Dreizehntes Kapitel

An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der

sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart; in jener

gleichgültigen Vernachlässigung des äußeren Menschen, die sich bis zum

Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und

Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst ganz

geringfügige Menschen zu grüßen; in der erkünstelten Ruhe, womit man in

den Läden nach dem Preis der Waren fragt, – kurz, in all jenen Dingen,

die so tief gehen, wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als

das offene Geständnis der Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustände

ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte, und wenn es zuhause

kalt ist, träumt man lange und hingebend den Traum vom offenen

Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, und man giebt sich dann gern den

Anschein, in alle Tiefen der Metaphysik versunken zu sein.

Er war verlassen, und er überredete sich, daß er in seiner Einsamkeit

glücklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen,

die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast

war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht. Die Häuser, die

eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus, die vorbeisausenden Züge der

Ludwigsbahn, Menschen, Hunde und Karossen, alles hatte sich verändert,

hatte in seinen Augen gleichsam etwas Ephemeres erhalten und schien

schon allein durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die sie

umfangen hielt, verächtlich. Oft wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern

fuhr, daß es schien, als koche die ganze Atmosphäre, kam sich Bojesen

als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum, das sich im

Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener

geschickten Dame, die unsere Lebensfäden so kühn und unberechenbar

ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor

seinem Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Stühle, die

Bücher im Regal, – sie hatten etwas Komisches für ihn.

Um etwas zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die

zwei Söhne des Witwers Salomon Hecht zum Privatunterricht zu bekommen.

Salomon Hecht setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte

Gespräche zu führen. Ja, er überfiel den Armen oft auf öffentlichen

Plätzen, in der Trambahn damit, wobei er so laut schrie in seinem

abscheulichen Jargon, daß es möglichst viele Passanten hören konnten.

Sie sollten nämlich hören, die Passanten, und es weitersagen, daß er,

Salomon Hecht, ein entschiedener Materialist sei, – zunächst. Ferner ein

Freidenker, ein Freigeist, ein Atheist, der jetzt einen

„Freidenkerverein“ ins Leben zu rufen beabsichtige. Denn nichts erschien

Salomon Hecht als ein so erhabenes geistiges Prestige, als das, ein

Atheist zu sein. Er fand es edel und vollkommen; jeder Atheist war

gleichsam _a priori_ sein Freund; er suchte Korpsgeist unter die

Atheisten zu bringen und sie zu organisieren.

In diesen Tagen hörte Bojesen, Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht,

und dieses Buch habe großes Aufsehen gemacht. Er unterwerfe darin das

Militärwesen einer bitteren und vernichtenden Satire, und die Leiden

seines Helden, eines tragisch endenden Offiziers, seien „erschütternd

treu“ und „realistisch fein“ und „psychologisch tief“ geschildert. Die

Zeitungen bemächtigten sich der Sache und machten sie in dieser oder

jener Weise zu der ihren, d. h. sie modelten solange daran herum, bis

sie mit Not ein grelles, politisches Kleid bekam. Er bat Salomon Hecht,

ihm das Buch zu borgen. Herr Hecht hatte die Ränder des Buches dazu

benutzt, um seinen Bleistift in kritischen und philosophischen

Aphorismen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich Bojesen lange Zeit

nicht entschließen, den Roman zu lesen, denn wenn er ein solches Buch

zur Hand nahm, hatte er dasselbe Gefühl, als solle er sich in ein Bett

legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schließlich las er es

doch, und er fand viel Virtuosität der Schilderung darin, viel

Seiltänzerkunst, viel blendendes Detail, viel Flittertand in Attributen;

denn mit den heutigen Fachlitteraten ist es so, daß ihnen ein gutes

Attribut mehr gilt, als ein guter Gedanke. Und was die realistischen

Feinheiten betrifft, so muß es zutreffen, daß vieles zu fein sein mag,

um haltbar zu sein und vieles zu wahr, um Kunst zu sein. Bojesen sah,

daß viel Wollen in diesem Buch steckte, das nicht zur Kraft entwickelt

war und mehr solches, das erheuchelt war; er beobachtete darin jenes

wunderbare Spielen mit der Natürlichkeit, jene leicht überspannte

kokette Romantik der Gefühle, die so gefährlich ist, als sie realistisch

scheint. Doch dachte er an all dies nicht mehr einen Tag später, denn

viel bedeutsamere Dinge drängten sich vor ihn hin.

Eines davon allerdings, wofür er gar keine Augen hatte. Wenn er heim kam

und sich in seinem Zimmer verschloß, wurde oft vor der Thüre ein

schwaches Knistern hörbar. Dies Knistern stammte von einem Kleide, und

die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen. Und selbe Fanny Bojesen schlich

über die sich krümmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem Laut zusammen

und legte ihr Ohr an die Thüre des Gemachs, hinter dem sich Bojesen

verschanzt hatte, um gestorben zu sein für Leben und Liebe. Sie wurde

nicht müde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von

drinnen belohnte ihre Mühe. Was sie oft nach solch fruchtlosem

Spionieren that, war dies: sie setzte sich in ihrem Zimmer an den Tisch

und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende Epistel des

unglücklichen Weibes, und diese Epistel erfuhr am folgenden Morgen stets

das Schicksal des Verbrennens. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie

sich; wenn er kam, versteckte sie sich; aber nie war ihr Gehör feiner

und wachsamer gewesen für jedes Geräusch, das auf sein Kommen oder Gehen

deutete; wenn sie sich zufällig begegneten, wußte sie ihr Gesicht von

Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu lassen, und war sie dann allein,

so weinte sie stundenlang. Als später das Dienstmädchen abgeschafft

wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen Mahlzeiten zu

servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu

gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem mag

Erich Bojesen in dieser Zeit manche Thräne ahnungslos mitgegessen haben,

die ohne sein Wissen die Speisen gewürzt hatte.

Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der

Wissenschaft liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeßliches

Reich von Hypothesen, auf die schrankenlose Nutznießung phantastischer

Probleme. Es schien ihm oft, als ob sein kühler Verstand dabei in die

Brüche gehen müsse, aber all dies gefährliche Balancieren im Reich

unumstößlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen Sorgen,

und wenn er spät, spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen

Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine

erhitzte Wonne gerathen, wie ein Wirt über das Bier, das er selbst

gebraut und konnte vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und

lohnender Arbeit gerückt sei.

Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fühlte er

sich gänzlich abgespannt, fühlte er sich alt. Es ist jener wissende

Zustand, in den wir geraten, wenn wir über unsere Berufssphäre

hinausspähen und zugleich das Gefühl von Wichtigkeit verlieren, das die

Quelle unserer Leistungen ist. Da wurde ein Brief in sein Zimmer

geworfen, der den Poststempel Paris trug und so lautete:

„Eines Wortes bist Du noch wert. Ich erfülle Deine Bitte: hier hast du

ein Lebenszeichen. Ich kann es Dir mit Recht senden, denn ich _lebe_

hier. Hier hört man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die

ich stets gewesen bin, nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst Du Dich

wahnsinnig am immergefüllten Lebensbecher. Tausende purzeln, hunderte

steigen, tausende jubeln und sterben zugleich. Aber es ist vielleicht

nicht das Echte; nicht Nektar, sondern Haschich. Nichts für

Deinesgleichen! Nichts für gute Charaktere, für Euch Perlen am alternden

Hals Europas. Ich komme vielleicht zurück, weil es mich reizt, Euch dort

ein wenig toll zu machen. Ich habe hier von einem König gehört, der bei

Euch leben soll, – ein Heliogabal, unerkannt, ein Sonnenfürst. Wie ist

es? Für den seid ihr ja viel zu stumpfsinnig.“

Dies der Brief. Bojesen warf ihn in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder

auf, legte ihn mit etwas feierlichen Gebärden zusammen und zerriß ihn

dann in lauter quadratische kleine Stückchen. In diesem Augenblick kam

ihm alles, was er trieb, so erbärmlich vor, und alles, was er wußte, so

oberflächlich, daß er in einer schmerzlichen Apathie die Augen schloß.

Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste Stück

Papier: Wissenschaft.

Es war ein Mann, ich weiß nicht wie er hieß,

Den das Geschick im tiefen Schoß der Erde

Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ,

Und Finsternis war Mutter, die ihn nährte.

Doch Bojesen vermochte nicht zu reimen; auch fühlte er, daß sein Gedanke

dabei die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen

erfüllte sein Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her, als ein

beständiges dumpfes Summen und Dröhnen über ihm. Der Unterirdische

setzte jedoch sein ganzes Sinnen und Wachen daran, den Grund dieses

ewigen, drohenden, geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen. Er glaubte

nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen

Ursprung des Dröhnens nicht, wie er in überlieferten Dokumenten las,

sondern forschte, erfand Meßapparate und andere Instrumente, stellte

Gesetze und Regeln auf, berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit,

die verging, bis der Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr,

die ihn zu stolzen, gigantischen Hypothesen führten. Und nach langer,

langer Zeit begann er zu graben, emporzugraben, und je mehr er grub, je

vernehmlicher wurde das Dröhnen, bis endlich die letzte Schicht Erde von

selbst fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in die Höhe starrte, –

ins Licht! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen Wohnsitz und war

beglückt, als er sah, daß das Licht die Ursache des Dröhnens war. Doch

wie andere Dinge hätte er sehen können, wenn er noch hundert Meter

emporgekrabbelt wäre! Wie hätte das Surren und Brausen von tausend

irdischen Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt! Wie wäre

er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg, der über ihm tobte, von den

Schicksalen, die in das Stampfen der Motore verwoben waren! Dabei hatte

er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das

künstliche einer Maschinenhalle.

„Albern,“ flüsterte Bojesen und warf das Schriftstück in ein Fach. Jetzt

erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief zugefügt

hatte. Jeanettens Bild stieg herauf. Nun wußte er sein ruheloses

Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor

den Möbeln schäme, daß er sie je getäuscht und hintergangen mit seinem

nächtlichen Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch

blicken mochte: in einem dunkelgrünen Kleid, das rote Haar gelöst, in

den Augen eine melancholische Vertieftheit, die er in Wirklichkeit nie

bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes,

als daran, wie er sie wieder gewinnen könne, und der thörichteste Ausweg

erschien ihm schließlich als der beste. Er kleidete sich an, um zu Baron

Löwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, daß

jener die Macht besitzen könne, sie zurückzurufen oder auf seine Bitte

eine List zu ihrer Rückkehr gebrauchen würde. Er wußte nicht mehr, was

er that.

Der Löwengardsche Palast hatte sich in nichts verändert. Noch immer

trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann

sich Merkur auf dem Dache, ob er fliegen solle oder nicht. Außerdem

tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen, so daß die

Balkonträger zu schwitzen schienen, und die Sonne vergoldete die ganze

Fassade, – eine ahnungsvolle, milde, belebende Sonne. Auch im Innern des

Hauses hatte sich nichts verändert. Die alte Pracht bestand noch; nicht,

als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und

hunderte in Not gerissen hätte, sondern als ob irgend ein hochgeborener

Gast die Ursache der vornehmen Stille des Vestibüls sei. Aber es

scheint, als ob solch ein Unglück nur dazu diente, seinen Urheber zu

erhöhen; wenigstens verschiebt sich nichts in seinen Lebensgewohnheiten,

und wenn die Gläubiger sich über die Prozente geeinigt haben, ist das

Schild seiner Ehre um nichts fleckenreicher als vorher.

Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepreßten Lippen

stand er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekümmert musterte und

sich dann entschloß, ihm einen Sitz anzubieten. Er ließ die Berloques an

seiner schweren Uhrkette klappern, beugte sich gönnerhaft vor und

fragte, womit er dienen könne.

„Ich komme wegen Ihrer Tochter,“ erwiderte Bojesen kühl.

Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu. Er richtete sich straff

empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde förmlich

steinern, als er sagte: „Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard

nichts zu thun. Wenn dies also der einzige Zweck Ihrer Anwesenheit ist,

muß ich bedauern. Wenn meine Tochter in Not ist, hat die Firma keinen

Grund, diesem Umstand ihre Aufmerksamkeit zu schenken.“ Es war klar, daß

Herr Löwengard nur redete, um die Meinung der „Firma“ zu offenbaren;

alles was ihn betraf, kam auch in höherem Maß der „Firma“ zu; außerhalb

der „Firma“ gab es nichts, das so wertvoll gewesen wäre, um nur fünf

Worte aneinander zu heften oder fünf Sekunden zu verschwenden.

„Ihre Tochter ist nicht in Not,“ entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. „Ich

wollte nur fragen, ob Sie nicht wünschen, Sie zurückzurufen. Ich bin in

diesem Fall –“

„Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, daß meine Tochter mit den

Angelegenheiten der Firma nichts zu thun hat. Sie ist tot für das Haus

Löwengard. Ich sehe außerdem keinen Anlaß, dies Gespräch fortzusetzen.

Sie sind mir unbekannt.“

Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte

mit finsterem Blick dem Auf- und Abgehen des Bankiers, der die Hände auf

dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte, wie wenn man

den Pfropfen aus einer Flasche reißt. „Vatergefühle und dergleichen

kennen Sie wohl nicht?“ sagte er, empfand jedoch zugleich das

Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig.

„Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus,“ erwiderte der Bankier

hochmütig und pathetisch.

„Und Sohnesgefühle!“ fügte Bojesen verächtlich hinzu, indem er an

Gedaljas Schicksal dachte. „In Ihrem Haus scheint das erblich zu sein.

Wo ist da der berühmte jüdische Familiensinn? Wenn Ihre Tochter ein

Schuldschein wäre, hätte die Firma freilich mehr Grund, sich zu

erhitzen.“

„Mein Herr!“ rief der Bankier, feig werdend. Seine tückischen Augen

blickten unsicher nach der Thüre.

Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken begriffen. Sie ergoß Ströme

purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen. Der Himmel, wie ein

Teppich, war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät, und in der Tiefe

des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment

und war bald verschwunden, eine breite, gleichmäßige, brennende Röte

hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den Bureaux der „Firma“,

wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde, und sah durch die mit

grünen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult; Commis neben Commis:

bleiche, langnasige Menschen mit trüben Augen, mit Augengläsern, mit

beschäftigten, sorgenvollen Mienen, – freudlose Rechenmaschinen. Staub!

Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender

geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein

abgebrochener Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rötlich schimmernd

im Widerschein des westlichen Feuers, einzelne Güterwagen, eine

Lokomotive, stumm und kalt, ein Lastwagen, Bahnwärter- und

Signalhäuschen, Telegraphenstangen, Güterhallen und weit drüben ein

schüchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und das erste

oder vielleicht vorjährige blasse Grün eines Wiesenfragments. Und vieles

von diesem weckte auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit in

ihm, ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen, und er hatte fast Heimweh.

Er begegnete Leuten, meist Arbeitern, auch Spaziergängern, die die

kohlendampferfüllte Gegend als „frische Luft“ betrachteten, und Bojesen

fragte sich wie ein Kind, dem alles neu und absurd ist: was wollen sie?

woher kommen und wohin gehen sie?

Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht sehr weit

von Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dorthin. Er schritt

oben an den Hängen hin, zwischen den Gesträuchen, zur Rechten die Mauer

des Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben

lag das ebene Thal, das vom Horizont verschlungen wurde.

Er fand die Thüre der Villa offen, und während er die Stufen hinaufging,

fand er, daß es komisch genug sei, zu einem Mann zu gehen, den man im

eigentlichen Sinn brutalisiert hat, und ihn um seine Gesellschaft zu

betteln.

Da er niemand sah, klopfte er an die nächste Thür und als niemand

antwortete, ging er hinein. Das Zimmer war leer; er schlug an der

Seitenwand eine Portiere zurück und stand betroffen still.

An einem Diwan kniete, ganz in sich zusammengeschrumpft und -gekauert,

Cornely Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen

räusperte. Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und

rief angstvoll: „Was ist? Ist er tot?“

Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm

schüchtern die Hand und flehte: „Bringen Sie ihn zurück! Sagen Sie mir,

wo er ist! Ich weiß nicht, was ich thun soll, guter Gott, schon seit

zwei Tagen! Wo mag er sein?“

Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhörlichen

Zuckungen unterworfen war und von Schlaflosigkeit und Sorgen seltsam alt

war. Als sie sich so schweigend betrachtet sah, ließ sie den Kopf sinken

und ihre Ohren wurden glühend rot, während Stirn und Wangen nichts von

ihrer leblosen Farbe verloren. Sie setzte sich auf einen kleinen Sessel,

ließ die Arme schlaff hängen und sagte: „Ich kenne Sie ja gar nicht und

Sie kennen mich auch nicht und wissen nicht, was mit mir ist.“

Bojesen wußte es in der That nicht. Er setzte sich ihr gegenüber,

spielte mit dem Hut in seiner Hand und suchte nach Worten.

„Er ist ja mein Bruder,“ fuhr Cornely mit einer krankhaften

Versunkenheit fort und lächelte, daß es Bojesen wie ein Stich traf.

„Aber zwei Tage, Fräulein! Wie oft bleiben junge Männer zwei Tage aus!“

„Haben Sie einmal Manfred gelesen?“ fragte Cornely, als hätte sie seine

Worte nicht gehört. Doch sie selbst schien über das, was sie sagte, so

entsetzt, daß ihr Gesicht eine aschengraue Färbung erhielt.

Auch Bojesen war erschrocken und schaute sie mit großen Augen an. Er

fühlte, wie sein Herz langsamer schlug, als müsse es erst neue Kraft

sammeln. Er nagte heftig mit den Zähnen an der Unterlippe.

„Es ist seltsam mit uns jungen Mädchen,“ sagte sie wieder mit ihrer

singenden und gleichsam entfernten Stimme, und sah hinaus an den kahlen

Himmel, gegen den sich die kahlen Äste naher Bäume wie feine

Filigran-Arbeit abzeichneten. „Seltsam. Immer bleiben wir die

ahnungsvollen Engel. Und was erleiden wir alles, wenn ihr glaubt, wir

schlafen. Die Männer mögen nur das Süße an uns. Aber all das ist ja

sinnlos. Finden Sie nicht, daß ich wie im Fieber rede?“ Sie lachte und

Bojesen fühlte wiederum jenen Stich. Er war noch niemals so befangen

gewesen, seine Unterlippe wurde ganz wund.

„Warum kommt er denn nicht!“ rief sie plötzlich, rang die Hände und

legte sie dann, wie vor Schmerz, an die Schläfen. Ihr ganzer Schmerz

hatte etwas so Unterdrücktes und Gepreßtes, daß Bojesen ganz ungeduldig

wurde, ihr zu helfen. „Ach bitte, Herr – ich weiß Ihren Namen nicht mehr

– gehen Sie ins Café National nach Nürnberg; heute ist doch Mittwoch? er

soll dort einen Freund treffen, Estrich heißt er, glaub’ ich, Theobald

oder Balduin, ich weiß nicht. Sagen Sie ihm, wie Sie mich gesehen haben.

Seien Sie mir nicht böse, ich weiß nicht, was ich sonst thun soll. O,

ich ahne, ich ahne wieder, was gekommen ist.“

Bojesen ging, schaudernd und fröstelnd. Er sprang, als er die

Hauptstraße erreicht hatte, auf die Plattform der Pferdebahn und sah im

trüben Licht, das die Gegenstände mehr zu verfinstern, als zu

verdeutlichen schien, einige bärtige und monotone Gesichter. Es

ereignete sich eine Episode während der Fahrt, die die heiße Bitterkeit

in seinem Innern bis ins Unerträgliche aufwühlte. Der Wagen fuhr

ziemlich rasch auf der Straße dahin, die nun schon Landstraße geworden

war. Rechts und links standen vereinzelte Häuser, arme Mietskasernen,

traurige Gärten, sandige Bauplätze, Hecken, leere Wirtschaftsgärten. Am

„oberen Kreuzweg“ kam ein Dienstmann aus einem Thor gelaufen und rannte

in einer Entfernung von über hundert Metern dem Wagen nach. Der

Schaffner befand sich im Innern des Wagens und die Leute neben Bojesen

lachten und schienen sehr gespannt, ob der Dienstmann den Wagen

erreichen werde, aber ihre Freude über das atemlose Humpeln des Menschen

war noch größer als ihre Spannung. Bojesen zitterte vor Scham und Zorn

und griff an die Schnur, um dem Kutscher das Haltesignal zu geben. Als

der Müdgelaufene kam, wurden die Mienen der so froh Gelaunten plötzlich

ernst und sinnend und sie hörten den neuen Passagier so heftig atmen,

daß es klang wie bei einem Kind, das sich verschnauft, wenn es geweint

hat. Dabei rann ihm der Schweiß aus allen Poren, und er begann nun noch

zu reden, suchte seine Eile gleichsam zu entschuldigen. Bojesen erschien

das Ganze wie ein böser Traum und er dachte haßerfüllt an die

prahlerische Verkündigung christlicher Tugenden.

Im Café war seine Frage nach Nieberding umsonst. Er fragte nach diesem

unbestimmten Herrn Estrich; der Kellner schien selbst erstaunt, ihn zu

vermissen. Er komme seit Jahr und Tag täglich um sieben Uhr. Es müsse

sich etwas mit ihm begeben haben.

Als Bojesen durch die schiefen, bergigen Gassen zum Bahnhof schritt,

geriet er durch den Hauch des Mittelalters, der ihn aus den stillen

Bauten anwehte, in einige Verwirrung. Harlekine eilten an ihm vorbei,

Damen im Domino, die schäkernd und kichernd zum Maskenball trippelten;

überall machte sich der Karneval breit. Plötzlich stand Bojesen,

totenbleich werdend, still. Er lehnte sich an einen Laternenpfahl,

packte ihn mit den Händen und starrte mit bebenden Lippen einer Frau

nach, in deren Gesicht er nur einen einzigen flüchtigen Blick geworfen

und das ihm, wie in einer Hallucination, Jeanettens Züge gezeigt hatte.

Am nächsten Tag fand er Nieberding zu Hause. Cornely war wie sonst,

still und verschlossen, mit dem wunderlichen, scheuen Lächeln um die

Lippen. Ein Blick, der ihn traf, schien um Verzeihung zu bitten und

Bojesen nickte ihr kaum merklich zu. In Nieberdings Wesen lag eine

leidenschaftliche Abgekehrtheit; sein Gesicht war farbloser und seine

Augen mehr gerötet als sonst.

Bojesen schloß sich wieder in sein Studierzimmer ein, für Tage. Er that

oft nichts anderes, als stundenlang vor sich hinbrüten. Draußen war

Sturm. Die Straße war mit Schiefer- und Ziegelsteinen besät, die

Pappelbäume der Allee bogen sich wie Reiser. Die Hüte armer

Unvorsichtiger flogen auf Dächer und in abgelegene Remisen. Beständig

pfiff und jauchzte und heulte und wühlte es um die Mauern wie bei einem

Wrack, das hülflos auf Felsenboden sitzt. Es sang und brummte und

brodelte in den Lüften, und der ganze Himmel mit Wolken glich einer

hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht schreckhaft

und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte.

An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fühlte sich erschüttert im

Sturm und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und

hörte den entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend

des Marktes kam, hörte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut

übertönte. Er glaubte die Stimme zu kennen, verzögerte seinen Schritt

und lauschte.

„No sag’ selber, hab’ ich geschlafen sitter ach Täg? Haste geschlossen

gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Chafruse, daß se mer

gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind

derlebt? Hu–uch! wirbel wirbel bl bll bll–!“

Bojesen war so entsetzt, daß er keinen Schritt mehr machen konnte.

„Holla! aach e Mann, den ich kenn!“ rief Gedalja und lachte unbändig.

„Komm mit, Mann, komm mitle! Ich, – ich kenn’ die Welt, ich kenn’ se,

ich bin der Chuchem von der Mannischtanna. Ich bin e Gelehrter vom

Himmel, hä!“

Bojesen wich instinktiv zurück und packte Frau Hellmut, die den Greis

begleitete, fest beim Arm. „Ist er betrunken?“ flüsterte er ihr zu.

Die Juden von Zirndorf · 第 21 / 45 题