Sechstes Kapitel

Er stand auf, fühlte förmlich die Nacht um sich her mit den Fingern,

kleidete sich an, ging hinab, und obwohl er sich gar nicht bemühte,

leise zu gehen, schwebte er doch nur so hin über die Treppe und den

Flur. Auf der Straße war es zauberhaft still: die Häuser, die Gärten,

die Brunnen, alles gefroren in Ruhe. Er schlich um das Wirtshaus St.

Sebald herum, erkletterte das Weinlaubgerüst, stand oben vor einem

vergitterten Fenster, preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch

und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings

Schlafgemach. Es war vollkommen finster, doch sah er jeden Gegenstand,

auch den verstecktesten, mit brennender Deutlichkeit. Sürich Sperling

lag nicht im Bett, sondern saß auf einem Stuhl, starrte in den leeren

Ofen und sagte: „Ja, mein Junge, in der Hölle haben sie auch nicht immer

Vorrat an Feuer; mich friert.“ – „Soll ich einschüren?“ fragte Agathon

sanft. – „Ja, ja, aber findest du nicht, daß es hier nach angebranntem

Kaffee riecht?“ Agathon kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu

gebrauchte, fühlte sich an wie Wolle, und schließlich wurde es naß und

er sah, daß er mit Blut geheizt hatte. Dann öffnete sich die Thür und

von den flackernden Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er

führte an einer Leine zwei Hunde, zwei Katzen und zwei weiße Mäuse, die

alle gehorsam hinter ihm her schritten. Er ging auf Agathon zu und

reichte ihm einen Brief, über den Agathon in große Bestürzung geriet und

dann sah er plötzlich seine Mutter, die mit rollenden Augen irgend etwas

Unverständliches sagte. Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte: „Es

lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es lebe der

Bankrott. Es lebe die Bürgerschaft, die überm Pulverfaß schnarcht. Es

lebe die Revolution. Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es

lebe der Tod.“ Plötzlich wurde es hell im Zimmer, Agathon wußte nicht,

ob durch die Flammen im Zimmer oder durch ein Feuer, das draußen war. Da

begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden, und Agathon sah

nichts mehr, als ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete

nieder. Doch als er wieder aufschaute, sah er statt dessen eine nackte

Frau. Es war Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn

bei der Hand und führte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt,

durch Wiesen und Wälder und Felder, dann kam eine öde Strecke, dann eine

Brücke, die über einen grauenhaften Schlund hinweg führte, und endlich

kam ein Garten auf einem Hügel, und in der Tiefe erwachte der Morgen,

die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles war zerstoben, glänzend kam

der Tag. –

Frau Jette blieb, als die Männer morgens zur Schul gingen, im Bett

liegen. Die Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott von

Wassertrüdinger & Co. in Nürnberg. Darüber war alles erregt im Dorf.

Aber der Putz, in dem die Weiber zur Synagoge eilten, war darum um

nichts weniger prächtig. In Sammt und Seite rauschten sie einher, mit

kostbaren Hüten und gelben Schuhen, was im Rahmen des schmutzigen Dorfes

mit seinen Düngerhaufen ziemlich komisch war. Hinter den Frauen

schritten ernster und stiller die jungen Mädchen. Es waren Mädchen mit

schönen zarten Gesichtern dabei, voll von jener grundlosen Schwermut,

die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine Tiefe

haben, mit jenen breiten Hüften, die später Geist und Feinheit gänzlich

verdrängen müssen.

Die Männer schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen

und kamen kaum vorwärts. Isidor Rosenau, Samuel Bergmann, Max Lippmann,

David Krailsheimer, alle redeten mit den Händen, fochten mit den Armen

in der Luft umher: man danke für die „Kovet“ einen halben Goij zum

Chassan zu haben; man wisse wohl nicht, daß Elkan Geyer kein geborener

Zirndorfer sei –? So? das sei gleichgültig? wenn er nur ein guter Jüd

sei –? Er sei aber kein guter Jüd. Schicke er nicht seinen Sohn in die

Christenschule nach „Ferth“ –? Das thaten andere auch –? Gut, dann seien

andere auch Chasserem, Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kämme er sich

nicht am heiligen Schabbes mit einem Kamm? Sogar rasieren habe er sich

früher einmal lassen.

Die schwarzen Cylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her.

Weit hinter ihnen schritt Agathon, unschlüssig, ob er dem Gottesdienst

beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mädchen von vielleicht

sechzehn Jahren zu ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jüngst

aus Polen eingewanderten Frau. Sie kam ganz aus freien Stücken zu ihm,

der vor ihrer Schönheit errötete, vor ihrer Unbefangenheit.

„Sie sind Agathon Geyer?“ redete sie ihn in einem reinen Deutsch an, mit

einer glockenhellen, melodischen Stimme.

Er nickte langsam.

„Ich habe viel von Ihnen gehört. Ihr Vater will Vorbeter werden?“

Er nickte wieder.

„Aber warum wollen das die Leute da nicht?“

„Ich weiß es nicht. Sie sind neidische, erbärmliche Menschen.“

„Braucht ihr es denn so nötig?“

„Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld

hätten, das für uns Kinder bei Baron Löwengard deponiert ist, hätten sie

gar nichts.“ Er sprach etwas wirr und stockend und war ärgerlich über

seine ungewohnte Mitteilfreude.

„Wissen Sie was,“ sagte Monika Olifat, „wir wollen Freunde werden.

Vorausgesetzt, daß Sie es wollen.“ Agathon sah sie an und jetzt errötete

sie. „Ich suche einen Freund,“ fuhr sie etwas verwirrt und wie

entschuldigend fort. „Also wollen Sie?“ Sie hielt ihm schüchtern die

Hand entgegen und schüchtern legte er die seine hinein.

„Freunde sind Verbündete,“ sagte Monika Olifat. „Sie dürfen nichts

voneinander verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt

sagen wir uns Du.“ Sie nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem

für die Frauen bestimmten Aufgang der Synagoge.

Der Tempel war ein kalter, kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern,

alten Gebetspulten, moderiger Luft, einem Balkon für die Frauen und dem

Altar. Während des ganzen Gottesdienstes herrschte derselbe Lärm wie

vorher auf der Straße. Erst als ein Rabbiner aus Fürth die Kanzel

betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war anfangs

reichlich mit gelehrten und biblischen Citaten geschmückt, erging sich

dann in pathetischen Äußerungen über die Heiden, befaßte sich des

Weiteren mit der Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der

Mischna, empfahl „die Fahne des Glaubens hochzuhalten“ und schloß mit

einem Preis des Vaterlandes und des Kaisers. Da erschallte ein grelles,

erschreckendes Gelächter im Hintergrund, gerade als der Gottesdienst mit

dem Kaddisch endigen sollte. Alles wandte sich mit aufgerissenen Augen

um, und man sah einen alten Mann sich krümmen und verbeugen wie eine

Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es war

Gedalja; Enoch Karkau ging hin, um ihn hinauszuführen. Tuschelnd verließ

die Gemeinde das Haus.

Als Agathon nach Haus kam, saß Gedalja fröstelnd am Ofen, und neben ihm

stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geyer hockte auf der Bank am

Tisch und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Pausbäckige

trippelte auf dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich

summend an der Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau

und regnerisch.

„Es nützt nix, Enoch,“ sagte Gedalja. „Ich waaß, daß de hast vergraben

dein Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu

geben dervon.“

„Schweig still, du versündigst dich,“ erwiderte Enoch durch die Zähne.

Der andere Greis schien es nicht zu hören. „Es nützt nix,“ sagte er

eintönig und bekümmert. „Wucher treibste aach und ich seh dich noch

kommen ins Zuchthaus mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch

kommen ins Zuchthaus, so wahr ich leb un so wahr ich da sitz.“

„Gedalja!“ murmelte Elkan Geyer gequält.

„Was soll ich thun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er

ausleiht Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich habs

gehört von en redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de

hast gericht zu Grund. Soll kommen sein Wohlstand über dich. Soll kommen

sein Ansehn über dich. Aber haste zu Grund gericht den Bäcker, wirste

aach zu Grund richten den Schuster. Un endlich wird kommen der

Zugrundrichter über dich un werd haben kein Erbarmen, wie du hast gehabt

kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschändet dein Name un deine Familie un

is geschändet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreißig Thaler, Enoch,

voriges Jahr Pesach zu gutem un ich hab d’r zurückgegeben fufzig Thaler

um Schues? Die Welt is groß und dreht sich, ich waaß und mancher

verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packts aach

und er muß lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und

bin stumm.“

Isidor Rosenau kam „auf einen Sprung“ und wurde sehr lau begrüßt. Er,

der bisweilen kleine, atheistische Anwandlungen verspürte, begann einen

etwas gedehnten Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er

hatte da irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze

Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben. „Wenn Adam und

Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und

nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht allein!“ So

rief er begeistert und brachte noch ein Vierteldutzend ähnlicher Dinge

aus der Tiefe seiner Erkenntnis ans Licht.

Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren

Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: „Junger Mann,

die Schrift is nit geschrieben, daß se wird gelesen mit die leiblichen

Augen, sondern mit die geistigen. Sie soll nicht werden studiert,

sondern sie soll werden getrunken wie Wein. Sie hat Symbole, daß wir

können messen daran unser eigenes Leben. Un wir sollen nicht messen

daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.“

Agathon fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem

Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand.

Doktor Schreigemut kam, den man für Frau Jette bestellt hatte. Er war

gewiß eine merkwürdige Art Doktor. Er brachte eine Gemütlichkeit zum

Krankenlager mit, als sei der Tod eine eitle Illusion, eine Schrulle,

und sein weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den

erstrebenswertesten Zustand bedeute. Er sagte, daß „so weit“ alles in

Ordnung wäre, nur dürfe man nichts „übertreiben“, müsse fleißig lüften,

Fleischsuppe kochen und hier sei eine harmlose „Pillule“. Darauf

verbreitete sich der Mann eingehend über die politische Lage, über den

neuen Besitzer der Ziegelei, kniff Mirjam in die Wange und schob

befriedigt ab, um sich zu dem unterbrochnen Tarock in die gläserne Burg

zu begeben. Darauf gab Isidor Rosenau noch einige sehr fascinierende

Witze über das Wetter im allgemeinen zum besten; es lachte aber außer

ihm selbst nur der kleine Pausback am Fenster, der damit Isidor einen

unermeßlichen Dienst zu erweisen glaubte. Es läutete draußen und ein

Bauer verlangte Tabak zu kaufen. Elkan Geyer rief ziemlich energisch

hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug die

Thüre zu, gleich darauf ging er aber hinaus. Agathon wußte, daß er in

die Küche ging, um Kathrin zu bitten, daß sie den Tabak verkaufe.

Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben

langsam, sind bloß ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der

heraufsteigenden Nacht, und die Nacht nimmt sie dann auf den starken Arm

wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit hingesummten Liedern.

Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja in stand setzen; für

die nächsten Wochen war ihm eine elende Kammer zwischen Hof und

Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über seinem Thun

und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Sein Weg führte

ihn an das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und

winkte ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere

Schwester machten Besuche. Es war ein hübsches Zimmer, in das Agathon

trat. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes und hatte einen

villenartigen Charakter.

„Ich freue mich, daß du gekommen bist,“ sagte Monika sanft; sie hatte

eine Puppe in der Hand, die sie schon seit zehn Jahren besaß, wie sie

sagte. „Aber das ist dumm von mir, nicht?“ fragte sie, indem sie sich

niederbeugte und nach einem Blick von ihm haschte. Sie erschien Agathon

anders als am Morgen: weicher und fast furchtsam. Nun brachte sie ein

Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum

gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre

Stimme zu hören, die rein und hell dahinfloß, ein ungetrübter Strom. Die

Stimme machte gleichsam alles heiter um ihn, und er hatte ein

unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich, ein

Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So kam es ihm vor,

daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste

stehe, das je ein menschliches Ohr vernommen und daß man sie nur zu

verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein.

Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: „So, jetzt wollen wir uns

unterhalten. Jeder erzählt dem andern, was er überhaupt weiß.“

Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es auch. Denn Agathon war

still und Monika auch. Wer konnte denn da reden, wenn es draußen

dämmerte! Der müde Himmel schien herunterzusinken, daß man es kaum

merkte, und die Bäume weit im Osten bogen sich, verschwammen, wollten

fast in die Erde fallen, bis man sie gar nicht mehr sehen konnte. Das

Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wieder, stets matter und

matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agathon sah nur noch die zarten

Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale

Stirnlinie, zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden

Kugeln strahlten und ein Kinn, das ihn an die Puppe von vorhin

erinnerte. Widerspenstige Haare kräuselten sich im Nacken: ein Zeichen

von Leidenschaft und spielender Anmut.

„Du sprichst ja gar nichts,“ flüsterte Monika befangen.

„Laß uns nicht sprechen,“ erwiderte Agathon mit bebender Stimme.

„Ja, was soll man auch sagen,“ gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und

streichelte sie vorsichtig. „Warum zitterst du denn so, Agathon?“

Agathon sprang auf, ergriff seinen Hut und rannte fort, – hinaus, und

ging erst wieder langsam, als er in der Hauptstraße des Dorfes war. Er

lächelte voll Scham und Reue.

Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er vom Flur in den Hof, vom Hof

in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem

Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammerthür stand Kathrin, mit nichts

bekleidet, als mit einem Unterrock und einem Hemd. Ihr Haar war lose,

ihre festen Schultern waren nackt wie auch die Hälfte der Brust. So

stand sie vor der halboffenen Thür, schwankend beleuchtet von dem

Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb blöde, halb begehrlich

Agathon zu. Er war völlig erstarrt. Seine Zähne schlugen aneinander, er

wollte nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich

legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so

unerträglich heiß, daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit

einem dumpfen Schrei floh er.

Noch ganz besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja,

kniete vor ihn nieder, nahm dessen Hand und flüsterte, wirr, bleich im

Gesicht. Der Greis fragte und konnte zuerst nichts erfahren, doch bald

bekam er auf Umwegen Klarheit. Er nickte ein paarmal wissend vor sich

hin. „Setz dich her, mein Jung, und ich will dir sagen was for dein Herz

un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich worn gestraft un hab

gehabt zwaa Weiber nebbich un war keine Broche un kein Segen dabei. Das

Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann. Sie

mag sein e Chuchem, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag

sein gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, daß de

kannst formen das Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Un wenn de

hast eine große Begehr, dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist

un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim hellichten Tag. Laß d’r nit

einjagen Angst durch die falschen Lehren: es is ka Unglück un ka

Verbrechen, es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon. Un wenn

de eines Tags fühlst mehr un dein Herz werd sein voll Liebe, dann gehste

hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se gefällt deinen

Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste nit

verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine

Worte.“

Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als

vorher. Es wurde Abend und er fühlte sich förmlich gefangen in einem

verworrenen Knäuel von Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der

zur Küche führte und wo es stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft

an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen, das auf

dem Anricht in der Küche stand. Er hörte nahende Schritte, und erschrak

wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende, gleichsam

spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt

Enoch Karkaus zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten

in die matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die

Küche abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu,

wo das Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riß die

Anrichteschublade auf, packte mit schlotternden Händen ein Messer und

schnitt ein großes Stück Brot herab, immer angstvoll lauernd in die

Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig

zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biß hungrig in das

erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter.

Das andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen,

entfernte er sich wieder.

Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er

zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das

inbrünstige Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her

Freude zu bringen. Freude! Als er aufsah und sich entfernen wollte,

erblickte er seinen Vater, der unbeweglich vor ihm stand und die Hand

schwer auf seine Schulter legte.

Die Juden von Zirndorf · 第 12 / 45 题