Fünftes Kapitel

Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben, der immer still vor sich

hinschluchzte, das Innere des großen, hallenden Gebäudes betreten hatte,

hörte das Schreien wieder auf. Doch in einem jener Energieanfälle, die

oft über ihn kamen und durch die er in seiner Achtung gewann, beschloß

er, der Sache auf den Grund zu gehen. Und er stieg die Treppe hinan,

wurde nachdenklich gestimmt durch den feierlichen, ja düsteren Stil des

Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung, machte

seine Glossen zu dem großen, bemalten Glasfenster, das den Propheten

Japhta mit seiner Tochter zeigte, in einer naiven und herzlichen

Darstellung, die an Cranach und seine Schule mahnte. Auf dem großen

Korridor war es still und öde. Er öffnete die nächste Thüre, wobei sich

das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte, um auch etwas zu

sehen, und hatte einen großen, weißgetünchten, fast finsteren Saal vor

sich, in welchem Bett an Bett stand, wohl dreißig oder vierzig wie in

einer Kaserne, und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger

weißes Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen

Lippen, angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer

zurückzuhalten. Eine dumpfe Luft schlug heraus wie aus einer Katakombe

und Gudstikker schloß schnell die Thüre, stand ratlos da und sah die

Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen.

Da ertönte wieder das Schreien: lauter, klarer und eindringlicher. Der

Kleine rang stumm die Hände und das Eckige und Verzweifelte in der

Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte.

In einem schmalen, matt erhellten Raum saß der Schammes mit einer blauen

Brille, riesenhaften Filzschuhen, einer dicken Uhrkette und einer Art

Kaftan und nickte schläfrig; und wenn ihn sein Gegenüber, der Wohlthäter

Abraham Porkes anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht und

kehrte dann wieder an die Grenze des Schlummers zurück. In der Mitte des

Raumes war ein Knabe von vielleicht dreizehn Jahren auf ein Brett mit

Riemen festgeschnallt, und wenn der Schammes, das Rohr in der Hand, mit

seinem devoten Gesicht emporschnellte, schlug er zugleich mit dem Rohr

klatschend auf den Rücken des Knaben. Dieser öffnete dann den Mund zu

einem Schrei, der lang hinhallte und langsam erstarb, worauf er in eine

schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes

und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht sofort das

Gesicht dieses Knaben gesehen hätte, das sich mühsam emporhob: ein

feines, reines Gesicht, mit einer Lieblichkeit, die nur den frühen

Schmerzen zukommt, mit einer unerfahrenen Gläubigkeit. Schwarze Locken

fielen in die Stirn, auf die deutlichen Brauen, unter denen hilflos

fragende Augen hervorschimmerten mit jenem Knabenblick, der manchem

erfahrenen Mann etwas zu denken giebt. Kaum sah der kleine Bursche an

Stefans Seite das Unglück seines Freundes, als er auf ihn zustürzte und,

da er mit den Ärmchen nicht hinaufreichte, bitterlich zu weinen anfing.

„Ruhig! was ist hier los?“ sagte der Wohlthäter in sanftem Baß.

„Ruhig, was ist hier los?“ wiederholte getreulich der Schammes und

zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der

Unterlippe hervorragte.

„Wo kommt ihr her?“ fragte der Wohlthäter und schaute seine dicken

Finger an, als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt.

„Wo kommt ihr her?“ fragte der Schammes und versteckte seinen Zahn, so

gut es ging.

Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die

Riemen und hob den Knaben herab. „Ignazle, guts Ignazle“, flüsterte der

Kleine mit der Betonung einer Mutter. „Siehst mich nit? Thut’s weh?“

„Ruhig!“ donnerte Abraham Porkes. „Was erlauben Sie sich, junger Mann!“

„Ja, was erlauben Sie sich!“ sagte der Schammes mit einer

unbeschreiblichen Stimme und schneuzte sich in ein blaues Tuch mit

thalergroßen, roten Flecken.

„Was hat der Junge gethan?“ fragte Gudstikker mit einer Hoheit, die ihn

selbst überraschte und sehr befriedigte.

„Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das muß bestraft werden. Da

alle andern Mittel vergebens sind, muß er bestraft werden. Seine Mutter

selbst hat ihn hergebracht, – kurz und gut, was haben Sie hier zu suchen

und dieser nichtsnutzige Bengel da?“

„Ja!“ machte der Schammes und sah streng aus.

Gudstikker lachte. „Wollen Sie mir das Kind überlassen?“ fragte er dann.

„Ich werde ihn heilen. Er interessiert mich.“

„Sind Sie Jude?“

„Nein.“

„Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.“

„Aber Herr Kommerzienrat! Sie, bei Ihrer Vernunft und Bildung! Sie

kennen ja auch meine Mutter, Elise Gudstikker. Es kann Ihnen ja gleich

sein. Und wenn Sie ihn wieder verlangen, können Sie ihn haben.“

„Ja, wenn Sie glauben,“ meinte Porges unentschieden. „Gut“, sagte er

dann, „auf acht Tage; vorausgesetzt, daß nichts geschieht, was unsere

Religion – na, also gut, der Junge weiß das schon selbst. Adieu junger

Mann, machen Sie’s gut, grüßen Sie Ihre Mutter. Sie gefallen mir!“

Gudstikker ging heim mit den zwei Knaben. Der Zerlumpte konnte sich

nicht trennen und überhäufte das Judenkind mit Liebkosungen. Gudstikker

zog die Schultern hinauf und lachte in sich hinein. Er wußte, daß die

beiden froh waren, den Knaben los zu sein.

Zu Hause angelangt, fand er seine Mutter unpäßlich. Sie lag auf dem

Sofa, sah etwas kummervoll aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu

erklären, wie er zu den Kindern komme. Sie kannte seine Art, eigenwillig

und schnell zu handeln, gut genug. Sie kannte auch seine redselige und

mitteilsüchtige Natur zu sehr, um sich neugierig zu zeigen. Ihrer

apathischen und lebensweisen Art war das fremd. Ihr Leben bewegte sich

hin und her zwischen Seufzen und gleichgültig gewährendem Lächeln, dabei

hatte sie jene eigentümliche Strenge, die dem Blick etwas

Unwiderstehliches giebt, einen Blick, von dem man glaubt, daß er den

Körper wie Glas durchdringe. Den jüdischen Knaben sah sie an, lachte

leise und hart, betrachtete seine langen, feinen, dünnen Finger, das

abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig wieder hin und

sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe.

„Können sie hier schlafen, Mutter? Oder in der Kammer?“

Der Judenknabe, den sein kleiner Kamerad aus Gott weiß welchem Grund

Ignazle nannte, während er Sema Hellmut hieß, sprach kein Wort. Aber er

schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hörte, dem

träumerischen Spiel seiner Augen nach zu schließen. Diese einfache und

gemütliche Stube mit dem weißen Kachelofen, der fortwährend leise in

sich hineinbrummte, die Nacht draußen mit dem einförmigen Flußgerausche,

die stille Lampe, die alten Bilder an den Wänden, er besah es mit

scheinbar verächtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen inneren

Unruhe. Er schien gar nicht empfänglich zu sein für die unaufhörlichen

Liebkosungen seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick

angstvoll in den des kleinen Zerlumpten.

„Nun, das ist doch jüdische Degeneration, wie sie im Buch steht,“ sagte

Gudstikker zu seiner Mutter.

„Ich weiß nicht, was im Buch steht,“ entgegnete sie lakonisch. „Ich will

dir sagen, die Juden sind viel bessere Menschen als wir, edlere

Menschen. Sie trinken nicht, sie betrinken sich nicht, sie sind

eigentlich viel fremder in der Welt als wir. Wenn bei uns nicht alles

aus dem Leim geht, haben wir es bloß den Juden zu danken.“

„Meinst du? Das hat zwei Seiten. Es giebt solche Juden und solche. Die

einen scheinen auserlesen für alles, was gut, groß, prophetisch ist. Die

andern, die meisten, sind Würmer, Schlangen, Mistzeug. Ich bin der

Ansicht, es läßt sich auch gar nicht leugnen, daß unsere ganze

Kulturkrankheit Judentum heißt.“

„Wer weiß, vielleicht heißt sie auch anders,“ entgegnete Frau Gudstikker

mit seltsamem Lächeln und spielte mit einem elfenbeinernen Kruzifix an

der Wand. „Das sind so Worte, mein Lieber. Aber ich kann darüber nicht

reden. Ich bin zu dumm. Alle Frauen sind ja dumm.“ (Wieder dies feine

Lächeln.)

Gudstikker schwieg und verfolgte ein eigentümliches Schauspiel zu seinen

Füßen. Der große Bernhardinerhund, Faust, ein energisches, edles und

kühnes Tier, erhob sich aus seiner Ofenecke, tappte zu den zwei Kindern,

beschnüffelte den drolligen Zerlumpten, brummte, (er war kein Freund der

Kinder), beschnüffelte Sema, und statt wieder zu brummen, leckte er die

Hand des Knaben, freudig und förmlich demütig, dann ließ er sich neben

Sema nieder und hörte nicht auf, ihn gespannt anzublicken, als ob er

einen Befehl erwarte. Es war wie ein Bild aus einem alten und

vergessenen Buch.

Da gewahrte Sema eine Geige an der Wand über der Kommode; seine Augen

wurden groß und begehrlich. Er stand auf, machte eine bittende Gebärde,

wobei er auf das Instrument deutete und kaum das erstaunte Nicken Frau

Gudstikkers abwartete; dann stellte er sich auf die Zehen und nahm die

Violine herab, kehrte auf seinen Platz zurück und begann vorsichtig

lauschend zu stimmen. Hierauf nahm er den Bogen und spielte. Aber wenn

man sagt, er spielte, dann ist es zu wenig. Es war nicht mehr der kleine

Knabe mit dem bisweilen aufstrahlenden Blick und der müden Blässe der

Wangen; es war irgend eine verstorbene wundervolle Künstlerseele, die

mit fleischgewordener fester Hand den ärmlichen Bogen führte. Es waren

solche Töne, die gleichsam den Himmel durchsichtig machen, ohne daß man

Gott selber findet, ein schwermütiger Hymnus an alles Liebliche des

Frühlings und des Sommers, das unbeklagt hingegangen ist, um nicht mehr

zu erscheinen, oder es war die Trauer um die Jugend, die zu leiden

hatte, oder ein Märchen selbst ersonnen in einer einsamen Nacht, –

unaussprechlich.

Als Sema die Arme sinken ließ, lauschte er selbst noch den Tönen nach.

Er schien nicht zu ahnen, was er mit seinem Spiel gethan; er blickte nur

bewegt auf den still vor sich hin heulenden Wendelin, seinen kleinen

Freund, auf die regungslos hingestreckte Frau Gudstikker, auf den

verloren träumenden jungen Mann. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf,

stand auf, legte die Geige auf die Kommode, ging zum Ofen, rieb seine

Hände an den Kacheln, legte die Stirn an den Messingring der Nische, und

bei alledem folgte ihm der große Hund Faust, und ließ nicht ab, ihn mit

seinen feuchten, treuen, glänzenden Augen anzustarren.

Am andern Tag gegen Mittag, kurz nachdem er aufgestanden war, bat

Gudstikker seine Mutter um Geld. Er habe keines mehr und bekomme erst

morgen wieder. Sie habe kein Geld für ihn, erwiderte sie. Er solle seine

Uhr versetzen.

„Mutter,“ erwiderte er ernst, „du weißt, daß ich nichts versetze. Es

geht gegen meine Natur. Willst du, oder willst du nicht?“

Sie gab, was sie entbehren konnte. „Wie lange wird es noch dauern mit

deinen großen Ideen,“ seufzte sie. „Wir alle haben zu leiden gehabt

unter deinen großen Ideen.“

Gudstikker lachte verächtlich und ging. Nach dem Essen begab er sich ins

Caféhaus, vergrub sich in Zeitungen, saugte alle belletristischen,

politischen und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener

Schwamm das Wasser, zahlte erst als es dämmerte, dann ging er zu einem

Trödler, versetzte seine Uhr und machte sich auf den Weg nach Zirndorf,

um die Nacht im Ziegeleigebäude zu verbringen.

Das Wasser war nun so weit zurückgetreten, daß die gewöhnlichen Wege

gangbar waren: den Damm entlang zur äußeren Turnhalle, dann tiefer ins

Thal hinab, durch Äcker und Wiesen. Bei Dambach war ein Notsteg

errichtet und schwankte hin und her wie eine Schaukel. Der Abenddunst

huschte schattenhaft über das Wasser, das rauschend und grollend

dahinschoß. Dann trat der Mond heraus, kalt, klar, eine halbe Scheibe.

Aus der öden Ebene wurde ein Nebel- und Elfenreich, die ferne Stadt

schien eine alte Festung, aus Rauch und Staub erbaut, der Wald schien zu

hüpfen, oder sich zu verschieben wie eine Coulisse. Der Mond war

tausendmal in tausend Wellen zu sehen, auch in dem ruhigen breiten

Wasser, womit die Wiesen überschwemmt waren. Quä, machten die Raben,

schienen sich zu besinnen, wohin sie fliegen sollten. Lichter schauten

aus einem Weiler, flimmerlos, matte Punkte, wie Leuchtkäfer; ein Bauer

schrie, ein Hund bellte, dann fingen plötzlich die Glocken in der Stadt

an herüberzuläuten; es war wie das Gerippe zu einer Melodie, die lang

und feierlich hinströmen muß, wie dunkler Wein aus grünem Glas.

Gudstikker sah eine Gestalt vor sich. Sie schwankte beinahe müßig dahin,

griff nach Stauden am Weg, nach Halmen, warf Steine ins Wasser. Es war

Agathon. Gudstikker griff aus und wünschte guten Abend. Agathon

erschrak.

„Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf?“ fragte Gudstikker.

„An Vieles. Oder an nichts.“

„Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen? Sie sind ein Träumer, aber ein

aufgeregter. Sie machen sicherlich noch mal irgend welchen Tumult in der

Welt. Sie sind so ein versteckt kochendes Wasser. Niemand ahnt, daß es

kocht, auf einmal fliegt der Deckel herunter –!“

Agathon lächelte überlegen. „Was denken Sie sich eigentlich dabei? Sie

kennen mich doch gar nicht. Sie wollen mir nur imponieren.“

Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf. Dann rauchte er sehr

nachdenklich weiter, bis er die Stille unterbrach. „Was sagen Sie nun zu

dem Abend? Da könnt ich nun einfach sterben. Aber dafür haben Sie ja gar

keinen Sinn. Juden haben keinen Natursinn. Ach, ich muß Ihnen etwas

erzählen. Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer. Ein Romanstoff.

Es ist sehr fein, rätselhaft, metaphysisch sozusagen. Als ich an eurem

Waisenhaus vorbeiging, hörte ich furchtbares Schreien. Die Straße

menschenleer, nur ein kleiner Junge stürzt auf mich zu, nennt mich Herr

Jesus, zerrt mich die Stiege hinauf, durch drei, vier Schlafsäle, durch

ein ödes Schulzimmer, durch eine Art Karzer oder Betsaal und auf einmal

hör’ ich wieder schreien.“

„Im Haus?“

„Im Haus. Ich öffne eine Thür, zwei große Kerle in schwarzem Talar

stehen da, der eine betet und der andere sticht mit seinen Nadeln in den

Körper eines Knaben, der, merken Sie auf, der an der Decke hängt, mit

den Füßen nach oben. Ich bin wie toll, schlage den einen zu Boden,

drücke den anderen an die Wand, schneide den Knaben ab und gehe mit ihm

fort. Zuhause sieht der Junge meine Geige und fängt nun an zu spielen, –

ich habe nie im Leben dergleichen gehört. Ich heule, meine Mutter heult,

die Leute auf der Gasse bleiben stehn, der kleine Bengel, der

mitgelaufen ist, wird ohnmächtig ...“ Gudstikker schwieg erschöpft. Es

war, als sähe er jetzt alles viel deutlicher, als zur Zeit der

Ereignisse selbst.

Agathon sah seinen Begleiter mit leisem Mißtrauen von der Seite an.

„Weshalb hatten sie ihn denn so gezüchtigt?“ fragte er.

„O, das ist sehr einfach!“ Gudstikker sagte etwas, wobei Agathon die

Hände zusammenschlug.

„Ja, es ist eine schmutzige Welt, in der wir leben,“ seufzte der andere.

„Wir waten durch den Kot, in dem sich die Sterne spiegeln. _Exempla

odiosa sunt._ Ich will Ihnen sagen, wir sind zu gebildet, um noch

brauchbare Menschen zu sein. Sürich Sperling war kein Gebildeter, aber

ein Mensch.“

„Warum reden Sie stets davon!“ sagte Agathon unwillig.

Gudstikker blieb stehen und heftete seine Augen durchdringend auf den

Gefährten; und seine Augen sahen groß und feurig aus im Licht des

Mondes. Sie waren auf dem Hügelkamm angelangt. Zu den Seiten blickte die

Waldnacht sie an, in der Tiefe schimmerten die Lichter von Zirndorf.

Agathon lehnte sich an einen Baumstamm; sein Gesicht hatte einen

visionären Ausdruck. „Ich sehe ihn,“ sagte er. „Er nickt.“

Gudstikker wich scheu zurück.

„Hören Sie,“ fuhr Agathon fort, „mir ist, als könnte ich die Zukunft

genau sehen. Einer hat mich hinaufgehoben, daß ich es sehen kann: Sürich

Sperling. Nicht weil er gelebt hat, sondern weil er tot ist. Aber fragen

Sie mich nichts.“

Sie gingen weiter. Gudstikker kaute an seiner erloschenen Cigarette.

Über den Mond zogen flaumige Wolken, ohne daß sie seinen Glanz merklich

zu mindern vermochten.

„Was ist eigentlich Ihr Beruf?“ fragte Agathon.

Gudstikker errötete. „Ich schreibe,“ sagte er, bemüht, sich selbst zu

verspotten. „Ich mache in Kunst. Ja, man wird bald von mir hören.“

„Aber nicht lange,“ fügte Agathon versunken hinzu. „Sie haben bloß

Funken, keine Flamme.“ Er brach erschrocken ab, als er Gudstikkers

verzerrtes Gesicht gewahrte.

An der Ziegelei trennten sie sich. Agathon ging heim. Es war der

Vorabend der letzten Tage des Laubhüttenfestes. Zum erstenmal hatte

Elkan Geyer keine Hütte gebaut. Doch trotzdem war es sehr festlich. Die

fromme Liebe, mit der man die Feier begann, übergoldete gleichsam die

Ärmlichkeit. Aus nichtigen Dingen entstand unter den Händen einer

einfachen Frau Poesie: Äpfel, Nüsse, Trauben, schwer gelagert auf

blendend weißen Decken, gescheuerte Dielen und Fenster, die

Festtagslampe, eine kupferne Ampel, dampfende Speisen, frischgewaschene

Kinder, die froh sind, daß alles anders ist, als am Werktag.

Enoch Karkau starrte im Sofawinkel. Der Fremde, Joelsohn, war wieder da

und las Gebete. Elkan Geyer sah Keinen an; sein Gesicht war wie

durchpflügt von Unglück. So ging er seit dem Mord herum, und nichts war

aus ihm herauszubringen. Die verschuldete Summe hatte er im letzten

Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten eingehändigt. Frau

Jette siechte nur so hin. Es war oft, als ringe sie mit einer

unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug, die Arme frei zu bekommen.

Daher leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen, wie von der

Gewißheit der Niederlage erfüllt und doch voll trotziger

Widerstandslust. Die Sorge um die Kinder beschäftigte sie am meisten,

und sie glaubte Ruhe zu haben, wenn nur Elkan endlich einmal die

streitige Chassanstelle erhielte.

Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt. Alles war still.

Joelsohn las den Israelit, die Zeitung für das Judentum, und sah

plötzlich empor.

„Es steht schlimm mit Jisroel,“ sagte er. „Habt’r gelesen von Rußland?

Habt’r gelesen von Wien? Is der Jüd a Verbrecher, daß er sich soll

steinigen lassen von die Gojim? Es wird e böses End nehmen, en End mit

Schrecken.“

Sie sprachen dann vom Brand in Roth, und vom Bankrott einiger Nürnberger

Bankfirmen. Frau Jette sagte, daß Isidor Rosenau entschlossen sei, sein

Geld beim Baron Löwengard zu erheben. Das sei lächerlich, warf Enoch

Karkau hin; Löwengard sei sicher wie Rothschild. Joelsohn hörte dies

alles nicht; er redete sich in eine flammende Hitze gegen die Christen

und wurde schließlich ganz fantastisch in seinen Anklagen. Er ist um ein

paar Jahrhunderte verspätet, dachte Agathon. Es gab viele solcher Juden,

besonders in der Stadt; es waren Zeloten. Das Gebet ging ihnen über

alles, über Gott selbst und wer nicht betete, war der Feind und der

Christ; etwas Unreines, Fettiges, Übelriechendes lag über diesen

Eiferern wie über abgestandenen Speisen.

„Ja“, sagte Elkan Geyer müde, „das ist ja ganz recht, aber schließlich

sind wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel, bei

einem fremden Volk. Was können wir fordern? Nichts. Erobert, genommen

haben wir ja genug, das muß wahr sein, die einen viel, die andern

wenig.“

„Und wenn der Messias kommt?“ murmelte Joelsohn fanatisch.

Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten

gleichzeitig. Darin lag etwas schmerzlich Zweifelndes. Agathon liebte in

diesem Augenblick seinen Vater sehr.

Bald sagte er gute Nacht. Ihm war wunderlich zu Mut. Er hatte ein Gefühl

von Macht und Freiheit; ihm war, als könne er all diese bunten

Verwicklungen des Lebens lösen, wenn er nur die Hand erhob. Er wollte

noch nicht schlafen, darum ging er in den Hof und schlürfte gleichsam

die Nacht in sich ein, die so still war, spätsommerlich lau, trotzdem

der Oktober schon weit vorgerückt war. Der zerbrochene Zaun, der

verwilderte Gemüsegarten, in der Ferne die Felder, die niederen Häuser:

alles in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes. Er hörte etwas

murmeln, ging ohne Furcht den Lauten nach, öffnete das Scheunenthor und

wurde ganz bleich vor Bestürzung, als er auf einem Strohlager den alten

Gedalja gewahrte, der in einen mattleuchtenden Kerzenstumpf

hineinstarrte und Agathon eifrig zu sich herwinkte, als er ihn

erblickte.

„Psch! nix reden!“ rief er mit unterdrückter Stimme. „Mausstill sein,

sonst schneid’ ich d’r ab die Ohren. Setz’ dich her zu mir, und ich will

d’r sagen was Guts fors ganze Leben. So. Ob de bist reich, ob de bist

arm, ’s is ganz egal; ob de bist gottesfürchtig, ob de bist nit

gottesfürchtig, ’s is aach egal. Müßt ich sonst sitzen auf Stroh in der

Scheune wie Hiob, und unterm Gras wie Nebukodnezor? Ich will dir geben

en guten Rat un sollst’n nit vergessen fors ganze Leben. Sag’ niemals,

un wenn de wirst siebzig Jahr, sag’ niemals, daß de hast einen Menschen,

wozu de haben kannst Vertrauen. Gott im Himmel, bin ich geworden neunzig

Jahr, un meine Kinder schämen sich meiner. Hab’ ich gehabt e Gut, e

Haus, un e Viech, un e Fraa, un es Unglück is gekommen un hat

aufgesperrt sein Rachen, daß ich jetzt sein muß heimlich in der Scheune

meines Vetters, bis er wird sein willig, mir zu geben e Kammer für die

Nacht. Glauben is kaaner mehr in der Welt, ich spür’s am eignen Fleisch,

Gott hat die Zeit verloren, sie is ihm gefallen aus der Hand, nebbich.

Du hörst se schreien von Juden un Christen, aber was se meinen is das

Geld un was se nicht meinen, is die Frommheit. Was is Gott? Is das Gott,

wenn ich mach e Kreuz, wenn ich bet in der Thora? Is das Papier Gott? Is

das Holz Gott? Is Gott der Himmel, is Gott der Mond? Nix is Gott; Gott

is meine Gutwilligkeit un mein Armsein. Ich bin Gott, du bist Gott, e

Gespenst is Gott, e Stück Armut un Elend.“

Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Thränen.

Zerrissen mit sich und der Welt lag er da. Und Agathon war wie

versteinert. Dann begann der Alte wieder, leiser und ruhiger: „Jetzt

gehste wieder hin, wo de bist hergekommen, legst dich schlafen un bist

still. Du bist e Chuchem und wirst thun wollen e Mitzwe bei en alten

Mann. Ich muß sein allein. Ich kann nit sehn vor mir e menschliches

Gesicht.“

Agathon wandte sich, verschloß die Thür, ging ins Haus, in sein Zimmer,

kleidete sich aus, – alles mechanisch. Dann legte er sich ins Bett und

dachte nach, weit über Mitternacht hinaus.

Die Juden von Zirndorf · 第 11 / 45 题