Drittes Kapitel

Niemals sinkt der Abend so still herab und so unbemerkbar, als wenn die

Kirchenglocken anfangen zu läuten, fern oder nah; der Nebel sinkt wie

ein haltloses Gespinst über die Dächer, gleitet an den Häuserwänden

herab und umhüllt flatternd die Laternenlichter. Starr und grau liegt er

in den Gärten und giebt ihnen das Ansehen eines Sees. Die Schritte

scheinen leiser zu werden wie auf Teppichen.

Agathon stand auf dem nebelnassen Pflaster und schaute in eine glänzend

erleuchtete Etage hinauf. Er dachte etwas verwundert nach über die

Pracht und den Reichtum dieses Judenhauses, – denn in dieser Stadt gab

es mehr Judenpaläste als Christenhütten, und ging dann weiter und

begegnete den Juden, die aus dem Abendgottesdienst kommend, die

Gebetbücher trugen und laut feilschten und handelten. Als er sie sah,

fühlte Agathon, daß diese alte Religion der Juden etwas totes sein

müsse, etwas nicht mehr zu Erweckendes, Steinernes, Gespensterhaftes. Er

wandte seine Augen ab von diesen häßlichen Gesichtern voll

Schacher-Eifers und Glaubensheuchelei.

Die Kirchweihbuden füllten den Kohlmarkt, die Königsstraße bis zur

protestantischen Kirche und zum grünen Markt. Eine festestrunkene Menge

wogte dort. Die Ausrufer der Schaubuden schrieen sich heiser und

verdrehten den Körper, als ob sie Leibschmerzen hätten; mit gesträubten

Haaren schrieen sie die Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus. Wirr und

schrill klangen die Orgeln, Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der

Tiere drang aus der Menagerie. Kindertrompeten, Pfeifen und Ratschen

erschallten, ein wüstes Summen, Surren und Johlen. Kinder mit vor

Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn. In den

Wirtschaften gröhlten die Zecher. Aus dem Gäßchen hinterm Königsplatz

drangen Fischgerüche; Heringsbratereien verbreiteten ihren Gestank. An

der Glückshalle stand Kopf an Kopf in bewegungslosem Gedränge. Daneben

lief ein großes Caroussel auf Schienen; es wurde durch einen sinnreichen

Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt. Man sah dann nur

schattenhafte Gestalten, verzerrte Gesichter und hörte bacchantische

Schreie. Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln; es

sah aus wie eine Höhle, die von schwarzem, schwälendem Rauch durchzogen

war wie von mattglänzenden Schleiern.

Agathon schob sich durch die Massen, während seine Seele wunderbar warm

und gerührt wurde. Ein heißes und ziehendes Heimatsgefühl erfaßte ihn;

alle Farben empfand er doppelt intensiv. Er hatte freudige Augen für

das, was rings um ihn her geschah und sah die vielen Gegenstände, die

allenthalben zur Schau geboten wurden, mit zärtlichen Blicken an, als

könne jene Linie in ihrer Form die Wärme seines Innern steigern. Er sah

viele bekannte Gesichter, ohne sich bewußt zu werden, daß er sie

irgendwo gesehen. Er stand am Kasperl-Theater und schaute den

belanglosen Rüpelstücken der Holzpuppe zu; ein alter Arbeiter mit grauem

Lockenhaar und fast antikem Profil, offenbar ein Italiener, stand neben

ihm und wollte schier sterben vor Lachen. Die Kirchenglocke begann

wieder zu läuten. Bestürzt blickte Agathon an dem hohen Turm empor.

Der Ausrufer des Wachsfiguren-Kabinets strengte sich vielleicht mehr an,

als all seine Kameraden. Mit krebsrotem Gesicht schrie er, verdrehte die

Augen und warf hin und wieder seinem Gegenüber, dem Ausrufer des

Flohtheaters wütende Blicke zu. Dann läutete er, gab der Orgel einen

Wink, sich bemerkbar zu machen und die korpulente Dame am Kassatisch

stützte schwermütig das dunkle Haupt in die Hand. „Hier kann man sehen

die Passion Christi, unseres Heilands, in siebzehn Stationen, –

großartig, meine Damen und Herren, großartig!“ schrie der Krebsköpfige,

der sich nur noch in bellenden Lauten vernehmlich machen konnte.

Wie von einer Faust gestoßen, bestieg Agathon das Podium; zahlte zwanzig

Pfennig, das einzige Geldstück, das er besaß, und verschwand hastig

hinter der braunen Portiere.

Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes. Nur wenig

Leute gingen mit scheuen Schritten umher. Gegen eine scharlachrote Wand

hoben sich sanft die Gruppen der Leidensstationen ab. Das gleichmäßige

und beruhigende Licht milderte das Starre der Wachsgebilde. Es war etwas

Stilles, Erhabenes, Heiliges über den Gestalten, etwas das zur Anbetung

drängte. Ferne Zeiten stiegen langsam herauf, und es war, als ob die

Schicksalsgöttin träumend die Augen aufschlüge, um den Beschauer

bestürzt und versonnen zu machen. Das ist der Heiland, dachte Agathon

befremdet, als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand. Er preßte die

Hände zusammen und dachte nach. Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe

vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm

wurden lebendig. Er lächelte traurig und begriff, daß er um etwas

betrogen worden war, ohne daß er es hatte hindern können.

Draußen war der Nebel dichter geworden. Viele Buden wurden geschlossen.

Agathon ließ sich stoßen und schieben, bis er in dunkle, unbelebte

Gassen kam. Immer eiliger ging er, und seine Gedanken wurden immer

quälender. Unversehens stand er vor der Claußschule, wo sich nur die

frömmsten Juden zum Abendgebet versammelten. Ein Lächeln, dessen

Bedeutung er selbst nicht begriff, glitt über seine Züge, und er trat in

das dunkle, düstere und niedrige Gemach. Der Vorbeter an seinem kleinen

Pult lallte mit zitterigem Stimmchen das Schlußgebet. Es lag etwas

Gläubiges in der Art des Chassans; sonst waren nur verbissene, steinerne

Gesichter hier, voll von einer jahrhundertalten Grausamkeit, voll Haß,

Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer. Agathon sah es. Zum erstenmal

in seinem Leben wurde ihm klar, daß Jude sein eine Ausnahme sein heiße;

zum erstenmal hörte er diese hebräischen Formeln mit Unsicherheit und

Groll und er glaubte sich in einer Art von Zelle, wo man verderbliche

Verschwörungen anstiftet.

Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, als er die Stube verließ. Als er

auf die Straße trat, prallte er erschrocken zurück. Stefan Gudstikker

stand dicht vor ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes

Fenster hinauf. Die Gasse war sehr eng, daher mußte er den Kopf weit

zurückbiegen. Indem er noch gegen die Mauer nach rückwärts schritt,

stieß er plötzlich an den regungslos dastehenden Agathon, bat um

Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand.

„Ach, Sie sind ja der junge Mann da, – Sie sind es doch? Sie sind doch

neulich bei der Bootfahrt –“ Die schwarzen Augen hinter den Gläsern

leuchteten flüchtig, fast drohend auf. „Sagen Sie mal junger Mann, haben

Sie vielleicht ein Streichholz bei sich?“

In diesem Augenblick kam raschen Schrittes ein Arbeiter mit brennender

Cigarre aus dem Thor. Gudstikker bat ihn mit etwas übertriebener

Höflichkeit um Feuer. Dann ging er an Agathons Seite weiter. „Was meinen

Sie denn zu der geheimnisvollen Geschichte da mit dem Mord?“ sagte er,

den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in die nebelerfüllte Luft blasend.

„Ich?“

„Ja, – natürlich.“

„Ich weiß nicht.“

„Es interessiert Sie wohl gar nicht? Sie thun wenigstens so. Wo gehn Sie

denn hin?“

„Zu Baron Löwengard.“

„So? Was wollen Sie denn dort?“

„Ich darf dort zu abend essen!“ erwiderte Agathon bissig.

Gudstikker lachte laut.

„Ja, Dienstag und Freitag. Da übernacht’ ich auch dort, weil Mittwoch

und Samstag die Schule schon um sieben beginnt.“

„Das alles dürfen Sie? Sogar übernachten? Komisch. Ist das ein Jude,

dieser – Baron? Natürlich. Sagen Sie mal, – Ihre Eltern sind wohl sehr

arm?“

„Ja.“

„Auch der Alte, der Seiler, Karkau oder wie er heißt –?“

„Ja.“

„Wie alt sind Sie denn? Sechzehn?“

„Siebzehn.“

„Na, um so besser. So kennen wir uns also. Ich heiße Gudstikker.

Rufname: Stefan. Geboren 12. Mai 1859. Sonntag Nachmittag. Verrichtung

unbekannt. Der Mord interessiert Sie also nicht?“

Agathon blieb stehen und lehnte sich an die Mauer.

„Ich weiß Einiges und möchte gern mehr erfahren. Sie sind ein stolzer,

junger Mann, das ist mir klar. Aber nun erzählen Sie einmal, was hat

Sürich Sperling damals getrieben? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit

Ihnen ins Haus. Sie rührten sich nicht. Andere hätten gezappelt wie ein

Fisch, jawohl, wie ein Fisch. Ich habe ja alles gesehen vom oberen

Stock. Ich wohnte ja in St. Sebald.“

Schweigend gingen beide weiter.

„Nun reden Sie doch,“ begann Gudstikker wieder und stellte den Kragen

seines Mantels in die Höhe. „Ich würde ja schweigen. Ich kannte den

Sürich Sperling schon lange. Wer ihn umgebracht hat, muß ein Vogel oder

ein Genie von Verbrecher sein. Ein Genie, jawohl. Er hatte einen Stich

in der Brust, nicht größer wie ein Schlangenbiß. Der Thäter ist am

Weinlaub heraufgeklettert wie ein Mondsüchtiger, – Thatsache! hat sich

durch ein schmales Fenstergitter gezwängt und hat nichts geraubt,

absolut nichts. Fatale Sache. Mir wär’ es ja gleichgültig, aber Sürich

Sperling war kein gewöhnliches Exemplar der Species Mensch. Er konnte

lumpen durch sieben Nächte, ohne Schlaf zu fühlen. Wenn er müde wurde,

setzte er sich einfach in einen Stuhl, schloß für zwanzig Minuten die

Augen und dann wußte er von sich und der Welt nichts mehr. Erhob er sich

wieder, so war er so frisch wie vor den sieben Tagen. Einmal, als er

melancholisch geworden war, ging er auf seinen Speicher und zertrümmerte

mit der nackten Faust Kisten und Kasten und Bretter um sich her. Seinen

Hund, wenn er unfolgsam war, schlug er halbtot, und danach konnte er

sich hinsetzen und heulen wie ein kleines Mädchen. Bis vor sechs Jahren

hatte er überhaupt keine Frau berührt und als es kam, wäre das arme Weib

ihm fast in den Armen gestorben. Das war ein Mensch!“

Wieder entstand ein langes Schweigen. Agathon wurde durch das ganze

Wesen Gudstikkers förmlich verwundet. Seine Geschwätzigkeit beunruhigte

und jede Geste erschreckte ihn.

„Wie heißen Sie denn eigentlich?“ fragte Gudstikker.

„Agathon.“

„A – ga – thon –? Agathon _Geyer_?“

„Ja.“

„Seltsam. Wie kommen Sie zu dem Namen. Agathon ... So hieß mein Vater.

Sonst weiß ich keinen im ganzen Kreis und ich bin doch bekannt wie ein

bunter Hund. Na gleichviel.“ Wieder eine Pause. Dann wurde Gudstikkers

Stimme gütig und mütterlich. „Sehen Sie, Sie gefallen mir. Ich weiß kaum

warum, aber vielleicht steckt etwas in Ihnen, was in mir nicht steckt.

Sie sind ein Jude. Bei den Leuten giebt es manchmal Individuen von

wunderlicher Kraft. Besonders in Ihrem Alter. Daran mag es liegen. Wenn

sie so jung sind, ist ihre Seele von einem reinlichen, unbeschmutzten

Feuer erfüllt. Sie sind starke Träumer, möchten die Welt aus den Angeln

heben und wissen doch nichts von der Welt. Wenn sie es nur wüßten! Gehen

Sie hin, Agathon, wecken Sie Ihr Volk auf. Sagen Sie, wach auf mein

Volk, wie der Prophet in der Bibel. Dann werden auch die Deutschen

erwachen, besonders da oben im Norden, – wach auf Norden! Eins oder das

andere wird dann totgeschlagen. Na gleichviel, was scheren mich die

Philosophen. Glauben Sie, daß es heut’ nacht regnen wird?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht doch. Vielleicht schneit es. Vielleicht auch

nicht.“

„Ah, Sie sind boshaft. Na gleichviel. Ich muß Ihnen sagen, es ist nicht

Neugierde, wenn ich Sie vorhin fragte, was Sürich Sperling mit Ihnen

gemacht hat. Auch nicht Teilnahme. Nun, werden Sie nur nicht wieder

ungeduldig. Stellen Sie sich die Nacht vor, die laue Herbstnacht und die

Situation! Später kam Sürich in mein Zimmer, bleich, erregt, und sprach

von gleichgültigen Sachen. Er erzählte von der Ziegelei, die der Vater

meiner Braut jetzt gekauft, und plötzlich legte er sich auf mein Bett

und sagte keine Silbe mehr.“

„Keine Silbe?“ fragte Agathon mechanisch.

„Ganz so. Nach fünf Minuten stand er auf, ging vors Haus und dort saß er

dann wieder zwei geschlagene Stunden, ohne sich zu rühren. Um neun Uhr

ging der Schmied heim und rief ihn an. Wer aber nicht antwortete, war

Sürich. Und wer um zehn Uhr in sein Zimmer stolperte, ohne sich um die

Wirtschaft zu kümmern, war Sürich. Nun, am Morgen war das

„personifizierte Germanentum“ tot und das Rätsel ist, wer es umgebracht

hat. Wenn nicht die Eisenstäbe am Fenster verbogen wären und das

Weinholz demoliert, ich würde glauben, er selbst – nun, nun, was ist

denn los?“

Agathon hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte,

als ob er zu Boden sinken wolle. Gudstikker schüttelte den Kopf und warf

den Cigarettenstumpf weit über die Gasse. Agathon blickte ihn gespannt

an beim matten Schein des Straßenlichts, als ob er sein Gesicht nie

wieder vergessen wollte und ging dann weg, ohne ein Wort zu sagen, dem

Löwengard’schen Palast an der nächsten Ecke zu. Scheu betrat er das

breite, lichtgebadete, mit schweren Teppichen belegte Vestibül. Der

Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit Darstellungen aus der

antiken Mythologie geschmückt. Vor ihm stand wie eine lebende Gestalt

Kassandra, den Arm gegen das brennende Troja erhoben. Sie war fast

nackt, die Brüste waren geschwellt von Haß. Stets mußte Agathon die

Augen vor dem Bild niederschlagen. Die dem Juden angeborene Scham vor

dem Nackten ging bei ihm bis zu physischem Schmerz. Auch wurden seine

Sinne oft wild erregt, wenn er in der Nacht sich des Bildes erinnerte.

Stefan Gudstikker hörte fast nicht auf, den Kopf zu schütteln. Dann

wandte er sich nach der Friedrichstraße, lauschte mit gesenktem Kopf auf

das Stimmengewirr aus den Gasthäusern, das mit dem Wimmern der Geigen

und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war. Schweigend zogen

Musikanten an ihm vorbei und der Älteste zählte immer die Tageseinnahme.

Gudstikker sah das alles mit den Augen des Beobachters, der sich freut,

daß ihm nichts von den kleinsten Dingen des Lebens entgeht und den die

Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt hat, den ganzen reichen,

vielgestaltigen Bau der Wesen in einige Weisheitssprüche zu schachteln.

Der kalte Glanz des Mondes brach hervor. Gudstikker ging am Rand der

Anlage auf und ab, rauchte unablässig und spähte gegen die

Straßenflüchte. Die Turmuhren schlugen acht, kreischend fielen die

Rollläden herab, die kleinen Ladnerinnen eilten kichernd von dannen, und

die Commis drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor.

Endlich kam sie, Käthe Estrich. Mit schwachem Lächeln hing sie sich an

den Arm ihres Verlobten und schmiegte sich an ihn. „Denk, ich konnte

kaum kommen. Der Vater hat so geschimpft über dich. Du seiest zu nichts

gut in der Welt. Sie plagen mich immer mit dir und quälen mich. Ach,

wenn du doch berühmt würdest, Stefan. Bist du bös? Bitte, nicht bös

sein! Ich hab’ ja nur dich, nur dich allein.“

„Ich bin nicht bös, aber du darfst nicht so dumm reden. Wie geht’s dir?“

„Schlecht.“

„Warst du beim Arzt?“

„Nein.“

„Nein! – Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte, das

wäre eine größere Heldenthat, als über mich schimpfen. Aber unser ganzes

Bürgertum ist borniert darin. Von hundert Mädchen sind neunzig

bleichsüchtig und lebensmüd.“

„Ach, Stefan, ich möchte sterben, – mit dir.“

„Sterben! ja, wenn es sonst nichts wäre, als eben sterben. Mein Gott!“

„Du bist so kalt mit mir!“ flüsterte Käthe und schauerte zusammen, als

ob diese Kälte sie frösteln mache. „Ich muß wieder heim,“ fuhr sie mit

derselben leisen Stimme fort; „ich wollte dich nur sehen.“ Gudstikker

mußte sie fast tragen. Als sie am Ziel waren, küßte er sie flüchtig auf

die Wange und ließ sie allein.

Am jüdischen Waisenhaus, wo er vorbeikam, waren alle Fenster schon

dunkel. Unter dem Portal stand ein Knabe in Lumpen, kotbedeckt,

verwahrlost. Doch zwei klare Augen blickten mit seltsamer Treuherzigkeit

empor in das erleuchtete Treppenhaus. „Wie heißt du?“ fragte Gudstikker

und beugte sich herab zu dem Kind, das seine Finger in den Mund steckte

und verlegen zu Boden sah. „Wie heißt du?“ wiederholte er fast streng.

„Weiß nicht.“

„Wem gehörst du denn?“

„Weiß nicht.“

„Wo ist denn deine Mutter?“

„Tot.“

„Aber dein Vater?“

„Auch tot,“ sagte der Knabe und machte eine Handbewegung, die das größte

Erstaunen ausdrücken sollte.

„Aber was thust du da?“

Der Knabe drückte sich scheu an ihn und fragte bang: „Gell du bist der

Herr Jesus?“

Da erschallte ein herzzerreißendes Schreien im Innern des Waisenhauses.

„Hörst? Hörst?“ machte der Knabe, streckte die Arme von sich und begann

leise zu schluchzen.

Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen

hinan.

Die Juden von Zirndorf · 第 9 / 45 题