In der chemischen Sektion wurden mein Vetter und ich privatim öfters

nach dem Stande unserer Arbeit über das Rosanilin gefragt, mußten

aber mit einer gewissen Beschämung gestehen, daß wir darin seit einem

Jahre nicht vorwärts gekommen seien. Das mag wohl unsere weiteren

Bemühungen in dieser Frage beschleunigt haben; denn im darauffolgenden

Wintersemester ist uns tatsächlich ihre Lösung geglückt. Nebenher

hatte ich die Untersuchung über die Hydrazinverbindungen zu einem

gewissen Ende gebracht, so daß sie als zusammenfassende Abhandlung

in Liebigs Annalen erscheinen konnte. Die direkte Veranlassung dazu

war meine bevorstehende Habilitation als Privatdozent. Ich wurde dazu

von Professor ~Baeyer~ geradezu gedrängt, weil inzwischen das neue

Institut fertig geworden und bezogen war und deshalb das Bedürfnis nach

Privatdozenten deutlicher zutage trat. Zudem hatte ein anderer Kollege,

Dr. ~Aronstein~ seine Absicht kund getan, Privatdozent in München zu

werden. Da er aber ein Mann von nur mittleren Fähigkeiten war, so lag

Professor ~Baeyer~ viel daran, ihn nicht als ersten Privatdozenten

mit dem neuen Institut verbunden zu sehen. Um das zu vermeiden, wurde

ich vorgeschoben, obschon ich viel lieber noch eine Weile in meiner

unabhängigen Stellung als Privatgelehrter geblieben wäre. Meine

Habilitation fand statt am Ende des Wintersemesters im Frühjahr 1878.

Da die Universität München den anderwärts erworbenen Doktortitel nicht

als vollberechtigt anerkannte, so mußte ich zuvor noch eine Prüfung

in Form eines Kolloquiums zur sogen. Nostrifikation des Doktortitels

ablegen. Als Examinatoren waren bestellt ~Baeyer~ und ein zweiter aus

der ~Liebig~'schen Zeit herstammender Professor der Chemie Dr. ~Vogel~,

ein sehr unbedeutender Mann.

Da für ~Baeyer~, der mich seit Jahren kannte, die Prüfung nur eine

Formfrage war, so stellte er scheinbar in vollem Ernste an mich die

Frage: »Herr Doktor, können Sie mir einiges über Hydrazinverbindungen

mitteilen?« Für den Entdecker der Hydrazine war die Antwort nicht

schwer. Und dann stellte ~Baeyer~ mit demselben Ernste an den Kollegen

~Vogel~, der offenbar von den Hydrazinen nie etwas gehört und auch

meine Habilitationsschrift nicht gelesen hatte, die Frage: »Sind Sie

zufrieden?« Das war der Fall. ~Vogel~ ergänzte dieses Geständnis noch

durch einige ziemlich törichte Fragen, womit die Prüfung schloß.

Sehr viel schwerer waren die Anforderungen für den Habilitationsakt

selbst, denn die Fakultät stellte ein Thema, das nach einer Pause von

3 Tagen in freier etwa ¾stündiger Rede behandelt werden mußte. Mein

Thema lautete: »Die heutigen Aufgaben der Chemie«. Da ich bis dahin

niemals einen größeren öffentlichen Vortrag gehalten hatte, so kann man

sich denken, daß ich in der 3tägigen Frist angestrengt arbeiten mußte,

um eine brauchbare Rede zustande zu bringen. Dabei ist mir mein gutes

Gedächtnis zustatten gekommen, denn ich konnte den Schriftsatz später

in der Aula der Universität fast wörtlich ohne Manuskript vortragen.

Außer der Fakultät waren natürlich alle Bekannte aus dem Institut dort

versammelt und viele davon haben mich hinterher beglückwünscht, daß

ich ohne Stocken den Vortrag zu Ende führen konnte. Diesem folgte noch

eine Diskussion über von mir aufgestellte Thesen, an der sich aber nur

die Mitglieder der Fakultät beteiligten. Dabei hatte ich einen kleinen

Zusammenstoß mit dem Senior der Fakultät, dem Mineralogen ~Kobell~, der

aber nach einer kleinen Konzession meinerseits zu einer Einigung führte.

Bei dieser Gelegenheit will ich nicht unterlassen darauf hinzuweisen,

daß in München die philosophische Fakultät vernünftigerweise in

zwei Sektionen geteilt war, und daß für alle Geschäfte, die uns

Naturforscher betrafen, nur die mathematisch-naturwissenschaftliche

Sektion in Betracht kam. Ich halte das für einen großen Vorzug

gegenüber den preußischen Universitäten, wo die philosophischen

Fakultäten nicht geteilt sind und deshalb in toto alle Geschäfte

erledigen müssen. Das bringt z. B. in Berlin, wo die Zahl der

Ordinarien das halbe Hundert längst überschritten hat, eine recht

mühsame Geschäftsführung mit sich, die zahllose, langdauernde Sitzungen

nötig macht, und führt von Zeit zu Zeit zu heftigen und sehr

überflüssigen Auseinandersetzungen über prinzipielle Fragen zwischen

den Vertretern der Natur- und Geisteswissenschaften.

So war ich denn glücklich Privatdozent der Chemie und zwar als

Erster der neuen Ära an der Universität München geworden, und im

Sommersemester trat die Verpflichtung an mich heran, eine Vorlesung

zu halten. Ich wählte als Thema die Teerfarbstoffe und hatte das

Glück, eine ziemlich große Anzahl von Zuhörern zu bekommen, weil

solche speziellen Vorlesungen damals in München etwas Seltenes waren.

Der Vortrag selbst hat mir anfangs rechte Mühe gemacht. Obschon ich

an die freie Rede nicht gewöhnt war, habe ich prinzipiell von Anfang

an auf die Benutzung eines Manuskripts verzichtet. Das war aber nur

möglich, wenn ich vorher den Vortrag vollständig ausarbeitete und ihn

dann gut memorierte. Auf diese Weise ist es mir gelungen, schon nach

einem Semester eine so große Übung in der freien Rede zu erhalten,

daß ich mir später nur noch den Inhalt und die Gedankenverbindung

zurecht zu legen brauchte, dagegen die Form in der Vorlesung selbst

erfinden konnte. Da man mir häufig gesagt hatte, daß mein Vortrag klar

und den Bedürfnissen des Zuhörers angepaßt sei, so glaube ich, das

von mir eingeschlagene Verfahren jungen Dozenten empfehlen zu können.

Daß man die Materie beherrschen muß, ist ja selbstverständlich, aber

das gedankliche Gerippe muß auch dem Redner klar vor Augen stehen.

In reiferen Jahren hat es mir auch Freude gemacht, das Mienenspiel

der Zuhörer zu beobachten, um herauszufinden, ob der Gegenstand

interessiere und ob der Ton richtig gewählt sei. Ferner schien es mir

im Eifer der Rede manchmal erlaubt, freie Exkursionen im Nachbargebiete

zu unternehmen oder Ideen zu entwickeln, die ich mir selbst von

ungelösten Fragen gemacht hatte, und die ich nur als Hypothese

darbieten konnte. Wenn der Zuhörer merkt, daß der Redner nicht nur von

allgemein anerkannten Dingen, sondern auch von seinen eigenen geistigen

Produkten Einiges hergibt, so wird die persönliche Fühlung mit dem

Redner enger, die Aufmerksamkeit gespannter und der geistige Gewinn

größer.

In der ersten Vorlesung zu München ist mir allerdings der Erfolg dieser

Fühlungnahme mit der Zuhörerschaft zunächst nicht beschieden gewesen;

denn nach einigen Stunden erschien eine Abordnung bei mir, die in

wohlwollendem Ton mir erklärte, daß sie weder den Sinn noch die Worte

verstanden hätten wegen allzu starkem Dialekt des Redners. Ich habe

über diese Kritik herzlich gelacht und versucht, mich zu bessern, und

die Zuhörer haben es mir gelohnt dadurch, daß sie in verhältnismäßig

großer Zahl bis zum Ende des Semesters erschienen.

Als zweite Vorlesung habe ich ein viel schwereres Thema gewählt,

nämlich ausgewählte Kapitel der theoretischen Chemie. Damals war

gerade das bekannte Buch »Moderne Theorien der Chemie« von ~Lothar

Meyer~ in neuer Auflage erschienen und als glückliche Ergänzung dazu

hatte sein Bruder, der Physiker eine ziemlich populäre Darstellung der

kinetischen Gastheorie herausgegeben. Diese Bücher habe ich fleißig

studiert und versucht, den Inhalt meinen Zuhörern in gedrängterer und

noch etwas populärer Form wieder zu geben. Das schien auch zu gelingen,

aber in der Folge habe ich einen großen Fehler begangen, indem ich

die vorgetragenen Lehren einer Kritik unterzog, um das Bleibende als

gesetzmäßig Erkannte zu trennen von allem hypothetischen Beiwerk.

Das Ganze lief auf eine Kritik der Atomtheorie nach den damaligen

Kenntnissen hinaus. Für mich selbst war dieser Versuch sicherlich sehr

belehrend, aber bei meinen Zuhörern habe ich Unheil angerichtet und

einige davon konnten bittere Klagen darüber nicht verschweigen: »Wo

soll das hin«, sagten sie zu mir, »wenn man nach den Darlegungen eines

Professors sich solche theoretischen Kenntnisse mühsam erwirbt, und

hinterher erfahren muß, daß vieles doch noch zweifelhaft ist«. Ich habe

daraus die Lehre gezogen, daß man in Vorträgen für Studierende mit der

Kritik sehr vorsichtig sein muß und am besten nur Dinge bringt, die als

sicherer oder vermeintlich sicherer Besitz der Wissenschaft gelten.

Im Frühjahr 1879 wurde Professor ~Volhard~, der Leiter der analytischen

Abteilung, als Ordinarius nach Erlangen berufen und auf Vorschlag von

~Baeyer~ bot das Kultusministerium in München mir eine außerordentliche

Professur an der Universität an, wenn ich gewillt sei, die Funktionen

von ~Volhard~ im chemischen Institut zu übernehmen. Ich habe mich

gerne dazu bereit erklärt und bin am 1. April desselben Jahres zum

außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät mit einem

Gehalt von Mk. 3160.-- angestellt worden.

Die Kunde von dieser festen Position und dem ersten Geldverdienst des

teuren Sohnes hat in Euskirchen großen Jubel erweckt und mein Vater

schrieb sofort einen Glückwunschbrief mit der Bemerkung, daß er mit der

Mutter zusammen das Ergebnis mit einer feinen Flasche Wein gefeiert

habe. Zugleich erkundigte er sich aber angelegentlich, ob bei der neuen

Professur auch auf ein ansehnliches Honorar für Vorlesungen zu rechnen

sei, da ihm das Gehalt nicht übermäßig hoch vorkam. Im bayerischen

Kultusministerium war man in diesem Punkte allerdings anderer Ansicht;

denn der Referent Ministerialdirektor Dr. ~Voelk~ hatte mir gesagt, daß

man bei diesem glänzenden Gehalt von mir außerordentliche Anstrengung

in bezug auf den Unterricht erwarte. Ich habe das alles lachend

versprochen, konnte aber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß es für

den Chemiker Gelegenheit gäbe, sehr viel mehr Geld zu verdienen, als in

der akademischen Laufbahn.

Durch die Übernahme der neuen Stellung, die ich natürlich in erster

Linie dem Wohlwollen von ~Baeyer~ verdankte, erfuhr meine Tätigkeit

im Institut eine radikale Änderung. Bis dahin war ich freier Forscher

gewesen, ohne jede Verpflichtung für den Unterricht. Dadurch war es mir

möglich gewesen, alle für meine wissenschaftlichen Arbeiten nötigen

Experimente allein auszuführen. Nur bei der Rosanilinarbeit war ich mit

dem Vetter ~Otto~ verbunden, und dieses Zusammenarbeiten hatte sich

sehr glatt abgespielt. Von nun an konnte ich in dieser Weise nicht mehr

wirtschaften, da der größte Teil meiner Zeit durch den praktischen

Unterricht in der chemischen Analyse beansprucht war. Die Hilfe von

Assistenten auch für die Privatuntersuchungen wurde unentbehrlich.

Einen schwachen Versuch dieser Art hatte ich allerdings schon ein

Semester vorher gemacht, als ich Dr. ~Erhardt~ einlud, mit mir zusammen

die gemischten Azoverbindungen, speziell das Phenyl-Azoäthyl zu

bearbeiten. Aber von dieser Hilfe habe ich wenig Freude gehabt, da sie

in allen entscheidenden Dingen versagte und ich schließlich das Ganze

fast allein machen mußte. Ich bin deshalb mit einem gewissen Zagen an

die Wahl neuer Mitarbeiter herangegangen und habe auch das Unglück

gehabt, bei der Wahl des ersten Privatassistenten einen Mißgriff zu

tun; denn ich ließ mich damals durch Empfehlung bewegen, einen Herrn

von auswärts, den ich nicht kannte, Dr. ~Troschke~ aus Berlin als

Assistenten anzunehmen, war aber froh, ihn nach etwa einem Jahre

wieder los zu werden, denn er hat mich eher gehindert, als gefördert.

Von da an ist mir das Glück hold gewesen. Fast ausnahmslos sind meine

Privatassistenten tüchtige, fleißige und gewissenhafte Männer gewesen,

deren Hilfe ich mit wärmsten Dank anerkennen muß. Ihre Reihe beginnt

mit ~Magnus Boesler~ aus Königsberg, einem vortrefflichen Menschen,

der mir zunächst bei der Kaffein-Arbeit geholfen und gleichzeitig

seine Doktorarbeit über das Anisoin und Cuminoin unter meiner Leitung

ausführte. Bald kam dazu Emil ~Besthorn~ aus Frankfurt a. M., ein

humoristisch angelegter Herr, den sich deshalb ~Königs~ bald für

seinen engeren Kneipkreis ausersah. Erheblich größer war die Zahl der

Unterrichtsassistenten, die ihren Platz in den großen Arbeitssälen

hatten. An ihrer Spitze stand der leider so früh verstorbene ~Clemens

Zimmermann~, ein talentvoller und außerordentlich strebsamer Chemiker,

auch für den Unterricht in hohem Maße begabt. Er hatte seine Studien

unter ~Volhard~ absolviert und fing eben mit eigenen Untersuchungen an,

als ich in die analytische Abteilung eintrat.

Das periodische System der Elemente kam damals in der anorganischen

Chemie immer mehr zur Anerkennung, und so war es natürlich, daß

~Zimmermann~ sich Aufgaben zuwandte, die damit im Zusammenhang standen.

Dahin gehört die Bestimmung der Dichte des Urantetrachlorids und der

spezifischen Wärme des metallischen Urans. Bei besserer Gesundheit

hätte er sicherlich die Mineralchemie um viele hübsche Entdeckungen

bereichert.

Zwei andere Unterrichtsassistenten, die unter mir ihre Doktorarbeiten

anfertigten, waren die Herren ~Lehnert~ und ~Renouf~. Der erste hat

sich später als Angehöriger des Patentamts in Berlin eine einflußreiche

Stellung verschafft und der zweite ist Professor an der ~John Hopkins~

Universität in Baltimore geworden. Er war in mancher Beziehung ein

Original und durch so große Vergesslichkeit ausgezeichnet, daß ich ihm

häufig sagen mußte, welche Präparate in seinen verschiedenen Flaschen

und Schalen enthalten seien. Er war einige Jahre älter als ich und

mit einer amerikanischen Landsmännin verheiratet, der er alle Sorge

um die Behütung der beiden Kinder abnahm, wenn sie Lust bekam, allein

einen Ausflug ins Gebirge zu machen. Aber auch er liebte die Berge und

hatte einmal das Unglück, bei einer allein unternommenen Besteigung

zu stürzen und ein Bein zu brechen. Er blieb 2 Tage dort ohne Hilfe

liegen und die Folge war, daß bei der nachträglichen Heilung das Bein

eine erhebliche Verkürzung erlitt. Das hat seine Freude am Bergsport

aber keineswegs abgekühlt; denn er wurde nun Mitglied des Alpenvereins,

schaffte sich Kniehosen an und humpelte eifriger denn je in den Bergen

umher.

Zuletzt war auch ~Krüss~, ein Sprosse der bekannten Hamburger

Optikerfamilie, in der Abteilung tätig. Er ist ebenso wie ~Zimmermann~

frühzeitig zugrunde gegangen und zwar an einer pernitiösen Anämie, die

bei jungen Männern in Deutschland außerordentlich selten vorkommt.

Ich vermute deshalb, daß es sich mehr um eine chronische Vergiftung

handelte, wahrscheinlich durch Schwefelwasserstoff; denn die

Ventilation im Institut ließ zu wünschen übrig und bei der großen Zahl

von Praktikanten herrschte in der analytischen Abteilung recht häufig

eine schlimme Atmosphäre.

Da an der Universität München nur ein einziges chemisches Institut

bestand, so wurde dasselbe nicht allein von Chemikern, sondern noch

viel mehr von Apothekern und Medizinern in Anspruch genommen. Das galt

namentlich für den anorganischen Teil. Zu meiner Zeit betrug die Zahl

der Praktikanten, die allerdings meistens nur halbtägig arbeiteten,

in dieser Abteilung etwa 150. Da mir die Aufsicht über das Ganze

anvertraut war, so konnte ich dem einzelnen Studierenden immer nur

einige Minuten widmen und selbst mit dieser Einschränkung dauerte der

Rundgang durch beide Säle etwa zwei Tage. Mein Hauptaugenmerk mußte

darauf gerichtet sein, die Assistenten zu einer verständigen Tätigkeit

anzuhalten. Außerdem habe ich nicht selten einen größeren Kreis von

Studierenden um mich versammelt und ihnen einen kleinen Vortrag

gehalten, oder eine Prüfung improvisiert. Besonders die Mediziner waren

dafür sehr dankbar. ~Zimmermann~ hat dieses System angenommen und mit

großer Geschicklichkeit weiter ausgeführt.

Nur eine kleine Zahl der damaligen Schüler ist mir dauernd im

Gedächtnis geblieben. Dazu gehören in erster Linie ~Ludwig Knorr~

und ~Reisenegger~, von denen noch die Rede sein wird, dann ein Herr

~Ehrensberger~, den ich einige Versuche über die Bestimmung von Arsen

in Nahrungsmitteln nach der von mir ausgearbeiteten Methode und über

die Bestimmung der Salpetersäure als Stickoxyd anstellen ließ. Der

junge Mann hatte durch Verstand, Frische und lebhaftes Interesse

für wissenschaftliche Dinge auf mich einen besonders guten Eindruck

gemacht, und als er die Absicht kund gab, Gymnasiallehrer zu werden,

entgegnete ich ihm lachend: Dafür sei er zu schade, er solle bei der

Chemie bleiben, und wenn er zu frühzeitigem Verdienst gezwungen sei, so

möge er in die Industrie gehen.

Er ist diesem Rate gefolgt und kam durch Vermittlung eines Onkels in

den Dienst der Firma ~Friedrich Krupp~. Hier hat er eine rühmliche

Laufbahn gemacht; denn er war später ein sehr einflußreiches

Mitglied des Direktoriums und hat wesentlich mit dazu beigetragen,

die Stahlfabrikation bei ~Krupp~ zur höchsten Leistungsfähigkeit

zu bringen. Als ich ihn 30 Jahre nach der Münchener Studienzeit in

Essen besuchte, konnte er mir mit aufrichtigem Stolze einen Teil der

Fabrikation und vor allen Dingen das imposante wissenschaftliche

Laboratorium für chemische und physikalische Untersuchungen zeigen.

Ich war ihm schon vorher bei den Vorbereitungen zur Errichtung

einer chemischen Reichsanstalt begegnet, wo er nicht allein sein

persönliches, sondern auch das Interesse seiner Firma an der Förderung

der wissenschaftlichen Chemie stets betonte. Er selbst hat sich jetzt

von der industriellen Arbeit zurückgezogen und will auf seinem Landsitz

in Traunstein (Oberbayern) die Muße des Alters für astronomische

Beobachtungen benutzen. Als Student kam er eines Tages von einer

kleinen Reise nach seinem Heimatsorte Berchtesgaden stark zerschunden

in München wieder an, und als ich ihn scherzhaft frug, ob er sich an

einer Rauferei beteiligt habe, erwiderte er, daß er beim Blumensuchen

mit einer jungen Dame einen nicht ganz ungefährlichen Absturz erlitten

habe. Als ich bei der Wiedererneuerung unserer Bekanntschaft mich nach

dem Schicksal dieser jungen Dame erkundigte, erwiderte er lachend, sie

sei seine Frau geworden und habe ihn mit einer großen Anzahl prächtiger

Kinder beschenkt.

Ein anderer Lehramtskandidat, ~G. Brandl~, ersuchte mich um ein

Thema für eine kleine Arbeit, die er beim Lehrerexamen einreichen

wollte. Da ich damals gerade von dem Professor der Mineralogie zu

Bonn ~G. vom Rath~ ersucht worden war, einige von ihm gesammelte

Fluormineralien zu analysieren, so ließ ich durch ~Brandl~ das

alte ~Wöhler~'sche Verfahren für die Bestimmung des Fluors durch

Umwandlung in Siliciumfluorid und dessen Absorption in gewogenen

Gefäßen vervollkommnen, und wir konnten dann mit gutem Erfolge die

gewünschten Analysen durchführen. Das Resultat ist in einer Abhandlung

der bayerischen Akademie der Wissenschaften publiziert. Dieser Herr

~Brandl~ hat mir später, ohne daß ich es wußte, einen wertvollen

Gegendienst geleistet, indem er mich dem Führer der ultramontanen

Landtagsmehrheit in München Dr. ~Daller~ bestens empfahl und dadurch

die Bewilligung eines Neubaues für das chemische Institut zu Würzburg

stark beeinflußte.

Auch unter den Medizinern, die ich damals unterrichtete, war einer, der

durch Begabung und Interesse für chemische Arbeiten meine besondere

Aufmerksamkeit erregte. Er hat sein Verständnis für chemische Probleme

später durch eine beachtenswerte Untersuchung über die Mucine bewiesen

und ist jetzt der berühmte Professor der inneren Medizin an der

Universität München, ~Friedrich Müller~. Für die eigenen Untersuchungen

stand mir ein sehr schönes Privatlaboratorium mit Nebenräumen zur

Verfügung, in der Größe genau entsprechend den Räumen, die ~Baeyer~

benutzte. Hier habe ich alle freie Zeit, die mir der Unterricht ließ,

zugebracht, nicht selten auch die Sonntage, wo man im Winter wegen

Stillstand der Zentralheizung tüchtig frieren mußte. Dagegen waren die

Abende meistens der Erholung gewidmet; denn wer den ganzen Tag über

experimentell tätig gewesen ist, pflegt abends zu müde zu sein, um

literarische Studien zu treiben.

Die Stadt und die mit ihr eng verknüpfte Behaglichkeit des Lebens

lud auch gebieterisch zu Geselligkeit und lustiger Unterhaltung

ein. Eine Zeitlang hatten wir sogar im kleinen Kreise die englische

Tischzeit angenommen und speisten als Quartett, d. h. Dr. ~Königs~,

Dr. ~Tappeiner~, mein Vetter und ich, in dem als vornehm verschrieenen

Restaurant ~Schleich~. Die Gesellschaft außer uns bestand aus

zwei serbischen Prinzen und dem Präsidenten der bayerischen

Reichsratskammer. Wir wurden wegen dieser Gewohnheit als Protzen

angesehen. In Wirklichkeit aber war es eine Maßnahme der Zeitersparung;

denn wir blieben den ganzen Tag meistens von morgens 8 Uhr bis 5½

Uhr im Institut, und ich half mir über den Hunger mit einem Butterbrot

oder durch vermehrten Tabakgenuß hinweg. Auf die Dauer war aber

diese Zeiteinteilung doch zu anstrengend, und wir sind zu der in

Deutschland üblichen Mittagsstunde zurückgekehrt. Ja, ich habe diese

Gewohnheit sogar in Berlin beibehalten; denn wer mit anstrengender

Experimentalarbeit, die meist im Stehen verrichtet wird, Morgens

zwischen 8 und 9 Uhr beginnt, hat um 1 oder 2 Uhr das Bedürfnis, eine

Ruhepause zu machen, die am besten mit der Hauptmahlzeit verbunden

wird. Dann kann man von neuem 4 bis 5 Stunden arbeiten, und das ist

nach meiner Erfahrung für den Chemiker die beste Ausnutzung des Tages,

da man in der Mittagszeit eine Reihe von Operationen gehen lassen

kann, die lange dauern und keine besonders sorgfältige Beaufsichtigung

verlangen.

Der Wechsel der Tischzeit brachte für mich auch einen Wechsel der

Tischgesellschaft mit sich. In dem Verein der Privatdozenten, der

sich von Zeit zu Zeit in behaglichen Zusammenkünften betätigte, hatte

ich zahlreiche Vertreter anderer Wissenschaften kennen gelernt und so

bin ich zu einer neuen Gesellschaft im Künstlerhause gekommen. Zu ihr

gehörten der Philosoph ~Jodl~, der später Professor in Wien war und

sich einen guten Ruf in seiner Wissenschaft verschafft hat, dann die

beiden Historiker ~Stieve~ und ~von Druffel~, beide Westfalen. Auch

diese waren wohl unterrichtete und wissenschaftlich verdiente Männer,

deren Anschauungen und Ziele mich in mancher Beziehung interessiert

haben. Zudem besaß ~Stieve~ ein wunderbares Talent, humoristische Reden

(sogen. Bierreden) in beliebiger Länge zu halten. Sein sarkastischer

Witz und seine Neigung, den alten Professoren etwas am Zeuge zu

flicken, trugen viel zur Belustigung unseres jungen Kreises bei. Wir

waren alle unverheiratet, bis ~Stieve~ sich eines Tages mit einer

Bonnerin verlobte und uns dann zuweilen einlud. Durch die beiden

Historiker bin ich auch mit der Malerfamilie ~Kaulbach~ in Berührung

gekommen, wo es höchst lustig zuging. Als ich mich später in Würzburg

verheiratet hatte, war der erste, der auf dem Plan erschien, Freund

~Stieve~, um einmal nach dem Rechten zu sehen, wie er sich ausdrückte.

Sie sind jetzt alle drei tot.

Zeitweise habe ich auch, um ganz einfache zuträgliche Nahrung zu

bekommen, wieder in einem Bierhaus gegessen, dem sogen. Abentum, wo

es gut und billig war, und wo Hunderte von jungen Leuten, besonders

viele Künstler, verkehrten. An unserem Tisch war eine kunterbunte

Gesellschaft versammelt, Künstler, Gelehrte, Techniker, junge

Kaufleute, ja es befand sich sogar ein echter deutscher Prinz darunter.

Hier bin ich in nähere Berührung mit zwei Kunstgelehrten gekommen. Der

eine war der Privatdozent der Archäologie Dr. ~Julius~. Sein Eifer,

die Chemiker in kunstverständige Männer zu verwandeln, steigerte sich

soweit, daß er für einen kleinen Kreis von uns in der Glyptothek

eine Privatvorlesung hielt. Das hatte sogar praktische Folgen. Ein

Künstler, der dazu gehörte, entschloß sich, eine berühmte, aber stark

beschädigte Nike zu restaurieren, und ich selbst bin indirekt dadurch

mit dem Gipsformator der Museen in Berührung gekommen. Er bat mich

um ein Mittel, schwarze Flecke, die spontan beim Aufbewahren seiner

Gipsfiguren entstanden, zu beseitigen. Ein Mittel dafür fand ich in der

Wirkung des Chlorgases, welches die Flecken, die von Pilzen herrührten,

zerstörte, ohne die Figuren sonst zu beschädigen. Der Formator hat

das Verfahren im großen Maßstabe angewandt, wozu er sich eine kleine

Bude für die Operationen mit dem Chlorgas errichten mußte. Wie lange

das Verfahren im Gebrauch geblieben ist oder ob es später von einem

besseren ersetzt wurde, vermag ich nicht zu sagen.

Der zweite Kunstgelehrte an dem Biertisch war Dr. ~Dehio~, ein Balte

aus Reval. Er ist später durch seine großen und prächtig ausgestatteten

Werke über die Geschichte der Architektur ein berühmter Mann geworden,

war zuletzt Professor in Straßburg, lebt aber seit einigen Jahren im

Ruhestand. Es hat mich sehr gefreut, ihn im letzten Herbst 1917 in

Baden-Baden nach langer Pause wiederzusehen und zu erfahren, daß seine

Gemahlin eine Schwester von ~Paul Friedländer~ sei. Die kriegerischen

Ereignisse im Osten hatten ihn so stark bewegt, daß er sich gerade

damit beschäftigte, eine öffentliche Propaganda für die Loslösung des

Baltenlandes von Rußland und seinen Anschluß an Deutschland ins Werk zu

setzen.

Durch den vielfachen Verkehr mit Künstlern und Kunstgelehrten habe

ich mehr und mehr Verständnis für die bildende Kunst gewonnen, und

mehrfache Reisen nach Italien waren wohl geeignet, diese Einflüsse

zu verstärken. Äußerlich gab sich das kund sowohl bei mir, wie auch

bei anderen Mitgliedern unseres chemischen Kreises durch fleißigen

Besuch der Kunstausstellungen, die im Glaspalast, der direkt neben

unserem Institut lag, veranstaltet wurden, und in den letzten Jahren

des Münchener Aufenthaltes bin ich auch ziemlich regelmäßig Sonntags

nachmittags in den Ausstellungsraum des Künstlervereins unter den

Arkaden des Hofgartens gegangen. Man wurde dort recht gewahr, welch'

günstige Atmosphäre in München für die Künstler herrschte. Der

größte Teil der gebildeten Einwohnerschaft interessierte sich für

ihre Werke, nahm teil an ihrer Entwicklung und ihren persönlichen

Schicksalen, vermied es aber, sie durch übertriebene Lobhudelei oder

durch protzenhafte Heranziehung zu Diners und dergl. zu verderben. Auch

das Leben, das die Künstler untereinander führten, bot mannigfache

Vorteile. Im allgemeinen hörte man die Lehrer loben, wenn auch

die Ansichten der Jungen in bezug auf die Ziele und Mittel der

Kunst nicht selten ganz andere waren. Die realistische und in der

Freilichtmalerei häufig bis zur Karikatur übertriebene Malweise, die,

wenn ich nicht irre, von Frankreich herkam, begann gerade in München

Fuß zu fassen, und ich erinnere mich noch des Aufsehens, das ein Bild

des jugendlichen ~Max Liebermann~, »Christus im Tempel«, auf einer

Ausstellung in München erregte. Bei denjenigen Leuten, die am alten

System festhielten, galt es für eine Verirrung, und von kirchlich

gesinnten Organen wurde es als eine Blasphemie bezeichnet. Aber eine

große Zahl der jungen Künstler und von ihnen wohl nicht unbeeinflußt

auch wir jungen Chemiker sahen darin das ernste Bestreben, die Malerei

mehr der Wirklichkeit anzupassen und die geistige Durchdringung des

Gegenstandes nicht in einer übertriebenen Idealisierung der Figuren zu

suchen.

Mit Recht berühmt waren in München die öffentlichen, von der gesamten

Künstlerschaft veranstalteten Festlichkeiten. Ich habe zwei davon

besucht, ein Feldlager aus der Zeit des 30-jährigen Krieges, das

in dem Walde von Großhesselohe sich abspielte und ein köstliches

Bild der bewaffneten Macht vor 400 Jahren gab. Das zweite war ein

Maskenfest in München, das leider infolge eines Brandunglücks einen

tragischen Abschluß erfuhr. Einer der größten Säle Münchens war

durch außerordentlich geschickte Ausbauten in eine Art Jahrmarkt

verwandelt, wo man alles genießen konnte, was an Sehenswürdigkeiten

bei solcher Gelegenheit geboten zu werden pflegt. Da der Zutritt nur

Herren gestattet wurde, die natürlich zum großen Teil durch Masken in

Frauen jeden Kalibers verwandelt waren, so hatte die künstlerische

Phantasie sich ohne jede Einschränkung bis in die wunderlichsten

Auswüchse austoben können. Ich habe nicht einmal in Cöln solche tolle

karnevalistische Ausgelassenheit gesehen wie bei diesem Feste, an

dem die Künstler bis ins höchste Alter hinein ziemlich vollständig

versammelt waren. Eine köstliche Maskenidee in vortrefflicher

Ausführung ist mir in Erinnerung geblieben. Der bekannte Maler

~Piglheim~ machte einen Prinzen natürlich mit Gefolge und ließ sich

von dem Komitee rundführen, selbstverständlich ganz in der Form, wie

sie bei solchen prinzlichen Besuchen üblich ist. Kurze Zeit darauf

erschien ein wirklicher bayerischer Prinz, der genau ebenso empfangen

wurde. Zum großen Spaß der ganzen Versammlung stießen nun die beiden

Züge zusammen. Der wirkliche Prinz hatte aber Humor genug, den

Pseudokollegen freundlich zu begrüßen und sie setzten zusammen die

Besichtigung fort. Leider wurde das Fest in ziemlich später Stunde

durch ein furchtbares Unglück gestört. Etwa ein Dutzend Schüler der

Akademie der Künste machten eine Eskimogruppe. Sie hatten sich für den

Zweck eine besondere Hütte gebaut und Eskimoanzüge angelegt, die ganz

aus Werg hergestellt waren. Leichtsinnigerweise hatte man versäumt,

diesen Stoff chemisch zu imprägnieren und dadurch unbrennbar zu machen.

Auch die Hütte selbst war mit brennbaren Stoffen jeder Art erfüllt. Mit

ähnlichem Leichtsinn war übrigens die Mehrzahl der Bauten errichtet

und da überall geraucht wurde, so hatten wir Chemiker sofort das Gefühl

der höchsten Feuersgefahr, und ich erinnere mich, daß wir uns ziemlich

frühzeitig in einen geschützten Bierkeller zurückzogen und nur von Zeit

zu Zeit wieder das Treiben im Hauptsaale uns anschauten. Plötzlich

hieß es, die Eskimos sind am Brennen, und in der Tat sahen wir diese

armen Menschen brennend herumlaufen. Sie wurden zwar außerhalb ihrer

Hütte ziemlich rasch gelöscht, und einige davon glaubten sich nach der

überstandenen Gefahr durch einen reichlichen Trunk Bier entschädigen

zu sollen, aber die Verwundungen waren doch so schwer, daß sie meines

Wissens in den nächsten Tagen alle gestorben sind. Glücklicherweise

konnte das Feuer in der Eskimohütte gelöscht werden. Hätte es um sich

gegriffen und die benachbarten sehr brennbaren Gegenstände erfaßt,

so wären viele Hunderte von Menschen umgekommen; denn die Zugänge

zum Saal waren sämtlich durch die Ausbauten so beengt, daß die große

Menschenzahl unmöglich sich hätte retten können.

Bei allen solchen Festlichkeiten sollten die Aufsichtsbehörden in

rigoroser Weise stets verlangen, daß alle zur Bekämpfung einer etwaigen

Feuersgefahr nötigen Maßregeln getroffen sind. Das Publikum ist

geneigt, in derartigen Anordnungen der Behörde Willkür und kleinliche

Belästigung zu erblicken; aber wer einmal ein Brandunglück wie damals

auf dem Maskenfest in München erlebt hat, und wer wie wir Chemiker die

rasche Entwicklung eines Brandes kennt, der wird meiner Ansicht gerne

beipflichten.

Neben der bildenden Kunst spielten in München auch Musik und Theater

eine große Rolle, und ich muß gestehen, daß ich viel Genuß von beiden

gehabt habe.

Das Klavierspiel hatte ich leider schon in Straßburg vernachlässigt,

und in München wagte ich nicht, wieder anzufangen, weil in unserem

Hause ein Professor der Musik wohnte, der als Virtuose galt. Dazu kam

das Bewußtsein, daß man in großen Mietshäusern durch mittelmäßiges

Spiel vielen Leuten zur rechten Plage werden kann. Ich zog es deshalb

vor, gute Musik von Zeit zu Zeit anzuhören durch den Besuch der

ausgezeichneten Odeonkonzerte oder der königlichen Oper. Diese verfügte

damals über vorzügliche Kräfte. Besonders gepflegt wurde die Wagnersche

Musik, und obschon die alten klassischen Werke von Mozart, Beethoven,

Maria von Weber, Lortzing usw. meinem Verständnis näher lagen, so haben

mir doch die großen Opern Wagners z. B. der Ring der Nibelungen in

der vortrefflichen Münchener Darstellung gewaltigen Eindruck gemacht.

Dieser steigerte sich noch bei einem Besuch in Bayreuth, den ich mit

mehreren Freunden später von Erlangen aus unternahm, und wo wir einer

Aufführung des Parsival beiwohnten.

In München glänzte damals in den Wagner-Opern das Ehepaar ~Vogel~ am

meisten, aber auch den alten ~Kindermann~ mit seinem unverwüstlichen

kräftigen Bariton, der mit dem Münchener Publikum wie mit alten

Bekannten verkehrte, wird kein Zuhörer vergessen haben.

Noch mehr Genuß als von der Oper habe ich gehabt vom guten Schauspiel,

wie es ebenfalls in München gepflegt wurde. Es bestand an der

Münchener Bühne die gute Gewohnheit, von Zeit zu Zeit eine Reihe von

Dichtungen desselben Meisters zu ermäßigten Preisen aufzuführen.

Eine solche Serie, welche die Königsdramen Shakespeares umfaßte, war

in ihrer Wirkung so gewaltig für uns junge Leute, daß darüber die

Experimentalarbeit im Laboratorium für mehrere Wochen eine ernstere

Störung erhielt. Ich wurde von manchen Szenen so ergriffen, daß mir

die hellen Tränen über das Gesicht flossen, und daß ich die Umgebung

gänzlich vergaß. Diese starke Empfindung für dramatische Reize ist mir

bis ins reifere Alter geblieben, und meine spätere Frau hat mir mehr

als einmal gesagt, mein Mangel an Selbstbeherrschung im Theater sei für

sie direkt unbequem.

Bei den Besuchen von Theater, Konzerten und ähnlichen Lokalen, wo die

Menschen dicht zusammen sitzen, kann es dem Chemiker leicht passieren,

daß er Anstoß erregt durch die schlechten Gerüche, die sich in seinen

Kleidern oder auch in Haar und Haut festgesetzt haben. Auf den billigen

Plätzen, die wir als junge Leute besuchten, ist mir das nie verübelt

worden, aber einen Parkettplatz in der Münchener Oper habe ich einmal

aufgeben müssen, weil die Nachbarschaft zu stark durch die von mir

ausströmenden Dünste belästigt wurde. Auch in Privatgesellschaft sollte

der Chemiker auf diese Möglichkeit achten und falls er gerade mit

starkriechenden Stoffen zu tun hat, auf die Reinigung des Körpers und

des Anzugs besondere Sorgfalt verwenden.

Leider kam der Sport bei der Münchener Lebensweise zu kurz. Wir

hatten dazu keine Zeit und waren auch abends zu müde. Einen gewissen

Ausgleich boten allerdings die Herbstferien, die ich teilweise stets

in Euskirchen zubrachte und zusammen mit meinem Vater fleißig für die

Feldjagd ausnutzte.

Im geselligen Verkehr, soweit er sich in der Familie abspielte, habe

ich niemals viel geleistet, teils aus Bequemlichkeit, teils wegen einer

gewissen Ungeschicklichkeit im Verkehr mit Damen. Gelegenheit dazu

war übrigens in München genug gegeben; denn Frau ~Baeyer~ führte ein

großes Haus, veranstaltete von Zeit zu Zeit hübsche Feste und gab sich

die größte Mühe, uns junge Chemiker dazu heranzuziehen. Sie spielte

bis zu gewissem Grade überhaupt die Mutter des Laboratoriums und war

stets zur Hilfe bereit, wenn jemand von uns durch Krankheit oder andere

Ursachen in Not geriet. Im Hause bei ihr habe ich auch eine große

Anzahl interessanter Menschen kennen gelernt. Vor allen Dingen lud sie

uns immer zu Tisch, wenn auswärtige Chemiker zu Besuch kamen. Nach Art

hilfreicher und tatkräftiger Damen hätte Frau ~Baeyer~ uns auch gar zu

gerne verheiratet, worauf sie um so mehr glaubte rechnen zu dürfen, als

sie einen Kreis von hübschen und liebenswürdigen jungen Damen um sich

zu versammeln wußte. Soweit ich unterrichtet bin, ist es ihr aber nicht

gelungen, außer der eigenen Tochter eine dieser Fräuleins an einen

chemischen Mann zu bringen. Die junge um Frau ~Baeyer~ versammelte

Chemie war damals durchgängig unbeweibt, und es sind auch auffallend

viele von ihnen in diesem Zustand geblieben, nicht zum Nutzen ihrer

eigenen Person oder der Wissenschaft.

Meine Arbeiten über die Hydrazine und das Rosanilin hatten auswärts

Anerkennung gefunden. Das zeigte sich zuerst in einem Ruf, den ich im

Frühjahr 1880 an das Polytechnikum zu Aachen erhielt. ~Landolt~ war von

dort an die Landwirtschaftliche Hochschule in Berlin berufen worden

und an seiner Stelle sollten zwei Ordinarien für anorganische und

organische Chemie ernannt werden.

Die anorganische Lehrstelle mit der großen Experimentalvorlesung

hatte man nach dem Beschlusse des Aachener Lehrerkollegiums dem

langjährigen Assistenten des Instituts Professor ~Classen~ zugedacht

und die Professur für organische wurde mir vom Kultusministerium in

Berlin angeboten. Um mich genau über die Stelle zu unterrichten, reiste

ich nach Aachen hin und verhandelte mit den Fachgenossen Professor

~Stahlschmidt~ und Professor ~Classen~, sowie mit dem Direktor des

Polytechnikums Herrn ~von Kaven~. Selbstverständlich besuchte ich auch

~Landolt~, der mich im Bett empfing, weil er an starkem Podagra litt.

Für das chemische Institut war gerade ein prächtiger Neubau errichtet

worden, weil die Aachen-Münchener Feuerversicherungsgesellschaft

große Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Aber die Betriebsmittel

waren verhältnismäßig gering. Man wollte mir in dieser Beziehung in

Aachen keine Sicherheit gewähren, und die ganze Atmosphäre an dem

Polytechnikum erschien mir so wenig anziehend, daß ich trotz des

lebhaften Wunsches meiner Mutter, mich wieder in der Nähe zu haben,

den Ruf kurzweg ablehnte. Nun erlebte ich das Höchstsonderbare, daß

nach etwa sechs Wochen der Ruf von Berlin aus erneuert wurde und daß

der betreffende Referent im Kultusministerium Dr. ~Wehrenpfennig~ mir

schrieb, ich habe gewiß die Absicht des Ministeriums nicht richtig

verstanden. Wie ich später erfuhr, hatte er inzwischen mit seinem

Freunde Dr. ~von Brüning~ aus Frankfurt a. M. über meine Berufung

gesprochen und sich beklagt, daß ich den schönen Ruf in so kühler

Weise abgelehnt habe. Als dieser ihm aber erwiderte, daß ich größere

Ansprüche machen könne, als man mir geboten habe, entschloß man sich

zu einem zweiten Versuch, mich zu gewinnen. Ich wurde dann auch in

Berlin sowohl von ~Wehrenpfennig~ wie von ~Landolt~, der inzwischen

übergesiedelt war, in der liebenswürdigsten Weise empfangen und man

versprach, allen meinen Wünschen entgegenzukommen. Aber die Abneigung

gegen Aachen war bei mir einmal vorhanden, und da auch ~Baeyer~ mir

nicht im geringsten zur Übersiedlung an das Polytechnikum riet, so habe

ich zum zweiten Male abgelehnt und diesen Entschluß auch keinen Tag

bereut. Statt meiner ist dann Professor ~Michaelis~ dorthin gekommen.

Zwei Jahre später wurde die chemische Professur an der Universität

Erlangen wieder frei, weil ~Volhard~ als Nachfolger von ~Heinz~ nach

Halle ging. Ich erhielt den Ruf und nahm ihn an. Der Ort hatte zwar

wenig Anziehendes, aber es handelte sich doch um ein Ordinariat

an einer Universität und das Institut war durch einen Neubau

verhältnismäßig gut ausgestattet.

Ich bin bei einem Erkundigungsbesuch in Erlangen auch von den Kollegen

sehr freundlich empfangen worden, und ~Volhard~ gab sich alle Mühe, mir

die Vorteile der neuen Stellung klar zu machen.

Bevor man mich in München entließ, mußte ich natürlich einige

Festlichkeiten über mich ergehen lassen. So veranstaltete die Chemische

Gesellschaft, deren Präsident ich war, einen schlichten Abschiedsabend,

für den ~Königs~ das früher erwähnte Guanolied dichtete. Aber auch

die Studierenden wollten sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen,

einen Kommers abzuhalten. Nach den Erfahrungen gelegentlich des Rufes

nach Aachen, wo ich von betrunkenen Chemikern beinahe Prügel erhalten

hatte, war ich nicht sehr geneigt, mich dieser Möglichkeit nochmals

auszusetzen und erst die Drohung, daß ich durch Ablehnung die chemische

Jugend, mit der ich auf sehr gutem Fuße stand, vor den Kopf stoßen

würde, machte mich williger. So fand denn wirklich ein Kommers auf

einem Bierkeller statt, der für mich ohne unbequemen Zwischenfall

verlief, weil ich mich frühzeitig empfahl. Aber am nächsten Morgen

mußte ich doch erfahren, daß man einige junge Leute, die mit mir nach

Erlangen gehen wollten, feierlich aus dem Lokal hinausgeworfen hatte.

Ich zog nun anfangs April an die fränkische Hochschule und der Zufall

wollte, daß in Nürnberg in dasselbe Abteil des Schnellzuges, wo ich

saß, Fräulein ~Agnes Gerlach~, meine spätere Frau, mit ihrem Vater

einstieg, und wir also zusammen in Erlangen ankamen.

Die Einquartierung in Erlangen war nicht ganz leicht. Zunächst fehlte

es an einer passenden Wohnung, und auch die Gasthäuser der armen Stadt

boten kein bequemes Unterkommen. Ich habe mich deshalb zuerst in dem

geräumigen Sprechzimmer des chemischen Instituts niedergelassen, wo

ein sehr brauchbarer Laboratoriumsdiener namens ~Griesinger~ für meine

Sachen sorgte. Mit der Beköstigung war ich allerdings auf das Gasthaus

angewiesen, wo ein größerer Kreis von Professoren und Privatdozenten

sich zu einer Tischrunde vereinigt hatte. Da ich inzwischen aber zehn

Jahre Gasthausleben hinter mir hatte, so fühlte ich das Bedürfnis,

einen eigenen Haushalt zu beginnen. Zu dem Zweck hatte ich mir schon

in München die Möbel bestellt. Um mich dabei vor Übervorteilung zu

schützen, war meine Schwester ~Emma~ mit ihrer Tochter ~Hedwig~

eigens von Rheydt nach München gekommen und von Frau ~Baeyer~, bei

der sie Besuch machten, sofort als Logiergäste aufgenommen worden.

Das Wohnungsprovisorium in Erlangen dauerte nicht allzu lange. Nach

etwa zwei Monaten trafen alle Möbel ein und mit ihnen auch meine erste

Haushälterin, eine Witwe aus Westfalen, die von meiner Schwester

~Bertha~ und meiner Mutter ausgesucht worden war. So zog ich denn in

die erste mit einem selbständigen Haushalt eingerichtete Wohnung in

eines der wenigen vornehmen Häuser Erlangens, die früher den Beamten

des markgräflichen Hofes gedient hatten. Die Wohnung enthielt einen

großen Saal mit Marmorfußboden und Stuckwerk im Rococostil. Er wird

später noch bei der Besprechung meiner Arbeiten zu Ehren kommen; denn

ich habe darin die Riechversuche mit Mercaptan ausgeführt.

Inzwischen hatten die Arbeiten im Laboratorium und die Vorlesungen

begonnen. Zum Glück waren mir von München zwei prächtige junge Männer,

~Knorr~ und ~Reisenegger~, gefolgt, die zwar noch nicht promoviert

hatten, denen ich aber ohne Bedenken Assistentenstellen übertragen

konnte. Wir sind rasch Freunde geworden, und da es mir zu langweilig

war, allein zuhause zu essen, so habe ich diese beiden jungen Herren

eingeladen, wenigstens mittags meine Tischgenossen zu sein. Sie haben

das gerne getan, weil meine Haushälterin als Köchin Vortreffliches

leistete und auch an gutem Wein kein Mangel herrschte.

Beide hatten ihre analytische Ausbildung unter meiner Leitung in

München erhalten, und ~Knorr~ war auch schon mit der Anfertigung

einer Dissertation über das Piperylhydrazin beschäftigt, als wir

in Erlangen einzogen. ~Reisenegger~ hat bald nachher von mir als

Thema für die Dissertation »Die Reaktion zwischen Phenylhydrazin und

den Ketonen« erhalten. Beide wurden in Erlangen mit gutem Erfolg

promoviert. ~Reisenegger~ ist noch einige Zeit als Assistent geblieben,

ging aber dann in die Industrie und zwar zu Meister Lucius & Brüning

in Höchst a. M. Er stammt aus Oberbayern, wenn ich mich recht

erinnere, aus Murnau, wollte ursprünglich Offizier werden und hatte

das Kadettenhaus in München absolviert. Infolge eines körperlichen

Schadens war er aber zur Chemie übergegangen. Er ist in Höchst

durch alle Stufen des technischen Chemikers bis zum Mitglied des

Direktoriums hindurchgegangen und jetzt im reiferen Alter vor einigen

Jahren als Professor der Technologie an der technischen Hochschule zu

Charlottenburg der Nachfolger von ~Witt~ geworden.

Länger ist ~Ludwig Knorr~ bei mir geblieben, da er von vornherein

sich für die akademische Laufbahn entschied. Er entstammt einer

Münchener wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus dem bekannten Geschäft

von ~Angelo Sabadini~ in der Kaufingerstraße und war schon in der

Jugend nicht allein durch Klugheit, experimentelle Geschicklichkeit

und Redegewandtheit, sondern auch durch besondere persönliche

Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Nebenher huldigte er allem möglichen

Sport, tanzte vorzüglich und spielte schon während der Münchener

Zeit in der dortigen Gesellschaft z. B. auch im Hause ~Baeyers~ eine

bedeutende Rolle. Unter anderem gelang es ihm trotz seiner Jugend und

seiner noch unfertigen Laufbahn, das hübsche, viel umworbene Fräulein

~Elisabeth Piloty~, Tochter des großen Historienmalers in München zu

gewinnen. Diese wurde schon im Frühjahr 1884 seine Gattin. Das Ehepaar

ist dann später mit mir nach Würzburg übergesiedelt, und da ich von

ihnen bis heute viel herzliche Freundschaft erfahren habe, so werde ich

später auf sie zurückkommen.

In Erlangen trafen wir im Laboratorium den Privatdozenten der Chemie

Dr. ~Vongerichten~, einen geborenen Pfälzer, der vorher eine Zeitlang

im ~Baeyer~'schen Laboratorium gearbeitet hatte und mir deshalb gut

bekannt war. Es hat mich gefreut, ihm einen Platz in dem hübsch

eingerichteten Privatlaboratorium überlassen zu können, wo er seine

wichtigen Versuche über die Verwandlung des Morphins in Phenanthren

ausführte und damit für die Chemie des Alkaloids eine neue Periode

eröffnete. Auch zu ihm bin ich in ein recht freundschaftliches

Verhältnis getreten. Aber nach etwa drei Semestern verließ er

die Universität und trat gleichfalls in die chemische Fabrik von

Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. ein, wo er zunächst im

wissenschaftlichen Laboratorium Verwendung fand. Seine Anstellung hat

sich für die Fabrik sehr gelohnt, denn sie ist dadurch indirekt in den

Besitz des Antipyrinpatentes gelangt.

Studierende aus der früheren Zeit waren sehr wenig im Institut

vorhanden, da ~Volhard~, dem man allzu große Strenge in den Examinas

nachsagte, nicht anziehend gewirkt hatte.

Die Abhaltung der großen Experimentalvorlesungen hat mir zuerst

ziemlich viel Mühe gemacht; denn die zahlreichen Versuche, die dabei

unentbehrlich sind, erfordern sehr genaue Vorübung, sowohl für den

Professor wie für den Assistenten, und obschon das gute Buch von ~K.

Heumann~ über Vorlesungsexperimente schon existierte, so habe ich es

doch für nötig gehalten, noch ein besonderes derartiges Buch für meine

Vorlesungen mit allen Einzelheiten anzulegen. Das ist dann mitgezogen

nach Würzburg und Berlin und selbstverständlich im Laufe der Zeit

immer reichhaltiger geworden. Auch im Laboratorium lag der ganze

Unterricht auf meinen Schultern, da mir nur junge und wenig geübte

Assistenten zur Verfügung standen. Dazu kamen noch die Prüfungen und

die Fakultätsgeschäfte und außerdem selbstverständlich die eigenen

Untersuchungen.

Leider waren die technischen Einrichtungen des Instituts, vor

allen Dingen die Ventilation ungenügend und sowohl ich, wie meine

Assistenten haben besonders bei den häufigen Arbeiten mit Chlorphosphor

darunter sehr gelitten. Ich werde auf diese Ventilationsfrage bei

der Besprechung des Würzburger und Berliner Neubaues ausführlich

zurückkommen.

Im Laufe von einigen Semestern wurde der Besuch des Laboratoriums

wieder befriedigend. In der analytischen Abteilung hatten sich ziemlich

viele Apotheker, einige Mediziner und auch Chemiker eingefunden und die

kleine organische Abteilung war schon nach zwei Semestern so überfüllt,

daß ich einen außer Betrieb gesetzten Teil des alten Gebäudes wieder in

Benutzung nehmen mußte.

Von den neu hinzugekommenen Chemikern verdienen drei besondere

Erwähnung, Dr. ~Ernst Täuber~, ein Schlesier, der mir als

Privatassistent bei der Bearbeitung der Acetonbasen geholfen hat; dann

~Kužel~, der zuletzt Unterrichtsassistent in der analytischen Abteilung

war, und mit dem ich über die Hydrazine der Zimtsäure, das Indazol

und Benzoylaceton gearbeitet habe; endlich ~Julius Tafel~, der erst

die Isomerie von Indazol und Isindazol untersuchte und in Würzburg an

meinen Zuckerarbeiten teilnahm.

~Täuber~ kam später an das technologische Institut zu Berlin und ist

auch Mitglied des Patentamtes geworden. ~Kužel~, ein sowohl körperlich

wie geistig bevorzugter Mann, hat in der Fabrik von Meister Lucius &

Brüning eine recht erfolgreiche Tätigkeit ausgeübt, ist aber später

nach seiner Heimatstadt Wien zurückgekehrt und hat sich in der

Elektrotechnik durch die Darstellung von Metallfäden aus kolloidalem

Metall einen Namen gemacht.

~Julius Tafel~ ist der akademischen Laufbahn treu geblieben. Er wurde

in Würzburg Privatdozent und später als Nachfolger von ~Hantzsch~

ordentlicher Professor und Direktor des Instituts. Leider zwang ein

Lungenleiden ihn frühzeitig, seine erfolgreichen wissenschaftlichen

Arbeiten, besonders die elektrolytische Reduktion organischer

Verbindungen, aufzugeben und ausschließlich seiner Gesundheit zu leben.

Von sonstigen Mitarbeitern erwähne ich noch ~O. Bülow~, den

Vorlesungsassistenten ~Koch~, der das Trimethylendiamin und die

Synthese von Harnstoffen aus solchen Diaminen bearbeitete, ferner

~Elbers~, der die ersten Hydrazinosäuren darstellte und ~Hess~, der an

der Synthese von Indolderivaten aus Hydrazin teilnahm, dann ~Hegel~,

einen Enkel des Philosophen, jetzt Mitglied des Patentamtes, ~Roese~

und endlich ~Antrick~, z. Zt. Direktor der chemischen Fabrik auf

Aktien vormals Schering Berlin. Ein gewisse Ausnahmestellung nahmen

ein ~C. Paal~ und ~O. Hinsberg~, weil sie über Thematas arbeiteten,

die nicht von mir gestellt waren, aber dabei gerne theoretischen

und experimentellen Rat und Hilfe von mir annahmen. Der erste hat

damals seine interessanten Versuche über das Acetonyl-Aceton und

seine Verwandlung in Furanderivate ausgeführt, ist später in Erlangen

und dann auch in Leipzig als Nachfolger von ~E. Beckmann~ Professor

für pharmazeutische und angewandte Chemie geworden. ~Hinsberg~ kam

von Göttingen und hat in Erlangen die Chinoxaline entdeckt. Seine

Publikation, die aus dem Erlanger Institut datiert war, hat mir einen

Angriff von ~G. Körner~ in den Abhandlungen der römischen Akademie

eingetragen. ~Körner~ behauptete dort, er habe das Chinoxalin vor

~Hinsberg~ dargestellt und mir bei einem Besuche in Mailand davon

mündliche Mitteilung gemacht. Ich habe auf den Vorwurf ~Körners~, der

viel zu spät zu meiner Kenntnis kam, öffentlich nicht geantwortet, wohl

aber habe ich an ihn privatim geschrieben und ihn darauf aufmerksam

gemacht, daß seine Klage durchaus unberechtigt sei. Ich selbst konnte

mich in keiner Weise an eine solche Mitteilung ~Körners~ erinnern; aber

selbst wenn diese wirklich geschehen ist, so hätte ~Körner~ mehrere

Jahre Zeit gehabt, seine Beobachtungen zu publizieren. Nach einer so

langen Frist aber auf eine angeblich private Äußerung hin, die sich

in keiner Weise prüfen läßt, einen Prioritätsanspruch zu gründen und

auch noch eine Anklage wegen Indiskretion gegen einen Fachgenossen zu

erheben, ist eine sehr bedenkliche Art der Polemik, die gewiß kein

vernünftiger Naturforscher anerkennen wird. Ich kann hier nur bezeugen,

daß die Arbeit von ~Hinsberg~ auch nicht im geringsten durch die

angebliche ~Körner~'sche Beobachtung beeinflußt war.

Wenn ich noch zufüge, daß ich in Erlangen die Osazone der Zucker

auffand und damit die Grundlage für meine weiteren Zuckerarbeiten

schuf, daß ich ferner durch Behandlung der Methylharnsäuren mit

Chlorphosphor die ersten Oxypurine erhielt, daß ferner ~L. Knorr~ das

Antipyrin entdeckte, wobei er die schon von mir flüchtig beschriebene

Reaktion zwischen Phenylhydrazin und Acetessigäther in sehr sinnreicher

Weise benutzte, so wird man den Eindruck bekommen, daß wir fleißig bei

der Arbeit waren. Nur die Abende blieben der Geselligkeit vorbehalten.

Die Stadt bot wenig, hier und da ein Konzert, das von musikliebenden

Männern veranstaltet wurde. Wir hatten einmal bei solcher Gelegenheit

das Vergnügen, ~Bülow~ mit seinem vortrefflichen Orchester in Erlangen

zu hören. Dann gab es zuweilen auch eine Vorstellung in dem alten

markgräflichen Theater, das jetzt der Stadt gehörte und wo eine

Nürnberger Truppe zu gastieren pflegte. Wollte man mehr von diesen

Genüssen haben, so mußte man nach dem nahe gelegenen Nürnberg fahren.

Die Enge der kleinen Stadt führte die Angehörigen der Universität zu

innigem Zusammenschluß. Der Familienverkehr wurde eifrig gepflegt. Ich

selber habe bei meinem Freunde ~Wilhelm Leube~ und seiner Gemahlin

~Natalie~, einer Tochter des ausgezeichneten Chemikers ~Adolf

Strecker~, viel davon profitiert. Selbstverständlich verlangte Frau

~Leube~ von ihren Freunden auch, wenn es nötig war, tätige Hilfe bei

geselligen Veranstaltungen, und so mußte ich bei einem Ball, den

~Leube~ als Prorektor der Universität gab, die Herstellung einer

Riesenbowle übernehmen. Ich habe die Gelegenheit benutzt, um einen

karnevalistischen Aufzug zu veranstalten, der auf eine Verherrlichung

des Weines hinauslief. Die Hauptfigur war dabei der starke, blühende

Diener des Instituts ~Griesinger~, der als Küfermeister auftrat und

die Bowle in einem stattlichen Faß auf geschmücktem Handwagen in

den Ballsaal hineinfuhr. Auf dem Faß saß als Bacchus verkleidet ein

hübscher zehnjähriger Knabe, der Sohn des Chirurgen ~Heinecke~, und

um das Faß verteilt saßen die drei Töchter ~Leubes~ als Nymphen.

Beim Umzug der Gruppe stimmte die ganze Gesellschaft das bekannte

Rheinweinlied an: »Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher .....«

Die Bowle, die ich aus 150 Flaschen Wein komponiert hatte, fand Beifall

und war in wenigen Stunden ausgetrunken.

Am häufigsten trafen wir Unverheirateten uns natürlich im Gasthaus, wo

ein sehr behaglicher Ton herrschte.

Von den jungen Medizinern sind mir am nächsten getreten die beiden

Assistenten ~Leubes Penzoldt~ und ~Fleischer~. Mit dem ersten habe

ich auch einige Versuche ausgeführt, besonders diejenigen über die

Empfindlichkeit des Geruchsinns. Er ist jetzt ordentlicher Professor

der inneren Medizin in Erlangen. Weniger glücklich hat sich das

Schicksal von ~Fleischer~ gestaltet.

Unter den älteren Medizinern war ~Leube~ wohl die hervorragendste

Persönlichkeit. Sein Ruf als Arzt bei Krankheiten des Verdauungstraktus

führte zahlreiche Patienten, darunter manche interessante Menschen, in

die Erlanger Klinik.

Gerne erinnere ich mich auch an die anderen Mediziner, den

pathologischen Anatomen ~Zenker~, den Physiologen ~Rosenthal~, den

Chirurgen ~Heinecke~, den Frauenarzt ~Zweifel~ und vor allem an den

Senior der Fakultät, den Anatom ~J. v. Gerlach~, meinen späteren

lieben Schwiegervater. Er spielte in der medizinischen Fakultät eine

große Rolle nicht allein wegen seines wissenschaftlichen Ansehens und

seiner Verdienste als Lehrer, sondern auch wegen seiner liebenswürdigen

Persönlichkeit und seiner Bemühungen um das Wohl und Ansehen der

Fakultät.

Uns Chemikern recht nahe stand der außerordentliche Professor der

Pharmakologie ~Filehne~, der die fieberstillende Wirkung des Antipyrins

zuerst feststellte und seine Einführung in die praktische Medizin

besorgte.

Von den Juristen ist Professor ~Marquardsen~ als Politiker in der

Öffentlichkeit am bekanntesten geworden. Er gehörte viele Jahre sowohl

zum Reichstag, wie zum bayerischen Landtag. Ich habe später wiederholt

in Berlin die Ehre und das Vergnügen gehabt, den alten erfahrenen,

klugen und lebenslustigen Herrn in meinem Hause zu sehen. Solange meine

Frau lebte, brachte er auch zuweilen seine Familie mit, die in Erlangen

mit Gerlachs sehr befreundet war. Der zweite Jurist, mit dem ich öfter

in Berührung kam, war der Schwabe ~Hoelder~, der später nach Leipzig

gekommen ist.

Die Theologie war in Erlangen nur durch eine evangelische Fakultät

vertreten, und diese betonte mit größter Entschiedenheit ihren rein

lutherischen Charakter, so daß sie einem Vertreter der pfälzischen

reformierten Gemeinden die Mitgliedschaft versagte. Die Fakultät genoß

in der kirchlichen Welt einen guten Ruf. Zeugnis davon gab die große

Anzahl junger Theologen aus Norddeutschland, die hier wenigstens

einen Teil ihrer Studien absolvierten und gleichzeitig von der sehr

billigen, aber auch sehr einfachen Lebensweise in der süddeutschen

kleinen Stadt Nutzen zogen. Die Gewohnheit junger Theologen, sich

frühzeitig zu verloben, wirkte anziehend auf heiratslustige Mädchen,

und so war Erlangen das Refugium von mehr als 100 Pfarrerswitwen

geworden, die hofften hier ihre Töchter an den Mann zu bringen. Um sich

darüber lustig zu machen, hatte eine lose Verbindung von alten, etwas

verbummelten Korpsstudenten, die glaubten in Erlangen leichter das

Examen bestehen zu können, sich den Namen »Pfarrerstöchter« zugelegt.

Die philosophische Fakultät war im Gegensatz zu Würzburg und München

nicht geteilt und ließ sich ohne sichtbares Widerstreben von ihrem

Senior, dem Historiker ~Hegel~, Sohn des Philosophen, in wichtigen

Dingen gerne leiten. Von den Naturforschern erwähne ich den Physiker

~Lommel~, einen verständigen und behaglich veranlagten Pfälzer,

ferner den Botaniker ~Rees~, der unter ~de Bary~ eine vortreffliche

Arbeit über die Hefen ausgeführt hatte, aber in Erlangen sich auf

die Lehrtätigkeit und auf gesellige Bemühungen beschränkte, dann den

talentvollen und witzigen Zoologen ~Selenka~, der später mit seiner

Frau große Reisen auf Java ausführte, den sehr verdienten Mathematiker

~Noether~, seinen äußerst komischen Spezialkollegen ~Jordan~ und

endlich den Professor der Pharmazie und angewandten Chemie ~Albert

Hilger~. Dieser stand mir natürlich am nächsten, und wir haben auch

zusammen ein chemisches Kolloquium eingerichtet. ~Hilger~ besaß damals

den Ehrgeiz, sich mit rein chemischen Problemen zu befassen und

hatte für den Zweck auch eine neue Auflage des bekannten Werkes von

~Husemann~ über Pflanzenstoffe herausgegeben. Da ich aber bald zu der

Überzeugung kam, daß für diese Dinge seine Begabung und Ausbildung

nicht ausreichten, so riet ich ihm, sich mehr auf praktische Dinge,

namentlich auf die Nahrungsmittelanalysen zu werfen. Er hat das auch

getan und besten Erfolg gehabt; denn seinen Bemühungen ist es wohl

mit zuzuschreiben, daß in Bayern die Nahrungsmitteluntersuchung den

Instituten für angewandte Chemie an den drei Landesuniversitäten

übertragen wurde und daß dadurch die Kontrolle der Nahrungsmittel in

Bayern viel früher und besser geordnet war, als in Norddeutschland,

besonders in Preußen. ~Hilger~ war musikalisch und sorgte mit seiner

klugen Frau, einer Holländerin, für die Pflege des musikalischen

Lebens in Erlangen. Er ist später an die Universität München gekommen,

wo er in der Nähe des ~Baeyer~'schen Laboratoriums einen Neubau für

pharmazeutische und angewandte Chemie errichtete.

Die Studenten spielten in Erlangen natürlich die Hauptrolle, weil

ein erheblicher Teil der Einwohner von ihnen lebte. Auch das

Verbindungswesen blühte in ungewöhnlicher Weise, und damit im

Zusammenhang stand das Duellwesen, das trotz des gesetzlichen Verbots

von jedermann als etwas Selbstverständliches und Nötiges angesehen

wurde. Ja, ich selbst habe mich mit ~Penzoldt~, ~Knorr~ und einigen

anderen jungen Leuten noch an einem Kursus von Säbelfechten beteiligt,

natürlich nur aus Freude an körperlicher Übung, während wir später

zu unserer Überraschung hörten, daß es für ~Knorr~ eine Vorübung

zu einer Säbelmensur war, die er mit Dr. ~Friedländer~ in München

auszufechten hatte. Da ich außerdem wegen der Freude am Schwimmen

die Universitätsbadeanstalt öfters besuchte, so widerfuhr mir die

unerwartete Ehre, daß ich vom Senat zum Mitglied der Fecht- und

Badekommission ernannt wurde und als solches tätigen Anteil an der

Auswahl eines neuen Fechtmeisters nehmen konnte.

Im Jahre 1883 fand in der Direktion der Badischen Anilin- und

Sodafabrik eine Personalveränderung statt. Vor allen Dingen wollte

Dr. ~Heinrich Caro~, der damalige Leiter des wissenschaftlichen

Laboratoriums, in den Ruhestand bzw. Aufsichtsrat der Fabrik eintreten.

Seinem Einfluß war es wohl zuzuschreiben, daß der Hauptaktionär der

Fabrik und Vorsitzender des Aufsichtsrates Herr ~Sigl~ aus Stuttgart

mir den Vorschlag machte, Nachfolger von ~Caro~ zu werden. Obschon

diese Stellung materiell sehr viel mehr einbrachte, wie jede Professur

in Deutschland, so war mir doch die akademische Tätigkeit mit der

vollen Freiheit wissenschaftlicher Arbeit sympathischer. Ich lehnte

deshalb ab, nahm aber eine Einladung zu mehrwöchentlichem Besuch der

Fabrik gerne an, teils aus Interesse für die Industrie der Teerfarben,

teils in der Hoffnung, mir Rohmaterialien für meine Untersuchungen

in großer Menge bereiten zu können. So bin ich denn im August 1883

nach Ludwigshafen-Mannheim gezogen. Der 14-tägige Aufenthalt war eine

glückliche Kombination von eifriger Arbeit und fröhlicher Unterhaltung.

Zunächst wurde ich durch die ganze Fabrik geführt und in jeder

Abteilung von dem betreffenden Leiter in vertraulicher, aber sehr

weitgehender Weise über die Einzelheiten der Betriebe unterrichtet.

Das war eine Begünstigung, die nur selten wissenschaftlichen Chemikern

zuteil wird, und ich verdankte sie wohl dem Wunsche der Direktion,

dauernd mit mir in Verbindung zu bleiben. Gleichzeitig begannen

im technischen Laboratorium größere Versuche zur Methylierung von

Harnsäure nach der Vorschrift, die ich dafür in Erlangen ausgearbeitet

hatte.

Als Rohmaterial hatte ich mir mehrere Kilo Schlangenexcremente aus

Amsterdam durch Vermittlung von Professor ~Forster~ verschafft. Auf

meine Erkundigung, weshalb das Material so teuer sei, erhielt ich

die überraschende Antwort, daß es in Holland für die Herstellung von

medizinischen Geheimmitteln verwendet werde und deshalb einen richtigen

Marktpreis besitze. Die Überwachung der Methylierungsversuche, die wohl

10 Tage in Anspruch nahmen, hatte mein früherer Privatassistent Dr.

~Boesler~ übernommen, so daß ich mich darum kaum zu kümmern brauchte.

Anders war es mit einem zweiten Präparat, der Orthoaminozimtsäure,

die ich aus einem in der Fabrik vorrätigen Material, der

Orthonitrozimtsäure, durch Reduktion mit Eisenvitriol und Ammoniak

nach ~Tiemann~ darstellte. Die Operation mußte in stark verdünnter

Lösung vorgenommen werden und erforderte die Filtration eines dicken

Schlammes von Eisenhydroxyd. Zu dem Zweck wurde mir eine richtige

Betriebsapparatur der Azofarbenfabrik zur Verfügung gestellt. Bei

dieser Arbeit, die ich selbst übernehmen mußte, war mir das strenge

Rauchverbot innerhalb des Fabrikgebäudes recht schmerzlich, aber

wenn der alte ~Engelhorn~, Mitglied der Direktion, zum Plaudern mich

besuchte, dann zündeten wir uns beide heimlich eine Zigarre an. Einmal

erwischte uns dabei der Betriebsführer Dr. ~Burkhardt~, ein alter

Münchener Bekannter von mir. Es gab nun ein großes Donnerwetter und wir

wurden mit unseren Zigarren rücksichtslos vor die Türe gesetzt.

Den Nachmittag benutzte ich entweder zu kleinen Ausflügen oder zur

Ausübung der Hühnerjagd in der frucht- und wildreichen Umgebung von

Ludwigshafen, wohin mich das Direktionsmitglied Dr. ~Karl Klemm~ in

freundschaftlicher Weise mitnahm. Die Abende verbrachte ich regelmäßig

im großen chemischen Kreise im Pfälzerhof zu Mannheim, der sich durch

den Ausschank vortrefflichen Pfälzer Weines auszeichnete. Die Herren

aus der Technik waren dankbar dafür, daß ich ihnen neben mancherlei

Schnurren auch über die Fortschritte der Wissenschaft in breiterer

Form als sie sonst es erfahren konnten, Auskunft gab, und es wurde

scherzhaft der Vorschlag gemacht, mich dauernd als »Vortragenden Rat«

der Fabrik anzugliedern. In der Tat machte mir zum Schluß meines

Aufenthaltes das Direktorium den Vorschlag, gegen ein mittleres

Jahresgehalt in ein Vertragsverhältnis zur Fabrik zu treten, wobei

ich nur die Verpflichtung übernehmen sollte, bei Erfindungen auf dem

Gebiete der Teerfarben und Heilmittel der Fabrik das Verkaufsrecht

einzuräumen. Dasselbe Angebot richtete man an ~Victor Meyer~ und ~Adolf

von Baeyer~. Es ist aber nicht verwirklicht worden, weil bald nachher

ein großer Personenwechsel in der Direktion der Fabrik stattfand.

Nach Erledigung meiner Arbeiten reiste ich von Mannheim nach

Euskirchen, um meinem Vater bei der Hühnerjagd zu helfen. Hier hatte

ich das Vergnügen, den Besuch von ~Victor Meyer~ zu empfangen. Er hatte

etwa ½ Jahr vorher im ~Baeyer~'schen Hause den Wunsch geäußert, auch

die Jagd kennen zu lernen, da dieser Sport ihm bisher fremd geblieben

sei. Daraufhin lud ich ihn ein, während der Herbstferien zu uns an den

Niederrhein zu kommen. Seine Zusage löste er nun ein. Leider hatte

er kurz vorher anstrengende Hochgebirgstouren im Gebiete des Bernina

gemacht und kam nun direkt aus dieser frischen Höhe ziemlich abgehetzt

nach der warmen Ebene. Infolgedessen reichten seine körperlichen

Kräfte nicht mehr aus, mit Genuß an der immerhin etwas anstrengenden

Hühnerjagd teilzunehmen. Während mein Vater und ich ohne Ermüdung 6 bis

8 Stunden durch die Kartoffeläcker stiefeln konnten, lag er gewöhnlich

nach 2 Stunden ermüdet hinter einem Busche. Leichter und interessanter

war ihm deshalb eine kleine Jagd, die ich für ihn im Flamersheimer

Walde veranstaltete. Er hatte dabei das auffallende Glück, im Laufe von

etwa 2 Stunden von einem Rehbock und 5 Wildsauen angelaufen zu werden.

Allerdings fehlte ihm die Übung, um eins der Tiere zu erlegen. Bei der

Rüstung des Mittagsmahles, das unser Förster besorgte, mußten sich

alle Mitglieder des kleinen Kreises am Kartoffelschälen beteiligen mit

der Maßgabe, daß jeder so viel zu schälen habe, als er beabsichtige zu

essen. Über diese eigenartige Sitte hat ~Meyer~ besonders gelacht und

dazu das Geständnis abgelegt, daß er bisher nie in seinem Leben eine

Kartoffel geschält habe.

Der Tag war wenig anstrengend, und diese Art der Jagd hat ihm besser

gefallen, als das Ablaufen des freien Feldes. Da er aber offenbar

jetzt seine Erfahrungen auf der Jagd für ausreichend hielt, so schlug

ich ihm einen Ausflug nach der vulkanischen Eifel vor. Er war damit

gerne einverstanden, und wir sind nun teils zu Wagen, teils zu Fuß

über Rheinbach nach dem Ahrthal, von dort abwärts an den Rhein und

dann durch das landschaftlich hübsche und geologisch sehr interessante

Brohlthal nach dem lieblichen Laacher See, einem der schönsten Maare

der vulkanischen Eifel gereist. Das hat ~Meyer~ natürlich in hohem

Grade interessiert, und um ihm noch eine der charakteristischen

Kohlensäurequellen dieser Gegend zu zeigen, führte ich ihn am nächsten

Tage nach Burgbrohl zu dem aus der Münchener Zeit mir wohl bekannten

Vetter Dr. ~Hans Andreae~, der hier nach einer stürmischen Studienzeit

als Fabrikant und Familienvater gelandet war. Er erzeugte hauptsächlich

reine Alkalibicarbonate und benutzte dafür die natürliche Kohlensäure,

die als sogen. Mofette in mächtigem Gasstrom aus der Erde kam und für

die Zwecke der Fabrik durch ein Metallrohr gefaßt war. Die Quelle

dient jetzt zur Herstellung von flüssiger Kohlensäure, die seitdem ein

bedeutender Handelsartikel geworden ist.

Selbstverständlich statteten wir auch dem am See gelegenen schönen

Jesuitenkloster Marialaach unseren Besuch ab und kehrten dann, immer

bei herrlichstem Wetter, wieder nach Euskirchen zurück, wo ~Meyer~ von

meinem Vater, mit dem er sich rasch angefreundet hatte, Abschied nehmen

wollte.

Inzwischen war von ~Wilhelm Königs~ eine Einladung an uns eingelaufen,

ihn in Cöln zu besuchen, wo er ~Meyer~ die vielen Schönheiten der alten

Handelsstadt zeigen wollte. Sie wurde angenommen. Auf der Fahrt empfing

uns ~Königs~ schon in Kierberg bei Brühl mit der Einladung, Station in

dem Landhaus seines Bruders, des Cölner Bankiers zu machen. Den Auftrag

dazu hatte er von seiner Schwägerin, einer geistig sehr angeregten

Frau, erhalten, weil sie die beiden Professoren kennen lernen wollte.

Mit der Lebendigkeit der Rheinländerin wußte sie uns bei einem lustigen

Frühstück ziemlich ausführlich über unsere wissenschaftlichen Ziele

auszufragen. Sie belohnte uns dafür durch reichliche Bewirtung und

durch das Vorzeigen ihrer eigenen Kunstwerke, einer Reihe von leidlich

gemalten Ölbildern. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal

meinen späteren Schüler ~Ernst Königs~, der jetzt Privatdozent in

Breslau ist, als Knaben gesehen.

~Meyer~ und ich haben uns dann getrennt, und er ist über Cöln nach

Berlin zum Besuch seiner Eltern gefahren.

Zuvor hatten wir in Euskirchen auf seinen Vorschlag Duzbrüderschaft

geschlossen, und ich muß gestehen, daß er mir dauernd ein lieber

Freund geblieben ist. Bei ~Meyer~ war körperliche Anmut mit

ungewöhnlicher geistiger Begabung in glücklicher Weise vereinigt.

Dazu kam eine natürliche Liebenswürdigkeit des Wesens und eine große

Geschicklichkeit, sich der Umgebung anzupassen, so daß ihm die

Sympathien der Menschen rasch zuteil wurden.

Sein Bruder ~Richard~ hat ihm eine ausführliche Lebensbeschreibung

gewidmet und ein weiteres Denkmal durch die Herausgabe seines

Briefwechsels gesetzt. Aber trotzdem erscheint es mir nicht allein

gerechtfertigt, sondern wie eine Art von Freundespflicht, auch hier

eine kurze Charakteristik von ihm zu geben. Er war ein rascher Denker

und verfügte infolge seiner Belesenheit und seines ausgezeichneten

Gedächtnisses über ebenso gründliche wie ausgedehnte Kenntnisse.

Drum schossen bei ihm die Ideen wie ein frischer und unversiegbarer

Sprudel hervor, ohne daß er dabei die gesunde Kritik verloren

hätte. So erklären sich auch seine außerordentlichen Erfolge in

der Experimentalchemie, wo schöpferische Phantasie mit nüchterner

Auswahl der lösbaren Probleme und der einfachsten Versuchsbedingungen

verbunden sein muß. Sehr interessant war es, ihn über Fachgenossen

reden zu hören, deren Vorzüge er gerne anerkannte und deren Schwächen

er mit Freimut, aber ohne jede Bosheit, mehr im humoristischen Sinne

beleuchtete.

Nebenher steckte in ihm ein gutes Stück Künstler mit aufrichtiger

Freude an Musik, Deklamation, Schauspiel und Dichtkunst im weitesten

Sinne. Das alles brach bei ihm spontan und mit natürlicher Anmut

von Zeit zu Zeit hervor, so daß es, chemisch gesprochen, wie eine

Transmutation vom Naturforscher zum Künstler aussah. Leider war damals

sein Nervensystem schon durch übermäßige Arbeit, vielleicht auch durch

zu reichlichen Genuß der Lebensfreuden, erschüttert, so daß er 1 Jahr

später in Zürich zusammenbrach und Urlaub nehmen mußte. Es war um

dieselbe Zeit, als ich aus anderen Gründen die Laboratoriumstätigkeit

aufgeben mußte. Glücklicherweise haben wir beide eine Art von

Renaissance erlebt, die allerdings bei ~Meyer~ nur etwa 12 Jahre

dauerte.

Im Oktober 83 trafen wir für kurze Zeit in München bei ~Baeyer~

zusammen und erfuhren hier die freudige Überraschung, daß uns ~Baeyer~

in einer behaglichen Plauderstunde gleichfalls die Duzbrüderschaft

anbot. Wir beide verehrten in ihm den ausgezeichneten und lieben Lehrer

und hatten nun das Recht erhalten, ihn in besonders trauter Weise

»Freund« nennen zu dürfen. Soviel ich weiß, sind wir die einzigen

Chemiker geblieben, die sich dieses Vorrechts rühmen durften.

In unserem Junggesellenkreise zu Erlangen gab es kein interessanteres

Ereignis als die Verlobung einzelner Mitglieder. Im Winter 1883/84

erlebten wir das dreimal, bei ~Ludwig Knorr~, ~Leo Gerlach~ und

dem schon 40jährigen Mediziner ~Kieselbach~. Sie wurden natürlich

feierlich aus unserem Kreise entlassen und dafür haben wir an

den Hochzeiten teilgenommen. Die erste von ~Leo Gerlach~ fand in

den Osterferien 84 in Nürnberg statt, weil die Braut der dort

altangesessenen Familie ~Seitz~ angehörte. Sie wurde mit dem großen,

etwas steifen Pomp der alten Kunststadt abgehalten. Die zweite Hochzeit

war in den äußeren Verhältnissen, besonders in der Zahl der Teilnehmer,

bescheidener, aber mit feinem künstlerischen Geschmack hergerichtet.

Sie fand statt in dem Hause des Direktors der Akademie der Künste

~Piloty~ zu München. Bei dem Festmahl war die Braut so gesetzt, daß das

prächtige blonde Haar, welches dem Vater als Modell bei der Idealfigur

der Thusnelda in dem bekannten Bild »Der Triumphzug des Germanikus«

gedient hatte, allein von der Sonne beleuchtet und deshalb von einer

Art Glorienschein umgeben war. Meine Nachbarinnen bei dieser Hochzeit

waren die durch Schönheit ausgezeichnete Schwester der Braut ~Johanna~,

die spätere Frau von ~Hefner-Alteneck~, und die gewandte redefertige

Baroneß ~L. von Hornstein~, die spätere zweite Frau von ~Lenbach~.

Wegen meiner freundschaftlichen Beziehungen zu ~Knorr~ mußte ich eine

Rede auf das Brautpaar halten und die Glückwünsche der jungen Erlanger

Gesellschaft mit einem stattlichen Album von Photographien überbringen.

Ich hatte mir die Rede natürlich vorher überlegt und eine Einleitung

ausgedacht, die an die Namen ~Knorr~ und ~Piloty~ anknüpfte. Es war

ein Schiffsvergleich, und nun wollte es der Zufall, daß gerade vor mir

auf der Tafel ein prächtiges, in Silber gehaltenes Segelschiff stand,

von dem ich jetzt natürlich ausging. Dadurch bekam die Rede einen ganz

improvisierten Zug und am Schluß erklärte mir der Hochzeitsvater, dem

seine Rede recht sauer geworden war, daß wir Professoren den Künstlern

im Schwätzen doch über seien.

Von diesen beiden Hochzeiten kam ich mit einem Katarrh, der durch das

2jährige Arbeiten mit Chlorphosphor in dem schlecht ventilierten

Privatlaboratorium vorbereitet und durch eine akute Erkältung verstärkt

war, nach Hause zurück, reiste dann aber bald, ohne mich darum zu

kümmern, zum Besuch meines Vaters und Schwagers nach Uerdingen. Hier

habe ich mir wahrscheinlich auf der Jagd eine kleine Verletzung des

Darms zugezogen, zu deren Beseitigung ich mich an den Chirurgen

Professor ~Bardenheuer~ im Cölner Bürgerhospital wandte. Ich wurde

dort operiert und mußte 14 Tage zu Bett liegen. Leider stellte sich

ziemlich hohes Fieber ein und infolge dieser ungünstigen Umstände

entwickelte sich mein Bronchialkatarrh zu einem tüchtigen Husten. Aus

dem Spital entlassen, bin ich statt nach dem Süden törichterweise nach

Euskirchen gegangen, habe dort an der Jagd teilgenommen und mich neuen

Erkältungen ausgesetzt. Jetzt nutzte auch ein 14tägiger Aufenthalt in

Wiesbaden, wo abends immer ziemlich stark gekneipt wurde, nichts und so

hat der Katarrh allmählich eine chronische Form angenommen. Am meisten

beschädigt waren Nase, Hals und Trachea, und über den Nasenkatarrh

war ich besonders unglücklich, weil mein sonst so feiner Geruchssinn

völlig aufgehoben war und ich fast ½ Jahr kein Geruchsempfinden

gehabt habe. Daran mögen zum Teil auch die Riechversuche, auf die ich

später zurückkommen werde, schuld gewesen sein. Trotz des Katarrhs

habe ich im Sommer Vorlesungen und Praktikum in Erlangen abgehalten,

weil ich glaubte, daß in den Herbstferien die Krankheit geheilt werden

könnte. Aber ich hatte noch immer nicht die richtige Lebensweise

angenommen, denn das Rauchen, dem ich leidenschaftlich ergeben war,

konnte ich nicht lassen, und im Weintrinken habe ich auch vielleicht

damals mehr geleistet als gut war. Zudem ließ ich mich im August von

~Fleischer~ und ~Penzoldt~ überreden, mit nach Pontresina im Engadin

zu gehen. Die Reise dahin fing schon mit einem Wagenunglück an, das

recht böse Folgen hätte haben können. ~Fleischer~ und ich hatten

nämlich, um die überfüllte Post zu vermeiden, in Chur einen Privatwagen

gemietet, ohne über die Eigenschaften der Pferde und des Kutschers

uns zu unterrichten. Nach einigen Stunden leidlicher Fahrt begegneten

wir einem italienischen Orgeldreher, der seinen Leierkasten mit einer

buntgefärbten Decke überzogen hatte. Davor scheute das eine Pferd,

der Kutscher verlor die Herrschaft über die Tiere, und wir stürzten,

nachdem das schlechte Geländer durchbrochen war, von der Straße etwa 5

m bergab, glücklicherweise auf eine Wiese. Ich hatte das Unglück kommen

sehen, war aufgestanden und wollte aus dem Wagen herausspringen. Es war

aber zu spät und ich flog in weitem Bogen aus dem Gefährt heraus in

die Wiese hinein. Ich bin niemals in meinem Leben vom Boden so rasch

wieder aufgesprungen, weil ich fürchtete, daß der Wagen nachkommen

würde. Der war aber inzwischen ganz umgeschlagen und stark beschädigt

liegen geblieben. Auch ~Fleischer~ war herausgeflogen und hatte sich

einen Arm ziemlich stark verstaucht. Merkwürdigerweise blieben die

Schuldigen, d. h. der Kutscher und die Pferde, ganz unverletzt. Der

Absturz war auf etwa 500 m Entfernung von den Gästen eines kleinen

Schwefelbades Alvaneu beobachtet worden, und als wir dort einkehrten,

um uns durch ein Mittagsmahl von dem Schrecken zu erholen, wollte

die Tischgesellschaft es nicht glauben, daß Männer, die soeben einer

wirklichen Lebensgefahr entgangen waren, Lust zum Essen haben

könnten. Ich hatte nun die Freude am Wagenfahren verloren. Wir gaben

deshalb unsere Koffer auf die Post und machten den Rest des Weges nach

Pontresina zu Fuß. Hier bin ich nur einige Wochen geblieben, weil der

Aufenthalt in der trockenen und abends kalten Luft, das Unternehmen

verschiedener kleiner Gletschertouren und das abendliche stundenlange

Verweilen in einer rauchigen Bierkneipe meinem Katarrh nur schädlich

waren. Ich zog es deshalb vor, nach dem niedriger gelegenen Kurort

Flims in Graubünden zu gehen, wo ich mit Freund ~Königs~ zusammentraf

und einige vergnügte Wochen verbrachte. Hier habe ich auf eigentümliche

Art den Präsidenten des Schweizer Schulrats ~Kappler~ kennen gelernt.

In dem mit dem Hotel verbundenen Bierhause war nämlich allabendlich

eine Gesellschaft von älteren Schweizer Herren versammelt, die sich mit

dem in der Schweiz üblichen Kartenspiel »Jass« vergnügten. In diesem

kleinen Kreise zeichnete sich durch Lebhaftigkeit, originelles Äußere

und kräftige Witze ein alter Herr so sehr aus, daß wir uns nach seinem

Namen erkundigten. Es war Herr ~Kappler~, den alle jungen Dozenten

der Naturwissenschaften in Deutschland dem Ruf nach kannten. Unsere

Neugierde war dem alten Herrn verraten worden. Er hat sich dann auch

erkundigt, und als wir am nächsten Tage bei Tisch saßen, schickte

er den Kellner zu mir mit der Frage, ob ich der ~Otto~ oder der

~Emil~ wäre; denn er war über die jungen Naturforscher in Deutschland

ausgezeichnet unterrichtet. Wir sind dann in persönliche Berührung

gekommen, und er sprach sofort den Wunsch aus, daß ich die Professur

der Chemie am Polytechnikum in Zürich übernehmen möchte, da ~Victor

Meyer~ am Ende des nächsten Wintersemesters nach Göttingen übersiedeln

werde. Als ich ihm erwiderte, daß ich augenblicklich leidend sei und

erst meinen Katarrh kurieren müsse, wollte er mit Rücksicht auf mein

gesundes Aussehen nichts davon wissen und wiederholte mehrere Wochen

später das Angebot brieflich, nachdem er seinen Kollegen im Schulrat

Bericht erstattet hatte. Der Ruf war sehr verlockend, da ein prächtiges

neues Institut für Chemie gebaut werden sollte, wozu die Pläne von

~Victor Meyer~ und ~Lunge~ in Verbindung mit einem ausgezeichneten

Baumeister schon fertiggestellt waren. Auch hätte es für mich einen

Reiz gehabt, der Nachfolger ~Meyers~ zu werden, aber ich war doch zu

unsicher, ob ich bei meinem Gesundheitszustand den Anstrengungen der

Züricher Professur gewachsen sein würde, denn ~Meyer~ war doch zuletzt

auch zusammengebrochen und hatte lebhafte Klage über das aufreibende

Leben und Treiben in Zürich geführt. So lehnte ich denn wieder ab.

Auf der Rückreise von Flims drohte mir wieder die Gefahr eines

Wagenunglücks, denn als ~Königs~ und ich von dort in einem Zweispänner

nach Chur fuhren, stürzten unmittelbar vor dem Hotel auf dem glatten

Pflaster beide Pferde zur Erde. Glücklicherweise blieben wir im Wagen

unversehrt, aber meine Abneigung gegen Wagenfahrten ist durch den

Vorfall noch verstärkt worden.

Den Rest der Ferien verbrachte ich in Südtirol, Brixen und Meran,

wo aber infolge der Hitze und des Staubes der Bronchialkatarrh auch

nicht völlig ausheilte. Die Folge davon war, daß ich bei einem kurzen

Aufenthalt in München mir sofort einen neuen akuten Katarrh zuzog und

kränker nach Erlangen zurückkehrte, als ich es im August verlassen

hatte. Ich kam deshalb zu der Überzeugung, daß eine längere ernsthafte

Kur nötig sei und nahm langen Urlaub, der mir vom Ministerium in

München in der freundlichsten Weise gewährt wurde. Damit aber das

Institut nicht ganz verwahrlost bleiben sollte, so schlug ich der

Fakultät vor, meinen Vetter ~Otto Fischer~, der in München Privatdozent

der Chemie war, als provisorischen Vertreter für die Zeit der Krankheit

anzunehmen. Das ist auch geschehen, und hat dann zur Folge gehabt, daß

er ein Jahr später, als ich nach Würzburg übersiedelte, definitiv mein

Nachfolger wurde. Der Vetter hat nicht allein meine Vorlesungen und die

Leitung des Laboratoriums, sondern sogar die Wohnung einschließlich

der Haushälterin für die Zeit meines Urlaubs übernommen. Ich bin noch

bis Ende November in Erlangen geblieben, um ihn in alle Geschäfte

einzuführen, und während dieser Zeit hatte ich das besondere Vergnügen,

Herrn Kappler aus Zürich nochmals zu sehen. Nach meiner Ablehnung

hatte er sich trotz seines hohen Alters und seiner schlechten Augen

entschlossen, eine Rundfahrt durch Deutschland zu machen, um die jungen

Dozenten der Chemie kennen zu lernen. Begleitet von seiner Tochter

erschien er auch in Erlangen, um die Bekanntschaft meines Vetters zu

machen und seine Vorlesungen zu besuchen. Ich lud ihn zu Tisch, und als

wir vergnüglich getafelt hatten und er mich in guter Laune glaubte,

machte er einen letzten Versuch, mich zu gewinnen. Er behauptete dabei,

daß ich gar nicht so krank sei, er riskiere es ruhig mit mir und

dann setzte er mit erstaunlicher Beredsamkeit die Vorzüge von Zürich

auseinander, wobei er besonders die Annehmlichkeiten betonte, welche

dort einem Junggesellen durch die Freiheit der Sitten geboten seien.

Da er aber bald einsehen mußte, daß er mit mir kein Geschäft machen

könne, so beschränkte er sich schließlich darauf, mir eine Reihe von

interessanten Begebenheiten aus seinem Leben, vermischt mit köstlichen

Schnurren, zu erzählen. Er war ein vortrefflich unterrichteter, sehr

kluger Mann, mit allen guten Eigenschaften des Schweizers ausgestattet,

der keine Mühe scheute, seinem geliebten Polytechnikum die

bestmöglichen Lehrkräfte zuzuführen. Die große Blüte dieser Schule ist

damals sicherlich zum erheblichen Teil das Werk von ~Kappler~ gewesen.

Als ich ihm 4 Jahre später von Würzburg meine Verlobung anzeigte,

schrieb er mir einen ebenso liebenswürdigen wie interessanten Brief.

Das einzige, was ihm leid tue, sei, daß die Verlobung nicht in Zürich

erfolgte. Dann kam eine lange Auseinandersetzung über die Bemühungen

der Schweiz, auf dem weiten Gebiete des Unterrichts verhältnismäßig

mehr zu leisten, als die europäischen Großstaaten, wo so viel geistige

Kräfte durch die Politik und das Militär in Anspruch genommen seien.

Als er in Erlangen von mir Abschied nahm, sagte er: da ich nicht zu

haben sei, so werde er sich jetzt um keinen fremden Rat mehr kümmern

und einfach seiner Nase nachlaufen, um einen möglichst guten Nachfolger

für ~Meyer~ zu gewinnen. Seine Wahl ist dann auf ~Hantzsch~ gefallen.

Anfangs Dezember verließ ich Erlangen, und da mir der dauernde

Aufenthalt in den Kurorten zuwider geworden war, so ging ich zuerst

zu meinem Schwager ~Arthur Dilthey~ in Rheydt, der ein behaglich

eingerichtetes, mit Zentralheizung versehenes Haus besaß und mich

ebenso liebenswürdig wie scherzhaft zur Kur in der Winterfrische

zu Rheydt eingeladen hatte. Hier habe ich drei vergnügte Monate

zugebracht. Der Tag wurde zu größeren Spaziergängen benutzt, und abends

spielte ich, angeblich um die Stimme zu schonen, mit dem Schwager und

~August Fischer~ Skat. Dabei passierten aber so komische Dummheiten,

daß wir aus dem Lachen nicht herauskamen, und da auch fleißig Wein

getrunken wurde, so war es nicht gerade die Kur, die für die Heilung

des Katarrhs nötig gewesen wäre. Aber er wurde auch nicht schlimmer und

meine Gemütsverfassung hatte sich in dem lustigen rheinischen Kreise

außerordentlich gebessert. Selbstverständlich kam ich auch mit meinen

anderen Schwägern und den Schwestern häufig zusammen, und die alte

Tante »~Lisettchen~« ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, den Neffen

von Zeit zu Zeit einzuladen.

In der Weihnachtswoche kam es bei meinem Schwager zu einem kleinen

Brand, der recht üble Folgen hätte haben können. Der in der trockenen

Luft der Zentralheizung ganz ausgedörrte Christbaum wurde auf Wunsch

der Kinder nochmals angezündet. Dabei fingen die harzreichen Nadeln

Feuer und in kurzer Zeit war der ganze Baum am Brennen. Mir selbst

war das kein ungewohntes Schauspiel, da man im Laboratorium ja öfters

solche raschen Brände erlebt. Aber auf die Familie meines Schwagers,

besonders auf die Kinder machte es einen ganz lähmenden Eindruck, und

die Erzieherin der Kinder war so außer Fassung, daß sie direkt in das

Feuer hineinlaufen wollte, um zu löschen. Mir blieb nichts anderes

übrig, als sie und die Kinder mit einiger Gewalt vor die Tür zu setzen,

und dann das Kommando auszugeben: »Ruhig ausbrennen lassen.« Das war

in einer halben Stunde geschehen, einige Vorhänge waren mitverbrannt,

einige Bilder und Teppiche beschädigt. Dem Umgreifen des Feuers hatten

wir mit ein paar Eimern Wasser gewehrt und die Sache war erledigt.

Ich habe seitdem immer davor gewarnt, Christbäume in Häusern mit

Zentralheizung nach mehrtägigem Stehen nochmals anzuzünden.

Bei der Weihnachtsbescherung passierte eine schnurrige Geschichte, die

bezeichnend ist für den Kunstsinn der Kinder. Mein Schwager hatte als

Geschenk einen Gipsabguß der Büste der Venus von Milo bekommen, die von

den Kindern wegen der abgeschnittenen Glieder nicht sehr freundlich

kritisiert wurde. Plötzlich erhebt die kleine ~Else~ die Frage:

»Was hat die da für Buckel auf der Brust?«, worauf der noch jüngere

sechsjährige ~Alfred~ ihr antwortete: »Wie dumm, Else, das sind doch

Furunkel.«

Im Februar 1885 entschloß ich mich, das Frühjahr am Mittelmeer zu

verleben, und mein Freund ~Victor Meyer~, der inzwischen ebenfalls

nervös erkrankt war und an heftiger Neuralgie litt, riet mir nach

Ajaccio auf Corsica in den Schweizer Hof der Frau Dr. ~Müller~ zu

gehen. Niemals ist mir ein besserer Rat bezüglich eines Kurortes

erteilt worden. Die Reise ging über Paris und Marseille. Als ich in

Paris abends einen kleinen Spaziergang auf dem Boulevard machte, verlor

ich meine goldene Uhr und merkte es erst, als ich etwa 20 Schritte

weiter gegangen war. Ich kehrte natürlich sofort um und hatte auch das

Glück, die Uhr noch auf dem Boden zu finden, obschon eine ganze Reihe

von Menschen die Stelle passiert hatten.

In Marseille kam ich mit einem großen Kreditbrief eines Cölner

Bankhauses an, der auf eine ziemlich hohe Summe ausgestellt war, weil

ich die Absicht hatte, an den Aufenthalt in Corsica eine Seereise

nach Brasilien anzuschließen. Als ich mit diesem Brief in dem

Geschäftshause, auf das es ausgestellt war, einige 1000 Frcs. abheben

wollte, erklärte man mir, die Kasse enthielte so viel nicht. Es gab

ein großes Gelächter, und ich mußte warten, bis das Geld von der Bank

herbeigeschafft war. Marseille, das ich schon kannte, hat mir wegen

seiner prächtigen Lage und der hübschen Hafenbauten immer von neuem

sehr gefallen.

Die Seefahrt nach Ajaccio, die etwa 20 Stunden dauerte, ist mir noch

in freundlicher Erinnerung. Die Franzosen waren bei der Tafel von

ausgezeichneter Höflichkeit. Auf dem Schiff befanden sich auch eine

Reihe von Sträflingen, die in Corsica eine längere Gefängnisstrafe

abbüßen sollten. Sie unterhielten sich gegenseitig in der lauen,

sternenklaren Nacht bei ganz ruhiger See mit Gesang und übermütigen

Scherzen. Von dieser Fröhlichkeit wurde die ganze übrige Gesellschaft

beeinflußt, und bei mir kam das angenehme Gefühl hinzu, daß die milde

feuchte Luft des Mittelmeers für die erkrankten Schleimhäute meiner

Atmungswege das richtige Kurmittel sei.

Früh morgens sahen wir schon die Schneeberge Corsicas winken und bei

der Einfahrt in Ajaccio bot sich uns ein so prächtiger Anblick, wie ihn

nicht viele Orte des Mittelmeeres gewähren.

Im Gasthof wurde man besonders freundlich empfangen, da der Besuch

infolge der Choleraepidemie des vergangenen Sommers noch recht schwach

war.

Corsica hat in den Monaten März und April so gute klimatische

Verhältnisse, wie wenige Orte am Mittelmeer, sehr viel Sonne und

mittags die kühle frische Seebrise, abends bei Sonnenuntergang nochmals

eine kurze Periode der Abkühlung und dann gleichmäßige Temperatur

bis tief in die Nacht hinein. Da man außerhalb der Stadt wohnte,

blieb man auch von jedem Staub verschont, der an der Riviera die

Menschen so stark belästigt; denn es gab in Corsica wohl Straßen,

aber keine Fuhrwerke darauf. Unter diesen günstigen Bedingungen

ist mein Bronchialkatarrh in 8 Wochen geheilt. Es blieb aber eine

Neigung zu akuten Rückfällen, die mich noch einige Jahre nötigte,

Erkältungen und auch die schädlichen Gase des Laboratoriums so weit

wie möglich zu vermeiden. Erst nach 33 Jahren bin ich wieder von einem

influenzaartigen Bronchialkatarrh überfallen worden, der nicht heilen

wollte, und nach sechs Wochen zu einer Lungenentzündung führte. Diese

doppelte Erkrankung war dann der Grund, im April und Mai 1918 zur

Erholung sechs Wochen in Locarno am Lago Maggiore zuzubringen, und

die unfreiwillige Muße habe ich benutzt, um den ersten Teil dieser

Erinnerungen niederzuschreiben.

Corsica ist ein wildes Gebirgsland, dessen höchste Spitzen, der Monte

d'Oro und Monte Rotondo, ewigen Schnee und sogar kleine Gletscher

tragen. Der Hauptgebirgsstock besteht aus Granit, der hier durch den

am Mittelmeer überwiegenden Kalk durchbrochen ist. Von der Wildheit

der Natur ist etwas auf die Einwohner übergegangen; denn sie sind

bekannt als kühne Krieger und rühmen sich gerne als die Landsleute

von Napoleone Buonaparte. Seit Jahrhunderten üben sie die Blutrache,

und noch zu meiner Zeit gab es ein Dorf in entlegener Gegend, das

fast ausschließlich von solchen Mördern bewohnt war, die sich hierher

geflüchtet hatten und der französischen Gendarmerie nicht selten

bewaffneten Widerstand entgegensetzten. Die barbarischen Sitten des

Landes sind in dem bekannten Buche von ~Gregorovius~ genau geschildert,

und wer sie in anmutiger Schilderung kennen lernen will, der lese die

vortreffliche Novelle von ~Prosper Merimée~ »Colomba«. Die Wahrung

der Familienehre erschien den Corsen seit Jahrhunderten als erste

Pflicht. Wir haben davon ein treffliches Beispiel miterlebt. In einem

benachbarten Hotel hatte ein Rechtsanwalt aus Zürich versucht, ein

corsisches Dienstmädchen zu gewinnen. Der Erfolg war negativ. Aber

nach kurzer Zeit erschienen zwei Verwandte des Mädchens, Bauern aus

der Umgegend, natürlich bis an die Zähne bewaffnet, und ersuchten den

Rechtsanwalt um eine Unterredung. Dieser war klug genug, zu erklären,

er habe dem Mädchen einen ehrlich gemeinten Heiratsantrag gemacht.

Das wirkte beruhigend und die beiden Männer entfernten sich, nachdem

sie noch den dringenden Rat erteilt hatten, er möge das Mädchen nicht

weiter belästigen. Nach der Aussage von Sachverständigen würden diese

Männer den Rechtsanwalt, falls er nicht eine der Familienehre genügende

Erklärung abgegeben hätte, im Hotel niedergeschossen haben.

Geschossen wurde überhaupt in Corsica viel zu viel; denn die Jagd

war frei und jeder erwachsene Mann hielt sich für verpflichtet,

davon Nutzen zu ziehen. Bei weiteren Spaziergängen mußte man in der

Tat einige Vorsicht gebrauchen, um nicht von leichtsinnigen Jägern

angeschossen zu werden. Für die friedliche Arbeit scheinen die

Corsen wenig geschaffen zu sein; denn die Landeskultur war durchweg

vernachlässigt, und wo fleißige Arbeiter am Werk waren, konnte man

sicher sein, daß es geworbene Italiener vom Festlande waren.

Da mein Katarrh geheilt war und mir die Nachricht zuging, daß durch

den Tod von ~Kolbe~ demnächst eine Verschiebung der Professuren der

Chemie stattfinden werde, so gab ich die Reise nach Südamerika auf

und kehrte über die Schweiz nach Erlangen zurück. Auf der Durchreise

habe ich in Genf ~Carl Graebe~ besucht, der mir das neue, mit großem

Geldaufwand gebaute Universitätslaboratorium zeigte. Wir sind später

noch öfter während der Ferien in der Schweiz oder im Schwarzwald

zusammengetroffen, und ich werde noch mehr über diesen vortrefflichen

Mann zu sagen haben.

Da mein Urlaub bis zum Herbst lief, so habe ich mich nur einige

Wochen in Erlangen aufgehalten, um meinen Vetter ~Otto~ und die

anderen Freunde zu begrüßen, und bin dann zum längeren Aufenthalt

nach Badenweiler in den Schwarzwald gegangen. Auf der Hinreise machte

ich kurze Rast in Frankfurt und besuchte die Höchster Farbwerke,

den dort tätigen Freund ~Vongerichten~ und vor allem auch Herrn Dr.

~Lucius~, Mitinhaber der Firma, der mir vorher einen Besuch in Erlangen

abgestattet hatte. Ich wurde nicht allein in der Fabrik, sondern auch

in der Familie ~Lucius~ auf das Freundlichste aufgenommen und bin mit

dem Hausherrn bis in die Berliner Zeit hinein in Verkehr geblieben.

Aus meinem Leben(#75055) · 第 10 / 16 题