Erstes Kapitel

Im Jahre 1885 fing es in den Ebenen der Rednitz und Pegnitz einige Tage

nach Maria Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete unaufhörlich bis

über die Mitte des August hinaus. Die Saaten gingen völlig zu Grund

dabei, und zu Ende des August war alles Land, das durch den Ring der

Dörfer Poppenreuth, Kalkreuth, Buch, Altenberg, Kadolzburg, Zirndorf,

Bach und Unterfarrnbach eingeschlossen ist, ein einziger See. Sogar noch

weiter, bis ins Thal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und

nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend. Graugelb und

gurgelnd schlug das Wasser gegen den Eisenbahndamm in Fürth, als ob er

zornig wäre, daß es so hoch nicht reichen konnte. Der Frohnmüllers-Steg

war weggerissen, ja sogar die stärkere Brücke, die nach dem Weiler

Dambach führt; die Badeanstalt war gänzlich zerstört; tagelang sah man

die Bretter und Balken und die kleinen Schindeldächer der zerrissenen

Hütten die Strömung hinuntertreiben. In der Fischergasse und in der

Pegnitzgasse und am Schießanger und in all den kleinen Winkeln beleckte

das Wasser die Häuser, füllte die Keller, und schlug drohend an die

Schwelle mancher kleinen Krämerei oder Metzgerei, oder an die niederen

Simse der Goldschlägerwohnungen, deren Gehämmer sonst lustig und mit

anziehender Taktmäßigkeit den ganzen Tag erschallte. Wenn die Weiber des

morgens zum grünen Markt wollten, mußten sie in Booten fahren fast bis

zur Stadtwage hin, und sie standen dabei viel Angst aus.

Wie eine große, gebirgige und geheimnisvolle Insel sah der Vestnerwald

mit seinem viereckigen Turm in das überschwemmte Land. Wenn man von dort

aus gegen Zirndorf hinunterblickte, sah es aus wie der Ozean selbst; nur

ein paar Pappelbäume oder die Bäume einer Obstanpflanzung oder weit in

der Ferne quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen, oder der hohe

Pfahl, worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird,

ragten aus dem Wasser hervor, das gelbschimmernd dalag, ohne sonderliche

Bewegung wie ein matter Spiegel. Das Dorf selbst war zum größten Teil

verschont geblieben, weil es etwas höher lag. Kein Rauch stieg aus den

Schloten der Ziegelei am Eingang der Hauptstraße. All die roten Dächer

sahen gleichsam ergeben in das helle Grau des Himmels, und die Raben,

die hoch in der Luft mit unruhigerem Flügelschlag als sonst dahinzogen,

hatten etwas Schmerzliches, ja vielleicht Verzweifeltes in ihren

plötzlichen gellenden Schreien.

Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten,

besonders zweien: Sürich Sperling, dem St. Sebalderwirt und Martin

Ambrunn, der die „gläserne Burg“ innehatte. Auch das Turnerfest war auf

den nächsten Sommer verschoben worden und die Fürther Kirchweih stand

vor der Thür; da würde ohnehin wieder alles Geld in die Stadt wandern.

Als der Burgwirt keinen Ausweg mehr sah, schickte er bei allen Juden

herum und ließ sagen, daß er von nun ab auch koscheres Fleisch zum

Aushacken bringen werde und daß der Schochat die üblichen Formalitäten

vornehmen werde. Auch der Bauer litt schwer unter der Wassersflut und

mancher, dem bislang eine selige Thalerfülle im Beutel geklappert,

schlich nunmehr gebückt und finster ins Wirtshaus, um daselbst seinen

ganzen Groll gegen die Zechbrüder auszuleeren. Zwischen den Dörfern

Altenberg und Zirndorf, die sehr nahe beieinanderlagen, wurde der

Verkehr durch Boote vermittelt, und an einem Donnerstag war es, die

Wolken hingen niedrig, waren zerzaust und regenschwer, fuhren zwei Kähne

ungefähr gleichzeitig, der eine von Zirndorf, der andere von Altenberg

ab und befanden sich einander in Sehweite, noch ehe jeder hundert Meter

zurückgelegt hatte. Der Wind strich übers Wasser und warf kurze,

lautlose Wellen auf, so daß ein nervöses Leben in die starre Fläche

geriet. In kleinen Entfernungen erhoben sich die Chausseebäume aus der

Flut, und das dünne Zweigwerk hing wie trauernd nieder und wurde vom

Wasser bespült. Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote näherten

sich rasch; aber das von Zirndorf kommende, in dem Sürich Sperling,

seine zwei Knechte, der Milchmeier von Altenberg, der Metzger Frühwald

von Fürth und ein ganz fremder, vornehm aussehender junger Mann saßen,

glitt viel schneller dahin als das andere. Sie waren sich auf zehn

Schritte nahe gekommen, und Sürich Sperling schrie eine Warnung hinüber;

doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme, und es hatte den

Anschein, als suchte er das kleinere Boot zu kentern. Die Bedrohten

wichen furchtsam aus, aber Sürich Sperling, der das aus einer alten

Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte, richtete die Spitze des

Kahns gegen die Breitseite des andern Fahrzeugs, und dieses stieß

dadurch ziemlich heftig an einen Baumstamm. Gleichzeitig ertönte ein

entsetzlicher Schrei aus fünf oder sechs Kehlen, und ein junger Mensch

von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber ins Wasser. „Laßt das

Judenpack versaufen,“ krächzte Sürich Sperling, und die zwei Knechte und

Herr Frühwald begannen zu lachen, während sie hastig davonruderten.

Selbst der schwarzbärtige junge Mann grinste, offenbar nur um seinen

Reisegefährten gefällig zu sein. Dann warf er stirnrunzelnd den Stumpf

der Zigarette ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der

Stelle des Unglücks hinüber. Etwas Düsteres und Drohendes glomm in

seinen Augen, doch war es kaum klar, gegen wen sich solche Gefühle

kehrten. Sürich Sperlings Boot fuhr erbarmungslos davon, und sie

überließen es den jüdischen Männern, den Verunglückten aus dem Wasser zu

ziehen.

Dort herrschte große Ratlosigkeit, der leichte Kahn wurde vom

anschwellenden Wind und von einer leichten Strömung fortgetragen, und

die Köpfe waren so verwirrt, daß der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und

der andere es dorthin lenkte. Keiner konnte schwimmen. Wasser war ihnen

das unfehlbar totbringende Element; und als Elkan Geyer in heller Angst

um seinen Sohn doch den Rock von sich warf, um in die Flut zu springen,

hielten ihn sechs Arme zurück, wobei das Boot fast zum Kippen gekommen

wäre. Plötzlich stieß Bärman Schrot einen Freudenschrei aus. Agathon

tauchte aus dem Wasser empor, erfaßte den weit überhängenden Ast eines

Birnbaumes, und mit bewundernswerter Kraft hatte er auch die andere Hand

an den Ast geklammert. Dann schnellte er aus dem Wasser und kletterte

mit der Behendigkeit eines Affen ins dichtere Gezweig des Baumes. Als er

droben saß, streckte er seinen Kopf wie aus einem Korbgeflecht heraus

und sah hämisch ins Boot. „Komm, komm, Agathon!“ rief Elkan Geyer mit

der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewußten.

„Mag nicht!“ schallte es kurz zurück.

„Aber Aga, so komm doch!“ bat Elkan erschrocken. Er kannte den

wunderlichen Starrsinn seines Sohnes.

„Ich will aber nicht. Ich will nicht mehr in euer Boot.“

„Aber Aga, deine Kleider sind naß, und du wirst totkrank werden.“

„Gut, dann will ich totkrank werden.“

„Lieber Junge, jetzt hopp!“ rief Isidor Rosenau entschlossen und

befehlend.

„Ich will euch etwas sagen,“ erwiderte Agathon sehr ernst. „Ich werde

warten, bis Sürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird, und wenn

es morgen wird. Ich will ihm sagen, daß er ein Hund ist, ich will ihm

sagen, daß er es büßen muß. Ihr, ihr laßt euch ja alles gefallen. Euch

dürfen sie die Ohren abreißen, dann küßt ihr ihnen noch die Hand. Bloß

daheim könnt ihr schimpfen.“

„Aber Aga, so komm doch,“ flehte Elkan Geyer. „Du kannst doch nicht da

droben sitzen bleiben bis in die Nacht, chaas we Scholam, Gott behüte.“

„Ja, ich bleibe sitzen,“ beharrte Agathon und seine Augen funkelten.

„So a Meschuggas!“ rief Isidor Rosenau entrüstet. Und er packte sein

Ruder und stieß den Kahn vom Baum. Elkan Geyer schlug jammernd die Hände

zusammen und bat, man solle doch zurückfahren und einer solle den Baum

erklimmen. Aber die andern lachten ihn aus. „A Chutzpa von dein Jung,

wahrhaftig a Gemeinheit,“ sagte Bärman Schrot. „Was haste dei Jeleth nit

besser gezogn? Meins thät so was nicht. Cholilah, ich schlagets tot.“

Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geyer wartete ungeduldig

auf die Landung, um allein wieder zurückfahren zu können. Er saß da, den

Kopf in die Hand gestützt, und sah verträumt hinaus gegen den Horizont,

wo ein leises, trübes Roth die Wolken zu säumen begann, das sich auch im

Wasser spiegelte mit einem seltsam schwanken Schein. Es war überhaupt

etwas Verträumtes in seinem ganzen Wesen; in seinem Blick lag eine

flehende Hilflosigkeit; sein frühergrautes Haar mochte Zeuge davon sein,

wie er alles zu Herzen nahm, woran andere nicht lange tragen. Ja, wenn

es andere fortwarfen, hob es Elkan Geyer erst auf, und er wußte seine

Angelegenheiten immer von einer Seite anzugreifen, von wo sie mißlingen

mußten.

Agathon fror auf seinem Baum erbärmlich. Aber er verzog keine Miene,

wenn er auch schauderte in den nassen Kleidern; er machte ein Gesicht,

als gälte es, sich vor den eigenen Leiden zu verstecken. Unten gluckste

das Wasser; wenn man lange hinlauschte, war es, als plauderte es immer

in demselben müden Rhythmus mit hellen, wiederkommenden Lauten.

In diesem Augenblick hatte er eine seltsame Erscheinung. Aus dem Wasser

hob sich ein Körper, die Arme breit in die Luft gestreckt, das Gesicht

fast sehnsüchtig nach oben gerichtet. Lautlos wuchs die Gestalt herauf

und die Arme Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung.

Und daneben zeigte sich ein kleines Männchen, spitz, winzig, mit einem

gefälligen Grinsen auf den Zügen, in beständigen Verbeugungen begriffen,

und er reichte der großen Gestalt die Hand. Aber wie diese die Hand

nahm, sank sie tief und tiefer ins Wasser, wich angstvoll zurück,

strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst, der in der Ferne über dem

Wasserspiegel lag. Mit vorgestrecktem Hals starrte Agathon hin und

atmete tief auf, als er dann nichts weiter sah als die glatte Fläche,

und kein Geräusch weiter vernahm als das klagende Glucksen des Wassers.

Als es zu dämmern anfing, wurde ein klatschender Ruderschlag hörbar.

Elkan Geyer kam. Agathon zögerte nicht (umsoweniger, als sein Vater

allein war) und ließ sich, nachdem er flüchtig den Horizont abgeguckt,

ins Boot hinab. Sie fuhren heim auf der stillen Fläche, über die es

langsam hindunkelte, und sie sprachen kein Wort miteinander. Die Krähen

flogen ums Boot, lautlos und geängstigt, und bisweilen war das Wasser

von einer Schicht gelber Blätter bedeckt. Die Röte am westlichen Himmel

glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige

Wolken lagerten dort, die großen, sensenschwingenden Männern glichen. Am

Kirchhof landeten die beiden, schritten die kotige Straße des Dorfes

hinauf und waren bald daheim: in diesem kleinen, grüngestrichenen

Häuschen, das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot und in jedem

Augenblick zusammenzubrechen schien. Das Dach drückte schwer auf Giebel

und Mauern, und die Fenster waren so unregelmäßig gebaut, daß sie leicht

den schielenden Augen eines Menschen zu vergleichen waren. Elkan Geyer

schritt durch den langen, finstern Gang mit den brüchigen

Ziegelsteinfließen, an vielen Thüren vorbei in die Kammer, wo die

Obstvorräte und Spezereien für den kleinen Kramladen aufgestapelt lagen.

Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte da: es roch nach

frischen Äpfeln und nach alten Stoffen, nach schlechter Schokolade, nach

eingemachten Früchten, nach Essig und nach Konserven, nach geräuchertem

Fleisch und nach Kaffee. Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft, und

düster-grünes Tuch war über große Kasten gebreitet.

Agathon war seinem Vater gefolgt, der den Kerzenstumpf anzündete und

dann bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute. Mit seiner müden

Stimme begann er zu reden, daß ihm wohl sein Ältester das Leben leichter

machen könne, als er es thäte, und wie er, Agathon, sich eigentlich die

Zukunft vorstelle? Daran läge jetzt alles, mehr als alles; das sei

bitter ernst und er, Elkan, werde ja jetzt alt und es werde ihm schon

schwer, das viele Schulgeld aufzubringen. Auch dürfe er sich ja nicht

schlecht benehmen gegen Sürich Sperling, denn er, Elkan, sei tief

verschuldet bei diesem Mann, so daß er sich keinen Rat in der Welt mehr

wisse. Niemand wolle helfen, auch der Großvater nicht, Enoch Karkau, der

es doch sicherlich vermöchte. Elkan Geyer sagte gewiß mehr, als er

beabsichtigte; er bemerkte endlich, wie Agathons Glieder zitterten,

vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen. Schnell gebot er ihm,

sich umzukleiden, aber er solle es so anstellen, daß die Mutter nichts

merke.

Gedankenvoll ging Elkan Geyer hinaus in den kleinen Hof, der zwischen

Haus und Gemüsegarten lag, und trotzdem es schon ziemlich dunkel war,

traf er seinen alten Schwiegervater noch bei der Arbeit. Enoch Karkau

war zweiundachtzig Jahre alt, aber er übte noch immer sein Handwerk als

Seiler aus. Er wanderte noch täglich den langen Weg nach Fürth, war

schweigsam und mürrisch, und niemand konnte ihn auf mehr als sechzig

schätzen. Zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem Dach

geschlafen, niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf

verlassen. Hier war ihm jeder Stein bekannt und die ganze übrige Welt

war für ihn ein Gleichnis. Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem

Gold, und Gefühlen anderer Art war er gänzlich verschlossen. Die Welt,

in der er lebte, veraltete ihm nicht, und er dachte auch nicht an den

Tod. Er war fromm, d. h. er ging allmorgendlich zum Gottesdienst, sowie

jeden Abend, um den Tallis, den er seit neunundsechzig Jahren um die

Schultern legte, von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Gebetbuch mit

den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen. Das war für ihn

eine tote Pflicht geworden, über die man nicht nachdenkt. Der Lauf der

Welt war ihm gleichgültig. Die Stürme, die um die Mitte des Jahrhunderts

die Völker hatten erbeben lassen, der Bürgerkrieg im Innern achtzehn

Jahre später, er hatte kaum danach gefragt; der Kampf der siebziger

Jahre, obwohl er einen Sohn dabei verloren hatte, war für ihn ein

„Muschikaam“ gewesen, eine Narretei. So hatte er sein langes Leben

gelebt und war alt geworden.

Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf. Die Luft war satt von

Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes. Das Laub des wilden Weins

war blutrot und leuchtete selbst durch die Dunkelheit. Von der

„gläsernen Burg“ her erschallte das Geschrei der Zecher, und einer war

es, der mit simpler Geduld und in flennenden Tönen immerfort dieselbe

Melodie sang: spinn’ spinne Töchterlein. Die Abendglocken begannen zu

läuten; bald klang es fern, bald klang es nah, und jeder, der auf der

Straße ging, klaubte sich unwillkürlich seine eigene Weise zusammen aus

den abgehackten Tönen.

Enoch Karkau hatte eine kleine, verrostete und verbogene Laterne

angezündet, holte eine Wanne herbei, die mit Schafsdärmen angefüllt war,

und bedeckte sie mit einem runden, tellerartigen Holzsturz, den er zur

Beendigung seines Tagewerks mit Fugen für die Henkel des Bottichs

versehen hatte.

„Nun, Vater“, flüsterte Elkan Geyer und sah ängstlich auf die Hände des

Alten, die mit großen, braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren.

Enoch schwieg.

„Und wenn’s Jette erfährt?“ murmelte Elkan. „Schließlich ist sie doch

dein Kind.“

„Sie waaß ja nix,“ erwiderte Enoch mürrisch.

„Sie wird’s bald wissen. Sürich Sperling ist ein Halsabschneider.“

„Wärst nit leichtsinnig gewesen. Mer hätten kei Scheuer zu bauen

gebraucht. Was haste nu? Ich kann der nit helfen. Ich ha ka Geld.“

Elkan rang stumm die Hände. Dann sagte er: „Du hast so vielen das Messer

an die Gurgel gesetzt, Vater. Da kann ich’s begreifen, daß du gegen

deine Kinder so bist.“

Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung.

Gleich darauf ging er ins Haus. Die Laterne zitterte in seiner Hand und

sein Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich.

Im Zimmer vorn rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch, und zwei Heringe

lagen in gelber Sauce in einer großen Schüssel. Die Kinder hatten Teller

von Blech vor sich, die alt waren und unappetitlich aussahen. Nur die

Magd und Frau Jette hatten Porzellanteller. In der großen Ofennische

brodelte singend der Kaffee, und sein Geruch vermischte sich mit dem

übergelaufener und verbrannter Milch. Das Zimmer war niedrig und schwül,

und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte. Die Möbel schienen

schief zu stehen, die Dielen waren rissig, und zu den gardinenlosen

Fenstern schaute unbehindert die schwarze Nacht oder wer sonst noch

wollte herein. Und doch zeugte alles von der Hand einer unermüdlich

scheuernden Hausfrau, die nur zu schwach war, das Reich, das man ihr

gegeben, völlig zu regieren. Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht, das

sah man schon an den Gesichtern der Kinder, die so unbekümmert dasaßen,

als ob sie niemandem zu gehorchen brauchten. Sie nahmen sich selbst

Kartoffeln so viel sie wollten und Butter und Brot, und wenn eines ein

größeres Stück Häring erwischte, erhob das andere ein neidisches

Zetergeschrei. Eine Katze schlich unter dem Tisch herum, rieb sich an

den Stuhlbeinen und stieß bisweilen ein leises und begehrliches Miauen

aus, wozu die Kinder und die dicke Bauernmagd schadenfroh kicherten. „Wo

ist Aga, Mama?“ fragte der Knabe, ein lockiger Pausback von fünf Jahren.

Frau Jettes Mund verzog sich zu einem ärgerlichen Grinsen. „Red nicht,

wenn du’s Mund voll hast!“ schrie sie und schlug mit der Faust auf den

Tisch. Wie alle Frauen, die von ihren Kindern tyrannisiert werden,

suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln. Enoch

Karkau kam mit müden, tappenden Schritten herein, pustete sein

Laternchen aus und stellte es in einen dreieckigen Eckschrank, der

zugleich als Waschbehälter diente, wusch sich die Hände und sprach das

übliche Gebet. Niemand beachtete ihn. Da er den Tisch besetzt fand, ließ

er sich schwer in die Ecke des Ledersofas fallen, seufzte und sah mit

glanzlosen Augen in das Ofenloch, aus dem der purpurne Feuerschein

zitterte. „Warum singt denn der Mann immer, Großpapa?“ fragte der

Pausbäckige. Enoch grunzte und schüttelte den Kopf. „Was singt er denn,

Großpapa?“ – „Sei still!“ schrie Frau Jette heiser und erregt und

klopfte mit zwei Fäusten auf den Tisch, daß alles klapperte. „Spinn’

spinne Töchterlein, singt er,“ flüsterte dem Pausbäckigen schüchtern die

ältere Schwester zu, Mirjam, ein Kind von wunderbarer Schönheit.

Plötzlich sprang Enoch auf, ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei

seinem aufgerichteten Schwanz, öffnete die Thüre und warf das

quietschende Tierchen heftig an die gegenüberliegende Flurwand. Gerade

trat Elkan Geyer auf die Schwelle, warf dem Alten einen schmerzlichen

Blick zu und nickte.

Eine Fensterscheibe erbebte und klirrte leise. Aller Blicke wandten sich

dorthin. Mirjam stieß einen Schrei aus und legte die Händchen vor die

Augen. Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken. „Sürich Sperling“,

murmelte Enoch. In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts, das zu

einer breiten, gräßlichen Fratze verzerrt, augenlos und mit

plattgedrückter Nase hereinstierte. Elkan Geyer wurde totenbleich und

machte einen Schritt gegen das Fenster. Da war Sürich Sperling schon

wieder verschwunden. Jubelnd sprang Mirjam, die alle Leiden schnell

vergaß, dem Vater in die Arme, der das Kind aufhob und es

leidenschaftlich küßte. Die Magd kicherte ohne Grund in sich hinein, und

Enoch schlich wieder in seinen Sofawinkel, um geduldig zu warten, bis

die Zeit für ihn kam, um zu essen.

„Wo ist Aga?“ fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann

forschend an. Elkan Geyer sah sich erstaunt um, stellte das Kind auf die

Erde, und ein Schatten rätselhafter Besorgnis ging über seine Stirn. Er

öffnete die Thür und rief in den Flur: „Agathon! Agathon!“ Nichts

antwortete dem Ruf, und die Stille im Haus erschien groß und drückend.

Die Kinder schwiegen am Tisch, selbst die dicke Magd hatte aufgehört zu

kichern und Elkan lauschte und lauschte und hörte nur das Ticken der

Pendeluhr im Zimmer. Er hatte eine unbestimmte Angst und dachte nicht

weiter, als wie seltsam dieser Name sei, wenn man ihn laut rufe:

Agathon. Frau Jette wollte hinausgehen, um zu suchen. Aber Elkan hielt

sie zurück, schlug murrend die Thür zu und setzte sich an den Tisch, um

zu essen.

Nach einer halben Stunde stürzten die Rosenaus Mädchen herein: mit

fliegenden Haaren, überreizt lachend, atemlos. Sie waren immer aus

irgend einem Grunde atemlos. Ihnen folgte ihr Bruder Isidor: würdig,

ernst, gemessen. Die Mädchen sprachen den Bauerndialekt der Gegend, was

von den wilden und südlichen Zügen ihres Gesichts wunderlich abstach.

Sie ließen sich in allen Dingen völlig gehen, während Isidor sich einen

städtischen Anstrich zu geben bemüht war. Er trug einen steifen,

englischen Hut, Kravatten nach der neuesten Mode, umgestülpte Hosen und

hellgelbe, obwohl kotbedeckte Schuhe. Seine Finger waren von Ringen

jeglicher Façon bevölkert, und seine Uhrkette war schwer von goldenem

Behängsel. Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch,

dem nichts in der Welt mehr neu sein kann; er ging in der Stadt am

liebsten dorthin, wo man ihn nicht kannte, denn nichts beglückte ihn

mehr, als wenn man ihn für keinen Juden ansah. Die Mädchen küßten die

Kinder der Reihe nach ab, und Isidor machte einen Witz und sah sich um,

ob niemand lache. Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit:

ein junger Mann sei seit gestern im Dorf, dessen Verwandter die Ziegelei

kaufen werde. Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker, doch

niemand wisse, was er sei, noch was er wolle. Bei der Nennung des Namens

begann Frau Jette zu zittern, lehnte sich kraftlos zurück und schloß die

Augen. Die Mädchen sahen es nicht; sie bemerkten nichts in der Welt, was

nicht sie selbst betraf.

Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander. Der

schwächliche und furchtsame Elkan schien von einer wilden Beredsamkeit

ergriffen, aber Isidor zuckte fortwährend die Achseln, und sein Gesicht

wurde grausam und kalt. „E betuchter Mann, dei Schwiegervater, boruch ha

schem,“ bemerkte er höhnisch.

„Und wenn er mir das Haus weg nimmt und das letzte Stück Brot, zuletzt

findet sich immer noch ein Ausweg. Gott wird helfen.“

Isidor lächelte kühl und flüchtig und klimperte mit den Thalern in

seiner Tasche. Und Elkan Geyer fuhr fort: „Der Sürich ist nicht wie

Gläubiger sonst, das muß man nicht glauben. Es ist ein eigner Geist in

ihm. Rastlos kommt er herein und in seinen Augen funkelt’s vor Haß. Er

kommt herein, streckt seinen Hals, lacht oder knipst mit den Fingern.

Ich weiß nicht was es ist, er ist unheimlich, jawohl, aber er hat etwas

Edles an sich.“

Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits. Nur Enoch blickte

starr auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen

Bartrand schien ganz versteinert zu sein. Er grämte sich auch darüber,

daß man ihm nichts zu essen gab und weil alle seiner vergaßen wie eines

abgebrauchten Hausrats. Sie lauern auf meinen Tod, dachte er, aber den

Gefallen will ich ihnen nicht thun. Das Kätzchen miaute vor der Thür. Er

hörte es nicht; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und mischte

sich sonderbar fremd mit Bildern des Tages.

„Ach ja, euern Aga habe ich gesehen!“ rief plötzlich Helene Rosenau ganz

laut. Auf einmal schilderte sie da ein ganzes Drama, und alle lauschten

erregt. Sie suchte sich durch das Feuer ihrer Rede gleichsam für den

Leichtsinn zu entschuldigen, der sie den Vorfall so lang hatte

verschweigen lassen.

Sürich Sperling stand an seinem Haus am Kirchenplatz. Das Haus war

beleuchtet vom hellen Feuer der Schmiede gegenüber. Das kleine Lämelche

Erdmann ging vorüber, das schon seit dreißig Jahren die Gebete in der

Spitalschule las. Es schlenkerte so daher, und das Köpfchen wackelte hin

und wackelte her, und Sürich Sperling rief, es solle zu ihm kommen. Und

als das Lämelche sich furchtsam aus dem Staub machen wollte, ging Sürich

hin und zog es bei den Ohren zu seiner Treppe. Er stierte dem Kleinen

lange in die Augen, und sein rotes Gesicht wurde blaß, ja es erhielt für

diesen Augenblick etwas Hoheitsvolles; sein Mund begann zu lächeln, –

schmerzlich. „Hin ist hin,“ sagte er und machte mit dem Arm eine

unbestimmte weite Gebärde. „Ich bin ein Mann, mit dem’s die Welt

verdorben hat. Wenn ich einen Juden seh’, kocht mein Blut, das muß ich

noch büßen. Ich kann die Juden riechen, wie der Hund das Wild. Schmied

komm mal rüber, leg’ den Kerl da unter deinen Amboß.“ Der Schmied trat

heraus ins Freie und nickte Sürich freundlich zu, der den Kopf des

Lämelche niederzog, daß das Männchen zu schreien anfing. Jetzt kam

Agathon Geyer aus dem Schatten des Brunnens, stürzte auf den Wirt zu und

spie ihm ins Gesicht. Sürich Sperling ließ sein Opfer los, packte

Agathon, nahm ihn wie ein Paket und verschwand mit ihm im Haus. Der

Schmied lachte, die Mägde am Brunnen lachten auch; stets fanden sie den

Sebalderwirt überaus spaßhaft.

Aber er war in Wahrheit ein prächtiger Mensch. Er war gebaut wie ein

Steinbild. „Er ist ein Germane, das Urbild des Germanen,“ sagte

Professor Brünotte in Fürth. In ihm schien sich alles Glänzende und

Rohe, alles Kraftvolle und Plumpe der Rasse vereinigt zu haben. Er

liebte und haßte ohne Rechenschaft und Künstelei, ohne Berechnung und

Überlegung. Er haßte die Juden unbeschreiblich; jede Gebärde, jeder Ton

der Stimme, jede Handlung regte ihn auf wie Wein. Es war unerhört und

wunderlich; keines Menschen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf. Er

war ein Tier: wild, stolz, unbezähmbar, keinem Vernunftgrund der Welt

zugänglich. Niemals hatte er vor einem Herrn den Nacken gebeugt; nie war

er wie andere junge Leute seiner Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute,

die sich fürchteten, wenn irgend einer von der Regierung ins Dorf kam;

sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und für den Wirt. Denn

Sürich Sperling verachtete den Adel und verachtete das Gesetz und

verachtete den Pfaffen, und die am Ruder sitzen verachtete er. Er war

ein Sohn dieser großen Natur rings umher, dieser breiten Ebene, die sich

ausstreckt und ausstreckt, riesenleibig. Wenn er einen Soldaten sah,

spuckte er kurz auflachend in eine Ecke. Ja, er bewirtete gar keinen

Soldaten; sie bekamen einfach kein Bier bei ihm. Und doch war sein Gemüt

kindlich, und er war leicht zu lenken. Oft war er rätselhaft in seinem

Wesen, schrie und tobte und war innerlich traurig. Sein Vater soll ein

Riese gewesen sein, und von seiner Mutter erzählt man sich seltsame

Dinge, die an die Berichte über die Kleopatra erinnern. Sürich Sperling

paßte nicht herein in diese Welt. „Das Urbild des Germanen“ fand kein

Bett, worin es bequem ruhen konnte.

Die Juden von Zirndorf · 第 7 / 45 题