In Badenweiler mit seiner prächtigen Umgebung habe ich das

Schlaraffenleben von Corsica etwa noch 5 Wochen fortgesetzt, bis

eines Tages eine Depesche von dem Würzburger Professor ~Semper~

eintraf, der mich zu einer Unterredung nach Heidelberg einlud. Es

war mir bereits bekannt, daß ~J. Wislicenus~ als Nachfolger von

~Kolbe~ nach Leipzig berufen war, und daß die Würzburger Professur

für Chemie neu besetzt werden mußte. Daß man an mich denken würde,

hielt ich für unwahrscheinlich, da ich wegen Krankheit mich in Urlaub

befand und solche Dinge gerüchtweise immer stark übertrieben werden.

In der Tat hatte auch die Fakultät in Würzburg auf mich verzichtet

und ~O. Wallach~ dem Ministerium zu München vorgeschlagen. Ehe aber

dort die Entscheidung fiel, hatte Fräulein ~Bertha Strecker~ aus

München, die Schwester von Frau ~Leube~, in Erlangen erfahren, daß ich

wieder gesund sei und diese Nachricht nach Würzburg überbracht. Das

veranlaßte Professor ~Semper~, Mitglied der philosophischen Fakultät,

die Möglichkeit meiner Berufung wieder in Erwägung zu ziehen, und zu

dem Zweck die Zusammenkunft mit mir zu veranstalten. Sie fand statt

im Hotel Schlieder zu Heidelberg, und, wie ich bald merkte, lief

sie hinaus auf eine Prüfung meines Gesundheitszustandes, wozu sich

offenbar ~Semper~ als Zoologe besonders geeignet hielt. Als später

die Sache in Würzburg ruchbar wurde, erzählten sich die Leute dort,

man habe mich von einem Tierarzt untersuchen lassen. Genug, ~Semper~

machte mir den Vorschlag, einen Spaziergang zum Schloß zu unternehmen.

Obschon er viel älter war als ich, schlug er absichtlich einen raschen

Schritt an, so daß er ganz atemlos oben ankam, während ich, an das

Bergsteigen damals gewöhnt, mich bei dem Tempo sehr behaglich fühlte.

Dann kam die zweite Probe, ~Semper~ schlug vor, eine Flasche Sekt

zu trinken. Auch das war mir nicht unsympathisch, da der Genuß von

Wein zu meinen Gewohnheiten gehörte. Der Erfolg dieses Frühstücks

war dann auch, wie man erwarten konnte, eine leichte Betrunkenheit

des älteren Herrn ohne Mitleidenschaft des jüngeren Kollegen. Das

Examen war bestanden. ~Semper~ reiste nach Würzburg zurück, erklärte

seinen Fakultätsgenossen, »der ~Fischer~ ist ein ganz starker,

leistungsfähiger Mann, der uns alle überleben wird«, worin er auch

recht behalten hat. Infolgedessen ging ein neuer Vorschlag der Fakultät

nach München und etwa einem Monat später erhielt ich wirklich vom

Ministerium den Ruf nach Würzburg. Um ~Wallach~ hat es mir leid getan,

denn er war über den ersten Vorschlag der Fakultät unterrichtet. Aber

ich konnte deshalb nicht zurücktreten, und da mir der Wechsel nach

Würzburg außerordentlich sympathisch war, so nahm ich das Angebot des

Ministeriums gerne an.

Zuvor hatte ich einen mehrwöchigen Aufenthalt in Homburg v. d. Höhe

genommen, von dem mir zwei Ereignisse in Erinnerung geblieben sind.

Zunächst wieder ein Wagenunglück. Ich besuchte die mir von Lebzeiten

ihres Gemahls her wohlbekannte Frau Dr. ~von Brüning~, geb. ~Spindler~

aus Berlin auf ihrem prächtigen Landsitz bei Homburg und sie lud mich

zu einer Wagenfahrt ein. Ich suchte das abzulehnen mit der Motivierung,

daß das Wagenfahren für mich zu viele Gefahren bringe. Sie ließ diese

Bedenken aber nicht gelten, weil Pferde und Kutscher bei ihr durch

langjährige Dienste bewährt seien. Wie fuhren also in Begleitung ihres

Sohnes nach der nahegelegenen Saalburg im Taunus. Als wir uns glücklich

wieder auf dem Rückweg und auf der ebenen Landstraße befanden, stieß

plötzlich der Kutscher einen Schrei aus und fiel bewußtlos vom Bock.

Die Zügel schleiften natürlich an der Erde. Glücklicherweise trabten

die alten Pferde ruhig weiter, bis der junge ~Brüning~ vom Wagen auf

den Bock klettern und dort die Zügel fassen konnte. So ging die Sache

ohne Schaden für uns vorüber. Der kranke Kutscher wurde nun in den

Wagen gesetzt und nach Hause gefahren. Wir folgten zu Fuß und Frau

~von Brüning~ war doch etwas erschüttert durch das prompte Eintreffen

meiner Unglücksprophezeiung. Sie hat daraus die Konsequenz gezogen, in

Zukunft neben den Kutscher stets noch einen Diener auf dem Bock sitzen

zu lassen.

Zufälligerweise hatte auch die Familie ~Meister~ in Homburg eine

Sommerwohnung bezogen und auf meinen Besuch hin wurde ich zu einer

Abendgesellschaft zugezogen, an der die Fürstin Bismarck und ihr Sohn

Herbert teilnahmen. Es war mir natürlich sehr interessant, die nächsten

Angehörigen des großen Reichskanzlers kennen zu lernen. Sie gaben sich

als einfache natürliche Menschen. Besonders galt das von der Fürstin,

die in fast burschikoser Weise von ihrer eigenen Person redete.

Frau ~Meister~ war die Schwester von Frau ~Lucius~ und beide waren

wieder die Töchter eines Kunstmalers aus Frankfurt a. M., in dessen

Haus Bismarck verkehrt hatte, als er preußischer Gesandter beim

Bundesrat in Frankfurt war. Daher stammte die Freundschaft zwischen

den beiden Damen und der Familie Bismarck, und das hatte mir die

unerwartete Ehre eingetragen, mit der Fürstin und ihrem Sohn

zusammenzutreffen.

Inzwischen war der Würzburger Ruf eingetroffen. Ich ging deshalb

nach Erlangen, um den Umzug vorzubereiten und machte bald nachher

einen Besuch bei ~J. Wislicenus~ in Würzburg, um mich bei ihm über

die dortigen Verhältnisse, insbesondere auch über die Einrichtungen

des Instituts zu unterrichten. Wir kannten uns schon von den

Naturforscherversammlungen und von festlichen Veranstaltungen der

Universitäten Würzburg und Erlangen.

Er war eine sympathische Persönlichkeit, von sehr würdiger äußerer

Erscheinung und liebenswürdigem Wesen. In seiner kinderreichen

Familie herrschte er wie ein Patriarch. Von seinen Schülern wurde er

allgemein verehrt als wohlwollender Lehrer und vornehmer Charakter.

Die Universität Würzburg hatte ihn zweimal zum Rektor gewählt, und

als solcher hat er das 300jährige Jubiläumsfest der Hochschule in

mustergültiger Weise geleitet. Sein Lebenswerk ist in einer von

~Beckmann~ verfaßten Biographie geschildert und niemand wird die

Verdienste leugnen wollen, die ~Wislicenus~ durch seine Arbeiten über

Milchsäure, die Acetessigester-Synthese und namentlich später durch die

vielen Anregungen auf stereo-chemischem Gebiete erworben hat. Aber als

Chemiker und Naturforscher repräsentierte er doch einen ganz anderen

Typ wie ~Baeyer~, ~Hofmann~ oder ~Liebig~ und ~Wöhler~. Ihm kam es mehr

darauf an, vorgefaßte theoretische Ansichten durch ein Experiment zu

prüfen, als empirisch den Erscheinungen zu folgen und auf unerwartete

Vorgänge zu fahnden. Untersuchungen, wo große experimentelle

Schwierigkeiten zu überwinden waren, hätte er wahrscheinlich nicht

anstellen können. Dem entsprach auch die ziemlich dürftige Einrichtung

des Würzburger Instituts, das von ~Scherer~ 20 Jahre früher erbaut

worden war, ohne an die Bedürfnisse unserer rasch fortschreitenden

Wissenschaft zu denken. Das erste, was ich in Würzburg tat, war der

Vorschlag, die ganz ungenügende Ventilation durch Anlage neuer Abzüge

zu verbessern. ~Wislicenus~ hat mich dabei in liebenswürdigster

Weise unterstützt und bei dem Verwaltungsdirektor der Universität,

Professor ~Risch~, der aus den Einkünften der Hochschule ziemlich große

Mittel zur Verfügung hatte, meine Forderung warm befürwortet. Die

Verhandlungen endigten denn auch mit einer Bewilligung von etwa 6000

Mk. Dafür verlangte ~Risch~ von mir das feierliche Versprechen, daß ich

niemals mehr die Mittel der Universität in Anspruch nehmen würde. Ich

gab dasselbe lachend mit der Bemerkung, daß ich es bei der nächsten

Gelegenheit brechen würde. Das ist schon nach einigen Jahren geschehen,

und ich muß zu Ehren des Kollegen ~Risch~ zufügen, daß er für meine

Wünsche immer eine offene Hand gehabt hat. Die kleinen Neueinrichtungen

im Institut wurden während der Ferien ausgeführt, so daß Ende Oktober

alles für die Arbeit bereit war. Für die Anlage der Abzüge hatte ich

ein sehr einfaches System ausgedacht. Tonröhren, wie man sie für Aborte

verwendet, wurden an die Wände gelegt, mit eisernen Schellen befestigt,

über Dach geführt und dort durch einen zweckmäßigen Aufsatz gegen die

schädliche Wirkung des Windes geschützt. Unten, im Arbeitsraum war

ein Kniestück eingesetzt, um das Herabfallen des Schmutzes aus den

Röhren zu verhindern. Um diese untere Öffnung des Rohres wurde dann der

eigentliche Abzug in Holz und Glas gebaut. Eine Lockflamme in dem Rohr

besorgt den nötigen Luftzug. Diese einfache Form des Abzuges läßt sich

in jedem Gebäude anbringen und ist deshalb höchst empfehlenswert, wo

es sich darum handelt, provisorische Laboratorien in fertigen Häusern

einzurichten.

Von Erlangen waren mit übergesiedelt ~J. Tafel~ und die Familie

~Knorr~, die jetzt außer dem jungen Ehepaar noch einen Sohn zählte. Da

sich für letztere keine passende Wohnung fand, so machte es mir ein

Vergnügen, sie in die große Dienstwohnung des Instituts aufzunehmen,

bis sie im Frühjahr ein Quartier außerhalb fand.

Die alten Assistenten des Instituts waren ~J. Wislicenus~ nach Leipzig

gefolgt. Dagegen hatte er mir seinen Sohn ~Wilhelm~ zurückgelassen,

dem ich gerne eine Assistentenstelle anvertraute, und der mir auch ein

sehr lieber Freund geworden ist. Er konnte ebenfalls noch im Institut

Quartier nehmen.

~Knorr~, der schon in Erlangen sich habilitiert hatte, wurde auf meinen

Antrag ohne weiteres von der Würzburger Fakultät als Privatdozent

übernommen und von mir mit der Leitung der analytischen Abteilung im

Institut betraut. Für diese war der einzige große Arbeitssaal des

Hauses reserviert, während die organische Abteilung sich mit einem

kleinen Anbau und dem darunter befindlichen Keller begnügen mußte.

Alles das war recht dürftig und auch recht unpraktisch angelegt. Der

Hörsaal war ziemlich geräumig, weil man ihn von vornherein auf die

große Zahl von Medizinern berechnet hatte, aber auch seine Einrichtung

ließ viel zu wünschen übrig.

Mein Privatlaboratorium bestand aus einem einzigen einfachen

Wohnzimmer, und als Raum für Wägungen und optische Untersuchungen

mußten wir das danebenliegende Sprechzimmer benutzen. Trotzdem sind

hier die experimentell recht schwierigen Zuckerarbeiten ausgeführt

worden. Zunächst begann ich aber mit der Ausbildung der schon in

Erlangen begonnenen Synthese von Indolderivaten aus Phenylhydrazonen.

Daran nahmen auch die meisten Doktoranden teil, wodurch das Institut

gleich in einen recht schlechten »Geruch« kam; denn der Hauptstänker,

das Skatol, das wir in recht stattlichen Mengen darstellen konnten,

wurde von den Praktikanten in die Gast- und Wohnhäuser der Stadt

hineingetragen und gab zu mancherlei Klagen Anlaß. Von der Haftbarkeit

seines Geruches habe ich selbst ein drastisches Beispiel erlebt.

In den Osterferien 1886 unternahm ich nämlich eine zweite Reise

nach Corsica und führte dabei die Lodenjoppe mit, die ich während

des Winters im Laboratorium getragen hatte und die mir bei kleinen

Bergtouren auf der Insel dienen sollte. Als mein Koffer an der

französischen Grenze vor der Zollbehörde geöffnet wurde, verweigerte

der Beamte mit einer Gebärde der Entrüstung die weitere Durchsicht und

verlangte schleunige Schließung des Koffers; denn aus diesem war ein

starker Skatolgeruch aufgestiegen und hatte offenbar bei dem Beamten

den Eindruck hervorgerufen, daß in dem Koffer sehr stark mit Kot

beschmutzte Wäsche enthalten sein müßte. Noch schlimmer ging es mir in

dem Schweizer Hof in Ajaccio. Ich hatte dort ahnungslos meine Kleider

im Zimmer aufgehängt. Aber nach einigen Tagen erschien die Wirtin und

richtete an mich die ängstliche Frage: »Um Gotteswillen, was fangen

Sie auf Ihrem Zimmer an, die Nachbarschaft beschwert sich über den

schlechten Geruch, der von dort kommt?« Jetzt wußte ich sofort, wo die

Schuld lag, und die fatale Joppe wurde nun 14 Tage ins Freie in die

corsische Sonne gehängt. Als ich sie aber wieder einpackte und nach

Deutschland zurückkehrte, war der Geruch zwar stark vermindert, aber

noch keineswegs verschwunden.

In Würzburg hatte ich von vornherein das Glück, daß mir eine Reihe

tüchtiger junger Doktoranden zuzogen. Ich erwähne zunächst ~A.

Schlieper~, Sohn des Kattundruckers ~Adolf Schlieper~ in Elberfeld, der

30 Jahre vorher durch seine Beobachtungen in der Harnsäuregruppe ~Adolf

Baeyer~ Veranlassung gab, sich mit diesen Stoffen zu beschäftigen.

Der Sohn ist sein Nachfolger geworden und steht, wenn ich nicht irre,

noch an der Spitze des Geschäftes ~Baum & Co.~ Eine ebenso rühmliche

Laufbahn hat ~C. Steche~ gemacht, der zur selben Zeit nach Würzburg

kam. Er ist jetzt der Leiter der großen Riechstofffirma ~Heine & Co.~

in Leipzig. Dann ~Ahrheidt~, später Beamter der Badischen Anilin- &

Sodafabrik. ~Friedrich Ach~ aus Würzburg, ein ebenso begabter wie

fleißiger Chemiker, der nebenher auch ein eifriger Corpsstudent

war und mit dazu beitrug, daß seine Corpsbrüder die Vorlesungen

nicht vernachlässigten. Er ist nach Beendigung der Studien in

die Alkaloidfabrik von ~C. F. Böhringer & Söhne~ in Waldhof bei

Mannheim eingetreten und hat dort als Leiter des wissenschaftlichen

Laboratoriums großen Anteil an der technischen Ausarbeitung der

Kaffeinsynthese genommen. Darüber werde ich aus der Berliner Zeit noch

berichten. Leider ist er frühzeitig an Psoriasis und Nephritis zugrunde

gegangen.

Ferner ~Jacob Meyer~, der später selbständig das Tannigen entdeckte,

jetzt seit einer Reihe von Jahren im Berliner Institut technische

Probleme verschiedenster Art bearbeitet und mir bei der Verwaltung des

Instituts eine wesentliche Hilfe leistet.

Im Sommer 86 wandte ich mich wieder den schon in Erlangen entdeckten

Osazonen der Zucker zu und es gelang mir, mit Unterstützung von ~W.

Wislicenus~, der damals mein Privatassistent war, das Isoglucosamin zu

gewinnen. Bald darauf, nachdem die Indolarbeiten abgeschlossen waren,

begannen die Synthesen in der Zuckergruppe, die mich bis zum Ende der

Würzburger Periode vorzugsweise beschäftigt haben. Die Zahl meiner

Mitarbeiter ist hier so groß gewesen, daß ich sie nicht alle anführen

kann, aber ich halte mich doch für verpflichtet, drei besonders zu

nennen. Zuerst ~J. Tafel~, der an der Oxydation der mehrwertigen

Alkohole und der Verwandlung von Glycerose oder Acroleindibromid in

den ersten synthetischen Zucker mit 6 Kohlenstoffatomen, die Acrose,

teilgenommen hat. Das waren sehr mühsame und zum Teil auch recht

gesundheitsschädliche Arbeiten.

Um genügende Mengen von Acrose in Form von Osazon zu gewinnen, haben

wir einige Wochen zusammen in den Farbwerken Meister Lucius & Brüning

zu Höchst a. M. mit den großen Hilfsmitteln der Fabrik Acrolein und

sein Dibromid dargestellt. Das große Gefäß, aus dem das Acrolein

destilliert wurde, befand sich im Freien, und die öfter wiederholte

Operation wurde an windigen Tagen ausgeführt, um dem furchtbaren Geruch

des Acroleins zu entgehen. ~Tafel~ ist einmal durch Versehen in eine

Acroleinwolke hineingeraten und bekam ein so heftiges Nasenbluten, daß

mir um seine Gesundheit bangte. Als etwas später die Schwierigkeiten

bei der Zuckerarbeit sich immer mehr auftürmten und eine glückliche

Lösung des Problems erst in weiter Ferne möglich schien, hat

~Tafel~, der für die beabsichtigte wissenschaftliche Laufbahn auch

selbständige Resultate nötig hatte, sich anderen Aufgaben zugewendet.

An seine Stelle sind dann eine Reihe von anderen Herren getreten,

unter denen ich besonders ~Josef Hirschberger~, jetzt in Brooklyn,

und ~Heller~, jetzt in Leipzig, nennen muß. Bei der speziellen

Synthese von kohlenstoffreichen Zuckern durch das Blausäure-Verfahren

haben besonders der Engländer ~Passmore~, der jetzt angesehener

Handelschemiker in London ist, und ~Lorenz Ach~ aus Würzburg, von dem

später noch die Rede sein wird, teilgenommen.

Unabhängig von mir waren die älteren Assistenten mit eigenen Problemen

beschäftigt. ~Knorr~ hatte in Erlangen schon den großen praktischen

Erfolg mit dem Antipyrin gehabt und wissenschaftlich nicht allein die

Pyrazole, sondern auch die eleganten Synthesen von Pyrrolderivaten aus

1,4-Diketonen entdeckt. Diese Funde sind in Würzburg in weitestem Maße

ausgenutzt worden. Dazu gesellte sich die Synthese des Morpholins,

von dem der Entdecker annahm, daß es den Stickstoffring des Morphins

enthalte.

Einen ebenso glücklichen Griff machte ~Wilhelm Wislicenus~ mit der

Ausdehnung der Acetessigestersynthese auf andere Ester, z. B. den

Oxalester. Wäre ihm ~L. Claisen~ nicht mit gleichzeitigen Beobachtungen

in die Quere gekommen, so hätte er damals sicherlich das ganze große

Gebiet der Kondensation von Estern untereinander oder mit Ketonen

und Aldehyden erobert. Eine andere sehr niedliche Beobachtung von

ihm war die Bildung von Natriumazid aus Stickoxydul und Natriumamid.

Um dieselbe Zeit fand ~Tafel~ die Reduktion der Hydrazone zu Aminen

mit Natriumamalgam und er hätte diese Reaktion sicherlich auch auf

die Oxime ausgedehnt, wenn nicht ~Goldschmidt~ alsbald nach ~Tafels~

Publikation solche Versuche rasch angestellt und veröffentlicht hätte.

Von den Würzburgern Schülern verdient noch besonders Erwähnung ~Oscar

Piloty~. Nachdem er im Münchener Verbandsexamen keinen Erfolg gehabt

hatte, kam er in etwas gedrückter Stimmung nach Würzburg, fand aber

rasch das Selbstvertrauen wieder, als er bei seiner Doktorarbeit

über die kohlenstoffreichen Zucker aus Rhamnose sein experimentelles

Geschick beweisen konnte. Er hat dann auch mit Erfolg promoviert

und nachher an der recht schwierigen Verwandlung der Zuckersäure

in Glucuronsäure teilgenommen. Er durfte jetzt auch ~Baeyers~

einzige Tochter ~Eugenie~, mit der er schon längst einig war,

heiraten. Das junge Paar kam nach Würzburg und dem Ehemann passierte

dabei das Unglück, daß er auf der Hochzeitsreise die militärische

Kontrollversammlung vergaß und dafür mit einer kleinen militärischen

Freiheitsstrafe belegt wurde. Zu meiner großen Freude entschloß

er sich, mit mir nach Berlin überzusiedeln, um dort fast 7 Jahre

als Assistent und später als selbständiger Leiter der analytischen

Abteilung zu wirken. Als sich aber eine Gelegenheit bot, eine

Professur an dem Münchener Laboratorium zu erhalten, zog die alte

Sehnsucht nach der bayerischen Heimat sowohl ihn wie die Gemahlin

unwiderstehlich dorthin, obschon er ein Vierteljahr später an dem neuen

Berliner Institut die gleiche Stellung, vielleicht unter noch besseren

Bedingungen, hätte haben können.

Die schönen wissenschaftlichen Leistungen ~Pilotys~, die von einem

anderen Fachgenossen in einem ausführlichen Nekrolog geschildert werden

sollen, haben mein ursprüngliches Urteil über seine experimentelle

Begabung durchaus bestätigt, und ich habe mich darüber um so mehr

gefreut, als sein Schwiegervater diese Meinung anfangs nicht teilen

wollte.

Zu Anfang des unseligen Krieges hatte ~Piloty~ das wehrpflichtige

Alter schon überschritten. Trotzdem meldete er sich aus

patriotischer Begeisterung als Freiwilliger, und ich konnte noch

durch eine Empfehlung an die bayerische Militärbehörde seine

Beförderung zum Leutnant d. R. erleichtern. An der Spitze einer

Maschinengewehrabteilung ist er in der Sommeschlacht gefallen, tief

bedauert nicht allein von der Familie, sondern auch von Freunden und

Fachgenossen, die von ihm noch manche schöne wissenschaftliche Leistung

erwarteten.

Im letzten Jahr der Würzburger Periode kam auch ein junger Däne Dr.

~Fogh~ dorthin, um eine thermochemische Arbeit, hauptsächlich über

die Verbindungen der Zuckergruppe, auszuführen. Er hatte sich zuvor

bei ~M. Berthelot~ in Paris mit den thermochemischen Methoden bekannt

gemacht und auch eine Reihe von Instrumenten von dort mitgebracht. Nur

die Verbrennungsbombe fehlte ihm, aber in den Ferien konnte er nach

Paris reisen und dort die kalorischen Verbrennungsversuche ausführen.

Die Arbeit ist in den »Comptes rendus« erschienen. Dr. ~Fogh~ ist

ebenfalls mit mir nach Berlin gegangen und dort eine Zeitlang Assistent

in der anorganischen Abteilung gewesen. Aber aus Gesundheitsrücksichten

mußte er bald Urlaub nehmen und ist schließlich nach Kopenhagen

zurückgekehrt, von wo er mir nur noch eine Verlobungsanzeige geschickt

hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.

In der großen Experimentalvorlesung über Chemie bildeten die Mediziner

den größten Teil der Zuhörerschaft, dann kamen die Apotheker und erst

in dritter Linie die Chemiker. Ich habe mich bemüht, dem gerecht zu

werden und die eigentliche Vorlesung so einfach und populär zu halten,

wie es ohne Gefährdung des wissenschaftlichen Charakters möglich ist.

Aber hinterher gab ich häufig eine Ergänzung für die Fachchemiker,

wobei nicht allein schwierigere theoretische Fragen, sondern auch

manche speziellen experimentellen Methoden zur Sprache kamen. Soweit

ich in Erfahrung bringen konnte, war diese Form des Vortrages den

Studierenden recht willkommen. Leider ist sie für den Dozenten sehr

anstrengend.

Der kollegiale Verkehr unterschied sich in Würzburg nicht unwesentlich

von den Erlanger Sitten durch die freie, meist ganz ungeschminkte

Äußerung der Meinungen und durch die Schlichtheit der Formen. Von dem

Schaugepräge akademischer Würde, wie sie in Erlangen sowohl vom Senat

als auch von der Fakultät geübt wurde, war in Würzburg wenig zu spüren,

was mich als Rheinländer besonders sympathisch berührte.

Die philosophische Fakultät bestand wie in München aus zwei Sektionen.

Unsere mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung zählte nur 6

Ordinarien, aber darunter waren mehrere durch hohes wissenschaftliches

Ansehen ausgezeichnete Personen. Das galt besonders für den

Physiker ~Friedrich Kohlrausch~ und den Botaniker ~Julius Sachs~.

Zu ~Kohlrausch~ bin ich bald in ein freundschaftliches Verhältnis

getreten; denn er war ein ebenso verständiger wie wohlwollender

Kollege und jederzeit bereit, vernünftige Wünsche zu unterstützen.

Seine ausgezeichneten Untersuchungen über das elektrische Leitvermögen

von Lösungen und seine physikalischen Konstantenbestimmungen, sowie

das von ihm verfaßte vortreffliche Lehrbuch der »Praktischen Physik«

brauche ich hier nicht näher zu besprechen, da sie den Naturforschern

genügend bekannt sind. Ich habe mit ihm an schönen Sommertagen manchen

Spaziergang unternommen und auch in seiner Familie, besonders von

seiten der liebenswürdigen Gattin, freundliche Aufnahme gefunden.

Ganz anders geartet war ~Sachs~, der berühmte Pflanzenphysiologe,

der in Würzburg eine große Schule von Botanikern geschaffen und auch

als wissenschaftlicher Schriftsteller durch ein großes Lehrbuch und

die ausführliche Geschichte der Botanik Hervorragendes geleistet

hat. Charakteristisch für seine kühne Kritik ist das vernichtende

Urteil über das von ~Linné~ aufgestellte rein schematische System der

Pflanzen. Er pflegte zu sagen, dieses System sei wie ein Pesthauch über

die Botanik gegangen und habe die schon vorhandenen gesunden Keime

eines natürlichen Systems auf lange Zeit zerstört. Zu meiner Zeit

war ~Sachs~ schon ein kranker Mann mit überreiztem Nervensystem, der

seine Launen in heftiger Weise auslassen konnte. Trotzdem ist es mir

gelungen, mit ihm einen freundschaftlichen Verkehr zu pflegen, und ich

habe bei öfteren Besuchen in seinem Institut manches gelernt, was mir

für eigene Arbeiten auf physiologisch-chemischem Gebiet Nutzen brachte.

Fremder blieb mir der Mineraloge ~Fridolin Sandberger~, ein ebenfalls

verdienter Gelehrter und ein wohlwollender Mensch, aber ein Sonderling,

der noch ungern das Deutsche Reich anerkannte und auch von der modernen

Chemie nichts wissen wollte. Er brachte das drastisch zum Ausdruck

mit der Redensart: »Chemie ist, was knallt und stinkt.« Mindestens

ebenso originell war der Zoologe ~Karl Semper~, der eine so große

Rolle bei meiner Berufung gespielt hat. Seine wissenschaftliche

Blütezeit lag auch schon eine Weile zurück. Als junger Mann hatte

er zu wissenschaftlichen Zwecken weite Reisen gemacht und über die

Philippinen und die Palaoinseln, wo er sich jahrelang aufhielt und auch

seine spätere Gemahlin kennen lernte, wertvolle Bücher geschrieben. Zu

meiner Zeit beschäftigte ihn am meisten der Plan eines Neubaues für

das zoologische Institut. Da die Bewilligung der Gelder in München

auf Schwierigkeiten stieß, so versuchte er die sonderbarsten Mittel,

um die Notwendigkeit des Baues allen Leuten klar zu machen. So hatte

er im alten Institut, das im vierten Stock des Universitätsgebäudes

untergebracht war, große Aquarien angelegt, die eines Tages schadhaft

wurden und alle darunter gelegenen Räume unter Wasser setzten. Es

blieb also nichts anderes übrig, als einen Neubau am Pleicher Ring zu

errichten, und die Einweihungsfeier wurde von ~Semper~ so eindrucksvoll

inszeniert, daß sie sicherlich jedem Teilnehmer in der Erinnerung

geblieben ist; denn zum Schluß führte er die ganze Gesellschaft, unter

der sich die Spitzen der Universitäts- und Verwaltungsbehörden sowie

eine Reihe von Damen befanden, in das Warmhaus, wo Pflanzen und Tiere

in bunter Abwechselung versammelt waren, und das mit einer ausgiebigen

Berieselungsanlage versehen war. Als die Gesellschaft sich bei Bier

und Würstchen in einer behaglichen Feststimmung befand, trat plötzlich

bei geschlossenen Türen die Berieselung in Tätigkeit, bis die ganze

Versammlung von einem tropischen Regen total durchnäßt war.

Einige Zeit später kam der Kultusminister Dr. ~Müller~, der eben sein

Amt angetreten hatte, zur Besichtigung der Universität nach Würzburg.

Sein Besuch war auch den einzelnen naturwissenschaftlichen Instituten

angekündigt, verzögerte sich aber aus irgendwelchem Grunde weit über

die angesetzte Zeit. ~Semper~, dem das Warten zu lang wurde, hatte sich

ein Frühstück von Wurst und Bier kommen lassen und war eben mit dessen

Vertilgung beschäftigt, als der Minister eintrat. Dieser begrüßte den

schmausenden Professor mit den jovialen Worten: »Ihnen scheint es

heute gut zu schmecken«, worauf die prompte Antwort erfolgte: »Wenn

Sie so lange wie ich vergeblich auf den Minister gewartet hätten,

würden Sie auch Hunger bekommen haben.« Diese freimütige, keineswegs

durch Ehrerbietung ausgezeichnete Antwort gab dem Minister Anlass,

sich bald wieder zu empfehlen. Das sind nur ein paar Proben von den

zahlreichen Schnurren, die ~Semper~ geliefert hat. Andererseits war

er ein prächtiger Mann von würdigem Äußern, voll lustiger Einfälle,

aller geselligen Unterhaltung zugetan und frei von jeder gelehrten

Pedanterie. Man spürte bei ihm die Abkunft aus der durch hervorragende

Künstler z. B. den berühmten Architekten ~Gottfried Semper~

ausgezeichneten Familie.

Ein weiteres Original war der Mathematiker ~Prym~, der aus einer

reichen Fabrikantenfamilie zu Düren stammte. Er hatte zwar Mathematik

studiert, war aber dann in ein Bankgeschäft zu Wien eingetreten,

und von dort durch ~Kappler~ als Ordinarius der Mathematik an das

Polytechnikum zu Zürich berufen worden. Obschon mit Glücksgütern

sehr gesegnet, führte er in Würzburg mit seiner Familie ein ziemlich

einfaches Leben. Mit dem Lehramt nahm er es sehr genau. Die Vorlesungen

waren auf das gewissenhafteste vorbereitet, und es kam nicht selten

vor, daß er säumige Studenten durch seinen Wagen aus der Wohnung

abholen und in die Universität fahren ließ. Als Teilhaber an manchen

industriellen Unternehmungen interessierte er sich für Chemie und hat

mich später auch in Berlin mehrmals besucht.

Ein zweiter Ordinarius für Chemie war in Würzburg nicht vorhanden.

Das Institut für angewandte Chemie wurde von dem außerordentlichen

Professor ~L. Medicus~ geleitet, der nicht allein bei ~Wislicenus~,

sondern schon bei dessen Vorgänger ~A. Strecker~ Assistent gewesen

und deshalb der Hauptträger der chemischen Tradition in Würzburg

war. Große wissenschaftliche Interessen haben ihn niemals geplagt,

aber er war bei den Studenten wegen seiner Jovialität recht beliebt

und in unserem chemischen Kreise wegen seines köstlichen Humors und

seiner freundlichen Lebensauffassung ein gern gesehenes Mitglied.

Auch ich bin mit ihm aufs beste ausgekommen. Nach meinem Weggang ist

er zum Ordinarius befördert worden und vor einigen Jahren auch schon

zu den Vätern gegangen. Am Feldzug 1870 hatte er als bayerischer

Offizier teilgenommen und war bei Orléans verwundet in Gefangenschaft

geraten. Seine Schilderungen über die schlechte Behandlung und

gehässige Verhöhnung von seiten der französischen Bevölkerung

stimmte genau mit dem überein, was man heute über die Behandlung

deutscher Kriegsgefangener in Frankreich hört, obschon der damalige

Krieg so rasch zu Ende ging und die Volksleidenschaft keineswegs so

aufpeitschte, wie der jetzige. Die philologisch-historische Klasse

der philosophischen Fakultät zählte außer dem klassischen Philologen

und Archäologen ~Urlich~ wenig hervorragende Männer. Ganz anders war

es in der medizinischen Fakultät, zu deren Mitgliedern ich vielerlei

Beziehungen hatte. Von Erlangen mit uns übergesiedelt, war ~Wilhelm

Leube~ der Nachfolger des nach Berlin berufenen Professors ~Gerhardt~

in der inneren Klinik des Julius-Hospitals geworden; er verstand es,

die große Tradition dieser Stelle in jeder Beziehung zu wahren. Neben

ihm stand der Chirurg ~Maass~, ein geschickter Operateur, anregender

Lehrer und trefflicher Gesellschafter. Leider ist er in ziemlich frühem

Alter gestorben. Als Senior stand an der Spitze der Fakultät der

Anatom ~Albert Kölliker~, ein geborener Schweizer. Er genoß in seiner

Wissenschaft durch die Fülle wertvoller Untersuchungen großes Ansehen.

Seinem Einfluß war es zuzuschreiben, daß die Anatomie äußerlich das

schönste Institut hatte und in dem Unterricht der Mediziner eine

überragende Rolle spielte. Nebenher war er ein ungewöhnlich schöner

Mann, mit feinem Gesicht, weißem Lockenhaar, klugen dunklen Augen und

einer zarten, fast frauenhaften Hautfarbe. Auf die Chemie muß er früher

einen kleinen Pik gehabt haben; denn es wurde von ihm der Ausspruch

kolportiert, den dümmsten seiner Söhne lasse er Chemiker werden, wozu

die boshaften Würzburger den Zusatz machten, er habe tatsächlich auch

den richtigen ausgesucht.

Mir ist er immer nur mit Freundlichkeit begegnet. Sein Prosektor war

der außerordentliche Professor ~Stöhr~, ein geborener Würzburger, ein

sehr behaglicher und liebenswürdiger Mann, der auch Nachfolger von

~Kölliker~ geworden ist. Durch Originalität zeichnete sich aus der

Polikliniker ~Geigel~, ein Meister in der Abfassung von feinen und

leicht ironischen Gutachten, deren sich die Fakultät stets bediente,

wenn sie unbequeme Zumutungen des Ministeriums in München bekämpfen

wollte. Er war das Haupt einer Musikbande, die aus Würzburger

Professoren oder Bürgern z. B. den beiden Brüdern ~Stöhr~ und dem

Pharmakologen ~Kunkel~ bestand. Während der Herbstferien hauste diese

Gesellschaft zu Ammerland am Starnberger See und gab täglich kleine

Konzerte, wobei das Hornblasen die Hauptrolle spielte.

Als Geburtshelfer fungierte damals noch der einst so berühmte

~Scanzoni~, er starb aber bald und wurde durch ~Hofmeier~ ersetzt.

Ganz besonders muß ich aber erwähnen den Augenarzt ~Julius Michel~,

einen lustigen Pfälzer, der vor meiner Zeit auch in Erlangen gewesen

war und mit dem ich mich recht befreundet habe. Obschon er es mit

seiner ärztlichen Kunst und auch der Wissenschaft sehr ernst nahm, und

sowohl als Arzt wie als Gelehrter einen guten Ruf genoß, so war ihm

das Reißen von losen Witzen ein richtiges Lebensbedürfnis geworden. In

der Gesellschaft bildete er deshalb ein belebendes Element, und wir

haben in dem gastfreien Hause ~Leube~ nicht selten stundenlang seinen

Späßen mit Vergnügen zugehört. Auch in ernsten Augenblicken konnte er

Witze nicht unterdrücken, und seine Vorlesung war in dieser Beziehung

etwas Besonderes. Ich will nur ein Beispiel anführen: Eines Tages hatte

er einen Kandidaten der Medizin namens ~Jerusalem~ zu prüfen. Das

Resultat war ungenügend, und nun verkündete er der Schar der Freunde

des Kandidaten das Resultat mit den Worten: »Israel weine, Jerusalem

ist gefallen.« Boshafte Leute haben allerdings hinterher behauptet, er

hätte den Kandidaten nur durchfallen lassen, um diesen Witz machen zu

können. Er war unverheiratet, führte aber einen trefflich geleiteten

Haushalt und gab kleine Feste, bei denen ausgelassene Fröhlichkeit

herrschte.

Ich hatte einmal mit einem Assistenten zusammen das kleine Unglück,

daß uns ein stark gefärbtes chemisches Präparat beim Platzen

eines Preßsackes ins Gesicht flog und die Augen nicht allein ganz

verschmierte, sondern auch reizte. Wir hatten nichts Eiligeres zu

tun, als die Universitätsklinik aufzusuchen. Freund ~Michel~ hat uns

sofort sorgfältig gesäubert. Als aber die Harmlosigkeit der Sache

festgestellt war, machte es ihm ein besonderes Vergnügen, in dem

Buch der Poliklinik ein ausführliches Protokoll über diesen seltenen

Fall niederzuschreiben, wobei er durch eine ganze Reihe von langen

chemischen Namen seine wissenschaftliche Bedeutung zu illustrieren

wußte. Ich habe später in Berlin, wohin er etwa 10 Jahre nach mir

berufen wurde, seine Hilfe nochmals in Anspruch nehmen müssen,

ebenfalls mit bestem Erfolg. Ich wurde damals von leichtem, aber

anhaltendem Kopfschmerz geplagt, der sich bis zur Übelkeit steigern

konnte, und die Ärzte, die ich frug, stellten ganz besorgte Diagnosen

auf Zirkulationsstörungen und dergl. Da ich aber die Beobachtung

machte, daß der Zustand am schlimmsten war, wenn ich tags zuvor

stundenlang gelesen hatte, so kam ich schließlich auf die Vermutung,

daß das von mir benutzte Augenglas, das ich mir einstmals selbst beim

Optiker ausgesucht und dann länger als 20 Jahre unverändert getragen

hatte, Schuld daran haben könne. Ich ging deshalb zum Freund ~Michel~,

und nachdem er die Augen sowie das Glas untersucht hatte, faßte er sein

Urteil in folgende Worte zusammen: »Die Kopfschmerzen hätten Sie längst

verdient, man sagt doch, Sie seien sonst nicht so dumm.« Er verschrieb

mir dann die richtige Brille, und die Kopfschmerzen, die mich viele

Wochen geplagt hatten, waren wie weggeblasen. Niemals ist bei mir eine

Kur von so glänzendem und raschem Erfolge begleitet gewesen.

Von den Juristen sind mir außer dem schon erwähnten Verwaltungsdirektor

~Risch~ der Pandektist ~Burkhardt~ und der Nationalökonom ~Schanz~

im Gedächtnis geblieben. Auch an einige Theologen erinnere ich mich

gerne. Es waren katholische Herren, aber keineswegs vom Kaliber der

sogen. Hetzkapläne, sondern zum Teil sehr gebildete, feinfühlige und

joviale Herren. Mit dem Senior der Fakultät, den sie den Bischofsmacher

nannten, bin ich öfters auf dem alten Glacis der Stadt, das so hübsche

Spaziergänge bot, zusammengetroffen, und wir haben uns stundenlang in

freiester Weise über Kirche, Staat und Gesellschaft unterhalten. Er

war im Collegium Germanicum in Rom erzogen, hatte ein lesenswertes

Buch über Kirche und Staat geschrieben, und ich habe von ihm vieles

über die Institutionen der katholischen Kirche, besonders über die

praktische Seelsorge gehört, was mich in höchstem Grade interessieren

mußte. Ob dieser Verkehr mir in den katholischen Kreisen trotz meiner

protestantischen Abstammung Vertrauen verschaffte, kann ich nicht

sagen, aber ich erlebte doch eines Tages die Überraschung, daß etwa 25

katholische Theologen als eingeschriebene Hörer meine Vorlesung über

anorganische Chemie besuchten. Auf meine Frage, wie die Herren dazu

kämen, wurde mir die Antwort, der Bischof von Speyer habe es befohlen.

Wahrscheinlich hatte dieser kirchliche Würdenträger den Wunsch, daß der

in seiner Diözese tätige Klerus gewisse chemische Kenntnisse besitze,

um besser mit den Arbeitern der zahlreichen chemischen Fabriken in der

dortigen Gegend sich verständigen zu können. Auch der Religionslehrer

des katholischen Gymnasiums war mein Zuhörer, und er erklärte

mir eines Tages, er könne die Lehren der modernen Chemie in dem

Religionsunterricht vortrefflich verwerten. Ich habe daraus den Schluß

gezogen, daß Naturwissenschaft und Religion keine grundsätzlichen

Gegner zu sein brauchen.

In Würzburg bestehen zwei wissenschaftliche Gesellschaften, an deren

Arbeiten ich mich gerne beteiligt habe. Die ältere und allgemeinere

führte den Namen physikalisch-medizinische Gesellschaft; ihre

Mitglieder waren meistens Professoren und Dozenten. Die jüngere

chemische Gesellschaft war erst von ~J. Wislicenus~ gegründet worden.

Zu ihr gehörten selbstverständlich die Professoren und Assistenten

der beiden chemischen Institute, aber die Mehrzahl der Mitglieder

waren doch ältere Studenten. Auch hier wurden Originalvorträge, jedoch

häufiger große Referate über fremde Arbeiten gegeben und daneben

spielte die Geselligkeit eine Hauptrolle. Den Höhepunkt erreichte diese

bei den alljährlichen Stiftungsfesten, zu denen viel frühere Mitglieder

von auswärts und auch zahlreiche Professoren der philosophischen und

medizinischen Fakultät erschienen. Gewöhnlich gab es dabei außer

witzigen Tischreden und Vorträgen auch ein Festspiel. Mir sind zwei

in Erinnerung geblieben. In dem einen wurde das Doktorexamen eines

Chemikers auf die Bühne gebracht mit sehr komischen und drastischen

Ausfällen gegen die bekannte Prüfungsweise einzelner Professoren, so

daß der Dekan der Fakultät, ein Philologe, unwillig den Saal verließ,

während das übrige Publikum sich köstlich unterhielt. Die zweite

Aufführung war eine Operette »Der Chemikado« mit den Melodien des

Mikado und einem sehr witzigen Text von Dr. ~Reitzenstein~. Die Kostüme

und die Haartrachten hatte das Stadttheater geliehen. Der Mikado war

mein früher erwähnter, lieber Neffe ~Alfred Mauritz~, der damals in

Würzburg Chemie studierte, und von dem ich in späteren Jahren noch viel

Freundschaft erfahren habe. Er trug meinen Laboratoriumsanzug und Hut,

sprach den niederrheinischen Dialekt und trat als einziger Europäer

in der japanischen Gesellschaft um so mehr hervor. Ich besitze eine

Photographie der Schauspieler, deren Anblick mich noch jetzt zum Lachen

bringt.

Die chemische Gesellschaft hat auch nach meiner Zeit ihre Tradition

zu wahren gewußt und von Dr. ~Reitzenstein~ ist noch manches hübsche

Festspiel verfaßt worden. Wegen Zeitmangel habe ich leider an den

Stiftungsfesten von Berlin aus nicht teilnehmen können, aber beim

25-jährigen Jubiläum hielt ich mich für verpflichtet, meine Absage in

gereimte Form zu kleiden, und da es eins der wenigen Gedichte ist, die

ich verfaßt habe, so will ich das Telegramm hier anführen.

~Chemische Gesellschaft Würzburg.~

»Zum fröhlichen Feste

Glückwünsch ich das Beste.

Blüh' immer so weiter

Und bleib auch stets heiter,

Grüß' alle Bekannte

Und chemisch Verwandte

Vom alten Giftmischer

Aemilius Fischer.«

Als Antwort der Gesellschaft traf prompt ein liebenswürdiger Vers von

Dr. ~Reitzenstein~ ein.

Daß in Würzburg Fröhlichkeit und Humor blühten, war kein Wunder.

Die freundliche Stadt mit dem prächtigen Schlosse, dem lieblichen

Flusse, den schönen Glacis-Anlagen und den rebenbekränzten Bergen,

die behagliche unterfränkische Bevölkerung und die alte Tradition des

Krummstabes waren wohl geeignet, die an und für sich schon heitere

Stimmung der akademischen Gesellschaft zu verstärken. Der Verkehr

der Professoren untereinander und auch mit den Studenten war leicht

und gemütlich und nahm nur zeitweise, z. B. bei den Prüfungen eine

ernstere Form an. Trotzdem herrschte unter der Studentenschaft ein

guter Geist; denn es wurde im allgemeinen in Würzburg ziemlich viel

gearbeitet und in dem chemischen Laboratorium konnte man sich über

Mangel an Fleiß nicht beklagen. Der größere Teil der Studentenschaft

bestand aus Norddeutschen. Dasselbe galt von den Professoren, und von

dem Partikularismus, der der bayerischen Regierung öfters bei Berufung

der Professoren vorgeworfen wurde, war in Würzburg nichts zu merken.

Hatte man doch an die Universität der alten Bischofsstadt, die nur eine

katholisch-theologische Fakultät besaß, als Lehrer des Kirchenrechts

einen Protestanten berufen! Eine Einmischung in Berufsgeschäfte ist

allerdings von der ultramontanen Kammermehrheit öfters versucht,

aber vom damaligen Kultusminister Dr. ~Lutz~ meist erfolgreich

zurückgewiesen worden. Auch der Familienverkehr wurde in Würzburg in

anmutiger Form zwischen den verschiedenen Fakultäten gepflegt und im

ersten Winter war die Erlanger Kompagnie, d.h. die Ehepaare ~Leube~ und

~Knorr~ sowie meine Wenigkeit, bei den üblichen Abendessen das Objekt

einer feierlichen Begrüßung. Die Antwort darauf haben wir abwechselnd

gegeben, und diese erste Tischrede ist nicht selten für die akademische

Gesellschaft der kritische Maßstab, den sie an neue Mitglieder anlegt.

Ich mußte bei Kohlrauschs reden und hatte mir einen launigen Toast

überlegt. In ihm spielte zum Schluß die Elektrizität eine Rolle,

indem ich die einzelnen Damen den damals frisch erfundenen Glühlampen

verglich und für die Hausfrau die Bogenlampe reservierte. Nun glaubte

alle Welt, daß ich mich in diesem Bilde wie in einem Spinnetz

verwickeln und höchstens durch einen brutalen Riß wieder befreien

könnte. Aber glücklicherweise fiel mir ein, daß von der Bogenlampe zur

Sonne rhetorisch nur ein kurzer Sprung nötig sei, und damit hatte ich

das poetische Bild gewonnen, um die Hausfrau würdig zu preisen und die

Zustimmung der Tischgesellschaft zu einem Hoch zu gewinnen.

Dauernden Familienverkehr habe ich aber nur bei ~Knorrs~ und ganz

besonders bei dem lieben Ehepaar ~Leube~ gehabt. Die Woche mindestens

einmal sind wir dort zusammengekommen. Gewöhnlich waren ~Michel~ und

noch einige andere Freunde mit dabei, und wir haben bei einfachem

Abendmahl überaus lustige Stunden verlebt. ~Leube~ war ein prächtiger

Gesellschafter, klug, wissenschaftlich gut unterrichtet und mit den

reichen Erfahrungen des erfolgreichen Arztes versehen. Er kannte eine

große Anzahl von Menschen, die seinen ärztlichen Rat in Anspruch

nahmen, hielt schöne Reden und machte allerliebste Gelegenheitsgedichte.

Seine liebe Frau ~Natalie~ fühlte sich mir chemisch verwandt; denn sie

war, wie ich schon früher erwähnte, die Tochter von ~Adolf Strecker~,

der als Professor der Chemie in Würzburg starb. Sie selbst hatte

sich in dem chemischen Institut als 18-jähriges Fräulein mit ihrem

~Wilhelm~ verlobt. Dazu kam, daß ich zufälligerweise bei mehreren

chemischen Arbeiten, z. B. bei den Hydrazinen und dem Coffein der

wissenschaftliche Erbe von ~Strecker~ geworden war. Kurz nach meiner

Verheiratung hat das Ehepaar ~Leube~ mir die Duzfreundschaft angeboten,

und wir stehen noch jetzt, wo ~Leubes~ in Stuttgart ein behagliches

Alter verleben, in freundschaftlichem Briefwechsel. Die älteste

Tochter ~Lilly~ hat den Gynäkologen ~Bumm~, der jetzt ebenfalls an der

Berliner Universität tätig ist, geheiratet. Die drei anderen Töchter

sind die Frauen von Offizieren geworden. ~Leube~ hat mir auch in

Krankheitsfällen wertvolle Dienste geleistet und meinen ältesten Sohn

~Hermann~ in frühester Jugend bei einem schweren Darmkatarrh geradezu

vor dem Tode bewahrt.

Frau ~Leube~ hatte schon in Erlangen die gute Absicht, mir eine Frau zu

verschaffen und glaubte das geeignete Mädchen dafür in Fräulein ~Agnes

Gerlach~ in Erlangen gefunden zu haben. Aber meine Gleichgültigkeit in

Sachen der Liebe und die Überhäufung mit wissenschaftlichen Problemen

waren ihren Plänen nicht günstig gewesen, und schließlich trat noch

als zweites Hindernis meine Erkrankung und die Befürchtung eines

Rückfalles dazwischen. Aber Frauen geben so leicht ihre Lieblingsideen

nicht auf, und so wußte sie das durch Liebreiz ausgezeichnete Fräulein

wiederholt zu Besuchen in Würzburg zu veranlassen. Sie wurde dabei auf

das kräftigste unterstützt von Frau Dr. ~Knorr~, die sich ebenfalls

mit Fräulein ~Gerlach~ angefreundet hatte. Bei einem dieser Besuche

ist es dann auch wirklich zur Verlobung zwischen dem Fräulein und

mir gekommen. Es war am 1. Dezember 1887, wo ich selbst 35 Jahre und

meine Braut 26 Jahre alt war. Die Hochzeit fand statt in Erlangen

am Sonnabend den 22. Februar 1888, kurz vor Karneval, so daß ich 4

Tage Ferien hatte, um mich in den neuen Zustand hineinzugewöhnen. Wir

mußten noch einige Wochen in Würzburg bleiben und haben dann Mitte März

bei Beginn der Osterferien eine vierwöchentliche Reise nach Italien

gemacht. Über diese Dinge will ich aber nicht Näheres berichten, weil

die Schließung des Ehebundes eine zu intime Sache ist. Ich kann nur

sagen, daß meine liebe Frau ein durch körperliche Schönheit, Reinheit

der Seele und Sanftmut ausgezeichnetes Wesen war. Ihre Eltern hatten

sie auf den Händen getragen und dadurch vielleicht zu sehr verwöhnt;

denn die Pflichten der Ehe und die Führung eines großen Haushaltes

haben ihr namentlich in Berlin den ruhigen Lebensgenuß stark verkürzt

und eine gewisse Gleichgültigkeit gegen ihre eigene Wohlfahrt erzeugt,

die bei ihrer letzten Krankheit einen unglückseligen Einfluß ausübte

und vielleicht mit an ihrem Tode schuld gewesen ist. Sie starb

am 12. November 1895 in Berlin an einer Meningitis infolge einer

Mittelohrentzündung, wahrscheinlich weil die rettende Operation wegen

des Widerstandes der Patientin zu spät ausgeführt wurde. In Würzburg

hat sie mir zwei Söhne geschenkt.

Der älteste ~Hermann Otto Lorenz~ wurde geboren am 16. Dezember 1888

und war von Anfang an ein kräftiges gesundes Kind. Dem entsprach auch

seine spätere Entwicklung. Er hat nur eine gefährliche Krankheit mit

zwei Jahren durchgemacht, einen Magen- und Darmkatarrh, da der Hausarzt

törichterweise von vornherein ein Stopfmittel gab und dadurch einen

hartnäckigen, gefährlichen Darmverschluß herbeiführte. Das Kind wäre

sicher gestorben und zwar an Verdurstung, wenn wir ihm nicht auf Rat

von ~Leube~ zuguterletzt per anum eine große Menge Wasser hätten

zuführen können.

Die Geburt des zweiten Knaben, die am 5. Juli 1891 stattfand, war

verfrüht und das Kind infolgedessen schwach. Es hat sich zwar später

ziemlich rasch erholt. Aber als wir nach Berlin übersiedelten, hatte

der jetzt ganz kräftige Knabe unter der schlechten Milch der Großstadt

zu leiden. Er bekam infolgedessen im Juni 93 einen anhaltenden

Darmkatarrh und im Herbst desselben Jahres das Scharlachfieber,

gefolgt von einem sehr häßlichen Bronchialkatarrh. Diese Umstände

haben vielleicht ungünstig auf das Nervensystem des Kindes gewirkt.

Trotzdem entwickelte er sich zu einem großen, starken und geistig

regsamen Jüngling, der mit Leichtigkeit die Schule absolvierte und

mit 18 Jahren die Universität bezog. Ohne sich eine Erholungspause

nach dem Gymnasium zu gönnen, stürzte er sich mit Feuereifer auf das

Studium der Medizin. Alles sprach bei ihm für eine hoffnungsvolle

Zukunft, als der Sommer 1910 eine jähe Schädigung der Gesundheit

brachte. Er hatte hartnäckig auf der Absicht bestanden, in dem Sommer

als Mediziner das vorgeschriebene halbe Jahr mit der Waffe zu dienen

und geriet zu seinem Unglück in ein Infanterieregiment zu Jena. Durch

den forcierten Militärdienst des Sommers ist der noch nicht genug

entwickelte, ungewöhnlich große junge Mann überanstrengt worden. Er

bekam Herzbeschwerden und wurde vom Militär entlassen. Die Krankheit

war an und für sich wohl nicht schlimm, aber sie übte auf das Gemüt

des jungen Mannes einen verderblichen Einfluß aus, denn er sah, wie

es bei jungen Medizinern nicht selten ist, die Krankheit in einem

besonders düstern Bilde. Er setzte zwar seine Studien fort und

bestand im Frühjahr 1912 in Heidelberg mit Auszeichnung die ärztliche

Vorprüfung, studierte dann zwei Semester in Würzburg und kam wegen

militärischer Dinge im Sommer 1913 wieder nach Berlin. Aber hier brach

er nervös zusammen. Seine Arbeitskraft war erschöpft. Er glaubte immer

kränker zu werden, ließ sich im Herbst nach Nauheim, später nach Meran

schicken und verfiel in eine tiefe Melancholie. Weder ich noch die

behandelnden Ärzte haben seinen Zustand richtig erkannt, sonst hätte

man vielleicht der fortschreitenden geistigen Erkrankung vorbeugen

können. So aber kam es im November in Meran zum offenkundigen Ausbruch

der Geisteskrankheit. Durch einen mehrmonatlichen Aufenthalt bei

~Binswanger~ in Jena gelang eine zeitweise Heilung. Er blieb noch den

Sommer als Studierender in Jena. Obschon aus dem Militärverhältnis

entlassen, hatte er sich auf eine Anfrage der Militärmedizinalbehörde

verpflichtet, im Kriegsfalle ärztlichen Hilfsdienst zu leisten.

Dementsprechend wurde er im September 1914 als Unterarzt an ein

Lazarett zu Erfurt kommandiert. Diese Tätigkeit hat ihm anfangs

zugesagt und gutgetan, aber nach 5 Monaten kam er in Streit mit

dem Vorgesetzten und im Anschluß daran erfolgte ein neuer Ausbruch

seiner Krankheit. Er ist dann wiederholt bei ~Binswanger~ gewesen,

ohne aber seine Arbeitskraft wiederzugewinnen. Manchmal schien es,

als sei die Krankheit ganz gehoben, so ruhig und vernünftig wußte

er sich zu geben. Als ich im August 1916 mit ihm einen mehrwöchigen

Aufenthalt in St. Blasien genommen hatte, war ich voller Hoffnung, daß

die Heilung anhalte. Aber plötzlich kam ein Rückfall, schlimmer als

die vorhergehenden. Wir kehrten nach Wannsee zurück, und er ging dann

bald wieder zu seinem Freund Binswanger. Hier verschlimmerte sich der

Zustand, er mußte in eine geschlossene Anstalt aufgenommen werden und

das Bewußtsein, nun aller Wahrscheinlichkeit nach ein verlorener Mensch

zu sein, hat ihn im Zustand tiefer Depression zu dem Entschluß geführt,

freiwillig in den Tod zu gehen. Er ist am 4. November 1916 im Alter von

25 Jahren gestorben und ruht auf dem kleinen Friedhof zu Wannsee. Ein

lieber, guter Sohn, ein talentvoller und strebsamer junger Mann ist mit

ihm dahingegangen.

Mein dritter Sohn ~Alfred Leonhard Joseph~ wurde geboren am 3. Oktober

1894 zu Ambach am Starnberger See. Ich war damals bereits in Berlin und

meine Frau wollte nur für einige Wochen ihre Eltern in Ambach besuchen.

Da sie in hoffnungsvollem Zustand war und schon früher einmal Unglück

gehabt hatte, so hielt ich die Reise für zu gewagt. Aber mit Rücksicht

auf das hohe Alter ihres Vaters ließ sie sich nicht abhalten. Die

Folge war, daß sie sich in Ambach gleich zu Bett legen und 5 Monate

bis zur Geburt des Knaben liegen mußte. Auch dieser kam sehr zart auf

die Welt. Er wurde später ebenfalls ein kräftiger Mann, hatte aber

eine sehr empfindliche Haut und litt von Zeit zu Zeit an nervösen

Kopfschmerzen. In frühester Jugend hatte er im Sommer in Wannsee

zweimal hintereinander einen malariaartigen Zustand durchgemacht, bis

wir unseren Wohnsitz dort auf die Höhe verlegten. Auch er war begabt,

fleißig und ein guter Schüler, verließ mit 18 Jahren das Gymnasium und

wollte wie der älteste Bruder Chemiker werden. Ich riet ihm aber davon

ab wegen der großen Empfindlichkeit seiner Haut und seiner Kopfnerven.

Er studierte deshalb zunächst Physik, verließ diese aber schon nach

zwei Semestern und wurde Mediziner. Während er in Heidelberg studierte,

brach der Krieg aus. Er meldete sich zunächst freiwillig, wurde aber

zurückgestellt. Im Januar 15 trat er bei einem Artillerieregiment in

Berlin ein. Nach erfolgter Ausbildung ging er im September desselben

Jahres ins Feld und fand bei der Munitionskolonne, bei der sein Bruder

~Hermann~ Leutnant war, als Sanitätsgefreiter Verwendung. Hier wurde er

bald zum Unteroffizier befördert. Im Juli 1916 hat er während seines

letzten Urlaubs in Heidelberg die ärztliche Vorprüfung mit Auszeichnung

bestanden. Im August desselben Jahres wurde er mit der Munitionskolonne

nach Rumänien geschickt, und die beiden Brüder haben damals den

Vormarsch in der Dobrudscha mitgemacht. Hier wurde er zum Feldunterarzt

befördert. Während der ältere Bruder nach einer 6-wöchentlichen

Ausbildung in Berlin Gasschutzoffizier wurde und dann als solcher

den Vormarsch der deutschen Armee in Rumänien im Hauptquartier von

Falkenhayn mitmachte, kam ~Alfred~ in verschiedene Spitäler und zuletzt

zu seinem Unglück in ein Seuchenlazarett zu Bukarest, wo die sanitären

Verhältnisse nach seiner eigenen Schilderung recht schlecht waren.

Hier hat er sich an fleckfieberkranken Türken infiziert und ist nach

14-tägiger Krankheit am 29. März 1917 gestorben. Er wurde auf dem

Ehrenfriedhof zu Bukarest beerdigt, und sein Bruder ~Hermann~, der

damals in Focsani stand, konnte ihm mit kurzem Urlaub die letzte Ehre

erweisen. Er war ebenfalls ein sehr lieber, verständiger und begabter

Mensch von vornehmer Gesinnung und sehr geschickt im Verkehr mit dem

Volke. Wahrscheinlich wäre er ein ausgezeichneter Arzt, vielleicht auch

ein erfolgreicher Forscher geworden.

Im Sommer 1888 war der hochbetagte ~Robert Bunsen~ vom Lehramt

zurückgetreten. Die Professur wurde zunächst ~Victor Meyer~ angeboten,

der aber nach einigem Zögern ablehnte und in Göttingen bleiben

wollte. Darauf erhielt ich den Ruf und der betreffende Referent des

badischen Ministeriums kam zur Unterhandlung mit mir nach Würzburg.

Die Bedingungen waren im allgemeinen recht günstig und obschon ich

gerne in Würzburg war, hatte Heidelberg doch für mich und noch mehr

für meine Frau eine gewisse Anziehungskraft. Wir sind deshalb zusammen

im Frühjahr 89 nach Heidelberg gefahren, um uns über alle Einzelheiten

zu unterrichten. Im Hotel trafen wir bereits Exzellenz ~Bunsen~, der

seine Dienstwohnung aufgegeben und einstweilen Quartier im Gasthaus

genommen hatte. Der verehrungswürdige alte Herr empfing uns mit

großer Höflichkeit und suchte uns die Vorzüge der Heidelberger Stelle

möglichst klar zu machen.

Als ich nach der ersten Unterredung meine Frau frug, welchen Eindruck

sie von dem großen Chemiker empfangen hatte, erwiderte sie lachend:

»Erst möchte ich ihn waschen und dann küssen; denn er ist ein gar

lieber Mann.«

Am nächsten Morgen zeigte uns ~Bunsen~ das von ihm erbaute und so

lange benutzte Laboratorium am Wredeplatze. Er war ganz verliebt in

das alte Haus, das allerdings die Weihe einer großen Tradition und

gewaltigen wissenschaftlichen Arbeit trug. Aber die Hilfsmittel waren

doch im Vergleich zur Neuzeit recht bescheiden. Die Ventilation wurde

noch wie in den alten Alchemistenküchen durch einen großen Rauchfang

besorgt und auf meine Frage, ob das genüge, erklärte der alte Herr:

»Wir haben hier die reine Gartenluft.« Im Gegensatz dazu meinte dann

der Assistent, an den ich mich noch vertraulich wandte, daß der Gestank

meist unausstehlich sei.

Als wir zum Schluß auch die Dienstwohnung besichtigen wollten, führte

uns zwar ~Bunsen~ bis zur Eingangstür, zog dann aber einen riesigen

Schlüsselbund hervor und prüfte jeden einzelnen Schlüssel, ob er zum

Schloß passe. Der Versuch fiel negativ aus und das Resultat wurde bei

mehrmaliger Wiederholung nicht besser, so daß ich schließlich den

alten Herrn bitten mußte, seine Bemühungen einzustellen. Hinterher

habe ich erfahren, daß die Operation mit dem Schlüssel eine Komödie

war. ~Bunsen~ wollte uns einfach die Wohnung nicht zeigen, weil er

fürchtete, sie würde meiner Frau ebenso wie Frau ~Meyer~ mißfallen

und einen Grund zur Ablehnung des Rufes bilden. Darin hatte er sich

allerdings geirrt. Nicht die Wohnung, sondern die Maßregeln, die man

zur Erweiterung des Instituts getroffen hatte, und die nach meiner

Ansicht nur eine Flickerei bedeuteten, waren für mich bestimmend, in

Würzburg zu bleiben, nachdem man mir dort einen Neubau des Instituts

in Aussicht gestellt hatte. Inzwischen war bei ~Meyer~ ein gründlicher

Stimmungswechsel eingetreten, er bedauerte außerordentlich, nicht

nach Heidelberg gegangen zu sein und besuchte mich umgehend in

Würzburg, um mich darüber aufzuklären. Wir wurden rasch einig; denn

mir war es lieb, absagen zu können, ohne daß der alte ~Bunsen~ und

die Heidelberger Fakultät sich über mangelnde Schätzung der dortigen

Professur zu beklagen hätten. Mit dem Ministerium zu Karlsruhe wurde

die Angelegenheit telegraphisch erledigt und ~Meyer~ ist dann, wie

bekannt, nach Heidelberg gegangen. Das alte ~Bunsen~'sche Laboratorium

blieb im Betrieb, wurde aber durch einen Neubau für die organische

Abteilung ergänzt. Ich habe mir später das vergrößerte Laboratorium

angesehen und die Überzeugung gewonnen, daß meine ursprüngliche Ansicht

richtig war. Man hätte mit demselben Gelde einen sehr viel größeren und

zweckmäßigeren Neubau 10 Minuten vor der Stadt errichten können.

Die Universitätsverwaltung zu Würzburg und das Kultusministerium zu

München gaben ihren Dank für mein Bleiben sofort zu erkennen; denn

sie beantragten den Neubau des chemischen Instituts, wofür die Stadt

einen prächtigen Bauplatz am Pleichering für die Überlassung des alten

Gebäudes in der Maxstraße zur Verfügung stellte. Außerdem wurde für

mich eine Gehaltszulage von 1000 Mk. in Aussicht gestellt, ohne daß ich

in diesem Punkt eine Forderung gestellt hatte. Aber beide Positionen

bedurften der Genehmigung durch den bayerischen Landtag. Sie wurden

von der ultramontanen Mehrheit in schroffer Weise abgelehnt und die

Gehaltszulage sogar zum zweiten Male, als die Kammer der Reichsräte

die kleine Summe in den Etat wieder eingestellt hatte. Der Grund

dieser schlechten Behandlung ist mir erst einige Jahre später bekannt

geworden. Zum Trost dafür wurde mir zunächst ein bayerischer Orden

verliehen und bald nachher auch die Gehaltszulage gewährt, nachdem die

Mittel dafür durch einen Sterbefall frei geworden waren. Die Forderung

für den Neubau mit 650000 M. mußte allerdings um 2 Jahre, d. h. bis zur

nächsten Haushaltsperiode verschoben werden. Die Sache nahm dann einen

sehr lustigen und für bayerische Verhältnisse so charakteristischen

Verlauf, daß ich sie hier in den Einzelheiten mitteilen will.

Um die von der Regierung betonte Notwendigkeit eines Neubaues

für das chemische Institut an Ort und Stelle zu prüfen, erschien

eine Kommission des Landtages in Würzburg. Sie bestand aus dem

Ministerialbeamten Dr. ~Bumm~, dem Vertreter der ultramontanen

Mehrheit Dr. ~Daller~ und dem Vertreter der liberalen Minderheit Dr.

~Schauß~. Letzterer hatte die Freundlichkeit, mich vor der offiziellen

Besichtigung im Institut aufzusuchen, da er mich von der Münchener Zeit

her persönlich kannte. Er eröffnete die Unterredung mit der Frage: »Wie

kommen Sie als gut katholischer Mann dazu, Ihre Kinder protestantisch

taufen zu lassen?« Auf meine Erklärung, daß ich stets protestantisch

gewesen sei, erwiderte er: »Herrgott, dann ist Ihnen ja vor zwei

Jahren schweres Unrecht geschehen«, wobei er die schlechte Behandlung

von seiten des bayerischen Landtages im Auge hatte. Als ich aber dann

zufügte, daß meine Frau katholisch sei, erklärte er lachend: »Nun, das

ist noch viel schlimmer, dann haben Sie also die Strafe von damals

redlich verdient.«

Bald nachher hatten wir die Ehre, die Kommission zu empfangen. Damit

das in würdiger Weise geschehe, waren nach Verabredung mit den

Assistenten und Studenten Vorbereitungen getroffen, nicht mit Blumen

oder weißgekleideten Jungfrauen, sondern auf viel wirksamere Weise

mit den stärksten Riechstoffen der Chemie. Brom, Schwefelwasserstoff,

Ammoniak, Mercaptan, Skatol, Isonitril, Kakodyl hatten dazu gedient,

die verschiedenen Räume des Instituts mit einer infernalischen

Atmosphäre zu erfüllen, um den Mitgliedern der Kommission die

ungenügende Größe und schlechte Ventilation überzeugend ad nasum zu

demonstrieren. Ich sehe noch die erstaunten Gesichter der Herren, die

sich tapfer durch die Gerüche durcharbeiteten, und als wir schließlich

im Keller angelangt waren, atmete die ganze Gesellschaft auf und

erklärte, daß hier die Luft bei weitem am besten sei.

Meine Aufgabe war es selbstverständlich, Herrn Dr. ~Daller~ für den

Neubau zu gewinnen, und ich bot dafür alle mir zu Gebote stehende

Beredsamkeit auf. Als kluger Mann hielt er sich für verpflichtet, auch

billigere Möglichkeiten, z. B. einen Umbau des alten Instituts, zu

erwägen.

Als ich diesen Gedanken zurückwies, weil das Haus in der Grundlage

verfehlt sei, stellte er die überraschende, aber gewiß nicht

unberechtigte Frage: »Wer garantiert uns denn dafür, daß solche Eselei

nicht wieder passiert?« Ich war selbstbewußt genug, für meine Person

die Eselei entschieden abzulehnen und hatte den Eindruck, daß sowohl

Dr. ~Daller~, wie die beiden anderen Herren von meinen Darlegungen

befriedigt seien. In der Tat wurde mehrere Wochen später die Summe für

den Neubau von dem Landtag ohne jeden Abstrich bewilligt, und ich war

auf diesen scheinbaren Erfolg meiner Bemühungen ziemlich stolz.

Als ich aber ein halb Jahr später ~Adolf von Baeyer~ in München

besuchte und ihm den Verlauf der Verhandlungen über den Neubau des

Würzburger Instituts erzählte, erfuhr ich mit einem gewissen Gefühl

der Enttäuschung, daß der Gesinnungswechsel bei Dr. ~Daller~ nicht

durch meine Beredsamkeit und sonstige Veranstaltungen herbeigeführt

worden wäre, sondern durch den Eingriff eines meiner alten Schüler

aus der Münchener Periode, Dr. ~Brandl~, durch den ich die früher

erwähnte kleine Arbeit über die Bestimmung des Fluors in Silicaten

hatte ausführen lassen. Dieser Herr war mit Dr. ~Daller~ engbefreundet

und hatte ihm ernste Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung gemacht,

die mir von Seiten des bayerischen Landtages zwei Jahre vorher zuteil

geworden war. Das war der Grund, warum Dr. ~Daller~ nunmehr für den

Neubau des Instituts eintrat und die ungekürzte Bewilligung der

Bausumme befürwortete.

Für die Begründung der Forderung an den Landtag hatten der

Universitätsbaumeister ~von Horstig~ und ich einen provisorischen

Bauplan entworfen und erhielten nun von der Regierung in München

plötzlich den überraschenden Auftrag, diesen mit der vom Landtag

bewilligten Summe auszuführen. Ich erklärte darauf kurzweg der

Universitätsverwaltung, daß der Plan durchaus unreif sei und erst durch

ein neues, nach jeder Richtung hin durchdachtes Projekt ersetzt werden

müsse. Aber dazu hatte der Universitätsbaumeister keine rechte Lust,

weil ihm inzwischen auch die Aufgabe zugefallen war, ein neues Haus für

die gesamte Universität zu bauen. Es mußte also für das Institut ein

besonderer Baumeister gesucht werden. Diese Aufgabe fiel wieder mir zu,

und durch fleißige Erkundigungen bei Sachverständigen gelang es mir

auch, einen im bayerischen Staatsdienst stehenden, jungen tüchtigen

Baumeister zu ermitteln. Mit meinem Vorschlag, diesem Herrn unter

günstigen Bedingungen den Institutsbau in Würzburg anzuvertrauen, fand

ich beim Kultusministerium in München größtes Entgegenkommen. Aber

die Bauverwaltung glaubte sich durch mein Vorgehen in ihren Rechten

beeinträchtigt und schlug meine Bitte rundweg ab. Infolgedessen wandte

ich mich im Einverständnis mit der Universitätsverwaltung in Würzburg

an den hervorragenden Architekten Professor ~Hase~ in Hannover, mit

dem ich vorher in einem Briefwechsel über seinen Sohn, der in Würzburg

Chemie studierte, gestanden hatte. Er empfahl uns einen tüchtigen

jungen Baumeister aus dem Kreise seiner Schüler, und es kam mit dem

Herrn ein Vertrag zustande. Als dieser aber zur Genehmigung den

Behörden in München vorgelegt wurde, entstand dort eine große Aufregung

über die Wahl eines preußischen Baumeisters und über das eigenmächtige

Vorgehen von Professor ~Fischer~. Der Vertrag wurde annulliert und

die Münchener Baubehörde sandte, da sie selbst keinen geeigneten

Mann zur Verfügung hatte, einen jungen schwäbischen Baumeister nach

Würzburg, der sich aber hinterher als unfähig erwies. Der ganze Streit

mit der Baubehörde zu München hatte aber das Gute, daß auf ihre

ernsten Vorstellungen hin sich nun der tüchtige Universitätsbaumeister

~von Horstig~ noch bereit erklärte, auch den Neubau des chemischen

Instituts zu übernehmen. Mit ihm zusammen habe ich dann einen neuen

Plan ausgearbeitet, der nach meinem Gefühl gründlich durchdacht war und

sowohl in den Raumverhältnissen, wie in den technischen Einrichtungen

dem Bedürfnis der Universität Würzburg entsprach. Mit kleinen

Abänderungen ist er auch wirklich ausgeführt worden, allerdings erst

nach meinem Weggange von Würzburg, und ich glaube, daß auch heute

noch das Würzburger Institut zu den besteingerichteten Laboratorien

Deutschlands gehört.

Nach alter Gewohnheit habe ich in Würzburg die Ferien regelmäßig zu

kürzeren oder längeren Reisen benutzt. Ostern ging es meistens nach

dem Süden. Die Reise nach Corsica 1886, wo der Skatolgeruch mich

begleitete, ist früher schon erwähnt. Nach 14-tägigem Aufenthalt in

Ajaccio erhielt ich den Besuch von ~W. Königs~ und ~R. von Pechmann~,

die von Nizza kamen und nach einer stürmischen Nacht in ziemlich

erschütterter Verfassung auf der Insel landeten. Einige Tage später

sind wir zusammen auf einem Privatwagen von Ajaccio quer durch die

Insel über Corte nach Bastia gefahren. Es ist eine Strecke von etwa

120 km, und die Fahrt dauerte zwei Tage. Es war für die beiden kleinen

corsischen Pferde eine achtungswerte Leistung; denn die schöne

Straße führte über eine beträchtliche Paßhöhe von mehr als 1000 m.

Eisenbahnverbindungen gab es damals noch nicht auf der Insel.

Wegen der Armut des Landes kamen wir etwas verhungert in Bastia an,

von wo es noch in der gleichen Nacht weiter nach Livorno ging. Hier

sind wir für die kleinen Entbehrungen der sonst genußreichen Landfahrt

entschädigt worden durch ein opulentes Mahl, das ~Pechmann~ zusammen

mit dem Chef de cuisine des Hotels zusammengestellt hatte; denn er war

nicht allein ein guter Chemiker, sondern auch in der Kochkunst wohl

unterrichtet. Ich bin später noch einige Male mit diesem verdienten

Fachgenossen auf Reisen zusammengetroffen. ~Königs~ hat ihm einen

trefflichen Nekrolog gewidmet. Ich kann hier nur bestätigen, daß er

ein sehr angenehmer Reisegesellschafter war, der gerne das Amt des

Reisemarschalls übernahm und dessen Anordnungen man ruhig vertrauen

konnte, wenn man nicht aufs Sparen angewiesen war.

Im nächsten Jahre verbrachte ich die Osterferien zu Bordighera an

der Riviera di Ponente in Gesellschaft von ~Baeyer~ und später bin

ich dort wiederholt mit ~Baeyer~ und einmal auch mit ~Victor Meyer~

zusammengetroffen. Zu unserm Kreise gesellte sich auch der Dichter

~Ludwig Fulda~, der uns bei Tisch mit allerlei Späßen und Schnurren

trefflich unterhielt. Der Tag diente dann regelmäßig für Spaziergänge

und Ausflüge in die prächtige Umgebung, und die Abende verbrachten

wir ebenso regelmäßig in der Bierstube des Hotels mit Glücksspiel,

wobei der höchste Einsatz allerdings auf 2 Soldi normiert war.

~Baeyer~ galt als der Sachverständigste, da er in jungen Jahren einmal

einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in Monaco gehabt und dort mit den

Croupiers der Spielbank verkehrt hatte. Er war deshalb der Bankhalter,

und es machte ihm großen Spaß als solcher an manchen Abenden einen

Gewinn von 4 bis 5 Frs. einzustreichen. Ich bin selbst immer ein Feind

des Spiels gewesen, weil es von meinem Vater als eines der schlimmsten

Laster so oft gerügt worden war. Aber an die Spielabende in Bordighera,

bei denen allerdings die Leidenschaft nicht allzu sehr erregt wurde,

denke ich doch mit Vergnügen zurück.

Für manche Leute ist freilich ein solches Spiel mit dem Spiele ein

gefährliches Ding. So hat unser Freund ~Pechmann~ schwer darunter

gelitten; denn der größere Teil seines Vermögens war der Spielbank zu

Monte Carlo zum Opfer gefallen, und auch in späteren Jahren, wenn er

in die Gegend der Bank kam, bedurfte es sorgfältiger Überwachung durch

seine Freunde, wenn die Reisekasse nicht gefährdet sein sollte. Auch

unter meinen späteren Berliner Kollegen habe ich solche Spielfreunde

kennen gelernt, die im übrigen sehr kluge und vernünftige Leute waren.

Denn die Leidenschaften sind von dem Verstande ziemlich unabhängig.

Selbstverständlich fehlte es auch bei dem Zusammenleben an der

Riviera, besonders auf den Spaziergängen, nicht an wissenschaftlichen

Gesprächen, und es gab wohl kaum ein wichtiges Problem der Chemie, das

wir nicht behandelt hätten.

In besonderer Erinnerung ist mir eine stereochemische Frage geblieben.

Im voraufgegangenen Winter 1890/91 hatte ich mich mit der Aufgabe

beschäftigt, die Konfiguration der Zucker aufzuklären, ohne ganz

zum Ziele zu gelangen. Da kam mir in Bordighera der Gedanke, die

Entscheidung über die Konfiguration der Pentosen durch ihre Beziehungen

zu den Trioxyglutarsäuren zu treffen. Leider konnte ich wegen Mangel

eines Modells nicht feststellen, wieviel solcher Säuren nach der

Theorie möglich seien, und ich legte deshalb die Frage ~Baeyer~ vor.

Er griff solche Dinge mit großer Wärme auf und konstruierte gleich aus

Zahnstochern und Brotkügelchen Kohlenstoffatommodelle. Aber nach langem

Probieren gab auch er die Sache auf, angeblich, weil es ihm zu schwer

wurde. Es ist mir erst später in Würzburg durch lange Betrachtung von

guten Modellen gelungen, die endgültige Lösung zu finden.

Später bin ich mit ~Baeyer~ in den Osterferien wiederholt an den Genfer

See, nach Territet bei Montreux gegangen, wo wir einigemale auch mit

~Carl Graebe~, der damals Professor in Genf war, zusammentrafen.

Bei Sonnenschein war der Aufenthalt am Genfer See außerordentlich

erfrischend und die herrliche Umgebung gab reichlich Gelegenheit

zu schönen Spaziergängen und größeren Ausflügen. ~Graebe~ war ein

belebendes Element in unserem Kreise, und wenn an der langen Tafel

des Grand Hotels sein helles, lautes Lachen ertönte, so wurde die

Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft dadurch geweckt. Durch sein

heiteres Wesen, seine gefälligen Umgangsformen, das kluge Urteil in

wissenschaftlichen und auch rein menschlichen Dingen hat er mir so

gut gefallen, daß ich mich gerne um seine Freundschaft bewarb und mit

ihm wiederholt noch in späteren Jahren während der Herbstferien im

Schwarzwald zusammengetroffen bin.

Mit 65 Jahren verließ er Genf, wo er mehr als ein Vierteljahrhundert

als Professor der Chemie gewirkt hatte, und zog sich nach seiner

Vaterstadt Frankfurt a. M. zurück, wo er jetzt noch hochbetagt,

aber in körperlicher und geistiger Frische weilt. Seine großen

wissenschaftlichen Arbeiten gehören der Geschichte an. Aber auch

jetzt noch ist er schriftstellerisch tätig, und im vergangenen Herbst

erfuhr ich zu meiner großen Freude in Baden-Baden von ihm, daß er eine

Geschichte der organischen Chemie geschrieben habe, welche sicherlich

das gleichartige vortreffliche Buch von ~Ed. v. Hjelt~ in glücklicher

Weise ergänzen wird und von der ich hoffe, daß der Druck durch die

Kriegszeit nicht verhindert wird.

Im Anschluß an einen Aufenthalt in Territet haben ~Baeyer~ und ich 1892

an dem internationalen Kongreß der Chemiker zur Reform der Nomenklatur

der Kohlenstoffverbindungen in Genf teilgenommen. Er unterschied

sich in vorteilhafter Weise von den lärmenden und verwirrenden

internationalen Zusammenkünften wissenschaftlicher oder technischer

Art, die in den letzten 20 Jahren stattfanden und die ich, wenn irgend

möglich, vermieden habe. Der in Genf versammelte bestand aus etwa

60 Personen, die alle im gleichen Hotel untergebracht waren und die

wie eine große Familie mehrere Tage zusammen verlebten. Auch mehrere

Damen, u. a. auch meine eigene Frau nahmen an den bescheidenen, aber

behaglichen, geselligen Veranstaltungen teil.

An der Spitze des Kongresses stand ~Charles Friedel~ aus Paris, ein

geborener Elsässer und ein sehr sympathischer Mann; ich kannte ihn

schon von einem früheren Besuch in Paris. Er begrüßte mich mit der

ruhigen Freundlichkeit, die seinem Wesen eigen war. Wir haben uns lange

unterhalten, weil ich ihm viel von seiner Vaterstadt Straßburg erzählen

konnte, wobei er bis zu Tränen gerührt die Abtrennung seiner Heimat von

Frankreich beklagte.

Auch die meisten anderen europäischen Länder waren vertreten. Eine

Hauptrolle bei den Verhandlungen spielte ~Adolf Baeyer~, der ebenfalls

sich mit Nomenklaturfragen schon vielfach beschäftigt hatte und

durchweg mit seinen Vorschlägen durchdrang. Über die Einzelheiten zu

berichten, habe ich um so weniger Veranlassung, als die Verhandlungen

ziemlich ausführlich in den chemischen Zeitschriften geschildert sind.

Von dem Ergebnis des chemischen Kongresses ist manches geblieben

und wohl dauerndes Eigentum der chemischen Sprache geworden. Aber

die konsequente Durchführung einer rationellen Nomenklatur nach der

chemischen Konstitution hat sich doch als unmöglich erwiesen, da sie

schließlich zu Namen führte, die wegen ihrer Länge unbrauchbar sind.

Auch das, was man vorzugsweise ins Auge gefaßt hatte, die Registrierung

der Kohlenstoffverbindungen mit Hilfe solcher Namen, ist, wie man

weiß, inzwischen abgelöst worden durch die praktische einfachere

Registrierung nach der empirischen Formel, wie sie von ~M. M. Richter~

zuerst angewandt wurde. Aber auch hier wächst die Zahl der unter

gleicher Formel aufgeführten Isomeren mit erschreckender Schnelligkeit,

und schon muß man daran denken, neben der empirischen Formel noch ein

zweites Registrierungsmittel zu finden, um die Aufsuchung der einzelnen

Stoffe zu erleichtern.

Die Tage des Genfer Kongresses werden trotzdem allen Teilnehmern in

bester Erinnerung geblieben sein; denn er war in seinem harmonischen

Verlauf und dem behaglichen Verkehr seiner Mitglieder ein würdiges

Abbild der gemeinsamen Interessen, welche die Vertreter der

Wissenschaft in allen Ländern miteinander verbinden sollte. Nach den

traurigen Erfahrungen des Weltkrieges rufe ich mir diese besseren

Zeiten gerne ins Gedächtnis zurück und hoffe, daß mit der Rückkehr

des Friedens auch die Vernunft und das Gefühl der Solidarität bei den

Gelehrten und ganz besonders bei den Naturforschern zurückkehren wird.

Während der Würzburger Periode bin ich in den Herbstferien meist

nach einem Seebad in Belgien oder Holland und später nach Norderney

gegangen. An einer solchen Badereise nach Scheveningen 1889 nahm auch

meine Frau teil, und wir haben dort mit ~Arthur Dilthey~ und seiner

Frau mehrere vergnügte Wochen zugebracht und hinterher die größeren

holländischen Städte besucht. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch

meiner Frau Euskirchen und Umgebung gezeigt und sie unserer zahlreichen

Familie am Niederrhein vorgestellt. Gewöhnlich aber ging sie in den

Herbstferien mit den Kindern nach Ambach am Starnberger See zu ihren

Eltern.

Zu der Jagd in Euskirchen, der ich früher so viel Erfrischung

verdankte, bin ich seit meiner Erkrankung in Erlangen nicht mehr

gekommen, weil ich mich nicht neuen Erkältungen aussetzen wollte. Statt

dessen habe ich im September wiederholt die Naturforscherversammlung

besucht, während der Würzburger Zeit diejenige zu Berlin 1886 und

Heidelberg 1889. Letztere stand im Zeichen der Physik und Chemie; denn

~Heinrich Hertz~ und ~Victor Meyer~ hielten die beiden Hauptvorträge,

der erste über seine große Entdeckung der elektrischen Wellen und der

andere über allgemeine Probleme der Chemie.

Auch ~H. von Helmholtz~ und ~Werner von Siemens~ kamen in Gesellschaft

von ~Edison~, der gerade den Phonographen erfunden hatte und dieses

merkwürdige Instrument durch einen Gehilfen vorführen ließ. Ferner habe

ich hier den Physiker ~Bolzmann~ aus Wien zuerst sprechen hören. Er

hatte die merkwürdige Gewohnheit, jeden Satz in der höchsten Stimmlage

zu beginnen und im tiefsten Bariton zu beenden. Das war so anstrengend,

daß ihm schon nach einigen Minuten der Schweiß über das Gesicht rann,

und wir Zuhörer hatten trotz der großen Achtung vor dem Redner Mühe,

unsere Heiterkeit zu verbergen.

~Bunsen~ war nicht anwesend. Wahrscheinlich hatte er noch genug von den

Strapazen der 500-jährigen Jubelfeier der Universität Heidelberg, die

einige Jahre zuvor im August 1886 stattgefunden und an der ich auch

teilgenommen hatte.

In Gesellschaft von ~Baeyer~ machte ich damals meinen ersten Besuch

bei ~Bunsen~, der uns sehr freundlich und mit Bergen von Zigarren

empfing, aber in der Unterhaltung wohl wegen seiner Schwerhörigkeit

zurückhaltend war. Wir trafen dort Sir ~Henry Roscoe~, der von England

herübergeeilt war, um seinem alten Lehrer und Freunde ~Bunsen~ die

Repräsentation während dieser Festtage zu erleichtern. ~Roscoe~ war ein

sehr liebenswürdiger Mann, der sich uns jungen Fachgenossen schnell

anzupassen wußte und uns durch die Erzählung von Schnurren aus seiner

Heidelberger Studienzeit oder von seinen Erlebnissen in England viel

Spaß machte. Ich habe ihn noch mehrmals in England selbst wiedergesehen

und er hat mir auch einige sehr freundlich gehaltene Briefe geschickt.

Natürlich fehlte es damals in Heidelberg nicht an den üblichen

Festen auf dem alten Schloß, an einem gewaltigen Kommers, dem der

Großherzog in eigener Person präsidierte, und ähnlichen akademischen

Veranstaltungen.

Die Naturforscherversammlung in Berlin vom Jahre 1886, die erste in

der neuen Reichshauptstadt, war außerordentlich stark besucht. Sie

trug einen anderen Charakter wie in Heidelberg, verlief aber für uns

Chemiker auch sehr interessant; denn die Verhandlungen in unserer

Sektion waren reich an wissenschaftlichem Inhalt und die einheimischen

Mitglieder der chemischen Gesellschaft gaben sich alle Mühe, durch

behaglichen geselligen Verkehr und Veranstaltungen von lustigen Festen,

z. B. einem Bierabend der durstigen chemischen Gesellschaft unter dem

Vorsitz von ~C. Scheibler~, den auswärtigen Fachgenossen den Aufenthalt

in Berlin zu verschönern. Hier habe ich ~A. W. von Hofmann~ von neuem

kennen gelernt und seine große Gewandtheit in geschäftlichen und

repräsentativen Dingen bewundert.

Die chemische Gesellschaft hatte bei dieser Gelegenheit eine

Ausstellung von wissenschaftlichen Präparaten veranstaltet, zu der

ich neben anderen Dingen die frisch bereiteten synthetischen Indole

beisteuerte. Darunter befand sich eine stattliche Menge von ganz

reinem Skatol, und der Entdecker dieses Stoffes, Professor ~Brieger~,

war sehr befriedigt, daß auch mein Präparat den von ihm geschilderten

üblen Geruch besaß; denn ~A. von Baeyer~ hatte einige Zeit vorher

mitgeteilt, daß reines Skatol nicht unangenehm rieche. Er war offenbar

der nicht seltenen Täuschung zum Opfer gefallen, die durch die ganz

verschiedene Wirkung von Riechstoffen in konzentrierter oder verdünnter

Form auf das Geruchsorgan entstehen kann.

Im Anfang des Jahres 1890 konnte ich in den Berichten der chemischen

Gesellschaft die Synthese der Mannose und Lävulose mitteilen. Die

Folge davon war eine Einladung des Vorstandes, einen zusammenfassenden

Vortrag über die Kohlenhydrate in Berlin zu halten. Dieser fand

statt am 23. Juli 1890, und ich konnte, unterstützt von meinem

Mitarbeiter Dr. ~J. Tafel~, die wichtigsten Phasen der Untersuchung

durch Experimente illustrieren. Es war das erste Mal, daß ich in

der chemischen Gesellschaft sprach, und als Dank dafür erntete ich

von Seiten des Vorsitzenden, Herrn ~A. W. von Hofmann~, einige sehr

freundliche Worte der Anerkennung. Hinterher fand dann, wie es Sitte

war und auch geblieben ist, ein in einfachen Formen gehaltenes

Abendessen zu Ehren des Vortragenden statt.

Als ich nach Würzburg zurückkehrte und meine Frau, die neugierig auf

den Verlauf des Vortrages war, mich danach fragte, habe ich mir eine

kleine Neckerei erlaubt und ihr gesagt, die Leute hätten bei den

Hauptstellen der Rede »Au« gerufen. Darauf gewaltige Entrüstung und

Vorwürfe gegen die unhöflichen Preußen, wozu sie sich als Bayerin

völlig berechtigt fühlte; denn auch mich selbst hat sie zuweilen im

Zorn als Preußen tituliert. Ich habe sie allerdings hinterher über den

Scherz aufgeklärt, aber die gute Laune war doch verdorben.

Die erste Synthese der natürlichen Zucker hat mir auch die erste

öffentliche Anerkennung von Seiten des Auslandes eingetragen; denn

ich erhielt bald nachher von der Chemical Society zu London die

Davy-Medaille und wurde von der wissenschaftlichen Gesellschaft zu

Upsala zum korrespondierenden Mitglied gewählt.

Obschon Würzburg nicht an gerade der großen Heerstraße lag, so ist mir

doch mancher liebe Besuch von Fachgenossen dort zuteil geworden; so kam

~Eduard Hjelt~ eines Tages als früherer Studierender der Universität,

später ~Victor Meyer~, dann ~Otto N. Witt~, ~H. W. Perkin~ jun. und

mancher andere. Am meisten überraschte mich ~Ernst Haeckel~ aus Jena,

der früh morgens mit der Reisetasche und in aller Eile erschien, um

sich nach ~Ludwig Knorr~ zu erkundigen. Aus der kurzen, aber sehr

lebhaften Unterhaltung ist mir ein Ausspruch ~Haeckels~ im Gedächtnis

geblieben: »Wenn Ihr Chemiker synthetisch das richtige Eiweiß macht,

dann krabbelt's.« ~Knorr~ erhielt einige Monate später in der Tat einen

Ruf nach Jena und ist im Herbst 1889 dahin übergesiedelt. Es sind

jetzt nahezu 30 Jahre, daß er ein angesehenes Mitglied der Thüringer

Hochschule bildet.

Die sonderbarsten Besuche erhielt ich aus Amerika. Eines Tages erschien

ein Professor der Physiologie, der von einem reichen Mann Geld erhalten

hatte, um eine Universität in Worcester U. S. A. zu gründen. Er hatte

die romantische Idee, ein ganzes Schiff mit europäischen Professoren,

Assistenten, Instrumenten, Präparaten und ähnlichen Dingen zu beladen

und mit diesem Apparat dann seine Universität auszustatten. Die

Unterhaltung mit mir eröffnete er mit der Frage: »Wollen Sie mit mir

als Professor nach Amerika gehen?«, worüber ich so überrascht war,

daß ich das Ganze für einen Scherz hielt, bis er sein ausführliches

Programm entwickelte. Er war übrigens ein gebildeter und weitgereister

Mann, der viel Interessantes zu erzählen wußte.

Bald nachher erschien eine amerikanische Dame, die sich als Miss

~Helene Abott~ und Fachgenossin vorstellte. Zu ihrem besonderen Schutze

hatte sie sich ein zweites weibliches Wesen mitgebracht, das sich

bei näherer Besichtigung als eine Negerin entpuppte. Sie erklärte in

Würzburg wissenschaftlich arbeiten zu wollen und war erstaunt, daß

Frauen noch nicht zu den Vorlesungen zugelassen seien. Ich habe ihr

dann das Laboratorium gezeigt und sie den jüngeren Herren, ~Knorr~,

~Wislicenus~, ~Tafel~ vorgestellt. Sie machte ganz verständige

Bemerkungen und zeigte, daß sie keine schlechten theoretischen

Kenntnisse besaß. Nach ihrem Weggang wurde Kriegsrat gehalten, ob wir

ihr vom Senat der Universität den Zutritt in das Laboratorium erwirken

sollten. Einzelne waren mit Begeisterung dafür, aber die bedächtigen

Elemente konnten die Befürchtung nicht unterdrücken, daß sie in dem bis

dahin so gut harmonierenden Kreise leicht Verwirrung anrichten könne.

Entsprechend dem Majoritätsbeschluß habe ich ihr dann abgeschrieben

und erhielt darauf von ihr eine zwar höfliche, aber ziemlich energisch

gehaltene Antwort, worin sie die Rückständigkeit Deutschlands in bezug

auf das Frauenstudium rügte. Sie ist später die Gattin von ~Arthur

Michael~ geworden, aber sie sind, soweit ich unterrichtet bin, nach

einiger Zeit wieder auseinander gegangen.

Im Frühjahr 1892 mußte ich wegen eines Anfalls von Influenza einige

Tage zu Bett liegen und meine Frau las mir gerade aus den eben

erschienenen Berichten der chemischen Gesellschaft den Nekrolog von

~Peter Gries~ vor, von dem ich selbst den wissenschaftlichen Teil

geschrieben hatte. Aber viel interessanter war der persönliche Teil

von ~A. W. von Hofmann~ verfaßt und mit köstlichem Humor gewürzt.

Wir haben darüber gerade herzlich gelacht, als ein Telegramm von

~Tiemann~ einlief, das den plötzlichen Tod von ~Hofmann~ meldete. Ich

konnte wegen meiner Krankheit nicht zur Beerdigung hingehen, was ich

um so mehr bedauerte, da ich dem Vorstand der chemischen Gesellschaft

angehörte und von ~Hofmann~ bei meinem letzten Besuch in Berlin so

freundlich empfangen worden war.

Mein Gesundheitszustand war damals nicht befriedigend. Wie sich

hinterher herausstellte, war ich das Opfer einer chronischen Vergiftung

durch Phenylhydrazin geworden. Während manche meiner Mitarbeiter und

auch einige Diener sehr empfindlich gegen die Base waren, und darauf

mit nervösen Beschwerden oder mit starken Anschwellungen von Hand

und Arm reagierten, schien ich sehr widerstandsfähig gegen das Gift

zu sein; denn seine schädliche Wirkung hatte sich bis 1891 auf ein

Ekzem der Finger und inneren Handflächen beschränkt. Um so schlimmer

gestaltete sich die chronische Vergiftung, die im Herbst 1891 auftrat

und in sehr lästigen Störungen der Darmtätigkeit, namentlich in

nächtlichen Koliken und Durchfällen sich äußerte. Die Krankheit

erreichte im Winter 1891/92 ihren Höhepunkt und spottete aller normalen

ärztlichen Behandlung. Erst die Anwendung von Prießnitzumschlägen

brachte mir Erleichterung und den lang entbehrten Schlaf zurück. Die

Vergiftung ist zum Teil durch Dämpfe, aber wie ich später feststellen

konnte, noch viel mehr durch die Haut, d. h. von den Händen aus,

zustande gekommen. Ich habe darunter viele Jahre gelitten und

schließlich hat sich eine Idiosynkrasie gegen Phenylhydrazin und

ähnliche Stoffe herausgebildet. Es war die zweite Schädigung, die

von meinem Beruf kam, und ich wäre ihr wahrscheinlich erlegen, wenn

nicht die Ursache erkannt worden wäre und ich dann die Berührung mit

der schädlichen Base möglichst vermieden hätte. Die Vergiftung hatte

natürlich auch recht schlecht auf mein Nervensystem eingewirkt und

der Aufenthalt in der Dienstwohnung des Würzburger Instituts, die

fortwährend mit der Laboratoriumsatmosphäre erfüllt und außerdem

ungewöhnlich heiß war, wurde mir im Sommer 1892 so unangenehm, daß ich

meinen Haushalt in ein gemietetes Landhaus vor der Stadt mit großem

Garten verlegte.

Hier erschien an einem schönen Junitag plötzlich Geheimrat ~Friedrich

Althoff~ vom Kultusministerium in Berlin. In scheinbar ganz naiver

Form erzählte er mir, er habe einen zufälligen Aufenthalt in

Würzburg nur benutzen wollen, unsere Bekanntschaft von der Berliner

Naturforscherversammlung zu erneuern. Er sprach sich sehr erfreut über

die einfache süddeutsche Lebensweise aus, über die Bescheidenheit der

Professoren hierzulande, kam dann auf die Berliner Verhältnisse, das

dortige chemische Institut und die Absicht des Kultusministers, für

die Pflege der Chemie in Preußen möglichst viel zu tun. Es würde

ihn interessieren, auch meine Ansicht darüber zu hören, worauf ich

ihm freimütig erklärte, daß das von ~Hofmann~ erbaute Institut den

Bedürfnissen der Gegenwart keineswegs mehr genüge. Erst zum Schluß

stellte er an mich die Frage, ob ich den nötigen Neubau als Nachfolger

von ~Hofmann~ nicht selbst besorgen wolle. Die Fakultät habe mich neben

~Kékulé~ und ~Baeyer~ vorgeschlagen, aber den Wunsch ausgesprochen,

daß mit Rücksicht auf das hohe Alter der beiden Erstgenannten ich

tatsächlich berufen würde. Über das Angebot, das an und für sich ja

recht ehrenvoll war und auch in so entgegenkommender Form gemacht

wurde, war ich selbst keineswegs erfreut; denn nun stand ich vor der

Notwendigkeit, zwischen Würzburg, wo ich mich so glücklich fühlte, und

Berlin, wovor mir graute, zu entscheiden.

Mein Entschluß wäre rasch gefaßt gewesen und zugunsten von Würzburg

ausgefallen, wenn ich allein gestanden hätte und nur meinem Gefühl

gefolgt wäre. Aber meine Frau war ehrgeiziger und ich mußte ~Althoff~

wenigstens das Versprechen geben, nach Berlin zu kommen, um die

Verhältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Das geschah auch

8 Tage später. Im Ministerium zu Berlin war man in jeder Beziehung

entgegenkommend. Der Minister Exzellenz ~Bosse~ empfing mich wegen

Zeitmangel Sonntags morgens um 8 Uhr, um mir zu versichern, daß er

alles tun würde, meine Bedingungen, insbesondere auch den Neubau des

Instituts zu erfüllen. Auch die Berliner Fachgenossen haben mir stark

zugeredet, den Ruf anzunehmen. Dazu noch keineswegs entschlossen, fuhr

ich nach München, wohin mich der dortige Minister eingeladen hatte.

Ich war erstaunt über die wenig geschickte Art, in der er mich zur

Ablehnung des Berliner Rufes bereden wollte. Zunächst mußte ich 1½

Tage warten, bevor er mich überhaupt empfing und dann behauptete er,

ich wäre durch die Bewilligung des Neubaues in Würzburg verpflichtet,

dort zu bleiben. Ich antwortete ihm, daß der Bau doch nicht mir

persönlich bewilligt sei, wenn das aber zuträfe, so könne man ihn ja

aufgeben, da er noch garnicht begonnen sei. Kurzum ich kam von München

etwas verstimmt nach Würzburg zurück. Inzwischen war dort mein alter

Vater eingetroffen, der von dem Berliner Ruf gehört und sich sofort

aufgemacht hatte, um mir zuzureden, ein so gutes Geschäft nicht

leichtfertigerweise auszuschlagen. Zum zweiten Mal würde mir die Stelle

in Berlin nicht mehr angeboten. Andererseits könne ich ja, wenn es mir

dort nicht gefiele, jederzeit wieder wechseln.

Die Vorzüge Berlins konnte auch ich mir nicht verhehlen. Das rege

wissenschaftliche Leben der Reichshauptstadt und die in Aussicht

gestellten großen Mittel, die Möglichkeit, einen größeren Kreis

von Schülern um mich zu versammeln, hatte in der Tat für einen

Mann in meinem Lebensalter (ich war noch nicht 40 Jahre alt) viel

Verlockendes. So kam ich denn nach 8-tägigem Schwanken zu dem

Entschluß, meine persönliche Neigung beiseite zu setzen und den Ruf

anzunehmen. Ich bin dann zum zweiten Mal und zwar in Begleitung

meiner Frau nach Berlin gefahren, um eine Wohnung zu mieten, da die

Dienstwohnung von Frau ~von Hofmann~ noch bis zum Mai 1893 besetzt

war, und um im Institut eine Reihe von kleinen baulichen Änderungen zu

vereinbaren, die in den Herbstferien getroffen werden sollten.

Nachdem ich nunmehr fest gebunden war, redeten schon einige Kollegen

offener über die Berliner Zustände, und mein alter Lehrer ~Kundt~

überraschte mich mit der Bemerkung: »Na ~Fischer~, Sie werden sich

wundern über den Pack Arbeit, den man hier einem Professor aufladet.«

Als ich darauf etwas erschrocken an ihn die Frage richtete, warum er

mir das nicht vor 14 Tagen gesagt hätte, als ich ihn im Vertrauen auf

die alte Freundschaft um Aufklärung über die Berliner Zustände gebeten

hatte, erwiderte er lachend: »Ja, dann wären Sie nicht gekommen.«

Bei diesem letzten Aufenthalt genoß ich auch die erste Probe von

dem geselligen Verkehr im Berliner Gelehrtenkreise; denn Frau

~von Helmholtz~ hatte Kunde von unserem beabsichtigten Besuch in

Berlin erhalten und telegraphisch meine Frau und mich zu einer

Abendgesellschaft eingeladen. Diese fand statt in der prächtigen

Dienstwohnung der physikalisch-technischen Reichsanstalt zu

Charlottenburg, und wir trafen dort einen interessanten Kreis von

Leuten, darunter auch den alten ~Werner von Siemens~, mit dem ich

mich lange über technisch-elektrochemische Probleme unterhielt,

und der hinterher meine Frau durch besondere Liebenswürdigkeit

auszeichnete. Hier mußte ich meine erste Berliner Tischrede halten

als Antwort auf einige Worte der Begrüßung, die ~Helmholtz~ an meine

Frau und mich richtete. Ausgehend von dem ~Keppler~'schen Gesetz der

Planetenbewegung und ihrem Einfluß auf die Entwicklung der Physik

konnte ich ein astronomisches Abbild der Gesellschaft entwickeln, in

dessen Mittelpunkt Frau ~von Helmholtz~ als Sonne kam. Scheinbar habe

ich dadurch ihre Gunst gewonnen; denn sie ist mir später immer in sehr

freundlicher Weise entgegengekommen.

Bei der Abreise von Berlin war ich in sehr gedrückter Stimmung,

hervorgerufen durch den schlechten Zustand des chemischen Instituts

und durch manche überraschende Auskunft über die Verpflichtungen,

die den Nachfolger von ~Hofmann~ erwarteten. Wenn ich mich nicht

geschämt hätte, mein Wort zu brechen, so würde ich auf dieser Rückfahrt

telegraphisch bei dem Kultusministerium in Berlin meine Zusage

widerrufen haben. Aber dazu war es jetzt zu spät, besonders auch, weil

ich das Gefühl hatte, daß man im Ministerium zu München über meine

Annahme des Berliner Rufes verschnupft war.

Mein Vater war inzwischen von Würzburg wieder abgereist, ganz

befriedigt von dem Erfolge seiner Überredungskunst. Für ihn selbst war

eine Veränderung des Wohnsitzes eine Kleinigkeit; denn er hatte sich ja

gerade zu der Zeit entschlossen, Euskirchen nach 56-jährigem Aufenthalt

zu verlassen und nach Straßburg i. Els. überzusiedeln.

Für mich begann nun eine unbehagliche Zeit, die Vorbereitungen des

Umzuges nach Berlin; denn ein Professor der Chemie wandert nicht nur

mit seiner Gelehrsamkeit und den Büchern, sondern auch mit Präparaten,

Apparaten und Assistenten. Als letztere folgten mir Dr. ~Oscar Piloty~,

der früher erwähnte Däne Dr. ~Fogh~ und Dr. ~Lorenz Ach. Wislicenus~

war inzwischen außerordentlicher Professor geworden und als solcher in

Würzburg gebunden. Auch für ~Julius Tafel~, den ich gerne mitgenommen

hätte, konnte in Berlin keine passende Stellung geschaffen werden.

Dagegen war es mir lieb, den Diener ~J. Wetzel~, der sich später durch

einige zweckmäßige Glasapparate bekannt gemacht hat, als Präparator

nach Berlin verpflanzen zu können. Mit dem Umzug des Haushalts hatte

ich nichts zu tun, weil meine Frau ihn als ihr Recht und ihre Pflicht

in Anspruch nahm.

Der Abschied von der lieben Stadt Würzburg, den Kollegen und Studenten

war herzlich aber kurz. Die beiden Kinder kamen zu den Großeltern an

den Starnberger See und ich selbst zog mit meiner Frau und einer Köchin

in ein kleines, allerliebstes Holzhaus, 10 Minuten von Berchtesgaden am

Untersberg in prächtiger Umgebung gelegen. Hier haben wir wie auf der

Hochzeitsreise ganz für uns gelebt und bei herrlichem Wetter 6 Wochen

zugebracht. Es war die richtige Vorbereitung für die kommende Berliner

Periode. Zwar hatte mir die deutsche chemische Gesellschaft für die

Feier ihres 25-jährigen Bestehens im November d. J. die Gedächtnisrede

auf ~A. W. von Hofmann~ übertragen. Aber es kam mir bald zum

Bewußtsein, daß ~F. Tiemann~ als Freund und Schüler des Verstorbenen

viel mehr für diese Aufgabe berufen und auch gerne bereit sei, sie zu

übernehmen. Nach Vereinbarung mit dem Vorstande der Gesellschaft haben

wir deshalb getauscht, und die Entbindung von der Rede war, offen

gestanden, für mich eine angenehme Erleichterung.

Aus meinem Leben(#75055) · 第 11 / 16 题