„Und warum zeigen Sie mir das!“ rief Agathon voll Kummer.
„Warum? Das weiß ich selbst nicht. Ich mußte wohl. Jetzt können Sie
sehen, wie das Leben ist. Wie ein Schauspiel geht alles. Ein Kobold hält
uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen, als er will.“
Agathon hörte das nicht. Er sah verloren in die breite Mauer der
aufgeschichteten Ziegelsteine, die sich für seine Blicke öffnete wie ein
Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte zurückschauen ließ. Das war seine
Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht! Hatte seine Mutter das
empfinden können? Und wo war es nun hingeschwunden, das alles, wohin? Er
begriff es nicht.
„Ich weiß was Sie denken,“ sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an
banalen Weisheiten fort: „Es giebt nur zwei Wege für einen Menschen, –
in die Berge, oder ins Thal. Droben ist er allein, im Thal wird er
gewöhnlich. Ach das ist auch falsch. Worte! Ich bin jetzt
Ziegeleiverwalter, Aufseher oder dergleichen.“ Er lachte bissig. „Wissen
Sie, daß die Untersuchung über den Mord vorerst eingestellt ist? Man hat
absolut keine Spur. Ja, die Herren da oben sind schlau. Einmal hatten
sie sogar den armen Lämelche Erdmann in Verdacht. Dann auch Ihren
Vater.“
„Was –?“
„Ja. Das ist nicht minder komisch. Er ist sogar verhört worden. Wissen
Sie das nicht? Irgendwer hat mir gesagt, daß er seitdem von Furcht
gepeinigt würde. Er ängstigt sich vor allen Gedanken, die er früher
einmal gegen Sürich Sperling hatte.“
„Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?“
„Wahr.“
„Nein nein, das ist nicht möglich.“
„Weshalb regen Sie sich auf? Ich kenne da einen Fall, er ist ziemlich
sonderbar. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die
Familie, es sind Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Edward
Nieberding, war zu Gast. Als nun alle den goldnen Ring suchten, wurde
Nieberding völlig gelähmt. Denn er war vorher allein in jenem Zimmer
gewesen, wo der Ring gelegen war. Beachten Sie wohl, es konnte nicht der
Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist ja selbst ein reicher
Mensch, aber er suchte gar nicht mit, damit man nicht glaube, er suche
nur deshalb, um zu zeigen, daß er den Ring nicht habe. Er wähnte sich
beargwohnt, und er bildete sich schließlich so fest ein, jeder vermute
ihn als den Dieb, daß er fürchtete, man könne den Ring in seiner Tasche
finden, wenn man ihn nur durchsuchte. Er hat mir später alles erzählt.
Schließlich ergab es sich, daß die kleine Katze den Ring fortgeschleppt
hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt das alles ist. Unsere
Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand thut.“
Als Agathon dem Haus zuschritt, sah er auf einmal den Sema Hellmut neben
sich gehen. Er sah dessen große, fragende Augen auf sich gerichtet mit
einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe. Der Knabe sah aus, als sei er
bekümmert über sein Unvermögen, die trübe Stimmung Agathons zu
verscheuchen. Es war etwas selten Reines und Anbetendes in jenem
flüchtigen Blick, der auch die Bitte auszudrücken schien: Darf ich mit
dir gehn?
„Kennst du Wendelin?“ fragte Sema unter dem Zwang, etwas zu sagen, was
ihn nicht als dumm erscheinen ließ. „Es ist ein guter Kerl. Er hat keine
Mutter und keinen Vater und gar, gar kein Geld.“
Agathon schwieg. Er wunderte und freute sich über das bedürftige
Anschmiegen des Knaben. Aber er dachte daran nur halb. Der andere Teil
seines Nachdenkens war der Ringgeschichte gewidmet, seinem Vater, seiner
Mutter, dem Schicksal, das über ihm hing wie die Wolken und das alles
dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des Abends von den
Wolken auszufließen schien.
„Du bist schön, Agathon,“ sagte Sema unsicher und schwieg betrübt, als
er keine Antwort bekam.
Daheim fand Agathon alles friedlich, – von einem unheilvollen Frieden
erfüllt. Müßig wandelte er in den Garten. Ein kalter und feuchter Wind
ging. Er hörte es rascheln wie vom Graben eines Spatens. Plötzlich sah
er seinen Vater im Garten schaufeln. Er keuchte dabei und grub ruhelos,
bald hier, bald dort, – ein Schatzgräber. Es war unheimlich anzusehen.
„Was thust du, Vater?“ fragte er.
Elkan ließ den Spaten sinken, stützte sich darauf und Agathon sah trotz
der Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. „Du bist jetzt so alt, um
alles zu verstehen, Agathon. Gott hat seine Hand abgezogen von uns und
sein Antlitz verhüllt. Aber wir dürfen nicht murren. Gepriesen seist du,
Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst.“ Elkan betete ein Lobgebet.
„Vater,“ sagte Agathon „ich kann nicht mehr in die Schule und darf es
auch nicht. Ich werde davon gejagt, obwohl es recht und gut war, was ich
gethan habe.“
Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem
langen, schweren Schweigen ging er mit suchenden Schritten ins Haus.
Agathon blieb, nahm seine Mütze ab und gab das Haar den Winden preis.
Die Nacht öffnete sich ihm mit einer Reihe schwüler Wunder, unvorhanden
für fremde Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch erkannte er
den Gott nicht.
Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und erklärte sanft, daß man nichts
„übereilen“ müsse. Es sei alles beim Alten und hier sei eine „Pillule“.
Doch war sein Gesicht sorgenvoller als sonst. Agathon sah die Augen
Semas beständig auf sich gerichtet; sie folgten jeder seiner Bewegungen.
„Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst,“ murmelte
Elkan.
„Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan,“
sagte Gedalja. „Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit
vergessen an den Elkan? Elkan is brav, ich waaß, aber worum soll er nit
vergessen an die Braven, wenn er hat so viel zu bessern an die Sünder?
Wenn de tot bist, waaßt de nix dervon und denkst in deiner Sterbestund,
du hast gelebt e großes Leben, e reiches Leben un nit e Elkanleben. E
Chillik! Gehängt is gehängt, mit’n Strick oder mit’n Goldfaden hat mei
seliger Onkel g’sagt. E weiser Mann.“
Agathon schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt
sah er in die Finsternis. Er hatte ein Gefühl, wie oft, wenn er ein
Geschenk erwarten konnte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war
unbewegt, nur selten gestört durch das Heulen eines Hundes. Als es drei
Uhr schlug, kam der Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit
diesen Strahlen wurden die Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und
verklärter. Sie brachten ihm Reichtümer, von denen er nicht begriff, daß
er sie je hatte entbehren können, er fühlte sich wachsen und es war, als
hörte er einen Ruf über die Felder hinhallen, der ihm galt: lang und
eindringlich.
Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des
Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geyer. Er verlangte den
Weglohn und trollte ins nächste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den
Tisch und las. Kaum war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein
Gefolterter. Gedalja ging zu ihm, aber Elkan ließ sich nicht halten,
sein Gesicht wurde plötzlich blaurot, er fiel über Agathon her, preßte
die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt, wenn nicht ein
furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht
hätte. „Aus meinem Haus, du Christ!“ röchelte er und stieg schwer und
schwankend die Stufen zum Schlafgemach hinauf, begleitet von der
händeringenden Frau Hellmut.
Gedalja strich Agathons Haar langsam und nachdenklich mit der Hand. „Was
haste gethan?“ murmelte er. „Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is
geworden e wildes Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der
Welt un mer stehn da wie die hilflosen Kinder, user.“ Er nickte; Agathon
lehnte die Stirn an seine Schulter.
„Zum Doktor! Zum Doktor!“ kreischte die Pflegerin und rannte selbst
fort. Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: „Sie stirbt.
Schemaa Jisroel adonai elohim adonai echot.“ Seine Augen waren glanzlos,
die Arme hingen schlaff.
Agathon richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem
überirdischen Feuer erfüllt, das alle mit Bestürzung und Scheu
gewahrten. Die heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ganz
ruhig. Er ging ins Zimmer der Mutter, an Elkan vorbei, der sich
zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und trat an das Lager der
Kranken. Ihr Gesicht war gelb wie altes Pergament, – es war grausig.
Ihre Augen blickten matt, leblos, stumpf, gleichsam den Tod suchend.
Agathon sah nicht dies Bild. Er sah die jüngere Mutter, die entsagt
hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der schweren Bürde der Tage
erlegen war. Und dann war auch dies alles tot für Agathon. Er nahm ihre
Hand und begegnete ihren Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene
Brust, gegen die das Herz verlöschend klopfte. Er wünschte, das Fenster
möge offen sein und da öffnete es jemand, als ob es eine unsichtbare
Hand wäre. Seine Brust war zum Springen voll, er wußte nicht ob vor
Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. „Werde gesund, Mutter, wache,
Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben.“ Er kannte seine
Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Körper
aufatmen ließ, sich aufrichten ließ als wäre eine unerhörte Last von ihm
genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das
Feuer schien in den Körper der Kranken überzuströmen; sie lächelte
plötzlich unter seiner bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie
drückte mit den schwachen, fleischlosen Fingern seine Hand und rief
seinen Namen. Und je länger er die erloschenen Züge ansah, je mehr
belebten sie sich in einer geheimnisvollen Weise, – bis sie ganz frei,
mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam, hereingeleitet
von der Pflegerin, richtete sie sich zu dessen Erstaunen empor, legte
den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und ihren
Kindern mit einem Lächeln zu, das eine eigene Mischung von
Schalkhaftigkeit und Inbrunst war.