VI

Seit ihr zweiter, unliebenswürdiger Gatte ihr vor ungefähr fünf

Jahren auf der "Dicken Selma" treulos nach Kanada ausgerückt war,

hatte die liebe, gute, alte Frau Wachtel keinen solchen Arger mehr

auszustehn gehabt.

Nicht bloß, daß seine Stiefelabsätze noch überall auf dem Sofa

deutlich zu sehn waren, nicht bloß, daß das Fensterkreuz von den

dämlichen Leiterstücken, die jetzt natürlich zerbrochen unten auf

deim Pappdach lagen, total ruiniert war, bewahre: auch die ganze

Tapete von oben bis unten mit Ölfarben bekleckst! Der vermaledeite

knirpsige Schmierpeter schien sich die ganze Zeit dran seine

schweinschen Pinsel ausgequetscht zu haben. Pfui Deibel ja!

Aber, das war ihr ganz recht! Warum hatte sie das ganze Pack

nicht schon längst an die Luft gesetzt! Wenn's wenigstens noch die

verrückten Thienwiebels gewesen wären. Aber die holte ja der Satan

nicht! Die hakten fest wie Kletten an ihr!

Die alte, liebe, gute Frau Wachtel war ganz außer sich. Aber sie

hatte wirklich Pech mit ihren Mannsleuten. Der kleine Ole hatte

sich in der Tat nicht entblödet, ihr mit Hinterlassung einiger

alter "Schinken", deren Darstellungsobjekte es unmöglich zuließen,

daß man sie sich übers Sofa hing, auszukneifen.

"Solch eine Tat, die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, die

Tugend Heuchler schilt, die Rosen wegnimmt von unschuldvoller Liebe

schöner Stirn und Beulen hinsetzt ... Ha!"

Aber der große Thienwiebel suchte sich jetzt vergeblich beliebt zu

machen. Seine "Schmeichelsalb" zog nicht mehr. Frau Rosine Wachtel

verlangte jetzt energisch ihre Miete.

Heut war der Siebente: wenn ihr bis zum Vierzehnten nicht alles

bezahlt war:--raus!!

Ja!...Sterben--schlafen--nichts weiter! Und zu wissen, daß ein

Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsres Fleisches

Erbteil--'s ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen'...Ja! dies

war ehedem paradox! Paradox! ... Doch nun--bestätigte es die Zeit!

Armer Yorick! ...

Der große Thienwiebel fühlte, daß es jetzt zu Ende war mit seiner

Kraft. Er wollte nun arbeiten, Freund! Arbeiten! Er wollte seine

ganze Kraft aufbieten. Er--er...er wollte ihn "suchen" gehn! "Laßt

mich! Er ist ermordet, Amalie! Er ist ermordet!" ...

Er hatte sich jetzt wieder seinen alten, olivengrünen Leibrock

zurechtgeflickt und trieb sich nun ganze Tage lang im Hafenviertel

umher.--"Ha! Tot?! Für 'nen Dukaten, tot?!"

...Er hatte wieder eine prachtvolle Ausrede. Ein BBubenstück!

Er brauchte jetzt kaum mehr die Nächte nach Hause zu kommen. Er

schnurrte sich herum, so gut es ging. Da gab es noch--e: Kollegen!

Leute! Leute? Pah, Stümp'rr! Aber--e...sie--e...Nun ja! Sie

sorgten für die Bewirtung der Schauspieler! Wetter! Es lag darin

etwas Übernatürliches! Wenn die Philosophie es nur hätte ausfindig

machen können! ...

Aber die Philosophie machte es nicht ausfindig. Der große Thienwiebel

kam nie dahinter.

Er hatte sich jetzt nach und nach bis unten in die Hafenspelunken

verirrt. Mehrere Sackträger waren bereits seine Duzbrüder geworden.

Bevor nicht "der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen", bereits

mehrere Male nachdrücklich gekräht hatte, kam er jetzt selten mehr

die Treppen in die Höhe gestolpert.

Amalie nähte noch immer die Trikottaillen. Der Stumpfsinn hatte

sie nach und nach zur reinen Maschine gemacht. Die reizende Ophelia

in ihr war jetzt endgültig begraben. Für alle Zeiten!...Ihre Brust

war noch schwächer geworden ...

Dem kleinen Fortinbras ging es noch jämmerlicher. Sein ganzes

Gesichtchen war jetzt dicht mit roten Pusteln betupft. Ein

Schächtelchen Zinksalbe, zu dem sich die Familie im Anfang denn doch

noch aufgeschwungen hatte, lag jetzt zusammengequetscht, verstaubt

hinterm Ofen. Es war nicht mehr erneuert worden.

Der große Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze

Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekürzte

Chronik des Zeitalters.

Papa Hamlet · 第 7 / 9 题