Achtes Kapitel

Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen, fünfeckigen Raum versammelt.

Alle hatten ein ernstes und feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das

von Leuten, die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung völlig bewußt

sind. Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder mit vorwurfsvollen

oder mit hochmütigen oder mit verwunderten Augen. Der jüdische Kantor

Kronacher machte ein so finsteres und empörtes Gesicht, daß man ihn gar

nicht ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen.

Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den

kalten, grausamen Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. „Wie

sind Sie dazu gekommen, Geyer, diesen äh, – sagen wir impertinenten

Artikel zu schreiben, dieses Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken

darf?“

Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit

erhöhter Stimme fort: „Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die

schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu

verletzen? Ich glaube, meine Herren, wir haben hier einen Fall von

geradezu typischer Bosheit vor uns. Dieser junge Mensch, der da vor

Ihnen steht, befindet sich auf einer Bahn, die dahin führt, wohin sie

führen muß. Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau,

auf dem unsere Schuljugend steht, und ich sage Ihnen, in einem solchen

Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden; ein solcher

Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden.“

Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme ließ den Raum

erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der

Stadt.

Wiederum wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu,

zu schweigen. Er selbst fuhr fort: „Ich gestehe, daß mir ein ähnlicher

Fall von sittlicher Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist,

und, hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen

wird. Geyer, wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt?“

„Gestern, Herr Rektor.“

„Lauter!“

Agathon schwieg.

„Lauter.“

„Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.“

„Gemeinheit!“ murmelte Doktor Rosenblatt.

„In welcher Absicht?“ fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.

„In der Absicht, die Schüler glücklicher zu machen, besser.“

„Das ist eine infame Lüge!“ Der Rektor schrie wie außer sich.

„Es ist wahr,“ erwiderte Agathon ruhig.

„Kreatur!“ knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine wahrhaft

zermalmende Bedeutung hatte.

Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte

die Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig

schaukelnd, sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: „Wer bist du?

Hast du den Namen des Herrn Zebaoth vergessen? Hast du die Ehre deines

frommen Vaters vergessen? Bist du beschnitten zum Zeichen des Bundes,

oder bist du’s nicht? Bist du dir nicht selbst zur Last? Bist du Jude

oder bist du’s nicht? Ich habe gesprochen, Amen.“ Somit trat er wieder

auf seinen Platz, nahm seine Dose und schnupfte bedachtsam und

befriedigt.

„Nein, ich bin kein Jude mehr,“ sagte Agathon mit seltsamem Lächeln,

ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die

Lehrer sahen auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war weit

niedergebeugt. Er hatte sich gesetzt; die blassen, schmalen Hände lagen

regungslos auf den Knieen.

„Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und

Gefährlichkeit, meine Herren,“ sagte der Rektor verächtlich. „Der Fall

ist ganz e–xem–plarisch zu behandeln. Geyer kann abtreten.“

Agathon ging. Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank

auf die Treppe. Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum, wo

man Gericht über ihn hielt, – Bojesens Stimme. Lange redete diese

Stimme, bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn

Agathon je gehört. Gleich darauf öffnete sich die Thüre und Bojesen kam

allein heraus. Er sah Agathon und bedeutete ihm, daß er ihm folge.

Als sie im Privatlaboratorium des Chemikers angelangt waren, verschloß

Bojesen die Thüre. „Ich verstehe das, was Sie geschrieben haben,“ sagte

er etwas gequält, „ich verstehe es vollkommen. Ich möchte nur wissen,

wie Sie dazu gekommen sind?“

Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins

Kohlenfeuer, wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten

Glut. Dann fing er fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor

den eigenen Worten: „Ich weiß eigentlich wirklich nicht. Aber es ist

schon lange her, daß ich daran dachte. Ich dachte auch immer, viele

Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich

habe nie die jüdische Religion geliebt. Oft war mir, als müsse ich allen

Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war alles viel

mehr wie ein Traum, bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam.“

„Und was war das?“

„Mein Vater fürchtete ihn so, daß er schon zitterte, wenn er seinen

Namen hörte. Und alle Juden. Er kam mir vor, wie alles Böse zusammen,

was den Juden jemals in diesem Land widerfahren ist. Er hatte einen

Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als

wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem

anderen Boot und stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins

Wasser. Da dachte ich mir schon, es könne keine Sünde sein, ihn zu

töten. Es wäre auch keine Sünde gewesen, den Nero zu töten. Abends

mißhandelte er den Lämelche Erdmann, da ging ich hin und spie ihm ins

Gesicht. Er schleppte mich in sein Zimmer, zog mich nackt aus, nahm

Stricke und band mich an ein schwarzes Kreuz an der Wand, neben dem

Jesus Christus hing. Dann schlug er mich und fügte mir Wunden zu, daß

ich fühlte, wie mein Blut floß. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich

weiß, daß Sie sehr verschwiegen sind und es tief in Ihre Seele

schließen.“

Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit

aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu

nehmen. „Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da

lachte er und sagte: „sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland

gekreuzigt? Das ist eure Schuld. Deswegen sind wir lauter Schnapssäufer,

weil er Mönche aus uns gemacht hat, Jesus von Nazareth. Er hat einen

großen Sarg aus der Welt gemacht. Merk dir’s. Da ist meine Seele, da ist

Sürich Sperlings Seele, da liegt sie. Stecht hinein Jud oder Christ.“ So

sagte er, dann kam etwas, das will ich nie vergessen.

„Er nimmt eine Schüssel, dahinein hat er mein Blut fließen lassen,

stellt sie zu Füßen des Heilands hin und sagt: „Da hast du dein Blut

wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ Da geht die Thür auf und Lämelche

Erdmann kommt herein, setzt sich und lächelt und nickt. Er hat ein ganz

anderes Gesicht als sonst. „O, Sürich Sperling,“ sagt er, „das ist eine

Handlung voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer

die Milde wird regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere

Feinde, hassen, hassen! Der ewige Jud ist jetzt erlöst und du, Sürich

Sperling, wirst werden der ewige Christ. Denn die Welt wird neu. Sie

wird sich häuten gleich einer Schlange, so wahr ich Lämelche heiß. Dann

wirst du sein der ewige Christ. Und du wirst sein verurteilt, zu trinken

all das Blut, was geflossen ist durch christliche Feindesliebe.“ So

sagte Lämelche; jedes Wort ist wie eingebrannt in meinem Gedächtnis.

Dann lachte er und band mich los und Sürich Sperling saß auf dem

Bettrand wie aus Stein. So war es.“

Bojesen sah lange Zeit auf die Straße, wo die Menschen gingen, einzeln

oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles

unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der

Traum eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es

wünscht oder fürchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide

Hände, richtete ihn mit einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und

machte die Wahrnehmung, daß es die seltsamsten Augen waren, die er je

gesehen: schwarz und tief, von einem mühlos lodernden, und doch

verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn sie ihn

anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend

zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne.

Dann stand Agathon auf (er war etwas größer als Bojesen), und sein

Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich

hin, sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden.

„Was haben Sie denn?“ fragte Bojesen bestürzt.

„Haben Sie nicht gesehen? Christus ging durch das Zimmer. Er winkte mir

zu. Er hat Abschied von mir genommen. Adieu, Herr Bojesen.“

Als er fort war, ging der junge Lehrer erregt auf und ab.

Agathon wollte das Schulhaus verlassen und geriet in den Tumult der

Schüler; der Unterricht war eben zu Ende. Im Nu war er umringt,

Jubelrufe tönten ihm zu, hundert Hände streckten sich ihm entgegen,

viele riefen: hoch Geyer! manche wollten ihn tragen und durch die Gassen

im Triumphzug schleppen. Er sah begeisterte, leuchtende Augen und selbst

die Blödesten und Hinterlistigsten wurden plötzlich ganz andere

Menschen. Mit vieler Mühe gelang es Agathon, sich loszumachen, und er

war verwundert über die Knaben.

Dann irrte er planlos durch die Gassen und kam endlich an den Palast des

Baron Löwengard. Hausflur und Vestibül waren voll von Menschen, die sich

aufgeregt gebärdeten, bleich waren und Aller Erregung hatte offenbar ein

und dieselbe Ursache. Auch vor dem Haus stand eine Menge von Gaffenden,

darunter viele Arbeiter mit drohender Miene. Agathon ging hinauf, fand

den Gesellschaftssaal angefüllt mit schreienden Leuten, ging in die

Küche, aber die Küche war leer und der Herd kalt. Im oberen Stockwerk

war niemand zu sehen. Ungehindert konnte er durch alle Thüren, durch

alle Räume wandern, aber diese Räume in ihrer schweren Pracht schienen

ein Unglück zu verkünden, das rasch ihre Ordnung stören, ihren Frieden

vernichten würde.

Bald machte er sich auf den Heimweg, ohne daß er all diese Dinge eines

besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele

um das wunderliche Gefühl, daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging

und er selbst sei die Ursache und sei berufen, die Umwandlung

herbeizuführen. Während des ganzen Weges, vorbei am Wald und an den

Feldern hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem,

Angenehmem, und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte,

schritt er gegen das Dorf hinab. Wirklich stand Monika Olifat am Weg und

begrüßte ihn, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte. „Wie geht es

dir, Agathon? Ach, warum bist du denn fortgerannt neulich? Du bist so

eigen; dich kann ich gar nicht verstehen, Agathon. Wie das lautet:

Agathon!“ sagte sie nachdenklich, lächelte kindlich froh und sah ihm in

die Augen.

„Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,“ entgegnete

Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln.

„Bist du denn auch gut?“

„Nein. Ich weiß es jedenfalls nicht. Niemand kann es von sich wissen und

wer es weiß, ist es nicht mehr.“

„Es nützt auch nichts, gut in der Welt zu sein,“ erwiderte das Mädchen,

so klug es immer konnte. „Ich muß dir erzählen, erstens, daß ich eine

neue Freundin habe, Käthe Estrich. Sie ist hübsch und sanft; ihre Eltern

ziehen hierher. Sie haben die Ziegelei, hörst du die Maschinen rollen?

Alles ist schon wieder in Gang.“

„Zweitens?“

„Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Er ist ein

schöner Mann.“

„Stefan Gudstikker?“

„Du kennst ihn? Er hat mich erschreckt durch sein Wesen. Er hat mir ein

Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine Stelle weiß ich noch:

Es ist so still, daß alle Wandrer staunen.

Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet,

Hört man die Elfen und die Blumen raunen.

Die Wünsche schlafen und kein Feuer glühet,

Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen;

Die Welle ruht im Strom, kein Vogel fliehet.“

„Das ist schön!“ rief Agathon aus, blieb stehen und erblaßte. „Du hast

es gelernt?“

„Nein, ich hab es so behalten. Aber ich fürchte mich vor ihm.“

„Weshalb fürchten?“

„Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden,“ sagte Monika erglühend. „Du

bist so still und so gut, und alles, was du sagst, ist so warm! Ich

glaube, dich könnte ich nicht weinen sehen.“

„Ich hab auch noch nie geweint,“ erwiderte Agathon, den Kopf senkend.

Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie. Dann gingen sie weiter wie

zwei Schlafwandler, bis sie sich trennten.

Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er

wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn

ein stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm

einige Zeit hindurch allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos

anstarrte, klärte sie ihn auf: „Ich bin zur Pflege Ihrer Mutter da,

junger Herr. Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!“ herrschte sie den

Knaben an, der zu ihr reden wollte. Spöttisch lächelnd zog sie, Frau

Hellmut, ihren Knaben hinter sich in die Küche.

Als Agathon ins Zimmer kam, sah er zunächst seine beiden Geschwister,

die wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten. Elkan

Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie

aus einer Betäubung und rang stumm die Hände. Enoch saß schweigend am

Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll Besorgnis schritt er die Stufen

hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter

allein. Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften

Gelb. Sie lächelte so matt und gezwungen, daß Agathon nach einer

geflüsterten Frage, die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer

Augenlider beantwortete, wieder hinausging.

Mit einer blauen Schürze, mit schmutzigen Händen kam Bärman Schrot, –

geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen

hinter sich: der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf

dem Fuß. Sie kamen herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster

mit aufgestreiften Ärmeln, beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit

gerötet waren, und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines

Stuhls, daß sie krachend brach. Mit schrillen Schreien flüchteten die

zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und gleich darauf erschien Frau

Jette selbst im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche gleich und

mußte sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie von seinen

Ersparnissen, die ihm gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, daß in

drei Tagen kein Jud mehr im Dorf sei, dafür werde er sorgen, man könne

sich darauf verlassen. Er würgte die Worte nur so hervor. Der Schmied

heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind um sich, wollte

seine zweitausend Mark haben, oder er haue das Haus zusammen vom Dach

bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an, ihm

nicht, das sei wahr. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich

die Menschen, drückten die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten

sich in den Flur, standen unter der Thüre, und endlich entschlossen sich

ein paar ältere Männer, den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und

durch Übermacht hinauszuschieben. Sie thaten es jedoch sichtlich mit

Widerwillen, nur aus einem gewissen Mitleid mit dem entsetzlichen Bild

dieser Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres

Krankenzimmers stand, hinter sich zwei bleiche, zitternde Kinder.

Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Thür

und sah seinen Vater prüfend an, der ganz in sich zusammengesunken, mit

blauen Lippen auf jener Ruine von Stuhl hockte und ein Gebet murmelte.

Enoch Karkau sagte nichts; seine Züge waren unbewegt. Er ging hinauf,

brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen

hinunter und stellte sich dann wieder mit dem Rücken gegen den Ofen.

Es klopfte an die Thüre, erst leiser, dann stärker. Agathon fragte, wer

da sei; Gedalja sei da. Dann ging Agathon hinaus, schloß den Laden ab,

rief der Magd, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der

Frau Hellmut, die sich mit Kathrin eingeschlossen hatte, antwortete, sie

mache nicht auf. Sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen

Zuständen. Nach einigem Verhandeln war sie indes doch zu bewegen.

„Ich habs vorausgesehen,“ sagte Gedalja, beständig nickend, während er

redete. „Werd ihn Gott beglücken dafor. Sin user fufzig Leit im Dorf,

die so um all ihr Geld kommen, Juden un Gojim. Werd wachsen das Risches,

daß mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sei Kind, nebbich.

Is as wie e Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt

dennoch in ihrer Farb. Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich

abgeschunden ’s ganze Leben, hast gesammelt en übrigen Heller für die

Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste Mensch, den ich kenn, aber

Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un starrst. Zu was? Bin

ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch nötig hat for

sein Alter. Sitz ich da un starr? Ball is es aus, das Töpfche Leben,

ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum Starren.“

Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle

erschraken. „Enoch Karkau!“ rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen

nicht von dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf

der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas.

Pavlovsky war noch nicht zu Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf

die Erde sank und, wie ein Wurm sich windend, hilflos zu schluchzen

begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab. Seine

Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu

heulen; Frau Hellmut kam in diesem Augenblick herein und schrie laut

auf, Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige

Sekunden förmlich gebrochen. „Mutter“, murmelte Agathon verstört, als er

vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm. Er sah hinaus

auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht; er sah den

grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die unbeweglich standen und

wunderte sich, daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herrlichkeit

bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben;

der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und

Menschen mit großen, verwunderten, wässerigen Augen.

Gedalja, der sich zusammengekrümmt hatte, daß sein Kinn die Kniee

berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: „Hab ichs nicht

gesehen kommen? Elkan, hab ichs nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht

gesagt, der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet die

Kille un Haus un Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner

Gutthat, Enoch. Was is Vernunft, daß se könnt bestehn vorm schlechten

Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d’r habn deine grauen Haare

gegeben un mußt hinwandeln in Nefehre, in Sünd und Schand. O Enoch,

Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit Andere, hätteste aach gehabt Erbarmen

mit dir selber.“

Der Gendarm führte Enoch ab. Agathon sah, daß er keine Miene verzog.

Etwas Starkes lag in seinem Wesen, das die Furcht nicht kannte.

Die Dämmerung brach herein. Agathon mochte nicht zu bleiben. Er ging auf

die Straße und wollte gegen den Wald hinauf, als er Gudstikker

begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm

einen Brief, mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen. Agathon

erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend

einmal erlebt, daß ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem

vergangenen Leben ... Oder war es ein Traum?

Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim rötlichen Schein

des armseligen Lichtes: „Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von

mir forderst. Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin

nicht geboren, daß ich so hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine

Liebe ist in mir und will nicht vergessen, dich nie vergessen. Doch muß

ich dich lassen, denn ich kann nicht, was du willst. Ich weiß nicht,

welches Leben noch vor mir liegt, aber kann es nicht sein, daß das Kind,

dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich deshalb anklagen würde?

Das ist wahr und drum Adieu. Glaube mir. Deine Jette Pohl.“

Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er

zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: „Meine Mutter?“

Die Juden von Zirndorf · 第 14 / 45 题