Vierzehntes Kapitel

Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg, welches vom großen

Schustergäßchen gegen Burg und Weinmarkt läuft, steht ein altes, graues,

düsteres Gebäude, das schwer in seinen Formen ist und gleichsam etwas

Unnahbares und Zurückhaltendes an sich hat. Selten sah man zur Tageszeit

das Thor sich öffnen, das von schwerem Eichenholz war und jene

bewunderungswürdige Schmiedearbeit in Schloß, Angel und Glockenzug

aufwies, durch die unsere alten Häuser so merkwürdig sind. Niemals hatte

man des Abends oder auch zu nachtschlafender Zeit die vor Staub und

Bejahrtheit gänzlich blinden Fenster erleuchtet gesehen, – kurz, dies

Haus glich in allem dem übriggebliebenen Block aus einer abgestorbenen

Kulturepoche, und hätte jemand das Stiegenhaus betreten können, so würde

es ihm zweifellos nicht verwunderlich gewesen sein, wenn ihm

vertrocknete, mürrische Ratsherren in Perrücke, Wadenstrümpfen und

Schnallenschuhen, oder ein Student mit Barett und Degen begegnet wären,

gerade als seien sie ohne weiteres aus einem der verblaßten Gemälde des

Rathaussaales gestiegen, wo sie ein wahres Märchenleben an unaufhörlich

besetzten Tafeln führen.

Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt. Nicht in allen seinen Räumen,

sondern vornehmlich in einer großen, hohen, mit Steinen gepflasterten

Küche, die ein Fenster nach dem einsamen, stillen Hof hatte mit seinen

Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte

Baldewin Estrich seit ungezählten Jahren seinen Tag und einen großen

Teil der Nacht, um zu experimentieren, zu analysieren, in Retorten

dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen Flammen noch

seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen, und was er auf diese Art

suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die

Kunst des „Goldmachens.“

Wer nun annehmen würde, daß Baldewin Estrich aus gemeiner Habsucht oder

aus dem Drang, reich zu werden, dies unternommen hatte, würde sehr

irren. Auch war er weit davon entfernt, der Wissenschaft einen Dienst

leisten zu wollen. Ja, er war sogar überzeugt, daß sein Weg von dem der

Wissenschaft weit, weitab lag, und daß er ein Gespött der Fachgelehrten

bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten, wo Wunder

und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht

und Besitz schlagen sollten. Er war nicht bethört durch jene uralten

Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen Nachrichten

über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen

Geheimnis. Nein. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig,

unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre

vergessenen Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser

Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war

nicht das, was er darin suchte, – ein Mittel, die Menschheit glücklicher

zu machen, ihren wahnsinnigen Wettlauf nach Phantomen aufzuhalten. Er

war eine sattsam bekannte Erscheinung in unserer Provinz und je weniger

man über sein Thun wußte, je mehr wurde ihm aus Kräften der Fama

zugelegt. Dann, nach seiner großen Niederlage vor sich selbst und jenen

sonderbaren Idealen, begann er aus eigenen Mitteln hinauszubauen über

das Vorhandene, stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an,

um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage Etwas, Äther oder

sonstwie genannt, das jetzt dem Geist der modernen Forscher, lange nach

Baldewin Estrich wieder so nahe gerückt ist. So kam er, wohl auf vielen,

wirren Umwegen zu seiner tiefsten und wunderlichsten Lebensaufgabe, –

eine für den Fremdling in diesen Gebieten erstaunliche Gedankenkette,

für die aber der Gelehrte unserer Zeit ein Begreifen hat, weil ihm das

Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein

untrennbares Eins bedeutet. Freilich wollte Baldewin Estrich mit der

Praktik nichts gemein haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie

ein Mann, der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für jene späten

Geschlechter, die da wohnen werden, wenn all das Meer von Sand

fruchtbares Erdreich geworden ist. Durch nichts glaubte er die Menschen

_mehr_ glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte, ihnen den

Frieden zu bringen, wenn er die heißeste Begierde stillen konnte, die

sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab,

daß sie der Überfluß gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit

Glut sein ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und

seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit und stillen Größe. Nur

wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der

Stadt; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen, in denen der

werdende Verbrecher Unterschlupf findet, ebenso wie der gewordene; in

jenen Herbergen, wo der reisende Bettler ein Nachtquartier findet, in

all den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den abgelegenen Gassen der

Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern, in Kellern und

übelberufenen Höfen, – kurz, an jenen Orten, wo sich das menschliche

Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert, und es

war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in

seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle.

Er lebte ganz allein. Das weite, düstere Haus, das ihm selbst nicht

einmal in seinen letzten Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von

Zeit zu Zeit: seine Nichte Käthe und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um

den Kopf zu schütteln und alles, was Estrich that oder sagte,

unbegreiflich zu finden; Käthe kam, um begeistert den dürftigen Reden

des Oheims zu lauschen und ihm zu erkennen zu geben, daß sie an ihn und

sein Werk glaube. Aber er konnte es nicht ertragen, Menschen um sich zu

sehen, und oft bat er die beiden, wieder zu gehen, obwohl er, was Käthe

betrifft, wußte, wie viel List und Schleichwege sie gebrauchen mußte, um

zu ihm zu gelangen.

Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an

seine Träume gesetzt. Nun war er arm und litt tief darunter. Er konnte

einen, wie er glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht

ausführen, weil ihm das Kapital zur Anschaffung eines seltenen und

teuren Apparates fehlte. Alles was er an Barem aufbringen konnte, betrug

nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte sich an seinen Bruder in

Zirndorf, im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses Schrittes,

denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, würde eher eine

Hand hingegeben haben, als Geld zu solch lächerlichen und frevelhaften

Zwecken. Da trug es sich zu, daß Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt

wurde, – auf eigentümliche Art.

Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in einer der Anlagen, von

denen die Villen des Marienviertels umgeben sind. Estrich, gebückter als

sonst, in schmerzliches Träumen verloren, schritt gleichgültig gegen

Menschen und Dinge seines Wegs, als etwa hundert Schritte seitwärts,

gegen den Tunnel, mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden. Am hohen

Bahndamm zog ein offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den

Haaren nach sich. Sie lag auf der Erde, und so schleifte er sie weiter

wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden ihrer Schreie mit einem Schlag

seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben Augenblick, als Estrich

dies gewahrte, sprang ein Mann aus dem Schatten eines Hausthors, stellte

sich erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los

zu lassen, worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte.

Nieberding (dies war der junge Mann) wiederholte seine etwas pathetische

Aufforderung. Der Bursche schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die

Brust, daß er zurücktaumelte. Aber Nieberding wiederholte in denselben

Worten seine Aufforderung und fügte hinzu: „Schlagen Sie mich nur. Sie

müssen sich ja schämen.“ Nichts konnte charakteristischer für ihn sein,

als dieses Verhalten. Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer

Bart, eine gewisse Feierlichkeit seines Wesens und ein tiefer Zorn, der

nur seine Stimme vibrieren ließ, mochten Eindruck auf den Burschen

machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen weiter, er

fluchend, sie heulend.

Nieberding und Estrich waren fast die ganze Nacht zusammen. Nieberding

nahm gierig all die Thesen des Greises in sich auf. Seine an Idealen so

armen und ihrer so bedürftigen Sinne berauschten sich an dieser

willkürlichen Umwertung der Materie, an diesem alten und nun

wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die ganze, fremde

mittelalterlich-romantische Welt dieser Versuchsküche, das überzeugte

und überzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich

inmitten seines Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister

der Luft zu bannen, daß sie den leblosen Stoff durchdrangen und

beseelten, all dies machte Nieberding zum Spielball einer aufregenden

Vision. Und dann kam er Tag für Tag, blieb oft eine Nacht und einmal

sogar zwei Nächte hindurch in dem alten düstern Bau, wo er in einem

riesengroßen, halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete. Und nach

zehn Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum

Ankauf des elektrischen Apparats. Ernst, mit feierlichem Schweigen nahm

der Greis das Geld; dann bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen.

Und Nieberding ging, um teilzunehmen an der Flut des Frohsinns, die der

Karneval durch die Gassen schickte.

Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fünf

braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate

anschaffen und die Mischung, die jetzt im Thongefäß vor ihm stand, mußte

ihm zeigen, ob sein Leben ein fantastisches Irrwandeln oder ein

Schicksalspfad war. Sein Arm zitterte, als er die Hand vor die Augen

legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin vor den verfinsterten Blicken.

Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus. Die Galerien des Hofes

versanken mehr und mehr in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah

bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge. Der Kater Marius, Estrichs

einziger Gefährte während der langen, schweigenden Nächte, saß

schnurrend an der heißen Glut des Kamins, und ein fernes, unaufhörliches

Wagengerassel ließ die Fenster leise klirren.

Plötzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, – eine hektische Röte

war auf seine Wangen getreten, – nahm das Thongefäß, betrachtete die

weiße schillernde Mischung, entzündete ein Drummondsches Kalklicht,

hielt den Topf darüber und schüttete eine Säure in die dicklich kochende

Masse, daß ein übelriechender Qualm den weiten Raum erfüllte und den

Chemiker in einer Wolke versteckte. Dann nahm er eine pulverisierte

Masse von einer sanften, violetten Färbung und schüttete eine

Messerspitze voll in das Gefäß, das er dann hermetisch verschloß.

Hierauf verlöschte er die Flamme, stellte den Topf ins Wasser, um ihn

einem plötzlichen Erkaltungsprozeß auszusetzen und schritt dann unruhig,

mit zusammengepreßten Lippen auf und ab. Als er dann das Gefäß

zertrümmerte und den erstarrten Inhalt prüfte, fand er ihn unverändert,

außer daß die Farbe statt des reinen Weiß in ein bräunliches Gelb

spielte. Mutlos ließ er die Arme sinken. Schließlich ist die ungeheure

Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht

nötig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Säuren und

Basen, Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen

Feinden an, mit einer ausdauernden Bösartigkeit begabt. Er zündete die

Lampe an und sah in ihrem Schein das Zimmer noch erfüllt von dem

unerträglichen Dunst. Er nahm ein Fläschchen vom Sims, das eine

blauschwarze Flüssigkeit enthielt, die beim Licht herrliche Reflexe

warf. Er öffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer noch

hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte

einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen, um den

schlechten Geruch zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner

bebenden Hand entsank; auf den Kohlen zersprang das Glas und erschrocken

bebte Estrich zurück, ging ans Fenster, öffnete es, und die milde Luft

des Februarabends floß herein und streifte seine heiße Stirn. In tiefen

Gedanken saß er am Fenster, fast zwei Stunden lang. Dann stand er

schwerfällig und leise stöhnend auf, um die Lampe zu füllen, die

heruntergebrannt war. Seine Blicke hefteten sich auf die

halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter all den schwarzgewordenen

oder ganz düsterroten Stücken erblickte er einen großen, schwach

glänzenden Gegenstand. Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz

dieses Gegenstands zu. Seiner Wahrnehmung fast mißtrauisch gesinnt,

hörte er nicht auf, starr in den Kamin zu blicken, bis ihn plötzliche

Ungeduld und Erwartung näher treten ließen. Er zündete eine Kerze an,

holte das gleißende Stück mit dem Feuerhaken heraus, nahm es in die

Hand, schrie laut und durchdringend auf, daß es in allen Teilen des

Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Kniee ...

Gold!

Er hielt Gold in den Händen.

Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand,

und es war schwer. Er hielt es zitternd, mit überquellenden Augen zum

Licht und sein Glanz schien den ganzen Raum auszufüllen.

Gold!

Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen

Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun

auf dem Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der

jeglichen Hunger stillen, jeden Durst befriedigen konnte; für den es

nichts Unerreichbares mehr gab im Reich der Träume. Welcher Zufall hatte

es ihm geschenkt, das edle Geheimnis? Ein langsam glühender

Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, – bedeuteten sie mehr als jene

teuren Vorrichtungen?

Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht

länger in dem öden Haus. Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort. Schon

war er durch viele Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die

Stirn legte, zurückkehrte, die eiserne Truhe aufschloß und alles was er

noch an barem Geld besaß, in Gold und in Banknoten, zu sich steckte.

Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den Herbergen für

Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im äußersten Norden.

Und keine Stunde war verstrichen, als er zurückkehrte, – nicht allein.

Eine Armee schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm,

verkommene Gestalten, die den Tod auf den Wangen trugen oder das

Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in Lumpen, barfuß, mit bloßer Brust,

keifende Weiber aller Lebensalter und aller Abstufungen des Lasters,

Kinder mit den frühblassen Wangen der Not, – und diese ganze tolle,

entfesselte Schar in stetem lawinenartigem Anschwellen. Wo Baldewin

Estrich die Ersten aufgetrieben hatte, er würde kaum mehr fähig gewesen

sein, darüber Rechenschaft zu geben, denn er handelte wie im Traum, in

einer Trunkenheit, die nach Thaten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter

sie verteilt, immer mehr, und die Kunde davon ging wie ein Lauffeuer von

Straße zu Straße, so daß der Haufen mehr und mehr anschwoll und zuletzt

die ganze Breitegasse, so lang sie sich streckte, ausfüllte. In den

Häusern wurden die Fenster aufgerissen, und lachende, winkende oder

furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei erschien in den

Nebengassen und schickte sich an, das Militär zu alarmieren, aber das

Ungestüm des Pöbels stieg ums Hundertfache und war durch nichts mehr in

der Welt zu ersticken in dieser Stunde. In den Annalen unserer Stadt

steht dieser Februar-Abend mit großen Lettern verzeichnet.

Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiter-Regiments auf mit

blankgezogenen Säbeln, aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen

können, als die dicht gestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, über

die es hinwogte von Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen

und trunkenen Lauten der Begierde. Und alles drängte nach oben, wo

Baldewin Estrich totenbleich in einem engen Kreis finsterer Burschen

stand, die ihm näher und näher rückten, förmlich tobsüchtig gemacht

durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen drangen sie auf

den Greis ein, der kein Glied zu rühren vermochte. Es war, als könne er

nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien dies alles

fürchterliche Traumbilder, diese von den scheußlichsten Instinkten

bewegte Masse, die um ihn wogte, die ihn haßerfüllt anstierte, die den

kleinen Kreis um ihn verengerte und verengerte, als ob sie ihn erdrücken

und ersticken wollte, die nach Geld schrie und heulte, nach Geld und

nach sonst nichts. Ein stürmischer und geheimnisvoller Schmerz erfüllte

seine Brust, und er erschien sich wie mitten ins große Meer verschlagen,

schiffbrüchig, hoffnungslos dem Tod geweiht. Da nahm er all die

Banknoten in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen

Bewegung und schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den

ausgestreckten Händen, den funkelnden Augen entgegen. Heisere,

wahnsinnige Schreie erschallten, er fühlte sich fortgerissen wie in

einem Strudel, dahingeschleudert, dorthingeschleudert, fühlte Stoß auf

Stoß an seiner Brust, sah hundert andere Arme hoffnungslos ausgestreckt,

und wieder die ersten, die mehr Geld wollten, mehr, da wollten ihm fast

die Sinne schwinden. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn,

sank zusammen, wurde mit Füßen getreten, fühlte Blut an sich

herabströmen, und doch schlossen sich seine Augen nicht, als wolle seine

Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend erdulden.

Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wälzte sich

weiter. Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersättlicher,

als die andern. Ihr Geist befand sich in einer völligen Raserei, und

diese Raserei war ansteckend. Alle unterdrückten Lüste des Pöbels kamen

im Verlauf von Minuten zum Vorschein. Viele zertrümmerten die

Fensterscheiben der Bürgerhäuser, Steine flogen in die Stockwerke

hinauf; viele Weiber benutzten ihre Schuhe oder Stiefel als

Wurfgeschosse. Die Rufe: Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder

kreischten durch die Luft. Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und

mit dem Schrei: nieder mit den Juden! erstürmten entfesselte Scharen die

verschlossenen Räume, demolierten Tische, Fenster, Verkaufsgegenstände

und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung. An vielen Punkten

gelang es dem Militär durchzudringen; einzelne Schüsse wurden

abgefeuert, denen höhnisches Gebrüll folgte. Die Infanterie war mit

gefällten Bajonnetten im Anmarsch und trieb eine Horde wild kreischender

Weiber und Kinder vor sich her und alles deutete auf einen blutigen

Ausgang.

Während all dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die

Gassen gefahren; schwere, erschreckend schwarze Wolken waren

heraufgezogen und hatten sich im Norden getürmt, während ihnen gegenüber

ein Stück fast reinen Himmels lag, auf dem der klare Mond schwamm. Dann

fingen aus dieser Wolkenwand, deren beängstigendes Dunkel die Firste der

Häuser seltsam bleich erscheinen ließ, Blitze an zu zucken, leiser

Donner rollte über die Dächer hin, allmählich anschwellend; die Blitze

wurden fahler, zackiger, breiter, gleichsam schneidender und tiefer, der

Donner weniger schwerfällig, und das Februargewitter hatte sich drohend

angesammelt, ohne daß in dem bunten Tumult irgend jemand darauf geachtet

hätte.

Die Soldaten, anscheinend nicht ohne Freude, begannen erregte Massen von

Männern und Weibern vor sich her zu treiben, und einige junge Offiziere

suchten einen Ehrgeiz darin, sich durch besonders kriegerisches Vorgehen

auszuzeichnen. Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen

eine ganze Kompagnie; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus;

eine zügellose Erbitterung ergriff den Pöbelhaufen; Steine flogen unter

die Soldaten, Schuhe, aufgestellte Messer, Glasscherben von

eingedrückten Fenstern, ja ganze Holzklötze, bis endlich der Hauptmann

Ulrichs, ein kleiner Wüterich der Garnison, unbarmherzig zu

entschiedenem, offenem Angriff überging. Die wenigen, die dem Militär

Trotz geboten hatten wandten sich, als sie einige Kameraden im Blut

liegen sahen, zur Flucht. Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer

Schrecken verbreitete sich; nur noch verzerrte Gesichter waren zu

erblicken; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt, die

Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt. Schreien

und Weinen schallte von den Häusern herab und aus den ferner liegenden

Straßen kamen Zuschauer herbei, – zahllos; bald mitergriffen von dem

furchtbaren Schauspiel, schrien sie entweder so viel sie konnten,

ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten förmlich

entflammt den immer noch thätlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch

von der nachkommenden Eskadron Kavallerie in die Seitenstraßen

vertrieben. Währenddem floh und floh der geängstigte Volkshaufen in

immer mehr überhand nehmender Angst und Verwirrung und gelangte auf den

Lorenzerplatz, wo die Thore der Kirche weit offen standen. Aus dem

Grunde, wie aus einer endlosen dunklen Höhle schimmerte das glührote,

ewige Licht und die ganze verfolgte von den Soldaten wie Gänse oder

Hühner einhergetriebene Menge flüchtete sich in die Kirche, drängte sich

unter heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Händen, als

ob sie beten wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das

unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte. Zornige Rufe erschallten aus

dem seitab sich schiebenden Publikum; Polizisten und Gendarmen

versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten schienen wie

trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und vernahmen die

Befehle ihrer Vorgesetzten gar nicht mehr. Die ersten Reihen wollten

eben durch das Thor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in

Wahrheit förmlich aufwuchs. Die Soldaten wagten nicht vorwärts zu gehen.

Sie sahen in das Gesicht dieses Menschen, Agathon Geyers, halb voll

blöder Neugier, halb staunend. Die Hintersten schoben nach vorn, der

Lieutenant schrie, was los sei, aber es war, als ob Agathon für sie eine

Mauer darstellte. Er hielt die Arme ausgebreitet und obwohl zu beiden

Seiten noch ein breiter Raum blieb, durch den viele bequem hätten in die

Kirche dringen können, wagte doch keiner, sich zu rühren.

Auf einmal fuhr einer jener entsetzlichen Blitze herab, die den ganzen

Himmel in Stücke zu reißen scheinen. Ein fürchterlicher Schlag folgte,

der kaum fünf Sekunden andauerte. Die Häusermauern zitterten bis zu den

Giebeln hinauf. Eine Totenstille trat im ganzen Umkreis ein.

Mittlerweile erschallte aus einer engen Nebengasse (der Brunnengasse)

ein langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den

Fenstern deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem

Schauspiel auf der Gasse ab. Zugleich mit dem Blitz waren die großen,

elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen, so daß einen

Augenblick lang eine fast drückende Dämmerung den Platz füllte, die

durch den Wind förmlich auf- und abbewegt zu werden schien. Dann fiel

eine lange, schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem

plötzlichen Aufflackern eines Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und

zugleich wurde das Horn des Wächters auf dem Henkerturm hörbar; die

Menschen fingen an zu schreien, zu heulen, mit den Händen zu deuten,

liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde

der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden und der

Chevauxlegerhauptmann rief, ohne sich um die brennende Kirche zu

kümmern, man solle den Kerl, – er meinte Agathon Geyer, – augenblicklich

niederschießen. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im Innern der

Kirche hatte sich ein ganzer Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt

und starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere

leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt. Das mystische

Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu

weichen mit unruhigen, gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben

die bemalten Glasfenster dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die

Brandflut kam aus der Höhe. Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen

herein, heulten nach der Feuerwehr; von draußen war ein förmliches Wogen

eines fast verzweiflungsvollen Getöses vernehmlich. Dazu tönte

schauerlich die Glocke vom Turm, dem brennenden; es schien, daß der

Glöckner, der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand,

es schien, daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang

riß, während rote und trübe Flammen, Rauch und Funken um ihn

emporschlugen und einen Schein weit hinauswarfen auf öde Felder.

Agathon stand bleich wie ein Leintuch. Er streckte die dünnen Hände

empor und von den weißen, mageren Armen glitt der Rockärmel zurück. Die

am Altar gestanden, scharten sich bang um ihn, und jetzt kamen drohende

oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus riefen, auch hörte man das

Gerassel auffahrender Feuerwagen, während die Glocke im Turm ganz rasend

wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab. Agathon

blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der

Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend

gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht;

wie er einsam auf den Landstraßen geirrt, trank- und speiselos; wie er

die kalten und stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen, wie

trotzdem in einer unbezähmbaren Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen

war; wie seine Vergangenheit lautlos und stimmenlos versunken war, ein

Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen;

wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Hangen und Kämpfen

mit einer langsam erstarrenden Religion, deren reine Züge längst

verwischt waren, Unoffenheit, Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und

je einsamer er ward da draußen, je feuriger wurden seine Phantasien von

einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte, daß nicht nur das Alte

stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern daß es gestürzt werden

müsse. Er dachte, daß die Städte zerstört, niedergerissen werden,

verlassen werden müßten, damit der Mensch wieder sich selbst finde, und

je mehr Agathon sein ganzes Selbst aufgab in den beengenden Träumen, je

mehr wurde ihm auch der Geist des Christentums zur lebenden Gestalt, die

mit feindseligem Arme stand und ihm den Weg versperrte; und dahinter,

einem Gespenst gleich, klein und zäh, heuchlerisch und gewandt, der

Jude, jetzt mehr als je bereit, den alttestamentarischen Mantel

abzuwerfen und in das neuere Kleid des ehedem geächteten Nazareners zu

schlüpfen. Aber Agathon dachte dies nicht eigentlich, sondern schwelgte

in glühenden Träumen, seine jugendliche Phantasie saugte sich fest an

den Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur

fühlte, empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt

eine bebende Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder ihm

gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die

Bauern Essen und Trank gegeben, ohne daß er darum gebeten. So berührte

er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während

die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem

fessellosen Zudrang Neugieriger Einhalt that, das Dach eines

benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die Glocke des Turmes

schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in der Kirche

einer hellen Brunst wich und ein halb wahnsinniger junger Priester in

die Flammen stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das

Allerheiligste zu retten. In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende

die Hand; Agathon, selbst bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die

Kirche müsse geräumt werden; vor dem Portal stand ein Dekan und hob

beschwörend die Hände, Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da

stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer

Stimme, als ob es gälte, über den ganzen Erdkreis hinzuschreien:

„Laßt sie brennen, die Kirche!“

Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm

aufblicken, elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast

flehentlichem Ausdruck, Kinder sogar, deren kranke Glieder er zu

empfinden glaubte, und es war, als könne er durch das ganze Elend der

Welt hindurchblicken, über die ganze reich verknotete Schnur des

Daseins, die in die Abgründe Geburt und Tod verläuft, und er schrie noch

einmal: „Laßt sie brennen, die Kirche!“ Er hatte das Gefühl, als sähe er

alle Menschen sterbend nach ihm schauen, und er dünkte sich wie der

Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische

Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen; seine fahlen,

asketischen Wangen zitterten vor Gier, aber die Menge schützte Agathon.

Die Gefahr nahm zu; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar, hielt

sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Thore zu, gefolgt, umringt

von einem erregten Schwarm.

Die Glocke hatte aufgehört zu läuten.

Die Juden von Zirndorf · 第 23 / 45 题