Neuntes Kapitel

Novemberstürme!

Bojesen schritt durch die leeren Gassen mit den flackernden Lichtern und

der Umhang seines Mantels wehte hoch empor. Sein Hut flog vom Kopf,

rollte hin über die Steine und blieb vor dem Eingang des „siebenten

Himmels“ ruhig liegen, wie ein Pferd, das seine Station kennt. Bojesen

hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal, das voll von Menschen war,

meist sehr seltsamen Existenzen. Er nahm Platz, bestellte Bier und

wandte bald keinen Blick mehr vom Podium, wo die Schaustellung

stattfand. Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond, und

ein Ritter wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen

den Arm aus. Da öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine

Erscheinung stand zwischen ihnen: Luisina. Der Ritter verzweifelte,

diesem geliebten Bilde jemals nahe zu kommen, warf sich auf die Erde und

gab vor, zu weinen. Da erhob sich ein Zauberer aus einer mangelhaft

funktionierenden Versenkung, oder es war Satan selbst, wies ein

Pergamentum vor und machte die Gebärde des Sichverschreibens. Das that

der Ritter, darauf fiel die schöne Luisina aus den Wolken, die Nacht war

beendet, das primitive Wasser und der komische Mond verschwunden und die

Pantomime ward zum Bacchanal. Wilde Mädchen mit wilden Haaren stürzten

auf die Scene und zerrten junge Männer hinter sich nach. In diesem

köstlichsten Theater spielte das Publikum die Orgien, die man ihm

vorspielte, selbst mit. Ein langhaariger Mensch, eine Art von Künstler,

saß am Klavier und entlockte dem unwilligen Instrumente eine Folge von

schrillen Harpeggien im Walzertempo. Der Glühende erschien mit

emporgehobenen Armen und ekstatischen Begeisterungsausbrüchen, die

Köchin kam und schrie, sie könne das Wasser zum Punsch nicht kochen,

denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das Feuer aus. „Nimm

das Feuer meiner Brust, Aglaia!“ heulte der Glühende. „Kein Orkan des

Universums vermag es zu löschen!“ Ein Mann mit glattem, langem Haupthaar

war da, den man Barbin nannte und der sich sehr ängstlich gebärdete,

obwohl er sehr laut den Übermütigen zu spielen versuchte. Sein Äußeres

wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen, wie sie

die Städte hervorbringen, eines jener unglücklichen Geschöpfe, für die

die Zeit eine käufliche Dirne ist, da sie ihnen ohne Münze nichts giebt,

womit sie ihr Leben verkürzen können. Dieser Barbin wandte sich sehr oft

an den Glühenden, als flehe er ihn um seinen Schutz an, und er suchte

dies durch ironische Worte zu bemänteln, die aber von dem tollen

Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden. Luisina schien alle Ruhe und

Besinnung verloren zu haben. Sie befahl dem Glühenden, sich zum Schemel

ihrer Füße zu machen, und er legte sich platt auf die Erde. Die andern

Mädchen tranken Wein in Strömen. „Wann wird denn nun der Böse seine

Urkunde geltend machen?“ fragte Bojesen eine Brünhilde, die neben ihm

saß, in einer männlichen Pose, das Schnapsglas in der Hand. Sie

erwiderte: „Ja, das ist nichts für Pfaffen und Professoren hier im

siebenten Himmel.“ Alsbald begann der Tanz mit Jubel und Singen und auf

einmal war alles still. Einige Burschen in Tricots mit prachtvoll

gebauten Körpern machten halsbrecherische Kunststücke. Barbin machte

vergebliche Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, bis es ihm

gelang, den Pianisten vom Klavier zu vertreiben. Er setzte sich hin und

spielte mit grotesken, schlangenhaften Windungen seines Körpers irgend

eine tolle Phantasie.

Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen. „Nun, da sind Sie

ja wieder“ redete sie ihn spöttisch an. „Was wissen Sie Neues?

Eigentlich ist mir Ihr Anblick verhaßt. Warum sind Sie so finster,

nachdenklich, schwermütig? Wer sind Sie? Was wollen Sie? Hier giebt es

kein Amt für Sie. Höchstens eines. Wenn der Tag anbricht kommt nämlich

der Teufel wieder, um mir meinen Ritter zu holen. Er kommt in Gestalt

eines Polizisten. Das ist ein Amt für Sie.“

„Warum sagen Sie mir das alles?“

„Das will ich Ihnen erklären. Mir ist, als spräche ich in Ihrer Person

zur ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Ich habe auch dazu gehört.

Aber so ist es um unsere Zeit bestellt, daß wer sich freuen will, sich

von ganzem Herzen ausleben will, all sein Heil und seine Seligkeit im

Lachen sucht, daß der zu solchen Dingen kommt. Da wo sonst das

Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist, da muß er sein Höchstes

suchen und finden, denn überall sonst ist es zu anständig dazu. Und für

ein Weib! Was soll ein armes Weib thun in eurem Kreis von schalen

Vergnügungen, von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen? Was soll

sie thun, da sie erst anfängt, unter Menschen zu zählen, wenn sie

heiratet. Was kann sie dafür, wenn sie in einer Welt lebt, wo jeder

darauf stolz ist, wenn er ein wenig unglücklich ist? wo die Lebensfreude

bei der Prostitution anfängt? Sagen Sie selbst! reden Sie doch! Ach, Sie

haben ein Gesicht, dem ich eigentlich viel vertrauen könnte. Glauben Sie

mir, nicht die Not allein ist Schuld an dem „Fall“, wie man es nennt, so

vieler Menschen, sondern die Sehnsucht nach, – ja, wonach sag ich doch

gleich, – die Sehnsucht nach, – es ist zu schwer, ich kann es nicht

sagen.“

Sie schwieg. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in

den Taumel, der sich rings um sie gestaltete. Der Glühende sprach nur

noch in Versen, Barbin hieb wie besessen auf das arme Instrument ein und

gab seinem Körper stets einen erschreckenden Ruck, wenn er vom

Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang. Viele tanzten,

schnell und feurig, oder leise sich wiegend und träumerisch, allein oder

zu zweien. Die Brünhilde neben Bojesen war selig, wie aufgelöst vor

Weichheit und nippte gerührt von ihrem Glas. Auf einmal war in einem Nu

das Podium leer, die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht; auf einmal

war auch Barbin still und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Die

Tanzenden hielten ein und flüsterten: „Die Dämonen“.

Auf der Bühne erschienen in einem matten, grünen Licht vier Männer mit

düstergrünen Gewändern, so enganschließend, daß sie wie nackt aussahen,

grünen Gesichtern und begannen ein phantastisches, unheimliches,

aufregendes Spiel. Wie Fische im Wasser, so bewegten sie sich in der

Luft; ihre Füße schienen des festen Grundes nicht zu bedürfen, ihre

Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz gebunden. Bald schienen sie

alle ein einziger Leib zu sein, der sich in entsetzlichen Krümmungen

wand, bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich, wurde von

unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die

Bretter zurück. Bald waren sie wie eine Meute von Hunden, denen der

Jäger aus der Ferne pfeift, bald glichen sie Würmern und krochen auf

unbegreifliche Art an den Seidenwänden empor, alles blitzschnell,

fischhaft, dämonisch. Jeder sah zu, als ob sich ein spannendes Drama

entwickeln würde. Als Bojesen den Blick abwandte, sah er in geringer

Entfernung, im Dämmerlicht fast unmerklich, Luisina. Sie schien ihn

lange beobachtet zu haben. Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann

nach der Thüre, als sie sah, daß er ihr folgen würde. Sie hatte einen

Pelzmantel um den Körper gelegt und ein blaues, seidenes Tuch um den

Kopf und ihre großen Augen sahen mit einem ungewissen, zitternden Glanz,

aber doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne. Draußen sprach sie

kein Wort; sondern stumm forderte sie Bojesen auf mit ihr zu gehen. So

wanderte er schweigend an ihrer Seite weiter.

Welch eine Nacht ist das! dachte Bojesen. Es herrschte nicht eigentlich

Dunkelheit und auch nicht Helligkeit, – eine jener seltsamen

Herbstnächte, in denen sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben

scheint. Es fehlen auch jene Stimmen, jenes unklare, unbestimmte

Geräusch, das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des Tages ist. Der Wind

hatte sich gelegt. Der Mond, eine unvollendete Scheibe lag in einem

graugelb geschimmerten Flaum von Wolken. Er sah ganz verquollen aus, wie

Farbe auf feinem Fliespapier. Das Leben war von den Straßen wie

fortgeblasen. Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weißen

Gardinen sahen aus, als ob sie schliefen; Bojesen konnte die Straße

entlang blicken bis an die Grenzen des Horizonts, und diese lange,

unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes.

Luisina schritt rasch dahin, hastig atmend, offenbar noch mit ihren

Entschlüssen ringend. Bojesen folgte ihr, mehr gezogen durch die intime

Macht, die sie auf ihn ausübte, als freiwillig. An einem einzelnen und

sehr vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie endlich Halt,

drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen Knopf

und ging dann die teppichbelegte Steintreppe empor, hastig, atemlos. Aus

einer Thüre kam ein junges Mädchen, dessen Gesicht alsbald das größte

Erstaunen ausdrückte. „Jeanette!“ rief sie aus. „Ist Nieberding zu

Hause?“ fragte Jeanette-Luisina bebend. – „Nein, Edward ist noch nicht

da“, entgegnete das Mädchen bestürzt und schüchtern und blickte

furchtsam auf Bojesen, der nichts zu sagen, ja nicht einmal sich zu

bewegen wußte.

„Ach Cornely!“ rief Jeanette und faßte mit beiden Händen nach der

dargebotenen Hand des Mädchens.

„Was, meine Gute? Komm doch herein. Willst du warten auf Edward? Es ist

alles so sonderbar, was du thust“, sagte Cornely mit ihrer leisen,

kindlichen und zutraulichen Stimme. Sie hatte stets ein schwaches und

undeutbares Lächeln auf den Lippen; aber hätte man ein Tuch über den

Mund gebreitet, so wäre auf dem übrigen Gesicht ein Ausdruck von

Schwermut, mehr wie von Schwermut geblieben. Sie machte den Eindruck

eines Geschöpfs, das durch irgend eine Situation vollständig betäubt ist

und sich nur bestrebt, ihre Gedanken geheim zu halten. Ihr Haar war von

einem dunklen Gelb, wie es etwa das Stroh hat, wenn es lange in Scheunen

gelegen und verstaubt ist. Ihr Gesicht war von Sommersprossen bedeckt;

ihre vollen Lippen waren trocken und aufgesprungen und erinnerten in der

Farbe an ein Stück verwaschenen roten Kattuns.

Dann saßen sie im Salon, bei dunklem Licht, das durch gelbrote

Seidenschirme schimmerte und in den Ecken förmlich zu verfließen schien,

als ob es hinstrebte zu der allgemeinen Nacht draußen.

„Ich habe diesen Herrn mitgebracht, Cornely, – es ist Herr –“

„Bojesen.“

„Ja; Herr Bojesen hatte also die Güte, mich zu begleiten, weil ich nicht

allein gehen konnte, zweitens weil er ein Freund von mir ist und dabei

sein muß bei dem, was ich jetzt vorhabe.“

Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung. Er konnte

sich dem vibrierenden Wesen des jungen Weibes nicht eine Sekunde lang

entziehen. Er dachte wieder an sein eignes Weib, die, er wußte es, zu

Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe lief, mit der kleinen Lampe

hinunterleuchtete, von jedem Schritt auf der Gasse aufgescheucht wurde

wie ein Vögelchen und auf ihn wartete, wartete.

Als Jeanette den Mantel abwarf, weil es ihr zu heiß wurde, stand sie da

in ihrem Theaterkostüm, sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten

sich seltsam. Cornely stieß einen leisen Schrei aus und faltete die

Hände.

„Wie lange willst du noch so bleiben, meine arme, kleine Cornely?“ sagte

Jeanette. „Soll ich recht behalten von damals her, als ich dich beim

Pfänderspiel zur alten Jungfer machte?“ Etwas Triumphierendes lag in

ihrem Gesicht. Das Kostüm schillerte zauberhaft im matten Lampenlicht.

„Selbstüberwindung ist die größte Freiheit,“ erwiderte die Bleiche mit

ihrem sanften Lächeln.

Die Hausthüre wurde zugeworfen, schlürfende Schritte wurden laut, und

Bojesen glaubte eine heiße, zitternde Erregung in Jeanette mitzufühlen.

Ein junger Mann trat ins Zimmer und blieb wie versteinert stehen, weiß

wie Leinwand. Er war schlank, groß und bartlos, hatte dicke Lippen und

eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gerötete Augen und einen eigenen

Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Das feinste waren seine Hände. Sie

waren lang, zartlinig wie ein gotischer Bogen und bewegungslos: müde

Hände. Cornely schlich geräuschlos und etwas bestürzt davon, als er kam.

„Du bist erstaunt, wie ich sehe,“ flüsterte Jeanette. „Aber willst du

dich nicht erholen? Dieser Herr hier darf dich nicht stören. Ich will,

daß er bleibt, und ich will, daß du so bist, als ob er nicht da wäre.

Verstehst du?“

Edward Nieberding senkte den Kopf und ließ sich in ein Fauteuil fallen.

„Rede! Was willst du? Ich begreife nichts von alledem.“

„Wie solltest du auch das begreifen!“ erwiderte Jeanette

leidenschaftlich erregt. „Wie könnte ich das vermuten! Du, der eher

begreift, was auf dem Mond vorgeht, als in der Seele einer Frau! Du!

Bist du es nicht, der das erfunden hat von der keuschen Liebe? Der das

alles gepachtet hat, diese eisigen Dinge von Resignation und kühler

Anbetung und von der unsinnlichen Macht des Schönen oder wie du es

nennst? Rede du! Rede! Hast du mich nicht irre gemacht an allem was

strahlt in dieser Welt und was warm ist?“

„Verschone mich, Jeanette! Wie thöricht von dir! Warum in der Gegenwart

eines Fremden? Was thust du!“

„Ich will es dir sagen. Hier ist ein Mann. Ich glaube, Bojesen, Sie sind

ein Mann. Ich frage Sie nun, – und dazu sind Sie hier, daß Sie mir auf

Ihr Gewissen antworten, denn Sie sehen ehrlich aus, – ich frage Sie nun:

kann ein Mann ein Weib lieben, wenn er sie bittet, gehe fort von mir,

gehe weit fort, denn dann wird meine Liebe zu dir immer größer und mein

Gefühl reiner –? Der sie bittet, küsse mich nicht, denn sonst begehre

ich dich und das würde meine Liebe verringern –? Ich will von dir

träumen, genau so redet er, ich will träumen, wie du bei Mondschein am

Seeufer wandelst, weit von mir, wie du den Elfen gleichst, die ungesehen

um dich huschen, – dann liebe ich dich wild, unfaßbar. Was sagen Sie

dazu? Oder nein, antworten Sie noch nicht, erst dies –“

„Jeanette!“

„Still! Dies: was sagen Sie dazu, wenn ein Mann sagt, erst dann werde

ich eine Frau wahrhaft lieben, wenn Sie einen Andern geheiratet hat und

von diesem Andern ein Kind gehabt hat –? Und nicht genug mit diesen

Worten, – der mich hinschickt, und mir rät, den andern zu nehmen, der

mich bethörte, mich alles vergessen läßt, was ich mir schuldig wäre! Was

sagen Sie dazu, Herr? Nun? urteilen Sie! Schweigen Sie nicht, sonst war

es überflüssig, daß Sie kamen.“

Eine lange Pause entstand.

„Wenn ich nun reden muß, und wenn dies alles vorgefallen ist,“ sagte

Bojesen langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen, nervösen

Züge des jungen Mannes, „dann ist es erstaunlich, aber doch zu erklären.

Es liegt in der Zeit. Ich wette, Herr Nieberding, Sie können den Anblick

eines nackten Menschen nicht ertragen? Ich nehme auch an, daß Sie nie

trinken, nie spielen, nicht mit Kindern spielen können? Ich bin ja nicht

als Arzt hier, aber weil ich nun doch in dieser Lage bin, will ich

sagen, was ich denke. Ja, es liegt in der Zeit. Mit welchem Wort Sie es

nennen wollen, ist gleichgültig. Es ist all dies Mystische und

Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit, daß wir

nicht mehr wissen, was Kraft oder Rohheit oder wahrhafte Scham oder

Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Nieberding, wie? Ich weiß es, ich hatte

auch schon einiges über Sie gehört. Nun, Ihr Volk ist es, das uns dies

Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen

bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe,

nicht mehr die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das

Quälerische, Zerstörende, Erniedrigende, alles was Sie zum Märtyrer

macht. Glauben Sie mir, glauben Sie einem der viel erfahren und

vielleicht ein wenig gedacht hat, es giebt viele von Ihrer Art. Es sind

Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich

geißeln, ist dieses wohlbekannte Ich, diese Phrase von der

Individualität, vor der jetzt alles auf den Knieen rutscht. Und wenn ich

sage, die Juden sind Schuld, so ist das keine gedankenlose Anschuldigung

von mir. Nicht jene alten Juden, die noch fromm sind, sie sind entweder

ehrwürdig oder komisch; nein die neuen, die sogenannten modernen Juden,

die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des

Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und

ihrer geistigen Schärfe kommen, und ein Pseudochristentum aufrichten mit

Gefühlskasteiungen, fleckenloser Liebe und dergleichen. Ich weiß es nur

zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres Volks. Auch Christus war ja ein

Jude.“

Nieberding erhob sich, schwankend und zitternd trat er auf Bojesen zu

und flüsterte: „Herr –!“

Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg.

„Ich habe ihn geliebt,“ sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor

sich hin. „Weißt du, wozu ich nun geworden bin?“ fragte sie laut und

fest.

Edward Nieberding, der am Fenster gestanden und unbeweglich

hinausgesehen hatte, wandte sich um und sagte: „Jeanette, du hast

niemals eine Schätzung gehabt für das edle Gestein und für seltene

Menschen. Aber daß du zu solchen Mitteln greifen mußt! Ich denke, das

war unnötig. Ich denke, das ist alles zu theatralisch. Seine

einleuchtenden Erläuterungen mag sich dieser Herr für den Hörsaal

sparen. Mag ich sein, was ich will, ein Flagellant oder ein Bacchus,

damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt, du hattest gegen

meine Gefühle gewisse Pflichten, mehr will ich nicht sagen. Du durftest

nicht kommen und mir ein Schauspiel vorspielen. Ich trinke das Leben aus

den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, ich finde Genüsse,

wo andere nur Narrheiten sehen, – gut, laß mich so sein. Geh’ jetzt

fort, wenn du barmherzig bist, und laß mich allein. Ich werde dich

lieben bis ich sterbe.“

Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt. Nun ging sie hin, legte ihren

Mund auf den seinen, und so blieben sie, in diesem traumhaften Kuß,

minutenlang. „Und nun leb wohl,“ sagte Jeanette, „wer weiß, wo wir uns

wieder finden.“

„Im Kot oder bei den Sternen,“ entgegnete Nieberding, trübe lächelnd. Er

stieß ein wenig mit der Zunge an, was seinen Worten oft etwas Herzliches

und Kindliches gab.

An der Treppe stand Cornely. Sie stieß einen dumpfen Schrei aus, als sie

Jeanette fest anblickte. „Was war es?“ fragte sie hastig, mit einem

scheuen Seitenblick auf Bojesen.

Jeanette schüttelte den Kopf; ihre Augen standen voll Thränen. Deshalb

lächelte sie in einem wunderlichen, frauenhaften Trotz. „Du weißt alles,

was geschehen ist, gute Cornely. Du ahnst es. Du weißt, was mein Vater

gethan hat, daß er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat. Siehst

du, Cornely, arme, ich habe eine so komische Moral in mir, bei der du

staunst. Was ihr Niedrigkeit nennt, nenne ich vielleicht Ehre, und was

dir die Selbstüberwindung ist, ist mir die Feigheit und Furcht. So sind

einmal die Menschen. Gute Nacht, Liebe.“

Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte,

wie wenn nichts mehr an der Erde wäre, was ihn festhalten könnte.

„Bojesen,“ sagte das junge Mädchen, als sie das Thor hinter sich

geschlossen hatten, und nahm seine Hand, „in dieser Stunde sind Sie ein

guter Freund von mir geworden.“

Es schneite. Große Flocken fielen hernieder, die alsbald hinschmolzen im

Schein der Laternen. Es war ein friedliches Fallen, ein lautloses und

märchenhaftes Herabgleiten der schimmernden, zitternden Krystalle.

Einige Zeit gingen beide schweigend. Plötzlich sagte Jeanette, indem sie

ihre Schritte hemmte: „Wissen Sie, woran ich denke? An die Dämonen von

heute abend. Ich denke mir, so ist die Welt, so sind die Menschen; ein

zielloses Hin- und Hergleiten, so daß es einen beängstigt, daß man

fürchtet, jeder muß den Hals brechen und jeder wird doch wieder durch

den andern getragen und beschützt. Und dann das, was ich nicht so recht

ausdrücken kann; es ist vielleicht dies Spielen auf die Wirkung oder so

... Meinen Sie nicht, daß wir lauter solche grüne Dämonen sind?“

„Ja, eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol, und wir können

nichts anderes thun, als alles, was uns zustößt, symbolisch zu

betrachten. Darum sind auch die Dichter am größten, die das Leben

möglichst vereinfachen.“

Wieder entstand ein Schweigen. „Ach, die Dichter,“ sagte Jeanette dann

nachdenklich und traurig. „Sehn Sie, ich habe so viele kennen gelernt

von den berühmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und in andern

großen Städten und mein Vater war ganz versessen auf die berühmten

Leute. Da hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem mir vorher

wirklich das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer

enttäuscht worden! Ich habe mich nur immer gefragt: du lieber Gott, wie

konnten diese Leute das oder das schreiben. Sie hatten doch so große

Gedanken und so große Gefühle in ihren Büchern und waren nun Menschen,

vor denen man auch nicht _so_ viel Ehrfurcht haben konnte. Und Ehrfurcht

will ich haben vor einem wirklichen Dichter, ob er jung oder alt ist.

Lachen Sie mich nur aus. Aber diese Leute hatten alle so nachlässige

Gesichter, so unneugierig, was sie sagten, waren so vorbereitet und sie

liebten es so sehr, geistreich zu sein oder auch vornehm zu schweigen. O

nein, ich hasse die Dichter.“

Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen. Alles was

sie sagte, kann gar nicht so wiedergegeben werden, weil der warme Laut

fehlt, das Eindringliche, Natürliche und Graziöse ihres Wesens.

„Sie wundern sich ein wenig über mich,“ fuhr sie fort und schlug den

Mantel fröstelnd zusammen. „Ich auch. Ich habe stets geglaubt,

wahnsinnig zu werden bei dem Gedanken, daß ich vielleicht auch eine von

diesen Jüdinnen sein könnte, – ja, schauen Sie nur, – die mit zwanzig

anfangen, fett zu werden, heiraten, französische Romane lesen, Kinder

bekommen, Migräne haben und immer fetter und dümmer werden. Nein so bin

ich nicht. Es hat große Jüdinnen gegeben und ich habe mein Vorbild.

Später, später einmal sollen Sie es erfahren. Auch ich bin ein Symbol.“

Der junge Mann sah sie lächeln. Er fragte, ob sie nicht seinen Arm

nehmen wolle und wo er sie hinführen solle.

Sie nahm den Arm. „Wohin? Ach, irgend wohin. Nein, fragen Sie nicht

wohin, jetzt. Sagen Sie mir eins, Bojesen. Sind Sie nicht ein wenig

Dichter?“

„Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.“

„Das sagen Sie so pedantisch. Ich denke, man kann dadurch ein so stolzer

Dichter werden, – so daß man zu stolz ist, um zu schreiben.“

„Welch ein schönes Wort sprechen Sie da aus!“ rief Bojesen.

Sie waren an einer Allee. Beschneite Bäume, beschneite Wege blickten

ihnen entgegen. Hinter einem halbzerstörten Staket lagen Steine in

großem Wirrsal, Mörtelbehälter, Schaufeln, aufgeschichtete Ziegel und

dahinter war der unfertige Bau mit öden, schwarzen Fensterhöhlen.

Daneben war ein Haus schon fertig gebaut, aber es war noch unbewohnt. Im

Erdgeschoß brannte einer jener Trockenöfen, die bei feuchter Jahreszeit

tagelang in den Räumen der Neubauten aufgestellt werden. Eine düstere

Röte ging von dort aus, strahlte durch die Fensterscheiben, fiel auf die

blätterlosen Sträucher und Bäume bis über die Straße. Der Raum selbst

erschien wie das Innere eines Kamins. Die beiden gingen an den Fenstern

vorbei, guckten neugierig hinein, und sie sahen vier Knaben um den

Glühofen kauern und mit den geröteten Gesichtern emporschauen zu einem

jungen Menschen, der mit dem Rücken gegen das Fenster stand und zu ihnen

redete. „Agathon Geyer!“ flüsterte Bojesen erschrocken und aufs höchste

erstaunt und Jeanette stieß einen leisen Schrei aus. Bojesen hatte ihn

sofort erkannt an Gestalt und Bewegung. Als Agathon ein wenig seitwärts

trat, konnten sie beide sein Profil sehen; gedankenvoll und entschlossen

sah er ins Feuer. Die Knaben schienen ganz versunken zu sein, schienen

Agathons Worte zu trinken, und es lag etwas Gläubiges und Ergebenes in

ihren Gesichtern, vom ältesten, der etwa sechzehn Jahr alt war und die

Kappe der Waisenhauszöglinge trug, bis zum jüngsten, der etwa dreizehn

Jahre alt war.

„Wir wollen gehen,“ sagte Bojesen leise, „es ist kalt.“ Jeanette riß

sich los und sagte im Weitergehen langsam: „Hat er nicht etwas von einem

jungen Christus?“

„Ja, es ist etwas Außerordentliches in ihm. Aber Sie kennen ihn?“

Jeanette nickte. Sie blieb stehen, schaute hilflos umher und schien

nachzusinnen. „Wohin? wohin?“ murmelte sie beklommen.

In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Mantel vermummte Gestalt

vorüber. Nur die Augen waren sichtbar, die boshaft funkelnd denen

Bojesens begegneten. Bojesen kannte diese Augen und wußte, was er von

der Begegnung zu halten habe. Er lächelte resigniert.

Jeanette eilte rasch weiter und Bojesen hatte Mühe, ihr zu folgen. Bald

standen sie vor dem „siebenten Himmel“. Sie traten ein; schwüler Dunst

schlug ihnen entgegen. Sie sahen ein wüstes Durcheinander im Schein der

heruntergebrannten Lichter. Barbin schlief auf dem Billard; die

Brünhilde schlief auf der Erde, die jungen Männer in Tricot schliefen

auf dem Podium, Liebespaare saßen flüsternd oder stumpfsinnig in

finstern Ecken, der Glühende allein war noch völlig wach. Er hockte an

der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen, die Stirn leicht und

nachlässig in die geründete Hand gestützt, den Blick verloren, mit

stillem Triumph in der Ferne weilen lassend. Eine Schnapsflasche stand

vor ihm auf dem Boden.

„Was sinnst du, Liebling der Götter?“ fragte Jeanette, seine Schulter

leicht mit den Fingern berührend.

„Auf daß sie ewig fern und heißbegehrt,

Die Sterne, unerreichbar für mich bleiben.

Wer seinen Idealen jemals naht,

Kann sich getrost zu den Verlorenen schreiben.“

Die Juden von Zirndorf · 第 16 / 45 题