse Betten, von Lastern befleckte Hände, das wahnsinnige Geheul
Unterliegender, Gefesselter, das verschwiegene Lächeln der Sieger, die
erheuchelte Trauer, der verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die
Raserei der Liebe, Krankheit und Tod, eine Armee bis zur Tollheit
verzerrter Gesichter, die im Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine
ganze fallende, stürzende, vermorschte Gesellschaft und darüber,
darunter – nichts.
Es war Agathon, als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der
Visionen zusammengepreßt würde. Es war ihm, als dränge sich die gärende
Masse des Unglücks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe
Hilfe, Rettung, und gepeinigt floh er, erreichte die Straße, eilte
weiter, ohne sich umzublicken und wußte kaum, wie er in Jeanettens
Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide den Saal betreten hatten,
nicht wieder gesehen. Das Dienstmädchen öffnete ihm, wollte Licht
machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie vernichtet
aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender.
Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn
verspürte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt so finster
vor. Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an
seinem Körper gegen das unsicher verfließende Licht des Fensters abhob.
Erschrocken tastete er mit den Händen vor sich und tastete in
knisterndes Haar. „Jeanette,“ flüsterte er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er
glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es entstand eine Hitze um ihn, die
aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde starr am Körper und seine
Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust zusammenschnürte
gleich einem Strick. „Jeanette,“ flüsterte er wieder. Diesmal war es
fast ein Hilferuf.
Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine große, blutrote Orange
neben den Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber
von einem zitternden Leben erfüllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem
Tuch verhangenen Wand und das meergrüne Kleid, das sie trug, warf
förmlich Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals, entblößt,
leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer
warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon. Er saß und blickte sie
unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hören, welche ihn rief: wo
bist du, Agathon?
Jeanette lächelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe,
daß ihre Körper sich streiften, und Agathon wurde völlig ausgefüllt von
dem Bewußtsein dieser großen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nähe; die
Welt rückte für ihn plötzlich in eine maßlose Ferne; versank in einen
Abgrund. Jeanette schälte und zerlegte die Orange und Agathon erlebte
jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war ihm, als ob er selbst die Frucht
zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stück und er aß. Er fühlte nicht die
Süßigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewußt, daß er aß. Sie
beschäftigten sich damit, die ätherischen Öle der saftreichen Schale in
die Flamme zu spritzen; es knallte und zischte, beide lächelten. Agathon
lächelte aber wie über etwas Fernes, in einem andern Leben Erlebtes, er
lächelte Jeanettens Lächeln mit, vielleicht aus Furcht, daß sie aufhören
könne zu lächeln. Plötzlich machte Jeanette eine halbe Drehung gegen
ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr Blick verschlingend groß,
unbarmherzig wild, und er sah ihre Zähne schimmern. Sie stand auf.
Die Kerze war erloschen. Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen
und an seinem Halse die kalte, feuchte Berührung eines Mundes. All seine
Sinne schmerzten, daß er glaubte, es müsse mit ihm zu Ende gehen, daß er
die Nacht schier verwünschte. Was er dann empfand, war eine sich
ausbreitende Angst, das Gefühl, als ob das Zimmer luftleer sei, und
endlich eine verzweifelte, brennende Begierde.
„Was zitterst du so?“ fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre
Kleider; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein. Er lag
mit offenen Augen, die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut
ihres Körpers, und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen.
Sie küßte ihn; er dachte, daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen,
denn er glaubte, zu ertrinken in einer heißen Gischt, sein ganzer Leib
war ein zuckender Schmerz, der alles in einen übermäßigen Rausch
versetzte, dann kam ein bewußtloses Versinken, – aus einer großen Höhe,
tiefer und tiefer; das anfänglich blendende Licht verlor sich, und
plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen,
voll von einem grenzenlosen, vorher nie erfaßten, noch geahnten Jammer.
Er wußte nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das
Zimmer verließ, auf der Straße stand, die sich breit hindehnte in einem
mühsam aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah
das Thor offen; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der
noch mit Stroh umwunden war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf
die Arme und begann bitterlich zu weinen. Nicht mühselig flossen seine
Thränen, sondern reich.
Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus glühenden Dünsten, aus
der Umarmung riesenhafter Wolken. Ein Hahn krähte. Kräftige Frische war
in der Luft. Die Nebel der vergangenen Nacht hatten den Karneval
mitgenommen. Die Sonne des Aschermittwochs vergoldete manchen
Garderobefetzen im Kehricht.
Jeanette lag noch da, wie er sie verlassen. Sie schlief. Ihr Gesicht
hatte etwas so Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder in die
Züge zurückkehren sollte. Die geschlossenen Lider hatten eine Müdigkeit,
die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war.
Das über und über wirre und krause Haar zeugte von einer
leidenschaftlichen Gutmütigkeit. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein
schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust.
Als sie zusammen frühstückten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte:
„Nun, du siehst wohl, daß die Welt aus Schmutz besteht.“
Agathon schwieg.
„Du siehst, was ich bin,“ fuhr sie fort. „Und du kommst und verlangst,
daß wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit.
Ja, ja, rede nicht, ich weiß schon, weil wir schwach sind, müssen wir
stärker werden und so weiter. Aber jetzt ist deine Mauer gefallen,
Agathon, und du hast nicht gedacht, was für eine schmutzige Sache sie
verdeckt.“
„Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil
du es willst?“ fragte Agathon. „Oder deswegen, weil Christus es gewollt
hat? Weil wir uns der Genüsse schämen? Könnte es das nicht sein,
Jeanette? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib
Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit? Und nur darin? Wozu Götter? _Ein_
Gott ist schon Götzendienst. Warum sollte das Schmutz sein, was so
erhaben sein kann? Du mußt nicht lachen.“
„Wirklich? Kann es das? Nein, so was! Kann es so erhaben sein? Köstlich.
Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde.“
„Was hast du nur, Jeanette?“
Sie sprach mit starrem Blick vor sich hin: „Auch du, auch du, Agathon,
mußtest fallen. Niemals hätte ich es geglaubt. Es ist mir ganz klar,
wozu es dich treibt, klarer wie dir. Du willst die Sinnlichkeit wieder
auf den Thron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das
liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Ja,
eher kannst du dein Hirn verbrennen, oder du mußt neue Menschen formen.
Das ist alles unanständig, was du willst, verstehst du, unanständig; das
ist das Wort, das dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst,
dann glaube ich an dich. Ist es nicht unanständig, wenn wir die Kleider
abnehmen und uns sehen? Ist es nicht unanständig, Kleider zu haben und
an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind schuld, daß wir so krank
lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die Sinnlichkeit
erstickt, schleudert die Könige vom Thron. Gott, ich bin so klug. Ich
freue mich so, daß ich klug bin. Pfui, ich mag nicht mehr leben.“
Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, daß der Stuhl
hinter ihr auf den Teppich zurückfiel. „Nun sollst du alles wissen.
Damit wenigstens _ein_ Mensch weiß, was ich leide. Nicht mich ruft der
König, sondern ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen
Schleichweg, keine Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes
Medikament sein. Vielleicht finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz
und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land. Denn siehst
du, ich langweile mich. Ich langweile mich, seit ich auf der Welt bin.
Ich langweile mich bei Putz und Schmuck und beim schönsten Sonnenaufgang
und beim schönsten Gemälde. Versteh mich recht, es ist mehr als die
Langweile, aus der müßige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe zu
Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt
geschieht. Nein, ich habe noch keinen einzigen _Menschen_ kennen
gelernt. Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert
mit den Pulsschlägen der Nacht, ich habe den vornehmsten Pöbel rasend
gemacht mit tanzen, ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen
lassen, – nein, ich habe mich gelangweilt. Ich habe mich in den Betten
gewälzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich habe um Krieg
gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in die
Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berühmten Männer
aufgesucht und fand sie so öde, daß mir war, als müßte ich sie in den
Arm zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien möchten, – alles war
umsonst. Und was willst _du_, armer Agathon, hier! Geh fort, auch ich
packe heut mein Bündel und fahre. Geh, aber sei vorsichtig, denn du bist
ja ein gefährlicher Mensch.“ Sie ging zum Fenster, riß es auf und sog
mit geblähten Nasenflügeln die Luft ein. Als Agathon nicht ging,
stampfte sie mit dem Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein
bösartiger Hund.
Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hörbar. Eine
lange Prozession von Kindern zog die Straße herab. Die zuerst Kommenden
beteten, wodurch das silberhelle, monoton gleitende Murmeln entstand;
die letzte Schar sang. Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche
Gleichgültigkeit, eine solch dumme und gequälte Feierlichkeit, daß es
zugleich lächerlich und schrecklich war. Den Nachtrab bildeten sechs
Ministranten in weißen Gewändern; zwei trugen ein ungeheures schwarzes
Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war gänzlich fasziniert. Sie
schauderte.
Agathon wich zurück vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote
verließe, deren Seele man da draußen schon zum Grabe geleitete.
Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Wagens, der den
Sarg trug, – einen kleinen, schmalen Kindersarg, der nicht schwarz und
nicht anders war, obwohl er vielleicht hatte schwarz sein sollen. Es war
ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem
Kranze darauf und sang im Chor. Agathon meinte, er müsse den Tod um die
Zukunft fragen, da das Leben so schweigsam war.