„Und was führen Sie ihn denn herum?“
„Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt!“ Und sie rannte ihm, in die
Hände schlagend, nach, während er in der Mitte der Straße umhertanzte.
Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen kühlen
Schauder. Es war ihm, als sähe er hier den Zusammenbruch eines Volkes.
Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind.
Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft
unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf.
„Ich kenne ihn,“ sagte Bojesen. „Es erschreckt mich sehr, das alles.“
„Wer sind Sie denn?“
„Bojesen.“
„So? Der Lehrer?“
„Gewesen, ja.“
„Sema spricht oft von Ihnen. Er geht seit vier Wochen in die Schule
dort, wo Sie waren. Vorher war er krank. Da ließ ich ihn daheim. Er
spricht fast so oft von Ihnen, als von Agathon Geyer.“
„So? Wo ist Agathon?“
„Das weiß kein Mensch. Sein Vater ist tot. Die Mutter bekommt von der
Gemeinde Almosen. Der alte Karkau wird nächste Woch verhandelt. Es is
traurig mit der Familie.“
„Kann ich einmal mit Ihrem Sohn reden? Er ist ein Freund von Agathon?“
„Ja. Er ist ja viel jünger. Ja, Sie können schon reden mit ihm. Marsch,
hopp, Gedalja!“
Bojesen wußte nicht, weshalb er mit Sema reden wollte und was er sagen
wollte. Aber alles was mit Agathon zusammenhing, erschien ihm rein und
der Mühe des Forschens wert.
Der Mond verschwand wieder. Die Straße war leer. Hohl brauste der Sturm,
wie wenn er aus den fernsten Winkeln des Weltalls käme und den Erdball
vor sich hertriebe wie die Hüte der Knaben.
Sie kamen in den Schindelhof, einen engen, finstern Durchgang. Am
Abhang, gegen den Fluß zu, lag Frau Hellmuts Wohnung in einem kleinen,
einstöckigen, alten, verfallenen Hause. Gedalja kauerte sich nieder und
weigerte sich, hinaufzugehen. Er stierte vor sich hin und lachte boshaft
und trotzig.
„Wissen Sie, sein eigener Sohn hat ihn aus dem Haus gejagt,“ sagte Frau
Hellmut. „Mein Sema hat ihn gefunden. Er ist auf der Brücke gestanden
und hat unaufhörlich ins Wasser gestarrt.“
Sema kam herunter; ihm gelang es, den Greis hinaufzubringen. Droben
kroch er auf allen Vieren, lachte, äffte den Wind, hockte sich auf einen
Schemel, lachte.
„Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich muß d’r was sagn!“
flüsterte er kaum hörbar. „Ich hab’ d’rs ja gleich g’sagt. Geld will ich
kaans. Ich pfeif d’r af dei Geld.“ Plötzlich fuhr er wie toll auf und
stieß Sema mit voller Kraft weit von sich, daß er gegen den Ofen
taumelte. „Dei Geld? Naa! Dei Geld? Da klebt Schweiß draa un Blut,
Samuel! Es rollt – tief! Komm herla, Eisenhäärla! Chomezfresserla!
Chuzpeponim! Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!“
„Warum thun Sie ihn nicht fort?“ fragte Bojesen erschüttert.
„Morgen, Herr Bojesen.“ Bei dem Namen blickte Sema hastig auf und
blickte Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und fragte
flehend: „Wo ist Agathon?“
Bojesen war erstaunt. Er schüttelte den Kopf, nahm Semas Hand und
streichelte sie. Dann erschrak er, weil er etwas von dem Ausdruck von
Jeanettens Augen in den seinen gewahrte. Eine Zeitlang war es still.
Bojesen war versunken in den Anblick des langsam einschlummernden
Greises, dessen Rücken steif an die Wand gepreßt war. Sema saß vor
Gedalja auf der Erde.
Als Bojesen die finstern Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema
nach. „Herr Bojesen,“ rief er leise, „die Schüler!“ In abgerissenen
Worten, atemlos, ganz von dem Bestreben beseelt, ein Unglück abzuwenden,
erzählte er, daß viele Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den
Rektor überfallen wollten, wenn er vom Wirtshaus heimgehen würde; sie
wollten sich in Clowns-Kostüme kleiden; sie thäten es aus lauter
Begeisterung für Bojesen, aber es würde ihnen doch schlecht gehen, wenn
es herauskäme, meinte Sema. Auch würden sie vielleicht den Rektor
schlagen, denn sie seien ganz außer Rand und Band, darum habe er, Sema,
Angst. Und am andern Morgen wollten sie dann alle zu Bojesen kommen und
ihm ein Geschenk bringen.
Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand
beschwichtigend auf Semas Haupt, drückte ihm dann schweigend die Hand
und ging, während ihm der Knabe lange Zeit hülflos und verlassen die
schmale, dunkle Gasse nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der
in nächtlichen Mußestunden klassische Monologe einübte und Sema hörte
ihn brüllen, während er bang in die Nacht sah.
Indes wurde Bojesen nicht müde, gegen den Sturm anzukämpfen. Er ging
über die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See, der
Fluß stürzte rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen.
Bojesen empfand ein Grauen davor, heimzukehren und sann darüber nach,
wie er die Nacht zubringen könne. Darum verfiel er darauf, den
„siebenten Himmel“ aufzusuchen.
Der Innenraum war raucherfüllt. Neben dem Glühenden bemerkte der
erstaunte Bojesen Herrn Salomon Hecht, der sich sogleich ängstlich
erhob. „Äch kann doch nächt in solche Lokale verhandeln,“ sagte er.
„Kommens in mei Wohnung. Äch hab a prachtvolles Haus da draußen un a
große Bibliothek hab ich aach. Komme’s amal in Fraidenkerverain, da bän
äch Vorstand. Ham Se atheistische Gedichte aach gemacht? Die missen Se
machen. Gestern hab äch gschprochen übern moderne Materialismus. Der
Doktor Gudstikker war aach dabai. Kenne Se ’n Doktor Gudstikker? Also
wenn Se was wolln, komme Se zo mir. Äch gäb Ihne Empfehlunge, so viel Se
wolln.“
Der Glühende sah aus, als ob ihm mit Empfehlungen nicht ganz gedient sei
und blickte neidisch auf den Pelzmantel des reichen Gelehrten, dessen
Benehmen Bojesen sehr erheiterte, besonders als er die lüsternen Blicke
sah, die Jener hinter den Vorhang des Podiums warf.
„Ach, da is ja der Herr Doktor Bojesen,“ sagte Herr Hecht plötzlich, als
ob er ihn jetzt erst bemerkte. „Apropos, ham Se gehärt von den
Goldmacher in Närnberg? Se ham en jetzt verhaft’, glaab ich. Un von den
Agathon Geyer, wo se hier verjagt ham? Ham Se nix ghärt? Heit Abend
war’s. Es soll e gräßliches Gewitter gewesen sei un gebrannt hat’s aach,
mer waaß aber noch nix bestimmtes. Ham S’n das nit ghärt? No gut Nacht!“
Schnell schritt er davon. Bojesen, tief erschreckt, eilte ihm nach, rief
ihm nach, aber Herr Hecht sah und hörte nichts mehr. Auch der Glühende,
sein Schützling, eilte ihm nach, um ihm seine Gedichte zu geben, doch
der Mäcen war verschwunden. Bojesen war unruhig, mochte aber nicht
weiter nach Agathons Schicksal fragen, nicht aus Furcht, Schlechtes zu
hören, sondern vielleicht eher aus dem gegenteiligen Grund; gerade das
drückte ihn nieder und machte ihn völlig mutlos. Er verwickelte sich in
eine ziemlich blödsinnige Unterhaltung mit dem Glühenden, während der
Anblick des Ortes, seiner gleichsam gestorbenen Buntheit, seines völlig
erfrorenen Frohsinns, seiner Fülle an umgestürzten Stühlen, Käserinden,
Wursthäuten, Bierresten und geflickten Vorhängen ihn düster und
verschlossen machte. Später taute die vermoderte Fröhlichkeit wieder
auf. Junge Damen von unbekannter Herkunft wurden sichtbar; sie hatten
Larven vor den Gesichtern, was sie wahrlich nicht häßlicher machte; dann
junge Männer mit gespreizter, wollüstiger, berauschter Ausgelassenheit;
Rauch, Weingerüche, das Geräusch von Küssen, zuletzt Barbin mit einer
Menge seiner verschnörkelten Weisheit und dem letzten Aufgebot seiner
kindlichen Eleganz. Und hier hatte Bojesen vordem eine frische,
glanzvolle, jubelnde Welt erblickt.
Zwei bewußtlose Damen schliefen schon auf dem Billard, zwei wenig
schamhafte Paare hielten sich unter den Coulissen umschlungen. Die
Büffetdame ließ sich in einer großmütigen Apathie vom Glühenden küssen;
eine Art von Kellner stieg auf den Tisch und hielt eine Rede für sich
allein und für seine Brüder im Himmel; ein pockennarbiges Fräulein
kletterte in einem Anfall von Weltschmerz auf den Schenktisch und langte
nach der Rumflasche. Ein offenbar schwachherziges und geistesarmes
Individuum vergab aller Welt alle möglichen Unthaten und schluchzte in
einem anarchischen Gefühl von Solidarität vor sich hin und Barbin,
dessen edlere Abstammung durch jede Linie seines Körpers dokumentiert
war, vermachte dem Glühenden einen mündlichen Traktat zur Erlangung der
Klassikerwürde und ließ sich bald darauf herab, die pockennarbige Dame
um die Taille zu fassen und zärtlich nach ihrem Wohlsein zu forschen.
So verging die Nacht und verbrauste mit ihrem Sturm: – eine Nacht für
alle und dann den Tod in den Wellen sterben, ein Wort des Glühenden,
hier zu versuchsweiser Illustration gelangt. Bojesen verließ erst das
Haus, als der milde Februartag schon lange angebrochen war. Er hatte
geschlummert dort oder nicht geschlummert, es war ihm unklar. Er hatte
auch nicht Lust, darüber klar zu werden. Oder war es kein Traum, daß ein
weißer, schmeichelnder Arm seinen Hals umschlungen hatte? Ein Arm, der
kalt war wie Schlangenhaut? Oder war es vor langer Zeit gewesen, in
einer weit früheren Epoche? Im Café sprachen Leute von Agathon Geyer.
Was kümmerte ihn, Bojesen, Agathon Geyer? Von vielen anderen aufregenden
Dingen sprachen sie. Wie, der König selbst habe ein Machtwort
gesprochen? Na, gleichviel. Bojesens Augenlider sind schwer. War es dann
weiter ein Traum, daß er wieder im Schindelhof war bei Frau Hellmut? Daß
sie allein war und daß sie lange zu ihm redete, daß sie einen alten,
vergilbten Brief brachte und daraus vorlas? Ich bin kein König wie eure
Könige sonst sind. Aber ich konnte kein königliches Wort aufbieten, so
stark, daß es mich befreite von der Knechtschaft der müßigen Gesetze.
Die Mißkönige haben es vermocht, daß die Völker Sklaven aus ihren Herren
gemacht haben. Was könnte ich dir sein, mein Volk, wenn du mich nicht
nur König nennen wolltest, sondern auch sein ließest.
Es war offenbar ein Traum und Bojesens Hände waren müd.
Die Straßen reingefegt, reingeleckt vom Sturm. Die Sonne dumpf, dunstig,
bei verhängtem Himmel. Einem Entschluß folgend, den er schon gestern bis
in die Einzelheiten gefaßt und erwogen und der ihn jetzt mechanisch
vorwärts trieb, ging er ins Schulhaus, um dort die sechste Klasse zur
Vernunft zu bringen und von knabenhaften Streichen abzuhalten, die ihm
selbst nur schaden konnten. Er that es widerwillig, denn er hatte sich
gesagt, laß diese Jugend revoltieren.
Noch immer war es düster und kalt in den steinernen Räumen. Herr
Dunkelschott fühlte sich sehr bedeutend, als er sich bei Bojesens
Anblick ostentativ abwandte. Die Uhr schlug acht, – so schrill, wie wenn
die Glocke genau wüßte, welche Sklaverei sie vorbereite für viele
jugendliche Seelen, – als Bojesen die Klasse betrat. Es brannte kein
Licht, deshalb sah alles grau aus, auch die Gesichter der Knaben, auch
die Straße. Sobald die Knaben ihn gewahrten, entstand ein feierliches
Schweigen, sie rührten sich nicht. Dann kam einer, wohl der Mutigste,
ein junger Mensch mit offenem, liebenswürdigem Gesicht, das ein wenig an
die Züge Agathon Geyers erinnerte, und reichte Bojesen die Hand. Bojesen
drückte sie. Dann erhoben sich auf einmal alle in blinder, sorgloser
Erregung, mit einem mühsam verhaltenem Jubel, mit erstickten Ausrufen,
stürmten auf den verstoßenen Lehrer ein, drückten und schüttelten seine
Hände, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die
Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstoßend machte. Bojesen,
in seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald
bemerkten sie seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte
ihnen, was er sagen wollte: ernst, verständlich und verständig, und alle
schienen beschämt. In ihren Blicken war das offene Versprechen des
Gehorsams zu lesen.
In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen und der Rektor trat
ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine förmliche
Versteinerung mit ihm vor. Er lallte, und seine Brille fiel von der
Stirn auf die Nase. Er ließ einen eisigen Blick auf Bojesen fallen und
einen finsterdrohenden auf die Schüler, die trotzig stehen
blieben. Bojesen wollte nicht die Scene zu einer theatralischen
Auseinandersetzung führen. Er fühlte sich zu froh und zu bewegt. Er
entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor, der,
Gott weiß es, noch lange brauchte, um wieder in die natürliche
Herrschaft seiner Muskeln zu gelangen.
Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe luftiger und beglückender
Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von
denen die Welt ein großes, paradieshaftes Blühen erwarten konnte. Doch
als der Abend kam, wurde es wieder dunkel in ihm. Er ging über den
Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette innegehabt und die noch leer
stand. Die alte Dame, die hier wohnte, ließ Bojesen ungehindert
eintreten. Durch ihr Lächeln leuchtete auf eigene Art ein menschliches
Verstehen, als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer.
So blieb er, legte sich auf die Ottomane und ließ den gefürchteten
Schatten kommen. Er dachte, daß er sie küssen könne, dann ging sie
hastig, ohne zu sehen oder zu hören, an ihm vorbei. Dann kamen andere, –
geschwätzige Gestalten. Alle hatten etwas zu erzählen, wobei sie auf den
Zehen leicht dahinhuschten, sich ein Tuch umnahmen, es wieder liegen
ließen und sie sahen aus, als hätten sie dreißig Tage lang unter der
Erde gelegen.
Es war sehr spät, als er ging. Die Gassen waren leer und still. Er wußte
gar nicht, wie er heim gelangte. In seiner Wohnung war alles finster.
Lange stand er auf dem Korridor in quälerischem Besinnen, dann begab er
sich vorsichtig und leise in das Zimmer, wo Fanny seit Wochen allein
schlief, zündete eine Kerze an und setzte sich auf den Rand ihres
Bettes. Er sah sie friedlich schlummern und nahm ihre rundliche Hand.
Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres Gesichts. Plötzlich
erwachte sie. Sie fuhr jäh empor, schrie auf, streckte die Hände aus und
schlug sie dann vor das Gesicht. Bojesen hielt den Blick auf die Dielen
geheftet und atmete tief auf.
Am andern Morgen nahm Bojesen eine Zeitung zur Hand, die erste seit
langer Zeit und las sonderbare Berichte und viele Phrasen eines
Reporters über Agathon Geyer.