Elftes Kapitel

In heiterer Stimmung verließ Bojesen seine Wohnung an der Luisenstraße,

und der kalte, neblige Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines

Innern. Da begegnete ihm ein Bote und händigte ihm ein Schreiben ein. Er

riß den Brief auf und las:

Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich

einmal erwählt habe. Ich könnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen

Sie nicht, warum. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn zwei Schicksale sich

verketten, der Weg zum Glück doppelt so schmal wird? Das Leben ist so

klein und kann nicht durch einen großen Sinn regiert werden. Können Sie

sich denken, daß man nicht mehr an all die schönen Worte glaubt, von

Freiheit u. s. w. Sondern nur an das taube, blinde Ungefähr –? Der eine

sucht sein Schicksal, den andern findet es. Was rede ich da! Gestern

traf ich meinen Großvater, und ich will nicht sagen, in welcher

Verfassung. Kommen Sie nicht wieder!

Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie dieses

gequälten Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen,

sah auf seine Uhr, kehrte hastig in seine Wohnung zurück, setzte sich an

den Schreibtisch, kaute einige Zeit beklommen am Federhalter und begann:

Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie

ist es? Was soll ich davon denken? Bedeutet _das_ die Schrankenlosigkeit

der Leidenschaft, von der du geträumt hast? Ist es die gewöhnliche,

banale Roman-Reue? Muß ich das glauben? Nie. Das Schicksal ist

ungewöhnlich mit uns verfahren, und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm

revanchieren. Ich sehe dich noch in deiner Glut, in deinem Lächeln, in

deiner Hinreißendheit. Und nun?

So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. „Erich, du

schreibst an eine Frau,“ sagte sie langsam und betont.

„Fanny, du phantasierst.“

„Erich, du schreibst an eine Frau.“ Sie war leichenblaß und hatte mit

der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefaßt.

In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge,

oder er wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben

zusammen und zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen.

„Schön,“ sagte Fanny Bojesen, „damit bekennst du dich ja schuldig. Ich

verbittere dir das Leben. Ich bin nüchtern und kalt. Ich bin

verständnislos, ich bin dumm. Ich bin ungeduldig und nervös. Das hast du

doch alles geschrieben dieser, – dieser Dame?“

„Du hast sonderbare Vorstellungen von einem Liebesbrief, mein Schatz.“

„Nun ja, freilich, Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird

dich zu Grund richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit

Verzweiflungsausbrüchen. Ich bin mir zu gut dazu, mit einem Wort, obwohl

ich zu vielen Dingen nicht zu gut bin, wie das einmal geht. Aber ich

will nur auf das Ende warten.“

„Aber du phantasierst ja, du träumst,“ rief Bojesen, erschrocken und

gespannt.

„Wir schlafen immer noch Bett an Bett und auch du träumst.“

„Was soll das heißen?“

„Ich kann nachts nicht schlafen, und ich höre dich, wenn du überhaupt zu

Hause schläfst. Die Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht

bist du dann bei ihr, verstehst du?“

Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschämt. Er kaufte

Cigarren und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu thun

pflegte. In den düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die

Herren, die, das akademische Viertel benutzend, gravitätisch oder

tiefsinnig umherstolzierten, die Hand auf dem Rücken oder zwischen dem

zweiten und dritten Knopf der Rockbrust. Es ist nicht leicht zu sagen,

worüber sie nachdachten, und es ist unwahrscheinlich anzunehmen, daß sie

über des Lebens Alltäglichkeiten nachdachten. Denn so wichtige Herren,

wie sie waren, mußten sie auch über Gegenstände versonnen sein, die dem

Gepräge ihrer Persönlichkeit entsprechen konnten. Doktor Rosenblatt (es

ist die Eigentümlichkeit und das Martyrium dieses Standes, daß er sich

stets mit einem imaginären Doktor- oder Professortitel schmücken muß,

damit die Würde des Standes in den Augen der profanen Welt gewinne),

Doktor Rosenblatt also hatte, um seinerseits eine Ausnahme zu

dokumentiren, beide Hände auf dem Rücken. Er pflegte jedes Klassenzimmer

mit der Konstatierung der Thatsache zu betreten, daß es stinke. Er

pflegte dies in einem heftigen Schrei zu behaupten und pflegte dann die

Fenster aufzureißen. Zugegeben, daß dies eine Unklugheit von ihm war,

ein Pfeil, der auf ihn selbst zurückgehen konnte, so ist doch

andererseits anzuerkennen, daß diese kategorische Erklärung von seiten

des Trefflichen wiederum als ein Beweis seines fortgeschrittenen

Reinlichkeitssinnes gelten konnte. Dieses Zeugnis war zum Exempel Herrn

Professor Schachno mit nichten zu erteilen. Denn auf den glänzenden

Flächen seines Rockes wäre es der Analyse Bojesens leicht gewesen, den

Speisezettel des Ehrenwerten für die Frist des abgelaufenen Semesters zu

geben. Aber Professor Schachno war ein Stoiker; dies erklärt alles; ein

liebenswürdiger, standesbewußter Mann, der sein Erziehungsideal, die

Strafarbeit, stets in Gedanken zu vervollkommnen bestrebt war.

Bojesen sah die finstern Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie

nicht zu sehen. Doch fühlte er wohl, daß etwas in der Luft lag. Als er

später eine der unteren Klassen in den Anfangsgründen der anorganischen

Chemie unterrichtete, bemerkte er, daß er innerlich mit ganz anderen

Dingen so intensiv beschäftigt war, daß Scenen und Bilder in seinem

Geist entstanden, und sein Bewußtsein bei dem, was er lehrte, ganz

verdunkelt war.

Nach Ablauf der Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen

lächelte, entließ seine Schüler, schritt bedächtig die Stufen hinan und

stand alsbald vor dem Herrscher des Schulreichs. Und nicht nur vor ihm

allein. Fünf der ältesten Herren bildeten gleichsam seine Garde, – eine

Hochburg unbestechlicher Rechtlichkeit, unwandelbarer Sittlichkeit,

unerschütterlichen Ernstes.

„Herr Bojesen,“ begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen

Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, „Sie sind uns als Kollege lieb

gewesen und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns täglich von der

strengen Thatkraft überzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchführten, –

glaubten wir. Wir glaubten, in Ihnen dereinst eine stolze Säule unserer

Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten Mitbürger, einen

tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier, sittlicher Wandel,

Religiosität, das sind Orden, die die Brust eines Beraters der Jugend

mehr schmücken, als königliche Orden. Wir müssen bekennen, daß wir uns

in Ihnen getäuscht haben.“

Ein undefinierbares Murmeln der Garde begleitete diese Worte, die an

Hoheit, Einsicht und Milde als gleich vollendet bezeichnet werden

müssen.

„Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor?“ entgegnete Bojesen ruhig.

„Damit soll gesagt sein, daß Sie, wie unsere gewissenhaften

Nachforschungen zweifellos ergeben haben, in Bezug auf Ihre moralische

Führung nicht geeignet sind, einen günstigen Einfluß auf die Schüler zu

üben, Herr Bojesen, – kurz, daß Sie sich auf Abwegen befinden. Als

Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu warnen, Sie kraft meines Alters

aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand dieses Instituts dagegen ist

es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer Lehrtätigkeit Abstand nehmen

zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium berichtet und

weiteren Bescheid empfangen haben.“

Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte. Doch der

Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort:

„Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu überzeugen, wovon

es auch sei. Wir waren vorsichtig in Bezug auf unsere Schritte. Sie

verkehren in einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und

verrufenen Frauenzimmern. Es ist schändlich und für mich als Haupt einer

Anstalt, an deren Ruf kein Flecken haftet, deren pädagogischer Ruhm weit

über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es

ist beschämend für mich, einen solchen Vorfall so deutlich konstatieren

zu müssen. Aber Sie zwingen mich dazu, Herr. Ihr unverzeihlicher

Fehltritt fällt um so schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind und

trotzdem nicht Ehrgefühl genug besaßen, sich als Pädagog zu zügeln. Aber

nicht einmal das allein war maßgebend für mich. Nur aus wenigen

Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher Zuhörer graben

können, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, daß Sie es

im Unterricht, – meine Herren geben Sie wohl acht, aber mäßigen Sie Ihre

edle Entrüstung, daß Sie es sogar nicht verschmähten, skeptische Worte

fallen zu lassen, die die Religiosität der Schüler gefährden konnten,

und daß Sie so auf dem verbrecherischen Wege sind, die scheußliche

Zeitkrankheit des Atheismus und der Pietätlosigkeit mitverbreiten zu

helfen. Wir wissen, daß Sie sich mit dem dimittirten Schüler Agathon

Geyer auch nach seinem Vergehen noch liebevoll befaßt haben, und jetzt

wird mir auch vieles von der unerhörten That dieses unglückseligen und

irregeleiteten Jünglings klar. Und nun noch zur schwersten Anklage, der

gegenüber nichts, aber auch n–nichts Sie rechtfertigen kann. Sie haben

in einem öffentlichen Lokal, in der Unterredung mit einem Ihrer

auserwählten Freunde, Reden von einer wahrhaft, – kurz, von einer

wahrhaft socialdemokratischen Tendenz geführt, so daß Ihre Worte an

Nebentischen gehört wurden. Ich hoffe, Sie bereuen dies alles und werden

ein besserer Mensch. Für die unschuldigen Blüten, die man Ihnen

anvertraut hat, ist ein anderer Gärtner von nöten. Und jetzt bitte ich

Sie, uns zu verlassen. Oder haben Sie noch etwas einzuwenden? Aber ich

mache Sie aufmerksam, daß unsere Zeit kurz bemessen ist.“

Bojesen rührte sich nicht. Seine Hand zitterte immer noch leise. Seine

Augen schauten unverwandt ins Weite, als suchten sie sich mit den

kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit schon jetzt

vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges, halb

trauriges Lächeln. Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der

Reihe nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Köpfe

schüttelten. Endlich sagte Bojesen: „Meine Verbrechen sind Verbrechen.

Für Sie müssen es solche sein, natürlich. Ich kann also nichts dagegen

einwenden. Aber was die ‚unschuldigen Blüten‘ betrifft, darüber möchte

ich noch ein paar Worte sagen. Das was ich immer wollte, was aber ein

Unding ist, ein Windmühlenkampf, ist, daß ich die Schüler veranlassen

wollte, selber zu denken, aus Andeutungen, aus Anschauungen ein Gesetz

zu konstruieren. Ich habe ihnen aus der Wissenschaft immer ein

schmackhaftes Stück Brot gemacht, nicht ein Pensum für das Gedächtnis.

Aber Sie, meine Herren, arbeiten nur für ein totgeborenes Kind. Was Sie

thun, ist immer aussichtslos. Als unverdauliche Speise bleibt es im

Magen Ihrer Pfleglinge liegen. Sie geben sich nie die Mühe,

herunterzusteigen, sondern bleiben hochmütig auf dem Katheder und auf

dem Lehrbuch sitzen. So wie Sie es treiben, ist die Schule eine

Verdummungsanstalt, und kein munter fließendes Wasser wird aus diesem

Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglückselige Marionetten, oder wie Sie

es nennen, faule Schüler. Aber faul sind nur Ihre Institutionen, das

mögen Sie wissen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, muß

es mit dem Herzen thun, nicht mit dem Vocabulaire. Ich möchte sagen, er

muß ein wenig spielen dabei, Sie müßten beinahe ein wenig Künstler sein.

Aber wie soll der Staat das aufbringen. Sie, Herr Horamus, der Sie

dastehen als Lehrer der Geschichte, seien Sie aufrichtig, haben Sie

jemals daran gedacht, den Schüler mit den großen, menschlichen Dingen

der Geschichte vertraut zu machen? Haben Sie jemals den Geist des

grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht? Haben Sie jemals ein

farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wäre von mehr sittlichem

Wert, als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastien-Namen, glauben Sie

mir. Aber davon haben Sie ja selbst keine Ahnung, wie sollten Sie mir

Antwort geben können. Ein _null-ouvert_ im Skat ist Ihnen weit

interessanter. Und was Religiosität und Vaterlandsliebe betrifft, Herr

Rektor, so haben Sie keine Angst. Beide zeigen sich nicht im

Götzendienst. Was Sie mit diesen schönen Worten meinen, ist Duckmäuserei

und Frömmelei. Beruhigen Sie sich nur, ich gehe schon. Vielleicht kommt

die Zeit selbst für Sie noch, der Sie graue Haare haben, wo Sie mit

Angst an das denken werden, was ich Ihnen eben gesagt habe. Ich empfehle

mich den Herren.“

Er eilte hinaus und ließ die sechs würdigen Schulmänner in

unbeschreiblicher Verblüffung zurück. „Gehen Sie hinunter, Schachno, und

verhindern Sie, daß er mit den Schülern spricht,“ sagte der Rektor

erregt.

Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und

ging die Mathildenstraße entlang, bis die Häuser zu Ende waren, bis die

Ebene vor ihm lag, – anscheinend grenzenlos. Und wie er weiter und immer

weiter ging, vergaß er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz,

und all das Drückende und Gedrücktsein, das in ihm war, löste sich auf

in eine große allgemeine Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in

eine wie hingehauchte Traurigkeit um vergebliches Ringen. Er empfand

jene Müdigkeit zu denken, die uns mit einem unsicheren und seltsamen

Stolz erfüllt, uns zu vagen, aber tröstlichen Bildern führt, bis an die

Thüre jener Schwermut, die sich mit liebevoller Innigkeit an alle

Gegenstände der Natur hängt und auch dem zufälligen Flug eines Vogels

eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit verleiht.

Still und neblig, wie erfroren lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer

Wand von Schleiern erhob sich bisweilen in der Ferne ein Gehölz. Der

Himmel war unbeweglich; keine einzelne Wolke war zu sehen: nur eine

schwerhingezogene Decke. Dornenhecken standen am Weg und vermehrten das

Grüblerische, Insichgekehrte dieser Landschaft. Raben flogen lautlos

über die Äcker, setzten sich majestätisch auf schwarze Erdschollen, die

aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit den schlauen und

boshaften Augen auf den Wanderer.

Bojesen nahm in einem Dorfwirtshaus ein kärgliches Mittagsmahl ein,

unterhielt sich mit den Bauern und machte zum erstenmal die Beobachtung,

daß der fränkische Bauer ein intelligenter, ernster und gutherziger

Menschenschlag ist, der nichts von der tückischen Pfiffigkeit und von

dem versteckten Städterhaß vieler andern Bauern besitzt.

Als es schon dunkelte, kam er zurück in die Stadt, und es war ihm, als

ob er ein Jahr lang fortgewesen wäre. Fast mechanisch, als wäre es die

Folge eines weit zurückliegenden Entschlusses, wandte er sich nach der

Richtung von Jeanettens Wohnung, und er fand sie allein.

Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand.

„Du bist so froh,“ sagte sie und blickte bang nach der Thür. Doch gleich

darauf sprang sie empor und tanzte trällernd im Zimmer umher. Nichts

lächelte in ihrem Gesicht. Der Mund war geöffnet und ließ die kleinen

Zähne sehen. Die Augenlider waren gesenkt, mühevoll sinnend. So tanzte

sie.

„Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin,“ sagte sie

verächtlich. „Die Herren der Gesellschaft werden zum ‚siebenten Himmel‘

kommen, und ich werde die Sensation sein, der Stadtklatsch. Das ist mir

zu widerlich. In acht Tagen gehe ich fort, oder in vierzehn Tagen, wenn

ich mit meinen Vorübungen fertig bin. Ich gehe nach Paris. Ich brauche

anderes Leben. Es wird auch ein anderer Tod sein, wenn es so kommt.“ Sie

lachte mit ihrem harten, stoßweisen Lachen.

„Fort gehst du? Und was für Vorbereitungen meinst du?“

„Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder

Kunst werden. Sieh her, den Tanz der Liebe. Alles ist Feuer, hinneigende

und doch verborgene Glut. Jede Linie andächtig und verzückt und

schließlich die unterdrückte Erregtheit. Dann der Haß. Offene Glut,

wildes Gebärdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich

denk’ es mir wundervoll. Eure andern Künste haben alle abgewirtschaftet.

Sie beruhen auf der Eitelkeit. Es giebt nur noch Wissenschaft und Tanz

in der Zukunft.“

Bojesen sah hilflos vor sich hin.

„Was machst du denn für ein Gesicht? Wie ein melancholischer

Briefträger,“ sagte sie.

Bojesen hatte so vieles sagen wollen. Jetzt erinnerte er sich an nichts,

oder es erschien ihm zu düster. „Jedesmal, wenn ich komme, bist du

anders,“ bemerkte er mit etwas jugendlicher Verzweiflung.

Jeanette lachte spöttisch und begann wieder zu tanzen: auf den Zehen,

den Körper in vornehmen, wellenhaften Bewegungen vor- und zurückbiegend

und mit schwärmerischem Gesicht und weitgeöffneten Augen in den Spiegel

schauend. Dann holte sie Wein, dessen Purpur in den dunklen Gläsern und

in der beginnenden Dämmerung ganz schwarz erschien.

Währenddem öffnete sich die Thür und Bojesen sah einen alten, sehr

gebückten Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen. Es

war Gedalja. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete

sich die Stirn mit dem Rockärmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff

und wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und

zündete die Lampe an. „Hast du was verkauft, Großvaterle?“ fragte sie,

die Hand in die des Alten legend.

Gedalja verneinte. „Se welln nix haben. Se sin alle versehen. Se welln

bloß ihrn Spaß haben mit em alten Jüden. Ich will nit klagen, Enkelin,

nit klagen. Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb’? Wer

wird reden zu mir in die lange Nächte? Hast de schon gesehn en alten

Mann über neunzig, wo hat kein Haus un kein Hof un kein Bett? Bin ich

nit gewesen e Beheema, e Vieh, daß ich nit gewesen bin e Wucherer un e

Betrüger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird sein zu Fetzen?

Wo sin meine Kinder, daß se sitzen zu meine Füße und lauschen meine

Worte? O Enkelin, es is gut, e Chalef zu nehmen, e Schwert und zu

zerreißen sein eignes Herz.“

Danach war es lange Zeit still im Zimmer. Bojesen hatte nicht vom Boden

aufgeblickt. Gedalja begann wieder. „Ich waaß nit, was de hast gethan un

was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d’rs an an deine Stirn

und deine Augen, daß de willst hoch naus, daß de hast überspannte

Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es giebt im Jüdischen e

Sprichwort un haaßt: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die

Schmue e Ponim. So is es mit deine Pläne. Schabbes-Nachme fallt alleweil

afn Schabbes, natürlicherweis. Sei vernünftig! Sei immer bei dir un hab

gut acht auf deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit

hast ausgelöscht ’s Licht; nor die Thoren scheuen den Schlaf beim

Finstern. Bleib’ e gute Jüdin, wenn de aach nit glaubst, denn wir sin e

großes Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk d’r was ich hab’ gesagt. Haste

vielleicht was z’essen? Hunger hab’ ich aach. Bin in ganzen Tag

rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nüber.“

Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an.

Jeanette begleitete ihn liebenswürdig hinaus, sagte aber nichts. Er

haßte diese Liebenswürdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein

Panzer.

Er irrte lange Zeit durch die Straßen, aß gegen sieben Uhr irgendwo zu

Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor

Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am

gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er

glaubte, diese blassen, unbestimmten Züge zu erkennen, ging hinüber und

stand vor Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern

wandte. Bojesen lächelte ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine

Zeitlang standen sie Auge in Auge, ohne eine Bewegung. „Wie lange stehen

Sie schon?“ fragte endlich Bojesen mit schlecht verhehltem Spott. Aber

Nieberding überraschte ihn, indem er ihm die Hand bot und sagte: „Thun

Sie das nicht. Weshalb wollen Sie mich verhöhnen? Was würden Sie sagen,

wenn ich bissige Reden führte, weil ich Sie etwa am Grab Ihrer Mutter

sähe? Ich stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine pathetische

Phrase.“ Er schob seinen Arm unter den Bojesens und zog ihn mit sich

fort.

„Aber sind Sie jetzt nicht glücklich?“ fragte Bojesen, noch immer

sarkastisch.

„Glücklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Grad.“

„Sie sind Arzt?“

„Verzeihen Sie, – ein Wort: kommen Sie eben von ihr?“

„Nein.“

„Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.“

„Ein schöner Beruf.“

„J–Ja!“

„Aber er macht hart, grausam.“

„Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.“

„Im Gegenteil –?“

„Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefühlsnüancen.“

„Das sind Worte. Es giebt solche und solche Ärzte.“

„Allerdings.“

Darauf schwiegen sie. „Verzeihen Sie,“ sagte Nieberding, „darf ich Sie

zu einem Abendessen einladen?“

„Danke, ich habe schon gegessen.“

„Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.“

„Wenn es Ihnen nicht unbequem ist –.“ Nieberdings offene Herzlichkeit

und seine kindlich-schüchterne Art, zu fragen, beschämten Bojesen ein

wenig. Bald saßen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches

Feuer brannte. Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand

eine nagende Unruhe. Cornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für

Bojesen war es seltsam zu sehen, wie sie den Bruder küßte, mit einer

verhaltenen und stolzen Leidenschaft, und wieder ging.

Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: „Was

halten Sie von Jeanette Löwengard?“

Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. „Sie ist ein feines Tier,“ sagte

er endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel.

Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen

wieder.

„Und Sie,“ fuhr Bojesen fort, „welche Art von Frauen lieben Sie? Sagen

Sie nicht, daß es diese Luisina sei, denn das steht Ihnen fern. Sie

lieben die schlanken, überzarten Formen, Sie lieben Frauen, die größer

sind als Sie, die präraphaelitischen Gestalten, hab’ ich nicht recht?“

Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu

widersprechen und in seinen Sinnen wurde es ganz dunkel. Bojesens weit

aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen, als was er jetzt

sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung glich der

einer Katze. Er war wie verwandelt.

Nach einer Weile begann Edward Nieberding: „Etwas muß ich Ihnen noch

sagen. Sie haben beliebt, mich als den Typus des modernen decadenten

Juden hinzustellen. So war es doch, nicht? Ich habe viel darüber

nachgedacht. Wenn etwas daran wahr ist, ist es dies: wir wirklich

modernen Juden haben aufgehört, Juden zu sein. Wir sind in unserer Seele

Christen geworden. Nicht Christen nach der Form, sondern nach dem

Geist.“

Bojesen sprang mit leidenschaftlich-erregtem Gesicht auf und schlug mit

der platten Hand auf den Tisch. „Zum Teufel, Herr, wiederholen Sie dies!

Wiederholen Sie dies! Das ist es, was _ich_ sagen wollte. Das ist es,

was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum

aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die

Fenster zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Es ist gut, daß Sie

das sagen, der Sie an Leib und Seele schon zu den Toten gehören. Sind

wir nicht ein krankes Geschlecht bis ins Mark? Sehen Sie her (Bojesen

machte eine erschreckende Gebärde), sehen Sie her, was ich bin! Heute

bin ich neunundzwanzig! Was werde ich mit vierzig sein! Geben Sie uns

nur dies geistige Christentum wieder, endlich, das unsere starke,

säftereiche Rasse aufgelöst und vernichtet hat binnen sechzehnhundert

oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den natürlichsten und

erhabensten Vorgang unseres Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen?

Wenn wir in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn Tausende

von wahrhaft großen Weibern auf der Gasse und in Spezialitätentheatern

lungern und eine anämische Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht

hinauskommen über die niedrigen Begriffe von Ehre und Nächstenliebe,

wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik nehmen? Sie, moderner Jude, sind

daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem asketischen Verlangen, der

Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch begehren, der Sie

das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen werden. Ja, ja!

richten Sie nur das neue Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die

Renaissance, von der große Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie

geboren ist! Nur zu!“

„Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,“ erwiderte Nieberding

traurig und mit gesenkter Stimme. „Aber das ist ja gleich, wenn Sie es

fühlen. Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklärung hat uns

nur allein die katholische Kirche gegeben.“

„Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie

beiseite, samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind traurige Dinge,

zu deren Verteidigung die Poesie nötig ist. Und reden Sie niemals per

‚uns‘, wenn Sie so etwas sagen, denn das ist direkt komisch. Sie sind

ein Emigrant, und es giebt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns.

Beachten Sie die Zeichen der Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht

blind. Hören Sie auf, an das geistige Christentum zu denken. Wir haben

genug an dem greisenhaften Gewimmer dieses Tolstoi da drüben. Sie können

ja schlimmstenfalls in die Gesellschaft für ethische Kultur eintreten,

oder in den christlichen Verein junger Männer. Es ist ein eigenes

Schicksal, daß gerade das Judentum ein Christentum gebären mußte, und

daß die Mutter jetzt absolut zum Kind werden will. Alle Religionen von

dort drüben entbehren der Freude. Wie traurig, daß der menschliche Geist

durch Jahrtausende sein seelisches Heil von Epileptikern empfangen

mußte. Wir wären schon längst zu Grund gerichtet, wenn nicht die großen

Fontänen Shakespeare und Goethe und anderen den trockenen Boden ernährt

hätten. Aber sie waren so hoch, daß ihre Spitzen noch von der

untergegangenen Sonne des Griechentums vergoldet wurden. Und jetzt?

Jetzt sind wir im Begriff, eine Nation von Säufern und Phlegmatikern zu

werden. Ich kann jetzt ganz ruhig darüber reden, ich ärgere mich, daß

ich mich erregt habe. Sie sehen, daß ich nicht etwa so borniert bin, ein

Judenfeind zu sein. Im Gegenteil. Der wirkliche Antisemit müßte ein noch

feurigerer Antichrist sein.“

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ sagte Nieberding fast verzweifelt,

„das ist alles nicht klar. Es ist so schematisch. Und das Leben ist doch

so vielgestaltig. Sie preisen die Juden, um damit einen Schlag gegen die

Juden führen zu können. Das leuchtet mir sehr ein. Aber haben Sie nicht

einmal gesagt, die Juden trinken nicht? Das ist nicht wahr. Der

russische Jude ist ein großer Trunkenbold und meist ein übler,

verwerflicher Charakter. Die Galizier sind scheußliche Mädchenhändler,

und was sie sonst noch treiben, weiß Gott. Also sittlich und geistig

haben wir nichts voraus. Aber der Jude hat stets am meisten gelitten,

wenn er Stärke und Energie genug besaß, sich aus der Dumpfheit seiner

religiösen Schranken zu heben, wenn er, der ewig Wandernde, Heimatlose,

endlich Dach und Heimat fand. Aber was soll ich da sagen. Man wird so

leicht sentimental. Das alles läuft darauf hinaus, – ach, ich weiß

nicht.“

„Ich weiß schon. Daß wir am Ende einer Kulturepoche stehen und niemand

weiß, was werden soll. Unsere ganze Gesellschaft verstopft sich Geist

und Ohren mit Musik. Niemals war ein blödsinniger Musikkultus zu solchen

Ehren gelangt. Die Sonne läuft von Osten nach Westen und die Kultur hat

es stets gethan. Amerika ist das Land der Zukunft. Eine alte Geschichte,

das. Es mutet mich so kindisch an, wenn in Paris die Gräfin Rothschild

ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords öffentlich und

feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten läßt. In Rom

war das alles seinerzeit viel großartiger. Wir können nicht einmal eine

anständige Decadence inscenieren. Unsere gute Gesellschaft ist

ausschließlich auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und diese

sogenannten heiligsten Güter der Nation u. s. w., dann Socialdemokratie,

Frauenemanzipation, Militarismus, der Kultus mit den Erfindungen, das

alles kommt mir vor wie ein Kindertrompetenkonzert. Letzte Zuckungen. In

ein paar Jahrzehnten fallen die morschen Dielen unseres

Kinderspielzimmers auseinander, und es wird uns grausen. Haben Sie noch

ein Glas Wein? – Danke.

„Es kann gar nicht geleugnet werden, daß wir viel schneller dem Abgrund

zurutschen, seit die Juden emanzipiert sind, wie das schöne Wort nun

einmal heißt. Ach bitte, lassen Sie mich reden, ich bin einmal so schön

drin. Nehmen Sie an, daß ich mich betäuben will. Die Juden sind bis zu

dem Punkt ungefährlich, als sie nicht an der Kultur eines Volkes

teilnehmen. Sobald das kommt, sind alle prägnanten Linien verwischt, das

Bild wird unruhig, die Gärung beginnt. Es ist, als ob diese Nation eine

Art giftiger Sauerteig wäre. Nun, ich kenne so viele gebildete Juden,

wahrhaft gebildete Menschen, Künstler oder Männer der Wissenschaft oder

auch Kaufleute, aber ich muß sagen, so sympathisch und lieb mir die

meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen

Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin

das besteht, ist mir wahrhaftig ein Rätsel. Aber da sind die

Wohlthätigen. Sie sind mir in tiefster Seele verhaßt. Es ist, als hätten

sie eine Firmentafel auf der Stirn: Salomon Bär, Wohlthäter. Da sind die

Künstler: bedeutende Menschen oft, aber seelisch gänzlich verwachsen,

Krüppel. Oder ihre Künstlerschaft ist so aufdringlich, verbreitet

förmlich einen penetranten Geruch. Da haben Sie die Frauen, guter Gott,

welch ein Thema! Ein Buch! Das ist auserwählter Morast.“

Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in

ihre Gläser. Dann begann Bojesen von neuem:

„Und doch! und doch! Ich weiß nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken

eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal

ein großer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist

selten, aber bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste

Menschenexemplar ist, das man finden kann, um und um. Alle reinen

Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben, ihn hervorzubringen,

ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die die Nation je

besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz, alles

und alles, ausgenommen den Humor. In seinem Kopf sitzen ein paar Augen

voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen Sinn,

feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite

hin borniert, – kurz, wundervoll.“

Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an

einem Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene

Achse, wobei die Kettchen klapperten. „Es ist sonderbar,“ sagte er, „wie

alles, auch das Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es

mit dem eigentlichen Sinn des Lebens vergleicht.“

„Ja, aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht,

wie der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er für einen Zweck

habe, da er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine

Verdichtungsmaschine, sagte er pathetisch.“

„Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche

betrachtet. Das ist ja trivial. Aber daß wir hier sitzen und uns über

Christentum und Judentum echauffieren, ist auch trivial. Symbol, Symbol,

alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie

bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand

überschreiten darf. Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf

eine Kerze und plötzlich, der Fakir selbst steht am andern Ende des

Zimmers, plötzlich brennt die Kerze, ohne daß jemand daran gerührt. Nun

ist aber das Seltsame, sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie

überschreitet, ist das Licht für ihn verschwunden. Das enthält für mich

ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels.“

„Hm,“ machte Bojesen. „Hm. – Wer singt denn da?“

„Meine Schwester.“

„Sie singt sehr schön.“

„Ja, dabei wird sie lebendig. Sie sollten sie sehen dabei.“

„Ich muß gehn,“ sagte Bojesen, „es ist spät.“

„Wieviel –?“

„Zwölf.“

„Schon! Darf ich Sie begleiten?“

Bojesen sah rasch auf, lächelte flüchtig ironisch, da aber Nieberding

ernst und unbefangen blieb, sagte er: „Gewiß, wenn es Ihnen Spaß macht.“

Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen

lichtlos und still. Nieberding murmelte:

„Mühsam ist der Pfad und lang,

Und kein fetter Pfaffe schreit

Ein versöhnliches Gebenedeit,

Wenn dein Fuß im Dunkel vorwärts drang.“

„Von wem ist das?“ fragte Bojesen.

„Von Gudstikker. Es sind wunderschöne Verse, die ich gelesen habe. Ich

muß ihn aufsuchen, muß ihn sehen, mit ihm sprechen.“

„Was sehen Sie denn da?“

„O, ein großes Talent.“

„Kein Charakter, doch ein Genie,“ sagte Bojesen bitter.

„Was meinen Sie damit?“

„Nun, dieses große Talent, – ich kenne es genau und schon lange. Er ist

ein kleiner, niedriger Schleicher, eine Intrigantenseele, ein

verwickelter Lügenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die Kunst eines

solchen Menschen ist vergänglich, selbst wenn sie für den Augenblick

noch so sehr blendet.“

Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt

hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein

beunruhigtes und mißtrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet,

selten begegnete ihnen ein Mensch. In den Wirtschaften war es still. Die

Polizisten an den Straßenecken regten sich nicht. Der Turm einer Kirche

erhob sich plötzlich auf einem Platz und dann gab dies der ganzen

Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät, daß Bojesen glaubte,

mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören. Aber es ist

bisweilen nicht unser leibliches Ohr, das hört, sondern ein innerliches,

der Vergangenheit zulauschendes. Zwischen zwei Häusern der breiten

Königsstraße ist ein Ausblick hügelabwärts auf den Weg und die Wiesen,

und daneben steht ein Gasthaus. Es heißt vielleicht: zur Krone. Durch

die grünverhängten Fenster drang nun trotz der späten Stunde die

Fistelstimme einer Soubrette, die irgend ein lascives Lied mit

entschiedener Betonung einzelner Wichtigkeiten zum Besten gab. Die

Stimme war so, daß man die Haltung des Körpers danach beurteilen konnte;

ja, man glaubte die stereotyp lächelnden Lippen und die gezierten Gesten

zu sehen. Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung, und der

Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an

den Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte.

Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort.

Bald zeigte sich der viereckige und so charakteristische Rathausturm.

Ein Symbol des Spießbürgertums, dachte Bojesen. Er betrat die

Rosengasse, und sah das jüdische Waisenhaus vor sich liegen. Auf einmal

sah er eine Schar von Knaben, zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben auf der

Straße stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos

ordnen und dann ebenso geheimnißvoll die Straße hinaufmarschieren. Sie

trugen die schwarze Mütze mit dem Lederschirm, bis auf zwei, die an der

Spitze gingen. In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer.

Hintennach trippelte ein komisches kleines Kerlchen, das bisweilen

weinerlich seufzte, wenn es ihm zu schnell ging.

Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloß, dem Zug zu

folgen. Er empfand eine unerklärliche Scheu, die ihn hinderte, Agathon

kurzweg anzureden. Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen

Gassen des Altstadtviertels, durch den Schießanger und Bojesen wurde so

begierig, zu erfahren, was all dies bedeute, daß er seine Vorsicht

vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte. Einige standen still und

wandten sich ihm zu. Agathon kam, stutzte, erkannte ihn, ließ den Kopf

sinken und schwieg. Da außen war es heller. Der Himmel schien von einem

gutverborgenen und weit entfernten Licht innerlich erleuchtet, und

Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen.

„Thun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht!“ sagte Agathon endlich

flehend.

„Was geschieht hier, Agathon?“ fragte Bojesen, und er war seltsam

bewegt, aus einem Grund, der ihm noch viel zu denken gab. Er war matt

und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber.

„Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,“ entgegnete Agathon und heftete den

Blick fest in den des Lehrers. „Diese alle sind sehr unglückliche,

verlassene Knaben. Sie gehen mit mir und ehe es Tag wird, kehren sie

zurück.“

„Und wenn es entdeckt wird –?“

Agathon lächelte so, daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er nickte ihm

flüchtig zu und machte sich auf den Rückweg, ohne sich ein einziges Mal

umzudrehen. „Wie romantisch,“ murmelte er und suchte sich über das alles

zu stellen; aber sein Herz war beklommen und in einer feierlichen

Stimmung, die seiner Natur sonst fremd war, kam er nach Hause.

Am andern Tag, als er über die Wiesen spazieren ging, sah er Agathon von

ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein

Vertrauen zu ihm, das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen

ließ. Agathon ging langsam, mit insichgekehrtem Blick; seine Kleider

waren etwas beschmutzt. Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch

gespannten Erwartung, eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht

erblickt. Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken.

Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück. Er begegnete Frau Olifat,

die aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gruß nicht. Auf ihrem

Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit,

ja Verzweiflung, daß Agathon ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins

Haus ging und am Wohnzimmer pochte. Das kleine Mädchen öffnete, legte

den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf den Diwan,

wo Monika lag. Agathon ging auf den Fußspitzen hin und sah sie. Sie

schien zu schlafen. Ihre Wangen glühten. Durch die geschlossenen Lider

und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Thränen. Der

Körper war in einer gequälten Lage, der Kopf und die Beine weit nach

rückwärts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters

eingekrampft, die Lippen waren in leiser Bewegung. Agathon ging es wie

ein Stich von der Stirn bis zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken

waren es, sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde,

diese offenbar so sehr heißen Lippen zu küssen. Und dann im Nu verlangte

seine Phantasie mehr, etwas, das wie ein schwüles Rätsel vor ihm

aufstieg. Die wogende Brust des jungen Mädchen, die offene und

leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos einer Wucht von Träumen

überliefert, der schwach geöffnete Mund mit den begehrlich blitzenden

Zähnen, – das ließ Agathon schaudern, und er verdeckte die Augen mit der

Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte schwer,

streichelte flüchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Esther

und ging. Alles Klare, Gute, Getröstete seines Innern war wie verblasen.

Er ging heim, und da dunkelte es schon, und er war so erregt, daß er wie

blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den

Corridor kam, um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die

Magd unter ihrer Thüre. Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam

wartend vor dem düstern Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches

Lächeln umspielte ihre dicken, feuchten Lippen und Agathon starrte sie

furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er niemals entrinnen konnte. Sie

sprach ihn an, aber er hörte es nicht; sie tätschelte seine Hand, und er

fühlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen

Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert.

Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich

machte er sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche

Treppe hinab.

Die Finsternis des Hofes empfing ihn, – es wurde ihm zu eng da. Er ging

hinaus, bis in die Felder und über den Kirchhof heimwärts und wußte

nicht, wieviel Zeit verronnen war, als er wieder vor Olifats Haus stand

und hinaufschaute. Da öffnete sich jedoch die Gartenthür; Monikas

Gesicht schaute heraus. Sie blickte hinauf und hinunter, und als sie

keine Menschenseele gewahrte, kam sie schnell auf Agathon zu, stockte,

machte wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder,

umklammerte fest Agathons Kniee und begann in einer klagenden und

kummervollen Weise zu schluchzen.

Agathon wurde bis in die Lippen bleich. „Was ist denn nur!“ stammelte

er. Aber nichts antwortete ihm, und er sah Monikas Schultern beständig

zucken, und ihr Weinen wurde immer verstörter, fassungsloser. Es schien

aus einer Tiefe zu kommen, wohin sonst nicht leicht ein menschlicher

Schmerz gelangt. Es klang dumpf und erstickt. Agathon wollte sie

emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz

unerwartet war sie still geworden, hielt die Schläfe mit beiden Händen

und sah zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Böses und

Schuldiges war und der von einer andern zu kommen schien, als jener

Monika, die Agathon bisher gekannt. Er wagte nichts zu sagen.

„Ach, Agathon,“ flüsterte endlich Monika mit einer gleichsam

weitentfernten Stimme, „dich hab’ ich erwartet, so lange, so lange.

Denke nicht schlecht von mir, bitte dich, thu’s nicht. Höre mich immer

an, wenn du kannst und verstoße mich nicht. Es hat Gott gewollt, daß ich

hier so werden sollte, wie ich bin. O Agathon! Agathon!“ Und sie blickte

mit dem Ausdruck einer vollkommen tierischen Verzweiflung in sein

Gesicht. Da stieg in Agathon eine Angst vor ihr auf, wie sie oft in

einer finstern Landschaft kommt, wenn uns vor einem unsichtbaren

Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus irgend einem Grunde

erschien sie ihm niedrig, und wenn er später über diese Stunde

nachdachte, verlor er sich in Staunen über jenes zweite Selbst, das mit

uns herumzugehen scheint und einen prophetischen Geist und eine viel

tiefere, wenn auch flüchtige Einsicht in die Dinge zu haben scheint, als

unser unmittelbares Ich.

Er drückte ihr unentschlossen die Hand und sagte beklommen gute Nacht.

Kaum war er fort, so bereute er tief, was er gethan, doch die Stimme des

Lämelche Erdmann schreckte ihn empor aus seinem Brüten. Lämelche Erdmann

stand vor dem Wirtshaus, focht ratlos mit den Armen durch die Luft, und

schrie Agathon zu, den er im Schein des Laternenlichts erkannte:

„He! Agathon! schnell! Dei Vatter, dei Vatter! Schlemassel,

Schlemassel!“

Die Juden von Zirndorf · 第 19 / 45 题