Kaum hatte die schwarze Helene gesagt, was sie gesehen, als Elkan Geyer
mit einem schwachen Aufschrei seinen Hut vom Nagel riß und hinausrannte.
Die Kinder begriffen nicht, worum es sich handelte und blickten scheu
und fragend umher. Isidor stand leise und verlegen trällernd am heißen
Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln. Der alte Enoch war
still; sein Blick hatte sich umschleiert; es war, als ob die
beängstigende Stimmung von ihm ausflösse.
Elkan Geyer eilte die Gasse hinunter. Am Brunnen standen noch immer
schwatzende Jungfern. Das Wasser lief plätschernd in den Trog, und der
dünne Strahl war blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers. Sürich
Sperling hockte vor seinem Haus auf den Steinfließen, hatte das Gesicht
zwischen die Hände geklemmt und starrte unverwandt hinüber in die Esse,
vor deren Glut die Gesellen silhouettenhaft hin und hereilten. Elkan
Geyer ging hin zu ihm und fragte: „Was haben Sie mit meinem Sohn
gemacht? Reden Sie!“ Sürich Sperling schwieg, ja, er erhob nicht einmal
die Augen. Mechanisch wiederholte Elkan seine Frage, aber der Andere
öffnete den Mund nicht, machte keine Bewegung, blieb starr wie im
Schlaf. Sein Gesicht hatte den Ausdruck wie bei einem Menschen, der über
das Tiefste und Geheimnisvollste des Lebens nachdenkt, oder wie bei
einem Kranken, dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat. Was ist
mit ihm vorgegangen? dachte Elkan und er wagte es, diesen Feind an der
Schulter zu rütteln. Er hätte nicht den Mut dazu gehabt, wenn ihn nicht
Furcht und Verzweiflung getrieben hätten. Da richtete sich Sürich
Sperling auf und ging schweigend ins Haus. Elkan, der sich nicht
getraute, ihm zu folgen, zitterte vor Besorgnis. Er ging hinüber zu den
Mägden. Ja, sagten sie, sie hätten Agathon gesehen. Mit dem Arm wiesen
sie gegen die Richtung von Elkans Haus. Er schloß sekundenlang die
Augen, – erleichtert, und kehrte dann seufzend den finsteren und
schmutzigen Weg zurück.
Frau Jette kam ihm im Flur entgegen, und ihr Gesicht, das auch sonst von
einem kranken, bräunlichen Gelb war, sah ganz erschreckend aus. Ihre
Augen fragten, ihr Mund nicht. Wenn es auch fast stockfinster war, Elkan
sah es doch; er bemerkte diesen irren Glanz, in dem alles Durchwühlte
der Frauenseele lag. Die Rosenaus hatten sich mit banalen Trostsprüchen
entfernt; wenn es wo nicht mehr munter und witzig herging, wurde es
ihnen unbehaglich. „Er ist nicht da?“ stieß Elkan heftig hervor, indem
er in die Stube trat und sich unruhig umsah. Niemand antwortete. Aber
kaum hatte Frau Jette die Thür hinter sich geschlossen, als sie leise
wieder aufging und Agathon hereintrat. Sofort gewahrten alle, selbst das
kleinste der Kinder, daß in seinem Gesicht etwas war, das sie vorher
nicht darin gesehen hatten. Er schlich mehr, als daß er ging, sagte
weder guten Abend, noch sonst irgend eine Silbe, setzte sich auf einen
der Holzstühle neben seine Schwester Mirjam, der er flüchtig
schmeichelnd übers Haar strich, nahm einen der erkalteten Erdäpfel von
der Platte, schälte ihn und begann zu essen. Aller Augen waren auf ihn
gerichtet, aber er schien nichts davon zu bemerken. Mit bleiernem und
glanzlosem Blick guckte er auf seinen Teller und aß anscheinend mit Ekel
und Überwindung. An seinem Hals war eine blutige Schramme.
„Wo warst denn du?“ fragte Elkan Geyer mit richterlicher Würde und trat
an den Tisch. Seine Stimme bebte. Agathon sah seinen Vater ausdruckslos
an und fuhr fort zu kauen. Frau Jette hatte sich, den Kopf auf den Arm
gestützt, weit über den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend
an.
„Woher hast du die Schramme?“ fragte Elkan Geyer weiter und stützte
beide Fäuste auf den Tisch. Seine weichen, guten Augen begannen zu
funkeln. Auch Enoch trat jetzt herzu, schob den Kopf Agathons mit der
Hand so weit zurück, daß ihm das Gesicht aufwärts zugewandt war und sah
ihn finster an. Agathon schlug die Augen nieder. „Woher hast du die
Schramme?“ brach Frau Jette mit ihrer kreischenden Stimme aus. – „Vom
Baum“ murmelte Agathon. Elkan Geyer verfärbte sich, und fing an zum
Erstaunen aller andern von den Erfolgen seiner Fahrt nach Altenberg zu
berichten.
Agathon erhob sich und verließ das Zimmer. „Sag’ mir nur um
Gotteswillen, was der Jung’ hat! Er is meschugge, rein meschugge!“
klagte Frau Jette. Elkan stand am Fenster, wo man die Straße entlang
sehen konnte. Ihm war, als sähe er den Wasserspiegel im Fernen oder
spüre den feuchten, kühlen Hauch der Flut. Sein Herz wurde eng. In ihm
lebte jenes hinreißende Vertrauen auf ihren Gott und auf den Kommenden,
den Messias, das in allen frommen Juden schlummert, und das ihn selten
verließ, – wie jetzt.
Er ging, um nach Agathon zu sehen, denn der Gedanke an ihn bedrückte
seine Sinne. Er öffnete eine Thür des finstern Flurs und kam in eine
kalte, kahle Kammer, wo auf einem elenden, hochbeinigen Holztisch eine
Kerze stand. Agathon war über ein dickes Buch gekrümmt, die Finger in
den Haaren verwühlt. Es war das Neue Testament. Kaum hatte Elkan das
Buch angesehen, als er es mit einer wütenden Bewegung packte, es unter
dem Ellbogen Agathons hervorzerrte, die einzelnen Blätter zerfetzte und
den Band in eine Ecke warf. „Das thust du! Das thust du mir!“ flüsterte
er atemlos. Agathon schwieg und wandte die Augen von denen seines Vaters
nicht und veränderte nicht seine seltsam kauernde Stellung. Elkan
empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht vor ihm, setzte sich auf den
Bettrand und fragte schüchtern: „Was hat er mit dir gemacht, der
Sürich?“
Agathons Augen funkelten katzenhaft. Er schüttelte den Kopf und sah
begierig in den schmalen Spiegel an der grünen Wand, als ob er jede
Veränderung seines Gesichts studieren müsse.
„Kannst du’s nicht sagen? Deinem Vater?“
„Nein.“
„Ja, aber –!“
„Nein. – Warum hast du denn das Buch zerrissen?“
„Weil es Sünde ist, es zu lesen, Sünde gegen den Gott Israels. Woher
hast du’s?“
„Sünde? Das kann ich mir nicht denken. Du sagst, Israel ist Gottes
Lieblingsvolk? Er beschützt es vor allen andern?“
„Ja.“
„Das ist Unsinn, wirklicher Unsinn.“
„Agathon!“
„Ja! Das ist ja dumm. Ist es wahr, daß wir das Blut aller Völker
vergiften?“
„Was für Reden!“
„Wir haben Jesus gekreuzigt und –“
„Wir –! nicht wir, Aga.“
„– aber ohne das wäre er nicht Jesus. Sie haben uns also Jesus zu
verdanken.“
„Natürlich.“
„Aber das ist es,“ fuhr Agathon in einem seltsamen Gedankensprung fort,
„wir haben kein Vaterland.“
„Warum nicht? Hier ist unser Vaterland! Deutschland! Uns beschützt der
Kaiser und das Gesetz.“
„Aber Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man
beschützt werden muß, ist man auch nicht daheim.“
„Du bist ein Talmudist. Du willst zu klug sein. Das Leben ist viel
einfacher, als die Klugheit eines Knaben.“
„Ich bin kein Knabe mehr, Vater. Wenn uns das Volk lieb hätte, warum
könnten wir dann nicht Offiziere sein? Aber wir sind Unebenbürtige in
diesem Land und wir sind doch mehr als alle, stärker als alle!“ Wieder
funkelten seine Augen und plötzlich lief ein heftiges Zittern durch
seinen Körper; er stand da, sein schmales Gesicht war verzerrt, seine
Hände waren ineinander gekrampft, und er stieß einen Laut des Grauens
aus. Elkan blickte verstört umher, aber er gewahrte nichts. Er packte
Agathon bei den Armen, schüttelte ihn und begegnete seinem
ausdruckslosen, leeren, starrenden Blick.
Die Thüre knarrte, und Frau Jette kam herein. Sie sagte, ein armer Gast
sei gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft. Fast mechanisch verließ
Elkan das Zimmer. Als er wiederum den Flur entlang schritt, überfiel ihn
beklemmend das Gefühl seiner Not. Morgen würde ihn Sürich Sperling
pfänden lassen, und selbst die kleine Krämerei, die den Bedarf für den
Tag deckte, würde zu Grunde gehen. Hätte er nur seiner Kinder Geld bei
Löwengard bekommen können! Doch daran war nicht zu denken.
Der Fremde, Joelsohn mit Namen, stand während der nächsten halben Stunde
und murmelte Gebete; er verneigte sich mehr als hundertmal; seine Augen
flogen gierig über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht
hatte einen theatralisch-inbrünstigen Ausdruck. Als er mit dem Beten
fertig war, wurden seine Mienen finster und feindselig; er beantwortete
alle Fragen so kurz als möglich, schaute keinem ins Gesicht und als die
Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam und sie kichernd vor ihn
hinsetzte, wandte er sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um
nicht durch den Anblick einer Christin verunreinigt zu werden. Sein Hut,
den er während des Essens aufbehielt, mochte schon ein greisenhaftes
Alter erreicht haben.
Alle gingen zur Ruhe, auch der Fremde, dem man in der obern Kammer am
Giebel eine Bettstätte gab. Immer klang es wie Wasserrauschen und
Wellengeplätscher herein ins Dorf, überall schienen Schatten zu huschen.
Der Regen strömte herab, dann war es wieder still, dann kam ein
summender Wind, dann trat wieder der Mond aus den Wolken, und seine
Strahlen legten sich scheu auf die Dächer und auf die Flut. Frau Jette
sagte am Morgen, sie habe zweimal das Hauptthor knarren hören, aber alle
lachten sie aus, besonders Isidor Rosenau, der auch schon wieder da war,
„auf einen Sprung“, wie er sagte, und der Veranlassung nahm, die
Existenz von „Geistern“ ernstlich zu bezweifeln. Frisches, warmes Brot
stand auf dem Tisch und der Kaffee brodelte schon wieder in der Nische.
Draußen lag der Herbst, jetzt schon offenbar und unverhüllt, mit
bleiernem Himmel und stoßweisen Winden. Die Männer kamen herein mit den
Gebetsriemen, um das Morgengebet zu verrichten, denn sie konnten nicht
zur Synagoge gehen, weil der alte Vorbeter durch häßliche Zwistigkeiten
und Scheelsucht, wie sie stets unter den Juden des Dorfes herrschte,
daran verhindert wurde, sein Amt auszuüben.
Die Kinder kamen lachend und schwatzend, wenig eingeschüchtert durch die
finstere und asketische Miene des Joelsohn. Es war noch lange Zeit bis
zum Schulbeginn; nur Agathon rüstete sich zum Aufbruch; er mußte um acht
Uhr in Fürth sein, und das war eine Stunde Wegs, die er täglich zweimal
zurücklegen mußte. Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der
Stadt. Er steckte die Bücher, die er heut brauchen würde, in seinen
Träger und war dabei weniger entschlossen und überlegt als sonst. Oft
besann er sich lange, drückte die Augen zusammen, schaute fremd auf
alle, die im Zimmer waren, auf seine Geschwister und auf seine Mutter.
Er spielte im Dorf als Schüler der obersten Klasse in Fürth eine gewisse
Rolle, aber es ist sicher, daß ihn das nie eitel gemacht hatte. Elkan
Geyer war schon aufgebrochen, er ging über Land; wie er sagte wegen der
Geschäfte, in Wahrheit nur aus Angst vor Sürich Sperling.
Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den man dem Muhl der Gemeinde
gespielt und Enoch mit großem Geräusch seinen Kaffee schlürfte,
erschallte auf der Straße ein gellender, durchdringender Schrei, wie
wenn einer, die Finger zwischen den Zähnen, in der Art des Metzgerpfiffs
aus aller Kraft pfiffe. Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein vorbei, d.
h. er überstürzte sich fast vor Eile. Dann kam Pavlowsky, der Gendarm;
er lief zwar nicht, aber er ging so schnell, wie noch niemand im Dorf
ihn hatte gehen sehen. Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich
durchschüttelt. Isidor riß das Fenster auf und schaute hinaus; dann
verließ er den Platz am Fenster, ergriff seinen steifen Hut und rannte
hinaus. Agathon stand mitten im Zimmer, weiß wie ein Hemd, und ein
irrsinniges oder triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen. Frau
Jette, die sich weit hinausgebeugt, sah am Kirchenplatz viele Menschen
stehen; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen sie und starrten
hinunter. Der kleine Pausbäckige heulte, Mirjam lächelte verwundert und
Joelsohn lächelte verächtlich.
Die Magd Kathrin stürzte herein. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht
mehr Schrecken zu nennen; es war ein Krampf. Sie ließ die Unterkiefer
herabhängen, daß der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche, den
Arm zu heben. „Was ist denn?“ fragte Frau Jette mit starrendem Herzen.
Kathrin brachte kein Wort hervor. Alle umstanden sie und endlich
flüsterte das Mädchen: „Sie hom en – sie hom en – erstochen!“ – „Elkan!“
schrie Frau Jette mit aufgehobenen Händen. Die Magd schüttelte den Kopf.
„Naa, naa,“ brachte sie atemlos hervor, „’n Sürich Sperling heit Nacht!“
Alle schwiegen. Joelsohn und Enoch Karkau beteten. Die Kinder eilten auf
die Straße, standen aber vor der Thür furchtsam still.
Agathon verließ bald das Dorf, um nach Fürth zu gehen. Er verfolgte
zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste, und von dort aus ging
er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere
Schlachthausbrücke. Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände;
überall rauschte und brandete das Wasser, und wenn sich die fernen
Morgen-Nebel hoben, entstanden phantastische Städtebilder. Am
Schlachthaus war der Anprall der Wogen gewaltig; das Gerassel der Wagen
auf der Brücke wurde verschlungen vom Dröhnen der Brandung.
Hier traf Agathon seit den acht Tagen, da er diesen Weg gehen mußte,
jeden Tag um dieselbe Minute und an derselben Stelle eine Frau, die
leise murmelnd daherkam, und überhaupt mehr kroch, als sie ging. Sie
hatte leicht gerötete Wangen, vielleicht war sie einmal sehr schön
gewesen, auch war sie nicht arm gekleidet. Erst hatte sie Agathon wenig
beachtet, dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen, bösen und
trotzigen Ausdruck, mit dem sie ihren Korb schleppte. Dann begann er sie
aus einem geheimnisvollen Grund zu hassen; immer wenn sie seinen Weg
kreuzte, funkelten seine Augen; als er ihr einmal ausweichen wollte,
begann sein Herz zu klopfen und trieb ihn förmlich ihr entgegen. Wenn er
sie sah, war ihm, als müsse alles, was er an diesem Tag unternahm,
zerbrechen und fehlschlagen.
Heute kam sie nicht. Er blieb am ersten Brückenpfeiler stehen und sah
sich um. Sie kam nicht. Er selbst, der den ganzen Weg wie im Traum
zurückgelegt, begann dadurch gleichsam aufzuwachen und fuhr sich mit der
Hand über die Augen. Sein Blick ging forschend durch die aufsteigenden
Gassen des Uferviertels.
Sonst wenig geneigt zu Gesprächen, redete er am Obstmarkt einen
Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jüdisch
aussah. Die beiden gingen eine zeitlang wortlos, endlich sagte der
Kleine, gedrückt von dem schweigenden Wesen Agathons: „Wie sonderbar es
hier riecht? Nicht? So frisch.“
„Nach Kohl,“ entgegnete Agathon sarkastisch.
„Au!“ schrie der Kleine enthusiastisch. Er war wie erlöst durch diesen
anscheinenden Witz. „Hast du die salischen Kaiser gelernt?“ fragte er
dann.
„Ich lerne nicht. Ich kann nicht lernen,“ murmelte Agathon. „Ich kann
nicht Zahlen einpauken und Namen und Regeln, was weiß ich. Das quält
mich. Wenn Bojesen nicht wäre, ich könnte nichts arbeiten, nichts denken
in allen den Stunden. Das ist alles tot.“
Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten und jammerte dann, ziemlich
unmotiviert anknüpfend, daß ihm sein Bein weh thäte. Agathon wurde immer
bleicher, je näher sie dem Schulhaus kamen. In allen Gassen wurden die
Laden geöffnet und die Kaufleute und Commis, meist Juden, standen
frisiert und frisch gewaschen vor den Thüren und Auslagefenstern, die
Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Die Commis machten jetzt sehr
verdrießliche Gesichter; sie zeichneten sich alle durch energisch
aufgedrehte Schnurrbärte aus und benahmen sich im ganzen, als die
wichtigen Personen, die sie waren, sehr formvollendet.
Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude,
eine schwarze, undurchdringliche Masse. Viele standen um eine
Litfaßsäule, wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat ein
gelbes Stück Seife emporhielt, als wäre es eine Brandfackel. Die Schüler
machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin.
Kaum war Agathon und sein Begleiter, der jetzt seinerseits in ein
philosophisches Schweigen versunken war und nur bisweilen einen schelen
Seitenblick auf den Mitschüler warf, am Eck der Mathildenstraße
angekommen, als eine ganze Anzahl von Klassenkameraden Agathons auf ihn
zustürzte, ihn an Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrieen:
es sei doch einer ermordet worden in Zirndorf, ob er ihn gesehen habe,
er solle erzählen, wie und warum es denn zugegangen sei u. s. w. Die
Schüler der niederen Klassen machten respektvoll Platz und wagten am
Rande des Kreises kaum ihre Ohren zu spitzen, um etwas zu erlauschen.
Agathon sah sich dicht umstellt, und der Kleine sah voll naiver Furcht
zu ihm auf und fragte: „Warum hast du denn das mir nicht gesagt?“
Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des
Schulhauses, und die Schar strömte unaufhaltsam und laut lärmend in die
hallenden Korridore. Der Mord beschäftigte die jugendlichen Köpfe; sie
sahen die finstere Nacht des Dorfes und hörten den letzten, erstickten
Schrei des Opfers. Agathon saß bald auf dem kleinen Klappstuhl, steif
und still – und hörte nichts von dem Toben um sich. Ein feines, süßes
Wohlbehagen kam über ihn; der Ofen summte an seiner Seite, und draußen
lag durchsichtig der lichte Herbstnebel. Er sah die Landkarten und sah
damit die fernen Länder, den Globus und er fühlte sich weit über der
Erde. Er fühlte sich edler und älter, wie ein Mensch, der seine tiefst
schlummernden Leidenschaften kennen gelernt hat.
Der Unterricht begann. Herr „Professor“ Schachno spazierte mit seinen
kurzen, dicken Beinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu
schlummern. Oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich, gleichsam
ein Hymnus an jene sanfte Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine
Hauptthätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten. Das schien ihm
das Ideal aller Pädagogik zu sein. Ein vergessenes Heft, ein schlecht
gelernter Vers, ein Tintenfleck, ein unzeitgemäßes Lachen, ein
unanständiges Rülpsen, das alles waren Fehler, einzig und allein
ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte deutsche
Litteratur und sprach über Goethe so, als ob Goethe froh sein müßte,
einen Sigismund Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben. Er summte
gerade wieder und schlummerte auch ein wenig dabei, als sich Agathon
Geyer schwankend erhob und mit erloschenem Blick gerade vor sich
hindeutete. In seinem Gesicht lag ein tierisches Entsetzen. Alle Schüler
erhoben sich bang und flüsternd. Agathon stürzte zum Podium, fiel in die
Kniee, machte eine Armbewegung, als ob er die Füße eines Menschen
umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser
unsichtbaren Gestalt, Sürich Sperlings.