Viertes Kapitel

Wie in einem wirklichen Traum gefangen, ging Agathon in die Küche, wo es

von köstlichen Speisen duftete, und aß, was man ihm an Überbleibseln und

für die Tafel Unbrauchbarem gab. Dann ging er in die Bodenkammer hinauf,

wo er die Nacht verbringen durfte. Von unten klang Musik herauf,

Gläserklingen, dumpfe Rufe der Fröhlichkeit, das Schlürfen des

Tanzschrittes, und das lange, wogende Murmeln der Gespräche. Etwas Neues

und Feierliches war heute über ihn gekommen, das ihm die Welt in anderem

Licht zeigte als bisher, doch war alles noch verhüllt.

Er wälzte sich lange Zeit schlaflos auf dem Strohlager und sah in die

dunkle, schwere Nacht hinaus. Zuweilen erfüllte ein bitteres Gefühl sein

Herz, daß er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach

schlafen mußte. Denn daß der Baron ein Vetter seiner Mutter war, hatte

er Stefan Gudstikker stolz verschwiegen. Er witterte in diesem Menschen

einen Feind, der zugleich etwas seltsam Anziehendes besaß. Er brachte

gleichsam den fremden Laut aus diesem fremden Land. Man lehrte ihn in

der Schule die Liebe zum deutschen Vaterland. Da brannte ein geheimes

Feuer in seinen Augen, das zu reden schien, oder doch nach einem

Vaterland für ihn zu suchen schien. Oder war es dies Deutschland? Was

sagte dann das stumme Abweisen in den Gesichtern der Mitschüler, oder

der kühle Blick der Lehrer, wenn er Agathon streifte? Und Deutschland

bemühte sich auch gar nicht so sehr, sich ihm als Vaterland angenehm zu

machen. Deutschland war eben so freundlich, ihn zu dulden und er durfte

dafür die große Hymne mitsingen. Aber wo war es denn, dies Vaterland,

dies geheimnisvolle, liebevolle?

Er konnte nicht schlafen. Sein geschärftes Ohr vernahm durchdringender

noch den Lärm des Festes und es war, als ob ihn eine Stimme riefe. Eine

dunkle Sehnsucht ließ ihn zittern vor Ungeduld; er sprang aus dem Bett,

warf sich wieder in die Kleider und, die Augen noch umschleiert von der

Finsternis, stieg er die Treppe hinab mit dem Bewußtsein einer Schuld.

Es war ihm gleich, wohin er kam; daher öffnete er im zweiten Stock eine

Thüre (viel deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten) und befand

sich nun in einem großen Salon, der noch warm war von einem lang

erloschenen Kaminfeuer und trotz des Dunkels glaubte er, daß Möbel und

Tapeten um ihn her grün sein müßten. Er lächelte, setzte sich in einen

weichen Fauteuil am Kamin und versank darin wie in einem Lager von

Flaumfedern. Er harrte jetzt förmlich auf die Veranlassung, die ihn

hierhergerufen. Die Musik unter ihm machte die Dunkelheit rings

eigentümlich zittern.

Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch, wie wenn jemand weint und er

will es nicht hören lassen. Agathon ging hin, öffnete die Thüre und

stand nun verlegen, bestürzt vor seiner Base, die die glückliche Braut

war und der man heute das große Verlobungsfest gab. Sie saß vor einer

Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch.

Jeanette blickte auf, und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor.

Endlich murmelte sie heiser eine Frage: was er hier zu suchen habe.

Agathon zuckte die Achseln. „Ich – nichts. Ich habe dich nur so weinen

hören.“

„Von oben? Von deiner Kammer?“

„Ja, von meiner Kammer.“ Agathon wurde bleich und ließ den Blick

verächtlich in dem königlich geschmückten Boudoir umherschweifen.

„Nein,“ sagte er plötzlich entschlossen, „nicht von meiner Kammer.“

„Nun?“

Agathon schwieg. Die großen, durchdringenden, von Thränen nassen Augen

des Mädchens erweckten ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm. Jeanette nahm

ihn rasch bei der Hand. „Nun gestehe. Weshalb bist du gekommen? Hast du

Hunger? Dann soll dir Babette geben, was du willst. Auch Wein sollst du

haben. Ich will es ihr gleich sagen. Oder willst du Geld? Hier ist meine

ganze Börse.“ Sie lächelte bitter und wollte aufstehen. Doch Agathon,

der immer bleicher geworden war, nahm ihre Hand und drückte sie mit

großer Kraft fest zusammen, so daß das Mädchen schmerzlich seufzend und

überrascht zurücksank. „Ich bin nicht das, was du meinst,“ sagte

Agathon.

„So?“ Ein flüchtiger und unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht.

„Ich bin nicht hungrig,“ sagte Agathon leise.

„Das mußt du allerdings wissen.“

„Ich brauche auch kein Geld. Also nimm dein Geld hier weg, sonst muß ich

es nehmen und zum Fenster hinauswerfen.“

Jeanette streckte zögernd ihre Hand nach dem Geld aus und nahm es

langsam an sich. Sie sah lange in Agathons erregtes Gesicht, dann faßte

sie ihn plötzlich an beiden Händen, zog ihn zu sich und sagte herzlich:

„Nun sprich!“

Agathon schüttelte den Kopf. „Ich glaubte, _du_ hast etwas zu sagen. Ich

habe nicht geweint. Freilich woher sollst du Vertrauen haben, bei meinen

schlechten Kleidern.“ Er lächelte wieder, wandte das Gesicht ab und

starrte ins Dunkle. Die Wände schienen sich aufzuthun vor seinen

Blicken, und aus zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an, unter denen

die Menschen Schätze zusammentragen, um sie wieder von Sorgen bewachen

zu lassen.

„Gerade du!“ flüsterte Jeanette jetzt erregt. Sie ließ seine Hand nicht

mehr los, und er fühlte, wie heiß ihre Hand war. „Ich habe dich stets

übersehen wie einen Schatten. Du hast dich auch so schmal gemacht wie

ein Schatten, du wunderlicher Agathon. Aber du hast komische Augen,

sehr!“

Agathon antwortete nicht.

„Rede, Agathon, hast du eigentlich schon sehr viel Böses gethan? Warum

zitterst du nun? Ach, was hast du?“

„Böses, fragst du? Warum fragst du es. Was ich gethan hab’, war nicht

böse. Es war auch nicht gut. Nein, es ist etwas anderes als das. Es wäre

schlechter gewesen, wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte. Oder

kann es böse sein, wenn es dich erhebt, glücklich macht? Oder gut, wenn

es das ganze finstere Leben erkennen läßt und was man versäumt hat und

was andere versäumt haben –?“

Jeanette, ganz erregt über das Wesen des jungen Menschen, flüsterte

stockend: „Setz dich doch zu mir. So. Später einmal mußt du öfter

kommen. Bloß zu mir allein. Siehst du, sie wollen mich einem alten,

wackeligen, zahnlosen, gichtigen Menschen verloben und das der

Geschäftsverbindung wegen. Ich werde verkauft und soll mich ruhig

verkaufen lassen in das Bett dieses Schweins. Erröte nicht, Agathon, das

ist nicht die Stunde zum Erröten, freilich ist es nichts Neues, denn bei

uns werden ja alle Mädchen verschachert wie Häuser und Grundstücke, aber

du wirst doch zugeben, daß man bisweilen auch aus anderen Gründen

heiraten kann. Wie? Aus Liebe zum Beispiel, wie?“

„Aus Liebe, ja,“ wiederholte Agathon und zuckte zusammen.

„Sieh her, sieh her,“ sagte das Mädchen und ihre roten Haare fielen wild

und ordnungslos in die Stirn, und sie zog Agathon dichter neben sich.

„Hab ich nicht die weichste Haut, die du dir denken kannst? Rühr mich

nur an! Hab ich nicht einen weichen Mund? siehst du, ich küsse dich

damit, und ein klopfendes Herz? und mag ich nicht alles, was schön ist,

z. B. deine Augen? Und wenn du mich liebst, siehst du, da darf auf der

einen Seite eine Kirche voll Geld und Ehren sein, und auf der andern

Seite ich: verstoßen, verachtet, oder ein Frauenzimmer, das sich

verkauft oder verkaufen läßt für Geld, dann nimmst du mich, wenn du mich

liebst, verstehst du? Ja du freust dich sogar, wenn du mir zeigen

kannst, wie viel du für mich giebst und lachst ihnen allen ins Gesicht.

Und doch giebt es einen Mann, an den ich geglaubt hatte, und der anders

gehandelt hat wie ich dir sage, – nicht für Kirchen voll Geld und Ehren,

sondern bloß weil er leiden wollte um mich. Ist das nicht närrisch? Ich

sitze da mit meinem Herzen voll Leben, daß es nur so brennt und soll das

Schwein heiraten und habe Ja gesagt nur aus Rache gegen den

Leidenssüchtigen dort. Triffst du ihn einmal, Agathon, so gieb ihm dies

Haar da von mir, sag ihm, wie schön meine Haare sind, wie sie fluten und

wallen wie bei einer Fee, und sag ihm, wie meine Augen leuchten in

diesem Reichtum um mich, und wie ich ihn verachte, den Anstand und die

Bürgerlichkeit und so weiter. Pfui!“

Agathon starrte fassungslos in diese wilden, zigeunerhaften,

leidenschaftlichen Züge. Jeanette sprang auf und klatschte in die Hände.

„Ich weiß es,“ rief sie und lachte schrill. „Ich will etwas Göttliches

aushecken. Du mußt dabei sein! Du mußt alles thun, was ich will und

nicht widersprechen. Nur heute thu’, was ich will, und ich will immer

deine Magd sein. Ein Lieutenant ist dabei, was sagst du dazu! Ein Adler

im Taubennest. Donnerwetter nochmal!“

Sie lachte nervös und fuhr fort, Agathon zu putzen. Sie legte ihm eine

weiße Stickerei um den Hals, gab ihm rote Saffianschuhe, in die er kaum

hineinkam, weiße Handschuhe, eine rote Schärpe und eine Art

Soldatenmütze. Dann nahm sie eine Puppe aus ihrem Schrank, wickelte sie

in Seidenpapier, nahm Agathon bei der Hand und zog den Erstaunten und

Willenlosen, der nicht begriff, was mit ihm vorging, durch das dunkle

Zimmer zur Treppe, über die Stufen hinab, bis sie mit ihm unter der

Saalthür stand, die der Lakai mit einem Gemisch von Respekt und

Verdutztheit eifrig aufstieß. Mit blitzenden Augen sah Jeanette in das

bunte Treiben der Gäste. Nicht einmal die Haare hatte sie geordnet. Sie

hingen ebenso wild und ordnungslos um die Stirn wie vorher.

Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agathon, wo

sie so lang bleibe und was der Unfug bedeute. Alle hätten schon nach ihr

gefragt. Jeanette zuckte die Achseln, sah ihn gar nicht an, ging in die

Mitte des Saales, wo die Herren sie mit leisem Händeklatschen und mit

gedämpften, gleichsam kosenden Beifallrufen empfingen. Die Damen zogen

sich naserümpfend zurück. „Also meine Herren,“ begann Jeanette, „hier

ist der General und Preisrichter. Er hat zu dem Zweck eine rote Schärpe.

Er ist mein Freund. Ich habe für jeden von euch eine Aufgabe. Wer sie

löst, darf mich küssen!“

„Bravo!“ rief der Chorus schmeichelnd.

„Ich hoffe, mein Bräutigam giebt mir die Erlaubnis –?“

„Wird nicht gefragt,“ murmelte der Chorus ergeben.

„Der Preisrichter soll meinen Bräutigam kennen lernen. Salomon! –

Sa–lo–moon!“

Ein alter, grinsender, gebückt gehender Mensch mit brauner Perücke und

gefärbtem Bart schob sich einher. Er hatte ein süßliches Lächeln, das

bald wohlwollend, bald neckisch, bald traurig wurde, ohne den Ausdruck

des Süßlichen zu verlieren. Mit einem tiefen, ironischen Bückling

stellte Jeanette den Greis vor. „Salomon Hecht, Witwer.“ Ihrem Vater,

der sie beiseite ziehen wollte, warf sie einen langen, drohenden Blick

zu, so daß er kopfschüttelnd abließ und ängstlich harrte, was kommen

sollte.

Herren und Damen standen lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen. Es

war eine ziemlich ungemischte Gesellschaft: jüdische Kaufleute mit den

üblichen Formen der Bärte und den glatten, pomadisierten Haaren. Juden

von der Presse mit dem spitzfindigen, alles hinnehmenden, alles

entschuldigenden Lächeln, der schmalen Tournüre und den tänzelnden

Schritten. Juden vom niederen Beamtendienst mit dieser überhobenen

Wichtigkeit und dem unerschütterlichen Ernst. Jüdische Ärzte und

Advokaten mit gleichsam stechenden Manieren, voll Höflichkeit und

Gesuchtheit. Alle Gesichter verrieten Intelligenz, aber nur jene

Intelligenz des Augenblicks, die von den verborgenen Werten der Dinge

nichts weiß, die an der Stunde festklebt, mit der Stunde rechnet und die

Augen schließt, wenn die Nacht kommt. Alle Gesichter hatten etwas

Überlebtes, etwas von dem Abgeglühtsein, wie es das gemeine Leben mit

sich bringt; das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen

Genüssen, von der Verachtung des wahren Ernstes, von Frivolität und der

Sucht, den Tag leicht zu nehmen. Sie alle trugen Fräcke und tadellose

Wäsche, aber darin lag etwas seltsam Anachronistisches, das sich in

Worte nicht fassen läßt. Die Geschäftsleute hatten das Übergewicht, das

ist klar. Sie fühlten das Geld in ihrer Tasche klimpern und waren

überzeugt von den höchsten Eigenschaften dieser Macht: wie Sklaven, die

heuchlerisch ihre Gewalt verstecken und sich auf die Stunde freuen, wo

sie die Krallen zeigen dürfen.

Jeanette nahm ihre Puppe und ein langes Stück Bindfaden, dessen eines

Ende sie um den Porzellanhals der Puppe schnürte; dann stellte sie sich

auf einen Stuhl, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit warf sie das

leichte Spielzeug so gegen die Decke, daß die Schnur in einem stählernen

Haken im Plafond hängen blieb. Dann zog sie unten, so daß die Puppe etwa

drei Meter vom Boden entfernt, schweben blieb. „So meine Herren!“ rief

Jeanette und zog die Brauen bald hoch, bald auseinander wie eine Katze.

„Jetzt müssen Sie springen! Anlauf ist die Schwelle des Salons. Absprung

vom Rand des Teppichs. Wer die Puppe mit den Fingern erreicht und

herabziehen kann, ist Sieger. Wenn mehr als einer siegt, müssen die

Betreffenden noch einmal springen. Niemand darf sich ausschließen, das

ist die einzige Bedingung.“ Und sie warf stolz den Kopf zurück und

verschränkte wartend die Arme.

Alle traten zurück und sahen sich ratlos an. Viele lächelten

schwerfällig, einige wandten sich vorsichtig zur Thür. „Die Lakaien

schließen die Thüren!“ gellte Jeanette erregt. Unwilliges Murmeln ward

laut. Der Baron ging energischen Schritts zu seiner Tochter und wollte

reden. Sie schnitt ihm das Wort ab. „Eine Silbe, Vater, und ich erkläre

meine Weigerung, mich mit dem Schwein zu verloben,“ flüsterte sie ihm

zu. Der Baron setzte sich an den Tisch und bohrte wütend in seiner Nase.

Die Damen gingen bleich, mit halbgeschlossenen Augen und sozusagen mit

gerümpften Schultern in den Nebenraum. Einige jüngere Herren begannen

die Sache heiter zu nehmen, vielleicht um nicht für feig zu gelten,

vielleicht aus Furcht vor Jeanettens spöttischer Zunge. Der Lieutenant,

nach dem alle mit den Blicken suchten, war spurlos verschwunden. Endlich

begann Elias Heumann, das „Tuchgeschäft“ mit einer möglichst harmlosen

Miene zu springen; er suchte sich den Anschein zu geben, als springe er

eben probeweise, um die Sache in einem um so scherzhafteren Licht

erscheinen zu lassen. Aber nicht nur, daß das Tuchgeschäft sich kaum

einen Zoll vom Boden erhob, nein es fiel auch noch am Rand des Teppichs

hin und humpelte keuchend in eine Ecke, um sich während einer

Viertelstunde der Betrachtung des sanften Sternenhimmels zu widmen.

Agathon lachte; aber das Lachen starb auf seinen Lippen, als er in die

Augen des Barons sah, in denen ein unheimliches Feuer glühte; er biß die

Zähne zusammen, und plötzlich mußte er an die arme, niedere Stube zu

Haus denken, und das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem

Schattengewühle auf. Und er verlor sich selbst: aus diesen Schatten

erhoben sich Generationen, Greise und Greisinnen, die mit müdem

Kopfschütteln vorbeigingen.

Jeanette klatschte und nun sprang Nathan Kirschbaum, das Bankgeschäft,

rot im Gesicht, mit unterlaufenen Augen und plumpste wie ein junger Hund

auf das glatte Parkett. Dann sprang die Hopfenhandlung Alois Cohn nebst

Theilhaber, das Viehgeschäft Eduard Steinam, die Kurzwarenfabrik René

Reinemann, der Feuilletonist Moritz Goldbach. Es war grotesk, wenn sie

in der Luft den Arm ausstreckten, die Beine anzogen, den Kopf zwischen

den Schultern versteckten, und dann gänzlich zerschmettert, gleichsam

platzend vor Scham und Menschenhaß wieder an der Erde anlangten. Dazu

wurde nun sehr wenig gelacht, die Gesichter wurden immer finsterer und

endlich als schon niemand mehr springen wollte, trat der Baron mit einem

heiseren „Jetzt ist es genug!“ dazwischen. Da setzte sich Jeanette, die

bis dahin ernst geblieben war, in einen Sessel und fing an zu lachen,

daß alle sich bestürzt umblickten. Es war etwas Hysterisches, etwas

Bitteres und Tragisches in diesem Lachen. Dann hörte sie ebenso

plötzlich auf, ging zu Agathon, riß ihm die Lappen ab, mit denen sie ihn

geputzt und rief ihm herrisch zu: „Springen Sie!“ Agathon, überrascht

durch das plötzliche Sie, rührte sich erst nicht. Doch nahm er

schließlich gar keinen Anlauf, sondern schnellte sich gewandt von den

Fußballen in die Höhe, ergriff die Puppe und riß sie herab.

„Gott sei Dank! Endlich ein Mann!“ rief Jeanette, nahm seinen Kopf

zwischen ihre Hände und küßte ihn auf den Mund mit einer geheimnisvollen

und durchdringenden Glut. Ihre Lippen waren feucht, ihre Haare waren

feucht und knisterten dennoch und ihr Atem war heiß wie ihre Hände.

Ein eisiges Schweigen war entstanden. Agathon schauderte bis ins Herz

bei ihrem Kuß. Dann wurde Jeanette heftig zurückgerissen und der Baron,

in maßloser Wut, stand mit geballten Fäusten hinter ihr, während der

Bräutigam daneben furchtsam lächelte. „Was willst du?“ flüsterte

Jeanette.

Der Baron wurde schneebleich. „Ich will dich aus dem Haus peitschen

lassen,“ sagte er bebend.

„Ich will _auch_, daß du mich peitschen läßt, hörst du? Das kannst du

nur einmal, aber wenn ich das Schwein da heirate, bin ich für immer

gepeitscht. Ich will einen Mann haben und keinen Getreidesack und keinen

Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien. Verstehst du das nicht?

Verstehst du nicht, daß ich nicht unter diesen abgegriffenen

Papierseelen da verkehren mag? Seid ihr denn Menschen, was? Sagt doch

selbst! Was soll ich denn anfangen mit diesem Schwein in der Nacht, wenn

ich von Männern träume, die nicht ein paar matte Nachtlichter im Kopf

haben, sondern Augen, Augen, Augen –? Wenn ihr nur das wollt, was ihr

wollt, dann handelt! Verhandelt euern letzten Flederwisch im letzten

Kehrichtfaß, und für das andere geb’ ich mich nicht her wie eure

hochmütigen Weiber, die mich jetzt anglotzen wie eine Hexe. Da! da habt

ihr und mich laßt zufrieden! da! da! da!“ Und sie ging hin, weiß wie

Kalk, warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer, die Armreife, die Ringe

an den Fingern, riß die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit

einem Ruck die Knöpfe der Taille. Da stürzte Löwengard mit

unartikuliertem Schreien auf seine Tochter, nahm sie in die Arme und

wollte sie forttragen, hinaustragen. Sie wehrte sich wild, und in dem

Kampf fiel sie hart zu Boden. Die Damen eilten herbei, – jammernd,

scheltend, der Bräutigam suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblößtem

Arm, dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten herauszuholen, viele

wandten sich feig und finster nach der Thüre, der Lakai sah mit

eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten Raum, und auf

einmal blieben alle regungslos stehen.

Der jetzt hereintrat, ohne daß der Lakai auch nur versucht hätte, ihn

abzuhalten, war ein Greis von mehr als neunzig Jahren. Er hatte etwas

wie eine große, seltsame Ruine; etwas in seinem Gesicht, das man

unvergänglich nennen möchte: so einen Schimmer von wandelloser Milde und

Güte. An Gliedern riesenhaft, in den Augen jenes Funkeln, das man

zuweilen bei alten Männern sieht, die die Jugend müde hinwanken sehen

und selber niemals müd zu werden scheinen, so kam er herein und Agathon

lächelte auf seine stille Weise, wie ein Kind, das an den Wendepunkt

eines Märchens gelangt ist, wo die wohlbekannte gute Fee kommt, um die

Verwicklung zu lösen. Jedermann auf den Dörfern kannte den Gedalja

Löwengard von Roth in seinen ärmlichen Lumpen.

Der Alte ging also ohne weiteres auf seinen Sohn zu, stutzte aber, als

er dessen Gesicht sah, das von verräterischer Scham erfüllt war, ließ

die halbausgestreckte Hand wieder sinken und nahm ruhig Platz. Da er nun

sah, daß der Sohn sich seiner schämte, sagte er nichts, sondern sah

lächelnd und nickend vor sich hin. Dann nahm er die Hand des „Barons“,

zog ihn zu sich nieder, deutete ein paarmal auf das Kaminfeuer und sagte

nach jedem Wort pausierend: „So hat’s Gott gewollt.“ Der Baron machte

sich verlegen los, warf dem Lakaien einen zornigen Blick zu, den dieser

achselzuckend hinnahm und trat mit einem betretenen Lachen zu seinen

Gästen, die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten. Jeanette

kroch auf den Knieen zu dem Greis hin, streichelte seine großen Hände

und sagte: „Großvater, was hast du denn? Warum kommst du denn so spät

noch zu uns?“ Mit einer scheuen und beschwichtigenden Geste wandte sie

sich nun zu den andern und sagte: „Er weint.“

Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu: „Sag’s

ihnen nicht. Sie wollen nicht sein gestört. Und mein Sohn hat vergessen,

daß ich nicht habe zu kaufen einen Frack. Hat er vergessen, daß ich bin

arm. Heut abend ist abgebrannt ganz Roth. Der Herr hat mich wollen

gedenken lassen, daß es mir gegangen is zu gut im Leben. Sei ruhig, sei

ruhig, ich sag’s bloß dir. Mei Haus, mei Hof, mei bisla Vieh, nebbich,

alles is hin.“

Bald wußten es alle im Saal. Der Feuilletonist schlug mit einem

boshaften Seitenblick auf den Baron vor, man solle sammeln. Übrigens

brach die Gesellschaft rasch auf, und der Baron, verstört, verzweifelt,

verfluchte sich und seine Tochter und vermochte kaum einen

oberflächlichen Anteil an dem Unglück seines Vaters zu nehmen, dem er

ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ. Dann forderte er Jeanette auf,

mit ihm zu kommen. Agathon hörte ihn schreien; er wurde immer heiserer,

schien um sich zu schlagen ... Der Lakai suchte ein vertrauliches

Gespräch mit Agathon anzuknüpfen; seine Worte klangen widerlich zurück

von den Wänden des verödeten Saales. Agathon schlich beschämt in seine

Kammer, warf sich angekleidet aufs Lager und fiel sofort in einen

schweren Schlaf.

Am Morgen hörte er vom Hausgesinde, daß Fräulein Jeanette verschwunden

sei. Agathon fühlte sich darüber glücklich, ohne zu wissen warum. Die

Luft war kühl, scharf und gleichsam gereinigt, als er zur Schule ging.

Die Welt schien neu. Am Morgen hat alles nur ein Auge nach dem Licht

hin; alles hat Zweck, Bedeutung, Form und Rundung. Besonders an diesen

neblichen Oktobermorgen; alles ist mit Frieden gesättigt, die Dächer

glänzen, die Sonne taucht langsam auf mit kupferigem Glanz, der Rauch

erhebt sich kerzengerade, jeder Schornstein scheint sich zu brüsten im

Gefühl seiner Pflichterfüllung. Die Mägde haben weiße Schürzen, und das

knattert ordentlich, wenn sie zum Markt gehen. Die Bäckerbuben pfeifen

Lieder, die man nirgends sonst gehört hat; sie halten jeden Ton lang

aus, besonders in der Höhe. Über die große Brücke rauscht und rollt der

Schnellzug, aus dem rätselhafte, übernächtige Gesichter in die weite,

überschwemmte Ebene schauen. Dann saust der Zug herein, die Schranke am

Dambacher Weg ist geschlossen, ganze Reihen von Ochsen stehen da und

warten gutmütig. Und zwischen den Häusern verschwindet der Zug,

rasselnd, polternd, pustend, und Agathon hört, wie er mit schrillem

Pfiff am Bahnhof hält, und seine Sehnsucht eilt hin und steigt ein, um

in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren. Er geht gerade am Haus des

Abraham Porkes vorbei, der Millionen besitzt und der als edler

Menschenfreund bekannt ist; über eine halbe Million hat er für das

Waisenhaus vermacht. Es giebt viele Dinge, die Agathon bewundert, und er

liebt die Menschen. Die Wandlung, die er seit kurzem durchgemacht, kommt

ihm merkwürdig vor. Er weiß, daß es neu ist, was er fühlt, aber er will

sich nicht durchforschen. Es ist, als ob man in seinem Herzen etwas

baue, und er will warten bis es fertig ist. Er denkt an jenes erste Bild

der Stationen, wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die

Dornen von der Dornenkrone nimmt. Und wie er daran denkt, erschrickt er,

bleibt stehen und lauscht. Aber es pfeifen nur die Bäckerjungen in ihrem

monotonen Diskant.

In der Schule hörte er nichts von dem was gelehrt wurde, hatte nichts

gelernt, eine wichtige Lektion nicht geschrieben, wurde in den

Strafbogen eingeschrieben, ohne daß er sich einen Gedanken darüber

gemacht hätte. Er begriff nicht, warum er tote Wissenschaft in sich

hineinstopfen solle, da es doch des frischen Lebens genug gab. Aber er

begriff die Verachtung, in der die meisten Lehrer bei den Schülern

stehen; es gilt nicht der Person, sondern dem Amt. Draußen war die

Freiheit, der Wald, unbegrenzt, dunkel, voll von Erlösungen für den, der

sie sucht; aber die Schule wollte, daß man nichts anderes wolle als die

Schule. Das ließ ihn den Lehrer verachten und seine Handwerkerart, die

großen, feierlichen Dinge der Geschichte so hinzusagen, als ob es nichts

wäre, Mythologie zu lehren, als ob es gälte, ein Adreßbuch durchzulesen.

An diesem Morgen begann Agathon plötzlich durch ein wunderbares Spiel

seiner Seele zu sehen, wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele

genommen wäre. Und diese große Umwälzung beschäftigte ihn sehr, so daß

seine Wangen ab und zu erbleichten. Nur _ein_ Lehrer war es, an dem er

mit abgöttischer Verehrung hing, an den er mit keinem Hauch von Kritik

zu rühren wagte. Es war nichts an ihm als das, wie er die Wissenschaft

der Chemie vor den Schülern zerlegte, so daß auch der Blöde und der

Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit seinem Arm hinein in

die Nacht der Natur, oder in die Feuer der Natur und holte ihre Rätsel

hervor, die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder sein ließ vor

den Augen seiner Zuhörer. Er that nicht wichtig mit der Wissenschaft und

spielte nie mit ihr, machte auch nichts „Interessantes“ daraus, sondern

eher etwas Heiliges. Da stand er hinter seinen Retorten und Röhren wie

einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu predigen,

dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt. Nie ging er auf

die tote Formel ein, wie ein junger Priester, der die gedruckten

Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet haben will und hat. So war

Erich Bojesen.

Da Agathon Geyer nun nicht um die Welt aufmerksam werden wollte, nahm

„Professor“ Schachno die Gelegenheit wahr, ihn die „Braut von Korinth“

fünfmal abschreiben zu lassen. Agathon lächelte.

Die Juden von Zirndorf · 第 10 / 45 题