Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen, fünfeckigen Raum versammelt.
Alle hatten ein ernstes und feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das
von Leuten, die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung völlig bewußt
sind. Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder mit vorwurfsvollen
oder mit hochmütigen oder mit verwunderten Augen. Der jüdische Kantor
Kronacher machte ein so finsteres und empörtes Gesicht, daß man ihn gar
nicht ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen.
Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den
kalten, grausamen Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. „Wie
sind Sie dazu gekommen, Geyer, diesen äh, – sagen wir impertinenten
Artikel zu schreiben, dieses Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken
darf?“
Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit
erhöhter Stimme fort: „Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die
schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu
verletzen? Ich glaube, meine Herren, wir haben hier einen Fall von
geradezu typischer Bosheit vor uns. Dieser junge Mensch, der da vor
Ihnen steht, befindet sich auf einer Bahn, die dahin führt, wohin sie
führen muß. Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau,
auf dem unsere Schuljugend steht, und ich sage Ihnen, in einem solchen
Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden; ein solcher
Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden.“
Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme ließ den Raum
erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der
Stadt.
Wiederum wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu,
zu schweigen. Er selbst fuhr fort: „Ich gestehe, daß mir ein ähnlicher
Fall von sittlicher Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist,
und, hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen
wird. Geyer, wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt?“
„Gestern, Herr Rektor.“
„Lauter!“
Agathon schwieg.
„Lauter.“
„Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.“
„Gemeinheit!“ murmelte Doktor Rosenblatt.
„In welcher Absicht?“ fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.
„In der Absicht, die Schüler glücklicher zu machen, besser.“
„Das ist eine infame Lüge!“ Der Rektor schrie wie außer sich.
„Es ist wahr,“ erwiderte Agathon ruhig.
„Kreatur!“ knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine wahrhaft
zermalmende Bedeutung hatte.
Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte
die Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig
schaukelnd, sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: „Wer bist du?
Hast du den Namen des Herrn Zebaoth vergessen? Hast du die Ehre deines
frommen Vaters vergessen? Bist du beschnitten zum Zeichen des Bundes,
oder bist du’s nicht? Bist du dir nicht selbst zur Last? Bist du Jude
oder bist du’s nicht? Ich habe gesprochen, Amen.“ Somit trat er wieder
auf seinen Platz, nahm seine Dose und schnupfte bedachtsam und
befriedigt.
„Nein, ich bin kein Jude mehr,“ sagte Agathon mit seltsamem Lächeln,
ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die
Lehrer sahen auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war weit
niedergebeugt. Er hatte sich gesetzt; die blassen, schmalen Hände lagen
regungslos auf den Knieen.
„Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und
Gefährlichkeit, meine Herren,“ sagte der Rektor verächtlich. „Der Fall
ist ganz e–xem–plarisch zu behandeln. Geyer kann abtreten.“
Agathon ging. Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank
auf die Treppe. Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum, wo
man Gericht über ihn hielt, – Bojesens Stimme. Lange redete diese
Stimme, bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn
Agathon je gehört. Gleich darauf öffnete sich die Thüre und Bojesen kam
allein heraus. Er sah Agathon und bedeutete ihm, daß er ihm folge.
Als sie im Privatlaboratorium des Chemikers angelangt waren, verschloß
Bojesen die Thüre. „Ich verstehe das, was Sie geschrieben haben,“ sagte
er etwas gequält, „ich verstehe es vollkommen. Ich möchte nur wissen,
wie Sie dazu gekommen sind?“
Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins
Kohlenfeuer, wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten
Glut. Dann fing er fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor
den eigenen Worten: „Ich weiß eigentlich wirklich nicht. Aber es ist
schon lange her, daß ich daran dachte. Ich dachte auch immer, viele
Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich
habe nie die jüdische Religion geliebt. Oft war mir, als müsse ich allen
Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war alles viel
mehr wie ein Traum, bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam.“
„Und was war das?“
„Mein Vater fürchtete ihn so, daß er schon zitterte, wenn er seinen
Namen hörte. Und alle Juden. Er kam mir vor, wie alles Böse zusammen,
was den Juden jemals in diesem Land widerfahren ist. Er hatte einen
Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als
wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem
anderen Boot und stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins
Wasser. Da dachte ich mir schon, es könne keine Sünde sein, ihn zu
töten. Es wäre auch keine Sünde gewesen, den Nero zu töten. Abends
mißhandelte er den Lämelche Erdmann, da ging ich hin und spie ihm ins
Gesicht. Er schleppte mich in sein Zimmer, zog mich nackt aus, nahm
Stricke und band mich an ein schwarzes Kreuz an der Wand, neben dem
Jesus Christus hing. Dann schlug er mich und fügte mir Wunden zu, daß
ich fühlte, wie mein Blut floß. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich
weiß, daß Sie sehr verschwiegen sind und es tief in Ihre Seele
schließen.“
Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit
aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu
nehmen. „Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da
lachte er und sagte: „sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland
gekreuzigt? Das ist eure Schuld. Deswegen sind wir lauter Schnapssäufer,
weil er Mönche aus uns gemacht hat, Jesus von Nazareth. Er hat einen
großen Sarg aus der Welt gemacht. Merk dir’s. Da ist meine Seele, da ist
Sürich Sperlings Seele, da liegt sie. Stecht hinein Jud oder Christ.“ So
sagte er, dann kam etwas, das will ich nie vergessen.
„Er nimmt eine Schüssel, dahinein hat er mein Blut fließen lassen,
stellt sie zu Füßen des Heilands hin und sagt: „Da hast du dein Blut
wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ Da geht die Thür auf und Lämelche
Erdmann kommt herein, setzt sich und lächelt und nickt. Er hat ein ganz
anderes Gesicht als sonst. „O, Sürich Sperling,“ sagt er, „das ist eine
Handlung voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer
die Milde wird regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere
Feinde, hassen, hassen! Der ewige Jud ist jetzt erlöst und du, Sürich
Sperling, wirst werden der ewige Christ. Denn die Welt wird neu. Sie
wird sich häuten gleich einer Schlange, so wahr ich Lämelche heiß. Dann
wirst du sein der ewige Christ. Und du wirst sein verurteilt, zu trinken
all das Blut, was geflossen ist durch christliche Feindesliebe.“ So
sagte Lämelche; jedes Wort ist wie eingebrannt in meinem Gedächtnis.
Dann lachte er und band mich los und Sürich Sperling saß auf dem
Bettrand wie aus Stein. So war es.“
Bojesen sah lange Zeit auf die Straße, wo die Menschen gingen, einzeln
oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles
unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der
Traum eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es
wünscht oder fürchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide
Hände, richtete ihn mit einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und
machte die Wahrnehmung, daß es die seltsamsten Augen waren, die er je
gesehen: schwarz und tief, von einem mühlos lodernden, und doch
verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn sie ihn
anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend
zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne.
Dann stand Agathon auf (er war etwas größer als Bojesen), und sein
Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich
hin, sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden.
„Was haben Sie denn?“ fragte Bojesen bestürzt.
„Haben Sie nicht gesehen? Christus ging durch das Zimmer. Er winkte mir
zu. Er hat Abschied von mir genommen. Adieu, Herr Bojesen.“
Als er fort war, ging der junge Lehrer erregt auf und ab.
Agathon wollte das Schulhaus verlassen und geriet in den Tumult der
Schüler; der Unterricht war eben zu Ende. Im Nu war er umringt,
Jubelrufe tönten ihm zu, hundert Hände streckten sich ihm entgegen,
viele riefen: hoch Geyer! manche wollten ihn tragen und durch die Gassen
im Triumphzug schleppen. Er sah begeisterte, leuchtende Augen und selbst
die Blödesten und Hinterlistigsten wurden plötzlich ganz andere
Menschen. Mit vieler Mühe gelang es Agathon, sich loszumachen, und er
war verwundert über die Knaben.
Dann irrte er planlos durch die Gassen und kam endlich an den Palast des
Baron Löwengard. Hausflur und Vestibül waren voll von Menschen, die sich
aufgeregt gebärdeten, bleich waren und Aller Erregung hatte offenbar ein
und dieselbe Ursache. Auch vor dem Haus stand eine Menge von Gaffenden,
darunter viele Arbeiter mit drohender Miene. Agathon ging hinauf, fand
den Gesellschaftssaal angefüllt mit schreienden Leuten, ging in die
Küche, aber die Küche war leer und der Herd kalt. Im oberen Stockwerk
war niemand zu sehen. Ungehindert konnte er durch alle Thüren, durch
alle Räume wandern, aber diese Räume in ihrer schweren Pracht schienen
ein Unglück zu verkünden, das rasch ihre Ordnung stören, ihren Frieden
vernichten würde.
Bald machte er sich auf den Heimweg, ohne daß er all diese Dinge eines
besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele
um das wunderliche Gefühl, daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging
und er selbst sei die Ursache und sei berufen, die Umwandlung
herbeizuführen. Während des ganzen Weges, vorbei am Wald und an den
Feldern hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem,
Angenehmem, und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte,
schritt er gegen das Dorf hinab. Wirklich stand Monika Olifat am Weg und
begrüßte ihn, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte. „Wie geht es
dir, Agathon? Ach, warum bist du denn fortgerannt neulich? Du bist so
eigen; dich kann ich gar nicht verstehen, Agathon. Wie das lautet:
Agathon!“ sagte sie nachdenklich, lächelte kindlich froh und sah ihm in
die Augen.
„Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,“ entgegnete
Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln.
„Bist du denn auch gut?“
„Nein. Ich weiß es jedenfalls nicht. Niemand kann es von sich wissen und
wer es weiß, ist es nicht mehr.“
„Es nützt auch nichts, gut in der Welt zu sein,“ erwiderte das Mädchen,
so klug es immer konnte. „Ich muß dir erzählen, erstens, daß ich eine
neue Freundin habe, Käthe Estrich. Sie ist hübsch und sanft; ihre Eltern
ziehen hierher. Sie haben die Ziegelei, hörst du die Maschinen rollen?
Alles ist schon wieder in Gang.“
„Zweitens?“
„Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Er ist ein
schöner Mann.“
„Stefan Gudstikker?“
„Du kennst ihn? Er hat mich erschreckt durch sein Wesen. Er hat mir ein
Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine Stelle weiß ich noch:
Es ist so still, daß alle Wandrer staunen.
Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet,
Hört man die Elfen und die Blumen raunen.
Die Wünsche schlafen und kein Feuer glühet,
Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen;
Die Welle ruht im Strom, kein Vogel fliehet.“
„Das ist schön!“ rief Agathon aus, blieb stehen und erblaßte. „Du hast
es gelernt?“
„Nein, ich hab es so behalten. Aber ich fürchte mich vor ihm.“
„Weshalb fürchten?“
„Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden,“ sagte Monika erglühend. „Du
bist so still und so gut, und alles, was du sagst, ist so warm! Ich
glaube, dich könnte ich nicht weinen sehen.“
„Ich hab auch noch nie geweint,“ erwiderte Agathon, den Kopf senkend.
Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie. Dann gingen sie weiter wie
zwei Schlafwandler, bis sie sich trennten.
Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er
wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn
ein stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm
einige Zeit hindurch allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos
anstarrte, klärte sie ihn auf: „Ich bin zur Pflege Ihrer Mutter da,
junger Herr. Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!“ herrschte sie den
Knaben an, der zu ihr reden wollte. Spöttisch lächelnd zog sie, Frau
Hellmut, ihren Knaben hinter sich in die Küche.
Als Agathon ins Zimmer kam, sah er zunächst seine beiden Geschwister,
die wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten. Elkan
Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie
aus einer Betäubung und rang stumm die Hände. Enoch saß schweigend am
Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll Besorgnis schritt er die Stufen
hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter
allein. Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften
Gelb. Sie lächelte so matt und gezwungen, daß Agathon nach einer
geflüsterten Frage, die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer
Augenlider beantwortete, wieder hinausging.
Mit einer blauen Schürze, mit schmutzigen Händen kam Bärman Schrot, –
geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen
hinter sich: der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf
dem Fuß. Sie kamen herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster
mit aufgestreiften Ärmeln, beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit
gerötet waren, und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines
Stuhls, daß sie krachend brach. Mit schrillen Schreien flüchteten die
zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und gleich darauf erschien Frau
Jette selbst im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche gleich und
mußte sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie von seinen
Ersparnissen, die ihm gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, daß in
drei Tagen kein Jud mehr im Dorf sei, dafür werde er sorgen, man könne
sich darauf verlassen. Er würgte die Worte nur so hervor. Der Schmied
heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind um sich, wollte
seine zweitausend Mark haben, oder er haue das Haus zusammen vom Dach
bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an, ihm
nicht, das sei wahr. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich
die Menschen, drückten die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten
sich in den Flur, standen unter der Thüre, und endlich entschlossen sich
ein paar ältere Männer, den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und
durch Übermacht hinauszuschieben. Sie thaten es jedoch sichtlich mit
Widerwillen, nur aus einem gewissen Mitleid mit dem entsetzlichen Bild
dieser Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres
Krankenzimmers stand, hinter sich zwei bleiche, zitternde Kinder.
Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Thür
und sah seinen Vater prüfend an, der ganz in sich zusammengesunken, mit
blauen Lippen auf jener Ruine von Stuhl hockte und ein Gebet murmelte.
Enoch Karkau sagte nichts; seine Züge waren unbewegt. Er ging hinauf,
brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen
hinunter und stellte sich dann wieder mit dem Rücken gegen den Ofen.
Es klopfte an die Thüre, erst leiser, dann stärker. Agathon fragte, wer
da sei; Gedalja sei da. Dann ging Agathon hinaus, schloß den Laden ab,
rief der Magd, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der
Frau Hellmut, die sich mit Kathrin eingeschlossen hatte, antwortete, sie
mache nicht auf. Sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen
Zuständen. Nach einigem Verhandeln war sie indes doch zu bewegen.
„Ich habs vorausgesehen,“ sagte Gedalja, beständig nickend, während er
redete. „Werd ihn Gott beglücken dafor. Sin user fufzig Leit im Dorf,
die so um all ihr Geld kommen, Juden un Gojim. Werd wachsen das Risches,
daß mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sei Kind, nebbich.
Is as wie e Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt
dennoch in ihrer Farb. Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich
abgeschunden ’s ganze Leben, hast gesammelt en übrigen Heller für die
Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste Mensch, den ich kenn, aber
Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un starrst. Zu was? Bin
ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch nötig hat for
sein Alter. Sitz ich da un starr? Ball is es aus, das Töpfche Leben,
ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum Starren.“
Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle
erschraken. „Enoch Karkau!“ rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen
nicht von dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf
der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas.
Pavlovsky war noch nicht zu Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf
die Erde sank und, wie ein Wurm sich windend, hilflos zu schluchzen
begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab. Seine
Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu
heulen; Frau Hellmut kam in diesem Augenblick herein und schrie laut
auf, Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige
Sekunden förmlich gebrochen. „Mutter“, murmelte Agathon verstört, als er
vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm. Er sah hinaus
auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht; er sah den
grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die unbeweglich standen und
wunderte sich, daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herrlichkeit
bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben;
der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und
Menschen mit großen, verwunderten, wässerigen Augen.
Gedalja, der sich zusammengekrümmt hatte, daß sein Kinn die Kniee
berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: „Hab ichs nicht
gesehen kommen? Elkan, hab ichs nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht
gesagt, der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet die
Kille un Haus un Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner
Gutthat, Enoch. Was is Vernunft, daß se könnt bestehn vorm schlechten
Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d’r habn deine grauen Haare
gegeben un mußt hinwandeln in Nefehre, in Sünd und Schand. O Enoch,
Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit Andere, hätteste aach gehabt Erbarmen
mit dir selber.“
Der Gendarm führte Enoch ab. Agathon sah, daß er keine Miene verzog.
Etwas Starkes lag in seinem Wesen, das die Furcht nicht kannte.
Die Dämmerung brach herein. Agathon mochte nicht zu bleiben. Er ging auf
die Straße und wollte gegen den Wald hinauf, als er Gudstikker
begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm
einen Brief, mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen. Agathon
erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend
einmal erlebt, daß ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem
vergangenen Leben ... Oder war es ein Traum?
Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim rötlichen Schein
des armseligen Lichtes: „Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von
mir forderst. Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin
nicht geboren, daß ich so hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine
Liebe ist in mir und will nicht vergessen, dich nie vergessen. Doch muß
ich dich lassen, denn ich kann nicht, was du willst. Ich weiß nicht,
welches Leben noch vor mir liegt, aber kann es nicht sein, daß das Kind,
dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich deshalb anklagen würde?
Das ist wahr und drum Adieu. Glaube mir. Deine Jette Pohl.“
Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er
zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: „Meine Mutter?“