Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--

Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit

einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen

nähen nannte, ließ alles getrost über sich ergehen. Es hatte ja

keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.

Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da

Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen

andern geliebten Gegenständen kürzlich auch noch seine schönen

leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er

jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage über in seinem Bett zu liegen

und durch die dünnen Bretterwände durch die ganze Wirtschaft mit

anzuhören.

"Ha! Büberei! Auf, laßt die Türen schließen! Verrat! Sucht, wo er

steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! Laß die Hand von meiner

Gurgel! Kennst du diese Mücke?!"

Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der

Schweiß brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.

Der große Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben!

Alle Nachmittag Punkt fünf Uhr versäumte er es jetzt nie, sogar

seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbärmlicher

als seine eigene, aber sie besaß dafür den Vorzug, daß man aus ihrem

Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach

klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die

verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhäuser genoß. Ein kleines

anspruchsloses Pflaumenbäumchen, dessen verkrüppelte Ästchen von

Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollständigte das Idyll.

Der arme kleine Ole spürte die verhängnisvolle Zeit schon immer

eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der große Thienwiebel

beliebte es dann nämlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm

anzuknüpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren,

daß dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin

arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.

"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestät

gefällt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schöpfen.

Laßt die Rapiere bringen."

Die "Rapiere" waren zwei Leiterstücken, die man zusammenlegen und

von draußen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.

Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natürlich

stets damit, daß man sie auch richtig einhakte und an ihnen

hinabkletterte.

"Hic et ubique! Ändern wir die Stelle!"

Dann war man in "Helsingör" und promenierte auf der "Terrasse". Der

große Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock

und Unterpantalons.

Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der

Terrasse zwischen elf und zwölf besuch ich Euch ... Nicht wahr?

Ihre...seid ein--Fischhändler?!"

Scham, wo war dein Erröten!

Der arme, kleine Ole wußte zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich

er verrückt, oder Nielchen.

Aber er hätte sich nicht so zu härmen brauchen. Der große Thienwiebel

wußte nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er

war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich war, konnte

er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.

Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm

eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben,

guten Frau Wachtel doch unmöglich zutrauen durfte, daß sie ihn noch

länger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle köstlicher

Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schönen

Tages auf die großartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben

Welt voll Müh' nach und nach für wirklich übergeschnappt auszugeben.

"Ha! Heisa Junge! Komm, Vögelchen! Komm! Ich Muß nach England; wißt

Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine

Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ängstigen

würde.

Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schöne

Dame! Nicht nur mein düstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte

Tracht von ernstem Schwarz, noch stürmisches Geseufz beklemmten

Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen!

Weglöschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene törichten

Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei

Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine

besondere Vorsehung über dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft

sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, daß ich leichter zu spielen

bin als ein Flöte? Nennt mich, was für ein Instrument ihr wollt!

Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."

Ha! Was? Ein königliches Bubenstück!

Dem kleinen Fortinbras schien dieses königliche Bubenstück am

wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein

großer Papa manchmal sogar schließen zu dürfen, daß er noch nicht

einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.

Am auffälligsten zeigte sich dies aber regelmäßig dann, wenn es

sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der

"arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem

Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so großen

Hoffnungen berechtigenden Söhnchens verkümmern zu lassen.

Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja!

Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen?

Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den

Unbefriedigten erklären...Den Unbefriedigten!...

Sobald er daher nur irgendwie merkte, daß der kleine Ole nebenan

wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal

ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute,"

eine Zeitlang wieder "unschädlich" gemacht waren, ging der Tanz

los.

Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plötzlich wie abgefallen

von dem großen Thienwiebel.

Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den

armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"

"Höhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder

zahm!"

Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich

wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende

Ophelia verbummelt hatte, seinen großen Zeh in den Mund gestopft

und sog nun, daß es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen

nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst ließen ihn

heute augenscheinlich noch kälter als sonst.

Empört hatte sich jetzt der große Thienwiebel wieder in die Höhe

gerückt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock

zuzubinden hatte er natürlich wieder vegesssen.

"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem größten Erstaunen, Fortinbras

ist störrisch!"

Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fußbank der Trikottaillien

wegen zu ihrem großen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen

müssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel für heute einzufädeln.

Sie hatte wieder so lange inhalieren müssen...

"Störrisch?"

"Wie ich dir sage, Amalie! Störrisch!"

"Ach, nich doch!"

"Amalie? Ich sage dir noch einmal- störrisch! Fortinbras ist

störrisch. Stör-risch!!"

"Ach, red doch nich! Wie soll er denn störrisch sein!"

"Amalie?!"

Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.

"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage!

Du mißtraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hätte mir das denken

können! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstände! Du bedauerst,

daß ich mich nicht noch schneller aufreibe!"

Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden.

Mitten im Sommer.

"Natürlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die

Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit

mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mögen unterdes

zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen,

Amalie! Hörst du? Ich werde es dir beweisen, daß Fortinbras störrisch

ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel!

A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte,

Amalie! Der Lümmel brüllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten

wird! Er ist störrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still

sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"

Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plötzlich etwas aufmerksamer

geworden.

"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"

"Gewiß will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein!

Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Züchtigung..."

"Niels!?"

"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer

Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"

"Gewiß, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun,

was du Lust hast? Du gehörst ja in die Verrücktenanstalt! Wie kann

man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so malträtieren?! Wie kann

man es schlagen !"

"Amaaalie!!"

War's möglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!

"Amaaalie!!!..."

V

"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus

gab kalte Hochzeitsschüsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstraße

der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingör?"

Der große Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstraße

der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole groß machen

auf Helsingör? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder

pinseln! Das rentierte sich. nämlich famos, weißt du!

Abel Gröndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen:

Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-,

Schnupf- und Kautabak-etc. pp. Hä? Was? Noble Putthühner!!

Die schönen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die

prachtvollen Ägypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die

verteufelte kleine Mieze ließ die arme, liebe, alte, gute Frau

Wachtel kaum mehr vom Schlüsselloch wegkommen.

Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort

drinnen zu sehn gab. Die vielen weißen Salbentöpfe, in die die

Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwürdig großen

Maurerpinsel, die der geschäftige' kleine Ole kaum zu dirigieren

vermochte, die schönen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man

jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen

auch jener große, geheimnisvolle, grüne Wandschirm dicht neben dem

Ofen, hinter dem sich immer die schändliche, kleine Mieze versteckt

hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel

auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung

als Zimmervermieterin so zufrieden gefühlt. Die drückendsten alten

Rückstände waren wieder ausgeglichen, für die dösigen Thienwiebels

brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der

liebe Herrgott!

Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn

zurückverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige,

was ihr so schließlich noch vom Leben übriggeblieben war, war ihr

Salbeitopf.

Ihr großer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte

man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's daß sie

umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter für ihren

Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende

Truppe gewesen, und der große Thienwiebel hatte sich zu degradieren

gefürchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz

und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hieß! Denn...e...jeder

Mensch hat Neigung und Beruf!

Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras.

Seine Zähnchen hatten ihm seinen schönen Gummipfropfen ganz verleidet.

Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.

Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem künftigen

Beruf, seinen großen Vater den Unbefriedigten zu erklären, schien

ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Züngchen war dick

belegt, seine Händchen sahen weiß wie Kuchenteig aus, er schlief

jetzt oft ganze Tage lang.

Nur heute abend war er auffallend munter.

Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal,

der merkwürdig große Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in

die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloß noch'n

bißchen Streupulver!

Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die

sich zu den Mannsleuten rechnete, saß dem kleinen Ole vis-a-vis,

der große Thienwiebel präsidierte. Die großartige Gans mitten auf

dem Tisch in deren knusprigen Prachtrücken er eben energisch seine

blitzende Bratengabel gestoßen hatte, roch durch das ganze kleine

Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf

wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke

wie auf einem Präsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte

heute ihr "Seidnes". an.

"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische

Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel!

Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält!...Ha! Seid Ihr

tugendhaft, schöne Dame?"

"Thienwiebelchen?"

Der kleine Ole , der sich eben über seinen pompösen Flügel hergemacht

hatte, blinzelte vor Entzücken. Die kleine Mieze war heute mal

wieder ordentlich zum Anknabbern!

"Thienwiebelchen?!"

Das reizende Grübchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht

zur Geltung.

"Thienwiebelchen? Es gibt was!"

Aber der große Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter

sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fühlte sich wieder durchaus

auf der Höhe der Situation.

"Meint Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schöner Gedanke,

zwischen den..."

"Nielchen!!"

Der kleine Ole hat es für die höchste Zeit gehalten.

Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt

und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.

"Putthuhn Nro. 25!"

Sein schönes Jubiläum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser

werden.

"Putthuhn Nro. 25!"

Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergnügen. Die beiden kleinen,

silbernen Ringe in ihren Ohrläppchen blitzten, ihr Stumpfnäschen

sah wie aus Marzipan aus.

"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte

ausgelassen mit ihm angestoßen.

Frau Wachtel räusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben

etwas geklemmt.

"Etwas--etwas Soße gefällig, Frau Thienwiebel?"

Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles

egal. So oder so.

Ihr großer Gatte drüben suchte eben wieder einzulenken.

"Nun, nun, schöne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem

toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hölle! Wer

ist, des Gram so voll Emphase tönt?!"

Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben über

den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen

und lag nun in kleine Stücke zerbröckelt unten auf den schmutzigen

Dielen.

Ha, mördrischer, blutschändrischer, verruchter Däne! Trink diesen

Trank aus! Ich will den Wanst ins nächste Zimmer schleppen!"

Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder

auf ihren Teller klappen lassen.

"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"

Sie war aufgesprungen und bückte sich jetzt zierlich über den

plumpen Korbrand.

"0 mein Zuckerpüppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines

Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"

Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schoßgesetzt

und küßte ihn nur so.

"Auch was haben, Dickerchen?" Kuß!--"Auch was haben, Dickerchen?"

Kuß! Kuß, Kuß, Kuß, Kuß!!

Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt.

Er zappelte jetzt, daß es nur so eine Art hatte. Er lachte aus

vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...äh! Grrr...äh!"

Der große Thienwiebel saß da. Die Weste unten aufgeknöpft, die

Augenbrauen tragisch in die Höhe gezogen.

"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe

seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so

spitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"

Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm

jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine

Hausmutter aus.

"Na, Dickerchen?"

Auch Frau Wachtel machte jetzt große Augen. Amalie pappte.

"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts

haben! Wie?--Aber das läßt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach,

bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bißchen Biskuit

da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"

Frau Thienwiebel erhob sich schwerfällig und brachte das Verlangte.

Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing

nun an, den kleinen Fortinbras damit zu füttern. Von ihrem Teller,

auf dem neben den drei gebratenen Äpfeln nur noch ein paar kleine

fettriefende Hautstückchen lagen, naschte sie kaum.

Der kleine Fortinbras stöhnte vor Behagen.

"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"

Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig über den Tischrand gebogen.

Sein Schnurrbärtchen duftete nach chinesischer Tusche.

"Nein! Nein! Nu sieh doch bloß, Dickerchen! Wie es dem Balg

schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"

Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Tränen gerührt. Und wenn

sie bis zu Tränen gerührt war, vergaß sie es auch nie, von ihrer

verstorbenen Pflegetochter zu erzählen. Und das kam ziemlich oft

vor.

"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"

Frau Thienwiebel kaute.

Frau Wachtel beschrieb jetzt ausführlich die Krankheit des Engels,

und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheißen und war

dabei so himmlisch geduldig gewesen.

"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie tröstete

mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"

Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drückte

es sich nun abwechselnd in die Augen.

"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich

ja zum lieben Gott!"

Sie weinte jetzt, daß ihr die Tränen nur so auf ihr Seidnes kullerten!

Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem

Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine,

niedliche Füßchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben

auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia

gestoßen.

Er war ordentlich rot darüber geworden.

"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"

Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.

"Grrr...grrr...grrr..."

Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und

den blonden Löckchen über ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem

Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!

"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"

Seine Händchen hatten jetzt in die Höhe gegrapscht, die kleine

Mieze ließ von ihm ihre Stirnlöckchen zausen.

"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloß! Nu sieh doch bloß!"

Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut übergossen.

"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt,

Dickerchen! Wie?"

Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel über ihn gebückt. Ihr

Taschentuch lag wieder sauber ausgefältelt auf ihrem Schoß, sie

kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.

"Ach, mein Putteken! Ach, mein Mäuseken! Hab'n se dir so lange

hungern lassen!"

Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.

Amalie tunkte gerade ihre Soße auf.

Der große Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rücklings in seinen

Stuhl zurückgelehnt und starrte jetzt, die Hände in den Hosentaschen,

erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen

zitternd an die Decke malten.

Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!

Der Rest war Schweigen ...

Endlich war alles wieder abgeräumt. Frau Wachtel, die nicht Skat

spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer

zweiten Lampe wieder hinten in ihre Küche zurückgerettet, Amalie

kauerte wieder auf ihrem Fußbänkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich

noch nachträglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.

Es war ziemlich kalt im Zimmer. Das Feuer war ausgegangen, und

man hatte nichts mehr nachzulegen. Der große Thienwiebel, dessen

Schlafrock mit der Zeit aufgehört hatte, skatfähig zu sein, hatte

sich statt dessen in die rote Bettdecke eingewickelt.

"Die Luft geht scharf; es ist entsetzlich kalt! Tourner, Horatio!"

"Passez, Nielchen!"

"Dito, Tienchen!"

"Was denn, Schäfchen?"

"Na, wird's bald?"

"Ah so!--Da, Schäfchen!"

"Na, endlich!"

Sie hatte die Zigarette, die ihr der kleine, eifrige Ole gereicht

hatte, mit spitzen Fingern angefaßt und zog jetzt ein Gesicht, als

ob ihr der Rauch lästig g wäre. Sie wußte, daß ihr das ließ! Es

hatte auch sofort den Erfolg, daß ihr Dickchen einen Kuß mauste.

"Nein doch! So eine Unverschämtheit!"

Sie hatte ihn unterm Tisch mit dem Knie gestoßen.

"Pique As! Nicht wahr, Wiebelchen?"

"Sehr wohl, schöne Dame! Sehr wohl! Vortrefflich, meiner Treu! Was

wäre da zu fürchten? Ich--e selbst bin--e--hm!--leidlich tugendhaft."

Der kleine Fortinbras war jetzt vollständig vergessen. "Voll Speis'

und Trank in seiner Sünden Maienblüte" lag er jetzt wieder "sicher

beigepackt" hinten in seiner dunklen Korbecke und starrte nun

trübselig drüben in den Zigarrenqualm, der in dicken Schichten um

die grüne Glocke wogte. Seit seiner Geburt war er nicht übermäßig

oft aus seinem Winkel hervorgeholt worden. Das unerwartete Glück

heute hatte ihn ganz sehnsüchtig nach dem Lichte dort gemacht. Der

Schoß, der Zuckerkringel, die Löckchen...er hatte wieder zu quäken

angefangen.

Amalie rührte sich nicht. Der Bengel wollte bloß immer genommen

sein. Sie hatte schon an einmal genug.

"Coeur Trumpf, Nielchen!"

"Ihr sagtet?"

"lch sagte: CoeurTrumpf, Nielchen! Coeur Trumpf!"

"Ha, blut'ger kupplerischer Bube! Unmöglich, bei diesem verwünschten

Geschrei ein Wort zu verstehn! Wenn du nicht gleich still bist, du

infames Balg, dann schlag ich dich blitzblau wie eine Heidelbeere!"

"Nicht doch! Das kneift ja, Ole! Au!"

"Ach was, Schäfchen! Laß doch!"

Das Sofa hatte in diesem Augenblick genug mit sich selbst zu tun.

Amalie, die auf ihrer kleinen Fußbank schon wieder halb eingenickt

war, blinzelte kaum. Der große Thienwiebel war vor einer zweiten

Ohrfeige sicher.

Er hatte sich jetzt in seiner roten Bettdecke ergrimmt vor den Korb

gestellt und brüllte nun wütend auf das arme, kleine Bündelchen

ein.

"Willst du still sein, du--Lausbub!?"

Aber der "Lausbub" war's nicht. Er wollte auch mal va banque spielen.

Er schrie jetzt, als wenn er seine kleinen Lungen auseinandersprengen

wollte.

"Aber...Das ist doch wirklich unerhört!...Na, warte! Du...Du--Lindwurm,

du! Warte!"

Er prügelte ihn jetzt, daß es nur so klitschte. Als aber auch das

nichts half, riß er das Kopfkissen unter ihm vor und preßte es

ihm auf das Gesicht. Der kleine Fortinbras war jetzt auf einen

Augenblick vollständig verstummt. Sein Geschrei war wie abgeschnitten.

Aber der große Thienwiebel hatte noch nicht genug.

"Nichtsnutziger Patron!"

Er hatte ihm jetzt das Kissen noch fester aufgedrückt.

Der kleine Ole hatte die kleine Mieze, die noch ganz rot vor Ärger

war, wieder losgelassen. Er war jetzt ordentlich ängstlich geworden.

"Um Gottes willen, Nielchen! Er erstickt ja!"

"Ach, Unsinn! So schnell geht das nicht!"

Nein! So schnell ging das auch nicht! Denn als der große Thienwiebel

nach einiger Zeit das Kissen fortnahm, schnappte zwar der kleine

Fortinbras ein paar Augenblicke verzweifelt nach Luft, fing dann

aber sofort wieder von neuem an.

"Ole!"

Empört war die kleine Mieze jetzt aufgesprungen. Das schreckliche

Kopfkissen hatte den Kleinen von neuem zugedeckt.

"Ole! Das leidst du?"

"Ach was! Er weiß es ganz gut, der Lümmel! Er soll nicht schreien!

Es ist die reine Bosheit, Man bekommt das wirklich satt!"

"Pfui! Ole, komm! Laß den alten"--Pavian.

"Pa...Pa...Pa..."

Der kleine Ole hatte jetzt verlegen nach seiner Uhr gesehn.

"... Pavian?!!!"

Endlich war der große Thienwiebel wieder zu sich gekommen!

"Hinaus, sag ich!! Hinaus!!"

Aber sie waren es bereits. Einen Augenblick lang noch hörte er

sie draußen durch die Küche tappen; dann, endlich, war nebenan bei

ihnen die Tür zugefallen.

Er stand da! Um seine Schultern die rote Bettdecke, in seiner Rechten

das kleine blaugewürfelte Kopfkissen. Drüben, in der Ofenecke,

die reizende Ophelia.

"Da! Nymphe!!"

Er hatte ihr das Kissen ins Gesicht geschleudert.

Papa Hamlet · 第 6 / 9 题