Siebentes Kapitel

Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, mußte sie zum

Brunnen, und als sie zurückkam, waren Sema und Wendelin verschwunden.

Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen

Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre im Grund zarte und

stolze Natur nahe legten. Ihre Gedanken nahmen stets einen

erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht, was ihr teuer war. Als

Stefan Gudstikker spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn, wo er

herumgestreunt sei.

„Du weißt, ich streune nicht, Mutter,“ entgegnete er mit blitzenden

Augen, den Kopf hoch aufrichtend.

„Ja, ich weiß es,“ entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch

auf seine staubbedeckten Stiefel.

„Wo sind die Knaben?“

„Fort.“

„Wie. Fort –?“

„Ich habe sie heimgeschickt.“

„Was heißt das? Du weißt doch, daß ich sie nötig hatte? Daß ich den

interessanten, psychologischen Fall untersuchen wollte?“

„Es ist nicht nötig, daß du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen

Ideen. Darüber bist du Herr.“

Gudstikker atmete schwer. „Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,“

preßte er endlich hervor, nahm seinen Hut und stürzte fort. Sie lächelte

gutmütig hinter ihm her, öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit

nach.

Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde saß, um

sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung

erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte.

„Sie haben mich fast geschlagen,“ waren Käthes erste Worte. „Ich sei

heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.“

„So.“ Er nahm heftig ihren Arm und schritt weiter.

„Nein, nein,“ wehrte sie angstvoll. „Nicht hingehen jetzt. Du darfst

nicht aufbrausen.“

„Ich schlag alles kurz und klein.“

„Nein! bitte, nicht!“

Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung.

„Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei

deinem Genie! Warum ist alles so traurig in der Welt!“

„Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht

haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich

habe ein großes Werk vor! Du wirst sehen.“

„Ich glaube ja so gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ist

ein Jahr.“

„Nur Geduld. Du wirst sehen. Glaubst du, daß ihr ein Abendessen für mich

übrig habt?“

„Willst du kommen? Wirklich? Wie herrlich!“

„Mach nur um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede!

Das macht mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!“

„Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.“

„Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen

Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, –

na, du müßtest ihn sehen. Er sieht aus, wie, es klingt läppisch, aber

ich muß es sagen, ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken.

Nun, das ist verrückt. Man muß nicht Litteratur reden, wenn man’s

vermeiden kann. Was die Hauptsache ist, unter den Papieren meines Vaters

hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl

unterzeichnet. Sie war noch Mädchen damals. Schön, gescheit,

liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen.

Dasselbe was in Agathons Augen liegt. Manchmal möchte man seine Hand

nehmen und ihn versichern, daß man glücklich ist. Aber du schläfst ja?“

„Nein, ich bin nur sehr müde.“

Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker

war sehr liebenswürdig gegen Familie Estrich. Er küßte seine künftige

Schwiegermutter auf die Stirn, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der

Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen Lieder zur Guitarre,

Volkslieder, die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um

seinen Herd. Um elf Uhr ging er. Auf der Straße wurde sein Gesicht

plötzlich finster, herb und verzerrt. Er schlug sich an die Stirn,

sprach zu sich selbst und lachte kurz auf.

Er suchte ein Café auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat,

erhielt sein Gesicht wieder den gleichmäßigen, aufmerksamen und

übertrieben stolzen Ausdruck. Er begrüßte Erich Bojesen, den Lehrer, und

setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich fröhlich die Hände und

erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann,

deren Verlauf er soeben beigewohnt hätte. „Also wie geht es Ihnen,

lieber Bojesen?“ fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände. „Gut?“

„Ja. Sie sind sehr aufgelegt, scheint mir.“

„Sehr aufgelegt, das ist wahr; man kann schon sagen froh.“ Er lachte

herzlich, denn er hielt dafür, daß dies „man kann schon sagen“ eine

witzige Wendung sei. „Aber Ihnen? Sie sind immer allein. Ich habe Sie

noch nicht anders als allein gesehen.“

„Nun, das ist so Gelehrten-Art,“ erwiderte Bojesen mit einer sanften

Selbstironie. „Ich muß Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier,

sie liegen nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und

Verkommenes daran; etwas gänzlich, wie soll ich sagen, Zerstörtes, nein

Stillstehendes, Sumpfiges.“

Es war unbegreiflich, aber eine Thatsache, daß alle Menschen mit denen

Gudstikker in Berührung kam, ihm alsbald ihr Herz eröffneten und sich

mitteilten wie Kinder.

„Kein Wunder,“ sagte Gudstikker, „wie leben wir auch. Wir haben ja gar

kein Nationalgefühl mehr. Man kann nicht sagen, daß hier die Juden in

der Herrschaft sind, nein, man kann es nur rätselhaft finden, wenn man

einen Christen findet in der ganzen Provinz, ich meine einen anständig

gekleideten, der den Kopf auf eigene Rechnung zu tragen wagt.“

„Ach, das meine ich eigentlich nicht,“ entgegnete Bojesen leicht

errötend. „Es ist freilich ein Kardinalthema. Die Juden bringen ja das

ganze geistige Leben in eine wogende Bewegung. Überall sind sie

gleichsam die Kohlensäure des öffentlichen Lebens, wenn der Vergleich

geht (er lächelte). Sehen Sie doch um sich, die ganze Presse liegt in

ihren Händen; ich will nicht erörtern, ob das ein Unglück ist oder

nicht. Natürlich haben sie auch den Handel inne, aber, was die

Hauptsache ist, auch die Litteratur. Alles andere ist kein Unglück,

sehen Sie. Die Presse bedarf des jüdischen Geistes, ja, da mögen Sie den

Kopf schütteln, sie braucht diese scharfen, eindringlichen Reagentien,

dieser Gewandtheit und Schlüpfrigkeit, mit einem Wort, der Kohlensäure.

Der Handel, – nun, wo ist die Quelle des großen industriellen

Aufschwungs, der großen Kapitalswerke? Davon will ich gar nicht reden.

Aber die Kunst, sehen Sie, das ist ein schmerzliches Thema.“

„Ich verstehe. Sie haben Recht; sie machen uns zu vielseitig.“

„Vielleicht. Aber das ist es nicht. O, wie viel habe ich nachgedacht

darüber.“ Der Ton des jungen Lehrers wurde plötzlich innig. „Nein, das

ist es nicht. Sehen Sie sich um, früher hatten die Juden genug zu thun,

sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Aber nun nahmen sie

Teil an der reichen und feinen Kultur, die sie selbst mitschaffen

halfen, und infolgedessen wuchsen sie in die Kunst hinein. Es war eine

notwendige, unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen Sie überall jüdische

Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Was sie schaffen,

wohlverstanden, ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten,

das ist keine Frage mehr; das hat auch mit der Kunst, wie ich sie meine,

nichts zu thun. Von den heutigen will ich reden. Sie sind Künstler,

echte Künstler, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie richten uns zu

Grunde. Sehen Sie, das sag ich Ihnen aus meiner Seele heraus: sie

richten uns zu Grunde. Alles was wir erworben haben, lang und mühselig,

damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das _haben_ sie

und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe

Sache schon lachend in ihre Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben

keinerlei Kampf damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es

liegt, daß sie uns überall das Brot wegnehmen: sie haben keine Tiefe.

Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine

Lüge. Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes. Urteilen Sie

selbst, welche Verfolgungen! welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm

krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten, unerschöpflich an

Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie nehmen uns die Wahrheit und

die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist alles, was ich sagen kann, und

das ist wichtiger als alles andere. Sie ersetzen es unbewußt mit dem

Schein von Wahrheit, dem Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine

neue Art von Sentimentalität, die sich als Naivetät giebt und mit

grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit. Ich schwöre

Ihnen, mein Lieber, das ist eines von diesen Dingen, die das Schicksal

und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die

„Judenfrage“, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssen die Juden

fort und tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache, arm

und still! Religion! Was kann uns das heute sein! Nichts. Sie sollen

sich ein Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über

sich setzen wie in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr

Gras mähen und ihre Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien oder wo.

Nicht bei uns mehr! Nein, nicht bei uns! Sonst geht der Verfall weiter

und weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das

Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre,

abgesehen davon, daß es gar nicht gekommen wäre und die germanischen

Völker sich einen Gott nach _ihrem_ Blut geschaffen hätten.“

Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört und vermochte nichts

zu sagen. Bojesen lächelte schwermütig. „Aber ich bin ganz abgeschweift

von meinem Thema,“ bemerkte er mit einer Miene, die gleichsam um

Verzeihung bat, für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. „Ich

meinte, wie man hier lebt, darin sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses

und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird man entweder zum Fanatiker

oder zum zufriedenen Dummkopf. Und man kann nicht Einfluß haben auf die

Jugend, nein, das ist unmöglich, sehen Sie. Es klingt erstaunlich, aber

es ist so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine

Jugend! Sie hat nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man

macht sie noch ärmer dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch

davon darf ich gar nicht reden.“

„Sie haben wohl viel Schlimmes hinter sich?“ fragte Gudstikker, der sich

völlig bewußt war, eine banale Frage zu thun. Aber er empfand deutlich,

daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, daß er sich

förmlich betäubte durch das Mitteilenkönnen, und daß er sich jedem

Fremden ebenso eröffnet hätte.

„Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich. Es ist eigentlich zu gewöhnlich,

um viel Aufhebens davon zu machen. Mein Vater war reich und hat mich

enterbt, weil ich zur Wissenschaft ging. Ich sollte Soldat werden. Nun,

dann hat mich die Wissenschaft verstoßen, und da bin ich Lehrer

geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber da traf mich das Unglück, daß

ich mich verliebte. Und jetzt kann ich gern den Bankrott meines Lebens

erklären. Die Frauen wollen nicht mitthun, wenn der Mann nach den

Sternen klettert. Die Toilette kann ja dabei Schaden leiden.“

Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum

leerte sich; die Kellner säuberten die Tische, die Lichter wurden zum

Teil verlöscht, die weißen Marmorplatten starrten seltsam heraus aus den

dunklen Teilen des Saales. Die Uhr schien stillzustehn; die Zeit schien

stillzustehn.

„Und nun wundern Sie sich jedenfalls, daß ich hier sitze,“ begann Lehrer

Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, „und nicht daheim bei dieser Frau,

in die ich mich verliebt habe –? Nicht wahr, Sie wundern sich? Jeden

Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken, denen

ich Audienz gebe. Dann mögen sie zusehen, was sie anfangen. Aber ich

weiß nicht, welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert, uns, die

wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten

sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben,

vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann! Ach sagen Sie mir, lieber

Freund, was soll man thun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie jung

ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper?

Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die

schönen Dinge alle heißen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber

vereinigen, wie es die Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch

eine Zeitkrankheit, eine Frauenkrankheit, aber was soll man thun mit

einem solchen Weib? Man kann ihr nichts mehr geben, nichts. Sie wird uns

zum Stein!“

Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz.

„Ja,“ fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich

selbst zu zerfleischen, fort, „wenn sonst etwas wäre. Ich wünsche Ihnen

niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren Freundschaft

man da angewiesen ist! Davon will ich schon gar nicht reden. Nein,

lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen _Sie_ mir etwas. Ich werde

Ihnen dankbar dafür sein.“

Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen

bejahte. Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie

alle. Er meine, Talent im höheren Sinn, so daß das Bewußtsein eines

Zieles dabei sei, ein um der Sache willen Schaffen. Das könne er bei

keinem Schüler finden, die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit

oder Hindernisrennen betrachten. „Aber das kommt von oben und geht durch

bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein Evangelium glänzt,

der ist gebrandmarkt. Drei Stützen hat die Schule heutzutage: Religion,

Patriotismus und Strafzettel. Nun malen Sie sich das aus.“

Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel

auf der Straße. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker und ging heim,

– in dasselbe Haus, das er nie mehr hatte betreten wollen.

Bojesen empfand jenes Grauen vor den eignen vier Wänden, das den

energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache

seiner Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich,

der allmählich zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen

festhaltend, schritt er langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element.

Er achtete nicht des Weges, den er schritt, er war froh, allein zu sein,

er hatte eine jener Stimmungen, in denen man ganz einsam zu sein glaubt

auf dem Erdball. In einem bergigen Viertel am Fluß kam Bojesen an ein

Haus, dessen erleuchtete Fenster mit den Worten: „Zum siebenten Himmel“

geschmückt waren. An der Thüre hing ein pomphaftes Plakat, das halb

zerfetzt war vom Wind.

Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts.

Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann

sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem

verwahrlosten Vorhang. Die Tische starrten von verschütteten Getränken

und Speiseresten. Die Stühle lagen teils auf der Erde, teils standen sie

auf einem Haufen; einer stand auf dem Tisch. In einer Nische standen die

Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers. Eine sehr verblühte

Dame brachte Bojesen das Verlangte. Sie fand sich veranlaßt, zu

erklären, daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das

Publikum sich schlecht betragen habe. Eine Dienstmagd, drei Soldaten,

ein Fuhrmann und ein Schauspieler aus Preußen seien hinausgeworfen

worden. Bojesen lachte leise, fast lautlos. Er sah in die Höhe, in

irgend eine sonnige Ferne und murmelte: „Geliebt und verloren.“ Er

dachte, wenn einer der ehrwürdigen Kollegen ihn hier sähe, wäre noch

mehr verloren. So saß er vielleicht eine Stunde lang, ohne sich zu

rühren, ohne etwas Planhaftes zu denken. Da schob sich der Vorhang des

Podiums zur Seite, und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten

Schultern guckte heraus. Dieses Gesicht war leuchtend bleich, mit einer

niederen Stirn, mit Augen von einem ruhigen, leidenschaftlichen Feuer,

mit einem trotzigen Mund. „Holla Luisina! Es lebe das Proletariat!“ rief

eine Stimme im Hintergrund, eine heisere, aber jugendliche Stimme.

Bojesen blickte hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte

lächelnd zurück, sah Bojesen flüchtig an und verschwand. Bojesen vergaß

niemals den Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn

angeschaut. Wieder saß er lange, ohne zu wissen, was er thun oder denken

sollte. Dann stand er auf, ging zum Podium, schlug den Vorhang zurück,

und sah eine sehr armselige Bühne vor sich, mit zerrissenen Coulissen an

der Seite. In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an, als

er auf sie zukam. „Sie wollen wohl spionieren? O ich fürchte mich nicht.

Thun Sie es nur. Sie sehen auch nicht aus, als ob Sie verstünden,

weshalb Sie in der Welt herumlaufen. Nun, weshalb kommen Sie? Ich kenne

zwar Ihren Namen nicht, aber Ihr Gesicht, – hierzuland giebt es nur zwei

Arten von Gesichtern, müde und stupide. Nun, was wollen Sie?“

„Es lebe die Anarchie!“ rief die exaltierte Stimme wieder. „Morgenröte!

Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der

kommende Messias der Freude!“

„Hören Sie? Das ist der Glühende,“ sagte Luisina, Bojesen zunickend.

„Hat es nicht etwas Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte,

dies Lachen hatte etwas Schrilles, wie wenn Glasscheiben klirren. Sie

bog sich dabei vor, und blieb so lange gebeugt, als sie lachte. Dann

wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. „Ja“, sagte sie

mit dem Wesen einer Frau, die ihre Worte fast als zu wertvoll erachtet,

um gesprochen zu werden, „ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten. Ich

lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene

Thaler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will, zu lieben, wenn

ich will und wen ich will, aber das ist unmoralisch. Ist es nicht

unmoralisch, Sie gelehrter Herr? Sie sehen nämlich aus wie ein Pfund

Zahlen.“

„Ich bin der tanzende Stern des Chaos!“ erschallte die Stimme des

Glühenden, und eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.

Bojesen hatte sich an eine Coulisse gelehnt und sah sie mit

halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. „Glauben Sie an Zufälle?“ fragte

er endlich. „Nun, ich bin hier hereingekommen, mit dem Bewußtsein, daß

ich Ihnen begegnen würde. Meine Seele wußte davon. Nein, ich kenne Sie

nicht, wer Sie auch sein mögen, ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte

ich einen andern Rahmen für dies Bild. Denn es ist ein Bild, – nun ja,

was sag ich, Sie spotten meiner. Mit Recht.“

„Ach!“ Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen

war etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, daß Bojesen mit Angst

auf jedes ihrer Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu,

lauernd wie ein Tiger, bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den

seinen und sagte: „Kommen Sie, um den müden Mann zu spielen? Auf diesem

Theater, wo man nur tanzt und lacht und singt? Wo man eure Welt vergißt?

Schlecht haben Sie die Zeit gewählt, Verehrtester; ich empfehle mich

gehorsamst.“ Damit ging sie graziös und schnell.

Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor

gleichsam sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den

Straßen. Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte

nach, woher all das Wasser kam, wohin es ging; warum fließt es in weiten

Streifen und Falten dahin, nicht glatt wie ein Glas? Was rauscht es

leise, was schlägt es an den steinernen Pfeiler?

Es fließt der Fluß und stehet nicht

Und Gott ist und vergehet nicht

murmelte er vor sich hin. Er suchte ein Gasthaus auf, irgend ein kleines

in einer kleinen Gasse, wo er in einem harten Bett, in einer feuchten

Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von irgend einem Bild

gepeinigt, das die wachen Glieder zittern ließ, bis der Leib unwillig

zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von

Fenster.

Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau

daheim. Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er

ihrer vergessen hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen näßte

und emporstieg zum Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein.

Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es

still, und die Schüler erhoben sich. Die Bänke waren amphitheatralisch

aufgebaut, Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen

Tisch standen und lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel,

Drahtnetze, Flaschen und Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts

kam der Rektor; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte

ernst: „Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer. Lesen Sie dies und kommen

Sie in einer Stunde aufs Rektorat.“ Gnädig nickend verschwand er.

Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch

herrschte. Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer.

Bojesen blätterte bis zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was

soll uns die Schule sein? und las zuerst ziemlich gleichgültig. Die

Schrift war schlecht, schattenhaft, fieberhaft; die Buchstaben schienen

aufeinander loszustürzen, schienen besinnungslos hinzutaumeln, dann

schien ein H oder ein I plötzlich steif zu stehen, Halt zu gebieten,

aber nichts konnte die allgemeine Flucht und Verwirrung hemmen. Bojesen

las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann errötend, dann

erblassend, und als er am Schluß angelangt war, stützte er den Kopf in

die Hand, nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers

noch einmal zu lesen, bedächtiger und immer mehr verwundert, welch klare

und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden

hatte.

Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Thor zum Leben

aufmachen. Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig.

Sie sollte uns zu tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die

Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu

lieben, den künftigen Beruf, die Menschen, die großen Männer der

Vergangenheit, die großen Ideen, die Freude an der Freundschaft, an der

Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns liebevoll

entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr? Bereitet

uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir

vielleicht was wir werden _sollen_, aber das ist kein Beruf. Die Schule

speichert nur Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in

unserer Seele nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben.

Niemals werden wir ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr Schuld und ich

muß euch anklagen. Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der

Schüler und bloß um das, was sie gelernt haben? Warum bleiben wir wie

Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn sie nicht immerfort fressen

wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn, statt ihn zu

lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie nach euren

Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch statt wie ein

Mensch. Alles was ihr sagt, ist euch so leblos geworden wie ein Brett,

weil es euch langweilt. Warum seid ihr so hochmütig? seht auf uns

herunter von einem Turm, daß wir ganz klein sind? zu hochmütig sogar, um

uns über das Allerwichtigste im Leben aufzuklären? Warum eröffnet ihr

uns nicht das Geheimnis der Geburt? Warum thut das die Schule nicht,

trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner bliebe dann die

Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie lauter Schmutz daraus und

kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen

sogar die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige

Heimlichkeiten. Ist das nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine

Ehrfurcht; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist

ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie treiben Dinge, an die man nicht

denken darf, ohne ganz verrückt zu werden. Warum bemerken das die Lehrer

nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum? Warum sitzt ihr auf

eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt? Niemals können

eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr Schuld mit

eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muß erst euch

und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er

dann Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Thut mit mir, was

ihr wollt, es ist mir gleich. Was ich geschrieben habe, mußte ich

schreiben und jetzt ist mir leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im

Innern hat mir befohlen.

Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war

etwas aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen

großen und ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, daß er

den Raum, in dem er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im

Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu

entlassen. Dann schritt er selbst hinaus, durch die Korridore, trat an

das hohe Fenster und sah in den Hof hinab, der auf allen Seiten von

Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins Gewühl der Knaben, die

mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts von

Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja er sah es mit seinen

eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette

gelockert wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten

am Sonntag, wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt. Das war

keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, _diese_ Jugend da mit

den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen, dem cynischen,

brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den häßlichen Bewegungen und

dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte von Menschen, er

sah es selbst.

Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt,

allein. Als jener den Lehrer gewahrte, wandte er sich und ging langsam

in das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm, (der Saal war leer) und machte

die Thüre zu. Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die

Augen. Bojesen nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons

Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über

Agathons Haar, schmeichelnd und liebkosend, und niemals zuvor oder

nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt, so unirdisch,

grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht

lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen mit Glück

verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner

Hand zu bedeuten hatte.

Eine Viertelstunde später wurde Agathon zum Rektor gerufen.

Die Juden von Zirndorf · 第 13 / 45 题