Zwölftes Kapitel

Links in dem dumpferhellten Vorflur der Schenke, die Agathon betrat,

standen drei Stühle, und auf jedem saß mit aufgerissenen Augen einer von

den jüdischen Händlern, die um diese Zeit zu einem Glas zu gehen

pflegten. Sie starrten nach der Thüre des Wirtszimmers, auf welche mit

plumpen, schwarzen Lettern: Gastlokal gemalt war. Doch drinnen war es

ruhig. Im Flur stand außerdem noch eine dicke, alte Magd mit

schwimmenden, kleinen Augen, ein Bauer Jochen Gensfleisch, ein anderer

Bauer Jochen Wässerlein, Lämelche Erdmann, Pavlovsky, wie immer

schnaufend und wild um sich blickend, als wünsche er einen

Widersetzlichen sofort zu zermalmen, der Wirt selbst mit einem Gesicht,

wie es alte Komödianten haben, und außerdem Doktor Schreigemut,

wohlwollend und zugleich besorgt lächelnd.

Folgendes war geschehen.

Nachdem Jochen Gensfleisch gekommen war, setzte er sich an den Ofen zur

schnurrenden Katze, stopfte seine Pfeife und begann mit dem Wirt ein

Gespräch:

„Schwere Zeiten, Martin, schwere Zeiten.“

„Jaa.“

„’s Geld is rar und was der Jüd is, dou haaßts, mer nemma die Bauern die

Schlappen, deï kenna barfes laafen.“

„No, no, Jochen; fangst öitz schon wieder oo zon schimpfen. Ge zou, halt

dei Maul.“

„Naa, Martin, mei Maul halt i niet, mei Maul hot kan Balken. I ho

fufzehundert Märkli verlorn dei den Saujuden. Dou mouß ma si abrackern

und Blout schwitzen fer die Saujuden. Naa, Martin, mir kummst grod

reecht. Mei Maul halt i niet. Naa, Martin, naa.“

„No ja, öitz sei nor still, mer mou si ja schäma.“

Indes kamen Jochen Wässerlein und sein Großknecht, dann der Schmied. Und

hintennach trippelte Lämelche Erdmann. Die drei Händler: David

Krailsheimer, Bärmann Schrot und Max Lippmann saßen eifrig plaudernd in

der andern Ecke.

„Lämelche!“ schrie der Schmied, „dou kummst her.“

„Gimm an a Gackala[1], Martin, daß er kan Rausch kreïgt,“ höhnte der

Großknecht.

[1] Ei.

„Dou steigst afn Schemel, Erdmännla, oder i zeïg di bei dein Krägala

nauf.“

Lämelche sah alle der Reihe nach ängstlich an, lächelte blöd und

versuchte auf den Stuhl zu steigen. Jochen Gensfleisch gab ihm einen

Stoß auf den Rücken, und mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es

dem kleinen Mann, den Stuhl zu erklimmen.

„Öitz packst die Katz bein Schwanz,“ gebot der Schmied.

„Aber glei, sunst gitts a Tracht,“ setzte Jochen Gensfleisch hinzu und

schmunzelte.

Lämelche blickte schaudernd auf den schnurrenden Kater und rieb die

Finger aneinander.

„Obst glei die Katz packst –!“

„Dees es d’r überhaupt a Schiekleter[2], der hots dick hinter die Ohren.

I glaab alleweil, do is nit ganz sauber in der Gschicht mit ’n Sürich

Sperling. Alli Tag und alli Tag is er dreïbnghockt.“

[2] Schielender.

„Erdmännla, hast’n Sürich Sperling derstochn? Wennst es nit hast, no

konst aa die Katz bein Schwanz packen.“

Lämelche blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wußten, daß er

einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem

Bogen aus. Ja, er schloß sogar die Augen, und wenn die Katzen des Nachts

vor seinem Hause schrieen, verstopfte er sich die Ohren und lag dennnoch

in unbeschreiblicher Furcht in seinem Bett.

Die drei Juden im andern Winkel hatten davon gesprochen, wie Isidor

Rosenau, der doch Vermögen und ein gutes Einkommen habe, am besten zu

verschadchene, zu verheiraten sei. David Krailsheimer, der berühmteste

und geschickteste Schadchen in der Gegend, machte entsprechende

Vorschläge.

„Jou, kaane isn recht,“ schimpfte er. „Er will Geld, Geld. Er nemmt vom

Misbeach. Viermal bin ich hiegeloffen wegn der Rahel Rosenstein ... No,

Isidor, nix mitn Schiddich? Wie viel hat se? sagt er. Dreißig Mill, sag

ich. Verzig kann ich verlange, ich maan, verzig is nit zoviel, sagt er.

Wie haißt verzig, sag ich, sie is a scheens Madla. Was thu’ ich mit der

Schönheit, sagt er, fer die Schönheit kann ich mer kaafen, waaßt was? an

Hutzelstiel. Etz waaßt es. No, sie is brav, sag ich. Ich pfeif d’r auf

die Bravheit, sagt er. Wenn se hat verzig Mill, braucht se nit zu sein

brav. No, was sagst de daderzu? Is es nit himmelschreiend? Geh ich noch

amal zon alten Rosenstein. No, sagt er, will ich geben fünfunddreißig,

kaan Heller mehr. Püh, wie haißt, sagt der Isidor, wenn ihm nit wert es

der Name Rosenau fünf Mill, soll er aach behalten sei Tochter. Soll se

eimachen, süß oder sauer. No, was sagste daderzu! Chuzpe vorn Dohle!“

„E Beheeme,“ pflichtete Lippmann bei.

„Hillels Geduld ghert derzu, wahrhaftik,“ konstatierte Bärmann Schrot.

„No, was is dermehr mitn?“ begann David Krailsheimer wieder mit seiner

Fistelstimme und grinste (dieses Grinsen hatte nicht einmal den Anschein

eines Lachens). „Was is dermehr? Wenn er so alt wird wie Mesuschelach,

ich laaf nemmer nachra Fraa fer’n. Lehachlesponim! – Da sich! ’s

Erdmännla! – Also, wie gsagt, ich bin joze. Der Silbermann in Ferth is

aach a ganz gute Partie fer die Rosensteini.“

„Jou! Chalomes mit Backfisch! Der Silbermann is e Phantast. Red in aaner

Tour von Neigung. Wenn ka Neigung do is, is ka Massel do, sagt er. A

Narr!“

„Bei den haaßts aach: viel Schmerchel, weng Serchel, – wenn mern sicht,

lacht er!“ bemerkte Max Lippmann, um gleich darauf die andern anzustoßen

und sie auf Lämelche Erdmann aufmerksam zu machen. Sie drehten sich um,

hörten die letzten Worte des Schmieds, wurden blaß und stierten halb

furchtsam, halb entrüstet hinüber. Martin Ambrunn war betreten, suchte

sich ins Mittel zu legen, aber der Schmied blinzelte ihm bedeutungsvoll

zu und so nahm die Scene ihren Fortgang. Doktor Schreigemut und der

Apotheker betraten den Raum und lachten, als sie sahen, wie Jochen

Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelche Erdmann um den

Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht,

das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern etwas,

das jenseits aller menschlichen Empfindungen liegt. Das Tier, das nicht

scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloß die Augen und fuhr

behaglich fort zu schnurren.

Jetzt erhoben sich die drei im Winkel, ihre Bierkrüge in der Faust als

Waffe, begannen ein Geschrei, als ob dem Lämelche mit Schreien geholfen

wäre, aber näher als auf vier Schritte kamen sie nicht an den Tisch der

Bauern heran, – bis der Schmied einen zinnernen Teller ergriff, worin

sich zwei Wecken befanden, und ihn dem Bärmann Schrot so heftig an die

Nase warf, daß dieser Körperteil sofort blutete und sein Besitzer in ein

Hilfegeschrei ausbrach. Die andern zwei, insonderheit der rotbärtige

Krailsheimer, hatten beständig hinter dem breiten Rücken des Schrot

Deckung gesucht, jetzt sahen sie sich schutzlos. Die Bauern brüllten,

der Schmied brüllte, der Wirt brüllte als Vermittler, die Magd jammerte,

der Doktor blickte besorgt um sich, der Apotheker hielt dem Schrot ein

blaues Tuch vor die Nase, die zwei Händler thaten ihr bestes, um den

Lärm zu vermehren, die Katze sprang mit einem Satz auf den Ofen, ein

kleiner Junge lief fort, den Gendarm zu holen, und mitten in dem

unsinnigen Lärm und Getöse ging die Thüre auf und Elkan Geyer kam

herein.

Sein Erscheinen bewirkte eine augenblickliche, totenhafte Stille, denn

alle zusammen hatten den Blick auf ihn geheftet, als die Thür

aufgegangen war. Er war vollständig, von oben bis unten, Kopf, Gesicht

und Hände und Kleider, mit Kot bedeckt, was um so merkwürdiger war, als

die Landschaft voll Schnee und alles im Umkreis gefroren war. Seine

Haare hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die

Augenbrauen herab, und den Hut schien er irgendwo verloren zu haben.

Sein Gesicht war weiß wie Kalk, eingefallen und verzerrt, in seinen

Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein Mund war

nicht geschlossen. Sobald er eingetreten war, machte er eine

weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener, stützte sich mit beiden

Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen die

Schultern.

„Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?“ raunte ihm Krailsheimer zu.

„Biste schikker?“

Elkan schüttelte den Kopf. „Lämelche, komm her zu mir,“ lallte er. „Bist

du nicht jeden Tag in der Woch beim Sürich Sperling gewesen?“

„Nein, nein,“ wehrte sich Lämelche Erdmann mit gilfender Stimme, „weißt

denn nicht, Elkanleben, Schoode, der de bist, weißt denn nicht, daß

meine Schwester oben wohnt im Dachstübche?“

„Ich weiß gar nicht, was mit mir ist,“ sagte Elkan langsam, legte die

Hand über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt

hatten, mit leerem Ausdruck an. „Ich war bei ihm in der Nacht,“ murmelte

er, dicht an den Apotheker herantretend. „Und wie alles still war, rief

er nimmer nach mir, daß ich an sein Bett kommen sollte, sondern fing an,

im Zimmer Gesichter zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie

lächelten.“

„Ruf mir meinen Sohn, Krailsheimer!“ schrie er plötzlich, streckte beide

Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie

ein Stock, sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck

und alle wandten sich schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser.

Pavlovsky kam, von dem Müllerburschen begleitet, Lämelche lief fort, um

Agathon zu holen, der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur

und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche sich von niemand

berühren ließ.

Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim

Kopf, zog ihn zu sich herunter und flüsterte: „Aga, ich will dir was

sagen, aber sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling

umgebracht. Bin ich herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und

hab’s auf meinem Herzen lasten gefühlt, daß ich sterben muß, weil meine

schuldige Hand befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so hab ich gebüßt

und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte

mir das Leben nehmen und hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch,

daß es aussehen sollte wie ein Unglück. Aber die Decke vom gefrorenen

Wasser ist durchgebrochen und da hab ich mich ins Dorf geschleppt. Was

schaust so? Gell, ich atme schwer und rede schwer. Hol jüdische Männer,

daß sie mich heimtragen.“

Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach

Haus gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte,

die ihm seine Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und

mehr. Er fühlte sich wie zerrissen. Und während der nächsten Stunden kam

ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist,

in sich die Dinge der Welt zu sehen. Er war nicht mehr jung; eine

Einsicht, eine Inspiration, hatte seine Jahre weit überflogen. Er hatte

eine That begangen, für die andere sühnen und leiden müssen. Er jedoch

hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch; es war ihm damit

geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch. Er

war sehend geworden durch diese That und alles um ihn herum, Menschen

und Dinge und Fügungen, hatten förmlich einen Bund geschlossen, ihn zu

schützen. Er hatte sich keiner irdischen Obrigkeit unterworfen gefühlt,

doch auch keiner von jenen göttlichen Mächten, die er bisher verehrt.

Eine Stimme in ihm, die ihm aber fremd war und ihn schaudern ließ, so

oft er sie vernahm, rief ihn zu etwas ganz Neuem. Und er wußte jetzt,

worin dies Neue bestand!

Daheim waren überall bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kinder

waren nicht zu Bett. Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf

dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden, und die Talgkerze

stand auf dem Kommode-Eck in einem dicht mit Grünspan überzogenen

Leuchter. Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen. Die

schweren Sorgen um das Brot waren nicht nur auf den Stirnen zu lesen,

sondern auch auf Tellern und in Schränken. Joelsohn war auch wieder da.

Agathon ging dem finstern, schleichenden Beter aus dem Weg.

Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief er den bleich, mit

geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem

entsetzten Starrblick. Eine tiefe Furche lief auf beiden Seiten seines

Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerte an die übertriebenen

Falten eines grotesken Schnitzwerks.

Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige

Tischchen vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war ganz finster.

Unwillkürlich atmete er auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster

sein. Doch erblickte er an der Wand, die nur durch einen

Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in

zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und als er

näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den

Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch

die verschränkten Arme. Vor ihr saß Joelsohn mit seinem Asketengesicht,

den dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den gebogenen, hageren

Mönchsfingern. Finster starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab

schaute. Und er schaute in ein Grab. Er selbst hatte es gegraben mit

seinesgleichen zusammen, um darin alles zu verscharren, was frei und

schön ist, seit Jahrtausenden. Und da saß er und murmelte das

Schemenesre: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o

Herr, zum Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.

„Vater!“ flüsterte Agathon leidenschaftlich. „Vater, hör mich an.“

„Licht, Licht!“ erwiderte Elkan dumpf.

„Ich hab keine Streichhölzer da. Hör nur erst. Es ist nicht wahr, daß du

Sürich Sperling getötet hast. Ich hab’s gethan.“

„Nein, Aga, du willst eine Wohlthat an mir thun, aber es ist umsonst.“

„Weißt du denn noch genau, wie es war? Bist du ins Haus und hast es

gethan, während er schlief?“

„So war’s. Oft wenn er hereinkam ins Haus, hab ich ihm das böseste

gewünscht, was man einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knieen

vor ihm gelegen und hab geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein

Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt. Seine Augen leuchteten vor

Haß; etwas Überirdisches von Haß und Vernichtungsfreude lag darin. Wie

ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir,

wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis die Nacht

kam, wo ich mich hinlegte zum Schlafen. Aber ich schlief nicht, sondern

ging hin ...“

„Es war ein Traum, Vater!“ rief Agathon und preßte seine Finger um den

Arm Elkans.

„Erst hab ich’s auch gedacht, aber wenn man solche Dinge durchmacht,

giebt es solche Träume. Aber an einem Tag, es war, wie deine Mutter so

wunderbar gesund wurde, an diesem Tage fiel’s auf mich herunter wie

Centnerlast: Ich hab’s gethan. Wenn sich auch die ganze Seele in mir

dagegen aufbäumt, so ist die That doch da wie schwarzes Gewand, wie die

Finsternis selber.“

„Es war ein Traum, Vater,“ begann Agathon mit seltsamer Freudigkeit und

jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn. „Ich war es, ich hab

es gethan. Das weiß ich und kann es verantworten. Ich bin kein Jude mehr

und auch kein Christ mehr und ich habe nicht euer Schuldfühlen in mir.

So ist meine That über dich gekommen, weil du ein Jude bist und ich von

deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine Messer

und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mußten alles das an dich

heften, wovon ich frei war und frei sein mußte. Denn ich weiß, was

bevorsteht, Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für die

künftige Arbeit. Ich weiß, daß mir genau so ist, als ob mit Sürich

Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht

nur der christliche Geist in diesem Volk, durch den es hassen mußte und

Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch.

Vielleicht hab auch ich nicht die That begangen, sondern der neue,

fremde Geist, der jetzt kommt, – ach, mir schwindelt, ich kann gar nicht

weiter denken.“

Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er

seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er

plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein. Agathon rief nach

Licht.

In stetem, ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und

gleißend im Lichtstrom eines Fensters. Am Abend noch wanderte Agathon

umher und sah Gudstikker von ferne. Doch in weitem Bogen wich er ihm

aus. Er hatte keine Sympathien mehr für Stefan Gudstikker, der zu den

Menschen gehörte, die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das

Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit, wenn er mit einem Menschen in

Streit gelegen, heimzugehen und dem andern einen langen Brief zu

schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen

auf Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, – große Worte,

Verlegenheitsworte. Er liebte die melancholischen und resignierten Töne,

prahlte gern vor Unkundigen, sagte die Pläne zu seinen Arbeiten

jedermann in überschwenglichen Phrasen voraus, indem er ihn in eine

abgelegene Kneipe zog, schimpfte über alles Große und Anerkannte,

erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder,

wenn es sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem

hinterlistigen Feldzug besiegte. All das wußte Agathon, wenn er auch

neben all diesem Neid, dieser Verbitterung und Großmannssucht einen

hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker fähig war, das wirklich Große

zu verstehen und sich ihm hinzugeben.

Als Agathon am Haus der Estrichs vorbeiging, sah er einen helleren

Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Drinnen erblickte er

ein Bild voll Frieden. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke und seine

Spitze bog sich unter der Decke. Käthe saß am Klavier in einem alten,

blauen Kleid, das die Arme entblößt ließ, und sie spielte in einer

schweren, langsamen, trägen Art, das Gesicht nach oben gewendet, wie

wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge. Ihre

sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und der Alte sah aus, als ob

er heute sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe. Agathon wandte

sich ab und blickte in die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos

ging er weiter, – zur Höhe. In der Luft hing es wie eine Fülle feinen

Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis

brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den Lichtschein über

Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den Kirchturm des

Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt. Da das Dorf im Thal liegt, sah er

nur den Turm; er schien auf den Feldern der Nähe zu stehen und zeichnete

sich schroff und rätselhaft klar gegen den Himmel ab.

Hier traf er nun doch auf einmal Stefan Gudstikker, der wie aus der Erde

emportauchte.

„Wo kommen Sie denn her?“ fragte Agathon.

„Von Nürnberg,“ erwiderte Gudstikker unwirsch.

Agathon wußte, daß er log und fragte sich vergeblich nach dem Grund der

Lüge.

„Man läßt mir keinen Frieden,“ polterte Gudstikker. „Gesellschaften,

Huldigungen, Damen, Stammbuchverse, zum Teufel damit.“

„Und was machen Sie sonst?“ fragte Agathon unmutig.

„Ich? Ich versumpfe. Ich sterbe in Caféchantant-Luft mit angehenden

Genies, wie Sie. Ja, Sie sind auch so einer, so ein Weltverbesserer.

Himmlischer Himmel, welch ein Quark! Das Leben ist rauh und nüchtern

geworden und die Paulusse werden verlacht. Prophet sein, ja, gut, ich

habe nichts dagegen, wenn ihr euch auf betrunkene Hausierer und reiche

Morphinistinnen beschränkt. Im übrigen: es lebe der Storch und die

Gemütlichkeit.“

„Sie sind sonderbar,“ sagte Agathon zerstreut.

„Ich will Ihnen etwas sagen, das sollten Sie sich merken,“ fuhr

Gudstikker fort, „unserm Leben fehlt der Erdgeruch. Das ist es, was wir

brauchen. Und nun leben Sie wohl. Ich muß der Sippschaft da drinnen die

üblichen Geschenke bringen.“ Gudstikkers feines Seelenleben pflegte sich

oft in Geschmacklosigkeiten zu manifestieren.

Agathon hielt ihn am Ärmel zurück und fragte ihn ernst, ob er nicht

wisse, was mit Monika Olifat vorgegangen sei.

„Ich?“ machte Gudstikker. „Vorgegangen? Nein, ich weiß nichts, auf Ehre

nichts!“ Und er legte die Hand auf die Brust. Dann ging er, nickend, den

Hutrand berührend.

Agathon ging in Olifats Garten und starrte zu den Fenstern empor. Die

Gardinen hingen unbeweglich hinter den Scheiben, und kein Schatten glitt

an ihnen vorbei. Agathon ging hinauf. Frau Olifat lag auf dem Diwan und

las in einem abgegriffenen Band. Sie war eine unansehnliche Dame, die

beständig etwas einfältig lächelte und es liebte, von ihrer großen

Vergangenheit zu erzählen. Sie war schwach und von einem falschen Gefühl

der Noblesse bis ins Lächerliche durchdrungen. Als Agathon kam, spielte

Monika mit ihrer kleinen Schwester Ball. Das Kind war voll Begeisterung

dabei. Sein goldblondes Haar fiel zu beiden Seiten des Halses bis auf

die Brust und bei jeder Bewegung flogen die Haare über Stirn und Wangen.

Monika saß auf einem niederen Schemel und fing den Ball oder warf ihn

fort, ohne die Richtung ihres Blicks zu ändern. Und wenn ihr der Ball

entwischte, ließ sie Esther danach suchen.

Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf

in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die

weiß und fein waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der

Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker saß,

und den sie bei jeder Bewegung fast mechanisch zurückschob. Jede

Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken die Hände matt in den

Schoß und blieben müßig liegen, selbst wenn der Ball schon durch die

Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich

vorbeisausen. Esther konnte dann gar nicht begreifen, wie man so dumm

sein konnte. Nachher kam ein anderes Spiel, das Agathon noch nie gesehen

hatte. Monika setzte sich dazu ganz auf die Erde und legte zwanzig

Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte Esther mit verbundenen Augen

die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, umsomehr, als Monika dabei

fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; und ihr Lächeln

hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.

„Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?“ fragte Agathon,

eigentümlich bewegt.

Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie:

„Also jetzt, wenn du den Buben erwischst, darfst du mich schlagen,

Esther.“

„Fest?“

„Fest schlagen, ja. So fest du willst.“

„Den Herzbuben?“

„Ja.“ Monika legte sich nun mit dem ganzen Körper auf die Dielen,

streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen.

„Du bist unanständig, _ma fille_,“ sagte ihre Mutter flötend. „_Il faut

avoir plus de dignité chez ce jeune homme._“ Es gab nichts Komischeres,

als die Gravität, womit sie ihr merkwürdiges Französisch sprach.

Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen

Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und

löschte das Licht aus. Eine kurze Zeit lang standen sie unschlüssig im

Dunkeln, noch geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander

sehen und fanden, daß es gar nicht finster sei. Als Agathon an der

Treppe gute Nacht sagen wollte, lehnte sich Monika weit über die

Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten. Er streckte beide Hände

nach ihr aus und wußte nicht, wie er sie plötzlich ganz in den Armen

hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen

drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie

weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich.

Dann stand Agathon vor dem Gartenthor und träumte, sah über das weite,

nachtdunkle, schneeblaue Land, und nun fühlte er, wie sehr er dies Land

liebte, das ihm Heimat war und ihm so vertraut war in jedem

Tannengehölz, in jeder Hecke.

Als er am nächsten Morgen, dem Feiertag, der vielleicht der friedlichste

Tag des Jahres ist, weil der Schnee selbst die Schritte der

Kirchenbesucher leiser macht, weil er einen Ring von Glockenmelodien um

die ganze Erde flicht, als er da an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er

lautes, grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde,

böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm in einer

wahrhaft kindlichen Erzählerfreude alles berichtete. Der Bruder des

Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als

ein altes, ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen

dürfe. Er sei vollkommen Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den

Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun

sei er zum Bruder betteln gekommen. Gudstikker machte sich noch lustig

über die „echt deutsche“ Sentimentalität, daß dies gerade am

Weihnachtstag hatte sein müssen und schob dann in seiner überstürzten

Art davon, weil er den König sehen müsse, der heute von der Residenz in

Nürnberg eintreffen solle. Trotzdem hatte er noch etwas auf dem Herzen,

kehrte um und fragte Agathon, ob es nicht merkwürdig sei, daß seine

Braut Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwänglicher

Zärtlichkeit hinge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel.

„Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,“ schloß er in

philosophischer Art seine Ausführungen, „daß solch ein närrischer

Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Ausgerechnet Baldewin! Zu dumm!“

Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans

Ohr legte und sprang davon.

Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für die

Feiertagsarbeit von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die

Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Karkau gebracht. Frau

Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen.

Elkan Geyer würde gut Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen

und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen

konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie könne keine

Magd ernähren, sie, die jeden Pfennig bewachen müsse. Heute mußte Frau

Hellmut klar gemacht werden, daß sie gehen müsse; und schon am

Nachmittag kam Sema zu Agathon, um ihn auf den Abschied vorzubereiten.

„Heute schon?“ fragte Agathon.

„Ja, heute.“

„Ich werde mit dir gehen, Sema kleiner.“

Eine lähmende Freude war auf dem Antlitz des Knaben sichtbar.

„Aber ich werde weiter gehen, als du,“ fuhr Agathon fort. „Weiter als du

vermagst.“

„Weiter als ich vermag, gewiß nicht. Wohin denn?“

„Wohin! Wenn ich das wüßte. Ins Ziellose. Ach, Sema, wie schön war es in

jener Nacht ... Die Waisenknaben waren mehr als froh, mehr als

glücklich. Sie haben all ihr Unglück vergessen in der Nacht. Es war

göttlich von dir, Sema.“

„Aber du hast es doch ausgedacht, Agathon. Ich liebe dich so sehr,

Agathon.“

„Ja, du kleiner Sema. Wenn ich denke, wie du dort gesessen bist auf der

zerbrochenen Bank, oder was es war. Nein, es war wundervoll! Alles in

mir hat gezittert. Ich dachte, die Nacht selbst müsse sich bewegen und

niedersinken wie ein altes Kleid und es müßte hell werden. Erinnerst du

dich an den Knaben, der zunächst bei dir kauerte? In einem fort liefen

ihm Thränen herunter und doch lachten seine Augen. Woher hast du nur all

die Kunst, du Zwerg, sag’ doch?“

Sema näherte seinen Mund Agathons Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Die

Mutter sagt, ich bin ein Fürstenkind.“

„Wie?“

„Das Kind des Königs, sagt sie.“

„Des, – welches Königs –? Unseres Königs, Sema?“

Sema nickte stumm.

Eine Stunde später führte Agathon eine viel wunderlichere Unterhaltung

mit Frau Hellmut. Er sagte ihr, was Sema gesagt, und sie erschrak. Nach

einer Weile begann sie: „Aber bewahren Sie es als ein tiefes Geheimnis,

Agathon. Jetzt reden sie hier im Dorf davon und auch in den Zeitungen

steht es, daß der König in die Stadt käme. Aber das ist nicht wahr. Was

soll der König in der Stadt? Soll er sich anschreien lassen mit Hoch und

Hurra? Dazu ist er viel zu stolz und zu herrlich, Agathon. Früher hat er

es gethan, um die Minister zufrieden zu stellen. Jetzt verachtet er die

Hochs und die Hurras.“

„Und das wissen Sie alles so gut? Und sitzen da bei uns in einem

Scheuerkleid?“ fragte Agathon, erstaunt über die Ausdrucksweise dieser

Frau.

„Ob ich es weiß? Niemand weiß es so wie ich. Sein junger Kopf ist in

meinem Schoß gelegen. Das klingt Ihnen nach Roman, aber es ist wahr,

wahr. Sein Geist hat geträumt in meinem Schoß, Agathon, und sein

königlicher Leib hat Frucht getragen bei einer solchen Magd wie ich

bin.“

„Aber wie ist er so, als Mensch?“

„Niemand kann mehr König sein. Niemand kann mehr Mensch sein, Agathon,

und doch beides wie durch Zauberei verschmelzen. So ist er beschaffen.

Voll Majestät, voll Güte, aber einsam wie der Tod selbst.“

„Und er ist in der That ein solch wunderbarer Mensch?“

„Er ist es. Er steht über allen Menschen, weit, hoch! Es ist noch nicht

fünfzehn Jahre her, Agathon, daß ich ein schönes Weib war, ich habe

manchen Triumph gefeiert auf der Bühne. Und mein ganzes Wesen war in ihm

aufgelöst. Jetzt bin ich alt, lächerlich, tief gesunken, aber das wollte

ich. Ich wollte tief sinken, um ihn immer höher und ferner zu sehen. Er

ist ein Gott. Vor seinem Blick demütigt sich alles mit Freuden. Aber er

ist zu groß für die Zeit. Er ist nicht ein Mensch, wie wir da. Er ist

zum König geboren und das sind wenige. Aber er darf nicht König sein wie

er will. Sie lassen’s nicht zu.“

Frau Hellmut sprach ihre kurzen Sätze stoßweise, mit langen Pausen. Als

sie geendet, erhob sie sich hastig, wie beschämt und schlappte fort,

Agathon in einem Zustand erregten Nachdenkens zurücklassend. Erst ein

wirres Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern störte ihn auf.

Er blickte hinaus. Die beiden Rosenaus Mädchen verkündeten lebhaft, mit

roten Gesichtern, irgend einen aufregenden Vorfall und sie deuteten

gegen das Ende des Dorfes. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden

zum Zeitvertreib jede unbedeutende Sache zur Katastrophe aufbauschten,

aber als Sema ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich

eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger

Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.

Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als

Agathon dort war, bot sich ihm dieser Anblick. Ein Mann, oder nur noch

der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen

Blicke hafteten stier am Himmel. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig

Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das

Aussehn einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte in der Art

eines geschlagenen Hundes. Ihre Finger schienen ganz erfroren. Sie trug

in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein Säugling lag neben ihr im Schnee

gebettet, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand

zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigem Gesicht neben ihr,

klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete

zuweilen in den fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine

Mutter.

Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der

andern, schickte Sema zurück um einen Wagen, und da sich die Rosenaus

zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, leitete er selbst den

Transport. Erst in der Nacht, die nun folgte (Sema und seine Mutter

waren schon fort und Agathon hatte dem Freund versprochen, morgen zu

kommen), kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit

zwischen sich und seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr

als je. Und alle die haßte er, die sich des religiösen Gewands entäußert

hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des

Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer

auf einem fremden Stamm. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk,

voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der

alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren

zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren. Witzelnde

Herren, scharfsinnige Herren, wedelnd unterwürfig oder voll schnöder

Anmaßung, doch stets von unbändigem Ehrgeiz. Doch Agathon haßte auch

diese von tausend Kämpfen durchrüttelte Zeit, diese atemlose, sinnlose,

von Lügen schwangere, von geistiger Pestilenz durchsickerte. Und doch

erfüllte ihn ganz die Sehnsucht, sich in den großen Strudel des Lebens

zu stürzen, auszugehen wie einst David in jenen einfacheren Zeiten, um

sich ein Königreich zu suchen. Und als er in den Morgenstunden zu

schlummern begann, hatte sein Entschluß Festigkeit gewonnen und in

seinen Träumen erschien jener König, der seinem Volk nun schon zum

Mysterium geworden ist.

Am Vormittag packte Agathon ein schmales Bündel und reichte seiner

Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie

sich nicht gleich fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes

nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle,

da der Vater so krank sei.

Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein

Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er

ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde.

Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an,

sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein

Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die

Geschwister und ging in den klaren, kalten Wintertag hinein.

Die Juden von Zirndorf · 第 20 / 45 题